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35. Jahrqanq

Fulda, Samstafl den 18. Avril 1908.

90.

Erstes

r»r«l-e»: Vie et* fpaltige petttjeUe ob« Ute« Bau« 15 Pf-. Beflamen biepetit jeile 25 Pfg-, bei wieder» Holungen wirb entspr. Badatt gewährt.

Betationebtudunb Verlag ber Fuldaer Bb tiendruckerei ht Fulda Fernsprecher Ur. 9.

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v er aut». Redakteur r «arl Schütter

toten auszudehnen, sowie das Recht der vom Reiche angestellten Beamten und beschäftigten Arbeiter, Vereine zu bilden, nicht zu beschränken. Im preußischen Landtag haben die Linkslrbera len keinen Antrag gestellt, der die Aenderung deS 8 7 des neuen Vereinsgesetzes zur Behinde­rung des Koalitionsrechtes der Arbeiter aus» schließen soll. Beide Anträge find Anträge des schlechten Gewissens. Alle Arbeiterverckne tm deutschen Reiche, ganz besonders auch bte weni­gen, die sich noch zu den Liberalen zahlen, haben eindringlichst vor der Annahme des § 7 gewarnt. In unwiderleglicher Weise wurde von einzelnen ihrer Wortführer dargetan, wie durch ihn das Koalitionsrecht gerade in den Gebieten in Frage gestellt wird, in denen es noch am heißesten uw die praktische Anerkennung seitens des indu­striellen Magnaten zu kämpfen gilt. Aber eS war alles umsonst. Man erkannte die Richtig­keit der Ausführungen an und erklärte aus In­begriff der politischen Weisheit, daß der Tapfere mutig zurückweicht. Dann aber bekam man es augenscheinlich mit der Angst, dieses Verhalten können auch die letzten Arbeiter, die noch zu den Liberalen halten, abspenstig machen. War doch das Koalitionsrecht und seine Wahrung, wenn nicht das einzige, so doch das vornehmste Inven­tarstück der liberalen Sozialpolitik. Nun Hatto man auch dieses preisgegeben. Zur Bezeugung, daß man trotz der Verleugnung der alten Siebe, als es darauf ankam, sich zu ihr zu bekennen, ihr doch eine freundliche Erinnerung bewahrte, stellte man die beiden Anträge. Alle Gefahren, welche den Gebrauch des Koalitionsrechtes sei­tens der deutsckien Arbeiter bedrohen, werden nun ins Unberechenbare durch den § 7 des Ver­einsgesetzes vergröbert. Auf welche Weise sol­len deutsche Arbeiter auf fremdsprachige Arbeits­willige friedlich einwirken, wenn ihnen versagt wird, durch Personen, welche deren Sprache ken­nen, in Versammlungen zu ihnen zu reden? So­bald eine Arbeitsstreitigkeit in Gebieten auS- bricht, in denen die Vertreter des „Schutzes der nationalen Arbeit" nichtsahnende Arbeitswillige aus dem Auslande systematisch heranziehen, ist die Zunahme von Gewalttätigkeiten zu erwar­ten, hierauf dasWiederauftreten des Verlangen» nach einer Zuchthausvorlage und als Folge eine Verschärfung aller der Gegensätze, ohne bereit Milderung auf das Niveau des friedlichen Jn- teresienkampfes die Zukunst unserer Volkswirt­schaft bedroht ist. Und da glauben die links- liberalen Parteien, mit einem so unerheblichen Antrag wie ihrem vom L April die Schuld wie­der gut machen zu können, die sie durch Annahme des § 7 auf sich geladen haben." — So der libe­rale Volkswirtschaftslehrer Professor Brentano, der wahrhaftig von diesen Fragen etwas ver- steht.

* Stuttgart, 16. April 1908. Nach bett reichsgesetzlichen Bestimmungen können Personen, die zu längeren Freiheitsstrafen verurteilt sind, unter bestimmten Voraussetzungen nach Ver­büßung von Dreivierteln der Straf» vorläufig entlassen werden, haben aber bil zum Ablauf der Strafzeit bei schlechter Führung einen Widerruf der Entlastung zu gewärtigen. In Württemberg ist von der vorläustgen Ent­lastung stets ein ausgedehnter Gebrauch gemacht, und es sind dabei günstige Erfolge erzielt worden. Den zuständigen Behörden ist in einer neuen, von den Ministerien der Justiz und de» Innern erlastenen Verfügung ausdrücklich an­empfohlen, den Aufenthalt am EntlaffungSort wenigstens versuchsweise zu gestatten. Die vor­übergehende Entfernung deS Entlastenen vom Entlassungsorte ohne besondere polizeiliche Er­laubnis sowie die Wahl eines anderen Nieder-

Wegen deS hl Osterfestes wird die nächste Nummer unserer Zeitung erst am Dienstag ausgegeben.

ö §ürst Bülow beim Papste.

Fürst Bülow ist der erste deutsche Reichs­kanzler, der den Papst besucht hat. Welches war der Zweck dieses Besuches? Vor Antritt der Reste hat Fürst Bülow durch seine Offiziösen vertun- den lasten, um politische Dinge handele es sich nicht. Möglich! Jedenfalls hindert ihn das nicht, n a ch dem Besuch daraus Kapital für seine zentrumsfeindliche Politik zu schlagen.

Fürst Bülow hat sich beeilt, dem römischen Be­richterstatter des „Berliner Tageblattes" eine Unterredung zu gewähren und dieser teilt nun darüber, teilweise schon Bekanntes wiederholend, u. a. folgendes mit:

Deutsches Reich.

* Da» Nord- und Ostseeabkommen. Die Vorbereitungen für die beiden internationalen Abkommen, durch die der gegenwärtige Besitzstand an den Rändern der Ostsee und Nordiee bestätigt werden soll, sind soweit gediehen, daß sie nach Ostern unterzeichnet werden können. Die Faffung der Erklärungen ist für die Ostsee von Rußland, für die Nordsee von Deutschland entworfen, und die Entwürfe laufen gegenwärtig bei den Zeichnungsmächten um.

* Der Entwurf eine» AutomobilgesetzeS ist dem Bundesrat nunmehr zuaegangen. Er be- stimmt in der Hauvstache, daß der, welcher etn Automobil hält (Besitzer, Mieter uiw ), für den durch das Automobil entstandenen Schaden aufzukommen hat, wenn er nicht nachzuweisen imstande ist, daß der Unfall auf einen Zufall oder aus fremde Schuld zurückzufübren ist. AlS Zufall soll auch gelten eine unvorherzuiehende Störung im Betriebe der Maschine. Die Auto- mobilsührer Haden sich einer Prüfung zu unter- werfen, durch die sie die Berechtigung zum Fahren erhalten. Unberechtigtes Fahren wird mit Geld- und Gefängnisstrafe bedroht. Der Bundesrat trifft Bestimmungen über das zulässige Höchstmaß der Fahrgeschwindigkeit auf den verschiedenen Straßen (Städtische Straßen, Landstraßen ufw.s.

• Politisches Theaterspiel. Die „Germania" behauptet, sie wisse ganz genau, daß beim Der- einsgesetz den Konservativen die bün­digsten Zusagen gemacht worden sind, daß es nie ohne den Ausschluß der Jugendlichen an­genommen würde: man hat sogar im Bundesrats diest Vorschrift eigens fallen lassen, um den Konservativen eine Konzession im Ple­num geben zu können: denn sonst hätten diese gar nichts erreicht. Zur Beruhigung der Wähler aber führten sowohl die Rechte wie die Linke in der ersten Lesung der Kommission einen Schein- kampf, der den Unzufriedenen Rechnung tragen sollte; in der zweiten Lesung tauschte man die Rollen und vereinigte sich zum Rückschritt: dabei aber stand von Anfang an fest, wie das Schluß­ergebnis sein sollte.

0 Das Vereinsgesetz ist ein Ausnahmegesetz! das sagt mit dürren Worten der liberale Pro- Mfor Brantano im „Berl. Tagebl." (Nr. 192 v. 14. April 1908). Seine Darlegungen, die namentlich die Arbeiter interessieren, sind so be­merkenswert, daß wir sie zu einem guten Teil hiev wiedergeueu müssen. „Die vereinigten linksliberalen Parteien haben unterm 1. April tm Reichstag den Antrag gestellt: „Die dem Koalrtionsrecht noch entgegenstehenden Beschrän­kungen zu beseitigen und insbesondere den § 152 der Gewerbeordnung dahin zu andern, 1. daß derselbe nicht nur auf Erlangung besierer, son­dern auf Erhaltung beistehender Arbeits- und Lohnverhältnisse Anwendung findet, 2. daß durch die entsprechenden Verbindunaen und Vereini­gungen nicht nur auf die individuellen Inter­essen der sich verbindenden und vereinigenden, sondern auch auf die Interessen der Arbeiter und Arbeiterinnen im allgemeinen sowie auf Verän­derungen des Gesetzesgebung richten dürfen. Darauf folgt das weitere Postulat, die Koali­tionsfreiheit auf ländliche Arbeiter und Dienst»

ihre politischen und sozialen Interessen bemühen sich die katholischen Burger selbst zu be- soraem Auch die Zentrumspartst wünscht eß aanz gewiß nicht, daß das Oberhaupt der Kirche in die weltlichen politischen Händel htnerngezogen werde. Versuche nach dieser Richtung sind mehr- fach gemacht worden, aber nicht von unserer Seite, sondern vom — Fürsten Bismarck. Gleich bei Beginn des Kulturkampfes, als das Zentrum soeben erstanden war, suchte er den Kardinal An­tonelli, den Staatssekretär de» hochseligen Pao- stes Piu» IX., zu einer Verurteilung dieser Par­teibildung zu bewegen, und es ist bekannt, daß der Bischof Wilhelm Emmanuel v. Ket- teler wesentlich dazu beitrug, daß gefährliche Spiel zu vereiteln. Dann versuchte der Fürst Bismarck tm Jahre 1887 den Papst Leo XIII. zum Eingreifen in den Septennatsstreit zu ver» anlassen. Bei der Beschwörung dieser Gefahr ha­ben sich Frhr. v. Franckenstein als schrift­licher und Windthorst als mündlicher Wort­führer der Zentrumsfraktion unvergeßliche Ver­dienste erworben. Windthorstß Gürzenich-Rede ist seine bedeutendste politische Tat. Das Zen­trum hat in Wort und Tat seinen Charakter als politische Partei stets gewahrt, nur seine Gegner haben versucht, eß für eine konfessio­nelle, kirchliche Partei hinzustellen oder gar tat­sächlich von der kirchlichen Instanz abhängig zu machen.

Also wir wünschen auf keinen Fall, daß das Oberhaupt der katholischen Kirche in die deutsche Parteipolitik hineingezogen werde. Fürst Bü­low läßt verkünden, daß er selbst das auch nicht wolle. Dann ist es aber sehr, ungehörig, nachher über die Unterredung im Vatikan in einer Weise zu berichten, die nur den Zweck haben kann, das Zentrum zu diskreditieren. Was sollen die Redensarten von den „Rankünen" des Zentrums und den „Auswüchsen der Zentrumsopposi­tion?" Soll der Papst oder der Kardinalstaats­sekretär etwa dem Reichskanzler auch davon gesprochen haben? Das glauben-wir ein­fach nicht. Welches die Ranküren des Zentrums" und die „Auswüchse der Zentrumsopposition" sind, verschweigt natürlich der Korrespondent. Es würde ihm auch schwer fallen, sie zu nennen, denn diese Phrasen hat er sicher nicht im Vatikan gehört, sondern lediglich aus der Blockpresse ge­lernt. Im Block ist man ja an das ewige Ge­jammer Bülows über die Feindseligkeit des Zen­trums so gewohnt, daß man fast daran glaubt. Das Zentrum darf keine pflichtmäßige Kritik an der verkünstelten Blockpolitik üben, sonst fühlt sich Fürst Bülow beleidigt, er, der seinerzeit das Zentrum in der kränkendsten Weise beleidigt und vor den Kopf gestoßen hat.

In Rom kennt man die Politik des Fürsten Bülow zu gut, als daß man seinen vom Zaun gebrochenen Kampf gegen das Zentrum der Zen­trumspartei in die Schuhe schieben wollte. Man ist dort sehr wohl darüber unterrichtet, daß der Wahlkampf unter dem furor protestanticus stand, und daß der Wahlmacher des Fürsten Bülow, General Keim, der den furor protestanticus zur Siedehitze anzufachen sich abmühte, vom Fürsten nachher im Reichstage nur Lob und Dank ge­erntet hat!

Was Fürst Bülow mit dem hl. Vater über die Lage der Katholiken in Deutschland gesprochen hat, darüber schweigt sich der Bericht aus. Fürst Bülow läßt aber versichern, daß er sich in seiner paritätischen Stellung gegenüber den Konfessionen von keiner Seite beirren lassen werde. Wir wollen das nicht anzweifeln; etwas anderes ist es aber, ob er nicht durch die Politik, die er jetzt eingeschlagen, und durch die Gesellschaft, an die er sein Schicksal gebunden hat, nicht schließlich auf Bahnen gedrängt, wird, in denen die katholischeilt Interessen

man im Vatikan die Ausroüch se der Zentrums- opposttion, rote sie namentlich von jüngeren Partei­genossen auSgehen. Die Polenftage wird, so versichert man in dea Kreisen des Vatikans, jedenfalls nie einen Konflikt zwilchen Deutschland und der Kurie herauf- bejchwörrn. Der Vatikan sei mehr denn je entschlossen, in Polen nur die rein kirchlichen Angelegenheiten zu berühren, niemals aber in den nationalen Hader ein- ugrelsen.

Es ist zweifellos richtig, daß der heilige Stuhl iu die parteipolitischen Zwistigkeiten, die im Reiech oder in Preußen auszutragen sind, sich in keiner Weise einmiischt. Der hl. Stuhl ist der oberste Lenker und Hüter unserer kirchlichen und religiösen Interessen;

zuSchaden kommen müssen. Der Evange­lische Bund und nicht minder der kulturkampfe- rische Liberalismuß ist immerhin etn recht be­denklicher Anhang für einen Staatsmann der nicht alß Gegner katholischer Interessen betrachtet teertet will. ____

Weder in dem Gespräch mit dem Papst nach in dem mit dem Kardinal-Staatssekretär Merry bei Bal wurde die Polenfrage im allgemeinen oder die Frage der Einsetzung des Erzbistums Posen-Gnesen tm besonderen erwähnt. Dagegen sprach Fürst Bülow sowohl mit dem Papst wie dem Kardinal-StaatSsekre- tär Merry del Bal über das deutsche Zentrum. Bülow machte keinen Hehl daraus, daß er diese Frage als rein inuerpolitische deutsche Frage be­trachte, die keine Einmischung von anderer Seite zu- laffe. Diese Auffassung begegnet sich mit derjenigen der Kurie durchaus. Auch in Rom besteht bei dem bekannten BerhältniS der Kurie zum Zentrum keinerlei Neigung, auf die innerdeutschen Dinge einzu- „ trfen. Der Reichskanzler wird sich iu ferner absolut paritätischen Stellung von keiner Seite beirren lasten, er will weder den Block noch die katholische Bevölkerung irritieren. Ueberall gibt eS gute Katholiken genug, welche die Ranküne des Zentrums miß- billraen, was vor allem auch der Vatikan tut Jedenfalls sei aus der warmen Aufnahme deS Fürsten Bülow tm Vatikan zu entnehmen, daß die parlamen- tarilchen Zwistigkeiten weder Bülow noch den Papst abhielten, sich aufS freundschaftlichste zu be­grüßen. Nach der Angelegenheit deS Zentrums kamen der Papst und Fürst Bülow auf das deutsche Missions­wesen zu sprechen. Dann sprach man von der Ange- legenheit der Dormition. Die italienisch geführte Unterhaltung war durchweg sehr herzlich. Fürsten Bülow wie die später eintretende Fürstin empfingen von der gewinnenden Art des Papstes den angenehmsten Ein­druck. PiuS X. erschien dem Reichskanzler alS ein Mann von bemerkenswerter Intelligenz, und er selbst, nicht seine Umgebung, sei eS, welcher der herrschenden Richtung in der Kirche das Gepräge ausdrücke. Summa summarum, das Er­gebnis der beiden Unterredungen ist, daß die Be­ziehungen zwischen der Reichsregierung und dem Vatikan normale, ja gute sind. Was die Angelegen­heit mit dem Zentrum betrifft, so erklärt man in den Kreisen der StaatSkanzlei, an dem Grundsatz der Nicht­mischung festhalten zu wollen, hofft aber doch wohl im stillen Kämmerlein, daß die guten Beziehungen zwischen dem Vatikan und der Reichsregierung früher oder später ihren Einfluß auf die innere Politik Deutsch­lands ausüben werden. Jedenfalls mißbilligt

Huldaer W Zeitung

w°chmbellagn„Jllllstrierte5oniltag^eitung" * MttElag«: „Fuldaer GeschichstblAter"

Im AunkeM.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

50] (Nachdruck verboten.)

„Genug, mein Herr," schäumte der Neapolita­ner, „oder ich könnte mich vergessen — Sie be­handeln mich wie einen Dieb —"

„Nicht doch, mein Herr, Ihre Versprechungen verführten den jungen Menschen, den Schreiber des Notars, daß er zum Diebe wurde. Sie un­terschlugen nur das Testament. Aber lassen wir diese Spitzfindigkeiten, im Grunde ist es ja das- selbe: Diebstahl oder Betrug, eines ist so wenig ehrenhaft wie das andere. Und nun mein Ge­schäft hier beendet ist, sage ich Ihnen Lebewohl."

Damit verneigte sich Oliver Linston und ver­ließ das Gemach.

Amadeo Santoni blieb völlig vernichtet zu­rück und verwünschte sein Geschick und den tücki- scheu Zufall, der gerade Oliver Linston, feinem Todfeinde, das gefährliche Geheimnis entdeckt hatte.

Jedenfalls — so meinte er wenigstens — hatte der Schreiber des Notars ihn betraten. Vielleicht war der Mensch aus Neapel geflüchtet und der Engländer hatte ihn auf seinen Reisen kennen gelernt. Santoni war weit entfernt davon, den wahren SaHrerhalt zu erraten.

Wie hätte er auch in dem berühmten engli­schen Arzte, desien Aeußeres sich so völlig berän- bert hatte, im Laufe der Jahre den ehemaligen Schreiber erkennen können, welchen er nur fluch- «0 tn der dunklen Notariatskanzlei gesehen. Er ®.ar. damals mit dem Gedanken und der Be» PT?6' das Testament seines Großonkels zu er« aPIEn, so völlig beschäftigt gewesen, daß er daß des ärmlich gekleideten, blassen, hageren Schreibers kaum beachtete.

«.f ßW't er sich aus seinem Hinbrüte« «uf. Es war ihm jetzt klar geworden. daß er

einen Entschluß fassen mußte. Seines Bleibens war hier nicht länger.

In ein und derselben Stadt mit einem Manne zu leben, der sein Geheimnis kannte, der ihn durch eine Miene, ein Wort daran erinnerte, bei zufälligem Zusammentreffen — das war un­erträglich.

Drei Tage nach der eben geschilderten Szene in seinem Palaste, rüstete sich Amadeo Santoni zur Abreise von Neapel.

Seinen Freunden und Bekannten erzählte er, daß er ein Jahr auf Reisen gehen wolle.

Man fand dies allerdings befremdlich, als sich aber, nachdem Santoni die Stadt verlassen, die schöne Marö^sina Rionero werde sich einer Opera­tion unterwerfen und falls es ihr beschieden sei, das Augenlicht wieder zu erhallen, ihrem Retter, dem berühmten englischen Arzte die Hand rei­chen, da war für die meisten die Lösung des Rätsels gefunden.

20.

Die Operation.

Nachdem Oliver seinen Nebenbuhler verlassen, machte er einen langen Spaziergang. Er fühlte das Bedürfnis, allein zu fein, um feinen Ge­danken nachhängen zu können, die keineswegs freudboll waren.

Erstens war Oliber sehr ost Anfällen so tie­fer Schwermut unterworfen, daß es feiner eifer­nen Willenskraft bedurfte, sich derselben zu ent­reißen.

Das Geheimnis seiner Abstammung, das 93er- brechen des Vaters belastete seine Seele und die Erinnerung, daß auch feine Hände sich nach un­gerechtem Gute ausgestreckt hatten, berührte ihn aufs peinlichste.

Hatte er denn — Gaetano Pisani — ein Recht dazu, die Tat eines ander« so hart zu ver­dammen und den Schuldigen zu richten, er, wel­cher daß von dem Vater geraubte Gut zu seinem Vorteil veräußert und verwendet hatte, er, der

des verstorbenem Freundes Namen sich ange­eignet hatte, um den eigenen, durch ein Verbre­chen bemakelten Familiennamen abwerfen zu können?

Für alle diese gesetzwidrigen Handlungen gab es allerdings der Milderungsgründe so manche — doch vor dem Richterstuhle strenger Moral ließen sie sich dennoch nicht rechtfertigen.

Zudem erinnerte er sich wohl, daß er damals, als der elegante Fremde (welchen er in dem Kavaliere Amadeo Santoni auf den ersten Blick wiedererkannt) die Kanzlei Basileos aufgesucht und ihm den Antrag gemacht hatte, das Testa­ment gegen ein Geschenk von hundert Piaster auszuliefern, nicht abgeneigt gewesen war, den Diebstahl zu begehen. Freilich wollte er sich durch diese Veruntreuung an einem Prinzipal rächgn, der ihn grausam ausgenutzt und un­menschlich behandelt hatte — aber jetzt sah Oli­ver doch alles mit anderen Augen und im Grunde seines Herzens regte sich das beschämende Gefühl, daß er nicht würdig sei, den Richter zu spielen und daß er selbst der Nachsicht bedürfe.

Vorerst jedoch wollte er dieses liebliche We­sen dem Lichte wiedergeben. Wenn er Angio- lino Rionero zu heilen vermöchte, dann waren die ewig langen Nachtstunden, die er dem Stu­dium gewidmet, die Entbehrungen, der Hunger, die er heroisch getragen, nicht umsonst geduldet, Tann war er belohnt für alles ausgestandene Leid!

Wenn er nur Genaues über das Verbrechen des Vaters hätte erfahren und dem Bestohlenen das Geraubte ersetzen können!

Da Basileo tot war, blieb ihm kein anderer Weg, als bei der Gerichtsbehörde Nachforschun­gen anzustellen und in den Akten nachschlagen zu Kissen. Das aber wollte Oliver um jeden Preis vermeiden.

Mußte es nicht großes Aufsehen erregen, wenn er, der Fremde, der englische Arzt, einem Krmiinalfalle nachforschte, der vor langen Jahren sich in Neapel auaettaaen?

Instinktiv scheute der Sohn Antonio Pisanis vor einer Berührung mit der Gerichtsbehörde zu­rück. Diese Leute, stets rnißttauisch, haben einen scharfen Blick, und ein Wort, ein erregteß Mie­nenspiel hätte ihn betraten können.

Und das jetzt, wo er gebrandmarkt vor de» Augen des Marchese Rionero dagestanden, wo Angiolina erfahren haben würde, welche Schmach auf ihm hafte? Nimmermehr!

Am nächsten Morgen kehrte Oliver nach Sor­rent zurück — er wollte ein neues Leben be­ginnen und den Schatten der Vergangenheit zu entrinnen suchen.

Mit begreiflicher Ungeduld hatte der Marchese Rionero der Rückkunft seines Gastes geharrt, denn trotz der Versprechungen des Engländers fürchtete er doch, daß es zu einem Zweikampfe zwischen Oliver Linston und Amadeo Santoni kommen könne.

Auch die Blinde war unruhig und erregt, und eß schien ihr eine Erleichterung zu gewähren, als sie die Nachricht vernahm, daß der Doktor in der Villa eingetroffen sei und erklärt habe, alles sei gütlich ausgeglichen worden.

Wenn auch Angiolina ihren Verlobten nicht geliebt hatte, so würde es ihr doch äußerst pein­lich gewesen sein, Ursache zu einem Duell gege­ben zu haben, dessen Ausgang für die beiden Nebenbuhler ein tragischer sein konnte.

Uebrigens hielt Oliver fein Santoni gege­benes Versprechen und verschwieg den Raub bei Testaments. Dem Marchese sagte er nur, daß er eine Episode aus der Vergangenheit des San­toni kenne, welche letzterem nicht eben zur Ehre gereiche. Ein Duell wäre deshalb ausgeschlos­sen gewesen, im übrigen habe man von dem ge­nannten Herrn nichts mehr zu furchten, wahr­scheinlich würde derselbe, mindestens für einige Zeit, Neapel verlassen.

Wir wissen, daß DItber mit dieser Voraus­setzung das Richttge getroffen hatte.

(Rortfetaina folgt.)