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Verantto. Redattenrr

Carl Schütt«;

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Lotationrdrucknnd vertag der Lnldarr Ab üendnttterei in Znlda Lernsprecher Nr. 9.

JA 91.

Fulda, Dienstag den 21. April 1908.

35. Jahrgang.

* wer hat die Reichsfinanznot verschuldet?

Der «alionalliberale Führer Abg. Bass er­mann erklärte auf dem jungliberalen Preußen- tag in Kaffe!, die Verelendung der ReichS- finanzen fei auf die „schlechte Zentrums­politik, auf die clausula Franckenstrin" iUt*3a“'ßfrit wann sind denn unsere Reichs» finanzen so auf den Hund gekommen? AIS das Reich noch unter dem „ZentrumSjoch" seufzte, da hat man doch von einer so miserablen Finanz» läge, wie wir sie jetzt haben, entfernt nicht- ge­wußt. Damals hat die „regierende Partei- stet- dafür gesorgt, daß Einnahmen und AuS» gaben im Verhältnis zueinander blieben; größere Ausgaben wurden erst bewilligt, wenn man wußte, woher man das Geld dafür nehmen sollte. ®ei Reichsdalles steht erst in Blüte, seit das Zentrum nicht mehr ausschlaggebende Partei ist, seit der glorreiche Block die Geschicke des Vaterlandes lenkt.

Da- Jahr 1906, daS letzte der „Zentrums- Herrschaft-, schloß noch sehr gut ab und die Jahre vorher ebenso. Im Jahre 1906 betrugen die gestundeten Matrikularbeiträge nur 27 Mil» lionen, 1907 dagegen trotz der neuen Steuern schon 40 Millionen, 1908 aber mit der Teuerungszulage gar 126 Millionen l Diese Zahlen besagen alles. Unter der „Zentrums- Herrschaft- waren auf Grund der lex Lieber so­gar 152 Millionen Mark Schulden getilgt worden. Die größte Zunahme der Reichsschulden findet sich in jenen Jahren, wo da- Zentrum ausgeschaltet war: im Kartellreichstag von 1887 bis 1890 um: 631 Mill. Mark; al- Folge der vom Zentrum abgelehnten Militärvorlage von 1893 um: 341 Mill. Mark; für die China­expedition: 293 Mill. Mark; für Südwestafrika runb 500 Mill. Mark. Die beiden letzten Aus­gaben hatte die Regierung im größten Maß­stabe ohne die Zustimmung des Reichstages ein­geleitet, und al- daS Zentrum auf Sparsamkeit hinarbeitete, da wurde diese Tätigkeit als „anti­national" erklärt und schließlich gar der Reichs­tag ausgelöst!

Wie ging- bann später? Die Ausgabeposten für ßte einzelnen Kapitel weisen feit 1906 folgende Zahlen auf:

1906: 1907: 1908:

Heer: 735 Mill. 788 Mill. 853 Mill.

Flotte: 278 ,, 290 „ 350 „

Pensionen: 137,7 „ 140 „ 143 „

Reichsschuld: 127,5 „ 136,5 „ 155 „

An diesen vier Ausgabetiteln haben wir also allein feit der Herrschaft des Blocks eine Zu­nahme von 224 Millionen Mark zu kon- flatteren.

Und da soll da- Zentrum die Schuld tragen an der Verelendung der Reichsfinanzen? Die Jungliberalen, die sich das ausbinden lassen, müffen noch sehr — jung sein!

Noch ein Wort zur clausula Francken» Jtein. Diese berühmte Klausel, die da- Zentrum 1879 unter der weisen Führung von Franckenstein und Windthorst durchsetzte, war eine finanzpolitische Großtat von ungeheuerer grundsätzlicher und praktischer Tragweite. Sie bestimmte bekanntlich, daß die Erträge aus den Zöllen und aus den Tabaksteuern über 130 Millionen hinaus, ebenso

die Netto - Erträge an- der Berbrauchsabgabe für Branntwein und au- den später eingesührten Reichsstempelsteuern der Verwendung für Reichs­zwecke entzogen und den Einzelstaaten über­wiesen würden. Die Klausel war notwendig, weil infolge der großen Bi-marckschen Umwälzung der Wirtschaft-« und Finanzpolitik bei Reiches Ende der 70er Jahre das letzte Stündlein der Matrikularbeiträge zu schlagen schien. Die eigenen Einnahmen de- Reiches au- den Sckutz» zöllen mußten so hoch werden, daß die Zuschüffe von feiten der Einzelstaaten an das Reich, alfo die Matrikularbeiträge, für absehbare Zeit nicht mehr nötig schienen. Da- wäre aber verhängms- voll für da- Reich al- Bundesstaat geworden. Den Einzelstaaten mußte eine Einwirkung aus die Finanzgebahrung und die Politik deS Reiches und damit auch eine Verantwortung dafür gesichert bleiben; das geschah durch die Francken- steinsche Klausel. Die Einzelstaaten blieben da» durch interessiert an der Finanzgebahrung des Reiches; wenn dieMatrikularlasten höher waren als die Uebetroeifungen, mußten sie dafür auf» kommen, überstiegen aber die Uebetroeifungen die Matrikularlasten, dann bekamen sie vom Reiche noch Hera«-. Di« auf biefe Weise geretteten Matrikularbeiträge machen die Einzelstaaten zu mithelfenden und mitberechtigten Teilhabern am ReichsgeschSst. Wären die Matrikularbeiträge nicht, so würden die Einzelstaaten der Reichs» wittschast al- unbeteiligte Zuschauer gegenüber» stehen. Jetzt aber sind sie persönlich haftende Gesellschafter, die die volle Teilnahme an der Geschäftsführung des Reiches als ihr natürliches Recht fordern und durchsetzen können. Seit der Geltung deS neuen Zolltarifs sind übrigens die Zolleinnahmen eigene Einnahmen des Reiches, eS verbleiben für die Uebetroeifungen nur die Stempelsteuer und die BranntweinverbrauchS» Abgabe. Herr Baffermann, der Führer der „Partei der Gescheitem" hat davon offenbar keine Ahnung, sonst hätte er die Franckensteinsche Klausel nicht für die große Verelendung der Reichsfinanzen verantwortlich machen können. Als die Ueberweisungen unter der Zentrumsherrschaft den Bundesstaaten auf Kosten des Reiches eine Einnahme von über 300 Millionen Mark ver­schafften, weil sie damals höher waren, als die' Matrikularumlagen, haben sie die Reichskaffe nicht zu Grunde gerichtet, jetzt, wo die Ueber­weisungen erheblich geringer find und die Bundes­staaten nichts mehr herausgezahlt bekommen, sondern sür sehr drückende Matrikularbeiträge aufkommen müffen, jetzt sind sie ganz gewiß an der Verelendung der Reichsfinanzen unschuldig.

Jndeffen die Zeiten der „schlechten Zentrums- Politik" sind ja jetzt dahin. Der Blockjubel darüber bringt unS allem aber noch nicht weiter. Hat das Zentrum seine Sache wirklich so schlecht gemacht, um so besser für den Block, der ja nun zeigen kann, was er mehr zu leisten imstande ist.

Deutsches Reich.

(*) Kriegsminister v. Einem, der seit Dezem­ber erkrankt ist und in Aegypten weilte, soll sich gegenwärtig nach Berlin zurückbegeben, wo er Mitte Mai seine Amtsgeschäfte wieder aufneh­men wird.

— liebet Dernburgs nächste Afrikarcise wird mitgeteilt, er werde zunächst über London nach Kapstadt fahren und dann Südafrika be­reisen und zwar Natal, Orangefreistaat,

Transvaal und Rhodesia (!) und wolle er bann auf dem Landwege nach Deutschsüdwestafnka reifen, wo er 14 Tage bleiben wolle.

• Da- deutsch-französische Abkommen zur Fest­setzung der Grenze zwischen den Gebieten von Ramarun und Französisch-Kongo ist Samstag nachmittag im Auswärtigen Amt zu Berlin unterzeichnet worden.

* Der Weingesetzentwurf. Der »Reichs- anzeiger veröffentlicht den Entwurf eines Wein- geietzes. AuS den Bestimmungen deS GesetzeS heben wir hervor, daß der Verschnftt von Wein gestattet ist, aber nicht von Weißwein mit Dessertwein (©üb», Süßwein). Ebenso ist der Zusatz von Waffer erlaubt. Das Zucker masser darf jedoch in keinem Falle mehr als ein Fünftel betragen. Verboten ist eS, gezuckerten Wein unter einer Bezeichnung seilzuhalten oder zu «er­laufen, die auf Reinheit deS Weines oder auf besondere Sorgfalt bei der Gewinnung bet Trauben deutet, auch ist es verboten, in der Be­nennung folchen WeweS eine Traubenforte, einen Jahrgang, eine Weinbergslage oder den Namen eines Weinbergsbesitzers anzugeben oder anzu­deuten, sofern nicht gleichzeitig der Wein als ge­zuckert bezeichnet wird. Geographische Bezeich­nungen dürfen im Handel mit Wein nur zur Bezeichnung der Herkunft verwendet werden. Ge­stattet bleibt jedoch, die Namen einzelner Gemar­kungen zu benutzen, um gleichartige und gleich­wertige Erzeugniffe anderer Gemarkungen des betreffenden WeindaugebieteS zu bezeichnen. Es ist verboten, Wein nachzumacheu, unter dieses Verbot fällt jedoch nicht die Herstellung von dem Weine ähnlichen Getränken auS Frucht- ober Pflanzenfästen. Schaumwein muß eine Bezeich­nung tragen, welche bas Lanb erkennbar macht, wo er auf Flaschen gefüllt worben ist. Der Weinproduzent ober Weinhändler ist verpflichtet, Bücher zu führen, auS denen zu ersehen ist, 1. welche Mengen dieser Stoffe er aus eigenem Gewächse gewonnen ober von anberen bezogen, und welche Mengen er an andere abgegeben hat; welche Mengen Zucker ober andere Stoffe er bezogen und welchen Gebrauch er davon ge­macht hat. Den Schluß bilden Strafbestimmungen. Höchststrafe ist Gesängnis bis zu sechs Monaten und Geldstrafe bis zu 3000 Mark.

* Zur Reform der Arbeiterverficherung. Eine Vorlage über die Reform der Arbeiterverficherung wird nach dem »Berliner Tageblattt im Reichsamte des Innern ausgearbeitet, liebet die Grundgedanken dieser Vorlage erfährt das Blatt: Die von ver- schiedenen Setten als wünschenswert angesehene Zusammenfassung der Kraulen-, Unfall- und Invalidenversicherung scheint sich schwer erreichen zu taffen. Dagegen besteht die Absicht, eine Ver- einheillichung in zwei Punkten zu schaffen. Erstens sollen die landwirtschaftlichen Arbeiter, Dienstboten und Heimarbeiter in die Krankenversicherung ein­bezogen werden, so daß schließlich alle Verstcherungs» pflichtigen gleichzeitig in allen drei Versicherungs­zweigen verfichert sind. Ferner soll für alle Ver­sicherungsarten eine einheitliche behördliche Stelle geschaffen werden, an die sich das Publikum mit allen Anträgen in Versicherungsangelegenheiten wenden kann und die auch das Jneinanderarbeiten der verschiedenen Versicherungen gewährleistet. Gleich» a erscheint auch erwünscht, daß die Festsetzung enten in erster Instanz, die bisher von Seiten der Versicherung erfolgte, in Zukunst von einer un­parteiischen Stelle unter Beteiligung von Arbeit­nehmern und Arbeitgebern geschieht.

— Tie höhere Postbeamteulausbahu soll bekannt­lich demnächst wieder eröffnet werden. Nach der

,Frkf. Zig.' ist die Veröffenttichnng der Annahme» Vorschriften in nächster Zett zu erwarten. Die künftigen Anwärter der höheren Laufbahn müsse« bekanntlich da- Zeugnis der Reise von einem Gym­nasium, einem Realgymnasium oder einer Dbe» realschule erworben haben. Im ersten Jahre der Vorderettungszeit sollen sie sich mit dem technischen Dienste bet den Post- und Telegraphenanstalten ver­traut machen. An diese praktische Ausdildungszett soll sich das dreijährige akademische Studium an­schließen. Rach Vollendung der Studien hat sich der Kandidat zur ersten Prüfung zu melden und wird danach zum Postreferendar ernannt Die Re­ferendare sollen während eines mindestens dreijährigen Zeitraums weiter ausgebildet werden. Nach Be­endigung der Referendarzett ist die zweite Prüfung abzulegen. Die Referendare, die die zweite Prüfung bestanden Haden, werden zu Postastefforen ernannt Die Affefloren rücken nach der sich bietenden Ge- legenhett in die höheren etatsmäßigen Stellen der Reichs-Post- und Telegraphenverwaltung ein. BiS dahin werden sie gegen feste Vergütung zu Aus­hilfen und Vertretungen verwandt

* Die «tue Offiziersuniform. Die Einzel- heiten einer für den Friedensgebrauch im deut­schen Heere bestimmten neuen Offiziersuniform, die sich in Farbe, Schnitt und Ausstattung den Felduniformen der Mannschasten anpassen soll, sind zurzeit Gegenstand der Behandlung durch die Bekleidungsabteilung des Kriegsministe» riums. Da noch Jahre vergehen werden, ehe die neuen feldgrauen Kriegsgarnituren dauernd als Friedensbekleidungsstücke Verwendung fin­den, so dürfte eine endgültige Entscheidung die­ser Angelegenheit, die in letzter Hand vom Kai­ser zu treffen ist, noch einige Zeit auf sich warten lassen. Bestimmt soll aber feststehen, daß die neue Offiziersuniform eine erhebliche Verei nfach- ung bringen wird.

ns. Für das Rtichstagswahlrecht in Preuße« hat sich auch der Delegiertentag der katholischen Arbeitervereine des Bezirks Düsseldorf ausge­sprochen. Er erklärt es für „dringend erforder­lich", daß das Zentrum mit aller Entschiedenheit zu dieser Frage Stellung nehme.

• Der Parteitag der Freisinnigen Vereinigung findet in den Tagen vom 21. bis 23. April in Frankfurt a. M. statt. Die Tagung ist dies­mal von ganz besonderer Bedeutung, da sie zei­gen soll, ob die Parteigenossen im Lande mit der Haltung der Reichstagsfraktion in Sachen des Reichsvereinsgesetzes sowie überhaupt mit ihrem Verhalten dem Fürsten Bülow und seiner Block­politik gegenüber einverstanden sind oder nicht.

△ Die „fortschrittliche Arbeiterschaft", da­sind jene Arbetter, die noch immer so harmlo- smd, vom Freisinn die Vertretung von Arbeiter- intereffen zu erwarten, haben in der letzten Sitzung ihrer Zentralstelle über das famose Vereinsgesetz folgenden Beschluß gefaßt:

„Die Zentralstelle erkennt an, daß die linkslibe» raten Abgeordneten, welche für das Vere.nsgesetz stimmten, sich von der Ansicht leiten ließen, hiermit der Sache des Liberalismus zu dienen. Die Zentralstelle ist aber nach wie vor der Ansicht, daß die Ver­schlechterungen, welche das Vereinsgesetz mit fich bringt — Ausnahmegesetz gegen die Polen, Ein­schränkung des Koalitionsrechtes —, erheblich die Ver­besserungen überwiegen, weshalb die Zustimmung ein großer politischer Fehler war, der daS Ver­trauen der fortschrittlichen Arbetterkreise zum Liberalis­mus wettrr erschüttern wird. Die Zentralstelle spricht den Abgeordneten Dr. Potthoff, Dr. Neumann-Hofer, Dr. Dohrn und Hausmann für ihre mannhaste Wahrung demokratischer Grundsätze ihre Sympathie aus und mißbilligt aus den gleichen Gründen die gegen Barth, Brettenscheidt und v. Verlach gerichteten An- griffe.'

* Wie die Parteien der Rechten für das Bor- sengesetz gewonnen wurden, erzählt ein Berliner Mitarbeiter der „Köln. Vztg." wie folgt: Bei

Oliver schloß sich in fein Zimmer ein, um sich mit ganzer Seele in das Studium zu vertiefen; man hätte glauben sollen, daß es fich für ihn um einen ganz neuen Fall handle, so eingehend prüfte er alle Möglichkeiten, welche sein Unter­nehmen scheitern machen könnten, und studierte Krankheitsgeschichten, die Aehnlichkeit mit der­jenigen Angiolinas hatten.

Seine Liebe zu dem blinden Mädchen war so wahr und groß, daß er es sogar über sich ver­mochte, sein Herz zum Schweigen zu bringen und in Angiolina nur die Patientin und mcht die Braut zu sehen, die feine Kunst ihm erringen sollte.

Nur bei den Mahlzeiten und zuweilen im Garten traf der englische Arzt mit den übrigen Bewohnern der Villa zusammen und auch dann war er, feiner Gewohnheit gemäß, ernst und wortkarg. . ..

Der Marchese ehrte diese, Zurückhaltung, welche er als Takt des Herzens bezeichnete, und Angiolina war dem ihr aufgedrungenen Freier ganz besonders dankbar dafür, daß er nicht ver­suchte, durch aufdringliches Liebeswerben ihre Neigung zu gewinnen.

So fand auch das junge Mädchen allmählich die verlorene Gemütsruhe wieder, und ihre Er­gebung in das herbe, ihr auferlegte Geschick machte, daß sie dem verhängnisvollen Tage mtt Fassung entgegenfah.

Auch Oliver Linston hatte daS Selbstvertrauen wieder erlangt, eine Frucht seiner angestrengten Studien, dieses Sichverfenken in die Wissenschaft, der er sich als Jünger gelobt hatte.

Der Morgen des zur Operation bestimmten Tages war klar und sonnig —- ein glückliches Vorzeichen.

Oliver erhob fich früh von seinem Lager, klei­dete sich hastig an und begab sich auf die Terrasse der Villa, die einen herrlichen Umblick gestattete.

Der Zauber dieses köstlichen Landschaftsbildes wirkte toteber mächtig auf den jungen Arzt.

Seine Gedanken wurden zum Gebet und

Im AunkeLn.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

51] (Nachdruck verboten.)

Der Marchese hätte gewünscht, daß die Ope­ration in Bälde stattfinden möchte, denn er rennte es kaum erwarten, daß die geliebte Toch­ter aus ihrem dunklen Kerker erlöst werde, wie er sich auszudrücken pflegte.

Der Arzt dagegen war entgegengesetzter Mei- uung. Die nervöse Erregung Angiolinas war stmem kundigen Blicke nicht entgangen, vor "der erschien es ihm notwendig, lange ”atlen^n ihre Gemütsruhe wieder er- h"?ie alle Eigenschaften eines vortreff- ®r war weder zu jung, noch *am' haß er eine Geistesgegenwart itt &cn schwierigsten Fällen nF?h$e gelassen hatte. Seine Geduld ^a^uber und das Bestreben, ihre metn' batten den sonst so rauhen, i« einem Engel des Tro- im wranrenfaale toetben Ictffcn.

Angiolina Rionera war vielleicht die elnxiae toeiim Ä* FjAU

te tn bcmfeiben letzt nicht nur ihren Arzt, son­dern den für sie bestimmten Gatten.

t Einen ganzen Monat hatte Oliver Linsion als Wartezeit bestimmt Nach Ablauf dieser vier Wochen sollte die Operation stattfinden.

».Und der Arzt, sonst so, sicher und nur selten WBanfenb, was feine Diagnose betraf, hegte ptelleidjt zum erstenmale während seiner Nraris Löffel in die eigene Einsicht, das eigene Kön-

8Bar eine Operation wirklich möglich und nnFoVr 3U viel versprochen, als er deren zrnbedlngtes Gelingen in Aussicht stellte?

minutenlang stand er da, in seliges Schauen versunken.

Dieses Glück wollte er heute dem Mädchen, welches er liebte, mit allen Fiebern seines Her­zens ßurüiferobern.

Die Freudigkeit, welche die Gewißheft deS Er­folges erzeugt, erfüllte seine Seele. So kehrte er in sein Zimmer zurück, wo er heute das Früh­stück allein einnehmen wollte.

Angiolina sollte sich selbst überlasten bleiben bis zu dem entscheidenden Momente. Auch wußte er, daß des Vaters und Geltrudens Gegenwart dem jungen Mädchen jetzt zum besten Trost ge­reichten. —

Angiolina, obgleich spät eingeschlummert, hatte sich doch früh erhoben, um im Gebete Trost und Fassung zu suchen. Geltrude wich nicht von der Sette des geliebten Pfleglings und zwang die zitternde Stimme zur Ruhe, wenn sie mit Angiolina sprach.

Diese drückte ihr nur stumm die Hand, und da Geltrude ihre Tränen nicht zurückhalten konnte, war es das junge Mädchen, welches die mütter­liche Freundin tröstete.

Der Marchese dagegen, die Wochen vorher so froh und hoffnungsfreudig, war heute gänzlich fassungslos; nervös erregt, unruhig. Befehle er­teilend, um dieselben gleich wieder zurückzuneh- nten, irrte er durch Haus und Garten, ohne den Blut, sich der Tochter zu nähern, um diese nicht durch seine Unruhe anzustecken. Endlich über- toältigte ihn aber die Sehnsucht und sich getualt- sam zusammennehmend, begab er sich in das Ge­mach der Blinden.

Angiolina erwartete ihn bereits mit Unge­duld, sie mochte wohl fühlen, was in bet Seele dieses zärtlichen Vaters vorging.

In einer langen Umarmung fanden beibe Trost.

„Sötte? Wille geschehe!" sagte die Blinde und bebend flüsterte Rionero ein „Simen!"

Dann beteten beide lanae vor dem Bilde des

Erlösers. Neu gestärkt erhoben sie sich von ihren Knien.

„Ist es schon Zeit, mein Vater?" fragte An­giolina gefaßt.

„Ich — ich glaube — um zehn Uhr wollte Lin- ston hier fein, er wird nicht lange mehr zögern,"

Die Blinde erhob lanfchend den Kopf.

„Mir ist, als hörte ich seine Schritte —** „Mut, mein Kind!"

„Ich fürchte mich nicht."

Angiolina hatte sich nicht geirrt. Die Tür ward leise geöffnet. Der Arzt trat ein. In der Rechten hielt er ein Etui, kunstreich ziseliert, in Silber gearbeitet; es barg die kostbaren Instru­mente, welche er zu der beabsichtigten Operation benötigte.

Das unschöne Antlitz Olivers ward förmlich verklärt durch den Ausdruck einer erhabenen Freude; so konnte nur ein Mensch blicken, der sich bewußt war, daß ihm die Gabe verliehen fei, höchstes Elend in Lust, tiefes Leid in Wonne, das Dunkel in helles Licht zu wandeln.

Rionero atmete wie befreit auf. Die Zuber- sicht des Arztes hatte fich ihm sogleich mitgeteilt Er trat ihm entgegen und reichte ihm die Hand, welche er fest in der feinen drückte; sprechen konnte er nicht, die Kehle war ihm wie zuge­schnürt

Oliver zog ihn in eine Ecke des Gemaches und sagte leise, aber in bestimmtem Tone:

„Herr Marchese, die kleinste Erregung, eine, geringfügige Ursache, die ein Erschrecken der Pa­tientin erzeugt, kann verhängnisvoll werden für das Gelingen der Operation. Die Kranke darf nur eine Bewegung machen und meine Hand schwankt — es ist wohl nicht nötig, daß ich mich klarer ausdrücke, ich muß eben volle Freiheit deS Handelns haben und deshalb mit der Pattentiq allein sein."

„Ich verstehe — ich soll mich entfernen ach, es wird mir unendlich schwer, mein liebe« Kind in einem solchen Moment allein zu lassen.

(Sortiefcuna folgt.)