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M 92
Fulda, Mittwoch den 22. Avril 1908.
35. Iahrqani.
(Stiles 'Matt.
Vie neuen Uolonialeisenbahnen.
Unmittelbar nach den Osterferien wird der Reichstag die neuen Kolonialeisenbahnen beraten: Die 2. und 3. Lesung werden voraussichtlich nur kurze Zeit in Anspruch nehmen, da die Kom- Mission tüchtig vorgearbeitet hat. Der Freisinn, der bisher alle Kolonialeisenrbahnen abgelehnt hat, wird nun auch für diese stimmen, sodaß die bürgerlichen Parteien geschlossen für die Vorlage eintreten.
Bei der Kommissionsberatung hat namentlich das Zentrum manche Erfolge erzielen können, besonders in der Richtung der Finanzierung. Die Gelder für die genehmigten Bahnen sollen zum Teil durch Kolonialanleihen, zum Teil durch Darlehen an Südwestafrika aufgebracht werden. Der Reichstag hat sich durch Annahme der 5 Eisenbahnen auf eine Ausgabe von 150 Millionen Mark gebunden; diefe Summe wird in etwa 4 Jahren fällig werden. Wenn die vor- peschlagenen Bahnen erstellt sind, hat das Reich tn seinen Kolonien 1469 Kilometer weiterer Schienenstrecken. Alle Eisenbahnen werden in Afrika gebaut werden.
O st a f r i k a erhält zwei neue Bahnen, die beide die Fortsetzung von bereits bestehenden sind: Die Usambarabahn wird um 45 Klm. bis an den Pagani verlängert werden, um so die Möglichkeit zu geben, den hochgelegenen Wald mit seinem reichen Holzbestand aufzuschließen. Eine Drahtseilbahn führt von den Höhen desselben in das Tal herab, ein wahres Wunderwerk der modernen Baukunst. Die Rentabilität dieser Bahn ist sicher. Die größte Bahnstrecke aber soll sich an die nunmehrige Bahnstrecke Dar-es-Sala- ,m-Mrogoro anschließen und bis Tabora gehen, dem Mittelpunkt der Kolonie. Leider ist der erste Teil der Bahn in den Händen der ostafrikanischen Eisenbahngesellschaft, ein Werk des früheren Kolonialgeheimrats Helfferich, der von Dern- burg in der Kommission bös zerzaust worden ist, weil die Reichsinteressen hierbei so gut wie gar nicht gewahrt worden sind. Auf Antrag des Abg. Erzberger hat die Kommission statt 15 Millionen Mark 20 Millionen Mark bewilligt, um die Anteile dieser Gesellschaft ganz in den Besitz des Reiches zu bringen und so glatte Bahn zu schaffen. Die Weiterführung geht nun um so leichter. Wenn die Lokomotive Tabora erreicht hat, sind wir im Herzen des Landes. Hier zeigt sich auch ne dichte Bevölkerung. Dom wirtschaftlichen wie jm militärischen Standpunkte aus ist diese Linie gleich rentabel und fand daher keinen Widerstand; man hofft auf eine Ermäßigung der Schutztruppe nach dem Ausbau der Bahn.
Togo, dessen Eisenbahn sich gut verzinst, er* hält nun eine zweite, die auch von Lomo aus- zebt und vorerst nach Atakpama führt. Man sieht hier ein, daß die 1904 erstellte Bahn seitens der Kolonialverwaltung gar nicht gründlich vorbereitet war, denn sie sitzt im Gebirge fest und kann dieses nicht überwinden; die neue Linie soll nun in das sehr dicht bevölkerte Hinterland führen. Von allen Seiten stellt man ihr günstige Aussichten.
Kamerun baut an seiner Nordbahn, die in die Manengubeberge führt; jetzt erhält cs eine 400 Klm. lange Südbahn, die vom guten Hafen in Duala ausgeht und an die Negay führt. Damit wird Südkamerun mehr erschlossen und militärisch gesichert. Diese Gegenden sind bekanntlich reich an Gummi und Oel; aber beide Produkte iverden noch zu sehr im Raubbau gewonnen. Die Händlerkarawanen durchziehen
raubend und plündernd das Land, was leicht zu Unruhen führen kann. Sind die Naturschätze aber ausgebeutet, dann steht die Kolonie vor dem Zusammenbruch; da kann nur eine Eisenbahn helfen, die auch den Anbau anderer Produkte gestattet und den Frieden garantiert. Ein Auf- stand in diesen Gegenden würde Millionen kosten.
Südwestafrika erhält eine neue strategische Bahn, die bei Seeheim von der Linie Lü- deritzbucht-Keetmanshoop abzweigt und an den kleinen Karrasbergen vorbeiführt; sie beherrscht jenen Teil der Kolonien, in denen der Aufstand am längsten tobte. Nach Erstellung der Linie hofft man auf eine weitere Verminderung der Schubtruppe.
Das Zentrum hat in der Kommission für alle diese ßtntdit gestimmt, weil es stets den Standpunkt vertreten hat, daß man ohne Eisenbahnen nicht vorwärts kommt; cs konnte aber um so leichter dafür ein treten, da jetzt Eisenbahnen nicht dazu dienen sollen, nm den Eingeborenen Schnaps zu bringen oder diese zu unterdrücken, sondern weil das neue Kolonialprogramm auf die Erhaltung und die Hebung der Eingeborenen hinansläuft. Auch waren alle Projekte gut vorbereitet und mit reichem Zahlenmaterial versehen.
Die Kolonien werden die Bahnen nicht selber betreiben, sondern sie in Pacht geben; den Löwenanteil an diesen Verpachtungen erhält die bekannte W-ltfirma Lenz u. Co., die sich tatsächlich um die Kolonien schon reckst erheblicheVerdienste erworben hat und die die Bahnen gut verwaltet, ohne sich ungemessen zu bereichern.
Deutsches Reich.
* Zur bevorstehenden Reformierung des Strafrechts erfahren die ,Berliner Neuesten Nachrichten': Es wird voraussichtlich eine Vor- läge zur Abänderung der Strafprozessordnung bereits im kommenden Herbst dem Reichstage zu- geben. Der Entwurf wird u. a. eine Beschränkung der Verteidigung bei gerin- geren Strafiällen bringen. Auch über den AuS- schluß der Oeffentlichkeit bei BeleidigungS- prozesien werden weitergehende Bestimmungen enthalten sein. Ferner wird auch die Frage der Behandlung der jugendlichen Verbrecher eine besondere Regelung erfahren.
X Geheimpolizisten. Bei den jüngsten Ge- richtsverhandlüngen gegen die Berliner Wahlrechls- Demonstranten ist von den Verteidigern der Angeklagten und von verschiedenen Zeugen mit aller Bestimmtheit und unter Nennung von Namen behauptet worden, daß sich in den Versammlungen und Straßenaufzügen der Wahlrechts-Demonstranten Kriminalbeamte in Zivil befunden hätten, die sich ganz besonders lärmend und aufreizend benommen haben sollen. Ein Kriminalbeamter insbesondere, der seit 5 Monaten unter falschem Namen Mitglied des sozialdemokratischen Wahlvereins gewesen sei, habe sich unter den Demonstranten befunden und fortgesetzt gerufen: „Hoch das allgemeine Wahlrecht! Nieder mit Bülow!" Er habe gleichzeitig die Leute im Zuge beobachtet und sei sogar hin und wieder in Polizeibureaus hineingegangen, offenbar um dort Bericht zu erstatten. Es wurden noch zahlreiche Einzelheiten ähnlicher Art von verschiedenen Zeugen angeführt. Ein anderer Kriminalbeamter soll ebenfalls an einem Zuge teilgenommen, sich durch aufreizende Rufe hervorgetan haben und sogar von einem Schuhmanns, der ihn nicht kannte oder nicht erkannte, mit dem Säbel geschlagen worden sein.
— Nun sind dies ja allerdinas einseitige Be- Hauptungen, für die ein strikter Beweis nicht bei« gebracht werden konnte, weil der Berliner Poli- »eipräsident stützend vor die betreffenden Beamten getreten ist. Deren eidliche Vernehmung war non der Verteidigung wiederholt beantragt worden, der Polizeipräsident hat ober seineiseits die nachgeluchte Genebmiouna zur Auslage für diele Beamten verweigert. Er hat damit allerdings indirekt zuaegeben, daß die aeaen sie erhobenen Anschuldigungen begründet sind. Wären sie das nicht, so hätte er jenen Kriminalbeamten sicherlich die Gelegenheit gegeben, sich durch eidliche Aussagen vor der Oesientlichkeit zu reinigen. Auch der Gerichtshof konnte sich dieser Erkenntnis nicht entziehen. Er sagt zwar in der Urteilsbegründung, daß ein schlüssiger Beweis dafür, daß auch verschiedentlich Kiminal- beamte in Zivil im Zuge gewesen seien, die ihrerseits wenigstens durch Rufe an den Demo», stratronen teiloenommen und vielleicht durch ihr Verhalten die Menoe noch aufgeregt batten, nicht habe erbracht werden können. Er will aber zugunsten der Angeklagten annehmen, daß dies der Fall gewesen sei und daß hier und da ein Beamter an den DemonstrationSzüaen in der geschilderten Weile teilgenommen habe. Es sei ober damit noch nicht gesagt, daß sie es getan hätten mit Wisien oder aar auf Aufforderung ihrer vorgesetzten Dienstbehörde; es sei wobl möglich, daß sie es auS übertriebenem Diensteifer in Verkennung ihrer dienstlichen Ausgaben getan hätten. — DaS wäre allerdings auch noch schöner, wenn eine vorgesetzt« Dienstbehörde ihre Beamten zu derartigen Gesetzwidrigkeiten an gestiftet haben sollte. Tas wird wohl auch kaum ein vernüns. tiger, urteilsfähiger Mensch für möglich hallen. Aber es scheint doch hinlänglich bewiesen, daß sich „übereifrige" Kriminalbeamte zu der Rolle von Aufwieglern beraegeben und durch ihr Verhalten Leute, die vielleicht sonst ruhig ihres Wege? gegangen wären, zu Gesetzwidrigkeiten verleitet und auf die Anklagebank und ins Gefängnis gebracht haben. Man rühmt dem neuen Berliner Polizeipräsidenten v. Stubenrauch Unbefangenheit, Ein- sicht und Klugheit nach. Er wird hoffentlich diese Eigenschasten auch im vorliegenden Falle betätigen und sich einmal da? Institut der Geheimpolizei gründlich inleben.
* Graf Posadowsky, der ehemalige Staatssekretär des Reichsamts des Innern ist "on der Berliner evangelisch-theologischen Fakultät zum Ehrendoktor der Theologie ernannt worden.
* Die tierärztliche Doktorwürde, lieber die Verleihung de? Promotionsrechtes an die Tierärztlichen Hochschulen in Beil'» und Hannover chweben, wie die » Berliner Neuesten Nachrichten" erfahren, Erwägungen zwischen den beteiligten Ministerien des Kultus und der Landwirtschaft. Nachdem in Sachsen und in Hessen die Promotion iiUm tierärztlichen Doktor schon in Hebung ist, besteht allerdings die Möglichkeit einer ungünstigen Beeinflussung des Besuches der preußischen Hochschulen, falls nicht auch für Preußen das Promotionsrecht verliehen wird.
a. Der Gesamt-Vorstand des Bundes der Industriellen hält die Frage eines politischen Zusammenschlusses der gewerblichen Arbeitgeber noch nicht für soweit, daß der Bund von seinen bisherigen Bestrebungen, Einflüffe auf die politische Vertretung der Industriellen in den Parlamenten zu gewinnen, Abstand nehmen könnte.
Wie in der letzten Sitzung des Gesamt-VorstandeS betont werde, erscheint ihm auch eine einheitliche politische Parole lür einen solchen politischen Bund der Arbeitgeber undenkbar.
* Nichtbestätigte Sozialdemokraten. Die Solinger Stadtverordneten hatten vor längerer Zert einen sozialüemokratiichen Stadtverordneten in das Kuratorium des Gymnasiums gewählt. Das Provinzialichulkollegium hatte dieser Wahl die Bestätigung versagt. Die Beschwerde, bie gegen diesen Beschluß die Stadtverordnetenversammlung be'm Kullusminister erhob, Kat dieser jetzt zurückgewiesen. Die königliche Regierung zn Düffeldocf hat auch der Wahl eines sozial« demokratischen Stadtverordneten zum Mitglied der Schuldeputaiion die Bestätigung versagt.
* Neber den polnischen Zug nach dem Westen klagt lebhaft die.Kreuzztg.'. „Inmitten kerndeut« fcher Lanve erhebe die Hydra der polnischen Propaganda ihr Haupt. Der Einfluß der zahlreichen fremden Elemente bilde, abgesehen von der höchst bedenklichen politischen Seite der Frage, sür bie Sitten, Bräuche und Grundanichauungen der heimischen deutschen Bevölkerung, die festesten Stützen eines Volkes, eine nicht zu unterschätzende Gefahr." So ist'srecht; erst schafft man mög- lichst viele Ausnahmegesetze in den Ostmarken, verleidet dadurch den Polen den Aufenthalt in ihrer Heimat, macht ihnen namentlich die Nieder- laffung und die Erwerbung eigenen Grund und Bodens unmöglich, nnd wenn die Polen dann auswandern, dann schreit man erneut über bie polnische Gefahr. Die Hakatisten geben nicht eher Ruhe, als bis man die Polen alle aus Preußen auSgetrieben hat.
— „Auf, zur Maifeier!" Ohne Unterschrift, aber im schönsten Singerstile, also vom Parteivorstand ausgehend, rief am Ostertage ein Aufruf unter der Ueberschrift „Auf, zur Maifeier!" im sozialdemokratischen .Vorwärts' die „®en offen* zur „würdigen* Feier deS 1. Mai auf. Es heißt darin: „Wir erwarten eine imposante Feier umsomehr, als der 1. Mai 1908 mitten in den preußischen Wahlkampf fällt. Die Demonstration nicht nur des preußischen, sondern des gesamten deutschen Proletariats erhält deshalb den Charakter einer Wahlrechtsdemonstraiion. Das preußische Proletariat kämpft ja nicht nut um die Eroberung einiger Mandate, sondern um Bresche zu legen in das Dreiklaffenwahlrecht, dietes Bollwerk preußisch-deutscher Reaktion!" — Die Beschlüsse eines Teiles der Genoffen im Lande deuten nicht darauf hin, daß die Maifeier übermäßig imponierend werden wird.
ns. Frankfurt a. M., 21. April 1908. Der dritte Parteitag der Freisinnigen Vereinigung trat heute hier zusammen. Generalsekretär Weinbaus en erstattete den geschäftlichen Jahresbericht. Er bedauerte, daß die Partei noch nicht genügend organisiert fei. Die stnanzielle Lage fei außerordentlich ungünstig. Die meisten ihrer Mitglieder gehörten dem Mittelstände an. Reichs« tagsabg. Schrader sprach alsdann über die politische Lage. Die Reichstagsauflösung hab« äußerst viel zum Zusammenschluß der freisinnigen Parteien beigetragen. Der erste Reichstags« abschnitt habe dem Liberalismus politisch keinen Ertrag gebracht. Auch der zweite Reichstags« abschrntt habe enttäuscht. Eine Aenderung der preußischen Politik sei nicht eingetreten. Wir haben daS Reichsvereinsgesetz angenommen, trotz-, dem eS uns nicht in allen Punkten paßte, aber
Im Dunkeln.
Roman von Ernesto Selva.
Nach einer wahren Begebenheit erzählt.
62] (Nachdruck verboten.)
„Es wird Ihnen leicht werden, dieses Opfer zn bringen, wenn Sie sich vor Augen halten, daß es zum Besten Ihrer Tochter geschieht."
Der Marchese nickte, er warf noch einen langen, innigen Blick auf Angiolina, Tränen entströmten seinen Augen und verdunkelten ihm daS rührende Bild, welches das hilflose blinde Mädchen bot, dann verließ er hastig das Gemach.
Oliver blieb allein mit Angiolina. Sie ruhte in einem bequemen Lehnsessel, das Haupt gestützt, •te Hönde im Schoß gefaltet.
Ein schneeiges Morgenkleid, reich mit Spitzen besetzt, umgab sie gleich einer Wolke und das lichtblonde Gelock rahmte das bleiche Gesichtchen ein.
Einen Augenblick stand Oliver versenkt in der Ruhenden Anblick, den das durch die grünen Seidenvorhänge des Fensters abgedämpfte Licht zu einem magischen gestaltete.
Dann zuckte er plötzlich zusammen. Eine furchtbare Vorstellung hatte ihn erschreckt.
Die weiße Gestalt mit dm geschlossenen Augen, umspielt von den grünlichen Lichtwogen, hatte in ihrer Unbeweglichkeit das Ansehen einer Leiche.
„Angiolina!" rief Oliver hingerissen, „sprechen Sie, bewegen Sie sich, oder ich verliere den Verstand!"
„Was haben Sie, mein Freund?" fragt« erstaunt die Blinde.
, «Nichts — es war nichts, jetzt ist mir schon wieder wohl."
,, --dlber erklären Sie mir doch, was Sie er- - r6one' beunruhigen mich!"
„Wenn Sie es verlangen, Angiolina, so will ö eS aussprechen: Ich hatte, als ich Sie so be-
wegungslos mit geschlossenen Augen liegen sah, die entsetzliche Vorstellung, daß Sie nur für immer entrissen seien. Die Liebe aber, welche mein Herz für Sie hegt, ist fo stark und mächtig, daß ich fühle, wie ich es nicht überleben würde, wenn das Leben oder der Tod uns trennen sollten."
Angiolina erwiderte nichts, aber ein tiefer Atemzug, der wie ein Seufzer Hang, hob den Busen.
„Diese Stunde", fuhr Oliver fort, „bezeichnet einen Wendepunkt meines Lebens. Noch deckt Nacht Ihr Auge, noch haben Sie mich nicht gesehen und ich kann ohne Erröten Ihnen meine Leidenschaft bekennen und ohne zu befurchten, daß Sie dieses Geständnis belächeln, oder gar voll Widerwillen sich von dem Mißgestalteten ab- wenden, der es wagte, sich im Glanze Ihrer Schönheit zu sonnen."
„Fürchten Sie das nicht, ich wäre einer fol- chen Undankbarkeit nicht fähig."
„O, ich kenne Ihr edles Herz und glaube Ihnen. Aber, was ist mir Ihr Mitleid, Ihre Dankbarkeit?! Ein Gatte, der Sie liebt vis zum Wahnsinn, der Sie stets anbeten wird, er mußte namenlos elend an Ihrer Seite leben, wen» Sie ihm nichts anderes zu biete» habe» — ein Almosen, das dem Bettler zugeworfen wird vom Tische des Reichen."
Oliver war, überwältigt von seinen Gefühlen, vor dem Mädchen auf die Knie gesunken, die heiße Stirn an die Armlehne des Sessels pressend, verharrte er ohne zu sprechen, nur ein krampshaftes Schluchzen hob feine Brust.
Angiolina fühlte sich seltsam bewegt. Die Empfindung eines rätselhaften Widerwillens, den sie vom ersten Moment an gegen Linston gehegt, sobald sie dessen Stimme gehört, hatte einer innigen, fast geschwisterlichen Neigung Platz gemacht.
Ihr weiches Herz drängte sie, den Leidenden zu trösten, und sie sagte, leise das Haupt des Knienden mit ihrer zarten Hand berührend:
„Mein Freund, auch für mich ist diese Stunde
entscheidend, denn wenn sie meine Augen dein Lichte öffnet, macht sie mich zugleich die Freiheit verlieren, meine Hand ist der Preis, den Sie dann errungen haben. — Nun wohl, Oliver, hören Sie nun auch mein Gelöbnis. Was uns auch beschieden sein möge, wenn der Himmel uns vereint hat, ich will mich nicht begnügen. Ihnen nur mein Wort verpfändet zu haben, sondern mich redlich bemühen, Ihnen auch das Glück zu geben, das Sie erstreben — das ist: ich will versuchen, Sir zu lieben, wie ich ja jetzt schon Ihren Charakter hochschäbe, Ihr Genie bewundere. Sind Sie mir diesem Versprechen zufrieden?"
„Wie soll ich Ihnen dafür danken, teure geliebte Angiolina I"
„Dadurch, daß Sie nie an mir zweifeln und an das Glück glauben."
„Könnte ich es doch!"
Oliver hatte die letzten Worte mit einem Schmerzensruf herausgestoßen und um die Wirkung derselben zu milder», setzte er traurig hinzu: „Verzeihen Sie, Angiolina, aber meine Jugend mar eine so unglückliche, entbehrungsreiche
ia, fürchte immer, den Schatz zu verlieren, de» ich kaum errungen."
,Nicht doch! Wenn Sie das völlig beruhigen kann, so will ich Jhnep feierlich gelobe», falls Gott uns zusammenführt, mich nie und unter keiner Bedingung von Ihnen zu trennen. Nächst dem Schöpfer und meinem Vater sollen Sie, der mir die Welt erst erschlossen haben wird, meinem Herzen teuer sein."
„Angiolina, Sie geben mir das Leben wieder", tief Oliver, einen heißen Kuß auf des Mädchens Hand druckend.
Dann erhob er sich, trat zu dem Fenster, zog die Vorhänge zurück und schob dann den Lehn- stiihl, auf dem Angiolina ruhte, fo vor, daß die Lichtstrahlen schräg auf des Mädchens Antlitz fielen.
Dann ergriff er die Hand der Patientin und sprach ernst:
„Jetzt bin ich nirfit ni!»I»e Ibr Bprlnüfcr. Atn.
giolina, sondern Ihr Arzt. Haben Sie Vertraue» in meine Kunstfertigkeit?"
„Volles Vertrauen!"
„Ich lverde gezwungen sein, Ihnen einen, iuenn auch nur momentanen, so doch empfindlichen Schmerz zu bereiten — werden Sie den Mut haben, denselben ohne zu zucken, ertragen zu können?"
„Ja, den Mut und die Freudigkeit. Und sollte mir auch die nächste Stunde den Tod bringen, so würde ich zufrieden meine Augen wieder schließen; wenn ich sie nur ein einzigesrnal vorher dem Lichte geöffnet habe — o Oliver, lassen Sie mich die Sonne sehen, ich werde Sie ewig dafür lieben!"
Ter Arzt druckte das junge Mädchen sanft in den Sessel zurück und als ob er zu einem Kinde spräche, so liebevoll und tröstlich sagte er:
„Sie werden die Sonne sehen und den Mond Ui.d die Sterne dazu, Ihren Vater, die gute Gertrude und Ihre schönen Blumen. Aber jetzt müssen Sie sich ganz still halten und auch nicht die leiseste Bewegung mache». So — der Kopf ruht bfquem und fest — jetzt gilt es, Angiolina — denke» Sie an Gott und an Ihre verstorbene Mutter!"
Tie Blinde rührte sich nicht. In der tiefen Stille, die in dem Gemache herrschte, ließ sich nur bas leichte Geräusch vernehmen, welches daS Oefsnen des Etuis verursachte, in dem der Arzt seine, Instrumente verborgen hatte.
Die Rechte mit dem Instrument bewaffnet, stellte Oliver sich vor die Blinde, mit der linken Hand ihren Arm haltend. So nahm ev di» Operation des linken Auges zuerst vor.
Angiolina ließ ein schmerzliches Wimmer» vernehmen, das dem Arzt ins Herz schnitt aber seine Hand nicht zucken machte.
Die Sklerotika war geritzt.
Jetzt, aller Selbstbeherrschung zum Trotze, stieß das junge Mädchen einen dumpfen Schrei aus — die Krystalllinse war herabgedrückt wor« den. (Fortsetzung folgt.)