Zuldaer
Fulda, Samslaq den 28. März 1908.
JV3 73.
verantw Redakteur: Carl Schütte;
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drittes
Deutsches Reich.
-T- lieber unsere auswärtige Politik haben Fürst Bülow und Frhr. v. Schoen im Reichstag bei der Beratung des Etats des Auswärtigen AmteS in einer Weise gesprochen, die jede Uii- freundlichkeit gegenüber unkcrcn Vettern jenseits des Kanals vermied. Tas hält die englische Hetz- presse nicht ab, das alte Lied vom bösen Störenfriede Deutschland nach neuer Melodie weiter zu singen. Sie tut das in ausgiebigstem Maße und ruft uns damit ans dem schönen Traumlande, in das uns die Diplomaten wie orientalische Märchenerzähler hineinzaubern möchten, unsanit in die rauhe Wirklichkeit zurück. E» ist bedauerlich, aber deswegen doch nicht, weniger wehr, daß Deutschland fast überall mit mißtrauischen Augen angesehen wird,, daß man an seine Friedensliebe nicht glauben will, daß wir wenig gute Freunde, wohl aber viele offene und heimliche Feinde haben. Und es wäre töricht, diese Sachlage sich verhehlen zu wollen. Etens^wenig wie wir leider erwarten können, daß die Erklärungen und Friedensbeteuerungen unserer Staatsmänner die Stellung Deutschlands verbessern werden, ebensowenig möchten wir wün- fchen, daß durch sie eine falsche Sicherheit und Vertrauensseligkeit im deutschen Volke groß- gezogen werde. Das geschieht aber geflissentlich, indem das offiziöse Wolsssche Telegraphenbureau ans allen möglichen ausländischen Blättern jede halbwegs freundliche Wendung herausguckt und in alle Welt weiter verbreitet, aber die ganze Menge absprechender Acußerungen in den Papierkorb versenkt. Der deutsche Michel soll meinen, die ganze Welt könne sich nicht genug tun in der Bewunderung unserer unvergleichlichen Aus- landsvolitik der Lobpreisung unseres herrlichen Kanzlers. Leider sieht die Wirklichkeit ganz anders ausl
«" Seuchenkrankes Bich und katholische Pole». Diese flegelhafte Zusammenstellung leistet sich ein Herr A. Janssen-Oldcnburg, der ein Büchlein verbrochen hat über „Liberale Vauernyolitik". Darin findet sich S. 63 folgende niedliche, den Politiker wie den Menschen Janssen gleich trefflich beleuchtende Stelle:
„Der Großgrundbesitz ist es besonders, der die Bolen, Galizier, Russen ins Land holt. Und was bringen diese Leut« an Krankbeiten, Ungeziefer und Schmutz vieltach ins Land. Wir sind febr dafür, daß Schweine und Rindvieh gegen die Einfuhr von seuchen- veidächliuein Bieh geschützt werden, aber wir meinen, mehr noch als das Bieh füllte man die Menschen in Deutschland gegen die Einschleppung von Seuchen und »Heilet Krankheiten schützen! Die Großgrundbesitzer rnsen die Polen ins Land, die Polen sind Katholiken und so tragen die Großgrundbesitzer dazu bet, »aß Länder, die seit Jahrhunderten reineoangetisch waren, katholisch werden."
Wir waren bisher der Meinung, die „Hilfe" sehe auf einen anständigen Buchverlag und überlasse Tobsuchtsaufälle des Katholikenhasses Lcu- :cu vom Schlage der „Wartburg". Aber so verheerend für die guten Sitten hat bereits der furor protestanticus, den manche Leute als Leim für ihre wackeligen Ministersessel brauchen, gewirkt, daß man auch in diesen Kreisen den Katho- ltzismus mit Krankheit, Schmutz und Ungeziefer zufammenstelltl Und welch' ein Agitationsmittel geben die Herren erst den Polens Tas ist ja die alte Geschichte, toöreu die Polen protestantisch, kein Hahn würde nach ihnen krähen; aber daß sie katholisch find, das ist ihr großes Verbrechen ob dessen sie man von derScholle jagt. Was wird dieser „liberale Bauernpolitiker" erst sagen, wenn
infolge der Enteignung die Polen auch fönst in Deunchland sich niederlaffen. Oder will man sie vielleicht mit dem lenkbaren Luftschiff nach dem Mond erportiereu?
* Tie Gärung im Freisinn. Die freisinnige Zeitung' berichlel:
Eine neue Partet ift in der Bildung begriffen- Wie uns mtlgeteilt wird, soll am Donnerstag in verschiedenen Berliner Zeitungen ein Aufruf erscheinen, der zur Bildung einer neuen Partei auffordert. Unter den Unterzeichneten befinden sich die Herren v. Gerlach und Beeil,cheid, der Generalfekietär der Freisinnigen Bereinigung.
Die .Freisinnige Zeitung' hatte etwas läuten hören, aber sie wußte nicht, wo die Klocken hängen. Nicht um eine neue Part ei handelt es sich, sondern nur um einen Protest gegen den Umfall der Frakiionsmitglicder der Freisinnigen Vereinigung in Sachen des Sprachen- tompromisfes. Dieser Protest ist ferner noch unterzeichnet von Tr. Barth und dem früheren Oberst Gcidke. Im ganzen haben sich dreiem Protest 100 Parteimitglieder, die meist Vorständen der lokalen Parteiorganisationen an- gehören, an mehr als 40 Orten des Deutschen Reichs aus telegraphischem Wege angefchlosten. Es heißt in dem Protest:
Wir sind davon durchdrungen, daß die Verleugnung des Grundsatzes der Rechtsgleichheit, die in der Annahme des Kompromißauirages läge, unsere Partei einer höchst gefährlichen Belattung-probe unteiroerfen und die denkbar schwerste Schädigung des polt« lifchen Ansehens aller jreifinnigen Parteten zurFo'ge haben würde. Tiewichligsten Grundsätze der Partei einer Patteidisz'plin unterwerfen, heißt den Parteiinhalt der Parteiform zu opf-nr. Wenn die Frakttonsgemeinichaft zumJiisirmnent für die Unter« drü ckung von Parteip rinzipien gemacht werden kann, dann ist ihr weiterer Bestand ein Unheil. Wir bitten deshalb auf das eindringlichste unfere Parteifreunde im Parlament, sich nicht durch Annahme von Gesetzesbestimmungen, die aus eine teilweise Enteignung der Muttersprache herauslommen, zum Mitschuldigen an einem Ausnahmegetetz zu machen, das di« Prinzipien der Freisinnigen verleugnet.
Inzwischen mehren sich von allen Seilen die Proteste aus der Fteisinnigen Deutschen Volkspartei. Tie Göppmger Voikspartei droht sogar mit Austritt.
* Straßburg, 26. März 1908. Der Spra - chenparagraph des NeichsvercinSgesetzes ist auch der Gegenstand einer Verhandlung im elsaß- lothringischen Landesausschuß gewesen. Der Zeu- trumsabgcordnete Gauß hatte einen Antrag ein« gebracht, in dem die Erwartung ausgesprochen wird, „daß die elsaß-lothringische Negierung nichts unversucht lassen werde, um diese durch nichts gerechtfertigte scharfe Maßregel von einem Teile der elsaß-lothringischen Bevölkerung abzn« wenden." Ter Unterstaatssekretär Mandl führte im Laufe der Debatte aus, er glaube nicht, daß Grund zur Beunruhigung vorlieae. Sobald das Reichs^sM perfekt sei, werde durch ein Landesgesetz für Elsaß-Lothringen der alte Zustand wieder hergestellt werden. — Mit anderen Worten, der § 7 soll ein Ausnahmegesetz lediglich gegen die Polen fein.
Aus dem Nachbargebiet.
* Ostheim (Kr. Hanau), 27. März 1908. Ein kurioses Geschichtchen passierte dieser Tage dem hiesigen Gemeindehirten Ullrich. Während sich dieser mit seiner Schweineherde ans dem Heimweg befindet, trifft es sich gewöhnlich, daß dir Gänseherde ebenfalls heimwärts zieht und es fliegt hierbei immer eine Anzahl der Kapitolsretter über die Köpfe der Straßenpassanten hinweg. Unser Schweinehirte, als allzeit höflicher
Im Dunkeln.
Noman von Ernesto Selva.
Nach einer wahre» Begebenheit erzählt.
83s (Nachdruck verboten.)
Da Gaetano durch den Besitz seines Schatzes völlig unabhängig leben konnte und nicht, wie viele junge Aerzte, daraus bedacht sein mußte, sich Patienten zu erwerben, vermochte er seine Studien mit ungeschwächtem Eifer fortzufetzen und die gesammelten Erfahrungen an einzelnen, sogenannten interessanten Fällen zu verwerten.
Zwei, drei Operationen gegangen ihm, die viel von sich reden machten, und das genügte, um den 9201116» bon ©über Linston bekannt zu machen.
^n der Klinik der Augenheilkunde ward er bald eine bekannte und gesuchte Persönlichkeit und hier, inmitten der armen Blinden, fühlte Gaetano sich zufrieden, fast glücklich.
Wie oft war es ihm im Leben begegnet, daß man ihn feiner Häßlichkeit halber verspottet und gemieden hatte.
Diese zu ewigem Dunkel verurteilten Wesen dagegen, die gleich (Befangenen durch ihre Hilfs- bedurstigkcit an die Scholle gefesselt waren, lauschten nun der sanften Stimme Gaetanos, die ihnen Trost zufprach, und für sie war er ein Engel der Verheißung, den sie lieblen und verehrten- kein Wunder, daß auch er alles tat, ihnen Hilfe zu bringen, ihnen das Licht der Augen wieder- zugeben.
Eine gelungene Kur, welche Gaetano bei der infolge eines Nervenleidens erblindeten Lady Nork gemacht, ließ ihn auch in den Kreisen der hohen Aristokratie bekannt und gesucht werden und im Verlause Weniger Jahre war Oliver Lin- fton etn Modearzt, das will soviel bedeuten, daß N"kr der berühmtesten Aerzte Londons getoor- e?' t “ fein einfaches Haus, in einer stillen i gelegen, zurzeit seiner Sprechstunden förmlich belagert wurde und die Pfund SterlingsJ
gleich einem goldenen Regen sich über ihn ergossen.
Zu spätl Der arme, darbende Student der Medizin, welcher durch schwere Arbeit sich förmlich erst das Recht erkämpft hatte, sein hervorragendes Talent zum Besten der Leidenden auszubilden, er hatte keinen Freund, keinen großmütigen Wohltäter gefunden, der ihm den dornigen Pfad gebahnt hätte.
Ungerechtes Gut war es gewesen, das ihm zum Erfolge verholfen hatte, und jetzt drängle man sich um ihn und überhäufte ihn mit Schmeicheleien und Freimdschaftsversicherungen.
Stolz und kalt wendete er sich von der Menge ab, die er gering schätzte. Mit seinem zunehmenden Reichtum jedoch wurde der Gedanke ihm immer peinlicher, daß er dem gestohlenen Schmuck, den sein Vater geraubt Halle, sein Glück und seinen Reichtum zu verdanken haben sollte.
Es war ihm, als höre er die leise gehauchten letzten Worte der teuren Großmutter, die eine Warnung für ihn waren: „Ungerechtes Gut!" — und er wünschte sich von dem Gewissensvor- wurfe frei zu machen, indem er den Betrag der Schmucksachen und einige Gegenstände, welche er nicht veräußert hatte, dem rechtmäßigen Besitzer zurückerstattete. Dies konnte anonym geschehen und fetzte ihn keiner Gefahr aus. Freilich mußte er zuerst den Namen des Bestohlenen kennen, zu dem Zweck sich mit dem schurkischen Notar in» Einvernehmen setzen, als mit dem einzigen, der noch um dies Geheimnis wissen konnte.
Diese Notwendigkeit, mit Tommaso Basileo in Briefwechsel treten zu müssen, hatte für Gaetano so viel Widerwärtiges und Abstoßendes, daß um dessentwillen die Ausführung seines Projektes immer wieder unterblieben war.
Sein Leben war so bewegt, so reich an stets nucn Eindrücken, daß unwillkürlich die Erinnerung an die Vergangenheit mehr und mehr in den Hintergrund trat; nur zuweilen, wenn er d-s yfernen Kästchens mit der Sphinx ansichtig
ter Mami, der schon infolge seines Berufs ein« großen Freundes- und Aiihängerkreis hatte, staut zur Stichwahl bei der letzten Gemeindevertrelec wähl. Ter Barbier rechnete mit Sicherheit aw iein: Malst, doch das Unerwartete geschah: e* fiel b u r di. Er sah sich im Vertrauen auf sein, Freunde so schwer getäuscht, daß er nun furchtbar» Rache nimmt und feine gesichtsverschönernde Tw tigfeit ruhen läßt.
Mann bekannt, zieht vor einem vorübergehenden Herrn den Hut und siebe da. in demselben Augenblick fällt etwas Weißes in die Kopfbedeckung. Del näherer Besichtigung entvupvie sich der Gegenstand als ein — Ei, da» eine GanS im Fluge ver- loten hatte. „Alles Gute koniint von oben." dachte unserer biederer Hirte und steckte vergnügt schmunzelnd die Gabe ein. — Wenn's ein Apnl- witz sein soll, nicht übel!
* Frallkenbcrg (Hessen). 25. März 1208. In der gestrigen Sitzung des kandwirtschaftl. Kreis- Vereins machte der Vorsitzende. Herr Staudinger, die Mitteiluna, daß der Naiiseise-nverbwid beschlossen habe, in Frankenberg ein Lagerhaus zu errichten, welches bis zur diesjährigen Erntezeit fertig gestellt sein soll. .
* Aus dem Taunus, 26. Marz 1908. Der Widerstand der Taunusorte gegen die geplante Automobilrennbahn ist noch immer lehr groß. Auch der Magistrat und die Siadt- verordneten in Cronberg haben einen Beschluß gegen die Babu gefaßt.
* Homburg v. d. H., 27. Marz 1908. Im Alter bn 64 fahren starb ».er der l e tz t e l a n d - gräflich hessische Offizier, Oberleutnant a. D. v. Lai'daraf.
' Mrrxhaufcn, 25. März 1903.. Eine freudige Ueberrafchung ward dieser Tage dem Hofmeister Weiß vom hiesigen Klostergute zuteil. W. hatte ein Bild, das ihn und seine Söhne (die letzteren in Uniform) zeigte, dem Kaiser zum Geburtstag übersandt. W. erhielt jetzt ein Schrei- den aus dem Zivilkabinett, in dem gesagt wurde, daß das Bild dem Kaiser sehr gefallen habe, und hnndert Mark auS der kaiserlichen Privatschatulle. Weiß hat als Ulan den Todesritt von Mars la Tour mitgemacht.
* Marburg 27. März 1903. Ans eine 25jährige Tätigkeit als ordentlicher Proselsor an der htefhen Universität kann am 1. April d. y. der Gynäkologe, Geh. Medizinal- ral Dr. Fiiediich Ahljeld zurückbl'cken.
* Pößneck (Thüringen), 25. März 1908. Beim Spielen auf dem Binscnberge trat der 12jährige Sohn des Branereibeiitzcrs Fran; Satter Bader fehl und stürzte aus einer Höhe von etwa 40 Meter in einen Steinbruch. Der Knabe blieb mit zerschmettertem Kopf tot liegen.
* Mainz, 26. März 1908. Die Sradt Mainz bewilligte 500 M Zuschuß für die Kosten der Frankfurter Heimarbeits-Ausstellung.
* Aschaffenburg, 25. März 1908. Bei Hosen- seld wurde aus den Mainfluteu die Leiche eines jungen Mädchens gelandet. Man hat cs mit der Leiche beS seit mehreren Wochen 'purlos verschwundenen 13jährigen Töchterchens eines Handwerkers aus Schweinfurt zu tun. Die Leich« zeigt am £alic mehrere Spuren, die auf einen Mord schließen lallen. Es wurde gerichtliche Untersuchung einnclcitet.
* Göttingen, 27. März 1908. Mit Genehmigung des Oberpräsideiitcn wird bis zum 1. Oktober des neuen Etatsjahres eine Umsatzsteuer für den Stadtbezirk Göttingen erhoben in Höhe von W> Proz. bei bebauten und unbebauten Grundstücken; für letztere, soweit der Wert beS Quadratmeiers 1 di nicht übersteigt, bei unbebauten Grundstücken im Werte von über 1 b;g 5 dl sollen 2 Proz., bei höher bewerteten Grundstückei 2i/f> Proz. erhoben werden.
* Hriligenstadt, 25. März 1908. In Freienhagen streikt seit einigen Tagen der Dorfbarbier und die eindringlichsten Bitten feiner Kundschaft vermögen nicht, ihn zur Wiederaufnahme seiner für die Verschönerung der männlichen Einwohnerschaft des Dorfes so überaus wichtigen Tätigkeit zu veranlassen. Mit dein „Streik" hat cS eine ganz eigentümliche Bewandtnis. Der Torfbarbier, ein im Orte recht belieb-
Bermischtes.
* Gerichtssitzung im Zuchthause. Zuweilen pflegen unsere Gerichte, wenn es die Not erfordert, an recht ungewöhnlichen Stätten ihr Forum aufzuschlagen. Daß aber eine GeriLtsverhand^ lung in den dumpfen Räumen eines Zucktham« vor sich geht, kommt zum- mindesten nicht all» Tage vor. Ans Rawilsch wird über einen Fall dieser Art berichte,: Im Zuchthause zu Rawitsck wurde am 5. Juki 19)7 bei einer Schlägerei im Arbeitssaal der Strafgefangene Walter getötet An der Szene hatten sich 16 Strafgefangene beteiligt, gegen die der Staatsanwalt in Lissa An klage erhob. Drr Verhandlungstermin wurde aus nächsten Freitag und Samstag anberaumt. 31 Strafgefangene sollen als Zeuoen vernommen werden. Wegen der Gefährlichkeit des Transports von 50 Zuchthäuslern nach Lisia ist beschlossen worden, die Verhandlung im Zuchthause z» Rawitsch stattfinden zu lassen. Die Richter werden den Prozeß in demselben Raume abhaltew in dem Walter erschlagen wurde.
* Die verhängnisvollen Kämme. Ein Fräulein in der Stadt Neuenburg hatte mehrere Kämnie aus Zelluloid in ihre Haare gesteckt. Als sie ein heißes Brenneisen dem Haare näherte, fingen die Zellnloidkämme Feuer. Das Mädchen fchrie laut, ihre Angehörigen eilten herbei, der Kopf bildete eine schreckliche Wunde und der gefamte Haarschmuck war vom Feuer verzehrt. Der herbeigerufene Arzt machte einen vorläufigen Verband; da die Wunde febr tief ist, wird der Tochter wohrfcheinlich ein Quantum Haut am Fuß oder Arm entfernt und auf den Kopf verpflanzt.
* Ein „weißer Rabe". Im Berner Stadtanzeiger findet sich folgendes HeiratSgesuch: „Junger, stiller Mann, in guter, sicherer Stellung, inik netter, häuslicher Tochter mit gutem Charakter; Vermögen nicht erwünscht."
* Zündende Liebe. Ein Illjähriger, von der Dienstmagd beim Kammerfensterln abgewiesener Dienstknecht in Aubing (Oberbavern) zündete in derselben Nacht ans Rache das Bauernhaus au, so daß das ganze Anwesen eingeäschert wurde
* In Brüssel wird, wie bekannt. 1910 eine Weltausstellung stattfinden. Die Konsul« und Vertreter der auswärtigen Mächte in Brüssel folgten am Montag einer Einladung des Bürgermeisters zu einer Besprechung über die im Jahre 191) hier stattfindende Weltausstellung. Frankreich hat bereits offiziell seine Teilnahme angekündigt. Deutschland und Italien werden, wie bestimmt erwartet wird, in den nächsten Tagen das gleiche tun.
* Bei brr Explosion brr Pulverfabrik in Ba- turo in Chile wurden Löcher von 30 Meter Tiefe und 30 Meter Umfang in die Erde gerissen. Ein Offizier und. die von ihm kommandierte Wache wurden in die Luft gesprengt. Vier Millionen Kilogramm Pulver sind erplodiert. Auf hundert Kilometer im Umkreise glaubte die Bevölkerung ein Erdbeben zu verspüren. Die Ursache zu dem Nngliick soll in Selbstentzündung des kürzlich eingetroffenen französischen Pulvers liegen.
wurde, zuckte er zusammen und seine Stirne bewölkte sich. Er sah dann fortwährend das widerwärtige Antlitz Basileos vor sich und schauderte unwillkürlich davor zurück, mit diesem Menschen je wieder in Beziehungen zu treten. Am besten war e3 jedenfalls, wenn er die Sache persönlich erledigte und den Notar nicht erst auf die Spur feines angenommenen Namens und feiner jetzigen Stellung in der Welt brächte.
Vielleicht fand er einmal die Zeit zu einer Reise nach Italien, war ihm doch oft genug die Sehnsucht nach der sonnigen Heimat gekommen; dann sollte der Raub dem rechtmäßigen Besitzer zurückerstattet werden mit Zins und Zinseszins.
Zu seiner Beruhigung und Rechtfertigung sagte sich Gaetano dabei, daß er von dem geranb- ten Schatze den besten Gebrauch gemacht und für sich selbst das wenigste verwendet habe.
In der Tat gab es keinen bedürfnisloseren Menschen auf der Welt, als den berühmten Arzt, der weder die Genüsse des Lebens, noch die Liebe kennen und schätzen gelernt und, einem Einsiedler gleich, nur der Wissenschaft und seinem Berufe lebte, unbeirrt und nicht verlockt durch den Luxus und das geräuschvolle Treiben der Weltstadt.
13.
Vergeltung.
Nicht minder als Gaetano an ihn, hatte Tommaso Basileo an den Räuber seines Schatzes gedacht.
Nach jener Szene mit dem Sohne Antonio Pisanis war der Geizige zunächst in einem an Irrsinn grenzenden Zustande zurückgeblieben. Er wagte nicht, das Zimmer zu verlassen, aus Furcht, daß der Räuber zurückkehren und ihm auch noch die aufgespeicherten Gold- und Silbermünzen rauben könne, die gleichfalls in der hölzernen Kiste verborgen waren.
Endlich, als die Dunkelheit hereinbrach, ermannte sich der Fiebernde und rief nach Gio-
vanna; ein brennender Durst verzehrte ihn und er war zu schwach, sich selbst nach der Küche zu begeben, um einen Krug Master zu holen.
Tie Blödsinnige hörte nicht, vielleicht wollte sie auch, wie öfter geschehen, dem Rufe ihres Herrn nicht Folge leisten; so schleppte sich denn Basileo stöhnend bis zu seinem Lager, auf das er bewußtlos niederfank, eine Beute des heftigsten Fiebers.
Am Morgen fand ihn Giovanna. Sie hatte, durch den Anblick Gaetanos tödlich erschreckt, sich in der Küche versteckt und wäre um keinen Preis zum Vorschein gekommen, obwohl sie den Ruf des Herrn sehr wohl vernomnien hatte. Endlich war sie eingeschlafen, und am nächsten Morgen war die Erinnerung an die Begegnung bereits verblaßt.
Wie sie jetzt am Lager des Notars stand, der sich unruhig hin und her bewegte, abgebrochene Worte hervorstoßend, verzog ein Lächeln des Triumphes die Lippen Giovannas. Der Mann, welcher sie verspottet, geschimpft, ja sie geschlagen, der das ihr gegebene Heiratsversprechen gebrochen hatte, der sie hungern und darben ließ und den sie haßt«, wie niemand sonst auf dieser Welt, dem sie nur gehorcht hatte, weil sie ihn fürchtete — er war plötzlich machtlos in ihre Hand gegeben.
Giovanna lachte leise vor sich hin.
, Da öffnete Basileo malt die Augen, sie waren stier und wie verglast; als er sich nicht mehr allein sah, fuhr er auf uud schrie heiser:
„Meinen Schatz, das Kästchen mit den Juwelen, wo ist es — «r hat es mir gestohlen!"
„Es war Antonio Pisani", flüsterte die Blödsinnige.
„Ja — der Bucklige, Fluch über mich, daß ich ihn nicht erkannte."
Dann fiel Basileo in den Zustand völliger Betäubung zurück. Giovanna kümmerte sich nicht um ihren Herrn.
(Fortsetzung folat)