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3S. Jahrgang

Fulda, Samstag den 28. März 1908.

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motutfsbdiaee: „gulbaet Geschichtrdlättek" s^«

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und peinlichster Sorgfalt des Beobachters, um überhaupt ein wahrnehmbares Ergebnis zu er­zielen. Sämtliche Erfordernisse finden sich in den Arbeiten Professor Vogels vereinigt. Er er­hielt sechs Photographien des Algolspektrums, deren sorgfältigste Untersuchung unwiderleglich zeigte, daß, wenn der Stern an Licht abnimmt, die Linien gegen Rot verschoben sind, daß dagegen während der 4^stündigen Lichtzunahme dieselben Linien gegen das blaue Ende des Spektrums verrückt erscheinen. Sonach ist bewiesen, datz vor dem kleinsten Licht Algol sich von der Erde ent­fernt, nach demselben aber sich wieder der Erde nähert, folglich um einen Punkt in seiner Nähe eine geschlossene Bahn beschreibt. Dies aber kann nur eintreten, wenn ein zweiter großer Weltkör­per ftch ebenfalls in seiner Nähe befindet, und der Punkt, um welchen beide kreisen, ist ihr gemein­schaftlicher Schwerpunkt.

Aber noch weiter drang der Scharfsinn der Ge­lehrten in das Geheimnis dieser merkwürdigen Gestirne ein. Unter Zuhilfenahme der bekann- ten Veränderungen in der Lichtstärke des Algol war es möglich, die Größe dieses Sternes und seines Begleiters, sowie den Durchmesser ihrer kreisförmigen Bahn in Kilometern zu be­rechnen. Professor Vogel gibt hierfür folgende Zahlen:

Durchmesser des Algol 1728 000 Klm., Durch­messer des umkreisenden Planeten 1353 000 Klm., Abstand der Mittelpunkte beider 5 263 (WO Klm., Geschwindigkeit des Algol in seiner Bahn 43 Klm. in der Sekunde, Geschwindigkeit des Begleiters 90 Klm. Masse (Gewicht) des Algol */, der Son­nenmasse, Masse des Begleiters */, der Sonnen­masse, Ortsveränderuna des ganzen Systems ge- S die Erde hin 2300 Meter in der Sekunde.

sind die wahrhaft erstaunlichen Berechnun­gen, welche die Spektralphotographie in den Hän­den eines geschickten Forschers geliefert hat, sie sind um so überraschender, als es niemals gelin­gen wird, den bunfien Begleiter des Algol im Fernrohre zu sehen. Und dieser Stern selbst, dessen

Größe, Gewicht und Dichtigkeit nunmehr bekannt sind, erscheint auch in den vollkommensten Tele­skopen nur als ein kleiner Puntt ohne wahrnehm­baren Durchmesierl

Ebenso interessant sind die Entdeckungen, di» auf der schon genannten Harvard-Sternwarte ge­macht worden sind. Dort werden die Spektra der Fixsterne mittelst großer und sehr vollkommene® Instrumente photographisch ausgenommen und an diesen Photographien die dunklen Linien stu­diert. Unter den Sternen, welche auf diese Weis, in Cambridge wiederholl geprüft wurden, befin­det sich auch der allbekannte Stern Mizar im großen Bären. Es ist derselbe, welcher über sich noch ein kleines Sternchen, A l k o r, das Reiter­chen hat, welches man bei scharfem Gesichte noch erkennen kann. Nimmt man ein Fernrohr mit etwa 50facher Vergrößerung zur Hand, so sieht man zunächst, daß zwischen Alkor und Mizar wie­derum ein Doppelstern ist, bestehend aus einem grünlich-weißen Sterne 2. Größe und einem sehr nahe dabei stehenden Begleiter 4. Größe. Dies« letztere ist ein Trabant des ersteren, allein seit 1755 hat er seine Stellung noch so wenig geän­dert, daß die Umlaufszeit gewiß Jahrtausend« beträgt. Das find die Tatsachen der unmittel­baren Beobachtung. Die Untersuchung der auf der Harvard-Sternwarte erhaltenen Photographiee« hat nun gezeigt, daß eine der dunklen Linien im Spektrum des Migar zu gewissen Zeiten verdop­pelt erscheint, während ste sonst einfach und scharf ist, ferner, daß kurz vor und nach der Verdoppe­lung die Linie an den Rändern verwaschen wird. Endlich ergab sich noch, daß die Verdoppelung nach je 52 Tagen regelmäßig wiederkehrt.

Die ernzige befriedigende Erklärung dieser Tatsachen, sagt Professor Pickering, liegt in der Annahme, daß der Hauptkern des Migar selbst em überaus enger Doppel st ern ist, eine zweifach, Sonne, von der beide Teile fast gleich hell sind und so nahe beieinander stehen, daß kein Fernr sie für unser Auge trennen und einzeln ze' kann. Da die Veränderungen sich in eine

Saitottlidje Sterne nnb unfiifjlbate Himmelskörper.

Von I. B.

(Nachdruck verboen.)

Der Fixsternhimmel galt von Alters her als unveränderlich; außer der allen Gestirnen gemein­samen täglichen Bewegung um die Weltaxe zeigte er in der Ordnung der ungeheuren Sternenmenge weder de» Alten noch den Beobachtern des Mft- telalters die geringste Aenderung. Zwar lagen Berichte vor über das Aufflammen einzelner neuer Sterne an der Himmelsdecke, allein diese Ausnahmen schienen nur die Regel von der ewigen Ruhe des Sternengewölbes zu bestätigen. Leuch- tete doch der große Bär, nach dem schon vor 3000 Jahren der Athener Odysseus seine Fahrt von Ogygia richtete, und der kleine Bär, der den Phöniziern die Bahn im Okeanos gezeigt hatte, nach Jahrtausenden noch unverändert den Epi­gonen, die auszogen, neue Erdräume zu entdecken.

Erst im Jahre 1597 vermißte David Fabri- cius einen Stern dritter Größe am Halse des Walfisches, den er im vorhergehenden Jahre dort gesehen und beobachtet hatte. Sieben Jahre spä- ter war der Stern wieder an seinem alten Orte, und einige Jahrzehnte darauf konnte festgestellt werden, daß dieses merwürdige Gestirn innerhalb einer Zeitperiode von etwa 333 Tagen sein Licht von großer Helligkeit bis zum völligen Verschwin­den wechselt. Damit war der Begriff eines ver­änderlichen Sterns in die Himmelskunde eingeführt, und im Laufe der Jahre zeigte sich, daß am Himmel eine ziemlich große Anzahl solcher veränderlichen Sterne vorhanden ist. Auf eine besondere Klasse dieser Veränderlichen stieß man gleich anfangs, als 1667 Montanari den Licht» wechsel des Stern Algol im Bilde des PerseuS entdeckte. Es fand sich nämlich bei genauer Un- tersuchung, daß dieser Stern 2|£ Tage hindurch in ungestörtem Glanze leuchtet, dann 4% Stun­

den hindurch an Helligkeit abnimmt und hierauf in der gleichen Zeitdauer wieder an Licht ge­winnt. Nach ferneren 2yz Tagen beginnt dieser Helligkeitswechsel von neuem und geht stets mit der größten Regelmäßigkeit vor sich.

Zur Erklärung dieser merkwürdigen Erschein- ung hat man schon gegen Ende des 18. Jahrhun­derts die Annahme gemacht, daß sich um Algol ein anderer, großer aber dunkler Wellkörper bewege, ein Planet, der jenen Stern regelmäßig für den Anblick von der Erde aus verdecke, sodaß wir also nach Ablauf von je 2T/8 Tagen eine wirkliche Algolverfinsterung sehen. Diese Ver- mutung, die an und für sich eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit hat, ist vor etwa 25 Jahren von dem Professor Pickering, dem Leiter der Harvard- Sternwarte zu Cambridge in Nordamerika, ge­nauer geprüft worden. Derselbe kam zu hem Er­gebnisse, daß, wenn jene Vermutung richtig ist, dann der Weltkörper, welcher den Algol umkreist, diesem außerordentlich nahestehen müsse, und daß beide Sterne sich mit großer Geschwindigkeit um ihren gemeinsamen Schtverpunft bewegen. So weit war die Untersuchung gediehen, als Profes­sor Vogel auf dem asfto-physikalischen Obser­vatorium in Potsdam das Spektrum des Algol photographisch aufnahm. Jenes Spektrum wird von feinen dunklen Querlinien durchzogen, und die genaue Bestimmung der Lage dieser Linien ist eS, welche das Gehermnis des Algol enthüllt hat.

Aus der Physik ist bekannt, daß, wenn eine Lichtquelle, deren Spektrum von dunklen (oder Hellen) Linien durchzogen ist, sich dem Beobach­ter nähert, alsdann diese Linien gegen das blaue Ende des Spektrum verschoben sind, im Vergleich zu der Lage, welche sie bei ruhender Lichtquelle zeigen. Entfernt sich dagegen die Lichtquelle vom Beobachter, so zeigen die Linien eine Verschiebung gegen das rote Ende des Spektrums hin. Die Größe der Verschiebung ist selbst bei beträchtlichen Geschwindigkeiten der Lichtquelle sehr gering, und es bedarf in jedem Falle vorzüglicher Instrumente

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 37. März 1908.

Das Abgeordnetenhaus erledigte dm Antrag Jderhoff auf Einführung der Pfltchtfortbil- dungsschulen in der Provinz Hannover in dritter Lesung.

Abg. v. Savigny (Z.) sprach dabei die Hoffnung auS, daß der Minister den gleichartigen Wünschen der Provinz Westfalen, rote sie im Provinzial- landtage zum Ausdruck gebracht seien, seine Unter­stützung angedeihen laste.

Hierauf setzte das Haus die Beratungen über daS Eisenbahnanleihegesetz bei der Be- prechung über neue Eisenbahnlinien und Bauaus- ührungen, die in der Vorlage nicht emhatten sind, ort. Ü. a. wünscht

Abg. Dr. Heydweiller (nl.) beffete Verbindungen zwischen den Städten Frankturt »Gießen,

Deutsches Reich.

= Reichskanzler Fürst Bülow wird hl nächster Zeit eine Reise nach Wien machen, um den dortigen Minister der auSwärttgm Ange- legenheftm Baron Aehrenthal zu besuchen. Gr soll bei der Gelegenheit auch eine Rücksprach« mit dem Kaiser nehmen.

Der Block erlitt gestern im Reichstag wieder ein Ungemach. Am Donnerstag war die Abstimmung über die Polenresolution zum Etat deS auswärtigen Amtes, die von bet Regierung eine Untersuchung der Verhältnifs« der polnischen Bevölkerung verlangte, zu- rückgestellt worden, da ste namentlich (ein muW Gestern wohnte Bülow selbst der Abstimmung bei, aber die süddeutschen Demokraten ließ« Block Block sein und gingen neben Zentrum und Sozialdemokratie mit den Polen; der Block blieb damit in der Minderheit, sodaß Bülow eine un­angenehme Stunde durchmachen mußte.

1. Armer Freisinn! Der Freisinn muß in der Tat ein großes Maß von Empfindungslosig­keit besitzen, wenn er sich nicht bewußt wird, daß ihm fein neulicher Umfall in der Vereinsqesetz- kommlffion bisher außer der amtlichen Belobi­gung in dem letzten Wochenüberblick von bee ,Rordd. Allg. Zig." des sichtbaren Lohnes recht wenig gebracht hat. Im Gegenteil, anstatt der gewiß gehofften Dankesbezeugungen durch den Fürsten Bülow hat dieser in seiner Rede über daS Reichstagswahlrecht am Donnerstag die bürgerliche Linke mit einem Sprühregen von Hohn überschüttet, dessen ernüchternde Wirkung die Freisinnigen nur mit Mühe verbergen können. Füst Bülow ging dabei immer noch ziemlich zart mit den Freisinnigen um. Entschied« massiver wird die,Kreuzztg/. In ihrer gestrig« Abendausgabe schreibt sie u. a.:

„ES ist besonders auffallend, wie schnell sich bet Freisinn an daS Ausblicken zur Regierung und an da« Beobachten ihrer Augenbrauen gewöhnt hat, wie schwer er schon daran trägt, wenn ihm eine Forderung in der nüchternen unversöhnlichen Amtssprache abgeschlagen wird und wie er aufatmet, wenn ihm dann das bittere Nein mit einigen freundlichen Worten versüßt wird. Die Nationalliberalen beherrschten ihre Mienen schon bester, aber verbergen können sie eS auch nicht, daß sie mehr auf die Förderung durch die Regierung als auf die eigene Kraft sich verlassen."

von Jahr zu Jahr: würden wir ihnen nun tbre EinnÄmen beschränken, so würde das zur Folge Haden, datz sie rhven wichtigsten Aufgaben nicht mehr gerecht werden können, und daß also das Reich für sie einspringen müßte. (Sehr richtig im Zentrum.) Die Vorwürfe, welche wiederhoü ge­gen die Finanzreform vom Jahre 1906 erhoben sind, find ganz und gar ungerechtfertigt. Einer­seits ist zu bedenken, daß die erwarteten Mehr- einnahmen nicht schon in so kurzer Zeit eintreten konnten, andererseits aber ist zu bedenken, datz für das Reich große Mehrausgaben erwachsen sind, mit welchen im Jahre 1906 noch nicht gerechnet werden konnte. Bei der Finanzreform muß mit dem System der ungedeckten Matriku- larbeiträge unbedingt gebrochen werden. (Sehr richtig im Zentrum.) ES wäre das richtigste, wenn das Retch für sich selbst sor- gen könnte; jedenfalls aber müssen dre Lasten deS Reiches so gestaltet werden, daß ste in gerech­ter Weise auf dte Steuerftarken und Steuerschwa­chen versteift werden. Möge eS dem Reichsschatz» sekretär gelingen, eine gedeihliche Lösung zu fin­den. Wir werden feine Vorschläge abwarten imd unsere Haltung davon abhängig machen, ob seine Vorschläge den dargelegten Gesichtspunkten genü­gen. (Lebhafter Beifall im Zentrum.)

Abg. Graf Kanitz (k.): Ich kann mich mit den meisten Puntten des Herrn Vorredners einver­standen erklären; auch wir sind gegen direkte Steuern. Ich glaube, daß wir die Beratung des Etats nicht vorübergehen lassen dürfen ohne die Zustände auf unserem Kohlenmarkt hinzuweifen und die Frage aufzuwerfen, ob sich nicht in neuester Zeit die Zustände in der Kohlen­industrie so entwickelt haben, daß ein soforti­ges Eingreifen des Staates gegen das Kohlensyndikat notwendig ist. Wäh­rend in allen anderen Staaten die Kohlenpreise herunter gesetzt sind, hält das rheinische Kohlen- syndikat seine Preise nach wie vor aufrecht. Nach dem Ausland liefert es zu billigeren Preisen, im Inland dagegen zu teueren Preisen. Es schränft die Produktton ein, um die Preise künstlich hoch­zuhalten. Wir haben es hier geradezu mit einer Landeskalamität zu tun und es drängt sich mir die Frage auf, ob sich das Syndikat nicht schon zu einem Staat im Staate ausgewachsen hat.

Abg. Dr. David (Soz.): Wir stimmen den Ausführungen des Abg. Speck über die FinanK- kalamität des Reiches voll und ganz bei. Dte Schuld an der Finanzkalamität trifft einzig und allein die Regierung. (Sehr richtig bei den So­zialdemokraten.) Gegenüber dem Lobes-Hymuus, den geftern der Reichskanzler dem preußischen Staate für seine geschichtlichem Vevdiemste um die Einheit und Machtstellung Deutschlands gelun­gen hatte, sprach der Redner das große Wort ge­lassen aus: ohne Preußen wäre Deutschland schon hundert Jahre früher ein Einheitsstaat und vor allen Dingen ein Freiheitsstaat geworden. Wenn der Herr Reichskanzler ein Wahlrecht kennen ler­nen will, das noch weniger als das Reichstags­wahlrecht auf Intelligenz, Bildung und Erfahr­ung Riicksicht nimmt, so will ich's ihm nennen, es ist das preußische Dreiklassenwahlrecht! (Sehr gut und lebhafter Beifall bei den Sozialdemo­kraten.) Die geheime Wahl stt in vielen Fällen geradezu illusorisch; die Stimmabgabe wird be­sonders auf dem Lande in einer Weife kontrolliert, daß sich ganz genau feststellen läßt, wie der ein­zelne Wähler gestimmt hat. (Lachen und Wider­spruch rechts.) Ein besserer Schutz des Wahlge- heimnisses stt also dringend erforderlich. Die Forderung nach dem Reichstagswahlrecht ist keine Forderung der Sozialdemokratie, sondern eine Forderung von 80 bis 90 Prozent der preußischen Bevölkerung. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Der Reichskanzler hat gestern sehr geistreich von der Führerschaft Moses und Arons durch das rote

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 27. März 1908.

Die Abstimmung über die Resolution Brandys (Pole) betr. Einsetzung einer Kommission zur U n­tersuchung der politischen Verhält­nisse der polnischen Bevölkerung er­gibt die Annahme derselben mit 158 gegen 148 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen.

Es beginnt die dritte Lesung des Etat in Verbindung mit der dritten Beratung des tzlottengesetzes.

Abg. Speck (Ztr.) gibt ein finanztechnisches Exposö über die in zweiter Lesung am Etat, vor­genommenen Aenderungen und ihre finanziellen Konsequenzen. Das Resultat ist, daß sich für 1908 «in Gesamtfehlbetrag von 439 Mrll. herausstellt, von denen 286 Mill, durch Anleihen gedeckt werden sollen, während der Rest auf die fchwebende Schuld übernommen wird. Diese Zah­len sprechen so für sich; sie beweisen, daß es in der Weise, wie jetzt im Reich gewirstchaftet wird, auf die Dauer nicht weiter gehen kann. (Sehr richtig und lebhafte Zustimmung im Zen- trum.) Wenn kürzlich im Weimarischen Landtage die Finanzwirtschaft des Reichs als die eines Bankerotteurs bezeichnet ist, so ist diese Bezeichnung in der Tat nicht ganz unzutreffend. Die Vertreter von Bayern und Baden haben in der Budgetkommission erklärt, sie würden im Jahre 1911 nicht in der Lage sein, die gestunde­ten Matrikularbeiträge an das Reich abzuführen (Hört, hört! im Zentrum); die Einzelstaaten rech­nen alfo offenbar damit, daß diese Beträge noch vor ihrer Fälligkeit durch irgend ein anderes Mit­tel aus der Welt geschafft werden. Wenn man die in Aussicht genommene Finanzreform mit diesen kolossalen Summen im Voraus belasten will; so furchte ich sehr, daß es nicht möglich sein wird, sie zustande zu bringen; die Einzelstaaten werden also gut tun, sich darauf einzurichten, daß sie diese Beträge am Fälligkeitstermin an das Reich ab­führen. Nun hat man, um die Einzelstaaten we­nigstens einigermaßen zu entlasten, den Vorschlag der sogen. Veredelung der Matriku- larbeiträge gemacht, d. h. sie sollen nicht mehr nach der Kopfzahl, sondern nach der Leistungs­fähigkeit der Bevölkerung der Einzelstaaten umge­legt werden. Meine politischen Freunde sind von jeher für diesen Gedanken eingetreten; aber wir würden nicht den Gedanken vertreten können, die Matrikularbeiträge, auch wenn sie veredelt sind, den Einzelstaaten in ungemessener Weise aufzu­bürden. Wenn dann der Vorschlag gemacht worden ist, den Einzelstaaten von rechtswegen vorzuschvei- ben, tote sie die Matrikularbeiträge aufzubringen haben, so muß ich gestehen, daß ich vom fördera- tiven Mandpunkt aus erhebliche Bedenken gegen bieten Vorschlag habe, der ganz zweifellos eine Einschränkung der Finanzhoheit der Einzelstaaten bedeutet. (Sehr richtig! im Zentrum.) Zur Sanierung der Reichsfinanzen hat man unter an- derm auch vorgeschlagen, direkteReichssteu­ern einzuführen; formell sicht dem nichts im Wege, aber wir müssen doch bedenken, daß die ganze historische Entwickelung darauf hinweist, datz de direkten Steuern den Einzelstaaten Vor­behalten bleiben müssen. (Sehr richtig! im Zen­trum.) Wir erblicken in den direkten Steuern einen schweren Eingriff in die Rechte der Einzel­staaten; es hieße den Einzelstaaten das Rückgrat brechen, wollte man ihnen die Einkommensteuer nehmen oder beschränken. Die Kulturaufgaben welche den Einzelstaaten erwachsen, steigern sich

Wiesbaden-Limburg und Wiesbaden- Gießen, nameirt» sich auch im strategischen Interest,.

Abg. ». SasigrrusZ.) wünscht di« Linie Corbach« MarSberg, sowie Marsberg-Paderborn-Scherfede» Soest-Lippstadt-Lag« und Fortsetzung der Bah, Paderborn-Lippspttngr über Lippspttna« hinaus.

Schließlich begann daS HauS noch bet schwacher Besetzung dteBeratung der,Zugverbindung««-.

Bessere Zugverbindungen werden befürwort« von den Abgg. Gras Strachwitz (Ztr.), Kuntz- ck-), Lin, (Z.), Boltz (nl.), «iehn (ft.) und Dr. «W Krefeld (Z.).

SamStag: Fortsetzung.

Herrenhaus.

Sitzung vom 27. März 1908.

DaS Herrenhaus erledigt« eine Reih« von DenL» fchnsten und Petstionen, die sich auf die Eisenbahn- und Bergbauverhältniffe bezogen, sowie Erhöhung von Pensionen und Abänderung des bekannten § 28 des Einkommensteuergesetzes, zugunsten der Steuer­pflichtigen mit weniger als 8000 Mk. Einkommen, wünschten. Letztere Petition wurde durch Uebergan- zur Tagesordnung erledigt.

Meer gesprochen, eigentlich sollte man dem Reichskanzler selbst soviel Talent ztttrauen, dte Führerschaft durch daS „neue" rote Meer zu über- ”X te'Ä «>»)> «. I-E - indirekttn Steuern daS Defizit von 400 Millionen nicht decken. Wollen die Bundesstaaten nicht dem Reich direkte Steuern zugestehen, bann wüsten sie damit rechnen, daß die ungedeckten Matrtkularbei» träge immer mehr wachsen. Der Reichstag muß daS System aufgeben, fortwährend neue Ausgaben m bewilligen, bevor die Deckung vorhanden ist.

Abg. Bebel (Soz.): Die Reden, die wir heute von den Vertretern der bürgerlichen Patteien gehört haben, waren insgesamt auf einen überaus elegischen ton gestimmt. Kem Wunder — haben wir doch «ine« so traurigen Etat noch nicht gehabt, so lange daS Reich besteht- Redner besprtcht dann die WablrechtSftage. Fürst Bülow bat eine Reche Autoritäten zugunsten der Cffentlichen Wahi zittert. Den letzten, nämlich Windthorst, wird er wohl preisgeben müssen. Windthorst hat sich zwar bei Erlaß der Norddeutschen BundesratSverf aflung für die öffentlich« Wahl ausgesprochen; aber später hat er sich ebenso entschieden für die ge­heime Wahl erklärt und zwar gerade auf Grund der Erfahrungen, die auf Grund des preußischen DreMaffenwahlrechtS mit der öffentlichen Wahl ge- macht worden waren. DaS preußische Drettlaffen- wahlrecht ist durch einen ungesetzlichen Akt auf­oktroyiert worden; die preußischen Arbeiter werden nicht eher ruhen, bis ihnen ihr Recht — ihr volles Recht geworden ist. (Beifall bei den Soztaldemo- traten.)

Staatssekretär Krätke wird durch eine Aeußerung deS Vorredners veranlaßt, nochmals den Vorwurf zurückzuweisen, daß das Briefgeheimnis nicht ge­wahrt werde. _ ,. „

Abg. Dr. Wagner (t) stimmt dem Staatssekretär zu und polemistert dann gegen den Aba. Dr. David.

Abg. Singer (Soz.) bringt zum Beweis, daß die Postverwaltung daS Briefgeheimnis ntchl wahre, einen Fall zur Sprache, daß ein Brief des ,VorwärM erst nach 3 Tagen nach der Aufgabe, wie sich aus dem Aufgabestempel ergebe, offen tn die Hände deS Adreffaten gelangt fei. Der Brief habe sich in einem anderen Kuvert befunden. Wir bieiben dabei, daß Briefe von un» an die Polizei ausgeliefert werden. ,

Staatssekretär Krätke hält den vom Abg. Smger erbrachten Beweis für durchaus ungenügend; der Verdacht, die Post verletze das Briefgeheimnis, sei bei der Sozialdemokratie geradezu krankhaft. (Beif. rechts.)

Damtt schließt die Generaldiskusfion.

In der Spezialdebatte wird das Flottenge- setz angenommen.

Samstag: Fortt etzung.

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