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Fulda, Dienstag dm 81. Mir, 1908.

35. Jahrganq.

Krstes jdlatt

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 30. März 1908.

Das Haus setzt die dritte Lesung des Etats

Mg. Liebermann v. Sonnenberg (wirtsch. Vgg.) begründet einen Antrag, die Zahl der Stabsoffi­ziere in der Stellung als Vortragende Räte von 48 auf 49 zu erhöhen.

Abg. Erzbergrr (Ztr.): Prinzipiell freue ich mich über den Antrag. Es handelt sich um Me Streitfrage, ob der Reichstag berechtigt ist, ein- -eine Positionen im Etat, namentlich Gehaltspo- sttionen zu erhöhen. Bis jetzt haben sowohl di« Konservativen wie der Bundesrat auf dem Standpunkt gestanden, daß das unzulässig sei. Ich kann also konstatieren, daß die Konservativen anscheinend eine andere Haltung eingenommen haben. Als wir seinerzeit einen Antrag einbrach­ten, zu Gunsten der Veteranen das DiS- Sositiv abzuändern, haben Sie (nach rechts» den mtrag zu Fall gebracht. Damals also, als eS sich um das Interesse insbesondere von Veteranen handelte, glaubten Sie (nach rechts) sich nicht be­rechtigt, im Etat Aenderungen vorzunehmen; heute, wo es sich um ein paar Offiziere handelt, sind Sie selbst es, die eine Aenderung des Etats beantragen. Materiell bin ich gegen den Antrag und bei seiner prinzipiellen Wichtigkeit bean­trage ich nament li che Ab st immun g. Auf die Gehaltsaufbesserung will ich hier nicht ein­gehen, aber ich möchte die Gelegenheit doch be­nutzen, um anzuregen, daß die Gehaltsauf­besserung der Offiziere in einer Form geschieht, daß die hohen Zuschüsse, welche heute Pensionierte Offiziere ihren Söhnen leisten müs­sen, ganz erheblich eingeschränkt werden, können! Mir sind biele Generäle bekannt, die einen an­sehnlichen Teil ihrer Pension für ihre Söhne opfern und selbst fast am Hungertuche nagen müssen. (Hört, hört!) Im Interesse der Fami­lien und ihrer Angehörigen muß dafür gesorgt werden, daß den jungen Offizieren von ihren Eltern nicht mehr so hohe Zuschüsse geleistet wer­den muffen. Redner kommt dann auf den Fall des Majors v. Lynar zurück. Die Vorschrif­ten des Pensionsgesetzes sind bei der Pensionie­rung dieses Offiziers verletzt worden. Es lväre mir interessant zu erfahren, warum denn eigent- ich die Pensionierung des Majors v. Lynar er- olgt ist. Die Pensionierung eines Offiziers, des- en Verfehlungen vor Gericht festgestellt sind, ist ein Schlag gegen das Gerechtigkeitsempfinden des Volkes. (Sehr richtig! im Zentrum.) Der Redner bedauert weiter, daß für W a f f e n- u n d Munitionslieferungen die Firma Krupp und die Deutschen Waffen- und Muni­tionsfabriken geradezu ein Monopol haben. Dadurch werden die Preise in unverantwortlicher Weise in die Höhe getrieben. Im finanziellen Interesse des Reichs hat die Militärverwaltung die Psticht, die Lieferungen möglichst zu vertei­len. Als die Firma Ehrhardt mit der Firma Krupp in Konkurrenz trat, sind die Preise sofort um 50 Prozent gesunken. (Hört, hört!) Der Kainpf gegen die Monopole muß mit aller Kraft geführt werden.

Schatzsekretär Dr. Shdow hält an dem Grund- "satz fest, daß vom Reichstage Erhöhungen der Aus­gabepositionen einseitig nicht vorgenommen wer­den dürften.

Es entspinnt sich eine kleine Debatte, wann bie namentliche Abstimmung stattfinden soll. Um der Verabschiedung des Etats keine Schwier ig-

selbst berufen; wenn also der Herr Vertreter des Kriegsministeriums mein« Angaben bezweifelt, so bezweifelt er die Angaben de» AnegsmrmsterS selbst. Wenn etwas geeignet ist, mich in demGlau- ben an die Wahrheit des Gerüchtes, daß bte Mili­tärverwaltung mit einer girma «tuen vertrag über Lieferung der Maschinengewehre abgeschlossen hat zu bestärken, so ist es der Umstand, datz man mit keiner Silbe auf meine diesbezüglichen Er­örterungen eingegangen ist. , ,

Generalmajor Sixt v. Arm« wiederholt, daß er nicht in der Lage sei, inbezug auf die Lieferung detaillierte Angaben zu machen. Auf die Se- sckwerden des Abg. v. Czarlinski könne er nicht eingehen, weil die von diesem angegebenen Falle erst geprüft werden müßten. Was den Fall Ly­nar anbetreffe, so konstatiere er nochmals daß dem Kriegsministerium von einem Abschluß der Untersuchungen noch nichts bekannt geworden sei.

Abg. Schcidcmann (Soz.) meint, der Ton m unserem Offizierkorps werd« immer lächerlicher. Die Art und Weise zu reden, der näselnde Ton. feien ia schon in der ganzen SBeU befannt Der Redner führt Beschwerde über Soldatenmißhanb- lungen bei den Herbstübungen im Jahre 19Jo rn der Senne. — , m ,

Generalleutnnant Sixt v. Arnim: Dl? Nach­richten über die Vorfälle in der Senne sind matz- los übertrieben. Zwei Redakteure sind, bereits deswegen bestraft worden. Es sind bei dieser Hebung allerdings an einigen Tagen sehr viel Monnschaften marode geworden. Es tit aber auch sofort ein allgemeiner Erlaß an die Armee er­gangen, in dem darauf hingewiefen wurde, daß gerad" bei Referveübungen die Mannschaften all­mählich an schwere Strapazen gewohnt werden sollen. , .

Abg. v. Treuenfeld (k.) wünscht Erleichterun­gen und Berücksichtigung der ländlichen Verhält­nisse bei der Stnbenaumung; von Kontroll- Versammlungen. .

Abg. Werner (D. Rfp.) wünscht, daß d,e Milt- täranwärter im Zivildienst schneller zur Anstel­lung kommen.

Abg. Gröber (Ztr.): Die Ausführungen des Abg. Kopsch über die Behandlung jüdifcher Einjähriger sind denn doch derart, daß man sich des Eindrücks nicht verwehren kann, daß in gröbster Weise gegen die Forderungen,der Pari­tät verstoßen worden ist. Den, Aspiranten sol­len direkt Vorhaltungen bezüglich ihres Glau­bensbekenntnisses gemacht worden sein. So was darf beim Militär nicht Vorkommen, auch nicht „unter der Hand" und nicht „in freundschaftlicher Weise". (Beifall und Zustimmung^ Jedenfalls haben alle Konfeffionen ein Interesse daran, daß ' Klarheit über diese Behauptungen geschaffen wird. Im Moment der Gefahr haben beim letzten Kriege die Angt hörigen der Minderheitskonfes­sionen ebenso gekämpft und geblutet wie die An­gehörigen der Mehrheitskonfessionen. (Abg. B i n- bewald ruft: Aber die Inden in minderem Prozentsatz.) Ja, sollen denn die staatsbürger­lichen Rechte nach Prozenten verteilt werden? Das wäre ja eine nette Blockerfindung. (Sehr gut! und Heiterkeit im Zentrum.) Daß die konfes­sionellen Minderheiten allen Anlaß haben, auf paritätische Behandlung im Heer zu dringen, das zeigen auch die Mitteilungen, die uns über die Behandlung der katholischen Polen im Heere gemacht worden sind. Immer und immer wieder werden Klagen darüber laut, daß den katholischen Polen Vorschriften über die Beichte und den Gebrauch von Gebetbüchern ge­macht werden. Das ist um so bedauerlicher und um so unverständlicher, als diese Dinge schon vor Jahren in diesem Hanse behandelt worden sind und als damals von den Amtsvorgängern des jetzigen Herrn Kriegsministers ausdrücklich Ab- hülfe zugesagt worden ist. Ich möchte meinerseits

ausdrücklich die Anfrage an das Kriegsministe­rium richten, ob wirklich generelle Verordnun­gen über die Beichte der katholischen Polen be­lieben oder nicht. Gerade das Militär hat all« Veranlassung, Klagen auf konfessionalem Gebiet« gründlich zu prüfen; vom Militär müssen kon­fessionelle Streitigkeiten unter allen Umständen ferngehalten werden. ^Lebhafter Beifall im Ztr.)

Abg. Zubkil (Soz.) klagt über bte Zunahme der Soldatenmißhandlungen unter Anführung zahlreicher Fälle. ~ ,

Abg. Scheidemanu (Soz.): Der Herr Vertre­ter des Kriegsministers hat zu meinem größtes Bedauern Worte der Entschuldigung für Offi­ziere gefunden, welche sich Soldatennnßhandlun- gen haben zu schulden kommen lassen. Warum findet man dann nicht auch Worte der Entschul­digung, wenn einmal ein Soldat, der ewigen Schindereien müde, einem Vorgesetzten einen Schlag versetzt? (Beifall b. d. Soz.)

Abg. Bindewald (deutsche Rfp.): Mit der Kon­fession hat die angebliche Zurücksetzung jüdischer Einjähriger nichts zu tun. Wir haben ein VolkS- heer und können keine Offiziere anderer Rass« in ihm gebrauchen. Wir haben zu unserem Offi­zierkorps das Vertrauen, daß es sich rein halten wird von jüdischen Elementen. Der Jude hat an­deres Blut in den Adern 'wie wir. (Beifall recht», Lachen links.)

Generalmajor Sixt v. Arnim erklärt, daß den polnischen Rekruten polnische Gebetbücher nicht abgenommen worden seien. ,

Tie Abstimmung über den Antrag Lieber­mann bleibt zweifelhaft; es muß daher Ham­melsprung stattfinden, der die Beschlußnn» fahigkeit des Hauses ergibt. Di« Sitzung wird daher abgebrochen.

Nach 15 Minuten Pause wird die Sitzung wie­der eröffnet. Die Abstimmung wird, da di« Be- ichlußfähigkeii zur Zeit noch zweifelhaft ist, auf 5 Uhr anberaumt.

Abg. Dr. Becker (Köln, Ztr.) tritt für Besser­stellung der Batterieschreiber und anderer Beam­tenkategorien ein.

Abg. Giesderts (Ztr.) regt eine Revision der Strafbestimmungen für Vergehen im Kriege an. Wegen geringfügiger Taten feien Afrikakrieger außerordentlich schwer bestraft worden.

General Linde: Vergehen im Kriege müssen hart bestraft werden. Wir werden aber gern mil­dere Vergehen der Gnade des Kaifers empfehlen.

Damit ist der M i l i t ä r e t a t erledigt, eben­so der des Reichsmilitärgerichts, bis auf die aus­gesetzte Abstimmung. Der Marineetat wird ohne Diskussion erledigt.

Es folgt die Beratung des I u st i z e t a t & Abg. Bassermann (nl) fragt, wie es Mit der Reform des Strafvollzuges steht.

Staatssekretär Dr. Rieberding: Der Ent­wurf wird wahrscheinlich im nächsten Winter an den Reichstag kommen. Vorher soll er der Oef- fentlichkeit unterbreitet werden.

Bei der jetzt wiederholten Abstimmung über den Antrag von Liebermann war wieder Hammel­sprung nötig. Der Antrag wurde mit 132 gegen 116 Stimmen abgelehnt.

Abg. Kirsch (Zentr.) verlangt entsprechend seine» Resolution eine Reform der Vorschriften über Straf­recht, Strafverfahren und Strafvollzug in Bezug auf jugendliche Personen.

Abg. Müller-Meiningen (frf. Vp.) erwidert auf die Angriffe Roerens vom 25. Februar. Ich habe einen Brief von dem Sohne des am 25. Februar vom Abgeordneten Roeren zitierten Dichter Müller von der Werra erhalten, in welchem dieser gegen die Art und Weise protestiert, wie der Abgeordnete Roeren das Andenken seines verstor­benen Vaters beleidigt. (Abg. Roeren ruft: Ich habe ihn ja nur mit Ihnen verglichen.— Stürmisch« Heiterkeit.) Ich will den Abgeordneten Roeren

feiten zu bereiten, zieht Abg. Erzberger unter dem Bravo de» Hauses seinen Antrag zurück.

Abg. Dr. Paasche (nl.): Die Pensionierung des GrasenLynarhatinder Tat im Land« eine gewisse Beunruhigung herbeigeführt und ich bin auch der Meinung, daß die Pensionierung dem Offizierspensionsg^etz nicht entspricht. Die Was- fen- und Munitions-Lieferungen wünschen auch wir möglichst auf mehrere Firmen verteilt. In der Sitzung vom 8. Dezember habe ich meiner Verwunderung darüber Ausdruck gegeben, daß der Kriegsmini st er über die Fälle Lynar und Hohenau so wenig orientiert gewesen sei, und ich habe hinzugefügt, diese Dinge seien tm Offizierskorps so bekannt gewesen, daß man tm Kasino sogar Lieder darüber gesungen habe. Ich habe inzwischen erfahren, daß das nicht zutrtfft und ich nehme daher keinen Anstand, diese Be­hauptung zurückzunehmen.

Preußischer Generalmajor Sixt von Arnim er­klärt, Graf Lynar sei mit Pension verabschie­det, weil Dienstunfähigkeit vorlag. Ob in dieser Beziehung eine Verfehlung vorgekommen ist, das ist Sache der gerichtlichen Unwrsuchung. Diese Untersuchung schwebt noch Die Zahlen, die der Abg. Erzberger über die an einzelne Firmen ver­gebenen Lieferungen mitgeteilt hat, kann ich im Augenblick nicht kontrollieren. Bei der Vergebung von Arbeiten und Lieferungen müssen die ver­schiedensten Gesichtspunkte in Rücksicht gezogen werden. Das eine steht jedenfalls fest, daß wir bestrebt sind, Monopole zu vermeiden, und von einem Monopol kann weder von Krupp noch bei der deutschen Waffenfabrik irgendwie die Rede sein. Im übrigen müssen wir uns allerdings vor einer allzugroßen Zersplitterung hüten, schon mit Rücksicht darauf, daß einzelne große Firmen für den Mobilmachungsfall besondere weitgehende Verpflichtungen auf sich genommen haben.

Abg. Dr. Südekum (Soz.) bespricht nochmals die Pensionierung des Grafen Lynar, der schon s. Zt. als Offizier in 8anfibar außerhalb des Strafgesetzbuch gelebt habe, und die Monopol­stellung der Firma Krupp, sowie den Fall des Hamburger R«htsanwaltes Brabandt, der vom Referveoffizierkorps ausgeschlossen worden fei, weil er in einer Stichwahl zur Wahl des Sozial­demokraten aufforderte. Es gehe das Gerücht, daß Offiziere in Beziehungen zu der Firma Krupp ständen und infolgedessen die Firma Krupp bevor­zugten. Was an den Gerüchten wahr sei, lasse er dahin gestellt fein.

Generalmajor Sixt v Arnim: Mir ist von Beziehungen von Offizieren zur Firma Krupp nichts bekannt. Die Behauptung des Abg. Sü- dekum, daß Offiziere infolge ihrer Beziehungen die Firma Krupp begünstigten, muß ich als un- betoiefene und unbeweisbare Verleumdungen auf das entschiedenste zurückweisen.

Abg. Kopsch (fr. Vp.) beschwert sich darüber, daß jüdische Einjährige nicht zu Referveoffizieren vorgeschlagen würden.

Abg. v. Czarlinski (Pole) beschwert sich dar­über, daß polnische Rekruten ihre Osterbeichte hätten in deutscher Sprache ablegen müssen, obwohl ein polnisch sprechender Geistlicher in der Garnison gewesen sei. Ein solches Ver­fahren fei ein verwerflichere Gewissnszwmg. Weiter bringt Redner einen Fall zur Sprache, in dm ein evangelischer Geistlichere einen Rekruten habe bewegen wollen, zum evangelischen Glauben überzutreten.

Abg. Erzberger (Ztr.): Ich bedauere es, daß der Herr Vertreter des Kriegsministeriums nicht auf die Beschwerde des Abg. Czarlinski einge­gangen ist. Meine Angaben bezüglich der Liefe­rung von Waffen und Munition hat der Herr Vertreter des Kriegsministeriums in Zweifel ge­zogen; ich habe mich bei meinen Angaben auf einen Bericht des Kriegsministers

Im DunkeLn.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

«5] > (Nachdruck verboten.)

Der Fremde händigte Domenico ein Papier #in. Dieser überflog es und wendete sich dem »rohen Eckschvanke zu, doch als er den Schlüssel «ns Loch steckte, rief er überrascht:

»Was ist das? — der Schrank ist ja offen!" —

„Ah!" rief der Fremde, näher tretend; die Bach^ schien ihn sehr zu interessieren.

Der Advokatenschreiber bückte sich; als er die Kür völlig geöffnet hatte, war etwas herunter- tefallen — ein Paket vergilbter, zusammenge- efteier Akten. Er legte dieselben auf den Tisch Uno den Staub davon abklopfend meinte er:

„Dieses Aktenpaket hat sich wahrscheinlich ein- peflemmt und dadurch verhindert, daß die Tür geschlossen werden konnte — aber sehen Sie her, mein Herr, ist das nicht ein seltsamer Zufall?

Papier, das Sie zu haben wünschen, befindet Ich mit darunter."

, D^r Fremde blätterte mit nervöser Hast in Hem Paket. Seme Augen funkelten.

Domenico fuhr unbefangen fort:

Wahrscheinlich hat Herr Basileo in Hast etwas

Aktenbündel gesucht, und sich dann nicht • genommen, es ordentlich wegzupacken." „Möglich."

kv mir jetzt zu sagen, über welchen

duE Sie Aufklärung wünschen."

. Fremde zog feine Börse und legte sie auf dann entnahm er einem Taschenbuch« «tmge, Sflanfnoten und schob alles dem Schreiber zu, wahrend er, sich an dessen Ohr neigend, leis« aber tn bestimmten Tone sagte:

& "^4 Wunsche keinerlei Aufklärung, denn ich tenne ben Inhalt des Testamentes, daS ein alter Sömerung, durch Freunde beeinflußt, verfaßte.

um seiner Familie ein derselben rechtmäßig zu» stehendes Erbe zu entziehen. Diese Ungerechtig­keit will ich dadurch wieder gut machen, daß ich das Testament vernichte. Verstehen Sie mich jetzt? Sie liefern mir das Aktenstück aus, und ich ent­schädige Sie dafür durch diese nicht unbeträdjt- liche Summe".

Domenico stieß einen Ruf der Ueberrafchung aus, dann hefteten sich seine begehrlichen Blicke fest auf die Maschen der seidenen Börse, als wolle er den Inhalt derselben überrechnen.

„Run —?" fragte gedehnt der Fremde.

„In der Tat — ich weiß nicht, was ich tun soll", stotterte Domenico.

„Annehmen! — Für Ihre Person habe» Sie nichts zu fürchten, denn die Verantwortlichkeit hat Ihr Prinzipal und bann — fanden Sie ben Schrank nicht geöffnet? — Konnte nicht auch Ihr Vorgänger diesen Raub begangen haben? Da er ohnehin ein Spitzbube ist, wird das niemand wunder nehmen."

„Darin haben Sie allerdings Recht, mein Herr."

„Also schnell, ich habe Eil« — losen Sie die Bindfäden, welche das Aktenstück an die andern Schriftstücke heften."

Der Schreiber gehorchte, er suchte nach einer verrosteten Schere, die er auf dem nächsten Pulte fand, und fchnitt di« Schnur durch.

Der fremde Besucher hatte das Papier bereits fest gefaßt und ließ es sofort in feine Tasche ver­schwinden, dann legte er den Fin^r an seine Lip­pen, grüßte höflich und verließ eiligst daS Büro.

Domenico blickte ihm nach, wie ein Träumen­der, bann sprang er zur Tür, schloß und verrie­gelte dieselbe und zählt« bann die Goldstück« — eS war wirklich eine hübsche Summe, wenn man di« Banknoten dazu rechnet«.

Sollte der Herr Vettere nun auch sterben, ohne ihm etwas zu vererben, dann ließ sich daS ver­schmerzen — er, Domenico, hatte immerhin ein gutes Geschäft gemacht.

Doch jetzt war es vor allem nötig, an die eigene Sicherheit zu denken.

Er begab sich also sogleich zu seinem Prinzi­pal und teilte diesem eine aus Wahrheit und Dichtung zusammengesetzte Erzählung mit, den Raub des Testamentes betreffend.

Tommaso Basileo fühlte sich an diesem Mor­gen noch leidender als sonst, er hatte sein Lager nicht verlassen und blickte nur sehnsüchtig nach der Kiste hin, die mindestens noch einen kleinen Teil feiner Schätze enthielt.

Die Störung war ihm im höchsten Grade un­angenehm, dennoch bemühte er sich anfangs, die Erzählung Domenicos ruhig anzuhören. Als die- ser jedoch von dem offenen Schranke sprach und des fehlenden Testamentes erwähnte, begann Ba­sileo heftig zu zittern und sank bewußtlos in die Polster zurück.

Dem Schreiber wurde doch nicht ganz Wohl bei dieser Szene, und fein Gewissen begann sich zu regen. Er holte den Arzt, und dieser ordnete schnell alles ihm notwendig Erscheinende an, wo­bei er es klar aussprach, daß der Zustand des Notars im höchsten Grade besorgniserregend sei.

Dies war in der Tat so. Basileo kam aller- dinas wieder zum Bewußtsein, allein das Fieber hatte sich vermehrt, und es wäre schwer zu sagen gewesen, ob das Fieber das Delirium verursacht ober ob die furchtbaren Gemüts- und Geisteser- regungen den Kranken in ben Zustand hochgradi­gen Fiebers versetzt hatten.

Am Abend verschlimmerte sich der Zustand dss Kranken.

Domenico machte seinem Vetter den Vor­schlag, die RaM bei ihm zu Wachen, da von der blödsinnigen Wirtschafterin eben ferne geeignete Hilfeleistung au erwarten stehe, aber der Notar richtett sich mit dem Aufgebot aller Energie im Bette auf und schrie:

»Fort — fort aus meinen Augen, willst Du mich schon bei ftbendmem Leibe beerben? Ich

weiß, daß die Menschen nichts weiter sind all Diebsgesindel, und traue niemand mehr — fort — fort!"

Ter Schreiber beeilte sich, diesem Gebot nach­zukommen, beim es war ihm ohnehin eine gar schauerliche Vorstellung gewesen, am Bette biefel Kranken die Nacht über zu Wachen.

Als Basileo sich allein sah, kühlte er sich etwa! ruhiger, er schleppte sich langsam, Schritt um Schritt machend, zu der großen Holzkiste mit den eisernen Beschlägen, öffnete sie und wühlte itt ben Lumpen und dem Sttoh, das sie enthielt.

Seine zitternden Finger brachten nach und nach eine Anzahl kleinere Beutel zum Vorschein, deren jeder 100 Dukaten enthielt.

Er öffnete einen derselben und ergötzte sich noch einmal an dem Glanze, am Klange des Gol­des, bann schob er die Dukaten wieder in dal Säckchen zurück und schlich in die anstoßende Dach­kammer, seinen Schatz mühsam mit sich schlep­pend.

Dort verbarg er unter Aechzen und Stöhnen, welche! ihm di« Anstrengung erpreßte, alle di« kleinen, au8 dunklem Wachstuch gefertigten Beu­tel und zwar benutzte er dabei die Dachsparren, oder steckt« sie in die Höhlungen der Mauer, be wo das zerbröckelnde Mauerwerk herab gefalle» war.

Dann verstopfte er di« Löcher mit Kalkbrock« und kleinen Steinen und nach stundenlanger Ar­beit zu Tode erschöpft, von Fieberschauern ge­schüttelt, suchte der Geizige sein Lager auf, eim Lächeln auf den Lippen, während et murmeltet

„Die lachenden Erden, sie werden lange Ge­sichter machen, wenn sie mit ihren gierigen Fin­gern in meinem Nachlasse wühlen. Fluch der gan­zen Menschheit! An BastleoS Schätzen soll nie- mani sich erfreuen, wenn bi« Äugen rmxxroe ge­schlossen sind, die daS blank« Gold liebevoll ge­hütet und sich daran ergötzt haben."

(Fortletzuna folat)