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Ausnahme der Sen» »nd Feiertage, viertel» jährliche» Ve;ugrpreir ahne vringerlohn und Vefteilgeld in Fuldas»« wlt auswärts 1.50 HIL

Vrrantw. Redakteur r

Carl Schütte; für die Anzeigen:

I-parzeLer te Fulda.

ZMaerWZeitMg

Wocheilbtllage: Illustrierte Zonntagszeitung" monLtibellage: „Fuldaer Geschichtsblätter"

Anzeigen: vie et» spaltige Petitzeile »der deren Raum 15 Pf-. ReNamendre Petitzeile 25 psg., bei wieder» Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Rotationsdruckuu» Verlag der Fuldaer Ad tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

35. Jahrqanq.

Fulda, Freitag den 24. April 1908.

M 94.

ganzes Land und da» Reich selber beteiligt Aber es kommt schließlich nicht so sehr darauf an. in welcher Form, sondern d a tz der Wertzuwachs wenigsten» teilweise der Allgemeinheit zugeführt wird, und man darf wohl sagen: Wenn die Ge­meinden den Nutzen davon haben, so fließt das indirekt doch auch auf das Reich und den Staat über.

Bündnis ein Herzensbedürfnis aller deutschen Stämme set Alle fürstlichen Besucher wollen da­mit ihre Ehrfurcht vor der Geschichte des Hause» Habsburg und vor der Person deS Kaisers Franz Joseph bezeigen. Sie wollen damit sagen, wie­viel Vertrauen sie dem Kaiser entgegenbringen, wieviel Verständnis für seine mühevolle Arbeit sie hoben und wieviel Dankbarkeit für das Fest* halten an der Allianz in guten wie in böse« Lagen sie fühlen.

Die Huldigung der deutschen Fürsten ist feine höfische Feier: sie ist ein Gruß der ganzen deut­schen Nation an den Kaiser Franz Joseph.

* wertzuwachssteuer.

Der Kampf für die Besteuerung des unver­dienten Wertzuwachses am Grund und Boden, sowie gegen den Schacher mit dem Grund und Boden und gegen eine leicht und mühelo» ver­dienende Terrainspekulation ist dermaßen populär geworden, daß sich ihm weder Staaten noch Ge­meinden auf die Dauer entziehen können. Wo ne die ©efeteebung noch nicht zuläßt wie in Würt­temberg, ist sie im Rückstand.

Bisher kennt man die Wertzuwachssteuer nur als Gemeindesteuer. Sie wird erhoben, wenn ein Besitz in andere Hände übergeht und soll der Gemeinde eine Entschädigung für die Auf­wendungen bieten, die auf Kosten aller Steuer­zahler zu allgemeinen Zwecken gemacht wurden, aber speziell den Erfolg hatten, daß die Werte der Grundstücke in die Höhe stiegen. Wie sehr eine solche Steuer berechtigt ist, wurde auf dem Der- bandstage der Bodenreformer in Stuttgart von dem Hinter Oberbürgermeister Wagner an einzel­nen Beispielen dargetan. Die Befreiung vo.-n Bau­verbot int Festungsgebiet, die die Stadt UInt auf Kosten der Allgemeinheit durchgeführt hat, stei­gerte die Preise für Bauland in Ulm ganz unge­wöhnlich, so daß eine schon vorher wohlhabende Familie nahezu 1 Million Mark Mehrgewinn durch Bodenverkauf erzielte, eine andere den min­destens dreißigfachen Betrag dessen, was g, wenige Jahre vorher gezahlt, für ein Grundstück erhalten hat. In Stuttgart hat man nun, wie schon be­richtet, Propaganda gemacht für eine staat­liche Wertzuwachssteuer. Das ist eine Frage, die diskutabel, aber noch nicht spruchreif ist. Auch unter den Bodenreformer gehen die Ansichten da­rüber weit auseinander.

Der bekannte Professor Adolf Wagner war eS, der dafür eintrat, daß nicht bloß die Gemeinden, sondern auch die Einzelstaaten und auch das Reich ihren Anteil an der Wertzuwachssteuer haben sollen, Md zwar einfach deshalb, weil alle drei Faktoren durch ihre Tätigkeit an der Wertstei- gerung von Grundstücken beteiligt sind. Ihm kommt zuerst das Reich, dann der Einzelstaat und drittens die Gemeinde.

In der Diskussion fand dieser Standpunkt ebenso starke Anfechtung wie Unterstützung. So sprach Oberbürgermeister Wagner-Ulm seinem berühmten Namensvetter gegenüber den Wunsch aus, daß die Wertzuwachssteuer den Gemeinden zugewiesen werde. Auch der Vertreter des preu­ßischen Ministeriums des Innern erklärte sich gegen die Wagnersche Anregung. Er wies hin auf den in beängstigendem Umfang wachsenden Steuerbedarf der Städte, für die zudem die Auf­hebung des Oktrois durch das Zollgesetz eine unge­heure finanzielle Schädigung bedeutet habe. Die Gemeinden seien die Pfeiler, auf denen das Reich ruhe, und es könne unmöglich eine Finanzwirt­schaft begünstigt werden, bei der das Reich sich vollsauge auf Kosten der Gemeinden. Eine kräf- tige Unterstützung fanden diese Ausführungen durch Professor Erman-Münster, der besonders auf folgendes hinwies: Die Bodenreformer emp­fehlen den Gemeinden: Erwerbt Land, soviel ihr könnt. Habe man nun eine staatliche Zuwachs­steuer, so ergebe das sehr gefährliche Konflikte. Der Löwe Reich, der Jaguar Staat und das Lamm Gemeinde zankten um tenfclben Bissen. Für die Gemeinde sei das keine ungesährliche Nachbarschaft.

Solchen Bedenken gegenüber hielt Adolf Da­maschke, der Vorkämpfer für die Wertzuwachs­steuer, ebenso wie Prof. Wagner das Prinzip der inneren Berechtigung einer staatlichen Zuwachs­steuer aufrecht, weil eben nicht bloß die Gemein­den. sondern Staat und Reich am Zuwachs schäf­tend beteiligt feien.

Es ist schon richtig: Ost ist am Wertzuwachs nicht bloß eine einzelne Gemeinde, sondern ein

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Am 7. Mai werden 14 bis 16 regierende deut­sche Fürsten in Wien anwesend fein, um dem Kai­ser von Oesterreich den Glückwunsch zu seinem Re- gierungsjubiläum gemeinsam und persönlich bar- zubringen. Die deutschen Fürsten werden in der Mehrzahl schon am 6. Mai im Laufe des Abends in Wien eintreffen; ein Teil trifft am 7. Mai früh ein. Alle Souveräne werden in der Hofburg Absteigequartier nehmen, nur der deutsche Kaiser und die deutsche Kaiserin, die am 7. Mai früh auf der Rückreife von Korfu über Triest eintref­fen, werden in Schönbrunn wohnen. Sie werden iene Räume beziehen, die Kaiser Wilhelm I. im Oktober 1873 inne hatte, als er aus Anlaß der Weltausstellung in Wien weilte. Alle deutschen Bundesfürsten werden auf dem Bahnhof offiziell empfangen werden und sich am Mittag des 7. Mai im Schönbrunner Schlosse mit Kaiser Wilhelm zur Huldigung für Kaiser Franz Joseph bereini­gen.

Mit dieser Huldigung ist ein Plan verwirk­licht, der in seiner ganzen Anlage vermuten läßt, daß er der Anregung Kaiser Wilhelms entsprun­gen sei. Er wird dem ehrwürdigen Greis auf Oesterreich-Ungarns Kaiserthron eine hohe Freude bereiten, an der ober gleichermaßen teil­nehmen das deutsche wie das österreichische Bru­dervolk. Denn dieser Zug der Fürsten nach Wien wird sich 'm mindesten zu einer machtvollen Demonstration jenes brüderlichen Verhält­nisses gestalten, welches das deutsche Reich mit der österreichisch» ungarischen Monarchie oerbün- bet, und in welchem das neue Reich an die Tra­ditionen de? alten römischen Reiches deutscher Nation anknüpft.

In Oesterreich denkt man dabei — und das liegt in der Tat nahe — auch weiter zurück. Es spürt jeder, sagt die „Wiener Freie Presse", daß etwas ganz Außergewöhnliches sich vollzieht, das nur dem Kaiser Franz Joseph ge­boten werden kann, nur zu ihm paßt und sich viel­leicht außerhalb Deutschlands nie mehr wieder­holen kann. — Der deutsche Kaiser an der Spitze von Königen und Fürsten in Schönbrunn vor dem Kaiser Franz Joseph! Seit dem Wiener Kongreß dürften so viele deutsche Fürsten nicht gleichzeitig in Wien gewesen fein, und einen Deutschen Kaiser hat es damals schon seit zehn Jahren nicht gegeben. Aber das Bündnis zwi­schen Oesterreich-Ungarn und Deutschland reicht doch nicht ganz ans, um diese Kundgebung zu er­klären. Wenigstens die Einbildungskraft läßt es sich nicht nehmen, die Frage aufäutoerfen, ob hier nicht Stimmungen Mitschwingen, die weit in die Vergangenheit zurückreichen.

Als der König von Preußen im Spiegelsaal von Versailles in Anwesenheit der deutschen Bundesfursten zum Deutschen Kaiser ausgerufen werden sollte, schrieb Bismarck vorher an den preußischen Gesandten in Wien, Herrn von Schweidnitz eine Note, in welcher er den Wunsch aussprach, in freundschaftlichen Beziehungen, welche der gemeinsamen Vergangenheit entsprin­gen, mit dem österreichischen Nachbar zu leben. Graf Beust antwortete auf diese Note mit der Erklärung, daß der Kaiser Franz Joseph freien

Deutsches Reich.

* Papst und Zentrum. Die „Germania* teilt „auf Grund genauester Informationen" mit, „daß in diesen letzten Tagen Se. Heiligkeit der Papst Aolaß gehabt und genommen hat, sich in derallersreudlichstenund wohlwollensten Weise über das Zentrum auszusprechen, in welchem er den Verteidiger derkatholischen Interest en in den deutschen Parlamenten er« blickt." In dem Verhältnisie und in der Hoch­schätzung des heiligen Stuhles gegenüber den Zielen und Bestiebungeu des Zentrums hab» sich nichts geändert.

* Der Reichstag, der am Dienstag seine Be« ratungen wieder aufnimmt, um zunächst eine griffe Reihe von Petitionen zu erledigen, wird sich bereits am Mittwoch mit der zweiten Be­ratung des UnterstützungSwohnsitz-GesetzeS be­schäftigen. Auch die zweite Beratung des Gesetz­entwurfs über die Abänderung des Vogelschutz­gesetzes steht am Mcktwoch auf der Tagesordnung.

Fl Das Ermittlungsverfahren gegen den Fürsten Eulenburg, ob eine Verletzung der Eidespflicht vorliege, soll, wie von otfiziöfer Seite jetzt mitgeteilt wird, gleich nach dem Be­kanntwerden der belastenden Aussagen in dem jüngsten Hardenprozeß zu München von der Berlmer Staatsanwaltschaft eingeleitet worden sein. Das Ergebnis laste sich ober zunächst gar nicht voraussehen, da selbstverständlich erst der Beschuldigte gehört und die belastenden Zeugen­aussagen auf ihren Mert geprüft werden müßten. — Es ist ganz selbstverständlich, daß die Staatsanwaltschaft sich angelegen sein lasten muß, den handgreiflichen Widerspruch zwischen den Münchener Zeugenaussagen und den wieder­holten Berliner Zeugenaussagen des Fürsten Eulenburg so schnell als möglich aufzuklären. Daß sie dabei ohne Ansehen der Person und ohne Schonung gegen den Fürsten Eulenburg vorgehen muß, ist ebenfalls selbstverständlich, und eS ist recht überflüssig, daß der Berliner Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel dies einem Be­richterstatter gegenüber ausdrücklich versichert hat. DaS wäre auch noch schöner, wenn man im vielgerühmten Rechtsstaat Preußen etwa de» Zeugen Fürsten Eulenburg irgendwie anders behandeln wolle, als den Zeugen Müller oder Schulze. — Fürst Eulenburg kommt in der Presse allgemein schlecht weg. Auch jene Zeitungen, die auf Harden nicht gut zu sprechen sind, wollen nichts mehr von Eulenburg wissen; so schreibt jetzt die ,Deutsche Tageszeitung':

„Man braucht noch nicht alle Hoffnung aufzu­geben, daß e» dem Fürsten gelingen werde, de» Widerspruch aufzuklären, der zwischen der Münchener Aussage und seiner eigenen Versicherung im letzte« Berliner Hardenprozeffe liegt, er hab, niemals Schmutzereien begangen. Aber di« Hofftiung erscheint

und hohen Sinnes die erhebenden Erinnerungen, die seine Dynastie in der glanzvollen Geschichte von Jahrhunderten mit den Geschicken des deut­schen Volkes verbanden, nicht anders auffasten wird, als mit den wärmsten Sympathien für die fernere Entwickelung dieses Volkes und mit J>em rückhaltlosen Wunsche, daß es in den neuen For­men seines staatlichen Daseins die wahren Bürg­schaften einer glücklichen, für seine eigene wie für die Wohlfahrt des ihm in geschichtlicher Tradi- tion, in Sprache, Sitte und Recht so vielfach ver­wandten Kaiserstaates gleich segensreichen Zu­kunft finden möge. Diese Worte, welche Graf Beust im Namen des Kaisers Franz Joseph nach Berlin berichtete, sind ein Zeugnis wirklicher Großmut. Denn, sagt nicht mit Unrecht das zitierte Wiener Blatt, sie enthalten mehr, als die bloße politische Notwendigkeit gefordert hätte: sie haben die Noblesse eines Bekennnistes der Ver­gangenheit und eine Befreiung von allen klein­lichen Gefühlen gegenüber großen, unvermeid­lichen historischen Prozessen. Wer sich in die Stimmungen dieser Zeit hineinzudenken vermag, muß sagen, daß es nichts geringes war, wenn Kaiser Franz Joseph am Vorabend ber Kailer- proklamatio'i von Versailles so schreiben und so reden ließ. Niemand wird sich von dem Gedanken losreißen können, daß die Huldigung Kaiser Wil­helms und der deutschen Bundesfürsten, obwohl zimächp durch die Allianz begründet, doch wie ein versöhnlicher Nachhall jener Zeiten ist, da die österreichische Monarchie für das deutsche Volk mehr war als ein Verbündeter. Diesen Gedan­ken ausführend schreibt das Wiener Blatt:

Oesterreich-Ungarn muß seinen eigenen Geschicken folgen und bat seine eigenen Ziele und seine eigenen Notwendigkeiten. Es gibt kein Zurück in der Ge­schichte, sondern nur ein Vorwärts in der Richtung, welche die Lebenstriebe eine» Staates ihm zu seiner Erhaltung anweisen. Aber die Jahrzehnte, in welchen Kaiser Franz Joseph selbst die Präsidialgewalt am deutschen Bunde hatte, lasten sich ans seinem Leben so wenig ganz wegüreichen, wie die vielen Jahrhunderte, in welchen Oesterreich sich mit Deutschland eng ver­bunden und verwachsen fühlte. Im Dom von Speier sind die Gräber der ersten Habsburger auf dem deutschen Thron, und auch Rudolf von Habsburg wurde dort bestattet. Viele tausend Fäden verknüpfen die österreichische Geschichte mit der deutschen, und in zahllosen Familien deutet die Ueberlieferung auf den Ursprung aus dem deutschen Reiche hin. Stauer Franz Joseph wird vielleicht in diesen Tagen an einen der Glanzpunkte seiner Laufbahn denken, an den Fürsten­tag in Frankfurt, wo olle deutschen Fürsten und Ver- trete- der freien Städte vereinigt waren, bis auf einen mächtigen König, der nicht kommen wollte. Kaiser Franz Joseph war der Präsident des Fürstentages und mag der letzte Teilnehmer fein, der ihn noch mit eigenen Augen gesehen hat. In dem Besuche der deutschen Bundesfürsten liegt doch eine unausgesprochene und vielleicht sogar absichtlich verschwiegene Anerken­nung dieser Vergangenheit.

Es zittern in der Tat historische Lichter und Farben über dieser Feier, und sie ist weit mehr als ein Glückwunsch zum Jubiläum des Kaisers Franz Joseph. Die Stimmungen, die der Plan zur Feier in Schönbrunn hervorruft, können daher nicht für die gewöhnliche politische Nützlichkeit ausgcmünzt werden. Der persönliche Zug in der Huldigung, die Kundgebung einer Solidarität, von der ,das geschriebene Staatsrecht nichts weiß, all das ist mit unmittelbaren praktischen Zwecken gar nicht im Zusammenhänge und schafft dennoch bleibende Werte. Denn niemals zuvor hat die Gemeinschaft der Interessen zwischen Oesterreich- llngarn und allen Teilen des Deutschen Reiches einen so starken und pietätvollen Ausdruck gefun­den. Jeder einzelne Fürst der verbündeten Län­der, die zusammen das Deutsche Reich bilden, jeder einzelne Gast, der gleichzeitig mit dem deut- scheu Kaiser den Kaiser Franz Joseph in Schön­brunn besuchen wird, will damit kundgeben, daß die Vergangenheit nicht ausgelöscht, und daß das

Im Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

54] (Nachdruck verboten.)

Linston wurde sofort herbeigerufen, der Mar­chese und Gertrude zitterten vor Angst.

Ter Arzt hatte jede heftige Erregung ver­boten und damit sehr recht gehabt, aber wer hätte es vermocht, die Sehnsucht zu zügeln, welche das Kind zum Vater und diesen zu der einzig gelieb­ten Tochter zog? Doch ein Blick auf die Ohn­mächtige genügte dem erfahrenen Arzt, um zu wissen, daß hier keine Gefahr mehr sei. Er er­teilte einige Anordnungen und zog sich dann zurück.

Angiolina kam auch bald wieder zur Besin- tiung, nur fühlte sie sich ein wenig matt.

Vater und Tochter nahmen nun in dem immer noch verdunkelten Gemach das Frühstück gemein­schaftlich ein und überließen sich voll und ganz dem Glück, im gegenseitigen Anschauen schwelgen zu können.

Gertrude hatte still das Gemach verlassen, «achtem sie den Frühstückstisch geordnet.

So verflogen einige selige Stunden, deren Erinnerung nie in beider Herzen erlosch.

Endlich gedachte der Marchese Olivers; er konnte sich keine Vorstellung machen von der Un­geduld des Liebenden, die Braut zu begrüßen.

Zögernd nannte er den Namen des Arztes. Das Mädchen zuckte leicht zusammen, sagte aber Sleich darauf in gefaßtem Tone:

»Warum kommt Dr. Linston mchtz sich meinen Dank zu holen? Nächst Gott danke ich ja ihm das neue Leben, zu dem er mich erweckt."

»Sieh', meine Tochter," erwiderte Römers wohlwollend, „Oliver Linswn hat ein edles Herz, feinfühlend überließ er es mir, Dir zuerst ent- gegenzutreten, das Recht des Vaters als heilig xuierknnenb. Aber er brennt vor Sehnsucht, Dich

zu begrüßen und zugleich fürchtet der Aermste die­sen Augenblick des Glücks, weil fein Aeußeres von der Mutter Natur stiefmütterlich behandelt worden ist. Ich gab ihm die Versicherung, daß meine Tochter viel zu edel denke, um ihr Urteil über einen Menschen von dessen mehr oder min­derer Körperbeschaffenheit abhängig zu machen."

„Und daran tatest Du recht, mein Vater," sagte Angiolina errötend. „Oliver Linston hat sich nicht vor mir zu fürchten. Was tut es, daß er nicht so schön und wohlgebildet ist, wie Du es bist. Gott hat es so gefügt und meine Dankbarkeit gebietet mir, den Mann zu lieben, der mein Gatte sein wird. Ich kann es nicht beschreiben, lieber Vater, was ich in dem Moment empfand, wo die Hand des Arzte» die dunkle Hülle von meinen Augen nahm. Ein Gefühl warmer Zuneigung wallte in mir auf und ließ mein Herz höher schlagen; ich denke, das muß die Liebe fern. Und als ich zu­weilen aus meinem Schlafe auffuhr und mich fürdjtete, allein zu sein, da fühlte ich seine Hand auf meiner Stirn oder an meinem Puls und beruhigt entfchlummerte ich wieder; mir war, als wache ein Engel an meinem Lager."

„Angiolina!"

, Eine vor tiefer Bewegung zitternde Männer­stimme hatte den Namen ausgesprochen, die Por- tiere ward leise zurückgeschoben, und in der näch- sten Sekunde lag Oliver Linswn zu den Füßen be» Mädchens, den Kopf so tief geneigt haltend, daß Angiolina fein Gesicht nicht zu sehen ber- ntoajte. Doch einer instinktiven Eingebung fol- Ä.7_v be^wte Angiolina sich vor und mit beiden ®anben bas $aubt be» Knisenden berührend, rich- tele sie bastelte mit sanfter Gewalt in die Höhe, habet hauchte sie:

«, ,?dllso Sie — Sie find Oliver Linston, mein Retter, mein Befreier?"

Oliver Linswn antwortete nicht, wie verzückt blickte er in bie Augen, welche feine Hand dem Lichte erschlossen.

„Dein Retter —Dein Bräutigam," schloß der Marchese, und legte ter Tochter Hand in die­jenige des Arztes.

Zwei Monate waren versttichen feit ber ge­glückten Operation — zwei Monate, bie dem jun­gen Mädchen eine Ewigkeit blinkten, weil jeder Tag, jede Stunde immer neue und köstliche Heber» raschungen, nie geahnte Genüsse brachte.

Jetzt erst wußte Angiolina, was sie entbehrt hatte und sie äußerte eine fast künstliche Scheu vor dem Dunkel; selbst die Dämmerung ängstigte sie, es sollte immer hell um sie sein.

Ihre Nerven kamen, nicht zur Ruhe, denn die neuen Eindrücke, die einander in unaufhörlicher Abwechselung folgten, wie die Meereswogen, sich stets ablösend, hielten die Seelen- und Geistes­kräfte des jungen Mädchens in ewiger Spannung.

Doch bie Empfindsamkeit der Nerven hatte sich zuweilen derart gesteigert, daß Oliver Linston Einhalt gebieten und die übrigen daran erinnern mußte, wie Angiolina noch immer in hohem Grade ter Schonung bedürfe.

War sie doch oft mit einem kleinen Kinde zu dergleichen, das fortwährend Fragen stellt, dem alles neu und wichtig erscheint. Am liebsten weilte sie im Garten, und es mochte sie glücklich, ihre Lieblingsplätze aufzusuchen, die Blumen, ihre Pfleglinge, zu bewachten und bei Namen zu nennen.

Trotz aller Glückseligkeit aber, welche Angio­lina empfand und den übrigen mitteilte, gab es für sie doch auch stille Stunden, wo eine geheim- nisvolle Trauer, wie eine Ahnung kommenden Un- Heils, ihre Seele beängstigte.

Nur in Gesellschaft des Vaters und Gertru­dens war Angiolina die unbefangene kindliche ijungfrau; sowie aber Oliver Linston sich uner­wartet zu ihnen gefegte, fühlte sie lick teunrubiat

erregt und ihre Benehmen verlor die Natürlichkeit und wurde gezwungen; sie fürchtete den Mann, welcher sie so heiß und verzehrend liebte, zu ver­letzen durch ein unvorsichtiges Wort, einen Blicks, und diese Bedenken machten sie befangen und un*1 sicher.

Noch war der Hochzeitstag nicht bestimmt, ja der Marchese hatte mit seinem künftigen Schwio-' gersohne eine ernste Aussprache über diesen Punkt gehabt und es war beschlossen worden, bas Früh­jahr abzuwarten, um die Vermählung zu feiern. Angiolina sollte ihr unbefangenes Mädchendasein mit all seinen Freuten, die sie so lange entbehr^1 noch genießen, ehe sie die ernsten Pflichten ter Gattin übernahm.

Als ter Marchese ber Tochter diesen Beschluß' mitteilte, fiel sie ihm frohbewegt um den HalH sie hatte eben die Sorge nicht los werten können, daß Oliver Linston auf baldige Erfüllung de» ihm gegebenen Versprechens bringen könne.

Ob nun bie Abneigung vor dieser Heirat dem Widerwillen entstammte, welcher ihr Olivers Hätz-'' lichkeit und testen körperliche Mißbildung ein­flößten, ob es jenes rätselhafte Ahnungsvermögen war, bas ihr den Sohn des Mörders der Mutter entdeckte unter dem falschen Namen, den et führt» — wer möchte dies zu behaupten wagen.

Selbstverständlich konnte ja nicht der mindeste Verdacht, die Person des englischen Arztes be­treffend, in Angiolina sich regen, und doch stieg die Scheu, welche sie vor Oliver Linston empfand, zuweilen bis zur Furcht, zumal war es ter Klang feiner Stimme, welcher sie erbeten machte, wenn er ihr Ohr traf.

Die Dankbarkeit für ihren Retter und ehf edles, weibliches Zartgefühl ließen sie ihre wate ren Gefühle selbst vor dem Vater verborgen hal­ten; daß sie aber den künftigen Gatten nie toürte lieben können, war ihr schon jetzt klar ufitz stimmt^ sie tief traurig.

(Sottfefama fdaLl