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wochmb-liage: Illustrierte Somltagszeitung" Msnat-b-llage: „Fuldaer Seschlchtrblätter"

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Rotationrdruckund Verlag der Fuldaer Lt- tteudruckerel in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

Fulda, Donnerstag den 30. Avril 1908.

JW 99.

35. Iahrqanq.

Bermifchtes

• I» Galizien ist zum Nachfolger des ermor­deten Statthalters Potocki Dr. Bobrzynski er-

erscheint der neue Statthaller nicht geeignet, die herrschenden Gegensätze in Galizien auszuglei­chen. ___________

Ausland.

* Agitation armenischer Revolutionäre. Bei einem Waffenhändler in Sofia, namens Tufeklschiew, hat Vie Polizei 13,500 Rubel in Fünfhundert- und Einhundertscheinen gefunden, welche, wie die Untersuchung ergeben hat, von dem Diebstahle in der Tiflfier Bank herrühren. Tufeklschiew gestand, die Summe von armeni­schen Revolutionären erhalten zu haben, denen er für20,000 Rubel Bomben und Explosiv­stoffe geliefert habe.

nes gesperrt, aeschunden, geprügelt und auf die scheußlichste Weise gequält. Der Staatsanwalt beantragte acht Monate GefängmS. Das Gericht verurteilte — es ist zum Hohn — die Frau zu 300 <Ä Geldstrafe. Wenn die Staatsanwälte mit aller Strenge vorgehen würden, könnte manches geschehen, aber trotzdem reichten die bestehenden Gesetzesbestimmungen nicht aus. An Kinderschuh denke im Reichstag niemand, wohl aber an den Vogelschutz. Ellen Key war im Gegensatz zu dem Referenten der Meinung, daß die Prügelstrafe ganz entbehrt werden könne. Die Prügelstrafe wirke nur auf die Haut, nicht auf das Herz des Kindes. Sie hoffe, daß Deutschland die erste Kul­turmacht fei, die das Verbot der Prügel­strafe radikal durchführe.

Deutsches Reich.

♦ «el dem Ergebnis der Reichseinnahmen für 1907, das jetzt vorliegt, erfährt man, wie schon ausgeführt wurde, daß die neuenSteu- ern der Finanreform von 1906 im allgemeinen noch nicht voll fließen. Immerhin hat sich die Reform der Biersteuer bewährt; die erhofften Mehreinnahmen kommen vollständig ein. Ge­nügend gerechtfertigt find die Zigarettensteuer und der Frachturkundenstempel, die jetzt schon mehr einbringen, als man überhaupt erwartet hatte. Auch die Automobilsteuer kann in dieses günstige Urteil noch einbezogen werden; sie ist freilich auch nie als eine große Einnahmequelle gedacht worden, sie soll im Höchstbetrag 3 Mill. Mark einbringen. Die Tantiemensteuer wird im Laufe der Jahre den erhofften Betrag noch ab­werfen. Langsam fließt dagegen die Erbschafts- steuer; aber das hat seinen Hauptgrund darin, daß sie erst so kurze Zeit besteht. Vor Inkraft­treten des Gesetzes sind die schwebenden Erbschat- ten noch tunlichst auseinander gemacht worden; neu angefallene schweben noch; für erledigte wird die Steuer vielfach gestundet; so kommt es, daß erst in einigen Jahren diese Quelle ergiebiger fließen wird. In der Blockpress« wird das nun zu neuen Ausfällen auf die Finanzreform von 1906 benutzt. Wir möchten Vorschlägen, daß die Blockleute die billige Kritik verschieben, bis sie selber etwas Besseres geleistet haben. Die Steuergesetze von 1906 waren gewiß nicht vollkommen, aber sie waren für die Neichsfinau- zen doch viel besser als gar nichts. Der Block hat aber bisher auf diesem Gebiete sich mit gar nichts begnügt. Gerade diejenige neue Steuer, aus der 1906 Finanzreform, die völ­lig versagt hat, die Fahrkartensteuer, ist eine nationalliberale Erfindung. — Die Moral der Sache ist, daß die Finanzreform schnell und durchgreifend erfolgen muß. Ter Block hat sie bisher in unverantwortlicher Weise verschoben, im Herbste wird er zeigen müssen, ob er noch etwas mehr versteht, als Gesetze gegen die Polen und für die Börsenspekulanten zu machen.

Aus dem Nachbargebiete.

• Bai» Orb, 28. April 1908. Nn der Bischöf- lichen Rektoratschule wurde am Montag das neue Schuljahr mit der Prüfung der neu- eintretenden Schüler eröffnet. Zur Prüfung hat- ten sich 9 Schüler gemeldet, sodaß die Schüler» zahl jetzt 39 beträgt, darunter fünf Auswärtige. — Die in diesem Jahre entlasienen 6 Unterter­tianer haben die Aufnahmeprüfung für die Ober­tertia des Königlichen Gymnasiums zu Fulda bestanden.

* Alsfeld, 29. April 1908. Mit dem B a h n- bau nach Niederaula, der noch dieses Jahr beginnen soll, wird gleichzeitig die Erweiterung des Bahnhofes zur Ausführung kommen; sowohl Personen- als auch Güterbahnhof erweisen sich bei dem stets wachsenden Verkehr als unzurei­chend.

* Sontra, 29. April 1908. Die hiesige Ge­nossenschaftsmolkerei ging durch Kans in den Besitz des Gutsbesitzers Krudup, ein MU- glied der Genossenschaft, über. Der Kaufpreis beträgt 10400 Mark.

* Offenbach, 29. April 1908. Eine süddeutsche Koksanstalt, welche schon seit Jahren zu den grö­ßeren Koksabnehmern der hiesigen Gasanstalt ge­hört, richtete, wie die „Ossenb. Ztg." meldet, an die Gaswerks-Direktiv nein Schreiben, in welchem sie diese um die v e r e i n b ar t e_(3r a» tislieferung der für das Jahr 1907 fälligen zwei Doppelwaggons Koks ersuchte. Dieses Schreiben gab der städtischen Verwaltung Veranlassung, sich mit der betreffenden Firma in Verbindung zu setzen und sie um Aufschluß, dar­über zu ersuchen, was für eine Bewandtnis es mit der Gratislieferung habe. Die Firma kam dem Ersuchen der städtischen Verwaltung nach und unterbreitete dieser die gesame, seinerzeit zwischen ihr und Direktor König geführte Pri­vatkorrespondenz. Daraus geht hervor, daß Kö­nig der Firma, angeblich weil diese einen, zu teuern Koks-Abschluß gemacht hatte, das heißt, den Koks an die Stadt zu teuer bezahlt haben soll, vereits im Jahre 1906 zehn Doppelwaggons Koks gratis geliefert hatte. Die von der städtischen Verwaltung sofort angestellten Ermittelungen ha- ben ergeben, daß König mit einer anderen Koks- sirma ein gleiches Geschäft abgeschlossen haben soll. Bis jetzt hat sich nicht feststellen lassen, ob Kenig aus den Gratis-Lieferungen eine« per­sönlichen Vorteil gezogen hat oder nicht.

* Erfurt, 28. April 1908. Die Steinsetz- meiste r Thüringens hielten hier eine Versamm­lung ab. Es wurde beschlossen, einen Verband zu gründen, zwecks Schutzes gegen Arbeitsein­stellungen.

* Zeppelin- neues Luftschiff. Das neue Mo­dell Nr. 4 unterscheidet sich, dem „$erl. Tagebl." zufolge, von dem Modell Nr. 3 durch seine großen Abmessungen und durch die Verwendung stärkerer Motore. Während die Länge des älteren 128 Meter, der Durchmesser 11,7 Meter beträgt und 3 Motore von je 140 Pferdestärken besitzt, wird der neue Ballon 135 Meter lang, 15 Meter Durch­messer und 3 Motore von 140 Pferdestärken ha­ben. Es ist ein bedeutender Fortschritt darin zu verzeichnen, daß die Motore bedeutend leistungs­fähiger find. Was die Geschwindigkeit an­langt, so hofft Graf Zeppelin sie auf 75 Kilo- meter pro Stunde zu bringen. Bei den letzten (Versuchsfahrten war eine Geschwindigkeit von 50 Kilometern erzielt worden. Die Kosten des neuen _________________Ballons sollen sich auf 400 000 M belaufen. Der

Zweites Wl'att.

Deutsche Jugendfürsorge.

m. Berlin, 28. April 1908.

Die deutsche Zentrale für 3ugenb- fürsorge behandelte in einer am Montag abend im Herrenhause abgehaltenen Sitzung die Frage strafbarer Handlungen gegen Kruder und Jugendliche. Vormundschaftsrichter L an d 8- b er g aus Lennep betonte in feinem Referat, daß Vergehen und Verbrechen bei allen Völkern vor­kämen, besonders in England. Auch in Deutsch­land feien jährlich Hunderte von Fällen von Miß­handlungen kleiner Kinder zu verzeichnen. Eine Mutter mißhandelte ihr 2 Monate altes Stief- kind derart, daß der Leichenbefund neben zahl­reichen älteren Verletzungen mehrere Rippen­brüche konstatierte. Die Prügelstrafe für Kinder werde man nicht ganz entbehren können. Dage­gen müsse vor jedem Uebermaß in der Prügel­strafe gewarnt werden. Ein großer Teil der Mißhandlungen entspringe der Eitelkeit und der Ausbeutungssucht der Envachsenen. Häufig kommt auch vor, daß Erziehungspflichtige Kin­der an Bettler verkaufen. Sie bekom­men dafür Schnapsgeld. Den Kindern wird bann eine Leidensgeschichte eingebläut und sie werden so zu Lügnern gemacht. Bringen die Kinder nicht die vorgeschriebene Quantität Geld nach Hause, so werden sie grausam verprügelt. Das Verbrechen der Unzucht gegenüber Kindern wird vielfach von den gleichen Personen begangen, die sie zum Betteln verleiten, oft von den eigenen Eltern. Häufig würden Kinder zu unangemefsenen Arbeiten angehalten. Solche Zustände dürfe man nicht dulden. Die Rechtspflege bemühe sich bei dem gegenwärtigen Stande unseres Strafrechts umfonst, die Mißhandlungen gebührend zu be­strafen. In diesem Punkte stände unser Straf­recht hinter dem anderer Kulturvölker zurück. Redner machte zum Schluß einige Ratschlage, wie man die Mißhandlungen besser bestrafen könne.

In der D i s k u s s i o n wurden noch zahlreiche Fälle von Kindermißhandlungen mitgeteilt. Eine Frau habe es sogar verstanden, bte modernste Technik des Glühlichtbades in den Dienst der Kinderquälerei zu stellen. In Koburg wurden zwei einhalb- und zweijährige Mädchen einer ge­schiedenen Frau von deren Liebhaber in Gemein­schaft mit seinem Bruder unmenschlich geschlagen, gemißhandelt, mit Gewichten tracktiert, dem einen Mädchen wurden die Haare auf dem Kopf gufammengeleimt Fortgesetzte Mißhand­lungen ihres Stiefkindes brachten einen Berliner Lehrer und seine zweite Frau im Juni 1902 auf bÄe Anklagebank. Die Mißhandlungen waren haarsträubend, das Kind wurde völlig entkleidet, gefesselt, verprügelt, mit dem Gesicht in Kot ge­brückt usw. Das Gericht verurteilte die Fran &V/4 Jahr Gefängnis, den Mann zu 3 Mona- . Sie hätte mindestens 3 Jahre bekommen können und muffen. Im Sommer 1901 wurde in Thorn eine Frau wegen unmenschlicher Mißhand­lungen ihres außerehelichen Sohnes verurteilt Sie hatte das Kind geprügelt, ihm nassen Sand in den Mund gesteckt, sodaß es Blut spie. Ge­radezu topisch fei der Fall des Lehrers Roerer in Berlin, der mit seiner Frau seinen vierjährigen Sohn zu Tode marterte. Der Mann hatte acht Kinder gehabt, von bench vier lebten. Was mag wohl mit den anderen gesthehen sein? Roerer erhielt nicht das Strasma^imum von 5 Jahren, sondern nur 2 Jahre Gefängnis. Ueberall sehen wir eine unerhört lare Auffassung über Miß­handlungen gegen Kinder. Eine Frau Dr. Berg- mann batte mit raffinierter Grausamkeit ihr Kind geistig und körperlich gequält. Das Kind mußte hungern, im Hemd am kalten Fenster sitzen und stricken, wurde in das Lichtbad ihres Man­

Aktionsradius des neuen Luftschiffes wird au» zirka 2300 Kilometer geschätzt, was einer Flug- möglichkeit vom Bodensee bis nach Königsberg und zurück gleichkäme. Ter neue Ballon wird bet Nachtfahrten eine Scheinwerferausrüstung erhal­ten, ferner eine vollständige Einrichtung für drahtlose Telegraphie.

* Der kleinste Gestellungspflichtige. Bei der Musterung in Wolfach im Schwarzwald stellte sich ein Bauernsohn aus Oberwolfach. der nur 1 Meter groß war und nur 14 Kilogramm wog.

* Als die Urheberin von Erpress er bricfen, welche in den letzten Tagen eine Oberamtsrich­terswitwe in München erhielt, wurde das lljähr. Dienstmädchen der Bedrohten ermittelt. Es ist geständig.

* Seit dem Tode Schulze-Drlitzschs, des Va­ters des deutschen G e n 0 f f en s ch a ft s w e s e ns, waren gestern 25 Jahre verflossen. Nachdem pr die juristische Karriere eingeschlagen hatte, trat er 1848 in die preußische Nationalversammlung ein. Frühzeitig hatte er erkannt, daß die Klein­gewerbetreibenden nur bann der wachsenden Be­tätigung des Großkapitals zu widerstehen ver­möchten, wenn sie sich zusammenschlösien unb or­ganisierten. Diese Ueberzeugung befestigte sich in ihm, als er den Vorsitz in der Kommission zur Prüfung der Not im Arbeiter- und Handwerker­stände führte. Nach Auflösung der zweiten Kam­mer von 1849, der er auch angehört hatte, wurde er ans dem Justizbienst hinausgeekelt. Er ging deshalb nach seiner Vaterstadt Delitzsch und grün­dete hier den ersten V 0 r s ch u ß v e r e i n. Tas Genossenschaftswesen blühte bald auf und 1859 erhielt er die Leitung des Zentralbureaus, die er bis an fein Ende behielt. Später trat er wieder in den Reichstag. Neben seiner praktischen ent­faltete er auch eine rege literarische Tätigkeit.

Literarisches.

Das neue deutsche Vcrcinsgesetz. (Deutsche NeichS- gefetze in Einzelabdrucken Nr. 344/46 pro Nr. 20 H. Herausgegeben von Geh. Justiz­rat Dr. KarlGarei s, 0. ö. Professor der Rechte an der Universität München.) Text­ausgabe mit Einleitung, erläuternden An­merkungen und ausführlichem Sachregister bearbeitet von Dr. jur. P u f ch m a n n. Ver­lag von Emil Roth in Gießen. Preis 60

Dieses Gesetz der Gareis'fchen Sammlung deutscher Reichsgesetze ist von dem auf diesem Ge­biete als Autorität geltenden Dr. jur. Pufchmann mit einer recht übersichtlichen Einleitung ver­sehen. Ferner sind von demselben den einzelnen Gesetzes-Paragraphen in recht ausführlicher Weise Erläuterungen in so treffender, sachkundiger und leicht verständlicher Weise beigegeben. Leider ist die Nummerierung der Paragraphen nicht die der endgültigen Zusammenstellung.

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