fclBe »er Sonn» ^A^-rViert-l. iWlich^cMspr-ir 'kneSrtngerlohn und «eftellS«ld in8uldaso- >ojt auswärts X .50 lllt.
perantw Redakteur: Laril Schütte;
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N 79.
F u ld a, Sanlstaq den 4 April 1908.
35. Inhrqana.
Prtties lan.
^reutziicher Lanvtag.
Abgeoivnetenhaus.
Sitzung vom 3. April 1908.
Das Ab.ieordnetcnhaus nahm m dritter Lesung das Polirerkostenaeietz an, ebenso Anträge aus Abänderung der Wrgeordnuug für Lachsen und Wesiprenßen.
Tie Vorlagen betreffend Aenderung der Amts- zerulcksverirte Groß-Ltrehtitz, Kruppitz, Rees und Wert wurden debattelos genehmigt.
Es tolflie die Interpellation Linz (Z.) betr. Reform oer Rheinischen Landgeineinde- ord n u na.
Adq Linz ($.) begründet die Interpellation.
Mm Iler v. Moltke erklärte, eine diesbezügliche Vortage sei bereits den rheinischen Provinzialbehörden zur Begutachtung vorgelegt, aber wieder zunfck- perog n worden. Man müsse abwarlcn, bis eine Aktion ge unücn sei.
'■Jl ich kurzer Besprechung der Interpellation folgte Die -weile Lesung der Vorlage über tue Stoppel« fischerei tm Regier» ngsbezirk Staf fei. Lnerzu begründet Äbg. v. Savigny (ß.) eine Reihe oen A»!rägen, die die ßnitündigkeilssrage ander- weit >egeln und insbesondere die Aueeinaudrrsetzungs- bchöro'e durch den Kreis- bcziv. Bezirksausschuß ersetzen wollen.
Unterstaatssekrelär v. Conrad bittet, es bei den Besnminunxen der Vorlage zu belassen.
Rach kurzer Debaile wird die Vorlage unter Ablehnung der vorliegenden Anträge in zweiter und bür er Lemnz angenommen.
Alsdann erledigt das Haus eine ganze Reihe von Petitionen und Kommissionsberichteu mehr lokaler und persönlicher Ratur.
Samstag: Kleineic Vorlagen.
Der Hail Galilei.
Mit großer Emphase hat Gras H o e n s- broech in seinem Kasseler Vortrage auch auf den Fall Galilei hingewiesen. Hier zeige sich klar, wie die Kirche die freie Forschung behindere, indem sie Galilei's Werke auf den Index gesetzt habe.
Galilei ist bekanntlich der italienische Ratuc- sorscher und bedeutende Mathematiker, der mehrere wichtige astronomische Entdeckungen machte, die ihn 1611 veranlaßten, das schon 70 Jahre vorher durch den Frauenburger Domherrn K o- pernikuZ beobachtete System der Weltbewegung zu verteidigen. Vorher hatte man allgemein angenommen, daß die Erde seststehe und Sonne, Mond und Sterne sich um sie drehten. Erst Kopernikus stellte den «atz auf und legte ihn des näheren in einem (dem damaligen Papste seiexlich genudmetenl) Werke dar, daß nicht die Sonne und das Himmelsgewölbe in Bewegung seien, sondern unser Erdball. Jeue Bibelstellcn, welche angeblich vom Gegenteil sprechen, waren Koperniku? wohl bekannt: ganz richtig'kam er aber auf die Annahme, daß die hl. Schrift mit diesen Ausdrücken keine übernatürliche Offen- barung auch über astronomische Fragen geben will, sondern in vorliegendem Zusammenhang einfach sich dem Sprachgebrauch anbe- «lueme, der sich an den Augenschein hält. Und ausdrücklich bezeichnete der fromme Priester in der Widmung ienc mögliche Anwendung „mißdeuteter Bibelstellen" gegen das neue Weltsystem als verachtenswert. Das im Jahre 1543 erstmals erschienene Werk des Kopernikus erlebte 23 Jahre später eine zweite Auflage in Basel, ohne daß irgend ein kirchlicher Einspruch gegen dasselbe erfolgt wäre. Aber die Anschauung des Domherrn fand darum noch keineswegs auch eine günstige Aufnahme bei den damaligen G e- lehrten, die nicht theologisäre, sondern allerlei physikalische Bedenken dagegen geltend zu machen suchten. Auch Luther und Melanch-
thon sprachen sich mit großer Entschiedenheit ge- gen die neue Lehre aus.
Einige Jahrzehnte später kam dann Galilei mit dem damals in Holland neu erfundenen und von ihm mehrfach verbesserten Fernrohre auf mehrere Entdeckungen, welche zur Verteidigung des kopernikanischen Systems neues B e- wcismaterial lieferten. Ter glückliche Entdecker Galilei wurde nun zu einem geradezu leidenschaftlichen Verfechter des neuen Systems, und es lag ihm jetzt viel daran, eine förmliche Gutheißung des Papstes für die ge- wonneuen Thesen zu erwirken. Dieses Bestreben hat viel dazu beigetragen, den etwas voreiligen und zudringlichen Denker, einen Brausekopf, der seiner Gereiztheit nicht Herr werden konnte, in jene Kollision hineinzuteiben, in die er zu Rom geriet. Galilei selbst hat'die kirchlichen Richter mit ihren theologischen und philosophischen geriet. Galilei s e l b st Hatz so die kirchlichen Rich- liche Streitüage hineingezogen: ihre eigene Bereitwilligkeit, sich hier einzmnischen, trat anfangs gar nicht sonderbar hervor.
Wenn jemand dafür verantwortlich gemacht werden muß, daß schließlich doch die Schriften von Kopernikus und Galilei aut den Inder gesetzt wurden, so der unkluge Draufgänger G a - l i l e i, welckwr die Frage mit religiösen ver- auickte zu einer Zeit, als noch der Beweis für die Hyrothesr in vollem Umfange nicht zu erbringen war. 1602/03 war schon in den Tekretalen ausdrücklich erklärt worden, wir untersagen nur, dieses neue System als These zu behandeln, wir gestatte» es als Hypothese hinzustellen. Gail- lw ist kirchl'ch zur Strafe gezogen worden nicht wegen dieses seines Systems, sondern weil er ausdrücklichen Befehlen, die ihm bezüglich feines Verhaltens gegeben waren, zuwiderhandelte. Wer die Geschichte noch etwas weiter kennt, der weiß auch, dcß die Zeusurieriiug eines Werkes durch die Jndexkongregation dieses Werk Wn Gelehrten nicht aus der Hand nimmt und damit auch alle Bchsiterforschung unmöglich macht, sondern daß die Gelehrten hier jeifcerynt freie H a n d hr.l eu, wie denn auch die Zensurierung des Kopernikanisckien Weltsystems mit dem Zu- iatz ,,doncA corriir atnr“. „bis cs verbeftert werde", keinen katholischen Gelehrten abgehakten hat, an dessen Begründung zu arbeiten, während die sonst so hochgefeierten Reformatoren Luther und Melauchtbou den Kopernikus als einen „Narren" schalten und die protestantischen Kreise der Einführung des Gregorianischen Kalenders den hartnäckigsten Widerspruch entgegensetzten.
Ein ganz unverdächtiges Zeugnis gibt Keppler, der berühmte Astronom, der, als die Frage der Zenfurierung bereits lebhaft erörtert wurde, mit Bezugnahme auf Galilei äußerte:
Dieses Zeugnis ist um so bedeutsamer, als es aus der Feder eines der am meisten beteiligten Forscher und mitten aus der Zeit der der Zen- snrierung vorausgehenden Debatten stammt.
Deutsches Reich.
* Parität in Posen. Von den 41 Kreisschulinspektoren (im Hauptamte) des Negiermigs- bezirks Posen sind fünf katholisch, 36 evangelisch. Dabei sind über zwei Drittel der Schulen und natürlich auch der Schüler katholisch (über 10JO katholische Schulen gegen 500 evangelische). Tie AnsiedÄungskomnnssron hat im Regierungsbezirk Posen gegen 80 neue evan- gelifche, aber nur fünf neue katholische und acht neue paritätische Schulen gegründet.
* Dir Meldung von der geplanten Erhöhung der Zivilliste des Kaisers wird von der „Kreuz-
3K
ztg." als „absolut falsch" und als eine Erfind- ung „zu Zwecken der freisinnigen Wahlagitation" bezeichnet. Tie „Nene Ges. Korresp." hält die Meldung aber aufrecht.
WKSMtlchajWes und Sajiaks.
* Die Konkurse in Hessen - Nassau. Im Jahre 1907 wurden in der Pronin-Hessen-Nassau 290 Anträge auf Konkurs-Eröffnungen gestellt, gegen 26 i in 1906. In ganz Preußen hat sich die Zahl der Konkurse von 4090 auf 52 iß und im gan en Deutschen Reiche von 9401 auf 9896 vermehrt.
Aus Sem Nachbargebiet.
* Frankfurt n. M., 4. April 19(’8. Die Dauer der Frankfurter Heimarbeitsausstellung ist auf zwei Monate berechnet. Sie beschränkt sich aüf die Heimarbeit des rhem- maimichen Wirtschaftsgebiets. Etwa 60 Zweige der Heimarbeit werden vorgesührt und zwar nicht etwa durch einzelne Heimarbeiter, sondern durch Die dazu gebildeten Fachausschüsse. Photographien, Beschreibungen und Musterwerkställen erläutern Die Art der Heimarbeit. In Schau Werkstätten werden eine Töpferei, eine Elfenbeinschnitzerei, eine Holzschnitzerei, eine Kunstschnitzerei und eine Holzdreherei vorgeführt, Industrien, die im Westerwald, Odenwald und in der Rhön ihren Sitz haben Eine Heimarbeiterin macht Perlkränze, eine andere Christbaumschmuck, auch eine Korbflechterei ans dem Taunus (Grävenwiesbach) ist zu sehen. Im ersten Hauptsaal ist dann die Töpferei ans dem Vogelsberg, der Rhön, dem Odenwald und dem Westerwald untergebracht. Hieran anschließend sieht man Holzwaren und Kunst- schnitzereien ans den Gebirgsgegenden der Rhön, des Eisenacher Oberlandes, des Bogels- berges, des Westerwaldes und des Odenwaldes. Die Möbelschreinerei ist gut vertreten. Es folgen weiter die Bürstenbinderei, die Düten- imd Kartonnagearbkiten, Strickerei und Häkelarbeiten aus dem Vogelsberg, Weberei ebendaher, Stuhlflechtereien und Pofamenten aus Hessen und die Nagelschmiederei aus dem Tau- nus. Jin zweiten Hauptiaal sieht man Hut- fabrikälion, Herren- und Damenkonfektion aus Frankfurt, Mainz und Darmstadt, Lederwaren aus Offenbach und noch manche andere wenig bekannte Heimarbeiten. Der Besucher wundert sich, daß noch so viele Dinge in Heimarbeit hergestellt werden. Die Ausstellung gibt auch Ans- kunst über die tum Teil dürftigen Einkommensver- hältnisse der Heimarbeiter und zeigt so, als ein Wirtschastskunde des rhein« mainischen
Gebietes, wo seitens der in Betracht kommenden Faktoren anzusetzen ist, um eine Befferung her- beiznsühren.
* Kassel, 3. April 1908. Das Kaiser- brldnis, das der Kaiser der hiesigen Polizei- direktion als Geschenk überwiesen hat, ist nunmehr von Berlin eingetroffen und hat seinen Platz im Sitzungssaale erhalten. Das Bildnis, ein Werk des Berliner Künstlers Prof. Rosier, stellt den Kaiser in halber Figur und Generals- nniform dar. — Die Abfindung von vier Millionen Mark als Entschädigung für die Aufhebung der bisher zwischen Staat und der Stadt Kassel bestehenden vertraglichen Bestim- mungen wegen des Beitrags der Stadt zu den Kostenderstaatlichen Polizeioerivaltung ist nunmehr gesichert. Die Kommission zur Beratung des Polizeikostengesetzes hat sich für diesen erhöhten Betrag — ursprünglich sollten nur 2724186.25 Mark gezahlt werden — aus-
geiprochen. Es bleibt also bei den 4 Millionei was sebr zu begrüßen ist, da die ganze Ablösunr auch mit den 4 Millionen Mark Entschädigung doch für Kassel eine Verschlechterung gegen der bisherigen Zustand bedeutet.
* Großenenglis, 3. April 1908. Bei dem Gutsbesitzer Konrad Koch dahier wrnde in eine, der letzten Rächte eingebrochen. Dem Dieb« fielen ca. 1<s0 Mark in die Hande. Man vermutet den Einbrecher in der Person eines polni- ichm Arbeiters.
* Grünberg (Großh Hessen), 3. April 1908 Der Landtagskandidat der anlpemitischei' Partei für Gießen, Oberlehrer Wern er-Gießen, wurde aus dienstlichen Gründen nach Worms Dut) etzt.
* Eisenach, 3. April 1908. Die Gründling eines Naturtheaters bei Eisenach wird zurzeit von einer Künstlergruppe in Weimar eitrig betrieben.
Vermischtes.
* Der verunglückte Artist, der Franzose Gobbin, der allabendlich seit Wochen im Zirkus Busi seinen halsbrecherischen Sprung ausführte, hier kurz vor Ende seines Auftretens in Berlin eit' trauriges Ende fand, wurde am Mittwoch begraben. Verschiedenem Blättern entnehmen wil folgende Einzelheiten über seine Verhältnisse Frau und Kinder leben in Paris, er selbst wohnte in einem möblierten Zimmer, hatte weder-nähere Freunde noch Bekannte oder Verwandte in Berlin. Die „Bahn", auf der Gadbiu allabendlich i Zirkus Busch herunterglitt, wird dort ausbe wahrt, bis sich seine Erben melden. Gadbiu war in Paris wohlbekannt. Er hat als Schauspieler begonnen, trat dann als Sänger in verschiedenen Musikhallen auf und war auch eine zeitlang Direktor kleinerer Etablissements. Seine Laufbahn begann er mit einem Automobiltricks. Er war dec erste, der sich aus einer Bühne von einem Automobil überfahren ließ. Es ist bezeichnend, daß sich beim Zirkus Bufch bereits eine ganze Anzahl Männer gemeldet hat, die sich bereit erklärten, denselben halsbrecherischen Sprung all- abenölrch zu wagen. Tie Direktion hat alle derartigen Aneibiete» abgelehnt.
* Tret Kühe auf einmal verlor der Besitzer Juchts aus Neumark. Tie Frau des I. war da- mit beschäftigt die Oleanderbäume zu beschneiden. Tie Blätter warf sie den Kühen vor, ohne zu ahnen, was für ein Unheil sie damit anrichtete. Nach kurzer Zeit erkrankten drei Kühe und nach kaum drei Stunden verendeten sie. Die Tiere hatten einen Werl von etwa 1000 Mark.
* Tie Trachemmsstiege am Bodensee haben jetzt begonnen. Aus Friedrichshafen wird gemeldet: Tie Trachenstatiou des Reiches eröffnete den Betrieb durch die Fahrt des Drachenbootes „Gua" nach Konstanz und Ueberlingen mit verschiedenen gelungenen Drachenausstiegen.
* Eine Waldschule soll dem Beispiele anderer großen Städte folgend, in diesem Sommer seitens der Stad: Essen eröffnet werden. Die Verwaltung will für diesen Zweck einen freien Platz im Stadtwalde zur Verfügung stellen. Der Unterricht wird bei günstigem Wetter unter freiem Himmel abgehalten, während des Regens finden die Kinder in einem geräumigen Holzbau Schutz. Mit der Leitung der Schule soll ein Arzt, der durch seine pädagogischen Schriften bekannt geworden ist, betraut werden.
* Blutiger Wirtshausstreit wegen 20 Pfennigen. In einer Wirtschaft in Hohenfels kam es wegen eines Spieleinsatzes von 20 Pfennig zu einem Streit, der auf der Straße nach Parsberg fortgesetzt wurde und in eine förmliche Messerschlacht ausartete. Ein 19jähriger Arbeiter wurde totgestochen, ein30jähriger Bauer und Familienvater liegt tm Sterben: der Bürgermeister Zeit- ner von Raitenbach wurde schwer verletzt, ebenso noch ein Maurer.
„Wie ich höre, haben einige durch ihr unkluges Borgehen es dahin gebracht, baß die Lesung des Kopernikanischen Haupiweikes, die nahezu SO Jahre lang durchaus frei war, nunmehr, wenigstens einstweilen, bis nach erfolgter Verbesserung, unterlagt ist. Allerdings versichern mir angesehene und iiwcr- lästsige Autoritäten, kirchliche wie weltliche, daß damit
den astronomisch en Forschungen kein Hin-^s Stück dernis in den Weg gelegt werde." (Muller, Johann Keppler, der Gesetzgeber der neueren Astronomie.
Freiburg 1903, S. 105 >
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