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M 100.

Fulda, Freilau den 1. Mai 1908.

35. Jahrqanq.

Erstes Wtcrtt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 30. April 1908.

Der Reichstag nahm zunächst Grüße deS grie­chischen Parlaments engegen aus Anlaß des Ver- weilens des Kaisers auf griechischem Boden und erwiderte die Grüße.

Es folgt die Beratung über die Erhöhung der Subvention an den Nordd. Lloyd um 500 000 dl pro Jahr für die Errichtung einer vierwöchentlichen Verbindung zwischen Neu- Guinea einerseits und Japan und Australien an­dererseits.

Unterstaatssekretär Wermuth begründet die Vorlage. Der bisherige Vertrag habe dem nord­deutschen Lloyd große Opfer auferlegt. Die Vor- läge sei für unsere Schutzgebiete in jener Gegend von größter Bedeutung.

Abg. Graf Kanitz (k.): Der norddeutsche Lloyd befindet sich in so guter Lage, daß er kei­ner besonderen Subvention bedürfe. Eine gute Verbindung mit Neuguinea lasse sich auch auf anderem als dem vorgeschlagenen Wege errei­chen. Redner beantragt Ueberweisung der Vor­lage an die Budgetkommission. (Bravo bei den Konservativen.)

Abg. Erzberger (Ztr.) schließt sich den Aus­führungen des Grafen Kanitz an. Für andere kulturelle Zwecke Gelder zu erhalten, sei sehr schwer. Römer befürchtet, besonders im Jahre 1914, eine Erhöhung der Subventionssumme. Die Mehrleistungen, die herbeigeführt würden, feien gering, die Mehrkosten dagegen außeror­dentlich hoch. Die Subventionierung des Ver­kehrs von Australien nach Japan liege kaum im Interesse Deutschlands. Das Bedürfuisxfür Per­sonenverkehr sei keineswegs groß. Daß auch daS Missionsinteresse vom Regierungsvertreter ins Feld geführt worden fei, stimme ihn bedenklich. Ihn: schein« die Missionstätigkeit als Vorspann benutzt werden zu sollen. Bei der derzeitigen schlechten Finanzlage müsse besodere Vorsicht walten.

Abg. Lattmann (wirtsch. Vgg.): Die finan­ziell« Lage des Lloyd sei glänzend, die des Reichs nicht. Wenn uns nicht weitere Nachweisungen gegeben werden, stimmen wir gegen die Vorlage. (Beifall rechts.)

Abg. Dr Srmmler (ntl.) spricht sich für die Vorlage aus, da sie notwendig sei.

Abg. Noske (Soz.): Es handelt sich eigentlich um eine Vorlage des Reichskolonialamtes, das hier nur die kapitalistischen Interessen der Rhe­der fördern will. Bei dieser Vorlage muß sich die Negierung gesagt haben: der B l o ck s ch lu ck t all« sl Aber die Vorlage ist ein Skandal; sie nützt nur wenigen Leuten, die die Aktiengesell­schaften bilden. Um 800 000 dl Handel zu ha­ben, sollen wir insgesammt 770 00Ö dl Subven­tionen bewilligen; das ist unerhörtl (Beifall links.)

Abg. v. Dirksen (Rp.) tritt für unveränderte Annahme der Vorlage ein und polemisiert gegen den Abg. Erzberger.

i. Abg. Hormann (Frs. Vp.): Die linksliberale F. aktionsgemeinschaft steht der Vorlage sympa­thisch gegenüber und stimmt für sie.

Abg. Erzberger (Ztr.): Rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht! Früher sind die Herren von der Linken stets Gegner der Dampfersub- ventionen gewesen. Heute umgekehrt. Warum richtet Herr v. Dirksen seine Angriffe nicht lie­ber gegen den Grafen Kanitz? Die Mehrkosten stehen in gor keinem Verhältnis zu den Mehr­lasten. Neuguinea müsse selbstverständlich gute

Verbindungen bekommen. Aber nicht zweckmäßig sei die Subventionierung der Verbindung nach Japan. Bei dieser untergeordneten Linie möge man das „nationale Interesse" besser ruhen las- sen. Bedürfnis sei keineswegs derart, eine solche Ausgabe zu rechtfertigen. (Bravo! im Zentrum.)

Abg. Hormann (Frs. Vp.): Die Haltung der linksliberalen Parteien erfolgt aus ihrer verän- derten Stellung zur Kolonialpolitik. Die Maß­nahmen werden die Kolonien in der Südsee nutz, bar machen.

Die Vorlage wird der Budgetkommission überwiesen.

Es folgt die Vorlage betr. Grenzverkehr für ausländifche Automobile.

Reichsschatzsekretär Dr. Sydow empfahl die Vorlage mit dem Hinweis, daß die Regierung mit der Vorlage einer Resolution des Reichsta­ges entspreche.

Die Abgg. Fritzen-Rees, Dr. Streseman» (nl.), v. Oertzen (Rp.) und Prinz Schönaich-Carolnth (nl.) waren für Erledigung ohne Kommissions- Prüfung.

Abg. Severing (Soz.) polemisierte gegen die Automobilsteuer und Ledebour (Soz.) gegen die Automobilbahn im Taunus.

Dann wurde die Vorlage in 1. und 2. Vorlage angenommen.

Es folgt die erste Lesung der Teuerungs­zulagen.

Staatssekretär v. Sydow: Am 10. März mußte ich dem Reichstage die Verschiebung der Besolbungsvorlage auf den Herbst begründen. Um die Beamten nicht schlechter zu stellen als 1907, kündigte ich eins Teuerungszulage an; diese liegt nun vor und verlangt 23% Mill. dl. Sie hält sich genau in denselben Grenzen wie im Vorjahr. Die verbündeten Regierungen haben sich nicht leicht hierzu entschlossen, da die Matri- kularbeiträg« um diese Summe erhöht werden müssen. Die verbündeten Regierungen gehen nicht über die Grenze der Vorlage hinaus; sie befürchten sonst den festen Boden zu verlieren und ins Gleiten zu bringen. (Hört!) Die Be­amten sehen also, daß wir nicht weiter gehen können.

Abg. Beck (ntl.) hofft im Herbste auf die An- nähme der Besoldungsvorlage und stimmt der Vorlage der Teuerungszulage zu.

Abg. Bröscher (k.): Wir müssen den Entwurf entweder unverändert annehmen oder die Sache scheitert. Wir hoffen aber im Herbst bestimmt auf die Vorlegung der Gehaltsvorlage.

Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Die Vorlage hat viele Mängel; der Kreis der mit Zulagen Be­dachten ist zu klein. Es ist sehr bedauerlich, daß man die verheirateten Unteroffiziere und Unter­postmeister nicht einbeziehen will; auch manche höhere Beamte mit niederem Gehalt könnte man bedenken. Unerfreulich ist es auch, daß die Ar- beiter in den Roichsbetrieben unberücksichtigt blieben. (Sehr richtig!) -Hier muß eine Er­höhung der Löhne eintreten. Man muß ferner erwägen, ob man nicht allen mittleren Be­amten die Zulage geben soll. Wie sieht es denn mit der Beamtenaufbesserung über­haupt aus? Die Vorarbeiten müssen fertig sein; also kann man sie veröffentlichen. Die Verantwortung für die Verschiebung der Ge­haltsvorlage trifft nicht allein den Bundesrat, sondern auch die jetzige Mehrheit des Reichstages. Am 2. September 1907 hat der Reichskanzler noch die Aufbesserung für baldmöglichst auge- kündigt, (Hört!) dann kam die Herabsetzung der Zuckersteuer; am 10. März 1908 sagte dann der Reichsschatzsekretär, daß diese Herabsetzung Ver­schiebung im Gefolge gehabt habe. (Hört!) Schrader aber hat in Frankfurt mitgeteilt, daß der Reichskanzler in Norderney ge­beten habe, die Lösung der Finanzlage

zurückzustellen. (Hört!) Im preußischen Abgeordnetenhause aber hat Finanzmrnister von Rheinbaben mitgeteilt, daß gerade der Frei­sinn um die Verschiebung der Vorlage gebeten habe. Wie stimmt nun das aber mit der Mit­teilung Schraders zusammen? (Sehr gut!) Die Besuche in Norderney waren schon im Sommer 1907. Auf alle Fälle geht daraus hervor, daß man gegen uns den Vorwurf nicht weiter er­beben darf, wir seien an der Verzögerung der Veamtenbesoldungsvorlage schuld.

Staatssekretär Sydow: Ueber die Be- soldungsfragen kann ich nichts mit­teilen, weil der Bundesrat noch keine Stel­lung genommen hat. Eine frühzeitige Publika­tion liegt auch nicht im Interesse der Parteien; da eine große Agitation entstehen würde. Vor der Verabschiedung aber muß die Deckungsfrage gcicft werden.

Abg. Singer (Soz.) erklärt sich gegen iede Verkoppelung der Beamtenaufbesserung und fragt an, ob später eine Rückzahlung der Teue­rungszulagen eintreten könne.

Staatssekretär Sydow erwidert, er halle eine Rückzahlung der Teuerungszulagen für ausge­schlossen.

Abg. Kopsch (frs. Vp.) bedauert, daß die Be­amten, die im vorigen Jahre eine Gehaltszulage erhalten hätten, ausgeschlossen sein sollten.

Auf eine Anregung erklärt Staatssekretär Sydow, die Regierungen beabsichtigen neue Ostmarkenzulagen einzubringen.

Nach weiterer Debatte wurde die Vorlage an di« Budgetkommission verwiesen.

Freitag: Münzgesetz, Postscheckgesetz, Versiche­rungsvertrag und Wechselprotest.

□ ReichsschMemilgung.

Wir haben dieser Tage schon ausgefllhrt, daß die nächsten fünf Jahre dem Reich auch ohne neue Bewilligungen eine weitere Milliarde Schulden bringen würden. Bisher sind zwar immer wieder, insbesondere auch von dem ver­storbenen Zentrumsabg. Lieber, nachdrückliche Versuche gemacht worden, feste Grundsätze für die Schuldentilgung zu gewinnen. Diese Versuche haben zeitweilig auch einen kleinen Erfolg ge­habt. Aber das Reich machte immer wieder so viele neue Schulden, daß die lex Lieber erfolglos bleiben mußte.

Neuerdings wird nun die Frage der Schul­dentilgung wieder mit größerer Energie ange- fdmitten. Gestern hat sogar die Budgetkommis­sion des Reichstages darüber umfassende Bera­tungen gepflogen. Zu Grunde lag der Beratung eine Uebersicht über die voraussichtliche Bela­stung der Anleihe für die fünf Jahre 1909 bis 1913, auf Grund der beim außerordentlichen Etat bereits bewilligten Maßnahmen. In der Hauptsache handelt es sich um Ausgaben für Heer und Marine. Es ergibt sich daraus, daß sich der gegenwärtige Schuldenetat von 4 Milliarden in diesem Zeitraum um eine weitere M i l- l i a r d e steigern wird. Staatssekretär Dr. Sydow bemerkte, er sei darüber erschro­cken gewesen und dem gleichen Gefühl sei er auf feiner Rundreise begegnet.

Zu dieser Uebersicht lag nun der schon mitge­teilte Antrag Paasche und Erzberger über die Anleihegrundsätze vor; die beiden An­tragsteller begründeten den Antrag eingehend. Dr. P a ch n i ck e (fr. Vgg.) wünscht feine gesetz­liche Bindung, da der Reichstag sonst in eine Zwangsjacke komme. Müller-Fulda steht dem Antrag« sympathisch gegenüber; die stärkste Tilgung sei angezeigt, weil das meiste von dem, was durch Schulden angeschafft wurde, gar nicht mehr vorhanden sei. Schatzsekretär Sydow be­

grüßte die Tendenz des Antrages; nur glaubt er, daß er nicht ausreiche; er wolle im Sinne diese- Antrages arbeiten. Singer (Sz.) hält den An­trag nicht für genügend; er werde keinen prak­tischen Wert haben, da das Reich immer neue Schulden mache. Frhr. v. Richthofen (kons.) hat Bedenken gegen den Antrag, da er der Reichsfinanzreform vorgreife. Dr. Semler (nl.) tritt für den Antrag ein, ebenso Gröber (Ztr.), der erklärte, die gegenwärtige Finanzwirt­schaft belaste zu sehr die Zukunft; die Gegenwart müsse ihre Bedürfnisse selbst aufbringen. Der Antrag sei wertvoll und gebe gute Grundlagen.

Der Antrag Paasche-Erzberger wurde ichließlich mit allen gegen eine Stimme ange­nommen. Naturgemäß ist die Tilgung der Schulden nur möglich, wenn die Mittel dafür im Ordinarium vorhanden sind; die Tilgungsbes- träge bedeuten dann aber eine erhebliche Ver­stärkung der steuerlichen Anforderungen an di« Finanzreform. Bei der vorgeschlagenen Tilgung der Schulden im Betrage von 4 Milliarden mit 1 v. H. jährlich sind 10 0 Jahre $ur Tilgung nötig. Wir werden es also nicht mehr erleben, daß das Deutsche Reich schuldenfrei sein wird.

Auch unsere Enkel nicht. Denn dazu Ware Voraussetzung, daß feine neuen Schulden ge­macht werden. Dazu aber wird Deutschland im Zeitalter der Weltpolitif nicht fommen.

Deutsches Reich.

* Die Reichsbank-Enquetenkommission tritt heute im Reichstagsgebäude zusammen. Es ge­hören ihr 23 Mitglieder an, davon neun Reichs­lagsabgeordnete, unter ihnen der Abg. Müller- Fulda.' ES sollen etwa 180 Sachverständige ver­nommen werden, wofür drei Monate vorgesehen sind. Ilm diese Vernehmung in etwa abzukürzen, wird die Kommission Subkommissionen bilden.

* DaS deutsch-französische Kamerun-Kongo- Grenzabkornmen wird vom amtlichen deutschen Kolomalblalt unter Beifügung einer Karte ver­öffentlicht. lieber die Arbeiten der Delegierte« auf der im deutschen Kolonialamt abgehaltenen Kamerun-Konferenz bringt das Kolonialblatt wesentliche Erläuterungen die zu folgendem Schluß gelangen. Betrachtet man bas Ergebnis der Kameruner Grenzverhandlungen als Ganzes, so wird man zu der üeberzeugung gelangen, daß von beiden Regierungen Opfer gebracht sind und Opfer gebracht werden mußten, um zum vorliegenden Resultate zu gelangen. An der Südgrenze sind, soweit als möglich, natürliche Grenzen gewonnen. Deutschland hat hier am linken Dscha-User eine von Hamburger Jntereffen- ten gewünschte Grenze an einer fahrbaren Wasserstraße des Kongobeckens erworben, die nach dieser Richtung einen Anschluß an den Weltverkehr sichert. Am rechten Ssanga-Nser ist der deutsche Besitzstand von 30 Kilometer auf 150 Kilometer Userlänge gestiegen. Wollte Deutschland im Südosten Kamerun- uneinge­schränkten Zutritt zu den Wasserstraßen des Dfcha und Ssanga erlangen und dort gegen die Wünsche der französischen Konzessionsgesellschaften, die jede etwaige Stärkung der deutschen Konkurrenz an dieser Stelle perhorreszieren, festen Fuß faffen, so konnte dies nur mit Hilfe von Kompensationen für das Kundegeza-Gebiet geschehen.

* Frankreich und Deutschland bemühen sich, in ein besseres Verhältnis zu kommen. Bereits haben sich in beiden Ländern Annäherungskomi­tees gebildet. Von diesem Gesichtspunkte au-

Im Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Rach einer wahren Begebenheit erzählt.

60j (Nachdruck verboten.)

„Um der Heiligen willen, schweige, Karoline!" .'bat die erglühende Angiolina.

„Weißt Du, was ich in Deiner Lage jetzt tun würde?"

„Nun?"

„Ich würde Liuston kurz und runb erklären, daß er mir unausstehlich sei."

„Aber Karolina!"

..^Tie Kleine lachte, schwenkte sich auf dem zier- lieben Absatz herum und meinte dann altklug'

„Den möchte ich sehen, der mich zur Verbin- düng nut einem ungeliebten Mann zwingen könnte. Noch am Traualtar würde ich „nein" lagen."

Angiolina lächelte trübe, dann erwiderte sie- „Man sieht, daß Du, glückliches Mädchen, noch kein hartes Geschick gekannt hast, sonst würdest ß)u anders sprechen. Aber wer, wie ich, so lange Jahre im Grabesdunkel gelebt — besser gesagt, ein Scheindasein geführt hat, wer wie ich, end­lich erlöst ward und daS Licht schauen konnte, erkennt die Schuld der Dankbarkeit als heilig an. Ich sah und sehe noch in Liuston meinen Retter, ■meinen Erlöser auS den Schrecken ewiger Fin- sternis. Feierlich gelobte ich ihm in jenem ent- scheidenden Augenblick vor der Operatwn, die Seine werden zu wollen, wenn sein Werk gelange, und ich werde mein Wort halten, sollte mein Herz auch darüber brechen." .

Karolina schwieg, doch sie war nicht über­zeugt, denn nach einer Pause sagte sie: ■ „Dein Pflichtgefühl bewundere ich und Deinen 'Mut der Selbstopferung, aber Angiolina, auch das Herz hat seine Rechte und wehe Dir, wenn M nicht dieselben geltend macht! Was wird Dich

trösten in den einsamen Stunden, den ewig lan­gen Tagen und Jahren eines liebeleeren Le­bens?"

„Das Bewußtsein, meine Pflicht erfüllt, mei­nen Schwur gehalten zu haben!"

Angiolina hatte sich gleichfalls erhoben und die letzten Worte mit solcher Festigkeit, in so feierli­chem Tone gesprochen, daß Karolina sich tief da­von erschüttert fühlte. Die Freundin erschien dem verwöhnten Weltkinde, das nie gelernt hatte, einen Wunsch sich zu versagen, wie ein höheres Wesen.

Stumm umarmten sich die jungen Mädchen, die so verschieden von einander waren und sich, vielleicht eben darum so herzlich liebten.

Mit richtigem Takt brachte Karolina das Ge­spräch auf ein anderes Thema Mud begann von ihrer Reise zu erzählen. Das Brautgemach hatte sie nicht mehr zu sehen begehrt. . .

Währenddessen war die Unterhaltung der drei Herren im Rauchzimmer nicht sehr lebhaft gewe­sen, da ein jeder seinen eigenen Gedanken nach­hing, die ihn ausschließlich beschäftigten.

Graf Franconi war peinlich überrascht gewe­sen durch die große Veränderung, welche mit dem englischen Arzte vorgegangen war, dem er aufrichtig wohlwollte.

„In der Tat hatte sich Oliver sehr zu seinem Nachteile verändert, freilich erst nach dem Er­scheinen Rafaellos in Sorrent.

Die Nächte, die er schlaflos verbrachte, die Seelenkämpfe und leidenschaftlichen Ausbrüche hatten bemerkbare Spuren in seinem Antlitze, in 0Qnäctl Haltung hinterlassen.

Der Sonnenschein der Liebe und des Glückes, der dur unschönen Züge des jungen Arztes noch /'‘Onaten verklärte, hatte sich hinter düsteren Wolken ^verloren, die ihre Schatten auf die ge­furchte -Stirn Linstons zurückwarfen.

Seine Augen hatten wieder den finsteren feindseligen Ausdruck eines Menschern, der ge­neigt ist, an allem au zweifeln. Verdacht beat u»d

mit selbstquälerischem Behagen sich in schmerz­lichen Grübeleien verliert.

Mehr als einmal stockte das Gespräch, denn auch der Marchese war schon ungeduldig, er er­wartete nämlich den Besuch des Pfarrers von Sorrent, der wie damals üblich, die Zeremonie des feierlichen Verspruchs der Verlobten vorneh­men sollte.

Endlich erschien der Pfarrer und gleich darauf sandte der Marchese zu seiner Tochter, um sie in den Gartensaal entbieten zu lassen, wo alle Vorbereitungen zu der Feier bereits getroffen waren.

Angiolina. auf den Arm der Freundin gestützt, erschien bleich aber gefaßt.

Die durchdringenden Blicke des Verlobten schienen in der Seele lesen zu wollen.

Voll ruhiger Würde, aber freundlich, reichte sie ihm die Hand.

Der Priester im geistlichen Ornate erwartete sie bereits. Beide traten vor ihn hin und hör­ten gesenkten Blickes seine, dem Zwecke entspre­chende Ansprache über die Pflichten, welche sie in ihrem neuen Stande zu übernehmen hätten, an.

Nach dieser Rede schickte sich der Pfarrer an, die üblichen Fragen zu stellen und sagte, sich an den Bräutigam wendend:

„Herr Doktor Oliver Linston, ist die Religion, zu welcher Sie sich bekennen, die römisch-katho­lische?"

„Ja."

„Sind Sie Engländer?"

„Ich bin aus London."

„Wollen Sie mir die Namen Ihrer Eltern nennen?"

, ruckte zusammen. Er war auf ein sol- ches Verhör nicht gefaßt gewesen, deshalb berührte es ihn so peinlich. Dem arglosen Pfarrer hatte er ja leicht die ersten besten Vornamen nennen »öNktrn, aber Oie aufälliae Erinneruna an den

Vater, welcher so bittere Schmach über die Fa­milie gebracht hatte, erschreckte den Unglücklichen und erweckte seinen Argwohn. Alle Selbstbe­herrschung verlierend, starrte er vor sich hin, als sei die Frage gar nicht an ihn gerichtet geK wesen.

Befremdet blickte der Pfarrer den Bräutigam an, dann wiederholte er seine Frage. Auch bie übrigem Anwesenden konnten sich die seltsam« Zerstreutheit des Doktors — denn als eine solch« mußten sie fein Schweigen auslegen — nicht er­klären.

Dieser hatte sich inzwischen gewaltsam gefaßt und sprach mit erzwungenem Lächeln:

„Verzeihung für meine Unaufmerksamkeit^ Der Name meines Vaters war Alfons Otaavi« Linston, meine Mutter hieß Maria!"

Oliver batte die Vornamen des Marchese ge­nannt, den er ja in der Tat als seinen zweiten Vater betrachtete, und wähnte so, keine Lüge sagen. Seine Mutter hatte in der Tat Maria geheißen.

Die übrigen Fragen wurden, dem Ritus g(< mäß, an beide Verlobte gerichtet, und so einfaij' und ohne das mindeste Mißtrauen gestellt sil auch waren, errötete und erbleichte Oliver bo^ abwechselnd während der Dauer der Zeremonie,

Noch nie hatte er so bitter die Schmach ge­fühlt, welche an seinem Namen haftete. Welch ein Abgrund trennte den Sohn des Mörders Pisani von der edlen Jungfrau, die, einem alt- berühmten Geschlecht entsprossen, allen Grund hatte, stolz zu sein auf den Ehrenschild ihrer Fa­milie, den kein Fleck verunzierte.

Und er — Gaetano Pisani — war genötigt, einem Diebe gleich, sich unter fremdem Namen zu verbergen, den er einem Toten geraubt! Mit einer Maske vor dem Gesicht stand er den Per- fönen gegenüber, die ihm über alles teuer waren, die er liebte und verehrte.

(ForHetzung folgt.)