Einzelbild herunterladen
 

Srsch-M »glich E Ausnahme der Somu „nd Feiertage, viertel, jährliche-ye;ugrpnl, oha« »ringeriohn und vesteLgeldiuFuldaso» wie au$wärt$ 1.50 mt

veranfw. Redakteur:

Carl Schütt«;

für die Anzeigen:

Z.ParzeLer in Fulda.

Monatrdellage: „$uföacr Seschichtsbläüer"

e

B

iT}«tftw: Vie ei» spaltige petitzellk oder der«» Kaum IS pfg. AeNamendlepelitzeU« 25 psg.. bei Wieder­holungen wird ents-r.

Babati gewährt.

Rotation,druckmr» Verlag der Fuldaer Al» tiendruckerei in Fuld« Ferulprecher Hi.9.

M 72.

Fulda, Freitag den 27. Würz 1908.

35. Jahrgang.

Krstes Wtatt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 26. März 1908.

Der Etat des N e i ch S k a n z ier s und deS Auswärtigen Amtes wird weiter beraten.

Staatssekretär Krätke tritt der Behauptung des Abg. Bebel in der vorgestrigen Sitzung ent­gegen, daß die Korrespondenz sozialdemokratischer und anarchistischer Persönlichkeiten überwacht werde.

Abg. Singer (Soz.) behauptet, daß die An­gaben richtig seien, weigert sich jedoch Namen zu nennen.

Staatssekretär Kraetke betont nochmals, daß er alle fotoe Behauptungen als unrichtig zurück­weisen miifie, solange ihm nicht der Beweis ihrer Richtigkeit erbracht werde.

Abg. Lattmann (wirtsch. Dgg.) beschäftigte sich rnrt fragen des Fremdenrechts und verlangte speziell Maßnahmen gegen die Uebersckwemmung unserer Universitäten mit jüdischen Studenten. Das preußisch)« Laudtagswahlrccht sei reformbe­dürftig und zu bedauern sei, daß der Reichskanz­ler sich in seiner Erklärung so wenig reform­freundlich gezeigt habe. Vor allem sollte man die geheime Wahl cinführen. In einer Polemik gegen den Abg. Naumann bemerkt der Redner: ein Koalitionsrecht, das das Streikrecht in sich schließt, ist für Beamte undenkbar. Wir freuen uns, daß die christliche Arbeiterbewegung das auch für die in den Neichsbetrieben beschäftigten Arbeiter an­erkennt. Nicht durch Strafgesetze wird die So­zialdemokratie überwunden, sondern nur dadurch, daß man aus den Arbeitern selbst sich Bataillone gegen diese rote Gesellschaft bildet.

Reichskanzler Fürst Bülow: Ich bin den Aus- führnngen des Herrn Vorredners mit großer Auf­merksamkeit gefolgt, besonders denen, in denen er sich mit den Pflichten des Beamten gegen den Staat beschäftigte. Ich unterschreibe diese Aus­führungen. Ich wende mich dann zur Frage der Reform des preußischen Wahlrechts. Die Erklärung der preußischen Regierung im preußischen Abgeordnetenhaus enthielt gar keine Kritik des Reichstagswablrechts, (Widerspruch und Lachen bei den Sozialdemokraten), di« preu­ßische Negierung hat sich vielmehr nur gegen ein« Uebertragung des Reichstagswablrechts auf Preu­ßen ausgesprochen. (Erneutes Gelächter und Zu­rufe bei den Sozialdemokraten). M. H., wir sind alle so empfindlich für jede Störung, die von außen, die von oben (nach der Iournalistentribüne zeigend) kommt (Heiterkeit), würde es sich nicht empfehlen, daß wir uns künftig auch untereinan­der möglichst wenig stören? (Sehr gut! und Hei- terkeit rechts). Ich wiederhole also: Die preu­ßische Regierung hat garnicht die Frage erörtert, ob das Reichstaqswahlrecht im Reiche nützlich oder schädlich wirkt, sie hat nur erklärt, daß es in Preu­ßen dem Staatswohle nicht entspreche. Würde mich irgend jemand widerlegen können, wenn ich aus- spräche: daß kaum em anderes Wahlrecht der Reife des Urteils, der geistigen Bildung, der politischen Erfahrung so wenig Rechnung trägt, wie das Reichstagswahlrecht. (Sehr richtig! und Zustim­mung rechts.) Der Abg. Naumann bat vorgestern an di« verschiedenen Bundesstaaten Zensuren aus- geteilt (Große Heiterkeit): Die süddeutschen Staa­ten la (Heiterkeit), Preußen 3b (Heiterkeit und Zurufe: 5), Mecklenburg 5 b (Große Heiterkeit). Glauben Sie wirklich, daß die Wohlfahrt und die Freiheit eines Landes ausschließlich oder auch nur überwiegend abhängt von der Form seiner Verfassung oder gar seines Wahlrechts? Glauben Sie wirklich, daß das von Herrn Naumann so

sehr perhoreszierte Mecklenburg viel schlechter re­giert wird, als etwa Haiti, aus dem neuerdings recht eigentümliche Nachrichten uns zugegangen sind? Und Haiti besitzt das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrechts (Heiterkeit reckst?). Um jedes Mißverständnis auszuschließen, erkläre ich ausdrücklich: die Verbündeten Negierungen den- ken an keine Aenderung des bestehenden Reichs- tagSwahlrechts. Aber was für das Reich gut oder wenigstens richtig ist, braucht es noch lange nicht für jeden Einzelstaat zu sein. Tie bürgerliche Linke kann doch auch nickst im Zweifel darüber sein, daß die Einführung deS Reichstagswahl­rechts in Preußen nur auf ihre Kosten erfolgen kann. (Sebr richtig l rechts.) Nun weiß ich wohl, daß ein Teil der Lil>eralen so kalkuliert: Gewiß, bei Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Preußen werden wir zunächst van der sozialdemo- kratischen Hochflut nicht verschont werden, aber das ist nur ein Uebergangsstadium. die Flut wird sich verlauten und dann wird der liberale Weizen blühen. Ach, meine Herren, die Melodie und die Theorie kenne ich. Es ist dieTheorie vom roten Meer; erst das rote Meer de? Radika­lismus und dann das gelobte Land, wo Milch und Honig,fließt. (Heiterkeit.) Tas Unglück ist nur: wer nicht gerade Moses und Aron zur Führung hat. der pflegt im roten Meer zu ersaufen (Stür­mische Heiterkeit). Weiter wird auf liberaler Seite vollständig überleben, daß eine radikale Aendenmg des preußischen Landtagswahlrechts mit zwingender Notwendigkeit zu der Frage führt, ob denn dann noch da? Dreiklassenwahl­recht in den Kommunen aufrecht erhalten bleiben könnt«. (Sehr richtig! rechts und bei den So­zialdemokraten.) Weil ich im preußischen Abge­ordnetenbanse das geheime Wahlrecht nicht wenig­stens in Aussicht stellen konnte, hat sich ein Sturm erhoben. Man bat gesagt, ich hätte dem Liberalismus einen Schlag in? Gesicht ver­setzt, ich, der ich die Resormbedürftinkeit des preu­ßischen Wahlrechts al? nötig anerkannt hab« . Die Gegner der geheimen Wahl befinden sich jedenfalls in anständiger Gesellschaft; aber ich gestehe zu. daß neue Abhängigkeitsverbältnisse entstanden sind, und daß damit allerdings ein neues Argument gegen die Oeffentlichkeit der Stimmabgabe zutage getreten ist. Das allgemeine Wahlrecht läßt sich in Preußen gar nicht einfüh­ren ohne schwere Konflikte. Die konservativen Parteien lehnen es ab, die nationalliberale Par­tei will auch nichts davon wissen, — wie wollen Sie also vorgehen? Oktroyienmg, Staatsstreich, llevolntion von oben — solche Dummheiten mach« ch nicht und solche Gewissenlosigkeiten auch nicht!

Bebel hat vorgestern geäußert, es würde kein Un­glück sein, wenn der preußische Staat verschwinde. Demgegenüber will ich betonen: das Reich kann Preußen nicht missen, aber Preußen kann auch das Reich nicht entbehren. Auf dieser Einheit ruht die Zukunft der Nation, und diese Einheit, das be­tone ich nicht nur vor dem Inland, sondern auch vor dem Ausland, dies« Einheit wird weder durch auswärtige Angriffe, noch durch innere Krisen e wieder zerstört werden. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Wellstcin (Ztr.): Bisher ist man stets von dem Standpunkt ausgeaangen. daß das breit- fische Wahlrecht unhaltbar ist, weil es einem gro­ßen Teil der Bevölkerung das Wahlrecht versagt. ?lber heute haben wir aus dem Munde des Reichs­kanzlers zur Begründung der Unübertragbarkeit >e8 Reichstagswahlrechts auf Preußen eine B e» urteilung des Reichstagswahlrechts gehört, wie wir sie noch niemals bekommen haben (Lebh. Beifall im Ztr.), und wie wir sie vom obersten Beamten des Reiches, der doch der erste Träger der Verfassung sein soll, niemals be- ammen du r f t e n (Stürm. Beifall i. Ztr.) Da. gegen ist eine entschiedene Verwahrung am Platze. (Lebh. Beifall des Zentrums.) Aller­

dings hat uns der Kanzler zum Tröste erklärt, daß er an eine Aendenmg des Wahlrechts nicht denke; mm, ich kann ihm versichern, auch die große Mehrheit diejes Haus«? denkt nicht daran. Er ist noch weiter gegangen: er bestreitet uns so­gar das Recht, unsere W ü n s ch e in der Richtung geltend zu machen und die Frage hier zu erörtern. Meine Fraktion lehnt jeden Eingriff in die Kom­petenz der Einzelstaaten ab. wir haben uns dem­gemäß bei der WahlrechtS-Intervellation auf eine kurz formulierte Erklärung beschränkt. Aber das Recht, hier solche Fragen zu erörtern, darf man uns nickst abschneiden; zur Kompetenz unserer Verhandlungen gehöre alles, was das Wohl des Reichstages und der Bundesstaaten betrifft. Die Gefahr, eine Körperschaft gegen eine andere auszusvielen. würde geringer werden, wenn die Wahlrechte mehr einander gleichgemacht werden. Aber was nützt da? beste Wahlrecht, wenn di« Einrichtungen das Wahlrecht verküm­mern! Trotz Einführung von Isolierzelle und Wablkuvert ist die Zahl der Wablproteste und Ungiltigkeitserklärunaen von Mandaten nicht ge­ringer geworden: diese Einrichtungen müsien also nicht richtig funktionieren. Ter Redner bearündet eine Zentrums-Resolution, wonach die vorsätzliche Verletzung des Wahlgeheimnisses durch Mitglieder des Wahl-Vorstandes mit Strafe bedroht werden soll. Ferner soll da? Wablregle- ment dahin ergänzt werden, daß die Wahlurne während der Wahlhandlung geschloffen und so be- schaffen sein soll, daß vor ihrer Entleerung eine Mischung der Wablumschläge stattfindet. lieber die Große und Gestaltung der Wahlurne und des Isolierraumes sollen Normativbestimmungen ge­troffen werden. (Beifall im Ztr.)

Abg. Bruhn (wirtsch. Vgg.) erklärt, seine Freunde würden für di« Resolution Hompesch auf besseren Schub des Wahlgeheimnisses stimmen. Was die Blockpolitik anlangt, so glaube ich, wird der, Freisinn noch wobl einige Zeit bei der Stange bleiben, umsomehr als die Preußischen Landtags­wahlen nahe vor der Tür ftehen und es doch im­mer besser ist, wenn man die Negierung für sich, als gegen sich hat.

Abg. Emmel (Soz.) gibt zu, daß der Reichs­kanzler in der Frage des Wahlrechts einige kleine Konzessionen mache; eine Reform des Wahlrechts aber, welche die geheime Wahl nicht enthält, sei überhaupt keine Reform. (Sehr richtig! bei den Soz.) Zum Schluß begründet Redner die Reso- Intton Albrecht, wonach Ausweisungen von Aus­ländern nur auf Grund einer richterlichen Urteil? erfolgen dürfen.

Abg. Dr. Potthoff (fr. Vgg.): Wir erkennen an, daß die heutigen Erklärungen des Neichskanz- ers weniger unbefriedigend sind, als die, welche er am 10. Januar im preußischen Abgeordncsten- bause abgegeben hat. Im weiteren polemisiert Redner gegen den Abg. Lattmann und wirft der wirtschaftlichen Vereinigung vor, daß sie in Waldeck gefälschte Stimmzettel gebraucht habe. — Der Abg. Raab ruft: Das sind Lügen! Vize­präsident Kacmpf ruft den Abg. Raab zur Ord­nung.

Staatssekretär v. Brthmann-Hollweg erklärt bezüglich des Standes der Arbeiten für eine Re- erin der Staatsangehörigkeitsfrage, wß es in kurzer Zeit gelingen werde, dem Reichs­tage eine Reformvorlage zugängig zu machen.

Abg. Storz (sdd. Vp.) meinte, die Rede des Reichskanzlers sei in der Form freundlicher wie ne am 10. Januar im preußischen Abgeordneten­haus abgegebene Erklärung, in der Sache selbst timme sie mit derselben vollkommen überein.

Es findet die Abstimmung über die Resolutionen statt. Tie Resolutionen wer» hen angenommen bis auf jene, die das Reichs­tagswahlrecht für die Bundesstaaten, dann Be­

amtenausschüsse und endlich Unterstellung der Lteichsbetriebe unter di« Gewerbeaussicht ver- langen.

Der Etat deS Reichskanzlers und nach kurzer Debatte auch der Etat des Auswärtigen Amtel werden genehmigt.

Staatssekretär v. Schoen erklärt, bezüglich der Meldung über eine angebliche Unterredung bei Kaisers mit einem englischen Journalisten, biete Unterredung hätte nicht stattgefunden. DaS W o l f f s ch e Bureau sei nicht offiziös. ES beziehe seine Meldung Privatim und für einen etwaigen Lapsus sei das Auswärtige Amt niefjd verantwortlich. Tie Heiratsurkunde bet chinesischen Kaisers sei augenscheinlich in harmloser Weise in den Besitz des Ueberbringer, gekommen. Tie Urkunde sei inzwischen nach Peking weiter gegeben worden.

Freitag: Tritte Etatsberatung.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 26. März 1908.

Die Gesetzentwürfe, bett, die Gebühren der H eb* am men und bett, die Erweiterung des Stadtkreises Esten werden in der dritten Beratung ohne Er­örterung angenommen; nach kurzer Erörterung auch der Antrag bett, die Verpflichtung zum Besuch länd« sicher Fortbildungsschulen in der Provinz Hannover.

Tann setzte da? Hau? die Dienstag abgebrochen« allgemeine Beiprechung über neue Eisenbahnlinien und Bauausiührui'gen, die in dem Eisenbahn» anleihegesetz nicht enthalten sind, fort. Wieder ergoß sich eine große Flut von Sonderwünjchen über das Haus und den Minister.

Abg. Schmidt-Warburg (Z.s ist enttäuscht, daß die Vorlage le ne Bahn von Eisenach nach Warburg enthält.

Abg. v. Ctrombeck (Z.) fordert eine Bahn von Heiligenstadt nach Wansried.

Abg. Humann (Z.) bittet, die bereits bewilligt« Verbindung des Fürstentums Waldeck mit de« südöstlichen Westfalen nicht nur bis Brilon, sondern gleichzeitig mit einer Abzweigung von Corbach nach Marsberg und von da nach dem Kreise Büren zum Anschluß an die Linie Paderborn-Büren weher» zusühren.

Abg. Baumann (k.) regt an, die in der Vorlage enthaltene Linie Niederaula-AlS feld, die fast zu zwei Dritteln durch Hessen projektiert sei, mehr, nördlich zu führen, damit mehr preußische Orte be­rührt werden. Ferner wünscht Redner die Weiter«) sührung der Bahn Zimmersroda-Treysa.

Abg. Werner (Rp.) gibt seiner Freude über dis Einstellung der Linie Hersfeld-AlSfeld in bi»1 Vorlage zum Ausdruck und meint, daß diese Lim« ich noch besser rentieren werde als die Linie HerS« seld-Treysa. Redner wünscht ferner eine Linie Sontra-Gerstungen, die zur Entlastung bei Bahnhofs Bebra beitragen würde.

Abg. Stockmann (f.) wünscht Ausschließung bei üdwesllichen und nördlichen Teils deS Kreises Wetzlar und empfiehlt verschiedene neue Linien. Diese würden zur Erschließung von Erzlagern dienen.

Freitag: Fortsetzung.

Deutsches Reich.

l. TaS RelchStagSwahlrecht

erfuhr gestern im Reichstage eine Beurteilung, gegen die mit Recht von feiten deS Zentrums energisch Verwahrung eingelegt wurde. Aus An- !aß des Antrag- Albrecht, die die Uebertragung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts auf alle Bundesstaaten fordert, ergriff Fürst Bülow daS Wort zu einer Rede, worin er

Am Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

32] (Nachdruck verboten.)

Erbleichend beugte er sich über die Ruhende und richtete ihr Haupt in seinen Armen auf.

.Großmutter!" rief er schmerzlich bewegt.

, Der Klang der geliebten Stimme rief die fliehende Seele der alten Frau noch einmal zu- lnr , gebrechliche Hülle, welche ein eiserner Wllle so lailge aufrecht gehalten in einem Leben voll Entbehrungen.

Die halb verglasten Augen belebte ein Schim- wer gleich einem Abeiidsonnenstrahl, der durch dunkle Wolken bricht, die Lippen bewegten sich__

die Sterbende wollte sprechen.

In tödlicher Beklemmung beugte Gaetano sich näher zu ihr herab, angestrengt lauschend, und sein Ohr vernahm die halbgehauchten Worte: „Ungerechtes — Gut —*

Dann hob ein Seufzer die Brust, ein Schauer, em Zucken — und Gaetano hielt eine Leiche in seinen Armen.

Der Tod des einzigen Wesens, das ihn, den Mißgebildeten, den Enterbten des Glücks, geliebt hatte auf dieser Welt, würde Gaetano ohnehin tief erschüttert haben, aber das bitterste war doch dabei die lteberzeugung, daß der Besitz deS ver­hängnisvollen Schatzes die Lage der Greisin ge­kürzt hab«.

Knd er hatte gewähnt, das Ende ihres Lebens nun. 'Rundlich gestalten zu können durch daS aus dem Erlös des geraubten Schmuckes! »w,i<.s"^drvenschlag hatte sie ihm jäh entrissen, hereing^türmt^^ ätzten Stunden auf die Arme ein ^erlm^e Zd»ung der Wahrheit, oder nur -m Verdacht, daß der Enkel sich fremdes Eigen-

turn zugeeignet, was der Greisin das Herz ge­brochen?

Gaetano konnte sich diese Frage nicht beant­worten. Düster starrte er auf das jetzt stille, friedliche Antlitz der Toten nieder und dann wie­der auf die gleißenden, blitzenden Juwelen, wäh­rend er murmelte: „Du edle Dulderin, Gott rief Dich ab, damit Du nicht genießen solltest von dem ungerechten Gute, das die Bluttat Deines Soh­nes erkauft — fahre wohl. Du bist die Glücklichere von uns beiden!"

13

Lehr- und Wanderjahre.

Acht Tage nach dem Tode seiner Großmutter schickte sich Gaetano an, Neapel zu verlassen. Nichts hielt ihn länger in dieser Stadt zurück, wo nur düstere Erinnerungen eine vergangene Leidenszeit in ihm lebendig machten.

Zudem befand er sich int Besitze eines Scha­tzes, den er, ohne Verdacht zu erregen, nicht hätte verwerten können, auch hätten feine so plötzlich veränderten Lebensverhältnisse Aufsehen erregen wüsten.

Allerdings hatte Gaetano beschlosien, nicht das Leben eines genußsüchtigen Müßiggängers zu führen, sondern mit den reichen Mitteln, die der Zufall ihm in die Hand gespielt, der Mensch- mvr.8Ur?^nen' indem er sich in der medizinischen Wissenschaft vervollkommnete.

- ®r Miste sich auf dem ersten Pastagierschiffe em, welches den Hafen von Castellamare verließ,

/freche Italien, Frankreich, Deutschland, um sich endlich rn London festzusetzen.

All sein Denken und Trachten ging nur dahin, bte begonnenen Studien und Experimente fort» -»letzen.

Den größten deS Geschmeides hatte er mit Vorsicht in den ersten Städten, die er durchreiste, verwertet und war dadurch reichlich mit Geld der- sehen,

Die schönen Künste hatten jedoch keinen Be­wunderer in ihm, ebenso wenig die Merkwürdig­keiten der Städte, die er besuchte. Ueberall zogen ihn nur di« Kliniken und Krankenhäuser an, und er weilte dort, mit wabrem Biuenfleiße Kenut- nisse sammelnd, neue Erfahrungen, andere An­sichten und Heilmethoden in sich aufnehmend, stets nur den einen Zweck verfolgend: ein Meister zu werden in seiner Kunst.

Mit besonderer Vorliebe wendete er sich indes dem Studium der Augenheilkunde zu und die Augenkliniken und Blindenanstalten interessier­ten ihn am meisten.

„Es ist daS größte menschliche Elend", sagte er sich, „blind zu sein, hilflos auf anderer Erbar­men angewiesen, im ewigen Dunkel umherzutap­pen und nicht einmal durch die Reize der Natur, der großen Trösterin entschädigt werden zu fön- nen für alle die Leiden, die des Menschen Erbteil sind. Solche Unglückliche ihrem traurigen Los« zu entreißen, ist eines der höchsten ärztlichen Ver­dienste."

Und Gaetano studierte mit vermehrtem Eifer Tag und Nacht, sich oft kaum die Zeit gönnend, die nötige Speise zu sich zu nehmen.

In London hatte Gaetano endlich seinen blei­benden Wohnsitz aufgeschlagen, nachdem er in den andern großen Städten, die er bereiste, des Wis­senswerten so viel gesehen.

Ein Zufall verhalf ihm zu einem Gute, daS er längst sich hatte aneignen wollen, nämlich zu einem andern Namen.

In Calais hatte er die Bekanntschaft eines jungen Arztes gemacht, der, gänzlich allein stehend, beschlossen hatte, die Welt zu durchreisen.

Da Oliver Linston (so hieß der junge englische Arzt, der, von Paris kommend, nach England zurückkehrte, um sich später nach Indien einzu- schiffen), in manchen Ansichten mit denen Gae­tanos übereinstimmte, hatte sich eine Art von Freundschaft zwischen beiden Jüngern der Wis- senschaft gebildet.

Einige Wochen blieben sie zusammen und be­trieben gemeinsame Studien. Doch Oliver Lin- ston erkrankte an einem typhösen Fieber, dem ecj auch bald in einem Londoner Spital erlag.

Seine geringe Hinterlassenschaft nahm die jua, ständige Behörde in ihre Obhut, eine Brieftasche jedoch, mit allerlei Notizen, Arzneikunde betreff fend, hatte Oliver, als sein Uebel sich verschlirn- merte, dem neuen Freunde eingehändigt.

Als Gaetano diese umfangreiche Brieftasche durchblätterte, fand er in einer Seitentasche der­selben zwei vergilbte Papiere, Familiendoku­mente, den Taufschein Olivers und den Trau­schein seiner Eltern.

Eine zweite Tasche enthielt den Reisepaß del Kranken, von dem dieser keinen Gebrauch mehr machen sollte.

Gaetano trat diese Erbschaft an, indem et, selbst seinen Taufnamen ablegte und sich von ba ab Oliver Linston nannte.

So wähnte er vollkommen mit der Vergangen­heit gebrochen zu haben.

Des Englischen war er bereits mächtig gewe­sen, jetzt bemühte er sich eifrig, sich dasselbe völlig zu eigen zu machen, was ihm auch bald in einem @roi)e gelang, daß jedermann ihn für einen Eng­länder hielt.

Auch in feinem Stetigeren, im Wesen, der Art nch zu geben, im Verkehr mit anderen und den kleinen Lcbensgewohnheiten, nahm Gaetano eng­lische Sitte und Brauch an, schon deswegen, wert dies seinen Neigungen zusazte.

Ernst, zurückhaltend, besonnen, fühlte er nut geringes Bedürfnis zur Aussprache oder freund­schaftlichen Annäherung; daneben wieder offen bis zur Rücksichtslosigkeit, war er doch sogleich bereit, sich für die leidende Menschheit zu opfern, obwohl er im allgemeinen die Menschen weit eher haßte und verachtete, als liebte.

Gleich einem Geizigen teilte er seine Zeit eilt und wie ein Verschwender verausgabte er sie taj Dienste der Kranken.

(Fortsetzung folgt.)