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Aotatlonrdrnckun» Verlag der Fuldaer Al- tieudruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 8. April 1908.

Nach Erledigung von Anträgen der Geschäfts- orduungSkommission, wonach die Genehmigung zur Strafverfolgung einiger Abgeordneten ver­sagt wird, beginnt die dritte Lesung deS Vereinsgesetzes.

Abg. Gröber (Ztr.) Der Kampf um das Ver­einsgesetz ist geschlagen; die Beschlüsse der 2. Lesung werden wohl nicht mehr abgeändert wer­den. Aber ein Rück» und Ausblick ist gestattet. Als die Ankündigung des Reichsvereinsgesetzes kam, hoffte man sehr viel; Preußen hat zwar ein reaktionäres Gesetz, aber Württemberg, Ba­den .Hessen haben freiheitliche Gesetze. Dort hatte man gute Erfahrungen gemacht; was lag näher, rls daß man diese Gesetze übernehmen würde? Aber ein Rückschritt ist für diese Länder gemacht worden. (Sehr richtig!) Der Entwurf hat un­eins arge Enttäuschung gebracht. (Sehr richtig!), er atmet den alten Polizeigeist, lSehr richtig') wenn er auch einige Fortschritt« bringt. Tie Kommission hat weitere Fortschritte gemacht, aber nicht genügende. Sie sind dem Zusammenwirken des Zentrums, des Freisinns, der Polen und Sozialdemokraten zu verdanken und zwar gegen die Konservativen. (Sehr gut!) Dem ausgeschalteten Zentrum ver­dankt man diese Fortschritte. Das Gesetz ist ein besetz der Bevormundung; es steht auf dem Standpunkt, daß der Bürger ohne Polizei stets Schaden anrichten könnte; daher der Ruf: Poli­zei! Polizei! (Sehr gut!) Bei Vergnügungs- Vereinigungen sieht man keine Polizei, wohl aber bei politischen Vereinigungen. Die hochwohllöb- liche Polizei soll jeden Schaden zum Besten des Volkes vermeiden. (Heiterkeit.) Die verspot­teten Kleinstaaten haben hier freiheitlicher ge­wirkt als die Großstaaten im Reiche. Was in Hessen seit Jahrzehnten Hebung war, will man den Preußen nicht geben; ja weil diese noch nicht reif sind für die Freiheit der Hessen, Badenser und Württembreger, nimmt man auch den letz­teren ihre bisherige Freiheit. Da sagt man: es sei ein li b er a les Gese tz! Es kommt darauf an, was man unter liberal versteht. (Heiterkeit.) Aber freisinnig ist das Gesetz nicht; das Zen­trum ist selr viel freiheitlicher als Sie. (Leb­hafter Beiiall im Zentrum, Lachen links. Abg. Müller-Meiningen ruft: Aber erst seit deni 13. Dezember!) Der Abg. Müller fühlt sich so wichtig, daß er mir zuruft, erst seit dem 13. ;eniber wären wir so freiheitlich. Da berufe ich mich einfach auf den Inhalt der Akten desRcichs- rages, daß wir schon lange den Antrag auf frei­heitlichere Gestaltung des Vereins- und Versamm- lungsrechtes teils selbst gestellt, teils bei solchen Anträgen milgearbeitet haben. (Sehr richtig! im Zentrum.) Nicht nur für Hessen und Baden bedeutet dieses Gesetz einen Rückschritt, sondern auch für Württemberg. (Sehr richtig!) Es ist falsch, anzunehmen, daß, weil dort eine Lücke be­steht, die Polizei alles Recht habe einzugreifen, wie das Gesetz von 1848 klar besagt. Wenn in Württemberg der Verein keine Statuten macht, bat er auch keine Anzeigepflicht. Der volkspartei­liche Landtagsabgcordnete Elsaß hat erst noch vor einigen Wochen erklärt, „daß die nächsten Wahlen diejenigen Abgeordneten beseitigen wer­den, die für das neue Gesetz gestimmt haben. Mrr ist nur ein einziger Fall bekannt, daß eine Versammlung aufgelöst wurde; bei uns ist, von ganz seltenen Fällen abgesehen, bisher keine poli- tische Versammlung polizeilich überwacht worden.

35. Jahrqanq

Fulda, Donnerstag den 9. April 1908,

M 83.

Erlies Äslcrtt

ster Versprechungen machen anstelle der LandeS- bebörden, die die Ausführungen des Gesetzes ha­ben? Wenn wir sonst in einen solchen Fall kom­men, do wird sofort erklärt: Ja die Bundesre­gierungen sind selbständige Teile, da darf man nicht vorgreifen. (Sehr gut! beim Zentrum.) Allerdings hat der Staatssekretär alle Verspre­chungen an gewisse Voraussetzungen geknüpft. Aber es hangt doch alles — und das ist die Haupt- sache — von dem freien Ermessen der Polizei der Landeszentralbehörden ab. Die Freiheitsrechte deutscher Reichsbürger hängen von dem freien willkürlichen Ermessen dieser Behörden ab. (Hort, hört! im Zentrum.) Das Gesetz bedeutet in die­sen Ausnahmebestimmungen gegen Polen und Sozialdemokraten einen Bruch mit dem ge­meinen Recht. (Lebhafte Zustimmung beim Zentrum und bei den Polen.) Und dieser Rechts- bruch hat zur Folge das Gefühl der allgemeinen Unsicherheit des Rechts. Es gibt keine Minder- beit mehr, die sich nicht jeden Augenblick sagen muß: kann nicht auch gegen Dich eine solche Ver­gewaltigung erfolgen? (Sehr richtig! im Zentr.l Nicht mit Unrecht haben Juden sich sofort an uns gewandt in Briefen: können wir uns nach auf die freisinnige Partei verlassen, kann nicht auch gegen uns ein solches Ausnahmegesetz ergehen, wie gegen die Polen? (Zustimmung im Zentrum, Lachen bei den Freisinnigen.) Sie (zum Frei­sinn), Sie lachen über sich selbst! (Sehr richtig! im Zentrum.) Und wenn ein solcher Bruch deS Rechts erfolgt, da fragt man sich unwillkürlich: welche weiteren Ausnahmegesetze sind noch in Zukunft zu erwarten auf der abschüssigen Bahn, die mit diesem Gesetz beschritten ist? (Sehr rich­tig!) Bisher hat das Zentrum mit dem Freisinn zusammen eine Abwehrmehrheit bilden können gegen alle Ausnahmegesetze. Dieser Ab- wekrmehrheit ist es zu danken gewesen, daß di« Umsturzvorlage und die Zuchthausvorlage zu Fall gebracht worden ist. (Zustimmung beim Zentr.) Diese Abwehrmehrheit hat auch das NeichstagS- wahlrecht gegen alle die vielen geheimen Um­triebe und Angriffe zu schützen verstanden (Er­neute Zustimmung beim Zentrum), und hat dal nllgcmeine, gleiche, geheime und direkte Wahl­recht nicht bloß zu schützen verstanden gegen Rück- wärtsrevisionen. sondern noch weiter ausgebaut durch die Verbesserung des Wahlgeheimnisses uni durch die Einführung von Diäten für den Reichs­tag, eine Verbesserung, die das Wahlrecht erst zu einem allgemeinen Wahlrecht in der vollsten Be­deutung deS Wortes gemacht hat. (Zustimmung im Zentrum.) Dieser Abwehrmehrheit ist eS bisher zuzuschreiben gewesen, daß di« verderb­liche preußische Polenpolitik nicht in den Reichs­tag übertragen ist. (Lebh. Zustimmung b. Zentr. und bei den Polen.) Nun hat sich der Freisinn von der Abwehrmehrheit getrennt und was nun kommen wird, das wissen wir nicht. Wenn man in der Richtung weiter arbeitet, müssen wir auf alles gefaßt sein. Jedenfalls trägt der Freisinn die Verantwortung für die Beschreitung dieser Bahn. (Lebh. Beifall b. Zentr. und bei den So­zialdemokraten, Widerspruch bei den Freisinni­gen.) Dieses Gesetz handelt nach dem Satz«: Macht geht vor Recht! Damit ist eine Grundlage des christlichen Staates erschüttert; das eröffnet düstere Aussichten in die Zukunft. Auch internationale Folgen hat das Gesetz; ei bedeutet eine Erschütterung des Drei­bundes. Alle Nationen, die Arbeiter zu uni entsenden, sieben uns mit Mißtrauen gegenüber. (Sehr richtig!) Minister Miquel hat einstens zu einem Zentrumsabgeordneten gesagt, daß das deutsche Reich die große Fehler gemacht habe: den Kulturkampf, das Sozialistengesetz u. die Polen- Politik. (Hört, hört!) Erstere sind teilweise ge­fallen; sie baben Fiasko gemacht. Bei der Po­lenpolitik aber sucht man mit einer Hartnäckig-

sinnige Volkspartei im Abgoordnetenhause er­klärt, daß sie für die Muttersprache in den poli- tischen Versammlungen stets eintreten werde. (Hört!) Auch ein nationallibcraler Redner sprach sich so aus. (Hört!) Die Jreisinigen sind selbst davon überzeugt, daß sie gegen ihre Grundsätze gestimmt haben; deshalb haben sie gestern im Abgeordncrenhause einen Antrag eingebracht, daß der 8 7 nicht gegen die Gewerkschaften angewen- bet werde. (Sehr gut!) Und diesen Antrag ha­ben unterschrieben die freisinnigen Reichstags­abgeordneten: Eickhoff (freif. Vp), Fischbeck (fr. Vp.", Träger (fr. Dp.), Wiemer (fr. Vp.), Kopsch (fr. Vp.) u. a. (Hört! hört!) Hier also bewil­ligen die Freisinnigen das Ausnahmegesetz, wo sie etwas zu sagen haben, da stimmen sie zu; brü­hen, wo sie nichts zu sagen haben, ba rufen sie bie Preußische Regierung um die Hilfe ge­gen den eigenen Beschluß an. (Hört! Große Nn- ruhe. Zurufe: Komödie! Wablspeck! Schwin­del im Zentrum und bei den Polen). Aus wel­chem Grunde die Freisinnigen zu dieser mehr als merkwürdigen Stellungnahme gekommen sind, darüber hat Herr v. Payer gar keinen Zwei­fel gelasfen. Er hat bei der Besprechung des 8 7 gesagt: Wir haben nicht die Absicht, deshalb unsere Organisation, was unausbleiblich wäre, auseinanderfallen zu lassen. Wir wollen aus der Bahn weitergehen, auf der wir uns bisher be­wegt haben und deshalb wollen wir den Ver­bündeten Regierungen weder einen Grund noch einen Vorwand geben, uns auszufchalten mit der Begründung, daß man uns, weil in uns selbst nicht einig und zu gemeinsamer Tätigkeit nicht entschlossen, zurückstellen und auf die Seite schie­ben müsse zu Gunsten anderer, welche zur Mit­wirkung entschlossen sind. (Hört! hört! im Zen­trum und bei den Polen.) Aber der Abg. v. Parier meint, daß das Zentrum das Ausnahme­gesetz aimehmen werde, wenn er es ablehne; ober darin irrt er sich! (Sehr gut!) Welche Verant­wortung auch speziell die Volkspartei mit dieser Abstimmung zu 8 7 übernommen hat, das kann ich nicht deutlicher und kürzer und besser sagen, als wenn ich Ihnen vorlese, was ein hervor­ragendes Mitglied der Volkspartei bei der Drei- Königsparade der Partei in Stuttgart am 6. Januar d. I. gesagt hat. (Hört hört! im Zen­trum.) Wir lehnen es ab. Sie zu unterstützen, (Hört, hört! im Zentrum) und wir können, wol­len wir nicht unseren Grundsätzen untreu wer­den, (Hört! hort! im Zentrum und bei den Po- len) den Polen den Gebrauch ihrer Muttersprache nicht verbieten. (Hört! hört! beim Zentrum.) Mir ist es leib, daß die Nationalliberalen, die doch sonst den Liberalismus entschiedener beton- nen. wie es scheint, so leichten Herzens mit dieser Nechtsverkümmerung sich absinden wollen. Ich kann ober nicht glauben, daß sie Gesetz wird. Man wird die nötigen Vorschriften geben, um der Polizei bie Ausübung des lleberwachungs- rechtes auch in fremdsprachlichen Versammlungen zu sichern. Im übrigen wird sich für den Para- graphen, der ein Politisches Kampfmittel fein soll, keine Mehrheit finden." Wissen Sie, wer diese Worte gesprochen hat Das war der Herr von Payer. (Stürmische, andauernde Rufe Hört! hört! beim Zentrum, Polen und Sozial­demokraten; Glocke des Präsidenten.) Wie ist im übrigen die Mehrheit für den § 7 zustande- gekommen? 18 Stimmen waren die ausschlag­gebende Zahl. Wir haben ja in öffentlicher Sitz­ung des Hauses gehört, wie der Herr Staats­sekretär des Reichsamts des Innern seine V e r- sprechungen a n sg e t e i 11 hat für die Lothringer, für die Kassuben und die Masuren, für die christlichen Gewerkschaften und die Hirsch- Dunckerschen Gewerkschaften. Bei diesen Bespre­chungen muß man sich doch bie Frage vorlegen, wie konnte beim eigentlich der Herr Staatsmini­

Jch weiß noch, daß es im Jahre 1887 bei den Sep- rennatskämpfen in meinem Wahlkreise beinahe zu Ausschreitungen gekommen ist, als der Oberaml- mann in voller Uniform mit dem Degen an der Seite vor der Rednertribüne stand. (Heiterkeit. Zuruf recht-: Schrecklich! Ja, es wäre schreck- sich gewesen, wenn man die Wähler nicht zurück- Sehalten hätte, dann wäre es dem Oberamtmann hlecht gegangen. Es waren aber glücklicherweise noch ruhige Männer da, die die anderen zurückge- halten und vor Ausschreitungen bewahrt haben. Denn daß das nicht zu billigen ist, geben wir alle zu. Ich sage nur, eine solche Uebertoarfjung ist in Württemberg so selten, daß es eine natür­liche Aufregung unter den Beteiligten hervor- ruft, sobald einmal ausnahmsweise eine lieber- wachung stattfindet. Dr. Elsaß sagte weiter, baß das neu« Gesetz für Württemberg ein Rückschritt sei. (Hort!) AIS eine volksparteiliche Landes­versammlung einmal überwacht wurde, hat diese Partei sich beschwert und das Recht zur, lieber- wachung energisch bestritten. Und diese Be­schwerde hat eingereicht der frühere volkspartei­liche Abg. Mayer und der damalige Rechtsanwalt Payer II in Stuttgart — heute Reichstagsab- georbneter unb Redner für das neue Gesetz (Stürmisches Hört! und große Heiterkeit.) Nach­dem man unser württembergisches Recht so schlecht gemacht hat, muß ich es doch verteidigen (Sehr richtig! — Dr. Hieber ruft: einseitig!) Herr Dr. Sieber, sind Sie zweiseitig? (Große Heiterkeit.) Tor Polizeigeist tritt besonders hervor in den vielen Vorschriften über das Ermessen der Poli- zei: Auslösung der Vereine und Versammlun­gen, Ueberwachung usw. Der Staatssekretär hat ja schon erklärt, daß er einzelne Richtungen be­günstigen will; dann tritt eine unterschiedliche Behandlung ein; so ist das Gesetz ein politisches Korruptionsmittel. (Sehr richtig!) Gegen die jeweiligen Minderheiten wird das Gesetz angewendet. Die Welt ist rund, wer heute oben ist, kann morgen unten fein. (Sehr rich­tig!) Die Polen haben es erfahren, solange sie für bie Marinevermehrung eintraten. Das Gesetz ist ein Machtmittel in der Hand der Regierung und der Freisinn hat es ihr in die Hand gegeben. (Sehr richtig!) Das Gesetz ist ein großes Ausnahmegesetz; es ist ein G e- setz gegen die Polen unb ein verkapp- tes Sozialistengesetz! Die Freiheit wirb nach Prozenten verteilt. (Sehr richtig!) Solchen Fortschritt hat noch keine Nation gemacht. (Sehr richtig!) 60 Proz. Fremdsprachige! Wer un- terscheidet denn, wer fremdsprachig ist? Der Bundesrat oder die Eintragung bet der Zählung? Kann man die Kreise nicht willkürlich einteilen? Den Kreis Ralibor hat man in diese Kreise nicht aufgenommen unb doch sind dort 78 Proz. (Po­len unb Mähren) Fremdsprachige. (Hört!) Es handelt sich in einen Eingriff in ein Urmenschen- red’tl (Sehr richtig!) Das preußische Oberver­waltungsgericht hat sich auch auf diesen Stand­punkt gestellt. Als ich den § 7 zuerst las, habe ich geglaubt, daß es der Regierung gar nicht so ernst fei; aber es hat sich gezeigt, daß Herr v. Bülow feine Pappenheimer kennt. (Große Hei­terkeit! Zurufe: Seine Meininger!) Dieser Sprachenparagraph wirkt auf bie Ge- werkschaften sehr nmhteilig, auch in Süddeutsch- lanb, wo so viele Italiener sind; bereits bestehen 3 italienische Gewerkschaftssekretariate, die man nun lahm legt. Die Ausscheidung der Jugend­lichen schadet ebenso den Gewerkschaften. Das Zentrum wollte die Jugendlichen immer in die Gewerkschaften zulassen. Wie ist ein solches Aus­nahmegesetz in politischer unb sozialer Beziehung möglich? Die Freisinnigen formten nur zu stim­men unter Verleugnung aller politi­schen Grundsätze ihrer Partei. (Sehr rich­tig!) Am 9. Januar 1897 hat noch die Frei­

Im Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

43] (Nachdruck verboten.)

Oliver drängte sich alles Blut zum Herzen, er erbleichte unb atmete gepreßt, während das ahnungslose Mädchen fortfuhr:

„Sie, der Arzt der Blinden, werden ja wis­sen, daß wir nach der Stimme, und der Berüh­rung eines anderen Menschen uns ein Urteil über denselben bilden. Wo den Sehenden ein Blick genügt, müssen Gehör und Tastsinn uns leiten. Nun und ich kam zu dem Glauben, daß Amadeo Santoni kein edler Mensch sei."

„O, nichts geht über das Ahnungsvermögen eines reuten Wesens —, der Verstand eines ge­reiften Mannes hätte kein richtigeres Urteil fäl- len können. Dieser Santoni ist mehr noch als ein unedler Mensch, er ist ein Elender."

Die Blinde stieß einen Ruf der Ueberraschung aus, bann fragte sie hastig:

„Sie kennen ihn, Herr Doktor?"

„Ob ich ihn kenne! — sogar recht genau!"

„Aber man sagte mir, daß Sie erst wenige Tage in Neapel weilten."

„Mein« Bekanntschaft mit diesem Herrn flammt aus der Vergangenheit."

„So waren Sie schon einmal in Italien?"

„Jawohl und zwar in Neapel — vor Jahren." , „Und da lernten Sie Santoni kennen? — Erinnerte er sich Ihrer denn nicht?"

„Nein, wenigstens schien es nicht, doch in einem Moment könnte ich ihm meine, Person in Erinnerung bringen und ich würde nicht zögern, es zu tun, wenn e3 in Ihrem, in meinem Inter- «sse nötig wäre. Jetzt, da ich Ihre Gefühle für diesen Menschen kenne, kann ich ohne Schonung vorgehen. — Diese unsere Aussprache war hoch- Dotwendig, Angiolina. Sis ahnen nicht, welch

wichtige Wendung in unser beider Schicksal die­selbe verursachen wird."

Angiolina senkte erbleichend das Haupt, sie fühlte sich plötzlich beunruhigt, beängstigt und murmelte etwas verwirrt:

„Ich verstehe Sie nicht, mein Herr!"

„In einer Stunde werden Sie alles wißen und verstehen", erwiderte Oliver ernst.

Die Dazwischenkunft Gertrudens schnitt An- giolinas Fragen und das Zwiegespräch des Arz­tes mit feiner Patientin ab.

Oliver Linston empfahl sich und kehrte in die Villa zurück.

Obgleich es noch ftüh am Morgen war, er­wartete der Marchese seinen Gast schon voll Un­geduld im Frühstückszimmer.

Nach kurzer Begrüßung nahmen die beiden Männer in Eile und ziemlich schweigsam ihr Frühstück ein.

Die übrigen Gäste waren schon am gestrigen Tage nach Neapel zurückgekehrt.

Während des Frühstücks ruhten die Blicke des Marchese in angstvoller Spannung auf den un­durchdringlichen Zügen des Arztes.

Endlich erhob sich dieser.

„Herr Marchese, Sie sehen mich bereit, Ihnen in Ihr Zimmer zu folgen, ich nehme nämlich an, daß auch Sie eine Unterredung ohne Störung und ohne Zeugen vorziehen."

„Gewiß, Herr Doktor, ich bitte mir zu folgen."

Im Privatgemache des Marchese angelangt, bot dieser dem Gaste einen Stuhl an und fragte gepreßt:

„Was bringen Sie mir, Herr Doktor — Leben oder Tod?"

„Diefelbe Frage möchte ich an Sie richten, Herr Marchese."

Diese feltfame Antwort verblüffte den Mar­chese, der sich vergebens bemühte, die Worte zu deuten, unb die Achseln zuckend sagte:

„Kommen Sie mir zu Hilfe, ich bemühe mich vergehens, den,,Sinn Ihrer Worte zu finbem"

„So hören Sie. Ich verpflichte mich auf Ehrenwort, Ihrer Tochter das Augenlicht zurück- zugeben, unb dies zwar im Verlaufe von einem bis spätestens zwei Monaten."

„O Himmel!" rief Rionero, strahlend vor Freude, „höre ich recht? Wie glücklich macht mich diese Ihre Versicherung!" — unb er streckte Oli­ver Lmston beide Hände entgegen.

Doch dieser berührte dieselben nicht, sondern trat einen Schritt zurück, sich vom Sessel er­hebend. Mft eisiger Kälte sprach er:

„Gemach, Herr Marchese, Sie wissen noch nicht, welche Belohnung ich für meine Dienste fordere."

Der Marchese lächelte.

„Ich bin reich, kann und will Sie fürstlich belohnen, Herr Doktor, aber selbst wenn Sie alles forderten unb ich als armer Mann das Brot für mich und mein Kind verdienen müßte, so würde ich mich freudig Ihren Bedingungen fügen, wohl wissend, daß meine Tochter ebenso denkt, wie ich. Jetzt stellen Sie Ihre Forderung, mein Herr."

„Sie irren, Herr Marchese, wenn Sie denken, daß ich lüstern bin nach Geld unb Gut, ich besitze selbst genug dergleichen. Es ist ein höheres Gut, das ich von Ihnen begehre, wenn meine Hand der Marchesina das Augenlicht zurückgegeben."

„Aber so reden Sie doch, ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich Ihnen nichts verweigern würde —"

„Auch nicht die Hand Ihrer Tochter Angio­lina?" fragte mit scharfer Betonung Linston.

Der Marchese wankte unwillkürlich zurück — der Schlag kam so unerwartet, daß ihm die Aus- reguug förmlich den Atem benahm. Dann rief er, sich fassend, aus:

„Wie, Sie wollen sich mit Angiolina ver- wählen? Welch' ein Einfall!"

»Ich verstehe Sie, Herr Marchese, Sie finden es höchst lächerlich, wenn nicht unverschämt, daß em Mißgestalteter, wie ich, seine Blicke zu einem WLi., an „Schönheit zu ergeben wagt. Unb

dennoch ist dem so. Ich nütze den Vorteil auS, den mir meine Sage gibt unb stelle, dem Sieger im Felde gleich, der schwächeren Partei meine Bedingungen. Die Braut Oliver Linstons wird eine Sehende, Angiolina dagegen ihr Leben lang blind bleiben."

„O, mein Gott!"

„Es war deshalb, daß ich auch von Ihnen ein Urteil auf Leben und Tod begehrte."

„Jetzt verstehe ich Sie", erwiderte dumpf der Marchese, „aber ich begreife nicht, warum Sre diese seltsame Bedingung stellen. Eben noch er­klärten Sie, baß Sie reich wären, es kann dem­nach nicht Ihr Wunsch fein, eine Braut mft gro­ßer Mitgift beimzuführen."

„Das ist es auch wahrlich nicht, aber Sie ha­ben eins außer acht gelassen: Ich liebe Angio­lina!"

„Sie lieben meine Tochter, die Sie kaum kennen, erst einige Stunden sahen?"

„Mir scheint, daß dies ein Wunder ist, das sich täglich vollzieht. Ich habe nie geliebt, Herr Marchese, und die eiigelgleiche Anmut Ihrer Tochter hat mein Herz im Augenblick bezwungen, sodaß ich Angiolina erringen will, da ich sie mft Seidenschaft liebel"

»Was höre ich?" seufzte der Marchese, sich in einen Sessel gleiten lassend und bie Stirne, auf der Schweißtropfen perlten, mit seinem Tuche trocknend; „der einzige Mensch vielleicht auf der Welt, der meinem Kinde durch seine Kunst zu helfen vermöchte, der den Fall nicht als einen verzweifelten ansieht, begehrt als Gegenleistung einen Preis dafür, der ein wucherischer genannt werden muß. Unglückliches Kind!"

„Sie find offen, Herr Marchese", begann Oliver Linston nach einer Pause, unb ich ver» bamme Sie deshalb nicht, kenne ich doch aus Er­fahrung den Eindruck, welchen mein Aäußeres auf die Menschen hervorzubringen pflegt.. Aber nennen Sie mich keinen Wucherer, wenn ich für den Dienst, welchen ich Angiolina leisten will, einen hohen. Lohn fordere. (Forts, foIoL)