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3.K‘i«ä»«. wschM-llage:„IllustrierteSonntagszeitung
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Fulda, Montag den 30. März 1908.
35. Jahrgang.
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Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 28. März 1908.
Die dritte Lesung des Etats wird fortgesetzt.
Abg. Graf Carmer (k.) äußert Bedenken gegen eine bei der zweiten Beratung des Etats angenommene Resolution des Zentrums betreffend weiterer Ausdehnung der Sonntagsruhe in den offenen Verkaufsstellen. In den kleinen Städten und auf dem platten Lande werde die Erweiterung der Sonntagsruhe für den Kaufmannsstand eine große Schädigung zur Folge haben.
Staatssekretär von Bethmann-Hollweg: Die Bestimmungen über die Sonntagsruhe können nicht für Großstädte und das Platte Land einheitlich festgelegt werden. Es steht aber die Tatsache fest, daß die Sonntagsruhe an manchen Orten ausgedehnt werden kann. Jedenfalls wird es unser Bestreben sein, den Handlungsangestellten eine möglichst ausgiebige Sonntagsruhe zu gewähren. Die Erfahrung hat uns gezeigt, daß das große Publikum ^sich sehr rasch auf die Bestimmungen über die Sonntagsruhe gewöhnen wird. (Sehr richtig!) . Wie die Beschlüsse des Bundesrats ausfallen werden, kann ich heute noch nicht sagen. Jedenfalls soll die S o nn tagsruhe e rw e i - tert werden und zwar unter Berücksichtigung der Verhältnisse in den Großstädten, in den Mittelstädten und auf dem Platten Lande. (Beifall.)
Abg. Becker-Arnsberg (Ztr.) setzte sich noch einmal eingehend mit allen aktuellen Fragen der Arbeiterbewegung: Schutz der Ärbeits- willigen, Reform des Kranken- und Unfallver- sicherungsgsetzes, Arbeitskammern auseinander, besonders trat er gegen die Rentenentziehungen der Unfallberufsgenossenschaften auf. Wenn ein Arbeiter ein paar Groschen Renten verlange, dann spreche man von „Schnapsrenten"; wenn aber ein Reicher, der bei einem Eisenbahnunfall «ine Beule am Kopfe bekomme, vom Staate große Summen Entschädigung verlange, dann charakterisiere man das nicht so, und es falle keinem ein, ihnen gar zuzumuten, auf sie einfach zu verzichten. Man sollte in den Kreisen, die solch ewiges Geschrei über die „Rentensucht" der Arbeiter erheben, nicht vergessen, wie verbitternd das wirken muß; jedenfalls trägt dieses Geschrei sehr viel mit dazu bei, daß die sozialen Versicherungsgesetze noch nicht in vollem Maße die Wirkung in den Arbeiterkreisen erzielt haben, die wir alle wünschen, und die nicht zuletzt gerade auch diejenigen von uns wünschen, die an dieser Gesetzgebung Kritik üben. (Lebh. Beif. i. Zentrum.)
Abg. Hoch (Soz.) führt aus, daß die Arbeiter bei der Unfallversicherung dadurch sckMer geschädigt würden, daß die ganze Verwallung der Bcrufsgenossenschaften in den Händen des Un- ternehmertums liege.
Abg. Giesberts (Ztr.) besprach die Frage der Unfallrentenentziehung vom Standpunkt der rheinischen Versicherungsanstalt aus und regte an, die Bestrebungen der katholischen Gesellenvereine und der evangelischen Jünglingsvereine: für die Wellen und Arbeiter bessere Wohnungsverhält- nisi« zu schaffen, durch Gewährung von Geldmitteln seitens der Versicherungsanstalten zu unterstützen.
Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg: Ich bin dem Abg. Giesberts außerordentlich dankbar, daß er auf die Wohnungsbedürfnisse der ledigen arbeitet und Gesellen hin gewiesen hat. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß man durch eine solche praktische Wohnungsfürsorge mehr Segen stiftet als durch das fortwährende Geschrei nach einem Wohnungsgesetz. Ich bin gern bereit, mich mit dem Reichsversicherungsamt über diese Angelegenheit in Verbindung zu setzen. (Beifall.)
Abg. Stadthagen (Soz.) tadelt die Einführung von Legitimitionskarten für ausländische Arbeiter in Preußen.
Die Abgg. Behrens (wirtsch. Dgg.) und Wallenborn (Ztr.) treten für Förderung der obstbaulichen Bestrebungen ein.
Abg. Dr. Faßbender (Ztr.) regt den Erlaß eines programmatischen Gesetzes für Kinder- s ch u tz an und bittet im Hinblick auf die erschreckliche Zunahme der Nervenkrankheiten und der schweren Stoffwechselkrankheiten der Ernährungs- frage mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Weiter trat der Redner in sehr bemerkenswerter Weise für die Bestrebungen des sogen. Naturheilverfahrens ein. Mit großer Energie betonte er die Verpflichtung des Reichsgesundheitsamts, an dem Kampfe gegen die Schädlichkeiten des Alkohols und des Tabakgenusses mitzuwir- len. Dringend not iue es, der Reichsanstalt zur Förderung des Gährungswesens eine ebenbürtige Anstalt zur Seite zu stellen, die die Aufgabe der rationellen Herstellung eines guten Brots zu lösen habe.
Abg. Erzberger (Ztr.) wünscht, daß über die Anlage der Kapitalien der Landesversicherungsanstalten dem Reichstage alle 5 oder 10 Jahre eine Denkschrift vorgelegt werde, und regt an, daß die Kapitalien mehr als bisher dem Handwerk und dem Kleingewerbe dienstbar gemacht würden. Bei den Heilanstalten sind gewöhnlich Simultankirchen und Kapellen errichtet worden, was der wahren Parität nicht entspricht. In den Heilstätten sind 170 Personen angestellt, darunter nur 9 Kat ho liken. Die Mehrzahl der Anstalten hat protestantisches Verpflegungspersonal. Hier ist der Wunsch angezeigt, daß den katholischen Orden und Genossenschaften im höheren Maße Mitwirkung gestattet werde. Aus den neuesten Stastitiken ist zu ersehen, daß die konfessionellen Verhältnisse besser berücksichtigt sind. Was die Heilfürsorge für die erkrankten Mitglieder anbelange, so ist ein abschließendes Urteil zur Zeit nicht möglich; es sollte diese Fürsorge unter der Bevölkerung mehr bekannt werden, damit ein besserer Erfolg erzielt werde. Von Wichtigkeit ist die bessere Ausbildung des Krankenpflegepersonals. Ihre richtige und vollständige Ausbildung sollte gefördert werden.
Abg. Everling (ntl.) wendet sich gegen Erzbergers Ausführungen, die den konfessionellen Beunruhigungsbazillus neue Nahrung zu geben geeignet wären und polemisiert gegen eine Broschüre des Volksvereins für das kathol. Deutschland in M.-Gladbach.
Abg. Cuno (frs. Vgg.) meint, man sehe die konfessionellen Bestrebungen des Zentrums aus dieser Rede Erzbergers; die Konfessionen hätten mit der Versicherungsangelegenheit nichts zu tun. Redner wendet sich gegen die Heranziehung der großen Schmiedewerke zu der Schmiedeberufsgenossenschaft.
Abg. Kirsch (Ztr.):, Erst die Rede des Abg. Everling hat den konfessionellen Beunruhigungs- bazillus hier hereingetragen; er hat gegen eine Broschüre polemisiert, die vom Abg. Erzberger gar nicht genannt wurde; Everling aber hat einen Konfusionsbazillus hier hereingetragen. (Große Heiterkeit.)
Abg. Erzberger (Ztr.) verwahrt sich gegen den Vorwurf, daß er den konfessionellen Beunruhigungsbazillus hereingetragen habe; er habe nur auf Grund der amtlichen Statistik die Zur ü ck- setzung der Katholiken konstatiert und das sei sein gutes Recht. Everling hat gegen meine Rede nicht polemisiert, wohl aber gegen eine Broschüre. Wohin würde man kommen, wenn man gegen die Schriften des Evangelischen Bundes polemisieren wollte? (Sehr gut!) Aber die Hauptsache ist, daß seine Beschwerde als zutreffend anerkannt werden mutzte. Als der konservative Abg. Graf Carmer ähnliche Wünsche vortrug, hat Herr Everling geschwiegen; wenn aber er für die Katholiken Gerechtigkeit fordere, dann erhebe man solche unbegründeten Vorwürfe; das ist bezeichnend. Ich will volle Gerechtigkeit und Parität in den Versicherungsanstalten, mehr nicht.
Abg. Mugdan (frs. Vp.) nimmt die katholr- scheu Krankenpflegerinnen in Schutz; er wolle nicht haben, daß der Eindruck entsteht, als seien die katholischen Krankenpflegerinnen hier angegriffen worden. (Lebh. Beifall im Zentrum.)
Nach kurzen Bemerkungen wird der Etat bewilligt.
Montag: Rest des Etats. ___
Deutsches Reich.
* Die Besolduugsvorlagen. Durch die Verschiebung der in allen Einzelheiten festgesetzten Besoldungsvorlagen auf den Herbst ist die Geduld der Beamten auf eine harte Probe gestellt. Trotzdem versucht wird, das Geheimnis möglichst zu wahren, taucht doch bald hier, bald dort eine Nachricht über die Gestaltung der neuen Besoldungssätze für einzelne Beamtenklassen auf. Wenn das so fortgeht, so werden die Vorlagen bis zum Herbst in den interessierten Kreisen und in der Oefsentlichkeit vollständig bekannt fein, ehe sie an die Parlamente gelangen. In einer Be- amtenzeitung, den „Deutschen Nachrichten", wurden kürzlich die Wohnungsgeldzuschußsätze für die mittleren Beamten und die Unterbeamten in den einzelnen Ortsklassen unter dem üblichen Vorbehalt veröffentlicht. Danach wird der Wohnungsgeldzuschnß angeblich betragen:
Für mittlere Beamte: Klasse I 810 M., Kl. II 740 M , Kl. III 680 M., Kl. IV 610 M., Kl. V 540 M., Kl. VI 470 M., Kl. VII 420 M , Kl. VIII 340 M., Kl. IX 270 M.; für Unterbeamte: Kl. I 540 M., Kl. II 500 M., Kl. III 450 M., Kl. IV 410 M., Kl. V 360 M„ Kl. VI 320 M., Kl. VII 270 M., Kl. VIII 230 M., IX 180 M. Die Beamtinnen erhalten einen geringem Wohnungsgeldzuschuß als ihre männlichen Kollegen (in der I. Kl. z. B. 570 Mark). Es werden eingereiht sechs Orte in Klasse I: Berlin, Char- lottenburg, Wilmersdorf, Frankfurt a. M., Friedenau, Schöneberg. In Klasse II zehn Orte: U. A., Düsseldorf, Grünewald, Sieglitz, Wiesbaden. In Klasse III 21 Orte darunter Breslau, Köln, Freiburg i. Br-, Heidelberg, Mainz, Mannheim, München, Stuttgart. In Klasse IV rangieren 32 Orte z. B.: Altona, Danzig, Dresden, Dortmund, Ellen, Hamburg, Leipzig, Kiel, Potsdam, Stettin usw. In Klasse V befinden sich 58 Orte, z. B. Aachen, Augsburg, Baden-Baden, Barmen, Magdeburg, Bochum, Darmuadt usw. In Klasse VI rangieren 175 Orte, z. V. Braunschweig, Hildesheim, Erfurt usw. In Klaffe VII sind 354 Orte z. B.: Amberg, Andernach usw. In Klasse VIII sind 739 Orte und in Klasse IX befinden sich 11,323 Ortschaften.
Haben die Gehaltssätze, soweit sie schon bekannt geworden sind, schon für manche Klassen Enttäuschungen gebracht, so ist Vorauszusehen,
daß die Einreihung der Orte vielleicht ebens« wenig Befriedigung Hervorrufen wird. In wel- die Klassen die uns interessierenden Orte einge- reiht werden sollen, ist leider noch nicht zu erfahren. Es würde sich Wohl empfehlen, den wesentlichen Inhalt der Vorlagen möglichst bald zu veröffentlichen.
* Löbau, 28. März 1908. Bekanntlich hab der Knabe Paul Karkut ein halbes Jahr int hiesigen Gefängnis zubringen muffen, weil er sich weigerte, die Personen namhaft zu m ichen, welche ihm behilflich gewesen waren, zur katholischen Kirche überzutreten. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft zu Thorn wieder gegen den Karkut die Untersuchung eingeleitet. In dieser Hinsicht wird der ,Gaz. Grudziadzkw aus Löbau geschrieben:
Als Karkut ein halbes Jahr lang im Gefängnis faß, ließ man ihn nicht zum Gottesdienst gehen. Rach einer Frist von einem Vierteljahre sandte der Pfarrer eine Beschwerde an den Minister ab. Hierauf traf die Erwiderung ein, daß K. sich zum Gottesdienste nicht gemeldet hätte, daher habe man ihn nicht gehen lasten. Nach einem halben Jahre verließ Karkut das Gefängnis und erklärte dem Pfarrer, daß er sich wohl gemeldet und darum gebeten habe, man möchte ihm gestatten, am Gefängnisgottesdienste teilzunehmen. Der Pfarrer setzte mit K. ein Protokoll aus und sandte dieses wieder an den Minister. Auf diese Beschwerde erwiderte der Gerichtsbeamte, welcher über die Gefangenen die Aufsicht hat, das sei nicht wahr. So wenigstens hat der Oberstaatsanwalt dem Pfarrer berichtet. Die Behauptung des Karkut und diejenige de- Gerichtsbeamten stehen sich also gegenüber. Wenn daS Gericht dem Beamten und nicht dem K. Glauben jchenkt, so wird dieser voraussichtlich wieder in Strafe genommen werden. Er wurde schon von dem Untersuchungsrichter vernommen.
* München, 28. März 1908. Die liberale „Allgemeine Zeitung" in München soll nach bestimmt auftretenden Gerüchten mit dem 1. April ihr Erscheinen einstellen. Bestätigt sich die Nachricht, so ist damit der Beweis geliefert, daß auf dem Münchener Boden auch die Kunst des vielgerühmten ^itungsfabrikanten Scherl nichts ausrichten kann. Das Blatt erleidet sein Schicksal vornehmlich wegen seiner Kulturkampfs- sünden. Seit dem Unfehlbarkeitsdogmakampf hat sie ihr Streben darein gesetzt, schismatische Tendenzen in die katholische Kirche hineinzutragen, und sic verfolgt dies Ziel unausgesetzt mit einer Gehässigkeit ohnegleichen.
Vermischtes.
• Die einzige preußische Stadt, die bisher keine städtische Sparkasse besaß, ist Danzig. Eine solche wird nunmehr dort nach langen Vorarbeiten am 1. April d. I. in ven Hintergebäuden des Rathauses eröffnet werden. Der Zinsfuß ist für sämt- liche Einlagen auf 31/« v. H. festgesetzt.
Reklamen» nnd Anzeigenteil.
Hohenlohe««, afermehl verhütet Erbrechen und Durchfall. Kinder, die
Milch allein nicht vertragen, oder an tilg, lischer Krankheit leiden, gedeihen vorzüglich, sobald der Milch Hohenlohe’schee Hafermehl
Mugesetzt wird.
Im Dunkeln.
Roman von Ernesto Selva.
Nach einer wahren Begebenheit erzählt.
TH] (Nachdruck verboten.)
Das Bureau des Notars blieb verschlossen. Der elegante Fremde, welcher tags vorher daselbst einen Besuch gemacht, um Gaetano zur Veruntreuung des Testaments zu bemegen, klopfte vergebens an die verschlossene Tür, deren Schlüffel Gaetano in seiner Tasche mit fortgenommen hatte.
Erst zur Essensstunde ließ sich Giovanna wieder im Zimmer des Notars sehen, sie brachte gewohnheitsmäßig das dürftige Mittagsmahl und wunderte sich, daß der Herr immer noch schlafe.
Sie rief und schüttelte ihn. Basileo murmelte nur unverständliche Worte vor sich hin, seine Wangen brannten, die Augen blieben geschlossen, er lag in heftigem Fieber.
Zufällig sprach ein Nachbar vor, der dem Notar eine Prozeßsciche übergeben hatte, welche cm (eiben Tage hätte erledigt werden sollen.
Da er das Bureau verschlossen fand, war er ängstlich geworden und hatte Bafilro in dessen Privatwohnung aufgesucht.
Die Wirtschafterin wollte ihm den Eintritt verweigern, aber er schob sie zur Seite und betrat das wüste Gemach. Ein Blick sagte, ihm, daß hier Gefahr im Verzüge fei, er beeilte sich, einm Arzt zu holen, und dieser erklärte, daß der Patient ein hitziges Fieber habe.
Acht Tage lang schwebte Basileo zwischen Tod ftnd Leben, doch er überstand die Krisis und würde sich auch völlig erholt haben, wenn die Verzweiflung über den Verlust des Schatzes nicht an fet- Neni^Leben genagt hätte.
Sein Verstand hatte gelitten, das fühlte er in lichternen Augenblicken selbst, dann kam ihm auch Ium Bewußtsein, daß er außerstande fei, die kmtsgeschäfte weiter zu führen.
Um nun nicht auch die Einnahmen zu verlieren, welche das Notariat ihm brachte, mußte er sich entschließen, einen entfernten Verwandten, der in einer anderen Vorstadt Neapels als Advo- katenschreiber fein Brot verdiente, zu sich kommen zu lassen.
Domenico war ein ziemlich verschmitzter Bursche, der schon oft versucht hatte, dem Herrn Vetter näher zu treten, um einst dessen Erbe zu werden.
Tommaso Basileo ging jedoch von dem Grund- satze aus, daß mau nie Verwandte in Dienst nehmen dürfe, da sie noch unbescheidener in ihren Ansprüchen und fauler zur Arbeit wären als Fremde.
Domenico beeilte sich zu erscheinen und trat auch bald fein neues Amt an in der Hoffnung, die Erbschaft doch noch zu erringen und zwar in nicht allzu ferner Zeit, denn Basileo hatte sich in der Tat in erschreckender Weise verändert. Er war förmlich unkenntlich geworden und wenn er allein in seinem Zimmer war, das er jetzt nur noch fetten verließ, dann konnte er stundenlang vor sich hinstarren, ohne sich zu rühren. Das Auge seines Geistes sah alsdann jedes einzelne Schmuckstück aus dem geraubten Kästchen, mit der Sphinx auf dem Deckel, — das war ein Blitzen und Gefunkel!
Sehnsüchtig, begierig streckte der Geizige seine «T? und dann weinte er wie ein Kind und fluchte dem Räuber seines Schatzes.
Giovanna aber kauerte im Staube des dunklen Ganges und schielte durch eine kleine Ritze der wurmstichigen Tür, ihre Augen funkelten vor Vergnügen, denn ihr Peiniger war unglücklich, er litt, er weinte — ja, Tommaso Basileo weinte — war das nicht. luftig?!
Domenico suchte indessen durch großen Eifer und Fleiß sich die Gunst des geizigen Vetters zu erwerben, auf dessen Erbschaft er spekulierte. Dabei vergaß er sich selbst nicht und war bemüht, durch allerhand Nebenemnahmen feinen kärglichen Lohn zu vermehren.
Eines Morgens saß er hinter seinem Schreib- pulte im Bureau Basileos, als ein elegant gekleideter Herr eintrat und einen forschenden Blick durch das Zimmer gleiten lassend, sich ihm langsam näherte.
Es war der Fremde, welcher Gaetano vergebens zur verabredeten Stunde int botanischen Garten erwartet hatte und dann des öfteren Vorgesprächen war. Endlich fand er das Bureau geöffnet und war nun sehr gespannt, zu Horen, was die Ursache gewesen, daß es so lange verschlossen gewesen war.
Als er jedoch einen fremden Schreiber erblickte, erschrak er heftig, vermeinend, daß alles entdeckt worden, und der junge Mann, der sich Gaetano genannt, wie er sich sehr wohl erinnerte, vielleicht bei dem Diebstahl des Testamentes überrascht und eingesperrt sei. Bestenfalls würde der Notar den ungetreuen Schreiber entlassen haben.
Nur gut, daß kein Name genannt worden, daß man ihn nicht in Verdacht haben konnte.
Während diese Erwägungen blitzschnell durch den Kopf des Fremden schwirrten, näherte er sich Domenico und fragte mit erkünstelter Gleichgültigkeit: '
„Verzeihen Sie die Störung, aber ich möchte gerne wissen, ob der junge Mann, der früher hier war und dessen Posten Sie eingenommen zu haben scheinen, erkrankt ist?"
„Nein, mein Herr", erwiderte höflich Domenico, „dieser mein Vorgänger ist nicht krank, er wurde vom Notar Basileo entlassen."
„So plötzlich — er schien recht tüchtig zu sein; hat er sich vielleicht eine dienstliche Nachlässigkeit zu Schulden kommen lassen?"
„Mehr als das, er hat ein Verbrechen begangen."
< "^"Verbrechen ~ ist's möglich! Was tat der Unglückliche?"
»Es war ein Diebstahl, den er beging."
,,O — wer hätte das gedacht; jedenfalls handelt es sich um eine bedeutende Summe, denn ich
setze voraus, daß es Geld war, waS der junge Mann seinem Prinzipal geraubt."
Die Stimme des Fremden war etwas unsicher^ als er diese Frage tat, dabei blickte er nach bet Tür, denn er fürchtete den Ein trit des Notars, Sein böses Gewissen machte, daß er sich einredete, Gaetano sei bei dem Raube des Testaments überrascht worden; er war deshalb sehr zufrieden, zu vernehmen, daß es sich in Wirklichkeit um den Diebstahl von Geld und Geldeswert gehandelt.
„So hat ihn der Notar wohl verhaften lassen?" fragte gespannt der Fremde.
„Nein, denn der Schreck hat meinen Prinzipal — er ist mein Vetter, lieber Herr — aufs Krankenlager geworfen und das hat der Dieb benützt und ist entflohen. Der Notar aber hat sich noch jetzt nicht von dem Schlage erholt, ich fürchte, daß er es nicht lange mehr machen wird, er ist zuwei- len wie geistesabwesend. Deshalb hat er es auch unterlassen, Anzeige zu erstatten."
„Und führen Sie jetzt die Geschäfte des Herrn Basileo?"
„Ja, mein Herr, auf den ausdrücklichen Wunsch des Notars."
„Hat Ihnen Ihr Prinzipal auch sämtliche Akten übergeben, die sich in seinem Depositum befinden?"
„Allerdings. Die Notariatskainmer hat mich bevollmächtigt, den erkrankten Tommaso Basileo zu ersetzen. Ich bin ermächtigt, alle Akten anzufertigen — wenn Sie wünschen, mein Herr, stehe ich Ihnen mit Vergnügen zu Diensten, denn wahrscheinlich hat Sie irgend ein Geschäft berge-' führt?"
„Allerdings. Ich möchte Sie bitten, mir die Originalakten eines im Jahre 1835 verfaßten Testaments zu zeigen, das dem Oheim des Notars Basileo übergeben und jetzt in dessen Besitz über«
gegangen ist." .
„Wollen Sie nur gefälligst baTestament näher bezeichnen?" ‘ ’ ’
„Hier ist die bezügliche Notiz/
(Fortsetzung folgt.)'