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Fulda, Dienstag dm 14. April 1908.
35. Jahrgang.
Erlies Wlatt.
a Die Wahlparole der Iungliberalen.
Am Sonntag ist die nationalliberale Jugend in K a s s e l zusammen gewesen und hat dort aimi eine Aussprache über die bevorstehenden Lano- tagswahlen in Preußen gepflogen. Das wäre an sich eine ziemlich nebensächliche Angelegenheu. Denn seit einigen Jahren sind die ^ungliberalen, wie sie sich fälschlich gern nennen, ebenso Kahm geworden wie die nationalliberale Partei selber. Aber man hat sich auch über das Landtagswahl- s y st e m und über diePolitischeLage unter- halten, und das ist es, wozu wir einige Randb^ merfungen machen möchten.
Zunächst die Aussprache über das Wahlrecht. Natürlich verlangt eine nationalliberale Tagung das Wahlrecht, das der Partei bei ihrer Zusammensetzung am meisten nutzt. Andere Momente haben ja für diese Herren niemals eine Rolle gespielt. Früher haben sich wohl auf den jungliberalen Tagungen Wünsche dahin geltend gemacht, man möge doch die Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechts in Preußen unterstützen. Davon ist jetzt, nachdem die „alten Her- ren" ihrem jungen Nachwuchs den Kopf zurecht gesetzt haben, keine Rede mehr. Man debattiert höchstens mit den Alten darüber, was „am besten" für die Partei ist. Der Referent vom Sonntag, der Kölner Rechtsanwalt Rehe, sprach sich natürlich stramm gegen das jetzige Wahlrecht au8. Er will eS auch „verbessern". Sehen wir einmal zu: wie. Für das Mehrstimmenwahlrecht ist er nicht, es wirkt ihm zu — „klerikal" und zu agrarisch, was nebenbei gesagt, nicht richtig ist, wenigstens bei uns nicht. Dagegen ist er für folgende „Verbesserung" des Dreiklassenwahlsystems: „Als beste Lösung denke ich mir, daß man bis 3000 dl Einkommen in der dritten Klasse wählt, von 3000 dl an in der zweiten Klasse und bei einem höheren Satze — gemeint ist 30 000 dl — in der ersten Klasse. Wie nett diese Rechnung auf die nationalliberalen Parteiverhältnisse paßt, zeigt die Mitteilung, daß 32 Prozent der Wähler unter 3000 Mark versteuern, 5 Prozent über 30 000 Mark. Die übrigen zahlen gar keine Steuer. In diesen 32 Prozent würde man die gesamte breite Masse kalt gestellt haben. Mit den übrigen läßt sich reden; ein großer Vorteil für die Nationalliberalen wäre also gesichert. An sich sind diese Erörterungen nicht von großer Erheblichkeit. Das wichtigste ist überhaupt, daß sie bestätigen, daß jetzt die gesamte nationalliberale ‘Partei, die Jungen und die Alten, geschlossen eine wirklich ausreichende Reform des Wahlrechts für Preußen ablehnen.
lieber die politische Lage sprach der Abg. Da s s e r m a n n. Mächtig freute er sich über die „Blockerfolge", was wir ihm nicht übel nehmen. Deutlich merkte man ihm aber die ängstliche Sorge an, möglichst viel vor dem Zerschellen des Blocks in Sicherheit zu bringen. Auch die Angst vor dem bösen Zentrum hat ihn immer noch gepackt. Weiter klagte er: die Entwickelung im Reich und in Preußen vollziehe sich nicht in der gleichen Linie, die Aufgaben der Blockpolitik seien noch nicht erledigt, eine riesengroße nationale Aufgabe, die Sanierung. ber Reichsfinanzen, harre noch der Erledigung. „Die schlechte Sage der Reichsfinanzen ist zurückzuführen auf die schlechte Zentrumspolitik, auf die lex Frankenstein." An weiteren großen Aufgaben nannte er die weitere Vergrößerung der Flotte und die Durchführung eines großzügigen kolonialen Bahnprogramms. Für Preußen proklamierte er den bittersten Kampf gegen das Zentrum und die Sozialdemokratie, gegen das Zentrum natürlich
in erster Linie. Diel Neue« ist an diesem Bas- setmann'schen Programm ja nicht, aber e8 ist doch mtereffant, weil es zeigt, waS zurzeit den Gegenstand der Sorge des Blocks bildet und welches die Ursachen für diese Sorgen find. Der Block hat erkannt, daß er eine schwere Erbschaft, die deS Zentrums, an getreten hat. Das Zentrum hat tatfächlich, als es am Ruder war. Großes geleistet, und wenn der Block nicht wenigstens halbwegs Zufriedenstellendes leistet, blamiert er sich heillos und ist unrettbar verloren. Daß er bet der nächsten Reichstagswahl zur Bebeutungslofig- feit herabsinkt, diese Gefahr liegt ja ohnehin für ihn nahe. Daher sucht fein red)ter Flügel noch möglichst viele „nationalen" Aufgaben ins Reine zu bringen.
Die nationalliberale Partei kann mit dem Verlauf dieser Vertretertagung zufrieden fein. Auf dem dernnächstigen preutz. Delegiertentage der nationalliberalen Partei braucht man sich über die Haltung deS Nackstvuchses keine Sorge mehr zu machen. Die jungen Leute find wieder artig getoorben. Auf den Rücken dieser jungliberalen Aare, die einst so stürmisch In die Welt hinausflogen, beginnen feierliche — Hühnerfedern zu wachsen.
Deutsches Reich.
* Der Bülow'sche Besuch beim Papste. Zu den Bemerkungen der offiziösen ,Südd. Reich», fotr/ schreibt man der ,Köl«. VolkSztg/: „Die ,Südd. ReichSkorr/ sagt nicht bestimmt, daß es sich nicht um die Polenfrage handele, sondern eS heißt nur, der Kanzler könne den Papst besuchen, ohne daß von Polen und Zentrum auch nur mit einem Worte die Rede sei. DaS ist kein Dementi. Aber selbst wenn der Reichskanzler auch amtlich etflärte, es handele sich nicht um die Polenfrage, würde unsere Ansicht unerschütterlich fein, daß Bülow nur auS diesem Grunde mit den vatikanischen Staatsmännern verhandelt und daß ihm hauptsächlich darum zu tun ist, die Ge- nehmigung der Kurie zur Ernennung eines deutschen, germanisierend en Erzbischofs von Gnesen-Posen durchzudrücken. Denn bei dem Kanzler hat sich der Gedanke an die Polengefahr so fest eingenistet, daß er in der ganzen Politik und Diplomatie nicht» sieht alS Polen. Marokko und die britische Flotte, auch die mazedonische Frage machen ihm weit weniger Sorgen.
* DaS Gesamtergebnis der neuen Anleihen. An der Berliner Börse wurde gestern da» Z ich- nungsergebniS auf die Reichs- und preußischen Anleihen mit 710 Millionen angegeben, wovon 40 Prozent mit Eintragung in das Reichs- bezw. Staatsschuldbuch und Sperrverpflichtung übernommen find.
* Der Erhöhung der Mannschastslöynung, die der Reichstag in einer Resolution gefordert hat, steht die Heeresverwaltung nach der ,Rhein.- Wests. Ztg? durchaus wohlwollend gegenüber. Es dürsten daher wohl im nä chsten Etat die hierzu erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Da eS sich voraussichtlich um eine Erhöhung von 10 Pfennig pro Tag handelt, beläuft sich der gesamte Betrag auf etwa 7 Mill. Mark. Außerdem werden auch die Mittel beantragt werden, welche zur Beschaffung des Putz- material» für die Mannschaften erforderlich sind, da dieses Material in Zukunft nicht mehr auf Kosten der Mannschaft, sondern auf Kosten der Heeresverwaltung besorgt wird.
* Die deutsche Kolonial-Gesellschaft hat eine Denkschrift au» Anlaß der 25 .Wiederkehr ihre» GründungStage» erscheinen taffen, in der die Geschichte der Gesellschaft niedergelegt ist.
— Der Hauptmann Dominik, gegen den fetnerjeit sehr schwere Anklagen über Grausamkeiten gegenüber Negern erhoben wurden, ist. nachdem die Untersuchung darüber nichts Be- lastende» ergeben hat, von de« Gouverneur Dr. Seitz in Kamerun zum BezirkSamtmann von Jaunde ernannt worden.
k. Eine Beschneidung der BerteidigungS- freihett vor Gericht. Am vorigen Freitag fand die Veichandlung gegen den Pfarrer Manfuy in Ar» a. d. Mosel statt, der auf Grund des bekannten Kanzelparagraphen 130a angetlaat war, daß er in einer Predigt an Kaisergeburts- tag »politische AngelegenHelle« auf der Hantel beiprochen und sich mißliebig über den Kaiser geäußert" habe. Wir wollen den Pfarrer wegen seiner Leußerung keineswegs in Schutz nehmen; sein Verteidiger, Herr Dr. Hommelsheim, sagte selbst, der Pfarrer werde wohl empiunbcn haben, daß er feine damaligen Worte am besten unter- laffen hätte. Indessen da» seien Fragen de« Takte», zu einer Anwendung be» Konzelpara- graphen fehlten jedoch alle Srforderniffe, denn der Pfarrer habe keine Angelegenheiten be» „Staates" auf der Kanzel besprochen unb bie Zeugen hätten selbst zugegeben, daß die Rede niemanden ausgefallen sei und daß von einer Aufregung nicht gesprochen werden könne. Als dann der Verteidiger, um da» näher anzusühren, die einzelnen Zeugenaussagen durchgehen wollte, fuhr der Richter dazwischen mit den Worten- ,4>err Verteidiger, dürfte ich Sie bitten, sich etwa» kürzer zu faffen, sonst fitzen wir heute abend um 9 Uhr noch hier. Die Richter Haden ja die Zeugen gehört." Darauf erwiderte der Verteidiger: „£etr Richter, wenn Sie mich nicht zu hören brauchen, dann ver- zichte ich auf daS Plaidoyrr und lege die Verteidigung nieder." Damit brach er seine Verteidigungsrede ab und setzte fich. DaS Gericht verurteilte dann, wie schon gemeldet, den Ange, klagten wegen Vergehens gegen § 130a zu 14 Tagen Festungshaft und wegen Beleidigung de» Bürgermeisters Unckell zu 40 Mark Geldstrafe sowie zu den Kosten be» Verfahrens. — Diese Beschränkung der Verteidigung»« freibeit wird in Juristen kreisen einiges Aufsehen machen, einem Verteidiger ba» Wort zu beschneiden um etwa eine Stunde früher fertig zu sein. DaS ist ein so schroffe» Vorgehen, daß eS ein allgemeines Erstaunen erregt und grundsätzlich behandelt werden muß. Wir glauben nicht, daß die Sache damit abgetan ist. Soll das Volk etwa denken, die Bestrafung deS Angeklagten sei bei den Richtern eine ausgemachteSache gewesen? Roch ein anderer Punkt in der Verhandlung erregt Bedenken. Der Staatsanwalt behauptete, der Kanzelparagraph trete auch dann in Kraft, wenn durch Aeußerungen auf der Kanzel nur die Möglichkeit einer Beunruhigung gegeben werde. WaS die Leute in Ar» über die Worte deS Herrn Pfarrers gedacht ober gesagt hätten, fei ganz einerlei — (!) Das sind doch Auslegungen, die geeignet sind, stutzig zu machen; wenn ber Paragraph so ausgelegt wird, wie eS hier der Staatsanwall getan hat, bann ist niemand vor ihm sicher. Der Begriff „Möglichkeit"
Beunruhigung zu erwecken, ist sehr dehnbar Geien eine solche Auslegung muß deshalb protestiert werden.
— Sachsen und die katholischen Schwester». Anläßlich der nationfllliberalefn Interpellation über bie Vermehrung der Grauen Schwestern in Dachsen zeigt bas sächsische Zentrumsorgan, die „Sächsische VolkSztg.", welchen beschränkenden unb entwürdigenden gesetzlichen Bestimmungen die ihr Leben dem Dienste der Nächstenliebe widmenden Grauen Schwestern in dem „Hellen" Sachsen, in dem die „Gleichheit vor dem Gesetze" in der Verfassung steht, unterworfen find. Auch außerhalb Sachsens ist eS nützlich, bas zu lesen:
„Die Echwester» stehen unter polizeilicher Kontrolle. Eine jede Echwester muß für chre Person di» Aufenthaltsberechtlaung in Sachsen habe«. DaS Ersetzen einer Echwester durch eine andere muß sofort beim Kultusministerium angezetgt werden. Zeigt «S fich notwendig, da» eine Station eine Vermehrung der Anzahl ein tretet läßt, so mutz von der geistlichen Behörde vom KultuSmtnistertum eine besondere Erlaubnis eingeholt werden. Das Schriftstück ist voll zu begründen und die Notwendigkeit des Bedarfes ist nachzuweisen. Bevor das Ministerium den Entscheid fällt, ermangelt eS mcht, das evangelisch« Pfarramt und auch die politische Gemeinde um ihre Ansicht anzugehen. Von (eiten ber Regierung wird also die Aufsicht der Tätigkeit der Schwestern te Sachsen streng eingehakten. Das Gesetz bestimmt auch, daß die Genehmigung ber Zulassung ber Schwestern jederzeit widerruft'ch fei. Ter Abg. Dr. Bogel gab tn» dirett zu, daß die Veranlassung zur Interpellation nicht in Beschwerden gegen die Schwestern liege, mdem er sagte: „Ich möchte zwar nicht behaupten, daß die Tätigtest der Grauen Schwestern sich nicht ausschließlich auf die Krankenpflege erstreckt-, meinte aber weiter: „Es ist ferner gesagt worden, daß bie Vermehrung ber Grauen Schwestern nicht außer Ber» hältniS zu der Vermehrung der katholischen Bevölkerung in Sachse» stehe. Dabei muß man sich ade» doch fragen, ob nicht etwa eine Wechselwirkung vorliegt.- Hierauf erklärte Abg. Pastor Starcke, er glaube nicht, daß dieses Anwachsen auf eine Konversion infolge der Tätigtest der katholischen Schwestern zurück» zuführen sei, aber zu leugnen sei nicht, daß die Tätigkeit btefer Schwestern in ihrer Fortentwickelung zu Ueb et griff en führen IJnnte.'
Zu ben Ausführungen ber beiden Abgeordneten, bi« also nicht in bei Sage waren, beit Schwestern auch nur bie geringste Unkorrektheit nachzuweifen, bemerkt bie „Sächsische Volkszeitung":
„Wenn bie Ordenstätigkeit ber Grauen Schwestern seit dreißig Jahre» noch keinerlei begrftnbete Beran» lassnng gegeben hat, in ihr eine Propaganda zu erblicken, um, wie ber Evangelische Bund tn feiner Schrift geschmackvoll ausführt, „die Kraule» für Rom einzufangen-, so ist das em ehrende- Zeugnis für diese. Derselbe Ada Starcke konnte auch nicht umhin, die Zunahme der Zahl der Grauen Schwestern zum Test in der Tüchtigkeit derselben zu erblicken und darin die Ursache zu sehen, daß fie oft von der evangelischen Bevölkerung in Anspruch genommen werden. Zum Test liege der Grund freilich auch darin, daß leider die evangelischen Schwestern nicht so zahlreich «nd auch nicht so leicht erreichbar seien. Der Abgeordnete klagt auch darüber, daß der evangelischen Kirche nicht genügend Mittel zur Vev» sügung ständen. Wir meinen, daß mit den Geldern, die alljährlich in große» Summen zur Unterstützung ber „Los von Rom'-Bewegung nach Oesterreich gesendet werden, sich kür die evangelischen Diakonissen reiche Mistel beschaffen ließe», um für die evangelischen Glaubensgenossen eine wohlorganisierte Krankenpflege einzurichten."
Es könnte nun ber eine ober andere meinen, wenn fo bitterliche Klagen über bie bem „Evangelium" in Sachsen vonSeiten ber Grauen Sche» stern drohende „Gefahr" im Landtag erhoben würden, müsse die Zahl ber Schwestern boch sehr groß fein. Aber int Ganzen sind sage und schreib« 116 Graue Schwestern in Sachsen zugelassen —i bie sich auf insgesamt 218000 Katholiken verteilen, fo daß also auf ungefähr 1900 erst eine
Irn Dunkeln.
Roman von Ernesto Selva.
Rach einer wahren Begebenheit erzählt.
47} (Nachdruck verboten.)
„Nein — aber Geltrude, wenn ich es wäre, bann könnte ich sehen — ich wäre dem Leben, bem Lichte zurückgegebcn."
Tas Gespräch wurde durch die Meldung unter- orochen, baß ber Marchese seine Tochter bitten lasse, sich in Frau Geltrudens Begleitung im Gartensalon einzufinden.
„Ist mein Vater allein dort?" fragte erbebend das junge Mädchen.
„Nein, Marchesina, der englische Arzt ist bei rhm.
„Ich dachte es", flüsterte Angiolina, bann erhob ue sich unb sagte zu Geltrube:
„Begleite mich — reiche mir Deinen Arm, ich bin so erregt, baß ich schwanke."
„Mut, mein Liebling, mir sagt es bas Herz: es wird noch alles gut werben."
. Trotz bieses tröstlichen Zuspruchs fühlte An- gwltna sich doch schmerzlich erschüttert, als fie den salon betrat, wo der Marchese die Tochter mit ben Worten empfing:
„Angiolina, Doktor Sinston erwartet Dich hier, um Dir seine Ergebenheit zu versichern."
Die Blinde wendete das Haupt nach der Richtung, wo sie den englischen Arzt vermutete unb verneigte sich errötend.
Als aber Oliver Linston jetzt zu sprechen besann, zuckte Angiolina wie von einem elektrischen .Schlage gerührt zusammen.
c,hatte sich ihrem Sessel genähert, sein Ge- wÜpx aFte .und in diesem Moment verklärte der usvruck seliger Freude die unschönen Züge Oli- zitternder Stimme sagte er:
uw;'«- 01 . Ui ich Ihnen meine Ergebenheit,
»nr,;nr-öreni^ll0^e Liebe aussprechen, Marchesina iiQiolina. Sre haben mir das Leben wiederge-
geben und mich von ber Verzweiflung errettet. Meine Dankbarkeit wirb nie erlöschen, dies werde ich Ihnen durch die Tat beweisen."
„Hch glaube Ihnen", erwidert« Angiolina ein- fadj, in Wirklichkeit war sie auch von der Echtheit der Gefühl« LinstonS überzeugt.
Rionero, welcher einige Worte mit Geltrube güvechsett, ließ sich jetzt feiner Tochter gegenüber nieder, und winkte bem Doktor zu, neben Angiolina Platz zu nehmen, währenb bie Gesellschafterin nach einem bösen Seitenblick aus den Engländer leise bas Gemach toiebet verließ.
Ermutigt durch des Mädchens freundliches Entgegenkommen, wagte es Oliver, bie Hand seiner zukünftigen Braut zu ergreifen unb mit gesteigerter Leibenschast fortzufahren:
„Ja, mein Leben ist von jetzt ab ganz allein Ihrem Glücke geweiht, Angiolina, denn Sie haben mich ein Dasein schätzen gelehrt, bas ich bisher nut als eine Last empfunden. Ich habe den Schwur getan. Ihnen das Licht der Augen wiederzugeben und ich wiederhole dieses Gelöbnis jetzt in Ihrer und Ihres Vaters Gegenwart."
„Wenn dies Ihnen gelingt, Doktor Linston," sagt« Anmolina lebhaft, „dann dürfen Sie meiner Danwarkeit, meiner Treue versichert sein; ja, ein Mann von Ihrer Bedeutung, Ihrem Genie, darf von der Gattin, welche er erkoren, mtt Recht erwarten, daß seine Wahl sie stolz macht."
»Ich verlang« nicht viel, Angiolina, würde ich doch schon zufrieden fein, wenn Sie meine Liebe dulden und mir gestatten wollen, um Ihr Her; zu werben. Denn von jetzt ab ist dieser schöne Fleck Erde meine Welt, werden Sie und Ihr verehrter Herr Vater meine Familie bilden, die ein- $igen, für welche dies Herz warm und treu schlagt."
Der Marchese wendete sich teilnahmsvoll dem Arzte zu mit der Frage:
„Haben Sie fernen Vater mehr, mein junger Freund?"
Olivers Stirn verdüsterte fich, er senkte da» Haupt unb erwiderte mit erstickter Stimme:
„Mein Vater ist lange — lange tot."
Die augenscheinlich schmerzliche Bewegung des Doktors hatte für Rionero nichts Befremdliches, schob er dieselbe doch auf die natürliche Trauer, die im Herzen des Sohnes der Verlust des Vaters erzeugen mußte.
Angiolina aber fragte, ob er noch eine Mutter, ob er Geschwister besitze.
„Alle tot — tot!" entgegnete der Gefragte dumpf. „Ich will meine Vergangenheit unb ihre Bitternisse vergessen, um ein neues Dasein zu beginnen. Ja, selbst bie Erinnerung will ich aus- zulöschen suchen. Gestatten Sie mir, Herr Marchese," unb er wendete sich Rionero zu, „daß ich Sie wie einen Vater verehre, ber Sie mir ja auch halb sein werden."
Der Marches« reichte Oliver gerührt bie Hand, auf bie dieser einen Kuß drückte.
In diesem Moment erschien ein Mann im Rahmen der Tür, der in dem anstoßenden Gemache, in das er geräuschlos eingetreten, in steigender Erregung einen Teil des Gespräches mit angehort hatte, das die drei Personen im Salon Myrren.
Dieser Mann war Amadeo Santoni und weder Rionero, noch der Arzt hatten feit» Anwesenheit bemerken Binnen, weil sie der EingangStür ben Rücken wendeten. Sie fuhren daher unwillkürlich in die Höhe, als jetzt eine Stimme in spöttischem Ton« sagte:
„Verzeihen die Herrschaften biefe vielleicht unwillkommene Störung — ober habe ich unrecht mit bet Annahme, daß ich als Vierter in diesem schönen Bunde zu viel wäre?"
Oliver warf feinem Nebenbuhler einen Blick des Triumphes zu, den dieser voll finsteren Has- ses erwiderte, während der Marchese sich erhob und feinem Gaste einen Schritt entgegentrat, indem er sagte:
„Sie kommen zwar heute unerwartet, Herr Santoni, doch nicht unerwünscht. Ich hatte mir
vorgenommen, Ihnen brieflich mitzuteilen, daß die triftigsten Gründe von der Well mich bewogen haben, daS Verlöbnis zwischen Ihnen und meiner Tochter zu lösen."
„Ah, unb weshalb, wenn ich dies« Auskunft erbitten darf?"
„Doktor Oliver Sinston hat um bie Hand meiner Tochter geworben unb für den Fall, daß ich ihm Angiolina zur Gattin gebe, die feierliche Ver- sichernng erteUi, meinem Kinde durch eine Operation, die keiner noch vor ihm gewagt hat, da» Licht der Augen zurückzu geben. Sie werden verstehen, daß dies ein Preis ist, den ich nicht abzuweisen vermocht«."
„Und Angiolina was sagten Sie dazu, meine teure Braut?"
Der spöttische Ton, welchen Santoni auch setzt noch beibehielt, als er sich bem jungen Mäbche» zuwenbete, bezeugte klar unb deutlich, daß die Neigung zu ber Tochter be» Marchese Rionero nicht einer wahren Herzensempfinbung entkeimt, sonbern bie Frucht einer kühlen Berechnung gewesen war.
In der Tat hatte Amadeo Santoni, stets von dem Wunsche erfüllt, durch eine Heirat fich mit einem adligen Geschlecht zu verbinden, anfangt in ber schönen Blinden nur ein Mittel gesehen, diesen Zweck zu erreichen.
Marchese Rionero gehörte einer ber edelsten Familien des Laubes an und toar zudem seht begütert und einflußreich Die Schönheit Angioft-, nas hatte bas übrig« getan — freilich war bal Mädchen blind, doch zuweilen ist es sogar von Vorteil, eine blind« Frau zu haben.
Genug, diese Verbindung erschien bem Kavaliere sehr wünschenswert, und er hatte alle», drangesetzt, bas Vertrauen unb bie Einwilligung des DaterS, bie Neigung ber Tochter zu gewinnen. Es läßt fich daher leicht ermeffen, tn welchen Zorn bie Entdeckung bem eitlen, ehrgeizige* Mann versetzt«, daß sein Glücksschiff noch im Hafen scheitern solle.
(Forffetzimg folgt.)