Maer W Zeitung
Monakbellage: „Zuldaek Geschlchkblätter"
ÄÄi«. woch-Eg-! „Illustrierte Sonntagszettung"
35. Jahrqan^
Fulda, Dienstag den 28. April 1908.
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Veranttv. Redakteur: Carl Schütte;
ragnch «it Suruadme der $omt= ,nd§eiertage.vlertel- sShrliche»ve;ugrpreir ohne vringerlahn und vestellgeldinZuldaso- wit auswärts f.5O DU.
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votationsdruckund Verlag der Zuldarr Ak- tiendruckerei in Lulda Zernsprecher Nr.».
Arveires "gSktlt.
k Die Ablommeu über die Nordsee i UN- die Ostsee
find in der uordeuropäischen Presse günstig ausgenommen worden. »
Sie sollen ein Gegenstück zum Mittelmserab- kommen sein. Als England mit Frankreich und Spanien Len Mittelmeervertrag begründen wollte, hatte man in Deutschland gewisse Bedenken wegen der damaligen deutschfeindlichen Richtung der englischen Politik. Nachdem jedoch bekannt geworden, daß man nur die Erhaltung des be* stehenden Besitzstandes sich gegenseitig gewährleisten wolle, war man bald beruhigt, da in Deutschland niemand den Wunsch hatte, hieran etwas zu ändern. Die öffentliche Meinung betrachtete das feierliche Mittelmoerabkommen als ein hübsches Ding, das vielleicht nicht viel nützen, Glider gewiß auch nicht schaden kann.
Nun ist, was für Len Süden schon bestand, auch für den Norden fertig geworden. Nach dem Muster des Mittelmeer-Vertrages wurde ein Q st- see-Abkommen in Anregung gebracht, und — 'um die Zwillingsschwestern gleichmäßig w behandeln — auch ein Nordsee- Abkommen. Die Welt erfährt aus den Aktenstücken, was man bisher schon vorausgesetzt hatte: daß keine der an einem Lieser Meeresteile liegenden Mächte die Absicht hat, den Nachbarn etwas von ihren Hoh- heitsrechten wegzunehmen. Die Mächte garantieren sich gegenseitig den bestehenden Besitzstand, den geltenden Rechtszustand, oder wie die Diplomaten sagen: die Aufrechterhaltung Les Status- !guo.
Im Nordsee-Abkomm en erklären die Regierungen von Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden, Latz sie fest entschlossen sind, Lie zurzeit bestehenden Hoheitsrechte ihrer Staaten an ihren an die Nordsee grenzenden Gebieten unverletzt zu erhalten und gegenseitig zu achten. Sollten irgendwelche Umstände einträen, die nach Ansicht einer der vorgenannten Regierungen den gegenwärtigen Statusquo in den an die Nordsee grenzenden Gebieten bedrohen, so werden die Signatarmächte miteinander in Verbindung treten, um sich im Wege einer Vereinbarung untereinander über Maßnahmen zu verständigen, die sie im Interesse der Aufrechterhaltung ihrer Besitzung für nützlich halten möchten. Dem Abkommen ist eine Denksc^ift beigefügt, worin festgesetzt wird, Latz der Grundsatz der Aufrechterhaltung des Statusquo nur die unverletzliche Aufrechterhaltung aller gegenwärtigen Besitzungen der vertragschließenden Teile in den an die Nordsee grenzenden Gegenden ins Auge faßt, daß daher die Deklaration in keiner Weise angerufen werden kann, sobald es sich um die freie Ausübung von Hoheitsrechten der vertragschließenden Teile iiibec ihre obenerwähnten Besitzungen handelt, i Das -Ostsee-Abkommen hat im allgemeinen denselben Wortlaut wie das Nordseeabkommen, nur daß die vertragschließenden Mächte Deutschland, Rußland, Dänemark und Schweden sind.
Man darf übrigens den Wert dieser Abmachungen nicht überschätzen. DaS beste daran ist die Verpflichtung der Vertragsstaaten, im Fall« einer Gefährdung deS Statusquo in Beratung über eine erhaltende Vereinbarung zu treten. So- bald aber irgendwo der böse Wille die Oberhand !gewonnen hat, wird dieser Zwirnsfaden eicht vc-r- s halten. Zu dem papierenen Zeitalter paßt die Fülle von Verträgen, Akten, Abkoiumeu usw..
welche die Diplomaten rings um den halben oder ganzen zivilisierten Erdkreis heutzutage abschlie- ßen. Nachdem England lange Fahre sich in der splendid Isolation gefallen hat, ist seine Politik in LaS gerade Gegenteil der Bündnissucht umgeschlagen, und dem König Eduard gebührt vor allem der Ruhm, die Hochflut von allen möglichen Abmachungen in Fluß gebrwht zu haben. Es fragt sich nur, ob unter der Masse der Abkommen nicht die Güte der einzelnen manchmal leidet.
Deutsches Reich.
Arbeiterausschüsse. In der Kommission zur Beratung der Gewerbeordnungs (Arbeiterschutz-) Novelle hat das Zentrum den Antrag ein- gebracht. Laß in Zukunft in allen Betrieben mit mehr als 20 Arbeitern Arbeiterausschüsse obliga- torisch eingeführt werden sollen. Nun wird es gewiß wieder nicht an Stimmen fehlen, welche sich gegen die obligatorische Anordnung wenden werden. Speziell wird man darauf verweisen, daß viele Arbeiterausschüsse nur ein sogenanntes Scheindasein führten. Demgegenüber haben wir immer betont, daß ein Arbeiterausschuß recht wohl segensreich wirken kann, wenn ihm nur ein bestimmter Kreis von Aufgaben zugewiesen wird, und wenn speziell der Arbeitgeber bezw. Betriebsleiter für denselben ein lächaftes persönliches Interesse entwickelt. Nach dieser Richtung hin gereicht es uns zur besondern Genugtuung, uns auf einige amtliche Urteile aus Len Berichten der deutschen Gewerbeaussichtsbeamten für das Jahr 1907 berufen zu können. So meint z. B. der Generalbericht zu Len Einzelberichten der bayerischen Beamten, daß den Arbeiterausschüssen bei richtiger Zusammensetzung und entsprechendem Entgegenkommen der Detriebsunteruehmer hinsichtlich der Vermittlung von Beschwerden, Lohnbewegungen, Ausstellung von Tarifen usw. ein weites und ersprießliches Feld der Tätigkeit offen stände. Ferner berichtet von den preußischen Beamten der Berichterstatter für den Regierungsbezirk Köln, Laß ungünstige Erfahrungen mit dem Arbeiterausschuß in keinem Betrieb gemacht worden seien. Ausdrücklich hebt er hervor, daß mehrere Arbeiterausschüsse, wie von den Ar- Beitgebern anerkannt werde, auf dem Gebiete des Schuhes der Arbeit betreffenden Fragen durchaus fachgemäße und beachtenswerte Anregungen gegeben hätten. Und der Berichterstatter für den Regierungsbezirk Münster meldet, daß, nachdem namentlich Lurch die Arbeiterorganisation das Interesse an Arbeiterausschüssen geweckt worden fei, deren Zahl im Zunehmen begriffen wäre. Jedenfalls sprechen diese Urteile sehr dafür, daß das Zentrum mit seinem Anträge auf obligatorische Einführung von Arbeiterausschüssen für alle Betriebe mit mehr als 20 Arbeitern aus dem richtigen Wege begriffen ist.
X Aus der Pfalz, 26. April 1908. Wie seiner- zeit mitgeteilt wurde, sanden sich in Billigheim bei der letzten Reichstagswahl, obwohl 28 Wähler Zentrumszettel abgegeben hatten, nur 17 Zentrumszettel in der Urne vor. Wie der Landtagsabgeordnete Schöndorf in einer Zentrumsversammlung in Speyer mitteilte, haben inzwischen 28 Billigheimer Wähler beschworen, dem Zentrumskandidaten ihre Stimme gegeben zu haben. _ Sämtliche Leute sind von dem Amtsrichter Grieb«, dem bekannten liberalen Wahlagitator, vernommen worden. Die Verschiebung in der Stimmeirzahl, die durch diese Feststellungen bewirkt wird, muß zur Folge haben, daß »ie Wahl des liberalen Abgeordneten Cronauer lir ungiltig erklärt wird und der Zentrumskandidat Zwießler als gewählt gilt.
Zu -en Lan-tagswahleir.
0 Konservative Treulosigkeit. In dem schlesischen Wahlkreise Kreuzburg-Rosenberg stellen die Katholiken über 60 Prozent der Wähler. DaS Zentrum ging dort stets ein Kompromiß mrt den Konservativen ein, wonach das Reichstags- mandat den Konservativen zufallen soll, von den beiden Landtagsmandaten aber eins das Zentrum und das andere die Konservativen erhalten sollten. Auch bei den Blockwahlen wurde dieses Abkommen noch gehalten und damals Fürst zu Hohenlohe-Oehringen von den Zentrumswählern mitgewählt. Jetzt aber hat das Zentrum von den Konservativen den Dank erhalten, indem auf einer konservativen Wahlversammlung beschlossen wurde, keinenZentrumsmann mehr aufzustellen, sondern den kath. Kreisschulinspektor Kerp, der statt des Grasen Ballestrem junior gewählt werden soll. In seiner Programmrede bezeichnete sich Kerp als Katholiken, der gleichwohl das Zentrum als nicht geeignet zur Vertretung der Interessen des allgemeinen Wohles betrachtet. In der Debatte warnten ein Konservativer und ein Redner vom Bunde der Landwirte, das Kompromiß mit dem Zentrum zu brechen. Tue man das, so gehe das Reichstagsman- bat verloren. Es sei auch rechtschaffener Männer nicht würdig, sich erst vorn Zentrum Helsen zu lassen und es dann abzuschütteln. Trotz des Ab- ratens der Redner wurden aber zwei konservative Kandidaten aufgestellt. Dieser Vorfall stellt die konservative „Bündnistreue" in das richtige Licht. — Wenn es bei dem Bruch des Abkomurens bleibt, dann erwarten wir von dem Reichstagsabgeordneten Fürsten Hohenlohe, daß er sein Mandat, das er auf Grund des Abkommnes mit Hilfe des Zentrums erlangt hat, niederlegt, und die Wähler aufs neue entscheiden läßt, wie sie sich entschließen wollen. Das ist etwas, was man unbedingt verlangen kann.
* In den Urwählerlistr», die für die bevorstehenden Landtagswahlen aufgestellt sind, und einige Tage zu jedermanns Einsicht ausliegen, sind auf Beschluß des Staatsministeriums die einzelnen Steuerbeträge jedes Wählers, von denen seine Klassenzugehörigkeit abhängt, genau verzeichnet worden. Die rechtliche Zulässigkeit dieses Verfahrens wurde in der Oeffentlichkeit bestritten. Im „Tag" sagt dazu der berühmte Berliner Rechtsfehrer Üniversitätsprofessor Kohler u. a.: Wie Aerzte, Seelsorger ober Rechtslehrer auch beruflich Vrtrauensmitteilungen ihrer Klien- ten nicht für solche Zwecke bertoenben bürfen, für die sie nicht gemacht sind, so bringen auch die Steuergesetze zum Ausdruck, daß biejenigen Beamten, welche mit der Steuerveranlagung zu tun haben, biei gamachten Angabchr geheim halten müssen. Im Einkommensteuergesetz heißt es ausdrücklich: Di« Geheimnispflicht ist nicht nur eine Geheimnispflicht der Beamten, fonbern eine Ge- heimnispflicht des Staates selbst. Die Beamten müssen dieses Geheimnis halten nicht um des Staates willen; sondern um bet Personen willen, welche bie Mitteilungen gemacht haben. Daraus ergibt sich, daß der Staat auch nicht durch andere Beamte solche Mitteilungen bekannt machen darf, und daß es als ein Eingriff in die persönlichen Recht« zu betrachten wäre, wenn bei irgendwelcher sonstigen Gelegenheit bie Steuererklärungen dritten Personen mitgeteilt oder bei Offenlegung von Listen dem Publikum mit fitnbgegeben würben.
k. Landtagswahlen sind keine Reichstagswahlen. Mit einer verblüffenden Offenherzigkeit bekundet die „Trierische Ztg.", daß bie Oeffentlichkeit ber Lanbtagswahlen schon ihre Wirkungen zugunsten der Blockparteien tun werde. In Nr. 193 bespricht sie nämlich die Wahlen in Schlesien und das Wahlkompromiß zwischen Zentrum und Polen. „Man hofft," so schreibt sie, „mit ziem
licher Sicherheit, bie Herren Landrat Hey- fing, Kreisschulinspektor Rzesnizek, Boltz und Junghann aus dem Abgeordnetenhaus« hinauszubringen. Indes, Landtagswah« len sind keine Reichstagswahlen/ In diesen paar Worten liegt eigentlich alles; sh kennzeichnen so recht, wie sehr bie Liberalen all, den Druck von oben spekulieren. Schon bei der Reichstagswahl 1907 konnte ein Landrat bei Feststellung bezw. bei Besprechung des Resultats im Kasino dem Kreisschulinspektor zurufen: „Herr Kreisschulinspektor, in N. N. ist keine Stimme für unseren Kandidaten (Nationalkatholiken) abgegeben worden". Aber bei den Landtagswahlen kann man den Lehrern, wenn ein Kreisfchulin- spektor ober Landrat Kandidat ist, noch besser auf bi« Finger sehen. Ja, Bülow hatte recht, als er sagte, daß das jetzige Landtagswahlrecht ttn Interesse der Liberalen bezw. des Blocks läge. Darum haben bie Herren auch so geschmunzelt.
Ausland.
* Die Aendenmgen im englischen Kabinett werden von der katholischen Presse England- sreundlich begrüßt. Für die Katholiken die größte Bedeutung hat der Wechsel im Unterrichts- Ministerium. Der frühere Unterrichts-Mini- ster Mac Ken na zeigte sich als ein erbitterter Parteigänger. Ueber die Stellungnahme des Nachfolgers Nunciman zur Schulvorlage ist matt indessen noch im Unklaren. Die Vorkämpfer der konfessionellen Schulen (Katholiken und Anglikaner) sind der Meinung, der neue Minister werde von einem versöhnlichen Geiste beseelt sein, an den Mißerfolgen der beiden Vorgänger genug haben und die Schulsrage so zu lösen suchen, daß den gerechten Forderungen der verschiedenen Stow' fessionen entsprochen wird. /
Vermischtes.
* Wege« unlauteren Wettbewerbes hatte sich vor der Aachener Strafkammer ber Abteilungsleiter der Firma Leonhard Tietz, A.-G. in Köln, zu verantworten. Die Sache war bereit! am Kölner Landgericht verhandelt und ber Angeklagte sreigesprochen worben. Auf Einspruch be# Staatsanwaltes hatte das Reichsgericht sie zur nochmaligen Verhandlung an die Aachener Strafkammer verwiesen. Dem Angeklagten wurde vor» geworfen, in ber Absicht, ben Anschein eines besonders günstigen Angebotes zu erwecken, eine An» zeige erlassen zu haben, in welcher er vier Meter reinseidenen Sammet für 7,40 jl angeboten hab«, und sodann wissentlich reinbaumwollenen Sammet als reinseidenen bezeichnet und verkauft, zu haben. Der Angeklagte erklärte, es habe sich nicht um sogenannte Partiewaren, sondern um reguläre Ware gehandelt, und zwar sowohl bei dem seidenen wie bei dem baumwollenen Samt, (ber zum selben Preise, wie ber erstere abgegeben würbe). Er habe morgens die Warenposten getrennt auf ben Tisch gelegt; es könne vor gekommen sein, baß bie Waren durcheinander gekommen seien und eine Käuferin irrtümlich baumwollenen statt seidenen Samt erhalten habe. Er gäbe zu, mit ber Bezeichnung „reinseidene" vielleicht etwas zu viel gesagt zu haben, doch sei er ber Meinung gewesen, die Ware als reinseiden« bezeichnen zu können, weil er und auch die Fabrikanten ben Samt als reinseidenen ansähen, wenn ber Flor, also die Oberseite, aus Seide bestände. Seines Wissens werde kein Sami hergestellt, art dem auch bie Unterseite aus Seide bestehe. Dies« Ansicht wurde aber von einem sachverständigen Zeugen widerlegt. Es wurde festgeftellt, daß ein«
Ier Kruß.
Von Käthe Blattner.
Der Gruß soll keine hergebrachte Form ober ^öslichkeitsphrase sein, sondern ein Ausdruck ber j Achtung, bes Wohlwollens und ber Freundschaft. ! Grüße ich einen Menschen, so wünsche ich ihm in demselben Augenblicke etwas Gutes. Ein jeder Gruß sollte deshalb freundlich sein; er hat bann etwas ungemein Wohltuendes und Herzerfrischendes. Gilt der Gruß einem Freunde, so ist et selbstverständlich herzlich. Grüße ich einen mir fernerstehenden Menschen, so ist auch fein Grund vorhanden, daß ich ihm das gewünschte Gute in weniger angenehmer Form sage. Steht der Gegrüßte an Stellung und Bildung über mir, so ist es durchaus keine Herabwürdigung für ihn wen» ich ohne unpassende Vertraulichkeit öerbinb- »w und höflich grüße. Spendet man einem Untergebenen einen Gruß, so hat man ebenfalls ferne Ursache, weniger wohlmeinend zu grüßen. Kem Mensch, er mag im menschlichen Leben eine W oder niedere Stellung bekleiden, wird sich dem Einflüsse eines echten, aus dem Herzen komme,wen Grußes, zu entziehen vermögen. Und umgekehrt, je gebtlbeier em Mensch ist, desto artiger und gleichmäßiger ist sein Gruß, denn nur dann besitzt er echte Herzensbildung, die ben Stan- desunterschied nicht fühlen läßt. Im übrigen 'grüßt das Alter zuvorkommenber unb gleichmäßi- ger als die Jugend. Der lebenserfahrene Mensch bat im vorgeschrittenen Alter bie kleinlichen Eitelkeiten der Welt eingesehen und überwinden ge- Ant; er ist im Umgänge humaner unb nadj- i^vjter geworden. Die rasche, feurige Jugend ist ""reif im Urteil. Höflichkeit, Ehrer- otetttng und Herzensfreundlichkeif, entsprungen fe«ne^ wahren Herzensgute, sind ihr vielfach beSegriffe. — Ein zu kühler, ftemder, zu tntioneBer Gruß kann ebenso kränken, wie t"u >u vertraulich« Gruß leicht beleidigen kann.
®ie sollen wir nun ober grüßen?
Unser göttlicher Lehrer unb Erzieher bet Menschen beantwortet diese Frage mit der Mahnung: „Werdet wie die Kinderl" Ein gut erzogenes Kind grüßt vertrauensvoll, mit offenen, freundlichen Augen. Es grüßt jedermann; hoch und niedrig, Freund und Feind. Man wird eintoen- ben, daß bie Schranken der heutigen, gesellschaftlichen Snfotbetungen nicht zu durchbrechen seien. Ich widerspreche dieser Ansicht. Wahrhaftes Wohlwollen unb echte Herzensgute gegen bie Mitmenschen sprengen bie konventionellen Fesseln und gewinnen siegreich Menschenherzen. Gill doch auch ein Gruß in dieser Gesinnung „bei dem lieben Gott soviel wie ein Gebet 1"
An der Begrüßungsart erkennt man aber auch den Bildungsgrad, oft sogar Charakterzüge einzelner Nationen und Völker. Die Griechen, das lebensfrohe, von allem Schönen und Edlen begeisterte Volk, grüßen: „Sei vergnügt!" Die frie- gerifdjen Römer, welche an ein beständiges Kommen und Gehen gewöhnt waren, sagten beim Kommen „Sei gegrüßt!" unb beim Gehen „Lebe wohl!" Die Israeliten, ein sanftes Hirtenvolk, wurden von den benachbarten Heiden oft hart bedrängt. Der Fried« ging ihnen über alles, daher ihr Gruß: „Der Friede sei mit euch!" Der leichtlebige Süddeutsche sagt frischweg: „Grüß Diese alte Begrüßungsformel nebst „Behüt Gott!" haben sich im Volke noch vielfach er- Der Nordländer ist schwerfälliger; er prüfet ffcQrfamer und auch zurückhaltender, obwohl 'bin »Guß gut gemeint fein kann. Engländer, g>oUanber und Skandinavier, unsere nautischen Aolker, haben den ausdrucksvollen Gruß „Gute Fahrt! Die Franzosen rufen sich „Mit Gott!" zu, welchen Gruß die Deutschen auch beim Ab- fätebe gebrauchen. Fast alle Kulturvölker gebrauchen rn den verschiedenen Sprachen „Guten Mor^n usw. als Grußforml. Auch einzelne Stande haben ihr« eigenen Bogrüßungsarten. „Weidmannsheil", „Gut Heil", „All Hsil" ist ber Gruß des Jägers, des Turners, des Radfahrers. Erinnern wir uns auch noch des sinnigen Grußes
der Bergleute, bei denen er gewiß keine leere Form ist! „Glück aus!" heißt es, wenn sie in den tiefen Schacht steigen; „Glück auf!" ruft der Bergmann froh dem Kollegen entgegen, wenn er zum goldenen Tageslicht emporfährt.
Im mohammedanischen Orient ist unter Moslemin ber Gruß „Heil fei mit Dir ober mit Euch" unb als Antwort „Unb mit Dir sei Heil unb Gottes Barmherzigkeit" gebräuchlich. Dabei wird die rechte Hand zur Brust und bann zur Stirne geführt. Moslemin unb Christ begrüßen ein- anber mit „Dein Tag sei glücklich" ober „Willkommen".
Die Gebärden beim Grüßen sind verschieden. In Europa gehören zu ben gewöhnlichsten Begrüßungen da» Hutabziehen (seit dem 16. Jahrhundert), Verbeugungen unb Knickse. Händedruck, Umarmung unb Kuß setzen nähere Beziehungen voraus. Der bei ben Oesterreichern übliche Handkuß mit den Worten: „Küß Sie Hand!" ist ein Ausdruck ber Ehrerbietung unb Hochachtung. Der Russe wirst sich zu ben Füßen seines Herrn nieder, umHammert besten Knie und küßt ste. Der Pole verneigt sich bis zur Erbe oder wirst sich ebenfalls dem Herrn zu Füßen ober küßt dessen Schultern. Der Böhme küßt bie unteren Säume ber Kleiber. UeberHaupt tragen die Begrüßungsarten bei den Mongolen unb im Orient daS Gepräge einer sklavischen, unterwürfigen Denkungsart. Zum Schlüße möchte ich noch auf den schönsten Gruß Hinweisen, ben bie Katholiken besitzen: „Gelobt sei Jesus Christus!"
Allen aber, bei denen ber Gruß mehr als eine bloße Form ist, rufe ich zu: «... Die's ehrlich meinen, die grüß' ich all aus Herzensgrund!"
Crnte pädagogische Regel entnehmen wir dem ernsten und gehaltvollen Aufsatz von Fr. W. Foerster Grundfragen der Charakterbildung" im ebcn crröienenen. April des Hochland: Es ist sehr wichtig, die Einseitigkeit der natürlichen Rich- tung bei jeben Geschlechtern durch „Hebungen im
Entgegengesetzten" auszugleichen. Es ist z. B. ganz irrig, daß man Knaben nur wilde unb to- benbe Spiele machen läßt unb Mädchen durch Puppenpflege und Handarbeit am besten für ihren weiblichen Beruf vorzubereiten glaubt. Bei weichlichen Knaben ist es gewiß in der Ordnung, ste durch spezifisch männliche Betätigung abzuhärten; energische und temperamentvolle Naturell aber sollten baneben ein starkes Gegengewicht an Erziehung zur Charitas haben: Man sollte sie schon in jungen Jahren zu sorgfältiger Krankenpflege heranziehen, sollte ihre Freude daran sogar durch gelegentliche Kurse in ben elementare« Handgriffen und Hilfsmitteln beleben; man soll ferner sehr intensiv darauf achten, daß sie sorgsam mit ihren und anderer Leute Sachen umgehen, soll ihnen Werkzeuge zur Reparatur halten, auch zu- Reparatur mutwillig geriffener Löcher in Kleidern und Strümpfen, und endlich soll man sie gelegentlich zur Mithilfe in Haushaltungsarbeiten heranziehen, besonders wo es Gelegenheit zur Hebung in ber Sorgsamkeit gibt. Mit Recht hebt Pestalozzi einmal hervor, man ahne gar nicht, wieviel „Fundamente zu großen Zwecken" die Festhaltung solcher Kleinigkeiten gebe. Man gebe z. A. einem Knaben ben Auftrag, ben Tisch recht schnell zu decken oder abzudecken, unb zeige ihm nun, wie wenig man babei lernt, wenn man das mit viel Lärm und Geklapper macht, toiebiel Energie unb Geistesgegenwart aber dazu gehört, alle diese Handgriffe mit so wenig Geräusch wie möglich auszufiihren unb doch babei nicht zu trödeln. Solche Arbeit enthält viele Gleichnisse auch für bie höheren Lebensfragen. — Bei Mädchen andererseits Iväre die Weckung und Hebung tonfequctt- ter Willenstäfigkeit, vor allem auch das Sichfrei- machen von der Herrschaft äußerer Reize unb Eindrücke sorgsam anzuregen (Selbsterziehung zum Schweigen). Nicht um männliche Chanlttere ans ihnen zu machen, sondern gerade tm Gegenteil, um ihrer Weiblichkeit Stärke und Stand- -Hastigkeit zu verleihen.