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JV3 88.
Fulda, Mittwoch den 15. April 19f^
35. Jahrqanq.
Erstes KUatt.
X Die Krifis im Ziottenverein.
In Berlin hat am Sonntag, wie schon kurz gemeldet, der Gesamtvorstand des Deutschen Flottenvereins eine Sitzung abgehalten, um über die Zukunft des Vereins zu beraten.
Zuerst wurden die Prinzipien des Vereins erörtert und neu eingeschärft. Die Thüringischen Verbände, die sich schon vor der Kasseler Tagung als die treuesten Schildknappen Keims ausgezeichnet hatten, stellten den Antrag, den Flotten- verein geradezu als einen nationalpolitischen im Sinne der Keimschen Agitation zu bezeichnen. Sie drangen aber nicht durch, sondern oer Vorstand faßte folgende Resolution gu § 2:
.Der Deutsche Flottenverem ist ein nationaler Verein, der zwecks Herstellung einer starken deutschen Flott« vaterländische Aufgaben zu erfüllen hat und uberden politischen Parteien und Konfessionen steht-.
Antrag nicht durch, so verläßt die Gefolgschaft Keims den alten Verein und gründet einen neuen, in dem der alldeutsche und protestantische Furor sich nach Herzenslust austoben soll.
Also die Eintracht, um deren Erhaltung sich die Bayern und die sonstigen Gemäßigten so sehr bemüht haben, soll von den Alldeutschen au jeden Fall vernichtet werden.
Welch eine nette Stimmung unter den Keimleuten herrscht, kann man noch auS folgender Bemerkung der „Deutschen Ztg." sehen:
.Di« drei bayerischen Führer waren garnicht im Saale (In der VorstandSsttzungi anwesend. Ihr, Stelle nahmen drei sehr liebenswürdig«, völlig außerhalb deS lcharfen EtreitrS stehende Herren ein. Der Frage, ob nicht auch di« alten Bayernführer um der Gerechtigkmt willen demisstonieren sollten, entging man sich auf dies« Weise. In Berlin soll der Frhr. v. Würtzburg, dessen Bruder übrigens nach dem ReichSbolen' Fesuttenpater fern müßte, doch gewesen sein; zur Begutachtung hinter der Szene-.
Mit Leuten von solcher Gehässigkeit ist freilich kein Zusammengehen möglich
Damit sollte der Friede im Flottenverein als gesichert gekennzeichnet werden. Die „Keimbrü- der- gaben indessen noch keineswegs Frieden. Die Thüringer Verbände strÄten dahin. Keim und dessen ganzes System wieder in den Vorstand zu bringen. Es war für die Vorstandschaft keine leichte Situation. Keim vergötterte man. Soll man ihn fallen lassen? Was aber mit den soeben streng gezeichneten Wegen der Prinzipien? Da verzichteten die drei anwesenden Mitglieder des früheren Präsidiums, und nun kam aus erleichterten Herzen folgende Resolution:
„Nachdem die drei anwesenden Mitglieder des früheren Präsidiums erklärt haben, daß sie eine Wiederwahl n'cht annehmen würden, wird der Antrag der Thüringer Verbände auf Wiederwahl deS früheren Präsidium» abgelehnt. Zur Vorbereitung der am 14. Juni in Danzig vorzunehmenden Neuwahl deS Präsidiums wird eme Kommission ge«
Harmlose Leser könnten nun glauben, damit sei die Keim-Periode zu Ende. Aber nach der einfachen Formel „ein Mann, ein Wort" geht es bei diesen „alldeutschen" Fanatikern nicht. Man hat ja schon in Kassel den Anschein erweckt, als ob Herr Keinr endgültig verzichtet hätte. Auf den jetzigen wiederholten „Verzicht" kann in Danzig sehr wohl die Erklärung folgen, er glaube sich doch wieder zur Verfügung stellen zu müssen. Seine,Freunde haben jedenfalls noch nicht verzichtet, wie folgende Kriegserklärung in der „Deutschen Zeitung" zeigt:
„Wir belrachten es als ausgeschlossen, daß in Danzig der Karren widerstandslos in den Gleisen läuft, die die Borstandssitzung in Berlin gelegt hat. Wenn die Leiter der Verbände so versagen, werden wohl die Vertreter berOrganisationen ein kräftiges Wort reden. Dann erscheint uns eine Trennung selbst unter ungünstigen Umständen als das Bessere. Ein bloßer AnlNSrungsverein mit geknicktem Rückgrat hat nur mäßigen Wert-.
Die Berufung von den , Leitern" an die „Der. treter" wird von der „Deutschen Ztg." in folgender Weise erläutert: In der Vorstandssitzung seien „nur die meist nach Würde und Ehrsnstel- lung gewählten Vorsitzenden der Landesverbände" zugegen gewesen, nicht auch die Geschäftsführer und dergleichen, die den Geist der Verbände schärfer zum Ausdruck brächten. Der Feldzugsplan der Keimlerite ist also ganz klar: In Danzig will man möglichst viel schärfere Elemente aufmarschieren lassen und dann die Wiederwahl Keims beantragen. Geht der Antrag durch, fo sind die Bayern und deren gemäßigte Gesinnungsgenossen in Norddeutschland zum Austritt gezwungen, und die fürstlichen Protektoren haben sich ihnen anzuschließen. Geht der
Deutsches Reich.
* Der Bau des Mittellanb-KanalS, der bekanntlich in den großen KanalkSmpsen vorläufig nur bis Hannover bewilligt worden ist, fol nach Mitteilung eine- Berliner Arbeitgeberblattes im kommenden Jahre beginnen, weil die Regierung die Absicht habe, dadurch die Arbeitsgelegenheit für die schlechte Konjunktur des wirt- schaftlichkir Lebens zu fördern.
V Wie im Reichstage hinter den Kulissen gearbeitet wurde, um die Mehrheit zum VereinS- gesetz zusammen zu bekommen, erzählt der el- sässische Abg. WetterlS in seinem .Journal de Eolmarck. Er schreibt:
„Sowie bekannt wurde, daß ein Mitglied deS Block- als nicht ganz sicher galt, ließ man den .Mann keinen Augenblick mehr allein. Der Reihe nach kamen seine Freunde, die Parteifreunde und die Regierungsleute auf ihn zu, um ihn mürbe zu machen. Man sah, wie der Unglückliche sich gegen diese mannigfaltigen Zumutungen zur Wehr setzte, wie aber die Abwehr immer schwächer wurde, biS ein resigniertes Lächeln den Triumph der Versucher anzeigte, welche mit strahlender Miene den Häuptlingen verkünden gingen, daß sie einen Soldaten mehr hatten. So werden Gesetze gemacht! Kombinationen in den Wandslgängen, parlamentarische Taktik, persönliche Bitten, Versprechungen und Drohungen, alles wird angewandt, um den Willen zu beugen. Ich könnte den Fall eines Kollegen zitieren, der zuerst entschlossen war, gegen den §7 ut stimmen, und daraus kein Geheimnis machte. Dieser rouroe das Ziel ganz besonderer Einschnchterungcn. Nach zwei Tagen schmerzlicher Un- entichloflenheit sagte er nur zuletzt ganz geknickt: „Was wollen Sie? Ich bin nicht nur Abgeordneter. Ich habe außerdem noch wichtige Privat» interessen, worin man mir ernstliche Schwierigkeiten bereiten könnte.- So hatte die Regierung eine Stimme mehr: aber mit welchen Mitteln batte man sie gewonnen! So weit kommen wir mit dem heutigen Regime! Herr v. Bülow will ich auf alle Fälle halten, und hat seitens der Neubekehrten auf der Linken Sukkurs erhalten, dessen Uneigennützigkeit verblüffend ist. Nicht einmal die Konservativen sind so zärllich für den Kanzler, wie die bekehrten Demokraten. Man stimmt nicht mehr für Grundsätze ab, man stimmt nur noch für oder gegen Bülow."--
Da» liberale Lakaientum, das Fürst von ^üloro in knapp 6 Monaten sich heranzuziehen verstanden hat, erscheint in immer glorreicherem dichte. Bei den nächsten Wahlen werden die Wähler ihr Urteil über diese- politische Gebilde fällen . . .
A Feuerbestattung in Preußen! Die Bü- lowsche Regierung hat, das muß man zugeben.
den wahren Tharafter des Freisinn- erkannt. Auf Volk-rechte reflektiert der Freisinn nicht mehr. Um so mehr aber auf alle-, wa- dem Neuheidentum förderlich sein kann. In dieser Erkenntnis ist jetzt die Feuerbestattung zuzulassen. Das zuständige preußische Ministerium hat einem Mitarbeiter eines freisinnigen Blatte- erklärt: „Es schweben bereits seit geraumer Zeit zwilchen den beteiligten Restarts Erwägungen und Verhandlungen, welche die Einführung der fakultativen Feuerbestattung, wenn auch unter gewissen Kautelen, erwarten lassen. Zu dielen Kautelen, die in erster Linie von der Justizbehörde ge- fordert werden, gehört unter anderem die Be- stimmung, daß eine Leiche nur dann einzeäfchert werden darf, wenn sie von einem Arzte untersucht worden ist, und wenn nach dem Gutachten deS ArzteS nicht- gegen die Verbrennung geltend gemacht werden kann." Da wird der Atheismus jubeln; denn rote wenigsten- ein hervorragendes Mitglied deS L internationalen Freidenkerkongresses meinte, gebe eS kein bessere- Mittel, dem Volke den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele auS dem Herzen zu reißm, al- die Leichenverbrennung I
= Ein neuer Hardenprozeß. Am 21. April wird vor dem Amtsgericht München I ein Prozeß deS Herausgeber- der »Zukunft", Maximilian Harden, zur Verhandlung kommen. Harden hat gegen die.Münchener Neue freie Volkszeitung' Beleidigungsklage erhoben auf Grund eine- Artikels, worin die eidliche AuS- läge de- Fürsten Eulenburg erörtert und im Anschluss« daran gesagt war, eS gehe da- Gerücht, Harden habe von dem Fürsten eine Million erhalten, „damit er schweige und nicht- weitere- aufdecke". Zu der Verhandlung wird nach dem Berliner Leibblatt Harden- dieser selbst erscheinen, um über seine Stellungnahme in bezug auf den Fürsten Eulenburg und dessen Aussagen Auskunft zu geben.
us. Der Bertretertag deS liberalen preußischen Lehrervereins ist soeben in Berlin zusammenge- treten. Man beschäftigte sich zunächst mit der Besoldungsfrage. Dabei wurden gegen die Re- giecung sehr scharfe Ausführungen gerichtet. In einer Resolution erklärte man, man beharre bei der Gleichstellung aller Lehrer in Stadt und Land mit den Sekretären der allgemeinen Staatsverwaltung. (Die Verwaltungssekretäre beziehen bekanntlich ein Höchstgehalt von 4200 Mark und entsprechendem Wohnungsgeldzuschuß.) Dann wandte man sich der (Erörterung des Haupt- thernaS, Schulleitung und Schulaufsicht, zu, wobei man sich gegen die geistliche Schulaufsicht wandte und fachmännische Schulaufsicht orderte.
* Bom hessischen Liberalismus erzählt die ,Kreuzztg." recht anmutige Geschichtchen. Sie läßt sich anS dem Großherzogtum Hessen schreiben:
„DieGroßherzogliche Regierung ist liberal, da- ist selbstverständlich in Hessen. Bei der Regierung scheint nun außerdem eine Spezialität des „Liberalismus- gepflegt zu werden, der sich auf die Formel bringen läßt: Liberal sein, das heißt, 1 iberal sein gegen die Liberalen. Wenn Grobherzogliche Beamte Naumannscher Observanz offen für sozialdemokratische Reichstagskandidaten agitieren, so ist daS in den Augen der Regierung wohlgetan. Wenn aber ein politisch rechtsstehender Amtsrichter in einer Wahlversammlung die Sozialdemokratie al- die Partei des Umsturzes und aller
niedrigen Instinkte charakterisiert, dann antwortet der Mimster auf die Beschwerde der Sozialdemokraten im Landtage, es fei allerdings nicht in jeinem Sinne, daß Beamte sich im Wahlkampfe in die vordere Linie stellten. Al- die Stadt Offenbach sich einen roten Beigeordneten wählte, war Dagegen von der Regierung nichts einzuwenden. Denn die Sozialdemokraten sagen doch selbst, daß sie die Partei bei Fortschritts seien, also muß man ihnen gegenüber auch liberal sein. Wenn aber ein Oberlehrer kein Hehl daran- macht, daß er nicht liberal sei, sondern die konservativ-deutschsozial« Bewegung in Hessen fördert, und wenn er gar di« Absicht hat, für den Landtag zu kandidieren, dann ist e» Zeit, besagten reaktionären Beamten nach einem Orte zu versetzen, wo er politisch unschädlich ist. Auf diese Weise ist der Oberlehrer Dr. Werner dieser Tage von Gießen nach WormS versetzt wo» den. In den Neunzigerjahren erließ die Regierung eine Beifügung, nach der die Staatsanwälte in allen Fällen die öffentliche Anklage zu erhebe» hatten, wenn „Israeliten als solche" beleidigt wurden. Damit wurde den Juden eine rechtlich« Vorzugsstellung im Staate «ingeräumt Zu gleicher Zeit erschien ein anderer Erlaß, der den Beamten verbot, sich an antisemitischen Bestrebungen, Veranstaltungen und Vereinen zu beteiligen. Gesinnung brauchte hier nicht geachtet zu werden, denn es handelte sich ja nicht um liberale Beamt«. Daß die antisemittsche Bewegung eine natürlich« Reaktion war gegen die wirtschaftliche Zerstörungs- praxiS deS Judentum-, von der sich nur jemand ein Bild machen kann, der die Verhältnisse in Ober» Hessen und im Odmwald auS Anschauung kennt — das konnte natürlich die liberale Regierung natürlich nicht sehen. Am 25. März d. IS. hat der Landtag mit allen gegen drei Stimmen die Aufhebung dieser beiden famosen Erlasse gefordert. Die liberale Regierung aber weigert sich, dem Beschlüsse zu entsprechen; dieselbe Regierung, die sozialdemokratisch« Beigeordnete besteigt und gegen sozialdemokratisch« Sttaßendemonstratiooen für Erlangung eines neuen Wahlrecht- in Preußen keine grundsätzlichen Bedenken hat!
Sehr interessant! Je größer die Rücksicht ist, welche die hessischen Regierung auf die Liberalen nimmt, um so weniger Rücksicht glaubt sie auf die Katholiken nehmen zu müssen. Wie schnell hat sie z. B. daS fürchterlich« Unglück vom Deutschen Reiche abzuwenden gewußt, daß ein paar der gefährlichen Jesuiten in Mainz Mission-- predigten hielten I Wir leben eben im Deutschen Reiche in einem Rechtsstaate, in dem der Grundsatz gilt: Gleiche- Recht für Allel
Zum Antrag deS Zentrums in Bayern, )urch Gesetz den fremdsprachigen Einwohnern Bayerns bezüglich deS unbeschränkten Gebrauches ihrer Muttersprache in öffentlichen Versammlungen die größtmögliche Fretheit zu gewährleisten, meint die ,Frs. Ztg/: „Das ist natürlich eine rein« Demonstration, da eS in Bayern fremdsprachige (Elemente überhaupt nicht gibt". DaS freisinnige Blatt scheint zu schlafen, denn sonst könnt« hm nickt entgangen siin, daß in Bayern ehr viele Italiener beschäftigt sind; in München ist sogar ein italienisches Gewerkschaft-- ekretariat, da- nun lahmgelegt werden soll. ' Uso nicht um eine Demonstration, sondern um ein höchst notwendige- Vorgehen im Interessier Arbeiterschaft handelt ei sich. Dagegen ist »er entsprechende freisinnig« Antrag im preußischen Landtag allerdings auch ferne Demonstratioth andern eine Komödie.
Irn ArrnkeLn.
Roman von Ernesto Selva.
Nach einer mähren Begebenheit erzählt.
48] (Nachdruck verboten.)
Selbstverständlich war es der Engländer, des- Erscheinung ihm schon vorgestern so unsym- pathisck gewesen, dem sein Haß sich vornehmlich zuwandte. Doch jetzt erwartete er die Antwort xuf feine Frage in großer Spannung.
Angiolina, ohne sichtbare Erregung zu verraten, sprach ruhig und in festem Tone:
„(5s ist die Pflicht eines jeden Christen, sich demütig dem Willen der Vorsehung zu fügen. In meiner Lage ist dies doppelt geboten. Möge sich denn mein Schicksal gestalten nach Gottes uner- forschlichem Ratschluß."
„Das heißt so viel, als daß Sie entschlossen sind, dem Doktor Linston die Hand zu reichen?"
„Ja."
„£), bann wird Ihr zukünftiger Gatte wohl
Jun' im Dunkeln zu belassen, denn Wahrlich, nur einer Blinden möchte der sellsame Einfall kommen, diesen Ausbund von Schönheit zu ehelichen."
Ein spöttisches Auflachen fchloß die Heraus- forderung ab, aber es war noch nicht verhallt, als Oliver, blaß vor Zorn, mit funkelnden Augen und bebenden Lippen, aufgesprungen war und Santoni am Arm packend, rief:
„Elender Feigling, das sollen Sie büßen' Ich weiß, daß ich mißgestaltet bin, weil es Gott ge- fassen bat, mich so zu schaffen. Das ist ein Un- gluck, aber feine Schuld. Sie aber, den die Natur und das Glück begünstigten, was haben Sie getan, um sich dankbar dafür zu beweisen? Nichts
weniger als nichts, denn Sie sind ein Ehrloser gelvorden, der es nicht verdient, das Band zu tragen, mit dem Ihre Brust fo stolz geschmückt
Und mit einer schnellen Bewegung riß Oliver das Ordensband von dcni schwarzen Rock San- toni? und warf eS ihm vor die Füße.
Einen Schrei der Wut ausstoßend, stürzte sich Santoni auf seinen Nebenbuhler.
Doch der Marchese trat rasch dazwischen, die beiden zu trennen, indem er, den Arm ausstreckend, mit ruhiger Würde sprach:
„Vergessen Sie nicht, Amadeo Santoni, wo Sie sich befinden! In meinem Hause und in meiner Gegenwart hatten Sie den traurigen Mut, den Doktor Linston und meine unglückliche Tochter 3» beleidigen. Sie haben sich durch Ihr Benehmen unwert gemacht, daß ich Ihnen, wie es mein Wille gewesen, eingehende Erklärungen über meine veränderten Entschlüsse gebe. — Verlassen Sie augenblicklich dieses Haus, dessen Gastfreundschaft Sie so gröblich verletzten l"
Diese Worte genügten, um dem jähzornigen Neapolitaner seine Fassung einigermaßen wieder- zugeben. Er war doch zu sehr Weltmann, um nich^ einzusehen, daß er sich hatte vom Zorn zu einer unbedachten Amdlung hinreißen lassen.
Sich tief vor Rionero verneigend, sprach er, suh mühsam zur Ruhe zwingend:
a« /^rzeihung, Herr Marchese, wenn ich in der Aufwallung, meiner gerechten Entrüstung die ^cksichten einen Moment außer acht ließ, die ich Ihrer Person und Ihrem Hause sc^rlde. Ich tperbe mich sogleich zurückziehen und hätte dies lwon eher getan, wenn jener Herr dort mich nicht H*. unverantwortlicher Weise beleidigt. Sollte Dr. Llnston Anspruch darauf erheben, ein Gentleman zu sein, so wird er mir die Genugtuung für
m.tr zugefugten Schimpf nicht versagen. Ich erwarte ferne Zeugen morgen in meinem Hause — hier meine Karte."
... Der Doktor streckte die Hand aus, um die Visitenkarte m Empfang zu nxhmen, die Santoni aus einem eleganten Etui gezogen und ihm hin» gereicht hatte; dann sagte er langsam und mit eigentümlicher Betonung:
Auf Wiedersehen, mein Herr, ich werde morgen stlbst kommen, um Ihnen die notwendigen Erklärungen meiner Handlungsweise zu geben. Halten Sie sich versichert, daß ich Sie vollkommen zufriedenstellen werde."
Santoni zuckte die Achseln und wendete sich nach kurzem Gruße zum Gehen, ohne einen einzigen Blick auf die Braut zu toerfen, die er zu lieben vorgegeben und die ihm für immer verloren war.
19.
Eine Mahnung an die Vergangenheit.
Am nächsten Morgen verließ Oliver Linston Sorrent, um f«b nach Neapel zu begeben.
Der Marchese wollte ihn begleiten, er war im höchsten Grade beunruhigt, denn das Leben des Maiines, dem er die Heilung der geliebten Tochter danken sollte, erschien ihm zu kostbar, um es im Duell mit einem in der Führung der Waffen geübten Gegner aufs Spiel zu fetzen.
Doch Oliver gab sowohl dem Marchese, als auch Angiolina, deren Nerven durch die stattgehabte Szene sehr erregt worden waren, die Versicherung, daß es zu keinem Zweikampfe kommen werde.
Gegen Mittag kam Oliver in Neapel an und begab sich sofort in fein Hotel, wo er Toilette machte, in aller Gemütlichkeit ein Frühstück einnahm und einen Mietswagen bestellte. Nachdem er einen Blick auf die Disttenkarte geworfen, rief er dem Kutscher zu:
„Straße Nardonez, Palazzo Santoni."
Eine Viertelstunde später hieü der Wagen vor einem palastartigen Hause.
Der Portier öffnete den Schlag und bejahte die Frage des Besuchers, ob Herr Amadeo San- toni daheim und zu sprechen sei.
Ein Diener in reicher Livree empfing Oliver und meldete ihn sofort bei seinem Herrn an.
Gleich darauf wurde er in das Wohngemach Santonis geführt.
^Dieser faß in einem eleganten türkischen Fchlafrock in seinem Sckaukelsttible und nmiüte
eine feine Havanna, deren Duft das Zimm« erfüllte. Sein Blick streifte voll heimlichen Triumphes die unansehnliche Erscheinung seines Gegners, dann erwiderte er kühl dessen Gruß.
„Sie sehen, daß ich mein Wort gehalten habe und Ihrer Einladung gefolgt bin," sagte der Doktor gleichmütig.
„Und ich danke Ihnen für Ihre Pünktlichkeit. Unser Geschäft, denke ich, wird bald geordnet fein, Bor allem ersuche ich Sie, Platz zu nehmen.
. Oliver ließ sich seinem Gegner gegenüber in einem Lehnstuhl nieder und blickte Santoni erwartungsvoll an, der fortfuhr:
„Ohne di« BÄveggründe des Marchese Monere zu berühren, welche ihn dazu veranlaßt haben. sein mir gegebenes Wort zu brechen, will ich sofort zu unserer Angelegenheit übergehen, di« in jedem Sinne eine private genannt werden darf. Sie haben mir gestern eine tödliche Beleidigung zugefügt, Mister Linston, und ich fordere blutige Genugtuung, die Sie mir nicht versagen können."
„Erinnern Sie sich", entgegnete Oliver kalt, „daß Sie es waren, der mich zuerst beleidigte, und zwar in einer Weife, welche eher bei Schul- buben, die einander ihre körperlichen Gebrechen vorwerfen, als unter Kavalieren üblich ist."
Santoni biß sich auf di« Lippen, doch er wollt«
"uht merken lasten, daß er sich getroffen fühlte, desbalb sagte er in wegwerfendem Tone:
„Wozu noch unnütze Worte wechselnl VoM ersten Augenblick an, wo ich Sie in Sorrent erblickte, wohin ein böses Gestirn Sie geführt hat, verabscheute ich Sie und tue es noch jetzt!"
_ „Merkwürdig! Während ich Ihnen Haß ein- flößte. war es lediglich Beratung, die ich für Sie fühlte."
Amadeo, weniger imstande sich zu beherrschen als sein Gegner, erhob sich voll Ungestüm uni rief zornrot: „Vergessen Sie nicht, daß Sie sich in meinem Hause und in meiner Gewalt befinden!"
, daran habe ich wohl gedacht, ich weiß jjt mit wem ich e8 ,u tun habe." (F, Jj E