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Fulda, Donnerstag den 30. April 1908.

35. Jahrqanu.

sSrstes Wlatt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 29. April 1908.

Der Gesetzentwurf Bett. Hilfsarbeiter im Pa­tentamt wird in dritter Lesung angenommen.

Es folgt die2 Lesung des Unterstützung-- wohnsitzgesetzeS.

Artikel 1, 2 und 3 setzen die Erlangung deS Unter- stühungswohusitzes von 18 auf 16 Jahre herab und bereits nach einjährigem Aufenthall (bisher 2). Die Kommission beantragt Zustimmung. — Dl» Sozial» demokraiie beantragt die Bildung einheitlicher Armeu- »erbänöe in größeren Bundesstaaten für iebe Provinz und in kleineren Bundesstaaten für diese selbst.

Abg. Belzer (Ztr.) spricht sich für die Herab­setzung der Altersgrenze und der Erwerbs» und Vcrlustfrist aus und befürwortet eine Resolution der Kommission, die die Erstattung der Kosten seitens des Staates, für diejenigen Ortschaften und Armenverbände verlangt, die durch ihre Lage ort der Grenze infolge Abstoßung von armen Deutschen aus dem Ausland, überlastet seien, so- trie Zusammenlegung mehrerer Gemeinden und Gutsbezirke zu Armenverbänden fordert. — Das Zentrum werde für den Entwurf stimmen; die Kommissionsbeschlüsse schwächten ihn zwar etwas ab; aber man müsse auf diesem Gebiete langsam vorgehen.

Abg. Stolle (Soz.) begründet den sozialdenw- kratischen Antrag.

Abg. Kreth (kons.) spricht seine Freude auS über die bevorstehende Verabschiedung der Vor­lage, wenn auch seine Freunde manchen Wunsch hätten zurückstellen müssen. Die sozialdemokra­tischen Anträge lehne seine Partei ab.

Abg. Horn (ntL) spricht sich ebenfalls gegen »en sozialdemokratischen Antrag aus.

f Abg. Kölle (wirtsch. Vgg.) befürwortet eine Resolution seiner Partei betr. das Wanderarmen» wesen. Es sollen Ermittelungen angestellt wer­den über die Mängel, die dem Armen- und Für- sorgewesen insbesondere den Arbeitshäusern, den Asylen für Obdachlose, Pflegestationen usw. an- hasten. Redner spricht sich dann gegen die sozial­demokratische Resolution aus.

Abg. Dirksen (Rp.) spricht sich gegen die sozial­demokratischen Anträge und gegen die Resolution Kölle aus, deren Tragweite sich nicht übersehen lasse.

Abg. Hug (Ztr.) spricht sich für den Kommis- fionsbeschluß aus.

Nach kurzer Debatte wird das Gesetz in zwei­ter Lesung mit allen Resolutionen angenommen; der sozialdemokratische Antrag wird abgelehnt.

Es folgt das Bogelschutzgesetz.

Eine Reihe von Artikeln wird ohne Debatte angenommen. — Bei den Bestimmungen über den Fang der Krammetsvögel durch den Dohnenstieg tritt

Abg. Engrleu (Ztr.) für die Beibehaltung des Krammetsvogekfaug ein, dort wo er heute bestehe. Man könne nicht sagen, daß der Dohnenstieg ver­heerend wirke; das gelte dann noch mehr von der Jagd. (Sehr gut!) Die Humanität habe mit der Sache nichts zu tun.

Abg. Feldmann (f.) beantragt, es bei den be­stehenden landesgesetzlichen Bestimmungen zu be­lassen.

Abg. Frhr. v. Wolsf-Metternich (Ztr.) tritt für die weitere Zulassung des Dohnenstieges ein.

Abg. Dr. Bareuhorst (Rp.): Der Fang durch den Dohnenstieg ist mit der Humanität nicht ver- etnbar. Der Vogelfang verroht; der Vergleich | mit der Jagd ist nicht zulässig. Die Jagd muh | fern, um die Wälder nicht vernichten zu lassen, z

Der Dohnenstieg ist eine mittelalterliche Roheit. (Ohol)

Abg. Dr. Pfeiffer (Ztr.): Die große An^chl meiner politischen Freunde ist für die Beseitigung des Dohnenstieges. Der Vogelschutz muß mehr popularisiert werden durch die Schule, durch Flugblätter usw. Alles kann man nicht durch Gesetze regeln; man denke nur an die verrückte Mode der Damen mit ganzen Vögeln auf dem Hute; es soll aber besser werden; denn jetzt tra­gen die Damen nach Pariser Meldungen bereits Tomaten auf dem Hute. (Große Heiterkeit.)

Abg. Schulz (Rp.) empfiehlt die Zulassung des Dohnenstieges durch Landesgesetzgebung.

Abg. Ahlborn (Frs. Dp.) ist gegen den Doh- nenstieg; auch in Oldenburg freuen sich 80 Proz. der Bevölkerung, wenn man den Dohnenstieg ver­bietet.

Die Abänderungsanträge werden abgelehnt; der Dohnenstieg ist damit verboten; die Kommis­sionsanträge werden angenommen; ebenso der Rest des Gesetzes..

Donnerstag: Teuerungszulagen und kleine Vorlagen.

Deutsches Reich.

Landesorganifation der preußischen Zen- trumspartei. Schon wiederholt ist die Frage der Schaffung einer Landesorganisation der Zentrumspariei für ganz Preußen erörtert worden. Inzwischen ist das Statut für die Landesorgani­sation fertig und harrt der Durchführung. Man hofft, daß auch die übrigen Bundesstaaten Die Landesorganisation zum Abschlüsse bringen und dann durch Zusammenschluß der Landesoroani- sationen der deutschen Bundesstaaten eine mög­lichst vollkommene Reichsorganisation der Zentrumspartei geschaffen werde. Die Organisation des LandeSauSschuffes der preußi- scheu Zentrumspartei ist so in Aussicht genommen, daß neben Mitgliedern der Zentrumsfraktion des Abgeordnetenhauses wie deS Reichstages die Borsitzenden der Provinzialausschüsse der Zen- trumSpattei(zurzeitRheinland,Westfalen,Schlesien, Hessen und Nassau) resp. an ihrer Stelle zu wählende Vertreter den Landesausschuß bilden.

In der Budgetkommission des Reichs­tages haben die Ab'ag. Dr. Paasche ('JZatlib.) und Erzberger (Ztr.) folgenden gemeinschaft- tichen Antrag eingebracht: Der Reichstag wolle beschließen: die verbündeten Regierungen zu er­suchen, gleichzeitig nut dem Gesetzentwurf über die Ordnung der Reichsfinanzen ein Gesetzent­wurf vorzulegen, in dem folgende Grund! ätze zur Geltung kommen: Auf den außerordentlichen Etat sind zu nehmen: 1. Ausgaben für solche Anlagen werbender Art, die voraussichtlich Tilgungsraten des Anlagekapitals erbringen werden; 2. sonstige einmalige Ausgaben, die durch ihre Höhe das Gleichgewicht des Etatsjahres erheblich stören würden. Die Ausgaben ad 1 sind vom 7 Jahre ab nach Bewilligung der letzten Rate jährlich mit 2 Prozent des ursprüng­lichen Nennbetrages zu tilgen. Die Ausgaben ad II sind von dem auf die Bewilligung der letzten Rate folgenden Jahre ab mit jährlich 3Vs Prozent des ursprünglichen Nennbetrages ,u tilgen. Die bisher aufgenommenen Anleihen find vom 1. April 1911 ab mit 1 Prozent deS Nennbetrages jährlich zu tilgen. — Durch diesen Antrag foll der Schuldenwirtschaft vorge- beugt werden; es ist bemerkenswert, daß Zentrum und Natioualliberale hier zusammenarbeiten. Der

Antrag entspricht in allen Teilen den alten Forderungen deS Zentrums, daS nun hoffentlich einen Erfolg erzielen wird.

* Debet ein Gespräch mit dem Fürsten Bülow berichtet in der .Wiener Freien Presse' der Schriftsteller Sigmund Münz. Bei der Tafel in dem Hotel Grande-Br Lragn« in Venedig bat er den Reichskanzler gefragt, ob er noch viele Bände seiner Reden erscheinen lassen werde. Bülow erwiderte vorsichtig, er glaube nicht, daß eS viele sein werden. Bülow sprach bann über den Unwert des Prophezeiens in der Politik. Friedrich der Große habe keine Ahnung gehabt, daß drei Jahre nach seinem Tode die große französische Revolution auSbrechen werde; er habe auch Jena und Auerstedt nicht geahnt, ebensowenig wie Napoleon L Sedan vorauSzusehen vermochte. Aus bte Frage, ob er Memoiren schreiben werde, erwiderte Fürst Bülow, er wolle sich dies wohlweislich überlegen. — Hoffentlich ver­wirklicht sich die Andeutung, daß Fürst Bülow Memoiren hinterlassen wird. Sie würden sicher ungewöhnlich interessant und lehrreich werden.

* Heber „3entrumSbemagogie" entrüsten sich verschiedene Blockbläller, weil die Reichs­tagsrede des Abg. Gröber über das Reichs- vereinSgesetz als Flugblatt verteilt worden ist. Die.Post' schreibt:

„Man kann in der Spekulation auf die Un­wissenheit der Bolksmasse und di« skr up ellose Herabwürdigung eines Reichsgesetzes wirklich nicht weiter gehen, als es hier seitens eines königlich» württembergischen LandgerichlsdirekrorS geschieht."

Sie spricht dann von „cmihetzenden Schlag» und Leitworten" der Flugschrift. Wir begreifen ja, daß den Blockparteien die Verbreitung dieser vortrefflichen Rede, die ihre eigene Presse voll­ständig totgeschwiegen hat, sehr unbequem ist, aber darum bleibt alles, was in der Rede ge­sagt worden ist, doch wahr. Daß man in den Kreiscn der Zentrumswähler die Blockreden hätte verbreiten sollen, die den wahren Sachverhalt verdrehen und vertuschen, kann man doch nicht wohl verlangen. Was in der Rede Gröbers aushetzenden Inhalts sein soll, ist uns ebenso unverständlich, wie man in den Leitworten, die die ,Postt u. a. zitiert, wie beispielsweise der „Entwurf brachte eine bittere Enttäuschung" — ..das Vereinsgesetz schädigt unser Ansehen im Ausland" usw., aufhetzende Schlag» und Leit­worte sehen kann. Die Leitworte in der Flug­schrift enthalten nichts anderes als bittere Wahrheit, und weil man diese nicht vertragen kann, sucht man seine Verlegenheit unter An­würfen auf das „demagogische Zentrum" zu ver­bergen.

* Der Beirat für Arbeiterstatistik trat in Berlin zu seiner 21. Sitzung zusammen. Er be­schäftigte sich mit der Vernehmung von Auskunfts­personen auS dem Binnenschiffahrtsgewetbe.

be. Zur Anstellung von Marine-Ingenieuren. Infolge der Annahme der Flotten - Novelle und des Marine-Etats 1908 ist bei der Kaiser!. Marine auch ein erhöhter Bedarf an Marine-Ingenieuren eingetreten, sodaß für junge Leute, die das Zeug­nis für den einjährig-freiwilligen Dienst besitzen und eine zweijährige praktische Ausbildung auch auf einer der nicht für die Ausbildung vorge- chricbenen Wersten oder beim Bau von Dampf­maschinen nachweisen können, Aussicht vorhanden ist, im Oktober 1908 und 1909 als Ingenieur- Anwärter eingestellt zu werden, sofern "fie die

Eintrittsprüfung bestehen und sonst den Bedin« aungen genügen. Meldungen für den Eintritt sind diS zum 15. August 1908 bezw. 1909 an die H Werft »Division in Wilhelmshafen einzu­reichen, die auch weitere Auskunft über die näheren Bedingungen erteilt.

--- Ein reicher OrdenSsegen ist über Eng­land niedergegangen: er ist die Folge deS Kalserbesuches. Mit einem hohen Orden wurde Lord Keollys ausgezeichnet, der ein ertldriet Deutschenfeind ist und als Prioatsekretär deS Königs auch hohen politischen Einfluß bat; auch der Lordmayor von London befindet sich unter den Dekorierten. Der „Gouverneur der Abzugs­röhren des Schlosse- Windsor*, Lord Esser, hat keinen Orden erhalten, ebenso Lord Tweedmouth nicht; man kann sich denken, weshalb nicht.

A Ter Jahresbericht des deutschen Flotten­vereins für 1907 ist soeben erschienen. Es ist ihm zu entnehmen, daß die Zahl der Mitglieder 1,01b 590 gegen 906 706 im Jahre 1906 beträgt Unter den 1,018 590 Mitgliedern sind, was man nicht übersehen darf, nur 324 000 Einzelmitglre- der, bte übrigen 695 000 sind „körperschaftliche Mitglieder", und da sich dem Flottenverein alle möglichen Organisationen privater und öffent­licher Natur angeschlossen haben, so wird man wohl annehmen dürfen, daß die Zahl der Mit­glieder, die sich wirklich zum Flottenverein rech­nen, 400000 sicher nicht übersteigt. Einen Be­weis dafür liefert auch die Tatsache, daß das Verbandsorgan „Die Flotte" nur 375 000 Auf­lage hat. Was man überhaupt von der Teil­nahme der großen Masse der Dereinsmitglieder zu halten hat, das ergibt sich schon aus bet Tat­sache, daß der Kalender des Flottenvereins nicht einmal in 20 000 Eremplaren abgesetzt worden ist. Ter Verein ist also sehr groß, aber es, ist mehr Quantität als Qualität. Aus dem Bericht kann man ersehen, daß die Zentralstelle des Ver­bandes eine geradezu fieberhafte Tätigkeit ent­wickelt hat. Man gibt zunächst monatlich die Ver- einszcitschrist „Die Flotte" heraus, dann werden lOmal im Jahre „Mitteilungen an die Presse" versandt. Weiter wird ein Kalender des Flotten­vereins hergestellt und vertrieben. Dann gibt man „Marinebilderbogen" heraus. 700 Lichtbil- dervorttäae wurden im letzten Jahre veranstaltet. In 78 Städten waren Kriegsmarineausstellun­gen. 7 Schülerfahrten mit 2000 Schülern und 8 Seefahrten für Erwachsene wurden arrangiert Der Verein hat einen Chinafonds, einen Südwesl- afrikafonds gegründet, und unterstützt das See­mannshaus. Der Verein hat augenblicklich ein Vermögen von V* Million Mark. Aus diesen Zahlen ergibt sich zur Evidenz, daß der Verein trotz des schwachen Interesses, das das Mitglieder­leben im Verein zeigt, eine große politische Macht darstellt, die gegebenenfalls, wie z. B. schon bei Gelegenheit der letzten Reichstagswahl, ein sehr schweres Gewicht in die Wagschale zu werfen ver­mag. Bei der lebten Reichstagswahl hat er be­kanntlich außerordentlich scharf gegen das Sen- trum Stellung genommen. Jeder Zweifel dar­über, welche Stellung der Verein uns gegenüber einnimmt, ist damals gründlich beseitigt worden. Man Hal vielfach geglaubt und glaubt es auch beute noch, diese scharfe Stellungnahme gegen uns ei lediglich auf den General Keim zurückzufüh- ren. Das ist eine viel zu optimistische Auffassung. Keim hatte nur die Offenherzigkeit, das frank und frei auszusprechen, was die anderen im tiefsten Herzen verbargen.

) Zum Fall Eulenburg schreibt die „Neu« Gesellsch.-Korr.":

.Aus angeblich offiziöser Quell« ist mitgetrilt w or­ten, daß die Berliner Staatsanwaltschaft sich bereit«, eit längerer Zeit mit der Anschuldigung bei

Im Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

59] (Nachdruck verboten.)

Angiolina schauerte fröstelnd zusammen, dann preßte sie die Hand krampfhaft auf das pochende Herz, als wollte sie dessen Schläge dämpfen, und Tränenstrom erleichterte die gepreßte Brust. Es war ein tieftrauriger, ein ewiger Abschied von Hugendglück und Liebe.

24.

Die Hochzeit.

Schon in der Morgenfrühe des nächsten Tage« cherrfchte eine ungewöhnliche Regsamkeit in der Villa Sleonero.

Der Marchese batte die notwendigen Anord- nungm erteilt und Gertrude biefelten an alle ^'"ustlente übermittelt. Es bebufte nicht ein- mal Mahnungen, denn da war kein ein- lobenswerten Eifer be- ? e ei,'rX’ne .dlllcht zu tun, um den Ehrentag der gelierten jungen Herrin geziemend zu feiern.

Der Marmorboden wurde fpiegelbkank gerie- standen alle offen, denn in den “n6 Gaststuben klopfte man die

6 nF,«thÄ säuberte man feit ©tun-

6 ' bank Gertrudens Fürsorge und Ord- Stanbebto2r.ne6tn ble H°useinrichtung in gutem „ ließ es an nichts fehlen und

haften sich schon vor Sonnen- fÄrn8 , Wege von Unkraut 8»

K» Vorbereitungen zu der Jllumi- hÄ>en^ föntet“ 6”' &le am Hoö^eitscrbend statt- - Souterrainräumen, wo die Küche fick vrtond, ging eg nun gar lebhaft zu — hier waren a>? dofen Leidenschaften entfesselt, denn der Koch,

ein jähzorniger Neapolitaner, welchen man zum Beistände der alten Köchin herbeibeschieben, fand an allem zu tadeln, zauste den Küchenjungen, zankte mtt den Mägden und behandelte die schmol­lende Köchin mtt verletzender Herablassunz.

Gegen mittag waren alle festlichen Vorberei­tungen größtenteils beendet und es war auch Zeit, denn schon fuhr eine elegante Equipage an dem Parkgitter vor und derselben entstiegen die einzigen Geladenen, Graf Frankoni und dessen Tochter.

Karolina Franconi, eine reizende Brünette mit feurigen schwarzen Augen, zählte erst achtzehn Jahre. Sie brannte vor Begierde, die Freun- bin zu begrüßen, hatte sie ihr doch nicht nahen dürfen, feit Angiolina das Licht der Augen wie- der erhalten. Die lebhafte junge Komtesse um­armte Angiolina zärtlich und gab ihrer Freude über der Freundin Genesung in überschwängli­cher Weise Ausdruck.

Während die Herren nach einer eingenomme­nen Erfrischung sich in das Rauchzimmer zurück­zogen, folgte Karolina der Braut in ihr Ge­mach und liefe sich neben ihr auf dem Diwan nieder.

Es war rührend, zu sehen, tote Angiolina die Freundin betrachtete und liebkoste. War doch Ka­rolina die einzige gewesen, welche die Einsamkit der Villa Rionero zuweilen durch ihr munteres Wesen belebt hatte, die einzige gleichalterige Ge­nossin der Kinderjahre und der Mädchenjahre der armen Blinden. Wie oft hatte Angiolina sich ihre liebe Karolina vorgestellt und jetzt übertraf die Wirklichkeit doch noch wett die Bilder ihrer Phan­tasie.

So sehr sie fich aber auch freute, die langent­behrte Freundin bei sich zu haben, so war doch über ihr Wesen ein Schleier fünfter Melancholie ge­breitet, was bei einer Braut doppelt verwunder­lich erscheinen mutzte.

Den scharfen Blicken der heißblütigen Neapoli­tanerin war dies nicht entgangen und sie benutzte

eine eingetretene Panse, um die Bemerkung zu machen:

„Nicht wahr, Angiolina, nachher führst Du mich in das Brautgemach; ich bin so begierig zu sehen, wie die Spitzen, welche ich gewählt habe, sich auf der roten Seide der Draperien ausneh­men. Frau Gertrude sagte mir schon, daß dies Gemach ein wahres Juwel von Reichtum und gu­tem Geschmack wäre."

AngiolinaS Stirn verdüsterte sich, mit nieder­geschlagenen Augen erwiderte sie:

„Gewiß, Karolina, wenn es Dick freut, dieses Zimmer zu sehen, so werde ich Dich hinführen und es Dir zeigen, ich habe es übrigens noch nicht betreten und weiß nicht zu sagen, wie die Spitzen und der Damast sich ausnehmen."

„Ach, das ift aber merkwürdig, daß Du, die Braut, Dich so wenig für die Ausstattung dieses Zimmers interessierst, das Dein guter Vater gar nicht reich und kostbar genug möblieren konnte. Er war ja zwei Tage in Neapel und suchte und wählte immer wieder, zur wahren Verzweiflung der Lieferanten. Wie dankbar war er mir, als ich ihm zur Anschaffung der schön ziselierten sil- bernen Lampe mit der Rubinglasglocke behilflich war, und Du hast dieses Prachtstück keines BlickeS gewürdigt — Undankbare!"

„Das bin ich wahrlich nicht, Karolina, aber —"

„Sage es nur offen heraus, diese Heirat ist nicht nach Deinem Geschmack."

„Ich schätze meinen Verlobten und habe mir ernstlich gelobt, ihn glücklich zu machen. Das ist meine Pflicht und diese will ich erfüllen."

„Anne Angiolina!"

Tie junge Brant machte eine abwehrende Be­wegung mtt der Hand, sie war zu bewegt, um frredjen äu können, und mochte ihre Erregung mau blicken lassen, um das Geheimnis ihres Her­zens nicht zu verraten.

Aplina wollte klar sehen, sie war eine energische Natur und jederzeit hilfsbereit, sie Irebte «S. sich m-ie Anaeleaenbeiten anderer au

mischen, ihnen Trost und guten Rat erteilend. Damit hatte sie schon viel Undank geerntet, ließ aber nich davon ab .

Durch ihren Vater hatte Karolina von der feit- samen Werbung des englischen Arztes erfahren und von der Bedingung, welche Oliver Linston an die Heirat der Blinden geknüpft hatte.

Wäre dieser Engländer, den der Graf Fran- coni von London nach Sorrent entführt hatte, ein schöner ober mindestens interessanter Mann ge­wesen, dann würde Karolina die ganze Geschichte hochromantisch gesunden und ihre Freundin um dieser Eroberung willen beneidet haben. Aber Oliver Linstgn war häßlich und mißgestaltet und sei-ne Berühmtheit, fein Reichtum vermochten in den Augen des «htzehnjährigen Mädchens dis Mängel der äufeeren Erscheinung nicht vergessen machen.

Graf Fvaneoni hafte die vielen Fragen seines verzogenen Töchterchens, die Verlobten betreffend dahin beantwortet, daß Angiolina Rionero mit ihrem Lose zufrieden sei und den künftigen Gat­ten seinem vollen Werte nach schätze.

Di« kleine Komtesse schüttelte ungläubig ihr hübsches Köpfchen bet dergleichen Versicherungen und nahm sich vor, der Sache selbst auf den Grund zu kommen.

Allzu fdjtoierig war dies« Aufgabe nicht, denn Angiolina, tn ihrer kindli^n Naivetät, liefe bei bem Bestreben, der Freundin den Zustand ihres Herzens zu verhehlen, diese das Geheimnis des­selben bald erraten.

Nach einer Stunde vertraulichen Plauderns toufete Karolina alles, was sie hatte wissen wol­len. Voll Lebhaftigkeit sprang sie empor und sich vor Angiolina hinstellend, rief sie:

„Diese Heirat ist ein Unrecht und hätte nicht geplant werden dürfen, am wenigsten jetzt, wo Du Deinen Kusin Rafaello wiederaeseben hast und wo —"