Zuldaer W Zeitung
wochenbeilage: Illustrierte SomtagrMmg"
35. Jahrqanq.
Fulda, Samstag den 2. Mai 1908.
30 101.
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ZU den LandLagswahlen.
□ Die Beamte» im Wahlkampfe. In Berlin hat sich soeben ein „Wahlausschuß des deutschen Beamtenbundes" gegründet, der mit einem gro-
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Ausland.
* In der portugiesischen Pairskammer kam der Präsident auf das Attentat vom 1. Februar zu sprechen und würdigte die Verdienste deS Königs Karlos. Eine Kommission von 12 Pairs wurde bestimmt, um dem Könige Manuel und der Königin-Witwe Amalie das Beileid der Pairs zu übermitteln.
Deutsches Reich.
□ Trennung von Kirche und Schule. Das n eu e m e i n i n g i s ch e S ch u l g es e tz hat bekanntlich die Beseitigung der Beziehungen zwischen Kirche und Schule herbeigesührt. Um die Jugend nicht ohne religiösen Unterricht zu lassen, hat die Regierung eine Konferenz von Lehrpersonen und Geistlichen einberufen, die über die „neuzeitliche Ausgestaltung des religiösen Lehrstoffes" beraten will. — Mit der verwässerten weltlichen Moral ist bei der Erziehung der Jugend nichts anzufangen, das haben die Herren offenbar selbst eingeschen. Ob bei diesen Beratungen etwas Gutes herauskommt, bleibt abzuwarten.
>5« Tie Sozialdemokratie und die Hebung der Arbeiterklasse. Die Schürung des Klassenhasses bildet das Lebenselement der Sozialdemokratie. Deshalb hat sie auch das größte Interesse daran, bei ihren Anhängern keine Zufriedenheit mit ihrer wirtschaftlichen Lage aufkommen zu lassen. Tagtäglich liest man in der sozialdemokratischen Presse vom „elenden Los" des Arbeiterstandes, während alle andern Erwerbsklassen ein „Wohlleben" sichren, zu dem das Dasein des Arbeiters als in „schreiendem Gegensatz" stehend geschildert zu werden pflegt. Nach dieser Richtung beansprucht großes Interesse ein Artikel, den der
mehrung der G e t r e i d e e i n f u h r. Es ist zu- Mgeben, daß sich die für den Getreideanbau geeig- new Fläche in Deutschland nicht ober nur toentg vermehren läßt. Aber dte JntenstvrtatderKul. tur steigt: es läßt sich noch mehr aus dem Boden herauswirtschaften, als letzt geschieht. Darüber ließe sich umfassendes Material beibringen. (£8 erscheint aber überflüssig, da das von freihänd- leriscber Seite immer zugegeben worden ist und die Möglichkeit einer weiteren Steigerung gerade von ihnen unter heftigen Ausfällen gegen die Agrarier", die nichts von der Landwirtschaft verständen, mit Vorliebe betont wird. Aeutzer- lich tritt diese Steigerung in die Erscheinung in der Tatsache, daß die Ziffern über die Getreideeinfuhr seit mehr als einem Jahrzehnt, also m einer Zeit, in der Deutschlands Bevölkerung um oa. 10 Millionen Köpfe angewachsen ist, nicht zugenommen hat. Es ist ja schwer, aus den einzelnen, von dem jeweiligen Ausfall der Ernten stark beeinflußten Jahresziffern einen be- stimmten Schluß zu ziehen. Aber die ganze lange Reihe der Einfuhrziffern vom letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts und den letzten, Jahren läßt doch in ihrer Gesamtheit nicht allein die Tendenz einer Steigerung nicht erkennen: von agrarischer Seite wird sogar der Schluß gezogen, daß das gute Resultat des Getreidebaues bei, uns allmählich die Einfuhr von Brotgetreide überflüssig machen werde. Einen derartigen Beweis versuchte noch vor, kurzem ein Artikel, der durch die Kreisblätter ging.
Es ist also ganz und gar falsch und irreführend, wenn Dr. Rohrbach die Auffassung vertritt, wir müßten Weltpolitik treiben, weil wir sonst unser Volk nicht ernähren könnten. Die Ursachen der Weltpolitik liegen auf anderem Gebiete: Die Leichtigkeit des Verkehrs. Die großartige Entwickelung des Schiffahrtsverkehrs hat dem Handel und der Industrie neue Erwerbsquellen eröffnet, die spekulativen Gemütern ersprießlicher erscheinen, als die harte Arbeit bei uns. Daraus haben sich internationale Bezieh- ungen entwickelt, aus denen eine rege Agitation, die sich zugleich auf die Interessen der großen Verkehrsanstalten stützt, ihre Kraft zur Umstimmung weiterer Volkskreise gezogen hat. So sind wir in die Mode der Weltpolitik hineingekommen und können jetzt nicht mehr zurück.
feen Wahlaufruf vor die Beamten hinftitt. Im einzelnen interesiiert der Aufruf kaum. Er enb hält eine durch und durch unrichtige Darstellung bei wirtschaftlichen Verhältnisse der letzten Jahv zehnte und der Gegenwart und kommt dann $1 folgender Abgrenzung dessen, was man mit der, Aufruf zur Gründung von Beamtenwahlvereinest in möglichst vielen Orten will:
.Der Beamtemvahlvereia soll bei den Reichstags-, Landtags- und kommunalen Wahlen in fielet Berlnw düng mit einet Zentralstelle, dem Wahlausschüsse bei Deutschen Beamlenbundes in Berlin, dafür sorgen, daß einmal die verschiedenen Parteien bei Aufstellung ihrer Kandidaten die mittleren und Unterbeamten genügend berücksichtigen, und zum andern, daß die Beamten klar und deutlich erfahren, von welchem Kandidaten fie am meisten für sich zu hoffen haben. Zu diesem Zwecke wird bet Wahlen der Borstand des Beamtenwahl. Vereins an die Kandidaten herantreten und sie über ihre Stellung zu den wichtigsten F o r d e r u n g en der Beamtenschaft zu befragen haben, insbesondere be- züglich folgender Punkte: Allgemeine Erhöhung der Gehälter; Verbesserung bet £>inteibliebenenoer|otgung; Anpassung des Wohnungsgeldzuschusses an bte bestehenden Verhältnisse; Bildung von Beamlenaus- schüffen; Aenberung des Disziplinarverfahrens; Schaf- fung des in bet preußischen Verfassung versprochenen Beamtengesetzes; Rechlsanspruch auf die Alterszulagen.
Wir glauben, baß eine derartige Prüfung an den Kandidaten des Zentrums wirkungslos abvrallen muß. Das Zentrum hat in seiner jahrzehntelangen Tätigkeit sich peinlich an das Ptmzip gehalten, daß ein gerechter Ausgleich aller Interessen zu erfolgen hat. In diesem Sinne hat es sich stets mit Nachdruck der Be- amteninteressen angenommen, sobald das deren Lage gebot. Das Zentrum kann auch darauf verweisen, daß es die erste und einzige Partei ist, die mittleren Beamten ben SB e g zum Parlament geöffnet hat. Bei der Reichstagswahl war es ein mittlerer Postbeamter, für die neuen Landtagswahlen kandidieren als Zenlrumskandidaten mehrere mittlere Gerichtsbeamte. Bei den Beratungen über die Zulage an Beamte hat das Zentrum stets den Maßstab der Gerechtigkeit angelegt und von diesem Gesichtspunkte aus alles getan, was irgend einen Erfolg versprach, um die schädigenden Wirkungen der Blockpolitik von den Beamten abzuwenden. Tas, was derartige Beamtenwahlvereine also von einer politischen Partei erwarten können, das hat das Zentrum stets getan. Eine Er- klarung mit bar verpflichtenden Fest - I e g u n g auf bestimmte Beamtenwünsche aber kann trotz alledem kein Zentrumsabgeordneter abgeben. Das Zentrum ist die Partei der ausgleichenden Gerechtigkeit. Ihre Abgeordneten müssen sich von ihrem über den Wünschen der Interessenten stehenden Urteil leiten lassen und alle mitsprechenden Momente genau abwägen. Das gehl aber nicht, wenn einzelne Abgeordnete an bestimmte Forderungen gebunden sind. Bis- her hat das Zentrum die von den großen Beamtenkorporationen aufgestellten Wünsche zu berieten vermocht. Niemand aber biingt dafür, daß nicht einmal in den Beamtenorginisationcn Leute der strammeren Tonart die Oberhand gewinnen, die den oben mitgeteilten Forderungen des Beamtenbundes einen Inhalt gäben, den wir nicht zu billigen vermögen.
bekannte sozialdemokratische Wirtschaftspolitiker Richard Cal wer in der neuesten Nummer (8) der „Sozialistischen Monatshefte" veröffentlicht. Calwer weist hier in einer sorgfältigen Be- wachung nach, welche Hebung die wirtschaftliche Lage der Arbeiterklasse im letzten Jahrzehnt erfahren hat. Er kommt dabei zu folgendem Resultat:
Der Nomtnallohn (d.t. der Lohn nach seinem zahlenmäßigen Wert) des in berufSgenossenschaftlichen Betrieben beschäftigten BollardeiterS ist feit 1895 um rund 37—88 Prozent, das W a r e n p re i s n r v e au in der nämlichen Zeit um rund 25 Prozent gestiegen. Die Differenz zwffchen beiden Steigerungsziffern gidt die Bewegung deß R e a l l o h n e s (die des wirklichen Wertes des Lohnes) an, der fett 1895 bi8 einschließlich 1906 um zirka 12-13 Prozent oder im Durchschaut jährlich um 1 Prozent zugenommen hat. Rehmen wir das Jahr 1901 als Ausgangspunkt, so ist der Nominalloh« diS 1906 um zirka 22,3, das Waren- preisniveau um 7,2 respektive mit einem Zuschlag für ein stärkeres Ansteigen der Detailpreise um rund 9,5 Prozent gewachsen, so daß die St eigerung des Reallohnes 13,8 oder im Durchschnitt emes Jahres 2,76 Prozent beträgt.
Daraus schließt bann Calwer:
Die großgeiverbliche Arbeiterschaft hat also ihre Ansprüche ans Leden steigern können; ein Resultat, das jeder Sozialist mit großer Genugtuung begrüßen sollte. Denn glaubt man denn im Ernst, daß bte intensive gewerkschaftliche Täiigkeft der Gewerkschaften seit 1895 auf die wirtschaftliche Lage der Arbeiterbevölkerung mcht die geringste Einwirkung ausgeübt haben sollte, glaubt man denn, daß die Tätigkeit der deutschen Ardester- klasse auf wirtschaftlichem Gebiete weiter zu nichts geführt haben sollte, als daß ihre Lage gleich geblieben wäre oder sich gar versch lech,tert hätte? Sie hat sich gebessert, und sie hat sich sogar innerhalb der heutigen Wirtschaftsordnung gebesiert und bessern können.
Unter solchen Umstanden, meint Calwer, sei es die einzig richtige Taftik, sich auf ben Boden der Wirklichkeit zu stellen, ben Arbeitern zu zei- gen, baß ihre Lage sich dank der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands und bank ihrer st ar- ken Organisationen gehoben habe, und ihnen die Mittel und Wege zu weisen, auf denen em weiterer Aufstieg zu erreichen fei. Zu dieser praktischen Wirklichkeitsarbeit passen natürlich recht schlecht die ungünstigen Schilderungen, wel- che die sozialdemokratische Presse von ber Lage des Arbeitsmarktes für gewöhnlich zu geben pflegt, die sie aber nötig hat, um eben das von ihr an die Wand gemalte willkürliche Bild von der Verelendung ber Arbeitermassen begründen zu können.
* Die Gewerbenovelle. Die Reichstagskommission, welche die Gewerb enovelle berät, nahm § 115 an. Derselbe besagt u. a.: Die Gewerbetreibenden sind verpflichtet, die L ö h n e ihrer Ar. beiter in Reichswährung zu berechnen und bar auszuzahlen. Dasselbe gilt bei Lohnvorschüssen. Sie dürfen ben Arbeitern keine Waren kre- bitteren. Wenn ein Arbeiterausschuß besteht, so ist diesem Gelegenheit zu geben, sich über die Festsetzunng der Preise der Werkzeuge ub, Stoffe zu äußern. Wird von einem Gewerbetreibenden dem Arbeiter eine Familienwohnung vermietet, ober als Entlohnung überlassen, so ist die Kündigung nur für den Schluß eines Kalendermonats zulässig. Neu eingeschaltet wurde folgender Absatz: Arbeitslöhne und Gehälter sind, wenn die Kündigungsfrist lltägig ober kürzer ist, spätestens wöchentlich, wenn sie länger _ ist, spätestens monatlich zu zahlen. Die Kommission hat sich bis zum Herbste vertagt.
Drittes
ö Was treibt Deutschland in die weltpolittt hinein?
Dr. Paul Rohrbach, enn SchülckrNau- manns, ber sich durch seine vielfachen Reisenr tn Gebieten kommender Kultur unb pureb fe Tätigkeit für das Reich in Deutsch-subwestaftika einen Namen gemacht hat, hat soeben im Verlag ber Naumannschen „Hilfe" in
Buch „Deutschland unter ben Weltvolkern erscheinen lassen. r . . , . —.
Das Buch ist bas Ergebnis eingehender Stu- dien auf dem Gebiete ber neueren Geschichte. Eine Unsumme von Kenntnissen über Einzel- fragen, besonders auch über Rufeland und seine Beziehungen zu ben Fragen des nahen und fernen Ostens machen das Buch zu einem ber teert- vollsten Materialiensammlungen zur nationalen Politik. .
Man wird somit annehmen müssen, daß das Buch sehr viele Käufer finden wird, die sich von ihm mehr oder weniger beeinflussen lassen. Das darf, wenn man von der weltpolitischen Schwär- merei des Verfassers absieht, bei ben meisten Kapiteln geschehen. Nur die Einleitung, tn ber ber Verfasser nachzuweisen sucht, daß Deutschland durch seine wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in die Weltpolitik btnetnge- trieben werde, bedarf ber Kritik, denn der Verfasser operiert da mit Gründen, die ben Tatsachen ins Gesicht schlagen.
Rohrbachs Gedankengang ist ber: Deutschland muß Weltpolitik treiben, weil es sonst seinen Bevolkerungsüberschuß nicht zu er- nähren vermag. Neu ist diese Behauptung nicht. Die Kolonial- und Flotten-„Patrioten" arbeiten damit seit langer Zeit. Aber richtig braucht sie darum doch nicht zu sein. Und das ist sie auch nicht.
Deutschland hat seit langer Zeit seinen Be- bolkemngsüberschuß gut unterzubringen versucht. Unausgesetzt mehrt sich die Zahl derjenigen Aus- länber, die bei uns Arbeit, hochgelohnte Arbeit finden. Die Landwirtschaft jammert feit Jahren nach Arbeitskräften, und zwar nicht bloß der ostelbische Großgrundbesitz, ber sich vielfach erst durch die Behandlung seiner Arbeiter ben Arbeitermangel schafft, sondern auch der Bauernstand. In Zeiten wirtschaftlicher Hochkonjunktur greife die Großindustrie nicht genug Arbeiter zu nhalten und zieht viele, viele Tausende aus dem lluslande heran. Das deutet nicht darauf hin. )aß wir unseren Bevölkerungsüberfchuß nichts zu ernähren vermöchten, selbst wenn es wahr wäre, daß Deutschlands Bevölkerung sich jährlich um 800,000 Köpfe vermehrt. Und das ist nicht wahr. Augenblicklich sieht es zwar so aus, aber wer die Entwickelung der statistischen Endresultate kennt, weiß, daß man auch die Statistik prüfen muß. Und da stößt man schnell auf die Wahrnehmung, daß der erwähnte Ueberschuß schon seit mehreren Jahren, wenn auch nicht ununterbrochen, ziirückgegangen ist. Deutschland hat heute noch eine starke Bevölkerung, aber keine steige n d e, und ernsthafte Statistiker haben bereits ben Zeitpunkt ausgerechnet, wo die Vermehrung von Deutjchlands Bevölkerung zum Stillstand gekommen sein wird. Dann haben wir keinen Bevölkerungszuwachs mehr, für den wir Brot schaffen müßten. Und wenn wir unserer Arbeiterschaft die Konkurrenz der Ausländer vom Halse zu halten vermochten, bann hätten wir auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten keinen Anlaß, Sorgen um die Volksernährung zu hegen.
Auch die Statistik über den Außenhandel spricht gegen Rohrbach. Wir brauchen feine Ver-
Im Aunksbn.
Roman von Ernesto Selva.
Sind) einer wahren Begebenheit erzählt.
61] (Nachdruck verboten.)
Blitzartig kam ihm der Gedanke, dem Glücke zu entsagen, das er sich fast mit Gewalt errungen, Angiolina — diesen Engel der Reinheit und Unschuld hinzugeben, sie nicht in den Kreis seines dunklen, fliichbeladenen Lebens zu ziehen.
Es war ihm, als stünde er dem Untersuchungsrichter, dem teilnehmenden Freunde des Hauses gegenüber, als müsse er fliehen, soweit ihn feine Fuße tragen mochten, fliehen in die tiefste Einsamkeit, nur um die Stimme seines Gewissens nicht zu hören, welche ihn einen Fälscher, einen Betrüger nannte.
, Aber bann würde das Mädchen, welches er mit io heißer, verzehrender Leidenschaft liebte, ihn bald vergessen haben, und die Braut — die Gattin des glücklichen Nebenbuhlers werden.
Nein — Rafaello sollte Angiolina nicht besitzen, eher wollte er alles erleiden, sich selbst verachten — ja ein Verbrechen begehen.
Tie Zeremonie war beendet und bald daraus $egab sich die kleine Gesellschaft in den Speisesaal.
Oliver, fieberhaft erregt und von dem Wunsche beseelt, fein seltsames Verhaften von vorhin vergessen zu machen, war ungemein lebhaft und gesprächig. Seine Unterhaltung hafte stets etwas Fesselndes. Ein sogenanntes Salongespräch fvar ihm zuwider.
So verging allen ber Tag weit angenehmer, ’,e ö« Mfen gewagt hatten.
Erft als Angiolina sich wieder allein in ihrem Gemache befand und das Geplauder der lustigen Freundin verstummt war, welche im Nebenzim- mer schlief, schnürte ber Gedanke ihr das Herz sntsammen, daß ber morgige Tag der letzte ihrer Freiheit sein werde, daß sie dann für immer dem Mgeliebtep Gatten angehöre.
.Hastig trocknete Angiolina ihre Tränen, bann trat sie entschlossen zu einem Schrank aus Rosenholz, der alle ihre kleinen Kostbarkeiten barg, öffnete ihn und entnahm einem geheimen Fache desselben einn zierliches Etui aus rotem Maroquin. Es enthielt ihr teuerstes Besitztum, den größten liebsten Schatz, welchen sie jahrelang treulich gehütet hatte: das Bildnis Rafaellos.
Lange und voll inniger Zärtlichkeit betrachtete Angiolina das in Pastellfarben künstlerisch ausgeführte Porträt. Rafaello hatte es der Kusine ans Venedig gesandt, ehe er seine Welt- reife antrat. Getreulich gab es die Züge des schönen Jünglings wieder — tote hatte fie sich damals über das Geschenk gefreut und zugleich war es ein bittrer Schmerz für sie gewesen, daß sie das liebe Bild nicht betrachten konnte, sie, das blinde Mädchen.
Aber in ihren wachen Träumen hatte sich An- giclina ben teuren Jugendfreund ganz fo vorgestellt — wie schön, wie edel war dies Antlitz, wie seelenvoll ber Blick des Auges, wie wohlwollend das Lächeln, welches um die vollen Lippen spielte.
O, vielleicht gedachte ihrer in dem gleichen Moment ber ferne Freund in Liebe und Schmerz? — er durste es, denn ihn banden keinerlei Verpflichtungen, keine heiligen Schwüre, Rafaello war frei — doch sie würde morgen schon das Weib eines andern fein!
Frostschauer überrieselten die zarte Gestalt, sie warf noch einen letzten Blick voll unendlicher Zärtlichkeit aus das Bist., bann verschloß sie es tn dem Etui, hüllte dieses in ein weißes Blatt Papier, schlang ein seidenes Band darum und schrieb mit fester Hand die Adresse auf das kleine Paket. Dasselbe war für ihren Vater bestimmt.
Erschöpft durch diese neue Gemütsbewegung suchte Angiolina ihr Lager auf. Sie fühlte sich so sehr müde und doch floh der Schlummer ihren Augen. Als sie endlich am Morgen einschlies, ängstigten sie schwere Träume und sie erwachte, in Schweiß gebadet, als die Sonnenstrahlen schon hA^ins Gemach drangen und Karolina vor ihrem
Bette stand, der Langschläferin in scherzendem Tone eine Strafpredigt haltend.
Der Marchese, Rionero war von einer wahrhaft quecksilbernen Tätigkeit; bald hier, bald dort erschien er, Befehle erteilend, ober mit Frau Gertrude beratend, die heute zum erstenmal seit Jahren ihr weißes Morgenhäubchen schief ausgesetzt hatte.
Es waren auch der Anordnungen genug zu treffen, obgleich so wenig Hochzeitsgäste geloben waren, und man hätte denken sollen, daß alles sich in gemächlicher Ruhe vollziehen könne.
Die Sache hing aber folgendermaßen zusammen. In ber Güte seines Herzens und im Gefühle der Dankbarkeit für die wunderbare Heilung seines blinden Kindes hatte ber Marchese eine namhafte Summe zum Zwecke, arme tugendhafte Bräute auszustatten, bei dem Pfarramte in Sorrent deponiert und am Hochzeitstage seiner Tochter sollten drei Brautleute aus Sorrent, die dieses Geschenk für würdig befunden waren, damit bereidjert werden.
Außerdem war am Abend des festlichen Tages ben Bewohnern von Sorrent, welche den Marchese schätzten und ehrten und lebhaften Anteil an dem Geschick der schonen Angiolina genommen hatten, der Eintritt in den erleuchtetem Park gestattet.
Aber damit begnügte sich der gastfreie Nobile nicht. Auf dem großen Rasenplätze vor ber Terrasse der Villa waren große Tafeln hergerichtei worden. Dort sollten die Diener des Hauses am Abend Wein und verschiedene Erfrischungen den Besuchern verabreichen.
In Sorrent wußte man von dieser freund- licken Fürsorge des gütigen Marchese Rionero, und es war ein wahrer Festzug für die Bewohner, zumal für bte Armen, bte sich doppelt durch die Einladung geehrt fühlten.
. Da war es denn kein Wunder, daß am Hoch- zettsinorgen ein jeder die Hände voll Arbeit hatte, zudem ber Marchese nichts reich und schön genug arrangieren Annie.
In Rücksicht auf Angiolinas angegriffene Nerven sollte die Trauung im Gartensaale statthaben, wo ein Altar errichtet war, den prächtige silberne Vasen mit frischen Blumen schmückten.
Die Stufen dieses Mares, den man tn der Mitte des Saales errichtet hafte, deckte ein Teppich aus kostbarem Gobelin gefertigt, ein altes Erbstück in ber Familie Rionero. Ter Betschemel für das Brautpaar war mit rotem Sami bezogen und mit einer Girlande aus Orangenblüten um- kränzt.
Es war beschlossen gewesen, daß die Verlobten in Begleitung des Marchese und des Grasen Frankoni ber Messe im Dorne zu Sorrent anwohnen sollten. Die Trauung war auf 4 Uhr bestimmt.
Nun fühlte sich aber Angiolina nach ber schlim men Nacht, welche sie gehabt, in so hohem Grad« erschöpft, daß der herbei gerufene Oliver entschieden erklärte, fie müsse einige Stunden vollkommene Ruhe haben und dürfe nicht neuen Gemütserregungen ausgesetzt werden.
Der Marchese, besorgt und tief betrübt, daß die Tochter sich just an ihrem Ehrentage fo leidend fühlte, ließ sich nur schwer durch die Versicherung des Arztes trösten, daß kein Grund zu ernstlicher Besorgnis vorhanden sei.
Angiolina war Oliver dankbar für seine zarte Sorge, nahm auch, gleich einem folgsamen Kinde, die beruhigende Medizin, welche er ihr reichte und versank bald darauf in einen leichten Halb- schlummer, aus dem sie auch etwas gestärkter erwachte, als die übrigen vom Besuche des Gottesdienstes zurückkehrten. ,r ,
Karolina hatte zwar bei ber Freundin bleiben, sie pflegen und ihr Gesellschaft leisten wollen, doch Gertrude und auch der Arzt baten sie, bk Leidende völlig sich selbst zu überlassen; so fügte sie sich und war doppelt erfreut, Angiolina bet ihrer Rückkunft bedeutend Wohler zu finden, nur war sie schr bleich und bte Anfälle des schmerzhaften Kopfwehs, das sie leider oft heim« suchte, wiederholten sich. (Forts. folgt.)