Einzelbild herunterladen
 

MaerW Zeitung

35. Jahrqanq.

Fulda, Freitag den 1. Mai 1908,

M 100.

Monatsbeilage: „Fuldaer Geschichtsblätter"

3.p^.i«Ä"U wochmbellage:„IllustrierteSonntagsjätung"

Lnzei-en: Vie ein« fpaftige petitjeile ober deren Raum 15 Pfg. Reklamendiepetitzeile 25 Pfg., bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Notationrdrncknnd Verlag der Fuldaer Al» tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

Erscheint täglich «ft Ausnahme der Sonn» und Feiertage, viertel­jährliche'Bezugspreis ohne Bringerlohn und BesteügeldinFuldaso» wie auswärts jchv Ml. verantw. Rebaftenr: «arl Schütte;

Iweiies x^Latt

Mr Den W Mai nehmen fortwährend alle Postanstalten, LandbriestrLger, Zeitungsträger und die Expedition (Harmonie) Bestellungen auf die .Fuldaer Leitung" zum Preise von 50 Pfennig (ohne Be­stellgeld und Bringerlohn) entgegen.

x Deutscher protzentum.

Einige 30 französische Studenten besuchen der­zeit Deutschland; es sind junge, halberwachsene Leute; nur einige Professoren sind in ihrer Be­gleitung. Sie machen eine Jnformations- und Studienreise, um deutsche Verhältnisse und insbe­sondere das deutsche Studentenleben näher ken­nen zu lernen. Sie warm in verschiedenen grö­ßeren Städten, am längsten in Berlin. Gegen­wärtig sind sie auf -em Heimwege über Ham­burg.

Die jungen Leute sind überall gastfreundlich ausgenommen worden. Das gehört sich. Gast­freundschaft ist eine Tugend, die namentlich dem Deutschen von Alters her eigen ist. Man kann aber auch zuvieldesGnten tun. Und daS ist hier geschehen. Die meist erst im Anfang der 20er Jahre stehenden Studenten haben sicher kei­nen feierlichen Empfang, feine Diners usw. er­wartet, geschweige denn beansprucht. Aber wie hat man sie gefeiert! Insbesondere in Berlin. Wie Halbgötter sind sie dort behandelt worden. Wenn die französische Regierung eine offizielle Gesandtschaft zum Abschluß eines Freundschafts­bündnisses nach Berlin geschickt haben würde, hätte diese nicht zeremonieller und umständlicher empfangen, gefeiert und bewirtet werden kön­nen, als diese jungen Studenten, die davon sicher selbst am meisten überrascht waren und aus einer Verlegenheit in die andere gefallen fein mögen. Allerdings waren bei diesem Schauspiel mit einem starken Stich ins Lächerliche nicht amt­liche Kreise beteiligt, sondern es hatte sich ein eigenes, aus Studenten und insbesondere aus einer zur Pflege der internationalen Beziehun­gen gebildeten sogenannten deutsch-französischen Gesellschaft bestehendes Komitee gebitoot, das überschwängliche Gefühls- und Freundschafts­äußerungen betätigte. Im Effekt ist das aber feilt wesentlicher Unterschied, denn die Franzo­sen werden die ihnen erwiesenen Aufmerksam­keiten als, eine von den Deutschen bezw. „Prüf- sieus" dargebrachte Huldigung betrachten und — was wir ihnen gar nicht übel nehmen könn­ten — hinterher darüber sich vielleicht mehr oder weniger luftig machen. Natürlich erübrigten die Studenten infolge der ununterbrochenen Festivi­täten keinen Augenblick Zeit, um mit klarem Kopf und der nottoenbigeit Ruhe deutsche Ein­richtungen studieren zu können. Der Hauptzweck der Reise wurde also illusorisch.

, Die Sache ward schließlich so toll, daß selbst em Teil der Berliner Sensationspresse, die auf diesem Gebiete gewiß ein gerütteltes Maß er­tragen kann, es zu arg fand und ihre Stimme dagegen erhob. Ein freisinniges Blatt geißelt mit beißendem Sarkasmus, daß die Studenten wie „bessere Würdenträger"' gefeiert und ihnen

im ersten Luxushotel der Riesenstadt ein Prunk­mahl serviert worden sei, das „auch die ältesten und verwöhntesten Gourmands mit Befriedigung erfüllt hätte." Die Delikatessen der Saison seien ihnen auf Silberplatten und feinstem Porzellan gereicht und an Tafelweinen das Beste kredenzt worden, was ein für die Reichen dieser Erde sorg­sam gepflegter Keller biete; die Gäste im tadel­losen Frack von entsprechend kostümierten Kell­nern bedient. Und da nun die Stadt Ehar- lottenburg noch reicher und daher auch noch protziger ist, als Berlin, verstand es sich von selbst, daß sie es noch „besser" machen mußte: so gab sie in ihrem Ratskeller den Studenten ein feines Diner. Und das alles jungen, noch nicht vollständig reifen Leuten! Da kann man die billigen Bemerkungen verstehen, die das in Rede stehende freisinnige Blatt an seine sarkastische Schilderung der protzenhaften Studentenehrung knüpft: wahre Gastfreundschaft sei eine Kunst, keine Geldfrage; es wirke abkühlend, wenn der pompöse Rahmen nicht mit dem Sinne des Festes im Einklang stehe; nicht darauf komme es an, wieviel, sondern was und wie man gebe; auch die Tugend der Gastfreundschaft höre auf, eine Tugend zu fein, wenn sie auf die Spitze getrieben werde usw.

Wir meinen, etwas mehr Ruhe und Gelassen­heit den französischen Gästen gegenüber hätte man in Berlin getrost bekunden können. Die übertriebene Gastfreundschaft kann leicht in dem Sinne mißdeutet werden, als buhlten wir um Frankreichs Gunst. Deutschland wird zum Ge­spött der Welt, wenn es so viel Aufsehens wegen eines solchen Besuches macht; es erinnert dieses Verhalten nur an die Manierein eines Geld­protzen, der sich nicht mehr zu fassen weiß, wenn einer „von» alten Adel" ihn besucht und feine Raritätensammlung bewundert. Wo bleibt da die „nationale Würde", die unsere Hurrah- und Ueberdeutschen sonst stets auf der Zunge haben? Glaubt man, daß ein solches Wegwerfen der eige­nen Würde den französischen Chauvinisten ir­gend wie Achtung abringen würde? Werden sie nicht vielmehr sich lustig machen über die „plum­pen Prussiens", die wohl zu protzen und zu prah­len verstehen, aber im internationalen Verkehr nicht wissen, was sich schickt, und über die Eitel­keit, die sich mit ihrem „Bischen Französisch, das sich so gut macht", so aufdringlich an den Laden legt?

Auf solche Weise am allerwenigsten wird man herzliche deutsch-französische Beziehungen, die man damit anzustreben vorgibt, herbeiführen.

Ausland.

* lieber ein „Menetekel" für König Peter von Serbien wird aus Belgrad berichtet: Erst nach­träglich wird ein Vorfall bekannt, der sich am Palmsonntag in Anwesenheit König Peters in der Kathedrale zutrug. Der Militärpfarrer Sava Kesitsch bestieg die Kanzel und begann zu allge­meinem Staunen mit einer Bezugnahme auf den Aufstand gegen die Türken unter Milosch Obre« novic und die Auslieferung der Schlüssel der Festung Belgrad an Fürst Michael Obrenovic. Er verurteilte sodann die Heuchler, die diese Er- eignisse zu verkleinern bemüht feien. Dabei nahm er plötzlich eine pathetische Haltung an, wies auf das Grab des Fürften Michael und rief: „Dort liegt ein Herrscher, der ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, Serbim fein Erbe toiebergab und dafür durch Mörderhand fiel. Wehe dem Anstif­ter der lchmachvollen Tat! Wehe dem Verräter!" Die Amrcsenben blickten sich scheu an, nur der König schien durch diese Worte unberührt geblie­ben zu fein. Jener Anstifter war ein Vetter des jetzigen Königs und der Vater des Vertreters

Serbiens in Konstantinopel; er wurde für diese Tat vor 40 Jahren hingerichtet. Der Prediger fuhr in seinem Lobe der Obrenovic fort und for­derte schließlich die Anwesenden auf, mit ihm zu sagen; „Ebre sei ihnen, Ehre." Mit begeistertem Beifall ward der Ruf aufgenommen. „Ehre! Ehre!" ballte es donnernd durch die Wölbungen des Gotteshauses, und die dröhnenden Rufe pflanzten sich fort zu den Passanten auf den Stra­fen. Als der Prediger die Kanzel verließ, um­drängten ihn die anwesenden Geistlichen, beglück­wünschten ihn und versprachen ihm ihre ftnan« zielle Hilfe, sobald die Regierung seine Entlas­sung verfügen würde. Nach ihrer Ansicht hat et das Unheil wieder gut gemacht, das in die ser­bische Kirche einzog, als der Metropolit sich dazu herbeiließ, die Königsmörder zu segnen. Nach­träglich ist bekannt geworden, daß der unerschro­ckene Geistliche den Metropoliten von seiner Ab­sicht verständigt hatte, der sich anfangs ablehnend verhielt, aber seinen Untergebenen schließlich mit den Worten entließ: „Gott segne dich, mein Sohn, allein die Folgen deines Handelns mö­gen dein Haupt allein treffen."

* China und Japan. Der von den Chinesen ein geleitete Boykott japanischer Waren, zieht wei­tere Kreise. Sogar aus Niederländisch-Jndien wird berichtet, daß die dort sehr stark vertretenen chinesischen Händler den Boykott durchzuführen be­müht seien Der Boykott ist bekanntlich eine Folge der Tatsu Maru-Afsäre. Bekanntlich hatte China diesen japanischen Dampfer wegen umfang­reichen Waffenschmuggels gekapert, Japan aber hatte mit seiner überlegenen Kriegsgewalt die Freigabe des Dampfers durchgesetzt. Darauf ant­worteten die Chinesen jetzt mit dem Boykott. Die chinesische Regierung will natürlich mit der Sache nichts zu hm haben. Sie erklärt nach außen hin, es handle sich lediglich um lokale Verärgerungen, an denen die maßgebenden Kreise nicht beteiligt seien.

Vermischtes.

* Zur Hebung der ländlichen Banweise hat der Vorstand der rheinischen Landwirtschaftskammer den Oberpräsidenten gebeten, dem Rheinischen Verein für Heimatpflege und Denkmalschutz an- heimzugeben, kurze volkstümliche Darstellungen mit Abbildungen schöner Bauernhäuser herauszugeben.

* Eine exemplarische Strafe hat die Straf­kammer in Bamberg über einen 18jährigen Gla­serlehrling verhängt, der die größte auf 10 000 Mark geschätzte Schaufensterscheibe der Stadt mut­willigerweise mit einem Glaserdiamanten zer- kratzt hatte. Der Junge erhielt wegen Sachbe­schädigung acht Monate Gefängnis.

*' Explosion eines Hochofenkessels. Auf der Eisenhütte „Phönix" in Bergeborbeck bei Essen explodierte der Kessel eines Hochofens; ein Ar­beiter wurde getötet. Unter den Trümmern lie­gen noch mehrere Arbeiter begraben.

* Weil er nicht vierter Klasse fahren wollte. Aus dem italienischen Konsulat in Algier wurde der Vizekonsul Modica von einem Italiener durch zwei Revolverschüsse schwer verletzt. Ein Kon­sulatsbeamter, der dem Vizekonsul zu Hilfe kom­men wollte, erhielt zwei Schüsse, infolge deren er nach wenigen Minuten verstarb. Der Täter heißt Guilelinetti. Er war mittellos und hatte ans dem Konsulat um Rückbeförderung in seine Heimat nachgesucht. Als man ihm für seine Heimbefövderung nur eine Fahrkarte vierter Klasse bewilligen wollte, packte ihn die Wut, er zog den Revolver und schoß auf den VizekonM. Die Menge wollte den Mörder bei seiner lieber- sührung nach dem Gefängnis lynchen; die Po­lizei hatte alle Mühe, ihn zu schützen.

— Er hat gedient. Ein ulkiger Zwischenfall hat sich in Herzfelde (Kreis Niederbarnim) auf der Kontrollversammlung zugetragen. Ein Ersatzreservist kam zn spät und meldete sich bei dem die Kontrolle abhaltenden Major. Von militärischer Haltung war bei dem Ersatzmann keine Spur. Erstaunt fragt der Major: .Haben Sie gedient?" Antwort: „Ja!" Der Major wiederholl darauf die Frage und erweitert dieselbe mll den Worten: „So, wo denn?" And wort: „Beim Bauern B. in Rehfelde."

Literarisches.

Quentin-Mahlau's Taschenfahrplan für Som- mex 1908 (Verlag von Mahlau u. Waldschrnidt, Frankfurt a. M., große Gallusstraße 3) ist soeben erschienen. Er enthält über 200 Strecken mit allen Anschlüssen und kostet nur 25 Pfennig.

Hermann's Fahrplane sind soeben in der Som­merausgabe erschienen. (Verlag von A. M a h l- st e d t, Bremen.) Der vielseitige Inhalt und die übersichtliche praktische Anordnung der Eisenbahn­strecken mit den wichtigsten Anschlüssen sind allen Reisenden gut bekannt, ebenso auch die klare Eisenbahnkarte. Der Vorzug des bequemen For­mates macht dieses Kursbuch zu einem wirk­lichen Taschenfahrplan.

Die chronischen Herzerkrankungen, ihre Ent­stehung. Diätetik und Behandlung. Von Dr. med. Heinrich Frick, Arzt in Bad Nauheim.

2. vermehrte Auslage. Preis 1 M. Verlag von Otto Salle in Berlin W 30.

Ein Büchlein, das der als Spezialarzt füt Herzkranke in dem weltberühmten Bade Nauheim tätige Verfasser aus seiner Praxis heraus für das Loienpublikum geschrieben hat. Es bringt in kurzer und allgemeinverständlicher Sprache alles, was zu Nutz und Frommen der an Herzkrankheit ten Leidenden dienen kann.

Gottes-ienstordnung in ttaffel.

(Sonntag, 3. Mai.)

Kassel-Alt. a. Pfarrkirche ad St. Elisabeth sFriedrichsplatz 16 : 7 Uhr hl. Messe mit Kommunion,^ ttiach derselben ist keine Beichtgelegenheit mehr möglich), 8 Uhr Militärgotkesdienst (auch für Zivilpersonen), '-,10 Uhr Hochamt mit Predigt, 11 Uhr hl. Messe, V,3 Uhr Andacht und Segen. An allen Wochentagen 7” Uhr Schulmesse. — Gelegenheit zu beichten vor Sonn- und Festtagen von nachmittag? st 5—7 Uhr, abends von */,8 Uhr an nach Bedarf, an diesen selbst von 6 Uhr morgen? an.

b. Pfarrkirche ad St. Familiam (Kölnische Straße 53, in der Nähe des Hauptbahnhofes): 6 Uhr hl. Messe mit Kommunion, 8 Uhr hl. Messe mit Predigt, ’/.lO Uhr und 11 Uhr hl. Messe, 7,8 Uhr abends Andacht. Montag, Dienstag und Mittwoch um 7“ Ur hl. Messe. Donnerstag 7;0 Uhr Amt für die verstorbene Fruu Rechnungsrat Oebike. Gelegenheit zu deichten vor Sonn- und Festtagen nachmittags von st,5—7 Uhr, von ' ,8 Uhr nach Bedarf, an diesen selbst von 6 Uhr morgens an.

Kassel-Rothenditmold. Morgens 8 Uhr Früh« meße, 10 Uhr Hochamt mit Predigt, 2 Uhr Segens- Andacht. Gelegenheit zu beichten: Samstag nach­mittags 5-7 und ’/,8 Uhr, Sonntags stütz 6 Uhr. «Ein Franziskanerpater wird Beichte hören.)

Reklamen« «nd Anzeigenteil.

<lHenneberg-Seide,‘

v. Mit. 140 ab I — zollfrei 1

Muster ae jederme.ee !

Henneberg, alt Seldenfabrlkt., Zürich.

* Ein kenntnisreicher Naturforscher alskenntnisarmerGegnerderNeligion.

Daß es Leute gibt, die als Juristen, Medi­ziner, Historiker, Philologen usw. in jedem Win­kel sich auskennen, dabei aber in Fragen der ein­fachsten Katechismuswahrheiten die reinsten Stümper sind, kann man vielfach erleben. Unter solchen Verhältnissen sollten sie wenigstens nichts reden von Dingen, von denen sie nichts verstehen. Aber trotzdem gibt es darunter Leute, die sich be- rufen fühlen, die Rolle des Herolds, der zum Kampf gegen die Religion ruft, zu spielen. Der

J11.1iOr-$xU Schegs ist für lange Zeit

Hackel verwirklicht. Jetzt läßt sich auch der Schleizer August Forel, als Nervenarzt und Ameljenforscher bekannt und als Verfechter einer 'flau» naturalistischen Moral be—rühmt, zu dem- selben Tun verleiten.

. In einem Vortrag „Leben und Tod" (Miin- chen fc. Reinhardt 1908) unternimmt er es für das moderne Freidenkertum gegen die Rcftaion in die Schranken zu treten.

Forel rühmt sich (S. 6) als Anhänger des ^„Monismus", der besagt, „daß die Begriffe Geist und Materie nicht der Wahrheit entsprechen und Idaß unser menschlicher Geist nur dem ganz beson­ders t-roBai Komplex entspricht, den wir leben- bige Gehirnorganisation nennen."

, In einem solchen System ist natürlich kein Platz für ein Jenseits und für die Unsterblichkeit. Und Forel fühlt nun das Bedürfnis, das Nicht- porhaudensein eines Jensefts auch noch „wissen­schaftlich" „nachzuweisen". Er behauptet:

' „Bis heute hat die menschliche Wiffenschaft nirgends jbie Spuren eines Paradieses, eines Lebens der Ver­storbenen oder eines persönlichen Gottes aufgefunden." K6.6) . ... Ja noch mehr: -Der unendlich gute, all- ,wichtige und lebendige persönliche Gott, den die jlReltflionen uns predigen, müßte, ®fae et echt, un­wirklich in infam« Weife

»a» « unfern Grift entdecken läßt, beständig im

Widerspruch mit seinen angeblichen übernatürlichen Offenbarungen steht, die nun so alt geworden sind, daß sie ganz zum Gebiet der Legenden gehören. Warum ist er denn so schweigsam geworden, d:eser früher so redselige Gott? Im Moment, wo die Wiffenschaft seine Getreuen immer ärger in die Enge treibt, so daß eine klare, unzweideutige Kundgebung seinerseits so dringend notwendig geworden ist, hält er sich mäuschenstill. Und nun glauben sich feine Jünger verpflichret, sich als seine Anwälte aufzuspielen und zu feiner Hilfe zu eilen. Warum denn diese Angst vor Wissenschaft und Unglaube? Das zeugt von recht wenig Vertrauen auf die Allmacht Gottes." (S. 5—6).

Offenbar ist Herr Forel der Meinung, ein be­rühmter Mann genieße vor andern Sterblichen den Vorzug, Unsinn schwätzen zu dürfen. Zunächst: wo ist die Angst vor Wissenschaft und Unglaube? wo ist der beständige Widerspruch zwischen Offen- barnngslehre und Wiffenschaft? Der besteht ledig, lich im Kopf« des Herrn Forel. Mit der Offen- barungslebre steht die Wissenschaft nicht im Widerspruch; vielleicht mit dem, was Herr Forel und seine Freidenker mit ihm dafür halfen! Aber wenn diese Herren so verworrene und kindische Vorstellungen von der Religion und ihren Lehren haben, kann doch die Religion nichts dafür.

Daß die Wissenschaft nirgends eine Spur Got­tes gefunden! Je nun, andere größere Geister als Herr Forel sehen gerade in der die ganze Natur beherrschenden Ordnung und Weisheit die Spur eines Gottes von unendlicher Weisheit! Wenn Herr Forel mit dem Fernrohr den lieben Gott suchen will, wird er freilich vergebens nach wm fahnden. Und Gott foll ertra zu Ehren des Herrn Forel fprechen und mit seiner Allmacht IEn Zweifel niederschlagen? Ach, weich' kin­dische Vorstellung von Gott! Soll vielleicht ein ^*r ein Wunderwerk der Kunst aus- gefuhrt yat, jebem, der seine Existenz bezweifelt, ®!.n*n auf den Kopf werfen? wird er nicht vtelwehr lächeln über die Naivität, welche ange­sichts des Kunstwerks den Künstler nicht sieht? Und waS vollends würde in diesem Fall aus der Frerbert der Menschen? Nein, im Unterschied

vorn 2.ier, das in seinem Instinkt einen Führer bat. soll der Mensch sich frei entscheiden durch feine Vernunfterkenntnis, und für diese hat Gott in seiner Schöpfung weithin sichtbare deutliche Orrentlerungstafeln genug auf gerichtet!

Sorel behauptet von der Hoffnung auf ein zukünftiges Leben, sie mache das Erdenleben ver­ächtlich und lähme dadurch die höheren Anstren­gungen der Menschheit, ihr Schicksal auf diesem Planeten zu verbessern (S. 3). Grundfalsch, weil hier dem Christentum eine Anschauung zugeschrie­ben wird, die es grnndsätzlichst ablehnt! Denn nicht g e g e n die Kulturarbeit ist das Christen­tum gerichtet; nein, cs betrachtet die Worte der Schrift: „Herrschet über die Erde", „beherrschet sie" als den Befehl zur Kulturarbeit, um das Schicksal der Menschheit zu verbessern! Wo mag wohl Herr Forel die Vorstellung her haben, das ^enscits sei eine Belohnung für Faulheit im Erdenleben? Aus christlichen Katechismen sicher­lich nicht.

Indes Herr Forel bat die Erkenntnis, daß die Hoffnung auf ein zukünftiges Leben sehr geeig­net scheint, die Unglücklichen zu trösten. Da er aber ihnen diesen Trost nicht bieten kann, sieht er sich anderweitig nach Trostquellen um.

Er will den T o d als rein natürlichen physio­logischen Vorgang erklären. Leben und Sterben ist „Ausbau und Abbau von Zellen". „Lernen wir", heißt es weiter, (S. 24) „den Tod als einen ewigen Schlaf, als die nach einem arbeits­vollen Leben wohlverdiente Ruhe oetrachten." Gut gebrüllt, Lowe: Wie da der Verbrecher, der Bösewicht, der Lüstling, der SBerfötoenber sich freut! Wohlverdiente Ruhe nach einem arbeits­vollen Leben!

Forel fürchtet felbst daß bei manchem feiner Sefe. Bedenken sich geltend machen und sie die Frage ergeben, wozu denn dann eigentlich das Leden diene, welchen Sinn eS noch habe. Herr Forel weiß Antwort: „Wozu? Was hat es füt einen Sinn, fragen einiaej Das sind müßiae

sowohl als egoistische Fragen, da das Rätsel der Welt unlösbar ist" (S. 25).

Nun, bann ist diese Natur, vor welcher Herr Forel mit feinen Freidenkern anbetend im Staube liegt, das größte Scheusal, das es gibt, weil sie dem Menschen Bewußtsein und Denken gegeben. Was soll der Mensch damit anfangen, wenn er sich dadurch nut der schweren Rätsel und grellen Dis- sonaiizen bewußt wird, wenn er sich damit nur an den Problemen zergrübelt, die ihm aus der Na­tur entgegeoftarren, wie eine Mauer von Lanzen. Dann ist das Tier zu beneiden, das nicht denkt. _ Nein, mit dem Machtspruch „das sind müßige Fragen, da das Rätsel der Welt unlösbar ist" läßt die Menschheit sich nicht abspeiscn. DaS mag eine Ausflucht sein für das Freidenkertum, um sich an einer Antwort auf diese „müßigen" Fragen vorbeizudrücken; aber das Machtwort fin­det nirgends Gehorsam. Denn mag der Mensch tausendmal diese unbequemen Fragen zum Schweigen verurteilen, sie stehen immer wieder in ihrer furchtbaren Größe auf. Ob es wohl für den, der gehenkt werden soll, etwas Tröstliches ist, wenn mar. ihm eine Vorlesung hält über den phy­siologischen Prozeß in seinem Körper, wenn der Strick sich zuzieht? Und wenn der Tod ein Schlaf ist, nur Schlaf ist, warum ersehnt der Mensch die­sen nicht als Sorgenverscheucher und fürchtet sich vor dem Tod?

Nein, wer der Menschheit Trost gegen Leiden, 2.ob und Sterben geben will, ber muß eine an- bete Antwort haben auf bie großen Fragen des Lebens, als bas nichtssagenbe „sie sind unlösbar".

— Der Klaffiker. Ein Engländer, welcher Deut'ch lernte, wollte seinem Lehrer zum Na­men! tage eine Freude machen, weshalb et fol­gend s rührende Gedicht verfaßte:

Wie das Knospen am Rosenstock

Gierig auf frißt Ziegenbock;

So der Mensch der Tod frißt auf Bach sein kurzes Lebenslauf.