35. Jahrqanq
den Beamten und Lehrern
Fulda, Freitag den 10. April 1908.
Maer W Zeitung
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iSrlles Mlatt.
Als aber der Morgen des nächsten Tages an-
Der Marchese Rionero verneigte sich schwcr-^bvach, wo er wohl oder übet eine Entscheidung
fpotiijt pttitjcUe «M bette Bauet 16 Pfg. ReHamtnbiePetitjeU« 25 Pf-., bei Wiebel« Holungen wirb entfpt. Rabatt gewährt.
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durch gut, daß Sie mir die Hand Ihrer Tochter zusaaen!"
Die Worte Olivers hatten eine wilde Bered- samkeit; die Wahrheit, die denselben zugrunde lag, blieb nicht ohne Eindruck auf Rionero, nachdenklich erwiderte er:
„Und was nützt es Ihnen, wenn ich Ihnen Angiolina zur Ehe gebe, und Sie sich das Herz der Braut, der Gattin nicht erobern können? Müßte Sie das nicht noch unglücklicher machen?"
Oliver schüttelte mit großer Entschiedenheit den Kopf.
„Sie vergesse,r, Herr Marchese, daß ich für Angiolina nicht ein gewöhnlicher Freier bin, dessen Bewerbung sie annebmen oder zurückweisen kann. Ich bringe ihr als Brautgeschenk mehr als ein Königreich, denn ich schenke ihr die Welt, die herrliche Natur mit Farbe und Licht, den Himmel mit seinen Gestirnen. Mehr habe ich nicht hinzu- zusetzen. Einen Tag Bedenkzeit lasse ich Ihnen, Herr Marchese, meinen Vorschlag zu überlegen. Schlagen Sie denselben ab, nun, dann dürfte Ihre Tochter schwerlich dem Dunkel entrissen werden, das sie umgibt, da sich bis jetzt kein ^Operateur gefunden hat, der den Mut gehabt hatte, die Verantwortung einer solchen Kur auf sich zu nehmen. Wer weiß, ob nicht der Vorwurf, diese einzige Gelegenheit zur Rettung unbenutzt gelassen zu haben, Ihr Gewissen beschweren wird — von mir will ich nicht sprechen, denn ich kann nicht beanspruchen, daß Sie sich für mein Geschick interessieren sollen, das traurig genug sich gestalten wird. Ich bin Ihnen ein Fremder und wir stehen einander gegenüber wie zwei Geschäftsleute; ich fordere einen Preis für meine Ware und bei Ihnen steht e5, mein Angebot anzunehmen ober abzulehnen. Morgen früh werde ich mir die Freiheit nehmen, Herr Marcl>ese, nachzufragen, welchen Entschluß Sie gefaßt haben; bis dahin geflattert Sie, daß ich als Gast in Ihrem Haufe weile." O
Deutsches Reich.
♦ Reichskanzler Fürst Bülow tritt heute abend die Reise nach Rom an, wo er Sonn- lag mittag eintrifft. Er wirb dort, wie bekannt.
Ersitzet« t»glich mit Auraahme bet Sonn» unb Feiertage, viertel, jährlicher BezUgs-reir ohne Vringerlohn unb Bestellgeld sil Fuldas», wie attswärte 1.50 Bit
Derantw. Bebaktest: «atl Schütter
K Nach dem Blorksieae.
Im Abgeordnetenhause sind die Teuerungszulagen beschlossen worden, im Reichstage hat das Vereinsgesetz und das Börsengesetz dem Block keine Zeit gelassen, die Teuerungszulagen für die Reichsbeamten zu verabschieden. Niemand wird bestreiten wollen, daß die Verabschiedung der Teuerungszulagen mindestens ebenso wichtig ist, wie die Annahme des Börsengesetzes; dann hätten doch die Beamten auf Ostern das Geld ausbezahlt erhalten, während sie jetzt bis in den Mai warten müssen. Wir begreifen nicht, daß der Reichstag in Ferien ging, ohne dieses kleine Gesetz verabschiedet zu haben. Die Beamtenschaft sieht da- raus, wie die Mehrheit ihre Wünsche behandelt.
Indessen, das ist ja alles in unserem herrlichen Blockzeitalfer Nebensache. Hauptsache ist, daß der Block erhalten bleibt, und um dies zu erreichen, haben die Charakterlosigkeit des Freisinns und der staunenswerte Blockeifer des Bundes der Landwirte das Menschenmögliche ge- löstet. Für die — ehemals — freisinnige Linke ba- der Abg. v. Payer in feiner „staatsmännischen" Rede zum Vereinsgesetz mit schätzbarer Offenheit erklärt, daß die „P r o g ra m msä tze" nich t entscheidend fein dürften, sondern daß es darauf ankomme, der Regierung keinen Grund, ja nicht einmal einen Vorwand zur Ansschaltuna der Linken aus dem regierenden Block zu geben. Die unbegrenzte Opserwilligkeit dieser Emporkömmlinge, die ihren Platz an der Gnadensonne um jeden Preis noch eetwas behaupten mochten, ist nicht imposant, aber immer doch noch eher zu begreifen, als der Fanatismus, mit dem die Führer des Bundes der Landwirte sich in den Dienst des Blockgedankens stellen.
Wie diese von Anfang an mit geradezu vor- dringlichem Eifer mitarbeiteten an der Aussck>al- tung desselben Zentrums, das ihnen soeben zu den landwirtschaftlichen Schutzzöllen bcrbolfeit hatte, so haben sie sich auch jetzt entscheidend ins Zeug gelegt, um den landwirtsfeindlichen Liberalismus zu den Erleichterungen des Börsentrei- bens zu verhelfen. Und da wagt das Blatt des
Bundes, Die „x-euucye Tagesztg. beute noch dem I Zentrum den Vorwurf zu machen, es "lebe unsachliche Politik; es kämpfe nicht sowohl gegen das Vereinsgesetz, als vielmehr gegen die Mock- Politik, und es würde sich gern mit dem Entwurf des Vereinsgesetzes abgefunden haben, wenn es nicht unter dem Zeichen der Blockpolitik gestanden hättet
Dieses Gerede ist ebenso böswillig, wie unsinnig. Was den Ausschluß der I u g e n d l i ch en von politischen Vereinen und Versammlungen angeht, so ist das freilich keine grundsätzliche Frage, sondern eine Zweckmäßigkeitsfrage-, das Zentrum mußte gegen diesen Paragraphen stim- men, weil unter den gegenwärtigen Verhastnisien das angeblich erstrebte Ziel nicht zu erreichen ist und das Verbot weniger die sozialdemokratische Verführung, als vielmehr die christlich-soziale Er- ziehung be3 Nachwuchses behindern wird. Aber der andere Stveitpnnkt, die Beschränkung der Sprachenfreiheit, ist von der größten grundsätzlichen Bedeutung, zugleich auch von der größten Gefährlichkeit für den inneren Frieden Das Organ des Bundes der Landwirte weiß natürlich'ganz aut, daß die Zentrumspartei unter keinen Umständen für den Sprachenvaragra- phen zu haben gewesen wäre, auch bann nickst, wenn von diesem Paragraphen bas Ende der . Ausschaltimg" des Zentrums herbeiaeluhrt war- den wäre. Angesichts dieser klaren Sachlage darf man nicht gegen das Zentrum den Vorwnrf er- heben, daß es aus Rücksichten auf die Blockpolitik gegen seine sachliche Ueberzengung handele.
Aber haben wir nicht das volle Reckt, den Vorwurfzuruck zu geben? Sitzt nickt der Bund der Landwirte hinter dem Ofen, wo er dem Zentrum einen Platz zudickten möchte? Würden Herr Rösicke und Genosien für das neue Börsen- gefetz gestimmt und geworben haben, wenn es nickt „unter dem Zeichen der Blockpolitik" gestanden hätte? Würden sie die Spielfrei - beit an der Börse so beträchtlich erweitert und sogar dem Terminhandel in Getreide einen so bedeutend größeren Raum gewährt haben, wenn nickt die E r h a l t u n a d e s B l o ck s ste zu den Opfern ihrer früheren Überzeugungen und Inter- essen veranlaßt hätte?
Nun ist ja mit viel Hochdruck und Künstele, die Blockpolitik vorläufig wieder zum „Er- folge" gelangt. Warum wir ^s aus sachlichen Gründen bedauern, aber vom Parteistandpunkt mit großer Gemiitsriihe betrachten, brauchen wir beute nicht von neuem auseinanderzusetzen. Aber wenn nun der K uhhandel perfekt geworden ist. so muß man doch fragen: Wer treibt b i e K ü h e in seinen Stall? Auf der einen Seite profitieren die H a k a t i st e n in ihrer ge- nieinschäbl'tchen Polenverfolaung, auf der anberen Seite bie B ö rje n s p i e le r. Aber bieicnigen Beniksstänbe, als deren Vertretung sich der Bund der Landwirte aufspielt, bekommen keine Kühe, sondern liefern nur die Kälber.
Ein Glück für bie Blockkünftler, daß die frühere Kartellmehrheit im Jahre 1888 die Wahlperiode auf fünf Jahre verlängert hat. Dadurch ist bas V o l k s g e r i ch t über bie Blocksrüchte weiter hinausgeschoben worden. Aber aufge- fdroben ist nickt aufgehoben. Tie Linke wird ihren Wählern Rechenschaft geben muffen über die Bewilligung von freiheits- und rechtsfeindlichen Aiisnahmemaßregeln im Vereinsgesetz. unb bie Rechte wirb sich zu verantworten haben über die Begünstigung des Börsenspiels.
Gemeinsame Schlußsitzung beider Häuser.
Im Sitzungssaale des Abgeordnetenhauses traten nachmittags 4 Uhr die Mitglieder beider Häuser des Landtages zur Schlußsitzung ziisam- men. Sämtliche Minister waren im Frack er- schienen. ___
Fürst Bülow verlas eine vom 28. Marz 1908 von Bord der „Hohenzollern" in Venedig datierte kaiserliche Botschaft, die die Sitzung, des Landtages für geschlossen erklärt.
Die Sitzung schloß darauf mit einem Hoch auf den König.
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monakbellage: „5uldaer Geschlchkblatter Fernsprecher Ur. 9.
leben doch auch noch an d er e Mensch en im Staate, die zum Teil in sehr schwierigen Erwerbs- Verhältnissen stehen und wir müssen uns doch bar- über klar werden, wie sich das Verhältnis zwischen den besoldeten, mH Pensionsberechtigung versehenen Beamten unb den freien gewerblichen Arbeitern, den kleinen Handwerkern und ähnsichen Gewerbetreibenden, bie auch mit der Not der Zeit zu tun haben, gestaltet. Tie Staatsregierung sollte die Vorlage so gestalten, daß sie auch auf die Frage Rücksicht nimmt, tote Deckungsmittel gefunden wer den, die bie Steuerzahler nicht zu schwer bedrücken.
Die Kieler Eingemeindungsvorlage lehnte bas Haus mit großer Mehrheit ab.
Nach Erledigung einiger Petitionen und nach den üblichen Dankesworten schloß Vizepräsident Becker die Sitzung mit einem Hoch auf den König.
genb unb Oliver Linston verließ ihn, seines Sieges gewiß.
17.
Die Entscheidung.
Der Tag, an dessen Morgen der Marchese Rionero die seltsame Werbung des englischem Aerztes erhalten -hatte, verging ziemlich einförmig.
Erst beim MittagSmahle traf der Gast mit der Familie des Gastgebers zusammen, denn Oliver hatte sein Zimmer nicht verlassen und der Marchese, in begreiflicher Erregung und gänzlich in Anspruch genommen durch seine eigenen Gedanken, hatte bie Gegenwart des Mannes gemieden, der ihn in die peinliche Lage versetzt hatte, eine so schwierige Wahl zu treffen.
Die Kosten der Unterhaltung bei der Mittagstafel wurden hauptsächlich von dem Fremden getragen, der von seinen Reisen und dem Londoner Leben erzählte.
Angiolina lauschte den Erzählungen ihres neuen Arztes voll Interesse, und wenn Oliver Linston im Eifer die Stimme mehr erhob, dann wandte sie ihm das Gesicht zu, in dessen schönen Zügen sich bemerkbar eine gewisse Unruhe ausdrückte. Als da« Mahl beendet und der Kaffee eingenommen war, zog sich die Blinde nach gewohnter Weise mit Frau Geltrude zurück.
Auch Linston verabschiedete sich von dem Marchese, mit dem Vorgeben, im Garten noch eine Zigarre rauchen und bann auf feinem Zimmer studieren zu wollen.
ES war ersichtlich, daß dieS nur ein Vorwand fei, um dem Marchese volle Zeit zur Ueberlegung zu lassen.
Rionero war dem Gaste dankbar für diese Delikatesse, denn er war weit entfernt davon, einen Entfchluß gefaßt zu Haden, und verbrachte eine schlaflose Nacht, eine Beute der verschiedenartigsten Entschlüsse und Gedanken.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 9. April 1908.
DaS Haus erledigte in zweistündiger Sitzung I etwa 80 Petitionen zumeist lokaler oder persönlicher Natur. Nru einige wenige tonten größeres Interesse beanspruchen, so die Petitionen um gesetzliche Regelung der Unfallsur sorge der Gemeindebeamten und um Abschaffung der Arrest- strafe für die unteren Beamten, welche der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen wurden.
Bei einer Petition um NSHerlegung des Bahn- hosS in Heyerode bei der projektierten Neben- bahn Mühlhausen—Treffurt, und bei einer anderen Petition eine Führung der Strecke Bleiche- rode—Herzberg durch den H e u b e r g und Anlegung eines Bahnhofes westlich von Bischofferode beantragt bie Kommission Ueberroeifung als Material, der Abg. Tourneau (Ztr.) dagegen Uebertoeifung zur Erwägung. Der Abg. v. Strom- be ck (Ztr.) beantragt, bie zweite Petition zur Berücksichtigung zu überweisen. Die Abgg. Freiherr v. Zedlitz (ff.) unb Eickhofs (fr. Vp.) schließen sich den Anträgen Tourneau an.
Die beiden Anträge des Abg. Tourneau wer- den mit großer Mehrheit angenommen.
Abg. Hobrecht dankte zum Schluß dem Präsi- benten namens der Abgeordneten für bie treue Ausdauer, mit der er gewissenhaft und erfolgreich auch in dieser Session die Geschäfte des Hauses geleitet habe.
Präsident v. Kröcher glaubt, diesen Dank auf die Vizepräsidenten, Schriftführer und Quästoren ausdehnen zu müssen und schließt mit einem Hoch aus den König.
vom Papste empfangen werden, ferner auch den König Viktor Emanuel betuchen und mit dem Premierminister Giolitti und dem Minister deS Auswärtigen, fcittoni, konferieren.
* Die Harmlosigkeit des neuen Borsenge, fetzes bemühen sich die Konseivativen und Land, bünbler mit allerhand Trugschlüssen nachzuweisen. Vergebens. Die Börse selbst weiß ganz gut, war sie errungen hat. Die Berliner Fondsbörse hat am Mittwoch daS Zustandekomm n des Ge- ietzes mit einer demonstrativen Hausse gefeiert. Unb die Produktenbörse? Die hatte vorige Woche mal demonstrativ Flaue gemacht und to- gar mit einem Streik gedroht, um möglickei- weise noch etwas mehr herauSzuschlagen. Ader jetzt denkt man gar nicht an die Aassührung der Drohung. Im Gegenteil; es heißt m den Börsenberichten, daß die Produktenbörse bte Annahme des BörsengeietzeS „ruhig ausaesatzt bade. Das will lagen: di« Herren von der Produktenbörse haben erkannt, daß mit der Freiaebung des GetieideteiminhanbelS unter der Form des „handelsrechtlichen Lieserungsgeschäftes für den großen Kreis aller Leute, bte irgendwie in ihrem Gewerbe mit Getreide zu tun haben, sich treffliche Börlengelchäsie machen lassen.
--- Reinliche Scheidung im Flottenvereni. Do. der Danziger Tagung des glottenberetnd. wird her Post" aus Flottenvereinskreisen geschrieben. Tie Tagung in Kassel hat bie schroffen Gegen- scitze, bie durch den unheilvollen Persouei-kusi in die Majorität unb Minorität getragen sind, grell beleuchtet unb gezeigt, baß eine Er n tg n ngb er beiben Parteien unmogllch ist. Tie Kaum- batenliste der gemäßigten Porter ist kürzlich, wenn auch nicht völlig zutreffend bekannt geworden. An ihrer Spitze steht kennzeichnend als Präsident Großabrniral v. Köster. Die Liste der M-norltat braucht nicht erst veröffentlicht zu werden; hier gilt bie Parole, die strikte befolgt werden wird: Wiederwahl des alten P r a s i d ruMs in erster Linie des Fürsten zu Salm-Horstmar und des Generals Keim. Do diese Wiederwahl in Danzig mit etwa zwei Drittel Mehrheit erfolgen wirb, so ist heute schon gewiß uni diese Gewißheit wird durch kein noch so energisches Ableugnen erschüttert, daß wenigsten» General Keim bie Wiederwahl zum geschastssuh- renden Vorsitzenden a n n i m m t. Damit ist bann bas Schicksal besiegelt, denn der Name Keim bedeutet unbedingt eine Abtrennung der Minorität, bie übrigens, wie bekannt, nicht nur aus Bayern besteht. Die „Post" meint, dies Ergebnis sei nicht zu bedauern, da doch bie Einigung nn m 8 g» sich ist und durch die Trennung mdlich di« Kräfte, die in dem Verein schlummern, wieder frei werden und wirken können. Der Keiinsche Verein wird ein Agitationsverein für ein bestimmtes radikales Flottenprogramm werden, der andere Verein wird sich in erster Linie der Aufklärung widmen. Die reinliche Trennung der beiden Parteien kann also nur gute Früchte tragen. Es fragt sich nur, ob man dann erst Danzig abtoarten soll. Wir meinen nein. War schon der Tag von Kassel schlimm, der Rangiger. wird ihnanSchärfenoch übertref- fen. Dann roten wir, man trennt sich in Ruhe schon vor bet Danziger Tagung. — Am Sonntag hält der Flottenverein in Berlin eine vertrauliche Vorstandsfftzung ab, um Stellung zur Wahl deS neuen Präsidiums zu nehmen.
ns. Im Memeler „Schandsäulen"-Prozetz hat da? Reichsgericht die Revision deS Redakteurs Markwald gegen die Verurteilung verworfen. Markwald, der Redakteur des Königsberger sozialdemokratischen Blattes, hatte bei Gelegenheit der Einweihung eines Denkmals für
Herrenhaus.
Sitzung vom 9. Februar 1908,
Das Herrenhaus nahm den Nachtragsetat betr. die Teuerungszulagen in der Fassung des Abgeordnetenhauses an. Dabei wandte sich der Berichterstatter
Oberbürgermeister Ehlers-Danzig im Auftrage der Kommission im scharfen Tone gegen die Art und Weise der Behandlung der Besoldungs» fragen im Abgeordnetenhaufe. Die Kommission ist der Meinung, daß es nicht die Ausgabe der Parlamente wäre, in dieser Weise einen Wettlauf um die Gunst der Beamten und Lehrer anzustellen. Wir sind zunächst der Meinung, daß die Behauptung, Preußen könne und solle mit seinen Gehaltsaufbesserungen vorgehen unbekümmert einmal um daS, was im Reich geschieht, und andererseits auch unbekümmert um die Folgerungen, die die Gehaltsaufbesserung für die Kommunalverbände hat, eigentlich ein ungeheuerlicher Gedanke ist bei unserem Verhältnis zum Reich. Ganz gewiß gönnt jeher von uns den Beamten und Lehrern ein möglichst reichliches Auskommen. Aber diese Dinge müssen doch nüchtern betrachtet werden. Man kann doch nicht sagen, daß das ganze Staatswohl sich erschöpft in der Besoldung seiner Beamten und Lehrer, son- dern er muß doch davon ausgehen, daß wir Abgeordneten wie die Beamten nur vorübergehende Erscheinungen sind, das Dauernde ist der Staat. Unb bas Gemeinwohl muß in erster Reihe unsere Entschließungen leiten, unbekümmert barum, ob da» dem einen oder dem anderen gefällt. Diese Frage der Gehaltsaufbesserung ist doch auch zu entscheiden von dem Gesichtspunkte der Ausbrin-
treffen mußte, da nahm er seine ganze Energie zusammen und begab sich in das Gemach der Tochter.
Angiolina saß an ihrem Schreibtische, vor ihr aufgeschlagen lag das Tagebuch, sie hatte eben einen Satz beendet und hielt die Feder noch m der Hand.
Mit dem bewunderungswürdigen Takte der Blinden erriet Angiolina schon nach den ersten Worten der Begrüßung, daß irgend eine Sorge, ein Leid ihren Vater bedrücke, denn sie fragte ängstlich: _
.Was ist Dir, mein Vater? Fühlst Du Dich nicht wohl, oder hast Du einen Kummer? -- Sprich Dich aus, teile mir ihn mitl"
Ter Marchese ließ sich neben der Tochter nieder und sprach ernst:
„Ja, mein Kind, Du sollst alles wissen, ich but eben zu dem Zwecke so früh zu Dir gekommen, um eine für uns beide gleich wichtige Angelegenheit mit Dir zu erörtern."
„Sprich, mein Vater," fügte mit sanfter Ergebung die Blinde, in dem Glauben befangen, daß eS sich um die von dem englischen Arzt beabsichtigte Operation handle.
Sie war daher sehr erstaunt, als der Marchese, ihre Hand ergreifend, sprach:
„Vor allen Dingen, mein teures Kind, muß ich klar in Deinem Herzen lesen. Beantworte meine Frage: Liebst Du Deinen Verlobten, Ama« deo Santoni?"
DaS junge Mädchen senkte errötend daS Haupt und erwiderte mit etwas unsicherer Stimme:
„Armer Papa, mache Dir deshalb keinen Kummer, ich liebe Amadeo, wie eben ein Wesen meuter Art einen Mann lieben kann, den es nie gksepen, von dem eS sich nur einen undeutlichen Begri^ zu machen vermag. Er soll schon fein daS tanrt ich nicht beurteilen; Du nennst ihn gut unb ebd — ich will hoffen, daß er es ist. Mehr w«b rch Dir nicht zu sagen."
LSoEetzmrg.jslM
Im Dunkeln.
Roman von Ernesto Selva.
Rach einer wahren Begebenheit erzählt.
44] (Nachdruck verboten.)
„Meine Tochter ist Brant" — schob der Marchese ein, in der Hoffnung, einen Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden und die Werbung des Engländers auSschlagen zu können, ohne den Mann zu beleidigen, von dessen geschickter Hand er die Heilung seiner Tochter erwartete.
Oliver zuckte voll Geringschätzung die Achseln.
„Das ist ein Band, welches sich sehr leicht Wird lösen lasjen. Erstens liebt Angiolina ihren Bräutigam Amadeo Santoni nicht, ihr Herz hat überhaupt noch nicht gesprochen, zweitens bedarf es nur eines Wortes von mir, um Sie, Herr Marchese, über den Charakter dieses mehr als ?toeii>cutigen Mensche» hier aufzuklären. Aber assen wir dies jetzt, der Kavalier« Santoni kommt hier gar nicht in Betracht."
Maßloses Erstaunen malte sich in den Zügen des Marchese; lebhaft rief er:
„Aber so erklären Sie mir doch--"
„Später, fpäter. Ich begehre es als eine Gunst von Ihnen, daß Sie mich vollenden lassen."
„Ich höre Ihnen aufmerksam zu."
„Wohl, ich muß Ihnen notgedrungen, meinen Seelenzustand ausmalen, denn ich will nicht, daß Sie meinen Handlungen unedle Beweggründe unterschieben. Eben weil ich der Siebe Glück nicht gekannt, waren mir auch die Oualen der Siebe unbekannt geblieben und ich lebte m meiner Gefühllosigkeit verrhältniSmäßig so glücklich, wie Angiolina in ihrer Blindheit. Sie, Herr Marchese, waren durch Ihre dringenden Bitten an mich, nach Italien kommen zu wollen, um Ihre Tochster zu sehen, die unfreiwillige Ursache meines Unglücks — machen Sie diese Schuld wieder ba-