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Jß 73.
Irvei-es ^Latt.
Fulda, Samstag den ‘28. März 1908.
Wocheu-Run-schau.
x Fulda, 28. Marz 1908.
Der Reich 8 tag hat fünf Tage hindurch die janze Welt beichästigt, indem er ne nicht bc- chäftigt hat. Das war die Folge des Journaii- tenftreifS. Tie Neichstagsjournaliftcn mit Aus- nähme derjenigen, die die Parlamentsberichter- ftattung für die Zentrumspreste besorgen, „streik, ten" unter gütiger Mitwirkung der „nationalen" Presse und angcfpornt von Sympathickundgebun- gen aus dem Reiche und aus dem Auslande. Man iühlte sich beleidigt durch eine private Bemerkung es Zentrumsabgeordneten Gröber, die diesem in der Aufregung über das tadelnswerte Benehmen einzelner Herren der Journalistentribüne entfuhr. T-ie Soclie wurde künstlich durch die zum großen Teil jugendlichen Wortführer alldeutscher Richtung zu einer großen Staatsaktion aufgebauscht. Aus der ganzen Art, wie die Angelegenheit gefördert wurde, ging für Sehende mit Deutlichkeit hervor, daß sie im tiefsten Grunde eine Anti - zentrumsaktion war. Ter Zentrumshab führte das Regiment. Wäre die Aeußerung des Abg. Gröber von einem „Blockmanne" erfolgt, dann hätte sich gewiß bedeutend schneller ein Weg zur Einigung gefunden. Abg. Gröber hat am Dienstag seine Aeußerung bedauert und am Donnerstag nahmen die Journalisten die Arbeit wieder auf.
Tas Kais er paar hat feine Reife nach Korfu angetreten, wo der Kaiser ein Schloß aus dem Nachlasse der verstorbenen Kaiserin Elisabeth gekauft hat. Am Mittwoch traf da? Kaiserpaar, begleitet von dem Prinzen August Wilhelm und der Prinzessin Viktoria Luise, in Venedig ein. Zum Empfange waren erschienen König Viktor Emanuel, der Minister des Aeußern Tittoni und die obersten Behörden der Stadt. Die Begrüßung zwischen den beiden Herrschern trug einen überaus herzlichen Charakter. Eine viel tausendköp- fige Menschenmenge brachte während der Landung der „Hohenzollern" und der Gondelfahrt der hohen Gäste nach dem königlichen Palast begeisterte Huldigungen dar. Die italienische Kammer feierte in warm empfundenen Erklärungen die Zusammenkunft der beiden Treibundsmonar- chen. Auch die italienische Presse begrüßt das deutsche Kaiserpaar aufs herzlichste und betont den hohen politischen Charakter der Zusammenkunft, der in der Festigung des Dreibundgedankens und der Bekräftigung der zwischen Italien und Deutschland obwaltenden innigen Beziehungen sich ausdrückt.
Das Abgeordnetenhaus nahm in der vergangenen Woche neben kleineren Gesetzesvorlagen das Quellenschutzgesetz und die Hebammengebührenordnung an und erledigte die erste Beratung des Eisenbahnanleihegesetzes, der sogen. Sekundärbahnvorlage. Im Reichstage stand der Etat des Reichskanzlers und des Auswärtigen Amtes zur Verhandlung. Die streikenden Journalisten mochten gehofft haben, daß ihre Abwesenheit der diesjährigen Besprechung der aus- wärtigen Politik die ihr sonst zukommende außer- oibcnflidie Bedeutung für Inland und Ausland herabmindern werde, wurden aber in dieser Hoffnung gründlich enttäuscht. Am Montag eröffnete de» Reigen der Parteiredner der Zentrumsabg. Frhr. v. Hertling mit einer inhaltlich wie formell glänzenden Rede, die auch jedem zünftigen Diplomaten Ehre gemacht hätte. Man darf sagen, daß es keinem der folgenden Redner so gelungen ist 'wie ihm, die im deutschen Volke zumeist herrschende Auffassung über die Fragen der auswär
tigen Politik und die Stellung Deutschlands im Konzert der Mächte klar und bestimmt zum Ausdruck zu bringen. Sämtliche Redner aus dem Hause ließen erkennen, daß Deutschland wohl ohne Fnrcbt. nicht aber ohne ernste Besorgnis in die Zukunst blicken könne. Mehr in rosiges Licht getaucht war der Aspekt des Welttheaters. den unsere Diplomaten. Reichskanzler Fürst Bulow und Staatssekretär v. Schoen, dem deutschen Volke zeigten. Wirkliche Schwierigkeiten wollten ne nicht zugeben, keines der neuen internationalen Abkommen verlebe Deutschlands Interessen, und auch sonst droben keine Gefahren. Ausfallend war, daß das Derbältnis Rußlands zu Deutschland von ihnen reckt flüchtig, man möchte fast sagen, nur so nebenbei behandelt wurde. Erfreulich war die Festigkeit, mit der Frankreich auf das treue Festhalten an der Algecirasakte aufmerksam gemackt und England gegenüber unsere Flottenpolitik verteidigt wurde.
Das Geschäft des politischen Kuhhandels blüht weiter, das Kalb des Reicksvereinsge- gesetzes steht so gut wie geborgen im Blockstalle, auch wenn von links und von rechts noch heftige Anslasinngen erfolgen. Wer ist nun bei diesem Handel der Reingefallene? Es will uns scheinen, als feien die Freisinnigen gründlich übers Ohr gehauen worden. Die Regierung wußte schon, was eigentlich die Freisinnigen mit Bezug auf den Sprachenparagraphen zugeftehen wollten, ehe sie selbst noch erklärt hcitte, wie weit sie im äußersten Falle nachgeben würde. Liberale Parteien haben sich zwar mit aller Kraft gegen die Behauptung gewehrt, daß es sich um einen Kuhhandel überVereinsgesetz und Börsengesetz handele. ober sie haben doch Zugeständnisse gemacht, die sich mit den liberalen Grundsätzen nicht vereinigen lasten. Die Konzessionen an solche Lan- desteile, in denen die alteingesessenen Bevölke- rungsfeile nichtdeutscher Muttersprache sechzig vom Hundert der Gesamtbevölkerung übersteigen, reicht in keiner Weise aus. Durch das Kompromiß werden nicht blos solche Teile der nichtdeut- scheu Bevölkerung entrechtet, die in Kreisen mit einer deutschen Bevölkerung von mehr als 40 Pro- zent leben, sondern dem Nationalifätenkampfe wird auch ein neuer Giftstachel gegeben. Vollends ist nicht zu versteben, wie die freisinnigen Parteien darin einwilligen konnten, diese Zugeständnisse an die polnische Bevölkerung nur für einen Zeitraum von 20 Jahren zu gewähren. Sie Han- deln in diesem Augenblicke nach dem Grundsätze: Nach »ns die Sintflut. Vielleicht beantragt ein Spottvogel im Reichstage, daß das Zugeständnis sich auf 200 Jabre erstrecken soll. Die Verteilung der Gerechtigkeit nach Prozent ist die neueste Er- nmgensckaft in der Gesetzgebung: man merkt schon, daß die Börse hohen Einfluß auf die Gesetzgebung bat.
Aus unseren afrikanischen Schutzgebieten trafen wieder zwei Hiobsposten ein. In Südwestasrika kam es zu einem schweren Zusammenstoß zwischen dem Rest der Aufständischen unter Simon Copper und dem Erpeditionskorps des Hauptmanns v. Erckert. Tas Resultat des Kam- Pefs war, daß die Aufständischen nach starken Verlusten — es fielen auch zwei Großleute, darunter ein Bruder Simon Coppers — in wilder Flucht in die Kahariwüste zerstreut wurden. Leider waren auch auf deutscher Seite schwere Verluste zu beklagen: 12 Tote und zahlreiche Verwundete blieben aus dem Kampfplatz, unter den ersteren auch der Führer des Expeditionskorps, Hauptmann v. Erckert. — Auch in Kamerun kam es zu blutigen Kämpfen mit Eingeborenen. Um die Strbeiten der Grenzkommission an der deutsch-englischen Westküste Kameruns zu sichern, wurde,eine deutsche Erpedition ausgesandt, die die kriegerischen Stämme an der Westgrenze zur Anerkennung der deutschen Macht zwingen soll. Nach
siegreichem Gefecht fiel hier Hauptmann Glau- '""tzn Oesterreich wurde ein Arbeitsministe- rium errichtet, zu dessen Leiter der Christlich- Soziale Tr. Geb mann ernannt wurde. Das neue Ministerium umfaßt neben Bauangelegenheiten und Bergwesen besonders die Förderung des Gewerbes, der Gütervcrwertung und des Fremdenverkehrs. Tie Schaffung des Arbeits- Ministeriums war den Christlich-Sozialen bei ihrem Eintritt in das Minsterium Beck zugesagt worden, jedoch bedurfte es noch mehrmaliger drinaender Vorstellungen, um die Regierung zur Erfüllung ihres Verspreckxms geneigt zu machen. Die Erregung unter der christlich-sozialen Partei wird nach der enblieben Erfüllung ihrer berechtigten Forberung zweifellos etwas Nachlassen, andererseits droht aber ein schwerer Konflikt mit dem Unterrichtsministerium. Das Vorgehen des Professors Wahrmnnd, Lehrer des katholischen Kirck^enrechts an der Universität Innsbruck, der in Wort und Schrift unerhörte Beschimpfungen gege n die katholische Kirche auszuspreäxm wagte, hat in der katholischen Vevölkeriing begreiflicher- weise großen Unwillen erregt, der in äußerst stark besuchten Protestversammlungen sprechenden Ausdruck sand. Ter Wiener Nuntius stellte an den Minister des Aeußeren die Forderung, daß Wahr- mund von seinem Lehrstuhl abberufen werde. Auf die Dauer wird die Negierung dem Drängen der Katholiken sich nickt entziehen können, und es erfebeint nicht ausgeschlossen, daß es zu einem Konflikt der Christlich-Sozialen mit der Regie- runfl kommen wird, wenn diese weiter fick auf die Seite des Professors Wahrmund stellt. Ministerpräsident Beck wird unter allen Umständen sich entscheiden müssen, ob er lieber auf die Mitarbeit des freisinnigen Unterricktsminister Marckef oder der christlich-sozialen Mitglieder des Kabinetts verzichten will. Letzteres wäre gleichbedeutend mit einer Kabinettskrisis
DieMarokkoasfäre stand in dieser Woche im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses, aller- dings nicht so sehr durch die Vorgänge auf dem Kriegsschauplätze selbst als vielmehr durch die ausführliche Besprechung der Marokkopolitik im deutschen Reichstag. An tatsächlichen Feststellun- gen interessieren die Mitetilimgen, daß die Preß- meldungen von der Absicht Frankreichs, die Alge« cirasakte zu kündigen, unbegründet seien, ebenso wie auch die Nachrichten, daß Frankreich, nach Casablanca noch zwei weitere Häfen, ©afft und Azcmmur, besetzen wolle. Die Vertreter der deut- schen Diplomatie versicherten, daß fein, Fall kon- skaliert werden könne, in dem Frankreich die Al- gecirasakle verletzt habe. Es ist nicht zu erwarten, daß dadurch die in weiten Kreisen des deutschen Volkes bestehende gegenteilige Auffassung könnte erschüttert werden. Der Gesamteindruck, den das Vorgehen der Franzosen in Marokko erweckt, ist unzweifelhaft der, daß es ihnen darum zu tun ist, kriegerische Verwickelungen mit den Marokkanern zu suchen und herbeizufiihren, um auf diesem nicht mehr neuen Wege allmählich ganz Marokko zu unterjochen. Zu diesem System gehört es auch, wenn Frankreich den tatsächlichen Herrscher in Marokko ignoriert unb burch obiektiv falsche Nachrichten bieStellung besGegensultans Mulay Hafid als unhaltbar hinzustellen sucht. Tatsächlich liegen bie Verhältnisse so, baß SIbbul Asis seinen letzten Anhang verliert. Wenn französische Blätter melbeten, baß bie betben ersten Minister Mulay .Hafibs bie Partei des alten Sultans ergriffen hätten, so hat sich auch biete Nachricht als unrichtig herausgestellt. General b. Amade ist weiter mit Erfolg bemüht, bie Erbitterung unter den Marokkanern weiter zu steigern. Auf einem Streifzuge wurde ein marokkanisches Dorf vollständig mit Schrapnells zusammengeschossen, 1500 Personen, darunter Frauen und Kinder, fanden
Unpolitische Zeitläufe.
(s) Berlin, 26. März 1908.
(Nachdruck verboten.)
Als der Mann nach Hause kommt, erzählt ihm die Frau, daß die Hausgehilfin Minna heute den Dienst gekündigt hat. — „Warum denn?" — „Ja, sie sagt, Du hättest sie heute vormittag beim Telephonieren so grob angeschnauzt." — „Heute vormittag? Aber ich glaubte doch. Du wärest am Telephon, liebes Frauchen."
So lese ich heute unter den vermischten Nachrichten. Wenn die Geschichte nicht wahr fein foHtc, so ist sie doch gut erfunden. Es gibt Leute, die ihre Dienstboten rücksichtsvoller behandeln, als ihre angetrauten Lebensgefährten. Und erst recht gibt es Dienstboten, die sich kein unangenehmes Wort gefallen lassen, sondern sofort zur Kün- digung ober sogar zur plötzlichen Arbeitseinstel- lung schreiten. Streiken ist heutzutage Ehren- fache.
Muß man denn jedes scharfe Wort, das in der Erregung ausgesprochen wirb, auf bie Gold- tvage legen unb mit einer Kriegserklärung beantworten? Damit kommen wir auf den Zwischen- fall der letzten Tage, den treffe ft reif im Reichstag.
Die Herren auf der Journalistentribüne haben die fdjroere Aufgabe, den Zeitungslesern zu berichten, was im Parlament gesagt und getan wird. Sie sind eigentlich nichts anderes als Gäste des Reichstags, ebenso wie die anderen Tribünenbesucher, nur mit dem Unterschied, daß für die Presse bestimmte Plätze zum Zuhören und zum Arbeiten dauernd reserviert sind. Sonst aber stehen Reickistag und Preßvertreter in keinem Rechtsverhältnis. Die Preßvertreter können kommen und gehen, wenn sie wollen, können schreiben oder nicht schreiben, was sie wollen ober wie sie tocUen. Sie unterstehen nur der häuslichen Po
lizeigewalt des Präsidenten, ebenso wie alle anderen Tribünengäste. Verwehst ist ihnen allen jede Einmischung in bie Verhandlungen des Hauses und überhaupt jedes störende Benehmen.
Die Wurzel des Skandals waren nun ungehörige Einmischungsversuche. An und für sich ist es ja kein todeswürdiges Verbrechen, wenn ein strapazierter Berichterstatter mal einen Seufzer gehen läßt angesichts einer beginnenden Dauerrebe zu spater Stunde, ober ein Bravo murmelt zu bem Antrag auf Schluß bet Debatte. Aber schlimmer wirb bie Sacke, wenn bie Tribüne, wo Berichterstatter ber verschiedensten Blätter zusammen arbeiten sollen, von rücksichtslosen Eiferern zu Parteikämpfen und feindseligen Demonstrationen benutzt wird. Diese schlechte Manier hat sich neuerdings eingebürgert, namentlich seit bem 13. Dezember 1906. Manche kulturkämpferischen Federhelben glauben jetzt, bas Zentrum sei ein toter Löwe, bem Eselsfußtritte gehörten. An mehrfachen früheren Unterbrechungen von Zentrumsrebnern schloß sich am kritischen Donnerstag, den 19. März, das rohe Gelächter über einen christlichen Glaubenssatz, den der Abgeordnete Erzberger zugunsten ber Eingeborenen unserer Kolonien erwähnte. Daß auch bie Neger eine unsterbliche Seele haben, ist eine so selbstverständliche Wahrheit, daß es eigentlich gar nicht nötig sein sollte, sie noch besonders zu betonen. Wer darüber sich wundert ober gar lacht, ber hat offenbar gar fein Verständnis für die christliche Lehre im Ganzen, und für die rastlofe Tätigkeit der Missionen beider Bekenntnisse im Besonderen. Das Hohngelächter über den Hinweis auf bie Seele der Farbigen war eine Schande für das Parlament eines christlichen Staatswesens. Es muß dafür gesorgt werden, daß das Christentum vor solchen Kränkungen geschützt wird, und wenn die unchristlichen Abgeordneten sich unter bie parlamentarische Rebefreiheit flüchten können, so muß doch wenigstens den Tribünengästen jede Verhöhnung der christlichen Heiligtümer entschieden verwehrt werben.
Leiber ist die Aufmerksamkeit von biefem Kernpunkt der Sache abgelenkt worben durch die nachfolgenden Zwischenfälle. Als das Zentrum bei dem rohen Gelächter nach links sah, wies der bekannte freisinnige Kulturpauker Müller-Meiningen auf die Journalistentribüne als die Quelle ber Störung hin. Daraufhin entfuhr bem mit Recht entrüsteten Abg. Gröber bie Bemerkung: Tas seien bieselben Saubengels, bie ihn neulich unterbrochen hätten. Diese schwäbische Derbheit war nicht für den stenographischen Bericht bestimmt, fonbern ein privater Gefühlsausbruck, ben nur bie nächsten Nachbarn hören konnten. Tie Herren von der Presie erfuhren erst burch bie Ohrenbläserei besselben Abg. Müller-Meiningen davon. Nur war es ganz klar und zweifelsohne, daß ber Abg. Gröber nur b i ej e n i g e n Personen gemeint hatte, bie sich ber Unterbrechung schulbig gemacht. Die Mehrzahl der Journalisten aber tat so, als ob bie Preßvertreter int ganzen als „Saubengels" bezeichnet worden wären. Und um die vermeintlich gekränkte „Berufsehre" zu wahren, traten sie alsbald in ben Streif ein. Also sofort Kriegszustand, Kraftprobe. Fast eine Woche lang würbe in ben meisten Blättern der Reichstag boykottiert, als „Suft" behandelt.
Inzwischen ist bekanntlich die Sache beigelegt. Den Zugang zum Frieden eröffnete am vorigen Dienstag ber Abg. Gröber durch eine Erklä- rung, welche einerseits bie Verfehlungen einzelner Journalisten feststellte, aber andererseits für den unparlamentarischen Ausbruck, ben er in feiner berechtigten Erregung gebraucht hatte, um Entschuldigung bat Eine Erklärung dieser Art hatte der Abg. Dr. Gröber von vornherein angeboten; aber bie kampflustige Mehrheit ber Journalisten hatte sie bisher nicht als ausreichend erachten wollen. Wegen dieser Hartnäckigkeit einigten sich die Parteiführer im Parlament dahin, daß der Reichstag ohne weiteren Verhandlungen für fid) allein die Sache ordne und den Ausständigen überlaste, was sie weiter tun ober lassen wollten. Nun mußten die Streikenden sich
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dabei ihren Tob. Als eine Folge dieser Ausschreitungen von französischer Seite hat man es wohl auch anzusehen, daß in Fez neuerdings wieder ber heilige Krieg gegen die Ausländer erklärt wurde.
Die Wirren auf Haiti sind bei gelegt worden. Daß der Zwischensall so bald erledigt wurde, ist zumeist auf bie energische Haltung der europai- sck>en Mächte, die alsbald nack bem Ausbruch der Unruhen Kriegsschiffe nach Port au Prince entsandt hatten, zuruckzuführen. .
Daß in China bie Volksstimmung dem be- nachbarten Japan gegenüber nicht allzu freundlich sei war schon langer bekannt. Anläßlich des „Tatsu-Maru"-Zwischenfalls. der, bekanntlich da- mit endete, daß China ben japanischen Forderungen nachaab. fand in Kanton eine von mehr als 50 000 Personen besuchte Protestversammlung statt, in ber der Boykott über bie aus Japan stammenden Waren erklärt und der chinesischen Regierung gegenüber ein Mißbiüigungsvotum beschlossen wurde. ______________ _
/. tto!onialanreihen.
Ter Bundesrat hat auf Vorschlag des Staats-' sekretärs Dernburg einen Entwurf borg- Icgt, ber alle Bedürfnisse, die im Kolonialtat als außer- crdentlickx: gekeimzeicknet worden sind, tm Wege ber Anleihe decken will, und zwar >cr Kolo- iiialanleihe, bie in 56 Jahren getilgt werben soll, unb für welche alle an ber Anleihe beteiligten Schutzgebiete als Gesaintfckulbner hasten, und für welcke das Reick die Bürgschaft übernehmen,soll.
Gegen dieses Erperiment des Kolonialstaatssekretärs muß mit aller Entschiedenheit Front gemacht werden, weil es uns in eine ganz heillose und endlose Schuldenwirtschaft hinein führen müßte. .
Es ist ein hockst einfaches Mittel, alle jme Ausgaben, für wclcke keine Deckung vorhanden ist, auf die Anleihe zu verweisen, b. h. das Schulben« machen zu verewigen. Bisher hatte ber Kolomal« ctat nur fortbauernbe und einmalige Ausgaben; von ben letzteren sinb fast alle im orbentlichen Etat gedeckt worden, jetzt soll es anders werden. Wie Heeres- und Marineetat ihren Schulben- eiot besitzen, sollen ihn auch ber Kolonialetat erhalten. Das ist für bie neue Acra leicht verständlich: alle „nationalen" Güter erkennt man an der Schuldenwirtschast. Der Entwurf bringt sogar einen Zwang zum Schuldenmachen unb enthält eine Bindung des Etatsrechts des Reichstags, wie sie bisher so stark noch nie gefordert worden ist. Selbst wenn in einem Etatsjahr ber Haushalt mit einem erheblichen Ueberschuß ab schlösse, so müßte bas Reich boch Schulben macken, wenn es sich z. B. um weitere Raten für außer- orbcntliche Bebürfnisse hanbelt. Ter Reichstag soll sich für alle Zeiten binben und nicht mehr frei sein in der Aufstellung des Etats; mau will eben ben unbequemen Frager nach ber Deckung loS sein und verweist bann künftig auf das Gesetz. Eine höchst einfache „Reform" ber Reichsfinanzen.
Da aber bas Reich selbst schon so viele Sdjul- den hat, unb man sich boch geniert, hier immer weitere zu machen, so kommt ber Entwurf zu bem Auswege, daß er Kolonialanleihen vorschlägt. Bisher haben wir solche nicht gehabt; unsere Kolonien sind noch schulbenfrei; das kann ein echter „Nationaler" nicht bulbcn. Es geht ja auch viel schneller, wenn man mit bem Schulbenmachen von vorn anfängt. Aber bie Erfinber biefe-3 schlauen Planes haben sich auch gesagt, daß fein großer Wettlauf nach diesen Kolonialanleihen ftattfindeN wird. Wie Hilst man nach? Sehr einfach; das Reich soll für Kapital, Zins und Tilgung di« Bürgschaft übernehmen. Damit sind dann dies« Kolonialanleihen zu Reichsanleihen auf Umwegen geworden. Weshalb will man nicht ben offenen und geraden Weg gehen? Weil bie Kolonial«
doch mit ber Erklärung Gröbers begnügen, obschon barin nur eine Entschulbigung gegenüber ben Reichstagskollegen ausgesprochen war, nicht eine Entschulbigung gegenüber ber Presse. (AuS diesem einfachen Grunde, weil die Presse als solch« überhaupt nicht angegriffen worden toar.) Wenn bie Ausstänbigen von „Sieg" reden, so sind bas Gambettasche Triumphbepeschen. Bezeichnend ist bie Tatsache, daß in ben stenographischen Berichten des Reichstags fein Wort steht über ben angeblich weltbewegenden Ausstand. Der Reichs- tag hat den Standpunkt festgehalten, daß es ihn nichts angehe, ob bie Besucher ber Tribüne schreiben ober nicht schreiben. . .
Ich habe auch schon auf ber Journalistentrt- büne gearbeitet als junger Preßgeselle. Wenn ich jetzt noch beteiligt gewesen wäre, hätte ich den Kollegen von ber Feber gesagt: Nur feine lieber« stürzung! Ehe man sich in ben Krieg stürzt, soll man alle Mittel ber fricblichen Derhanblung, der nüchternen Ucberlegung und ber freunbfchaft- liehen Vermittelung versuchen. Aber wenn man gleich bie Sache auf bie Kraftprobe zuspiht, so haben wir Gereiztheit und Erbitterung auf beiden Seiten, und ber Ausgleich wird dann verzögert und erschwert, unter Umständen unmöglich gemacht. Also wartet mal mit ber Kriegserklärung, wenigstens bis morgen, nachbem beibe Teil« bie Sache beschlafen haben!
Der Zorn ist ein schlechter Berater; um so schlechter, je frischer er ist. „Das kann ich mir nicht gefallen lassen", schreit ber Gekränkte in der ersten Erregung seiner Nerven und seines PulS- schlages. Ach du lieber Himmel, im irdischen Jammertal muß man sich manches Unangenehm« gefallen lasten. Bei längerer Erwägung findet man häufig, daß die vermeintliche Kränkung doch nicht ganz so schlimm ist, als wie sie im erstens Augenblick aussah. Unb wenigstens hat die ruhige Ucberlegung ben großen Vorteil, daß man sich über bie rechten Mittel zur Abwehr klar wird. Man stürzt sich dann nicht in eine große Aktion, die mit Kanonen gegen einen Spatzen losgehH