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M 95.
Fulda, Samstag den 25. April 1908.
35. Jahrgang.
Erstes Matt.
q Uonservatioe und Zentrum.
Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen sind in der Presse der Konservativen und de» Zentrums Zweifel erhoben worden, ob ein Zusammengehen dieser beiden Parteien bei den Wahlen überhaupt noch möglich sei.
Die konservativ« Presse wirft dabei dem Zentrum vor, es habe sich in seiner politischen Stellung zu weit nach links drängen lassen, während anderseits die Zentrumspresse den Konservativen vorwirft, diese habe sich bei der Annahme deS Enteignungsgesetzes und des 8 7 des Dereinsge- setzes lediglich von der Feindschaft gegen die Katholiken, in diesen beiden Fällen gegen die polnischen Katholiken, leiten lassen, sie seien über- Haupt als die Kerntruppe des Blocks die größten Gegner des Zentrums.
Bei Beurteilung dieser Fragen muß man sich von aller Gefühlspolitik frei halten: die Konservativen sind es ja nicht allein gewesen, die diese Zwangsgesetzgebung mitgemacht haben, ebenso gut haben die Nationalliberalen das Enteig- nungszesetz und den § 7 des Vereinsgesetzes angenommen, die Freisinnigen wenigstens den letz- teren.
Da bei den Landtagswahlen außer dem Zentrum vorzugsweise die genannten drei Parteien in Frag« kommen und nur in einzelnen Fällen noch eine neue linksliberale Partei, die sog. Barth-Brcitscherdsche Richtung, welche Enteignungsgesetz und § 7 verwirft, zu berücksichtigen wäre, kann man wohl sagen, daß alle diese Parteien von den Konservativen bis zu den Freisinnigen inbesondere aber die Nationalliberalen Gegner des Zentrums sind und keiner- lei Unterstützung des Zentrums verdienten. Wenn man die Vorgänge beim § 7 des Vereinsgesetzes und der Enteignungsvorlage als Grundlage der Stellung des Zentrums bei den Wahlen zum Landtag« nehmen wollte, so dürfte man also keine der Blockparteien, weder Konservative noch Nationalliberale und Freisinnig« unterstützen, sondern allenfalls die Kandidaten der neuen linksliberalen Partei, für die im Kreise Marburg Professor S ch ü ck i n g und im Kreise Schlüchtern-Gelnhausen Professor Arndt kandidieren.
In letzterem Krüse könnten die Zentrums- wahlmänner vielleicht den Ausschlag zugunsten diele? ncuenKandidaten geben, wenn auch voraus- zusehen ist, daß das Zentrum selbst mehr Wahlmänner stellen wird, als die linksliberale Partei; es müßte also gleich für den linksliberalen Arndt stimmen, um nicht selbst in die Stichwahl zu kommen. Bei Berücksichtigung der Verhältnisse muß man ferner in Betracht ziehen, daß die neue linksliberale Partei auch in der Frage eines freiheitlichen La.ndtagswahl- r e ch t s auf dem gleichen Standpunkt steht wie das Zentrum, während Konservative und Na- tionalliberale dieses freiheitliche Wahlrecht bekämpfen und den Landtag auch ferner unter der Herrschaft des Dreiklassenwahlrcchts halten rnöch- ten. Anderseits ist dagegen die Stellung der erwähnten linkslibcvalen artet in der wichtigen Frage der Schulaufsicht eine dem Zentrum feindliche. Von den Konservativen kann man, wenn sie an ihren früheren Ansichten in der Schulaufsicht noch fest halten und diese nrcht auch noch der Blockpolitik opfern, wenigstens erwarten, daß sie in dieser Frage mit dem Zentrum Hand in Hand gehen werden. Im übrigen ist auch die konservative Partei durch den Block nach und nach in eine dem Zentrum so feindliche
Stellung gekommen, daß gemeinsame Interessen kaum noch vorhanden zu sein scheinen.
DaS Zentrum hat also keinerlei Veranlassung mehr, den Konservativen Dienste zu leisten oder ihnen nachzulaufen, es kann sich ebenso gut auf die gegnerische Seite stellen und ausschlaggebend für seine Stellungnahme muß lediglich daS eigene Interesse sein.
Wenn wir die Verhältnisse in unserer engeren Heimat, dem Regierungsbezirk Kasse! betrachten, so handelt es sich ernstlich nur um - Wahlkreise, von denen das Zentrum 2 inne hat, nämlich Fulda und Gersfeld-Hünfeld, während ei in 2 anderen über eine starke Zahl von Wahlmännern verfügt, nämlich in denKreisen Gelnhausen-Schlüchtern und Kirchhain-Frankenberg. Letztere beiden Kreis« sind im Besitz der Konservativen und wiederholt sind deren Kandidaten sogar mit Hilfe des Zentrums gewählt worden, wäh- rend die Konservativen das Zentrum in seinen eigenen Kreisen, besonders im Kreise Hünfeld- Gersfeld, bekämpften. Eine so einseitige Freundschaft läßt sich natürlich unter heutigen Verhältnissen erst recht nicht mehr aufrecht erhalten und wenn die konservative Partei darauf besteht, nach wie vor eine dem Zentrum feindliche Haltung einzunehmen und dieses in seinen Wahl- kreisen zu bekämpfen, dann müßte die unausbleibliche Folge sein, daß auch die Zentrumswahlmänner in den anderen Kreisen, besonders in Schlüchtern-Gelnhausen und Kirchhain-Frankenberg für die Gegner der Konservativen eintreten, was ihnen ja nicht schwer fallen wird. Könnte dagegen zwischen den beiden Parteien eine Verständigung dahin getroffen werden, daß jede den Besitzstand der anderen Partei in Ruhe läßt und ihr keinen Gegenkandidaten gegenüberstellt, sondern entweder für den Kandidaten eintritt oder sich der Abstimmung bei der eigentlichen Abgeordnetenwahl am 16. Juni enthält, so ließe sich sehr wohl «in solches Zusammengehen rechtfertigen.
Die Zentrumswahlmänner in den Kreisen Marburg-Kirchhain und Gelnhausen-Schlüchtern und in anderen Kreisen würden es begreiflich finden, daß sie entweder für den konservativen kran- didaten stimmten, oder am 6. Juni zu Hause blie- ben, wenn die konservativen Wahlmänner dos Gleiche im Kreise Hünfeld-Gersfeld tuen.
Entweder könnten also beide Parteien Zusammenhalten und danach auch handeln oder sie kennten sich als Gegner bekämpfen', dann aber in allen Wahlkreisen unseres Regierungsbezirks, nach dem Wahlspruch: „Wie Du mir, so ich ® tri"
Don nicht zu unterschätzender Bedeutung könnte ern Zusammengehen beider Parteien auch für die künftige Reichstagswahl werden, die vielleicht eher zu erwarten steht, als man in der Regel annimmt.
Deutsches Reich.
— Ein Wechsel in der Leitung der An- iedelungskommission steht bevor. Der gegen- wärtige Präsident Blomeyer ist zum Regie- rungspräsidenten für Stralsund in Aussicht genommen, lieber die Ernennung seines Nach, olgers verlautet noch nichts. Es steht wohl zu erwarten, daß der Wechsel im Präsidium im Zusammenhänge mit der im Abgeordnetenhause mehrfach verlangten Aenderung des ganzen Per- ährens der Ansiedelungskommissson zusammen- hängt.
(*) Die höhere Postlaufbahn ist, wie jetzt )as Amtsblatt deS ReichSpostamtes mitteilt, wieder eröffnet worden.
----- Die Verträge über Nordsee und Ostsee sind am Freitag in ihrem Wortlaut amtlich betonntgegeben worden. Danach wird eine genaue Grenze zwischen Nordsee und Ostsee nicht festgesetzt und der gegenwärtige Besitzstand auf- recht erhalten. Nach dem Ostsee-Abkommen i t auch anzunehmen, daß die Bestimmung deS Pariser Vertrages, welche Rußland an der Befestigung der AlandS-Jnseln verhindert, bestehen bleibt.
* Die Anforderung an gedeckten und offenen Güterwagen im Bereiche des preußischen Staats« eisenbahnwagenverbandeS find im März dieses Jahres wesentlich hinter dem gleichen Monat des Vorjahres zurückgeblieben, obwohl der diesjährige März einen Arbeitstag mehr hatte, als der vorjSdrige. Die geringere Wagenanforderung ist natürlich eine Folgeerscheinung der sinkenden wirtschaftlichen Konjunktur.
A Die englische Hetze gegen Deutschland will in einem Teile der englnchen Presse trotz der Bemühungen englischer hochgestellter Kreise nicht aufhören. Jetzt nimmt man sogar die deutsch- französischen Annäherungsversuche zum Vorwand, daS Ausland gegen Deutschland scharf zu machen. Der ,Daily Expreße veröffentlicht am DonnerS- tag einen Leitartikel gegen Deutschland, worin er der Besorgnis Ausdruck gibt, daß die Bemühungen, die man in Berlin macht, um zu einer Verständigung mit Frankreich zu gelangen, zu einer deutsch-französischen Freundschaft führen könnten, die der Bedeutung der englisch-französischen Entente gefährlich würde. Frankreich wird gewarnt, sich zu sehr mit Deutschland einzulassen. DaS deutsche Reich würde zweifellos einen hohen Preis für die Freundschaft mit Frankreich zu zahlen gewillt sein, aber Frankreich dürfe nicht vergeben, daß Deutschland die einzige wirklich kampfbereite, ehrgeizige Macht in Europa sei. Für die Welt würde es ein Unglück bedeuten, wenn Frankreich eines kleinen, zeitweiligen Vorteils wegen der teutonischen Macht zu einer ihr nicht zukommenden Stärkung ihre- Einflusses verhelfen würde. Die Verständigung mit England sei noch immer das beste Mittel, den deutschen Ehrgeiz im Zaume zu halten. — Viel Wert braucht man auf diese plumpe Mache nicht zu geben. Aber immerhin sind solche Ausfälle, wie sie seitens eines Teiles der englischen Presse von Zeit zu Zeit gegen Deutschland gemacht werden, beachtenswert, alS sie rrkennen taffen, wie genau man jede Bewegung Deutschlands in England beobachtet.
* Weber die Pensionsversicherung der Prival- licamten soll Abg. Stttart nach einer Meldung des ,Berl. Tagebl.' auf einer Versammlung in M.-Gladbach mitgeteilt Haden, in einer letzter Tage im Reichsamt des Innern abgehaltenen Besprechung sei von zuständiger Seite die 33er» icherung abgegeben worden, die Regierung werde dieses Jahrzehnt nicht vorübergehen lassen, ohne dem Reichstage einen Gesetzentwurf über Pensionsversicherung der Privatbeamten vorzuleqen.
* Der Parteivorstand der Freisinnigen Bereinigung hat den Vorsitzenden Schrader mit Abgabe einer Erklärung an die Parteimitglieder im Lande beauftragt, in der kurz übet das Aus« cheiden der Herren Barth und Genossen aus der Partei berichtet, die schon in Frankfurt abgegebene Versicherung, daß die politische Haltung der Partei dadurch in keiner Weise geändert werde, wiederholt und an die Parteifreunde die
Bitte gerichtet wird, „in ihrem Vertrauen zu der Partei nicht wankend zu werden, vielmehr mit aller Kraft für ihre Organisation und ihre Ziel« weiter einzutreten. — Die Mitglieder einer s» unentwegten Partei werden doch nicht wankend werden!
Die hereingefallenen Freisinnigen. Auf dem Frankfurter Parteitag der greifinnigen Vereinigung meinte Abg. Gothein:
„Wir waren in die glücklich« Lage gekommen, «dt den Konservative» und den Narionallideralen zusammen die nationalen Forderungen bewilligen zu können und mjt Zentrum und mit Sozialdemokratie freiheitlich« Gesetze zu schaffen. Halten rott denn da den Block (• nölig «Sehr gut! bei der Minderheit). Jetzt hat nur daS Zentrum Freud« an u»srr«r Haltung. Es kann sich den LuxuS gestatten, mit freiheitlichen Anträgen zu paradieren. Wir müssen wieder ein« Annäherung suchen an Zentrum untz Sozialdemokratie, denn im Bunde mit ihnen können wir politische Freiheiten erringen, nicht aber im Bunde mit den Konservativen (Sehr wahr bei de» Minderheit).
Da- ist ganz richtig. Wenn der Liberalisrnu» sich freie Hand gewahrt hätte, hätte er durch di« Verbindung mit den rechtsstehenden Parteien „nationale" Arbeit, durch die Verbindung mit dem Zentrum und den Sozialdemokraten freiheitliche Gesetze schaffen können. Die freie Hand zn wahren — daS ist der Anfang der klugen politischen Taktik! DaS Zentrum hat sich niemali auf die Binvung in irgend einen Block, vor allem nicht in einen Regierungsblock eingelassen. ES hat nur sein Programm alS Seitftern gelte« lassen und die Unterstützung für seine Zweck- da genommen, wo sie zu haben waren —: ohne sich einem ständigen Verbündeten oder Patron auSzuliesern. Die Freisinnigen haben in ihrem Heißhunger nach einer anscheinenden Machtstellung diese Methode der selbstbewußten Freiheit aufgegeben und sich in den Dienst des Fürsten Bülow begeben. Dadurch haben fi- die ausschlaggebende Stellung, die ihnen bei bet letzten Wahl zugefallen war, verscherzt. De« Rückweg vermögen sie nicht zu finden; sie müssen m Frondienst bleiben und geduldig warten, ob bei den bevorstehenden Landtagswahlen einig-' Brosamen der Beamtengunst für ste abfallen.
* Der Liberalismus und die Frauenfrage. Als letztes Veihandlungsthema des in Frankfurt a. M. beendeten Parteitages der freisinnigem Vereinigung wurde daS Problem „Liberalismus und Frauenfrage" erörtert, dessen Behänd«:' ung schon seit Jahren von den Frauenrecht«! erinnen auf allen Parteitagen gefordert wurde.' Fräulein Else LüderS-Berltn als Referentin trat, ür das uneingeschränkte Frauenstimmrecht ein. Sie forderte die grundsätzliche Heranziehung! der Frauen zu allen kommunalen Veranstaltungen^ zu sämtlichen wirtschaftlichen Jntereffenvef tretungen, Krankenkassen, Gewerbegerichten, SSt»1 beitskammern usw., den ungehinderten Zutritt bet' Frauen zu allen Berufsarten und grundsätzlich-! Zulassung zu politischen Vertretungen im Reiche' Staat und Gemeinde. Man nahm eine Resolution an, die ben Ausführungen der Referentin entri prach.
----- Keine Drohbriefe! DaS ,Pos. Tagebk.^ dementiert die Nachricht, der Oberpräsident vor»! Posen, der Regierungspräsident und der Präsiden^ der AnsiedelungSkommission seien unter polizeü. ichen Schutz gestellt worden, weil sie Drohbriefs in polnischer Sprache auS Posen und Gnesen er4 halten hätten. Ganz abgesehen davon, daß btfc
B8
Angwlinas Gesundheitszustand erfordert« immer noch die größt« Schonung und das war auch der Grund, warum ber Marchese sein Haus allen Besuchern verschloß.
Neue Eindrücke, neue Gefühlserregungen wa> ren sorgfältig zu vermeiden bei der hohen Reiz, barkeit des Nervensystems der jungen Braut.
Selbst der Besuch des Grafen Franconi, der den innrgften Anteil an dem glücklichen Erfolge der Kur genommen, mußte hinausgeschoben werden, obwohl Karolina Franconi, die Freundin Anziolinas, es kaum erwarten konnte, den zuge- sagten Besuch in Sorrent abzustatten.
In den Gesellschaftskreisen Neapels, wo der Marchese Rionero einst mit seiner schönen Gattin Aldma geliebt und geschätzt gewesen war und fpä- ter das tragische Geschick seines Hauses die größte Teilnahme erregt hatte, beschäftigte man sich jetzt angelegentlich mit der Wunderkur, die der bc- rührnte englische Arzt an dem blinden Mädchen gemacht, und die Damenwelt fand es ganz beson- ders interessant, daß Angiolina ihrem Retter zum Altar folgen wolle.
Allerlei Gerücht« gingen um, die Persan des Engländers betreffend, und dessen Häßlichkeit wurde ins Fabelhafte übertrieben. Ja, man ging wgar so weit, zu behauvten, daß Linston mit w1 j^en Blick behaftet sei, und jung« sentimen-
Mädchen, sowie alte Jungfern, die bei jeder Einschließung ein Unglück witterten und voraus- wglen, waren der Meinung, es wäre für Angio- ™a "rtfer gewesen, blind zu bleiben, wenn sie «nn wirklich ein solches Scheusal ehelichen sollte, w-e dieser Engläirder sei.
ni,r gut, daß die Bewohner der Sor- Billa nicht Kunde von all den Torheiten ilcn, die über fie gesprochen wurden.
und i^^echnachtsfest verlebten sie in schöner gestörter Stille und der Jahres-
— xurnnTl- E drei eine bedeutsame Feier ... zumal für Braut und Bräutigam.
22.
Amadeo Santonis Rache.
Als der ehemalige Verlobte Angioliuas drei Tage nach ferner Unterredung mit Oliver Linston Neapel verlassen hatte, begab er sich, seinem an- sangs gefaßten Entschlüsse untreu werdend, zu- nächst nach Rom, dann nach Genua, um sich von dort nach Marseille einzuschiffen, wo er Ende Dezember eintraf.
Das rege Leben, welches in der Hafenstadt herrschte, und deren schöne Lage in einer von Hohen «ingeschlossenen Ebene am Meer, fesselten den Reisenden und bestimmten ihn zu einem längeren Aufenthalt.
Es war am letzten Tag« des Jahres, als Son- toni, ein« Zigarre rauchend, am Hafen einen Spaziergang machte. Er war heute zieinlich miß- gestimmt und hing keineswegs angenehmen Betrachtungen nach.
. Dieser letzte Tag des Jahres war ihm sonst .mmer so heiter verfloffen, im Kreise lustiger ^.^unde und Bekannten, und im Vorjahre — öa war er in Sorrent gewesen, als Gast iierbtierS^6 6 ^Ionero' künftigen Schwie- , ,Bah ■ dieser Traum war ausgeträumt. Er nane Angiolina nie geliebt, wie hatte das auch um können bei des Mädchens Blindheit — aber i« war ihm eine wünschenswerte Partie gewesen niid es verdroß ihn am meisten, in welcher Weise Braut verloren. Dieser verwünschte, häß- ttche hochschulierige — nicht zu sagen buckelige Engländer sollte die Braut und deren bedeutende Mitgift als ärztliches Honorar erhalten! Wahr- lich, das war ein Glück, welches er, der Beraubte bem Manne noch weniger gönnte, der sich auch noch um das Maß voll zu machen, im Besitze ianefc Geheimnisses befinden mußte.
„ ''M' Mnrbe5 HenkerI" brummte Santoni unwUlkurlich laut vor sich hin und ärgerlich warf er dre halbauSaerauchte Zigarre fort. T
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Da fühlte er sich von einem Vorübergehenden leicht gestreift, das Gedränge war in diesem Moment gerade an diesem Punkte sehr stark, weiß ein Schiff aus Tunis am Morgen Anker geworfen und sein« Passagiere in kleinen Schaluppen an» Land gesetzt hatte.
Santoni wendete sich um und sah sich einet seltsam ausstaffierten Gestalt gegenüber.
ES war ein noch junger Mann, dessen tiefgebräunte Gesichtsfarbe ihn als einen Sohn bet beißen Zone bezeichnete. Dem widersprach auch die Tracht nicht, obwohl dieselbe in ihrer Zusammensetzung ein wunderliches Ganze bildete.
Das Eckige Haupt des schlank gebauten Matt- nes bedeckte em« Mütze aus gelblichem Baurnwol- .'enstoff, wie die englischen Reisenden sie in den heißen Ländern zu tragen pflegen, über den gro-' ben Motrosenanzug aber ein Mantel au8 weißem Kaschmir, nach Art der Beduinen geworfen und nm den Leib hotte der Fremde eine rot« Seidenschärpe mit verblaßten Goldfransen an ben En< len geschlungen; aus diesem Gürtel ragte der Griff eines mit edlen Steinen besetzten Dolche» und der Schaft einer Pntole.
Santonis Blicke ruhten einen Moment auf her eigentümlichen Erscheinung, da dergleichen aber im Hafen von Marseille nicht zu där Sei- ^be-ten gehort, wendete er sich zum Gehen, al» r -A de, sich verneigend, ihn im besten Italienisch anredete:
„Verzeihen Sie, daß ich mir die Freiheit nehme, Sie hier anzuhalten, mein Herr, aber ein „ort, das an mein Ohr schlug, und das Sie im Unmut über irgend etwas gesprochen haben, ber- r>et mir, daß Si« ein Landsmann sind."
„DaS ist ganz richtig", erwidert« Nmadeo kühl, wenn auch nicht unfreundlich, „ich bin Nea-/ politaner und befind« mich auf der Reise hier in Marseille."
„Und in mir", rief der Fremde lebhaft, „sehen Sie einen Sohn der ruhmreichen Republik Venedig."
Im Prmkelin.
Roman von Ernesto Selva.
Nach einer wahren Begebenheit erzählt.
65] (Nachdruck verboten.)
Angiolina, die ein angeborenes Gefühl für das Schöne, einen feinen Geschmack besaß, war anfangs vor der Häßlichkeit Olivers, seiner Mißgestalt erschrocken, dann aber hatte sie den Mann unendlich bemitleidet, der geistig so hoch stand und doch seine Mißbildung als ein Unglück fühlte, sie gelobte es sich, daß sie alles tun wolle, ihn darüber zu trösten.
Er hatte ihr von seiner traurigen einsamen Jugend erzählt, vom Tode der Schwester und der großen Armut, in der si« all« gelebt, den Entbehrungen, die er erlitten. Ln:
. i«n!*„^ät)(f)en frefafe ein so edles Herz
.Laß diese Erzählungen ihr Mitgefühl in 6o&em Grade erregten so daß sie es sich zuiveilen £ banden verdienten Mann, der soviel erduldet hatte, m Zukunft durch ihre Liebe alles berufen zu machen was die Vergangenheit ihm scherz. Irckes geboten. 6
Ob Diiber sich glücklich fühlt«? — Zuweilen Wohl, wenn er sich die Zukunft in rosigem Lichte ausmalte. Ja, wenn er «vig in köstlick^r Zurückgezogenheit bon der Welt, in diesem kleinen Kreise leben könnte!
Leider war daS nur ein schöner Traum und die süße Ruhe, welche er jetzt genoß, mußte nur zu bald dem bewegten arbeitsbollen Leben Wei- ]chen, das sein ärztlicher Beruf mit sich brachte.
Dann würde Angiolina ihm folgen in seine «veite Heimat, nach England, und er wollte sein .Bestes tun, um sich noch mehr Ruhm und Schätze .zu erwerben und andererseits auch den Segen und !®anf der Kranken und Elenden — alles um fei- !neS Weibes willen. O. wie süß klang dieses