35. Jahrqanq
Fulda, Mittwoch den 15. April 1908.
JA 88.
Zweves Äliatt
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öerotttw. Redattemr
entschieden Bedenken tragen müsse", und von dem neuen Kultusminister Dr. Holle ist erst recht nicht zu erwarten, daß er der Gleichberechtigung der Katholiken und Protestanten auf kirchenpolitischem Gebieke ein größeres Wohlwollen entgegenbringen wird als sein Vorgänger. Tas geht aus seiner Erklärung vom 12. Februar 1908 deutlich hervor, worin er einen wesentlichen Unterschied zwischen evangelische» Diakonissen und katholischen Orden konstruiert^ obschon ein solcher Unterschied, auch wenn er bestände, die verschiedenartige gesetzliche Behandlung nicht rechtfertigen würde. So fällt auf kirchenpolitischem Gebiete dem Zentrum die Aufgabe zu, für die Freiheit der katholischen Kirche und die gleiche Behandlung der evangelischen und katholischen Schwestern weiter zu kämpfen.
' München, 14. April 1908. Die Einführung der Gemeindeverhältniswahl in den unmittelbaren Städten wird nach dem Gang der Ausschußverhandlungen in der Reichsratskan'mer doch noch in dieser Landtagssession geschehen. Prinz Ludwig und Frhr. v. Soden traten mit aller Entschiedenheit für den Proporz ein, auch Graf Drechsel und Frhr. v. Thüngen erklärten sich dafür. Die liberalen Reichsräte sprachen schließlich auch ihre prinzipielle Geneigtheit dafür auS
Zu -en Landtagswahlen.
— Die „konservativ-klerikale" Mehrheit im preußischen Abgeordnetenhause zu sprengen, ist bekanntlich die Ansicht des Liberalismus. Daß es dem Liberalismus gelingen könne, die 3 e n« trumsfraktion erheblich zu schwächen, wirb selbst der größte Optimist unter den Liberalen nicht für möglich halten. Die Zentrumsmandate bilden bis auf einige wenige einen absolut sicheren Besitz. So richtet denn der Liberalismus sein Augenmerk darauf, die Konservativen zu schwächen.
Der Aufruf des Zentralvorstandes der nationalliberalen Partei hat bereits daraus hinaewiesen, daß es von der Zusammensetzung des nächsten Abgeordnetenhauses abhängen werde, ob auch in Preußen die Möglichkeeit einer Ent- wiäelung auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete in freiheitlichem (d. h. liberalem) neuzeitlichem Sinne geschaffen werde« könne, oder ob es weiterhin bei dem Widerstand« verbleiben solle, den die bestehenden Majoritäts- Verhältnisse allen liberalen Anregungen und Maß nahmen entgegensetzten. Die „Kreuzztg." erblickt darin mit Recht eine scharfe Kriegserklärung gegen die Konservativen — und mahnt zur Gegenwehr gegen die Nationalliberalen. Noch deutlicher und brutaler lautet die Wahlparole, welch« die Freisinnige Bolkspartei gegen bi« Konservativen ausgegeben hat, und die in den Worten gipfelt: „Gegen Junker und Muckeri" Die .Kreuzztg." erblickt zwar in dieser „Wiederauffrischung der alten abgestandenen Wahlparole" nichts anderes, als ein „Verlegenheitsprodukt" und die „törichste demagogische Parole, die jemals verkündet worden ist", aber sie muß doch den Sah der „Freisinnigen Ztg." sehr ernst nehmen: „Erst durch die Niederwerfung des Junkertums in Preußen kann freie Bahn für eine fortschrittliche Entwickelung im Reich und im Staat geschaffen werden."
Ein besonderer Umstand ist es, der den hergebrachten Kampf zwischen Liberalismus und Konservatismus diesmal zu einem außergewöhn- und fast pikanten politischen Ereignis gestaltet. Das ist die Berufung auf den „leitenden Staatsmann' Für st Bülow als Bundesgenossen des Liberalismus im Wahlkampfe gegen die Konservativen. Im „Hannov. Kour." wurde schon vor einiger Zeit der Gedanke obge- handelt, „daß gerade die Aufrechterhaltung bei
benn bte küholische Kirche in Deutschland Vogel- frei? Staucht der Evangelische Bund noch bte Aushebung des § 166 des R.-Str.-G.-B. zu verlangen, wenn folche empörende Schmähungen und Beschimpfungen der katholischen Kirche straflos bleiben? Und wo bleiben die liberalen Blätter, die sonst heucheln, sie träten für religiöse Freiheit ein, die für solche Schmähungen ein Wort des Tadels hätten? . .
(*) Tie Ernennung des Prof. Heiner in Frn- burg L B. zum Kardinal ist wiederholt in der Presse angekündigt worden. Gegen diese Ernennung wendet sich nun in der „Tagt. Rundschau" der abgefallene Dominikanermönch A. V. M ü I- l e r. Er Meibt:
Die „Erhebung" Heiners ist zwar nicht aus- geschloffen, aber auch nicht sehr wahrscheinlich, falls die deutfche Regierung (!) ihre Wicht tut und die Kurie auf die Gefährlichkeit (!) dieser Kandidatur aufmerksam macht. Erstens roäie mit ihr dem deutschen Katholiz-smus nicht gedient, denn für einen Vertreter der deutschen katholischen Wissen- schäft wird sich Herr Heiner wobt selbst mitt halten, ist er doch durch und durch „Römer" und Kuttalist, auch in seinen sogenannten wifsenschastlichcu Anschauungen. . . . . Zweitens verlangt aber auch der konsesjionelle Friede dringend, daß ein solcher Mann nicht deut che. Kurientardinal wird. .....Wie er (Heiners o.e bürgerliche Toleranz und den kollegialen Anstand versteht, zeigt er uns sofort dadurch, daß er Harnack als den „erneu Theologen" (!) und unseren Kaiser denunziert (!), weil er ihn zum stimmberechtiglen Mitglied des Ordens Pour le merite ernannt hat. Ein solcher Fanatiker fehl'« uns noch als Kurien kardinal! Darum lieber keinen Kurien kardinal, als einen ungeeigneten."
Wir geben biese Auslassung nur wieder, um zu zeigen, mit welcher aufdringlichen Anmaßung man sich in protestantischen Kreisen in rein katholische Angelegenheiten mischt. Das fehlte gerade noch, daß der hl. Vater sich von, Apostaten oder vom Evangelischen Bund vorschreiben lassen müßte, wen er zum Kardinal erbeben darf. Bezeichnend ist, daß die frivolen Störer des konfessionellen Friedens, die sich mit grober Gewalt in rein katholische Angelegenheiten eindrängen, nicht nur im Namen des konfessionellen Friedens zu reden vorgeben, sondern auch die Regierung anstacheln wollen, sich zu ihrem Büttel zu machen. Wie würde es wohl mit dem konfessionellen Frieden in Deutschland stehen, wenn d i e Leute einmal so recht nach Herzenslust wirtschaften könnten!
-2- Der Vorstoß in Sachfen gegen die Kranken- schwestern veranlaßt zu einer Betrachtung über fcte einschlägigen Verhältnisse in Preußen. Ganz so kraß, als in Sachsen liegen hier die Tinge zwar nicht, aber die unterschiedliche Behandlung der katholischen Krankenschve» ftern und der evangelischen Diakonissen muß doch febr peinlich empfunden werden. Es scheint auch, als wenn einstweilen keine Hoffnung besteht daß man den Katholiken hinsichtlich der Abschaffung ober auch nur Milderung der noch bestehenden sknlturkampsgesetze entgegenkommen will. Schon im Jahre 1901 hatte ein von den Konservativen unterstützter Zentrumsantrag Annahiree gefunden, wodurch die Negierung aufgefordsrt wurde, einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den bte beendeten ^schränkungen und Erschwerungen auf- gehoben würden, welchen die Krankenpflege und die gleichartige Hebung werktätiger Nächstenliebe seitens der Mitglieder katholischer Orden unterworfen ist, und zwar damit eine Gleichstell- u n g der Mitglieder katholischer Orden mit den Mitgliedern, anderer der Krankenpflege gewidmeten Vereinigungen erzielt werde". Aber der inzwischen zurückgetretene Kultusminister von S t u d t erklärte am 21. Febr. 1905, „daß die Regierung dem Anträge weitere Folgezu geben
Earl Schütte.
ÄÄ«- w<-ch-°b<!i°ge- „Illustrierte Sontttagsjcttung"
* Der Apostat 3. Leute und seine „Rechtsettigungr"schrist.
Abgefallene Priester empfinden aus leicht be- greiflichen Gründen das Bedürfnis der Rechtfertigung ihres Abfalls und geben sich gerne der sonderbaren Meinung hin, sie könnten tm Tintenfaß sich rein baden. Eine schlechte und mtßduf- tige Sache kann aber durch kein Dmg der Welt gut und wohlriechend gemacht werden, darum bedeuten alle diese Schriften ein verwegenes Sptel utf die Leichtgläubigkeit der Leser.
Zu den mmderwertigsten all' dieser minderwertigen Schriften gehört ganz zweifellos das Such „Das Serualptoblem und die katholische Kirche", das der abgefallene Pfarrer Joseph Leute soeben im Neuen Frankfurter Verlag hat erscheinen lassen. Wenn wir von dem Buch Notiz nehmen, so geschieht es nur, weil damit gegenwärtig eine widerwärtige Rekla me bei Katholiken gemacht wird. Eins aber wollen wir dem Verfasser gleich bemerken: Mit Widerwillen nur haben wir das Buch zur Hand genommen und mit Ekel weggelegt und auf bte Gefahr hin, von ihm „katholischer Prüderie" bezichtigt zu werden, sagen wir ihm, daß wir es nur lefen konnten mit zugehaltenet Nase.
Der Biedermann gibt zunächst eine Geschichte seines Abfalls; da er aber gerade das Wesentliche, die Hauptsache wegläßt, wollen wir diese zuerst ergänzen. Der Verfasser will sich hinstellen als ein Opfer „klerikaler Herrschsucht", welche ihn ob feiner literarischen Tätigkeit drangsalierte und nicht aufkommen laffen wollte. Um den Schikanen zu entgehen, habe er den Abfall vollzogen. Dem ist nun nicht s o. Leute verschweigt seinen Lesern, daß die kirchliche Oberbehörde gegen ihn einschreiten mußte wegen seiner skandalösen Aufführung, die wir mit dem Worte Zölibats- überdruß andeuten wollen. Erst als der Skandal nicht mehr zu verheimlichen war und Herr Leute selbst vor der Maßregelung stand, vollzog er teilten Abfall von der Kirche auch äußerlich, nach, dem er innerlich längst mit dem Glauben an die Wahrheiten des Christentums zerfallen war.
Kennt man die Vorgeschichte des Mannes, so .weiß man, wo er die „Rechtfertigung" seines Abfalls sucht: Fort mit der Moral, wetehe die „freie Siebe" verurteilt. Diese ist eine Naturnotwendigkeit, das allgemeine (I?) Volksempfinden sieht darin nichts Besonderes, nur die Moral der katho- lifchen Kirche nimmt für sich das Recht in Anspruch. dem entgegenzutreten und diese Dinge mit dem Makel der Sünde zu brandmarkenf
Von Einzelheiten, die Leute anführt, müssen wir aus Anstandsgefühl Abstand nehmen. Diese Moral des Dirnentums widerlegt man nicht erst; die hängt man einfach niedriger und überläßt den Mann denjenigen, die sich in solch' unsauberer Gesellschaft gefallen. Ob überhaupt außer dem „Freien Wort" jemand sich dazu bereit findet und nicht vielmehr Herr Leute überall aus Rein- lichkeitsriicksichten vor die Türe gestellt werden wird? Mit einem folchen Vundesgenosien läßt sich wirklich fein Staat machen.
Was der Verfasser gegen die katholische Kirche vorbringt, hat er au3 Grabmann und Hoensbroech traurigen Angedenkens zusam- mengeholt und was jenen gesagt werden muß: nicht d e r fei berSchmutzfink, der zur nottoenbigen Belehrung ber Beichtväter über die betreffenden Fragen lateinisch schreibt, damit sie nicht jedermann zugänglich seien, sondern derjenige, der diese lateinischen Ausführungen ins Deutsche übersetzt, damit sie jedermann zugänglich werden,
Deutsches Reich.
cf Angesichts der „Krisis im Katholizismus" hat in der Frankfurter Zeitschrift „Das freie Wort" ein gewisser Armin Krok ein neues Mit- telchen gefunben, um bem Katholizismus den Garaus zu machen. Nachdem er die alten Sprüche über „Priesterherrschsucht'', „Ketzerverbrennung" und „Glaubenskriege" hergeleiert hat, prophezeit er den Katholiken, wie man einst über ihre Kirche urteilen wird; sie war nämlich:
„daS fürchterlichste Unglück, das die Menschheit jemals heimsuchte, die widernatürlichste Feindin der Wahrheit (!) und deswahrenGotlesglanbensch, der Inbegriff aller Unvernunft und aller Verkehrtheit, aller Blasphemie (!> und aller Schändung des Gotteswerkes, der Natur und der Menschheit, die Seelenmörderin von unzähligen Millionen armer, um Acht und Leben und Glück betrogener Menschenkinder, der Fluch und die Schande von anderthalb Jahrtausenden der Geschichte der weißen Raffen."
Nach dieser Schimpferei rückt Herr Krok heraus mit seiner neuen Erfindung, mit der er den „römischen Schandgötzen" (!) stürzen will:
„Der Bülow »Ä lock muß biet den! <So: Mso deswegen!) Die Regierung soll regieren ohne daS Zentrum, keinesfalls gegen das Zentrum! Nur keinen Kulturkampf und keine liberale Politik der Negierung, was man so grundsätzlich liberal nennt. Höflich gegen daS Zentrum, aber entschieden. . ."
Auf diese seine neue Erfindung braucht sich Herr Krok nichts einzubilden. Das Geschütz, das er da auffährt, ist eine uralte Holzkanone. Also nicht mehr mit Getöse und Waffengeklirr soll man gegen uns kämpfen, sondern heimlich und unauffällig; ohne Lärm und ohne Verletzung „soll man Priestern und Laien in durchaus ernster Form, in religiösem, warmem und eindringlichem Tone immer wieder vor Augen halten, welche Grundlehren bet Kirche als falsch sonnenklar erwiesen find." „Die farblose Preffe muß unermüdlich beeinflußt werden", „Redner sollen in katholischen Gegenden Vorträge halten. Hohn und Beleidigungen sollen verbannt sein aus diesen Reden" (wie aus vorliegendem Aufsatz zum Beispiel?) So könne man der Kirche bei- fommen. Wenn bann auf biese Weise das Volk vorbereitet sei, bann seien dem Propheten die Wege geebnet, und der werde rufen: „Jesus ist nicht der Sohn Gottes, das Evangelium sagt er." Dann kommt da» große Glück, auf das sich der liebe Menschenfreund Krok so freut, dann stürzt der „römische Schandgöhe". (!) Wenn man dieses Zeug lieft muß man doch fragen, ist
das muß auch Herrn Leute gesagt werden. Seine Rechtfertigung hierfür: „Deutscher, rede deutsch!" ist blühender Unsinn.
Herr Leute durchstöbert bte Vergangenheit und Gegenwart nach Skandalen und unterhält seine Leser mit allerlei billigen Anekdötchen und Zot- eben. Wir schenken ihm das und bemerken ihm nur: mag einer noch so viel Mitschuldige in Vergangenheit und Gegenwart vorzeigen, so hat er damit sich selbst nicht als unschuldig gerecht- fertigt
Leute ist in schwerem Irrtum befangen, wenn er meint, fern Buch wäre eine Anklage gegen die katholische Kirche, ihre Dogmatik und Moral, ihre Beichte und Pädagogik und verkehrten Priester- erziehung, es enthalte Keulenschläge auf das verrottete mittelalterrliche System römischer Taktik (S. 412). Eine Anklage enthält das Buch allerdings: nämlich eine Anklage gegen Herrn Leute selbst! Auch an den Pranger gestellt hat das Buch jemanden: — aber nur seinen Verfasser; auch Keulenschläge erteilt das Buch, aber diese treffen nur wieder Herrn Leute, ber sich in einer Selbstcharakteristik bem Publikum vorstellt, um bte ihn wahrlich niemand beneidet.
Mdaer M Zeitung
Monatrbeilage: „gttlbdtt EeschlchtsblAtek"
Die Kess.
Ländliche SkiUe von M. v- Ekensteen.
Jrn Hof des Gregoribauern arbeitete bis Dreschmaschine. Der konnte es sich leisten, wenn auch das Stroh wirr und unansehnlich wurde. Der Bauer überließ das Geschäft den Knechten und Mägden; er aber faß, seit ihn ein großer Durst nach einer Leberkrankheit gepackt hatte, seine meiste Zeit beim Bergwirt ober bem Maderbräu. Die Bäuerin aber, bie ben Hof eingebracht hatte, sah schon nach dem Rechten, damit die Wirtschaft nutzt zurnckging, trotzdem ihr ber Herr gewissermaßen fehlte.
Wenn der Durst beim Gregoribauern nachließ, btng er den Stutzen um, ging in seinen Wald, brannte einem Hafen eins auf Fell ober schoß in seinem Fischwasser einen Hecht und ließ im übrigen fünf gerabe sein.
Die Bäuerin galt im ganzen Dorfe und Umkreis als eine „richtige Frau"; aber wenn es manchmal die Leute zu laut sagten, stießen sich die Knechte und Mägde lachend an: „Herrschaft, na; es g'langt scho mit ber Richtigkeit!"
Wenn es bann Fragerei unb Stichelroden gab, erzählten sie, mit ber Arbeit, ber Kost und bem Lohn sei alles recht, aber — unb babei tippten sie mit bem Zeigesin^r an bie Stirn, ober sie drehten mit ber Faust einen Wirbel vor ben Augen und lachten: „Da fehltsl An Hex'n glaubt'sl"
„Herrschaft na, so was!"
„Js scho so!" Unb sie wußten zu berichten, daß nach den Reden der Bäuerin die Ernte nur darum so gut ausgefallen sei, weil ein weißer vaf« in ber Osternacht mit brennendem Schwanz Waldweiher gelaufen sei. Wenn bas ffefchahe, ginge alles Ungeziefer zugrunde, alle *^ren würben vollkörnig unb kein Wetter schluM in bie Saat.
L -"ruzi Türken, so an Unsinn!"
Unb bem Lohmüller feine Mühle fei abgebrannt, weil bie alte Dauslies einen Hexenspruch darüber gemacht hätte, am Matthiastag, um Mitternacht.
„Juhu!" lachten bie Burschen, „hoscht scho so was g'sehg'n?" und bie Dirnen hielten sich bie Seiten. Aber bet Dauslies wichen sie seitdem doch aus, und um Nachtzeit wäre keine von ihnen an den Waldweiher gegangen, aus Furcht, weiße Hasen mit brennenden Schwänzen zu sehen.
Die Gregoribäuerin war trotz Sonne und Segensernte verdrossen und hatte die niedrige Stirn kraus gezogen. Schon seit Wochen gaben ihre Kühe weniger Milch, trotzdem man fetten Klee fütterte, Rüben einschnitt und eine neue Dirn eingestellt hatte, die nach der Gregoribäuerin Ausspruch ein Muster von Fleiß, Sauberkeit und Gewissenhaftigkeit war. Sie hieß Cresceuz, war ein Armeleutkind, der „Keßlermann" ihr Aelteste, flink und drall wie keine zweite. Morgens war sie bie erste an ber Arbeit, am Abend kroch sie als letzte ins hohe Federbett, und die @ -egoribäuerin war stolz, daß sie das „saubere Leut" der Müllerin vom Nachbardorf abspenstig gemacht hatte.
Und nun fehlten alle Tage am gewohnten Milchquantum, trotz Fleiß unb Sorgfalt, trotz guten Futters unb Kleienfrankes, einige Liter, und die Bäuerin sagte geärgert unb besorgt: „'s wird doch kein Vieh krank worbe fein?"
„Krank?" lachte die Crescenz auf, „schaui's doch in ben Stall, wie's fressen! Aber — leicht denk ich mir, wo's fehlt!"
»Wo meinst, Crescenz?"
Die Magd verschränkte ihre Hände, sah die Bäuerin von ber Seite an unb sagte geheimnis- boll: „Beim Nachbar sau städtische Sommer» ftischler; leicht kunnt einer 's Vieh verhext habn."^
„War' nit übel!" tief die Bäuerin entsetzt.
„Nix Gewiffes woaß mer nit", meinte bie Crescenz in gleichem Ton. „Hab's schon allweil sag'» hör'st, -aß manch einer 'nen Spruch hat,
daß die Milch, statt in Melkkübel in sei'n Kannen fließt!"
„Alle Heiligen steh'n mir bei; gibts dös, Cenzi?"
„Dös gibts freili! Sie machen ihren Spruch, streichen, als ob's melken taten, an ihre Hand- trockentücher und — ber Bauer hat den Schad n. Da gibts ka Hilf' nit; is schon so, Bäuerin!"
Seit bie Crescenz bas gesagt hatte, ging bie Bäuerin mit krauser, sorgenvoller Stirn hermn. Sie wußte es ja von ihrer Patin, ber Berg- bäuerin her, daß es Hexen und Herensprücke gab, so viel auch der Pfarrherr es Unsinn unb Aber- glauben nannte. Sie hatte selber boch schon bie Geister in ber Tienstbotenkammer bei Nacht poltern hören, hatte schleichende Schritte auf der Tenne gehört, und nun molken ihr die fremdet» Leute auch noch durch Herenspnich ihre Kühe: Mrt einem scheuen, giftigen Blick sah sie zum Nachbar hinüber, wo bie Handtücher ber Sommerfrischler hingen unb im Frühherbstwind flat- terten und trockneten.
Von der Landstraße her kam ber Fbljack geschritten. Er paar ein hagerer, weißbärtiger Bauer aus bem Oberland. Die kurze Stummelpfeife hing ihm im Mundwinkel, er stützte sich auf einen Knotenstock und hatte eine Lebertasche umhängen. Darin trug er Salben und Kräuter zur Heilung fürs Vieh, Alaunwurzeln unb Honig mit Ameisensäure für Leichdorn und Hühneraugen; er vertrieb auch ganz heimlich die Hexen.
Gerade am Gregorihof kreuzte ber Pfarrer seinen Weg; ber sah ihm mit halber Kopfwen- dung nach, wie er durchs Hoftor ins HauS trat und er fann im Weitergehen vor sich hin: Was tut der wieder bei der Bäuerin? Sie ist wohl bie einzige im Dorf, bei bet es mir noch nicht gelang, bie alten Wahnideen zu vertreiben.
Und wie er, seinen Gedanken nachhängend, zuweilen stehen blieb und zurück nach dem Torfe iah, über daS sich allmählich ber Stbenbfriebe her- abfenfte, sah er bie Schwester ber Crescenz, bas Dort mit dem Flachskovf. vom Gregorianwesen,
hinter Scheunen unb Stallungen her, mit einem Milchkübel dem Waldstreifen zustreben, hinter dem die Hütte der Keßlermann stand. — Warum die Kleine wohl mit dem schweren Kübel den Umweg über den steinigen Acker machte, anstatt der Dorfstraße nachzugehen?
Und während ber Pfarrer grübelnd durch di« ab geräumten Felder schritt, faß der Jbljack bei derGregoribäuerin, die ihm sorgenvoll von ben Sommerfrischlern, ber fehlenden Milch und ben Vermutungen der Crescenz berichtete.
Der Jbljack wiegte bebenklich den Kopf mit ben schlauen, dunklen Augen, rieb sich das Kinn, schnupfte bedenklich aus der braunen Birkendose und sagte bann sehr ernst: „Verhext sind bie Viecher; da hilft nix als die Hex'n auszutreiben/
Leichenblaß saß die Bäuerin; nur stoßweise kamen ihre Worte: „Gleich tveibt's aus, Jbljack, eh' der Bauer kommt; kost's was mag."
Einen Schoppen scharfen Branntwein ließ sich der Bauer „zur Stärkung für's Vertreiben" auf« tragen, geräuchertes Fleisch und Weißbrot, und dann mußte bie ins Vertrauen gezogene Cres- ceiz Milch aufs Herdfeuer stellen. Der Jbliack peitschte nun mit einem Dornreis die aufkochende Milch, während er allerlei unverständliche Spruch ein murmelte. Dann gab er ber Bäuerin einen ni Öolberbufdf), den sie über die Stalltür nageln lernte drei Linsen von einem Strauch, der auf einem Richtplatz gewachsen war, um sie unter den Viehbarren beim anbrechenden Tag einzugraben, und em Stücklein Besenreifig, bas an einem roten Wollfaben über ber Raufe zu befestigen sei. Nach aLt Tagen wollte er wieder vorsprechen, um nach ber Wirkung zu sehen, unb wenn nötig, einen noch kräftigeren Zauberbannspruch tun.
Der Pfarrer hatte langsam bie Felder durchschritten; das Klappern ber Sensen war verhallt, und bas Raffeln ber Dreschmaschine verklungen. Im weiten Bogen umkreiste er bas Dorf, streifte jenseits des Waldstreifens bte baufällige Hütte ber Keßlermann, erwiderte freundlich ben Gruß ber flachsharigen Dorf, bte einen Milckkübel blaut