Einzelbild herunterladen
 

«rschewt »glich «U Ausnahme der $otm» «udLetertage. viertel, jährliche" v«r«grpreir ohne vringerlohn und VesteLgeldinZuldaso- «ie auswärts l-50 ML.

Verantw. Redatte«: Carl Schütte;

wochcndeilage: .Illustrierte Soimtagszeiillilg"

Msmirbell-ze: „Mdaer GeschichtrblAter"

Vie er» spalttg« petitzeile oder deren Kaum IS Pf-. Seklam«»repettt;rüe 25 Pf-., bei Wiede» Holungen wird entspL Rabatt gewährt.

Rotatiourdruckund Verleg der Fuldaer 8b tirudrnckerri in Ful-ck Fernsprecher Ar. 4.

M 78.

Fulda, Freitag den 3. April 1908.

35. Iahrqanq.

Zrveit es 3£att.

# Die Ursachen der katholischen Rück­ständigkeit.

Zur Begründung für die Rückständigkeit bet Katholiken in Erwerb und Studium werft Dr. Hans Rost in der hier schon erwähnten Bro­schüre: „Die Katholiken im Kultur- und Wirt- schaftsleben" darauf hin, daß die Katholiken im höheren Grade Landbewohner und Acker­bautreibende sind, als die Protestanten, wenigstens in den Ländern, wo beide Konfessio­nen gemischt zusammen leben. Das gilt haupt­sächlich für Bayern, Württemberg, Baden, Elsaß- Lothringen. Hier liegt eine historische Ursache vor, an der das katholische Volk unschuldig ist. Di« Schuld liegt dort, wo man dem Protestantismus zur Entstehung und zum Durchbruch verhalfen hat. Dann weist Rost auf die ungleiche Ver­teilung der Bildungsstätten hin. DaS rührt davon her, daß die Regierungen, auch katho­lische, im Anfang des 19. Jahrhunderts sinn- und planlos unter dem Einfluß des jungen Libe­ralismus und der falschen Aufklärung die K l ö- st er und Kirchengüter eingezogen ha- ben. Hunderte von Bildungsstätten, die früher die Söhne des Volkes zu höheren Stellen vorbe­reiteten, sind damit zertreten worden, während dieselben Regierungen die protestantischen Bil­dungsstätten erhalten haben und sie in jeder Weise unterstützten. Nur ein einziges Beispiel auS Norddeutschland: Zu Münster in Westfalen be­stand eine aus kirchlichen Mitteln reich dotierte Universität. Nach der Annexion durch Preußen wurde die Hochschule aufgehoben. Bis heute — nach 100 Jahren — ist sie noch nicht wieder völ­lig hergestellt. Die hoch entwickelte Provinz West- >alen hat (neben Posen und Westpreußen, zwei »vrwiegend katholischen Provinzen!) den trauri- gm Vorzug, bis auf die neueste Zeit einer Uni- ' ?rsitäl entbehren zu müssen. Rach vielen Mil- !:onen ist der Verlust zu berechnen, der hierdurch der Hauptstadt Westfalens und den Katholiken der Provinz seitens der preußischen Staatsver­waltung zugefügt worden ist. Aehnlich stand es rn vielen Teilen des Reiches. Die systematisch durchgeführte Zurücksetzung der Katholiken mußte sie naturgemäß schwächen und dadurch wirtschaft­lich im öffentlichen Leben zurückdrangen. Dazu kommt vor allem das politische System in Preu­ßen, Sachsen, Hessen, Baden rc., von allen höhe- ren Stellen die Katholiken systematisch fern zu halten, während in Bayern die ka- tholischen Fürsten den Protestanten gegenüber eine weitgehende Toleranz, ja vielfach eine ziel­bewußte, unverhältnismäßig« Förderung zuteil werden lassen. Wie gewaltig sticht hiervon ab die Brutalität, um das richtige Wort zu gebrauchen, mit welcher der Protestantismus, Regierung, Volk und Geistlichkeit, in Sachsen, Braunschweig und Mecklenburg den Katholiken heute noch die freie öffentliche Religionsübung verweigern! Jedes Aufkommen wird ihnen dadurch erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht.

Zu den Ursachen der Rückständigkeit gehört auch s’e schlechte Bezahlung der katholischen Geistlichen, angeblich weil sie keine Familie haben. Die Unterschiede werden sich noch mehr verschlimmern, wenn die für die Pfarrer beider Konfesiionen in Aussicht genommenen Höchstge­haltsätze Gesetz werden sollten (6000 bezw. 4000 Mark). „Der preußische (katholische) Pfarrer steht an Einkommen tiefer, als selbst mancher Unterbcamte mit Elementarschulbildung, tiefer, al? viele Handlungsgehilfen und Handwerker mit qualifizierter Arbeit, z. B. als Monteure. Ein

Pfarrer in Bayern hat im Durchschnitt das Gehalt eines Kaminkehrermeisters oder eines Oberbrief- trägers. Für Elsaß-Lothringen gellen gleich un­günstige Zustände. Der katholischen Geistlichkeit sind also die Hände gebunden, die Anteilnahme der Katholiken am Studium materiell zu för­dern." Bon den Kaplansgehältern ist hier keine Rede. WoS hätte sonst der Verfasser noch für Kategorien von Beamten heranziehen müssen, denen diese junge Gard« des katholischen Klerus an Einkommen gleich steht!

Bei Rosts Darstellung vermissen wir den Hin­weis darauf, daß die katholischen Ehen im allge­meinen kinderreicher sind, als die protestan­tischen. Das wirkt natürlich auf die Verteilung des Vermögens sehr stark ein. Die katholische Weltanschauung ist überhaupt idealer. Sie braucht jedoch deshalb nicht wellfremd zu werden. Man kann sagen, die katholische Auffassung er­strebt mehr einen gleichmäßig verteilten Wohl- stand, als starke wirtschaftliche Unterschiede in der Bevölkerung. Auch die Verpflichtung zum Almo- sengeben wirkt in Liefer Richtung nicht unbe­trächtlich mit.

Während Dr. Rost einerseits nun auf die Tat­sache der Zurückgebliebenheit der Katholiken hin­weist, verfehlt er es auch nicht, freimütig einige Ursachen zu kennzeichnen, die sich leicht a b st e l- len liehen. Zunächst weist er hin auf den Um- stand, daß die Katholiken mehr Stiftung en für kirchliche Zwecke, die Protestanten mehr Stif­tungen für Wohlfahrtszwecke machen. Nach amt­lichen Mitteilungen haben sich in Preußen wäh- rend der zehn Jahre 1889—1899 die evangelischen Stiftungen auf 27 790 000 Jt, die katholischen auf 36 626 374 belaufen. Die 34 Prozent der Ge­samtbevölkerung ausmachenden Katholiken haben mithin für religiös-kirchliche Interessen in zehn Jahren erheblich mehr (8% Millionen!) geopfert, als die 64 Prozent der Einwohner Preußens zählenden Protestanten! Es wäre nicht schwer, hier noch die Ausgaben für das Missionswesen, für die Regierung der Gesamtkirche (Peterspfen- nig) u. a. heranzuziehen, um die Opferwilligkeit der Katholiken im schönsten Lichte zu zeigen. Hier ließe sich vieles bessern, ohne dem kirchlichen Le­ben Abtrag zu tun. Mancher Wohlhabende oder Reiche möchte gern für katholische Zwecke ein Testament machen: er gibt das Geld einer Kirche. Diese braucht es vielleicht nicht einmal notwendig: aber anderwärts bleiben große Mißstände unbe- hoben. Es gibt namentlich im katholischen Rhein­land« manche Gemeinden, di« kennen nur die Ausschmückung ihrer eigenen Kirche: in der Diaspora aber sterben jährlich Hunderttausend« von Katholiken des religiösen Hungertodes, wäh­rend in katholischen Gegenden die Kirchen ver­goldet werden. Hier ein Ueberfluß, während man mit denselben Mitteln dort, wo es notwendig ist, zahlreiche katholische Kirchen, Schulen rc. errich­ten könnte. Auf eins muß noch hingewiesen wer- den. Bei zahllosen Stiftungen von Seelenmessen z. B. hat seit Jahrzehnten den Stiftern ein dop­pelter Zweck vor Augen geschwebt: einmal für das Seelenheil der eigenen oder verwandter Personen Sorge zu tragen, sodann aber auch die Absicht, den zumeist schlecht gestellten Geistlichen durch Zuwendung der Stiftungen eine wenn auch be- cheidene Verbesserung ihrer materiellen Verhält­nisse zuzuwenden. Der letztere Zweck kann in Zukunft für alle dem preußischen (und anderswo wird das gleiche gelten) Besoldungsgesetze unter- tehenden Geistlichen nicht mehr erreicht werden. Denn die sämtlichen Stiftungen sind in das E i n- kommen der Pfarrer einzurechnen, und erst rann, wenn letzteres die fixierte Höhe nicht er­reicht, tritt der Staat mit seinen Zuschüssen ein. Es wird also durchaus zweckmäßig sein, das ka­tholische Volk in Zukunft über diese Verhältnisse zu unterrichten. Andernfalls würde man die Hand

dazu bieten, dem Staate Lasten abzuneh» m e n, die zu tragen er sich selbst v e r p f l Kn­iet hat, »nd dem katholischen Volksterl Gelder zu entziehen, die für andere Zwecke bester ver­wandt werden könnten.

Deutsches Reich.

Den preußischen Beamten war in der ,Berl. Beamtenzeitung, empfohlen worden, sie möchten ihrer Mißstimmung über die Verschiebung der GehaltSreform AuSdruck geben durch die „wuchtige und imposante Demonstration" der Wahlenthaltung bei den bevorstehenden LandragSwah.en. „Dieser Regierung und diesen Parteien keine Stimme!" so sollte die Parole lauten. — Ueber diesen Vorschlag ist die ,8ibetak Korresp? ganz entsetzt und redet den Beamten in bewegten Tönen zu, sie müßten nun gerade mit abfttmmen, und zwar für die liberalen Kandidaten, weil die Liberalen der Regierung in der Besoldungsfrage ins Gewisten geredet hätten, wogegen die konservative Mehrheit für die Lage der Beamten verhängnisvoll sein würde. — DaS ist doch ein sehr unverfrorener Versuch des Stimmenfangs! Die Beamter, werden doch wohl misten, daß es im gegenwärtigen Abgeordneten­hause eine sogenannte konservativ-klerikale Mehrheit gibt, und daß diese- Abgeordneten­haus der Gehaltsreform durchaus keine Schwierigkeiten gemacht hat. Im Gegenteil, die Reform in Preußen wäre zu allseitiger Zufrieden­heit schon fertig, wenn nicht da- Reich zurück­geblieben wäre und Preußen auch zum Zurück­bleiben genötigt hätte. Im Reich lag das Hindernis auch nicht bei den Koniervatwen, und erst recht nicht beim Zentrum sondern vielmehr bei der Unfähigkeit der Blocklink-n, sich zu vernünftigen Steuergesetzen aufzuschwingen. Die Liberaten möchten die unselige Blockpolitik auch auf den preußischen Staat übertragen. Die Beamten würden aber sehr töricht sein, wenn sie mit ihren Stimmen dazu helfen würden. Die­jenigen Beamten, die bei der letzten Reichstags- wahl durch den „nationalen" Phrasenschwall sich für die Blockpolitik haben einfangeu lasten, werden inzwischen wohl etwas nüchterner über diese neue Herrlichkeit denken gelernt haben. Denn da» ist ganz klar und zweifelsohne: wenn der alte Reichstag weiter bestanden hätte, so wäre die Gehaltsreform sowohl im Reich wie in Preußen schon fix und fertig.

* Zentrum und Polen in Oberschlesicn. Im Wahlkreise Oppeln hielt, wie schon erwähnt, am Samstag das Zentrumswahlkomitee eine Sitz- ung ab, die es ablehnte, mit den Blockparteien ein Kompromiß einzugehen und für die kom­menden Landtagswahlen mit den Polen eine Wahlverständigung treffen will. Ebenso wurde in der Sitzung des Zentrumswahlkomitees für den oberschlesischen Jndustriebezirk, die in Beu- then stattfand, der allgemeinen Meinung dahin Ausdruck gegeben, daß ein Kompromiß mit ben gemäßigten Polen unbedingt angezeigt erschein«. Dagegen sollen Wahlverständigungen mit den Blockparteien in keinem Falle und unter keiner Bedingung in Frage kommen können.

— Generalmajor Keim, der frühere Flotten­gewaltige, Hat bei der Bismarckfeier der Stutt­garter Ralionalliberalen in der Liederhalle zu Stuttgart am 29. März 1908 eine große Rede gehalten. Der Herr General, der offenbar seine Rolle noch lange nicht ausgespielt ju haben glaubt, führte u. a. aus:

BiSmarck hat getagt: .Deutschland sitzt i« Sattel, nun mag eS allein retten*, und da möchte ich, anknüpfend an den Ausdruck vom nationalen Heim­weh, doch fett (teilen, daß der Schimmel ein bischen lange nur Schritt gegangen tft und daß ihm ein Trab und ein Galopp einmal recht dienlich gewesen wäre, denn er war ein btßchen faul und bequem ge­worden. (Heiterkeit.) Daß er auch noch Trab und Galopp gehen kann, daS hat er bewiesen, als des Reichskanzler über bett GtakSbandschuh ben ei­sernen Hanblchuh zog und aus den Tisch schlug und den Reichstag im Namen der verbündete» Fürsten auslöste. (Beifall.) Da hat Leutschland roteber einmal Galopp geritten und es hat die Feinde niebergeritten, die damals zu bekämpfen waren, unter dem Zeichen: Es gilt die nationale Einheit, die natio­nale Ehre."

Wir kennen nur einen Feind, der bei bei Reichstagswahl 1907 niebergeritten wurde: b« Sozialdemokratie. Das Zentrum, dem ja in erster Linie der Kampf galt, bat gezeigt, daß auch ein Fürst Bülow gegen es nichts auszu­richten vermag und daß selbst der Floltenverein und fein antiultramontaner General Keim ihm gegenüber machtlos waren. Herr Keim hat auch auf dem Gebiete der auswärtigen Politik kühn sein Rößlern getummelt, indem er ausführte:

„Wenn dieser Erfolg gezeigt hat, baß es nur beß Willens bedarf, um in Deutschland große Erfolge z» erzielen, so bin ich der Ansicht, baß das auch auf die Laßere Politik Anwendung zu finden hat. (Zustim­mung.) Wir wünschen, daß das Ausland darüber nicht im Zweifel sein kann, daß, wenn es die deutsche Ehr« verlangt, auch wieder Galopp gelitten wird und daß wir bann auch alles niederreiten, was sich Deutschland entgegenstellt."' (Beifall.)

Ein Glück, daß solche Chauvinisten bloß Sprüche zu machen, aber keine praktische Politik zu treiben haben: sie würden mit ihrem blind« wütigen Chauvinismus dem Deutschen Reich« eine Suppe eindrocken, die wir schwer zu ver­dauen hätten. — Eine pikante Epistel auS der Keim'schen Rede sei noch erwähnt. Er führt« u. a. auch aus:

„Was die Besteuerung betrifft, so bin ich zugleich konservativ und liberal. Ich bin konservativ, indem ich sage, auf den Luxus des deutschen Volkes muß eine Abgabe gelegt werden, und ich bin liberal, indem ich sage: der Reiche soll auch bluten; es muß deshalb eine Reichsstener eingeführt werden. Das ist praktische Politik in bismarckischem Sinne. Es ist Volksschmeichelei, zu sagen, die große Masse soll nichts beitragen zu den allgemeinen Lasten. Das Volk muß auch wiffen, daß es Opfer tragen muß, aber der Reich« muß vor allem beigezogen werden. Ich glaube, daß das die richtige Art ist, eine richtige deutsche Reichs« finanzreform herbeizuführen, und das ist nötig."

Merkwürdig: die guten Schwaben geizte« mit ihrem Beifall während ber ganzen Red« Keims nicht. Als ober Herr Keim davon sprach, daß der Reiche auch bluten solle, baß bet Reiche vor allem beigezogen werben müsse — ba rührte sich keine Hand und kein Mund zum Bei» fall, sondern alles schwieg hübsch still. Das ist Der nationalliberale Geldbeutel-Patriotismus, bet sich in Phrasen berauscht, weil sie nichts kosten, der aber flugs flöten geht, sobald vom Zahlen die Rede ist . . .

Ausland.

* Die parlamentarische Lage in Oesterreich ist zur Zeit nichts weniger als erfreulich. Di« seitens der Tschechen erhobenem Forderungen können angesichts des deutschen Widerstandes von der Regierung nicht bewilligt werden. Allerdings ist auch auf deutscher Seite ein Fehler gemacht worden: der deutsche Volksrat in Böhmen hat sich das Recht angemaßt, an die Gerichte form*

Im Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

88] (Nachdruck verboten.)

Stumm drückte Angiolina die Hand des Va­ters: eS hätte den Edlen, Guten, welcher nur in ihr lebte, und alles tat, ihr Glück zu gründen, sicher betrübt, wenn sie ihm gesagt hätte, daß sie den ihr von ihm erkorenen Gatten nie lie­ben werde.

Arm in Arm kehrten Vater und Tochter in die Lilla zurück, der Marchese in freudiger Erregung, Angiolina sanft und ergebungsvoll wie gewöhn- ich.

Sie verfügte sich in ihr Gemach, um dort ihren Lieblingsbeschäftigungen obzuliegen; heule mehr als je drängte es sie, in der Einsamkeit sich Rechenschaft von den empfangenen Eindrücken zu geben, und ihre geheimsten Gedanken dem Papiere anzuvertrauen.

DaS Leben des Blinden hat wenig gemein mit demjenigen anderer Menschen, die im Lichte atmen und die Wunder der Natur zu schauen vermögen.

Die Entfernung zum Beispiel wird dem Blin­den' stets mehr oder minder ein Rätsel bleiben, denn der Raum und daS Maß sind für ihn nichts als ein Begriff.

So ist es auch nötig, daß der Wohnraum eines Blinden derart ausgestattet ist, daß die Ver» hältnisse desselben mit der größten Sorgfalt be­rechnet werden und die gewohnte Symmetrie durch nichts gestört wird.

Das Zimmer AngiolinaS war nach diesem System ausgestattet worden: hier durste, was w Anordnung des Mobiliars betraf, nie eine Aenderung vorgenommen werden und der Mar» , ?eJn.t£ $‘e Erzieherin, die einzigen, die in die­ses Hetlratum Zutritt Hatten, hüteten sich wobl.

auch nur einen Stuhl anders zu rücken, als er seit Jahren zu stehen pflegte.

Es war ein lichter und freundlicher Raum, ein wahres Mädchenzimmer, wenn auch darin viele jener unnützen Kleinigkeiten fehlten, di« zumeist solchen Gemächern ihr eigentümliches Ge­präge verleihen.

Ein Bett in eingelegter Holzarbeit mit licht­blauem Damastbaldachin, von dem leichte Spi- tzenvorhänge herabfielen, nahm die Mitte des Zimmers ein, rechts stand ein Schreibtisch von Rosenholz und links von dem Bett ein zierliches Arbeitstischchen.

Es gehörte zu den Gewohnheiten der Blin- den, ihre Gedanken täglich niederzuschreibett, und sie tat dies mit wahrem Vergnügen, dabei stets ihrem Vater dankend, daß er sie die Kunst des Schreibens gelehrt.

Dies war nicht mühelos gewesen. Der Mar­ches« hatte sich von Paris ein Alphabet, in Re­lief, zum Gebrauch für Blinde kommen lassen und damit begonnen, der kleinen Angiolina die Kenntnis eines jeden Buchstabens z» ermög­lichen.

Vermöge des bei Blinden in erstaunlicher Weise entwickelten Tastsinnes war dies auch möglich geworden, zudem die Kleine mit wah­rem Feuereifer ans Lernen ging.

Dennoch bedurfte es einer langen Zeit, über drei Jahre, bis Angiolina die Kunst deS Schrei» bens erlernt hatte.

Anfangs waren die einzelnen Linien aller­dings schief und so ineinander geschrieben, daß es unmöglich gewesen wäre, dieselben zu ent- Ziffern.

Doch nach und nach wurde die Hand der Blin- r rS^crer' un& endlich schrieb Angiolina eine ]0 schön« Handschrift, daß man es kaum für glaublich gehalten hätte, wie diese sauber gehalte­nen und gleichmäßig beschriebenen Heste von der Hand einer Blinden herrühren konnten. Und wenn schon die Schrift schön und korrekt war, wie interessant und rubrend lualeicfi mußte

einen mitfühlenden Menschen ihr Inhalt an­muten.

Welche Eigenart und Gedankenfülle sprachen sich darin aus, wenn die Blind« sich über die Ein­drücke verbreitete, die Menschen und Dinge ihr gemacht hatten! Auf das letzte Blatt dieses Ta­gebuchs hatte Angiolina geschrieben:

„Der Gedanke an meine Vermählung erschreckt mich, ja erregt mir heftigen Widerwillen. Ein Ehemann ist für mich eine Art von Tyrann, in dessen Gewalt ich willenlos gegeben bin und seine Macht über mich ist so groß, wie seine Ueber- lepenbeit, denn er ist ein Sehender — ich bin bltnb I Und wenn ich erst an denjenigen denke, der bald mein Gatte fein wird, dann schnürt sich mir das Herz zusammen: ich mißtraue Ama- deo, ich fürchte für die Zukunft und weiß de- stimmt, daß ich mit diesem Manne nie glücklich sein werde, doch füge ich mich dem Willen mei- nes geliebten Vaters, den der Gedanke an diese Heirat so froh macht. Jetzt wäre es ja auch zu spät .das Band zu zerreißen, das mich dem unge­liebten Manne verknüpft — schweig still, mein Marchesina, Herr Amadeo Santoni, und dessen Herz!"

15,

Der englische Arzt.

Am nächsten Tage waren die erwarteten Gast« pünktlich in der Villa Rionero zu Sorrent eingetroffen und zwar zuerst der'Bräutigam der Freund Lionelli.

Da der Marches« sich in begreiflicher Auf- regung befand, denn er erwartet« in jedem Augenblicke seinen Freund Franconi mit dem englischen Arzte, die schöne Blinde aber gar nicht zum Vorschein gekommen war, so schlug Amadeo Santoni, der ein wenig gelangweilt dreinschaute, seinem Freunde vor, eine Partie Ecarts im Gartensalon mit ihm zu spielen. Dieser wil- Iigte gern ein und auch der Marchese war es zu­frieden, mit seinen Gedanken allein sein zu kön­nen obwohl ihm zum erstenmal die Gleichgültia-

keit seines künftigen Schwiegersohnes auffiel bei einem Anlasse, der ja auch ihm im höchsten Grads wichtig hätte sein müffen.

Gegen zwei Uhr fuhr ein eleganter offener Wagen, mit zwei feurigen Stoffen bespannt, an dem vergoldeten Eisengitter, das die Villa von der Straße schied, vor.

Zwei Herren saßen in dem Gefährt und bet altere von ihnen, Graf Franconi, stieg zuerst au», der Engländer folgte ihm.

Marchese SHonero trat ihnen mit einiger Hast entgegen, umarmte ben Grafen und verneigt« sich tief vor dessen Begleiter, dann sagte er, dem Arzte die Hand entgegenstreckend:

„Seien Sie mir willkommen! Aber," sucht er, sich dem Grafen zuwendend, fort, „ich weih nicht, ob der Herr Doktor unsere Sprache ver­steht."

„O, Doktor Oliver Linston spricht italienisch wie ein Florentiner."

Der Marchese lächelte. „Um so bester, banrt ist es mir vergönnt, ihm in meiner Muttersprache die Gefühle des innigsten Dankes für die Gunst auszusprechen, welche er mir durch seinen Besuch hier erwiesen hat."

Der Engländer verneigte sich kühl, die Wort« des Marchese schienen wenig Eindruck auf ihü gemadjt zu haben, er hatte dieselben wahrschein­lich für eine leere Redensart gehalten.

Es war augenscheinlich, daß die Persönlichkeil des Augenarztes auf den Marchese nicht ange­nehm wirkte.

Wie hätte dies auch anders sein können, wis­sen wir doch, daß Gaetano Pisani sich unter dem erborgten Namen Oliver Linston borg.

Sein Aeußeres war allerdings insofern ver­ändert, daß die Mängel desselben möglichst ver­deckt wurden bunfj eine elegante, nicht modisch gesuchte, aber kleidsame Tracht.

Der hervorstechende Zug in dem unschönes Gesicht des Arztes war der einer stplzen Ueber* Hebung.

(Fortsetzung Mat)