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MdaerW Zeitung

Fulda, Donnerstall dm 26. März 1908.

M 71

Erstes Hstatt

des

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Lotationrdrackund Verlag der Fuldaer At- ticadruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 24. Mär- 1938.

Lischst tN-ttch M Änsnaljme der Sonn» «nd Feiertage, viertel» jährliche-vezngrpreir ohne vringerlohn und vestrllgeld in Fulda so­wie auswärts 1.50 RH.

verantw. Redakteur: «arl Schütt«;

*ver )ourna!ijtenstreik ist beendet.

Am Schluffe der Reichstagssitzung vom Diens­tag erhielt der Abg. Gröber das Wort zur Ge­schäftsordnung, um die an anderer Stelle mitge­teilte Erklärung abzugeben.

Der lebhafte Beifall, mit dem sie aufgenom- me wurde, beweist daß sie im Sinne des Reichs­tages lag. Wie uns aus parlamentarischen Krei- sen geschrieben wird, kamen Mitglieder aller Fraktionen und drückten Gröber die Hand, um ihm ihr Einverständnis auszufprechen. Von ir­gend einer anderen Seite wurde das Wort nicht verlangt. Ja, es war eine ausdrückliche Verein- barung unter den Fraktionen getroffen worden, daß zu der Sache niemand sprechen soll und da­mit die Angelegenheit für den R e i ch s t a g als erledigt angesehen werden müsse

Abg. Gröber hatte seine Erklärung nur „an die verehrten Herren Kollegen" gerichtet und wenn er um Entschuldigung bat, so galt das nur für diese, weil er die Form überschritten hat. Tie von der Presse geforderte Entfchuldigung oder gar der Ausdruck des Bedauerns ist von dem Abg. Gröber in keiner Weise abgegeben worden.

Der Erklärung sind lebhafte Verhandlungen unter allen Fraktionen vorausgegangen und wir heben gern hervor, wie sehr die konservativen Abg. v. Tittrich, v. Lertzen und v. Garnp sich bemüh» ten, daß das Anse^n des Reichstages unbedingt gewahrt bleiben müsse und daß Abg. Gröber sich in keiner Form etwas zu vergeben habe. Sehr grell hiervon stach namentlich das Verhalten des nationalliberalen Abg. Basiermann ab, der wie­derholl mit den, Reichskanzler in dieser Frage verhandelt hat. Abg. Gröber ließ sich aber nicht beirren und blieb dabei, daß er lediglich „die Kollegen" wegen Neberschreitung der Form um Entschuldigung bat.

WaS die Journalisten mit ihrem Streik er­zwingen wollten, haben sie nicht erreicht. Den Störenfrieden, die sich flegelhaft betragen haben, hat Abg. Gröber kein Wort des Bedauerns über seinen „urfchwäbischen Ausdruck" gegönnt. UeberauS bezeichnend für die Ehrlichkeit der be-

f,dritten gerüat worden ist. Der stenographische Bericht über die Sitzung vom 19. März behängt, dak> solche Störungen von der Jourualtftentribüne auch sonst rotrderhott erfolgt sind, (-edr richtig! im ganzen Hause.) Wenn ich in Erinnerung an diese Vorgänge der letzten Zeit und angesichts des ErniieS der vom Redner behandelten Frage meiner Entrüstung über das Gelächter einen unparlamen­tarischen Ausdruck gegeben habe, so bitte ich um Ent­schuldigung." (Lebh. Beifall.i

Darauf trat der Schluß der Sitzung ein.

mondsbeM« „Fuldaer Geschichtrblätter"

35. Jahrqansi. .

Deutsches Reich.

e. Die Budget-Kommission des Reichstage- beriet am Dienstag den Entwurf eines Gesetze- betr. die Deckung außerordentlicher Be­dürfnisse der Schutzgebiete im Wege der Anleihe. Referent Abg. Dr. Semler erkannte u. a. an, daß dieBorlage knapp, aber sorgfältig durchgearbeitet sei und daß man alle- getan hab e, um tue Eisenbahn-Vorlage dem Reichstage mund- gerecht zu machen. Slaatssekretär Dernburg erklärte, er halte es für seine Aufgabe, die Aus-

w°<h«nb«!i°g-: „Illustrierte Sonntagrzeitung"

(Beifall rechts.) .

Staatssekretär v. Schoen verbreitet sich des Näheren über die Marokkopolitik. Die Marokkopolitik der jetzigen französischen Regie­rung ist weit davon entfernt, Marokko als den Angelpunkt einer uns feindseligen Bewegung zu betrachten, als es vor drei Jahren der Fall ge­wesen'ist. Vor drei Jahren sind wir genötigt worden, auch unsererseits den Hebel an jenem Punkt einzusehen, um das Gleichgewicht herzu» stellen, um unsere mißachteten Rechte und Inter­essen zu betonen und zu wahren. Das Ergebnis ist die Algeciraskonferenz und die Algecirasakte gewesen. An dieser internationalen Vereinbar­ung halten wir unverrückbar fest. Sie ist und bleibt für uns die feste Basis unserer Stellung zu marokkanischen Dingen. Mesien wir nun dte Vorgänge in Marokko zu diesem Akte, so müsien wir gegenüber den skeptischen und ironischen Be­trachtungen cme§ Teils der Presse daran festhal- ten, daß eine klare Verletzung der Alge- eirasakte durch Frankreich bisher nicht hat konstatiert werden können. Weiter darf nicht aus dem Auge gelassen werden, daß die franzö­sische Negierung die Algecirasakte stets als für sich verbindlich bezeichnet hat. Man darf nicht außer Acht lassen, daß die Mächte, welche die Algecirasakte mitunterschrieben haben, sich selb­ständig für eine flagrante Verletzung ihrer Rechte Genugtuung verschaffen. Dagegen darf die Integrität Marokkos in keiner Weise verletzt wer- den. Und so lange dies nicht geschieht, haben wir kein Recht, Einspruch zu erheben. Für daS Vor­gehen Frankreichs in Marokko können wir keiner- lei Verantwortung übernehmen. Wir verhehlen uns natürlich nicht, daß bei der Fortdauer der jetzigen Verhältnisse dieLazeimmerschwie- tiger wird und daß besonders Handel und Wandel zugrunde gehen müssen. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß der Handel in Marokko durch die militärischen Maßnahmen Frankreichs nicht geschädigt werden darf. Wir haben auch wiederholt von der französischen Negierung die Zusicherung erhallen, daß im weiteren Verlauf der französischen Aktion in Marokko auf unseren Handel tunlichst Rücksicht genommen werden soll. Solange nicht spezielle deutsche Rechte verletzt werden, ist es nicht unsere Sache, unS in die marokkanischen Angelegenheiten einzumischen, daS ist auch der Grund gewesen, daß wir den beiden Sultanen Abdul AsiS und Mulay Hafid, welche uns um ein Einschreiten ersuchten, eine ablehnende Antwort erteilt haben, lieber alle Einzelheiten

Der Etat des Reichskanzlers und Auswärtigen Amtes wird weiter de»

Abg. Liebermann-Sonnenberg (wirtsch. verbreitet sich über die Marokkopolitik und wunswt frößeres Entgegenkommen Frankreichs in han- elspolitischen und wirtschaftlichen Fragen.

Während der Ausführungen des Redners er- scheint der Kronprinz in der Hosloge, wo er gleich daraus vom Präsidenten Graf Stol­berg begrüßt wird. „

Reichskanzler Fürst Bulow: Von allen Red- nern, die gestern und heute daS Wort ergriffen haben, ist die sehr unbefriedigte Lage in M a- rokko berührt worden. Es läßt sich nicht ver­kennen, daß die Ausführung wichtiger Beftim- niungea der Algecirasakte durch die Unruhen in Marokko gehemmt wird. Die französische Re­gierung kann uns nicht vorwerfen, daß wir in Verkennung dieser Umstände die Algecirasakte in kleinlicher ober engherziger Weise ausgelezt hät­ten. Wir werden das auch künftig nicht tun. Aber wir erwarten, daß Frankreich auch seiner­seits in gleicher Weife die Algecirasakte in fried- lick-cr und freundlicher Weife anerkennt und be­achtet. (Bravo.) lieber den Privatbrief des K a i- serS an Lord Tweedmouth kann ich mich zu meinem außerordentlichen Bedauern mit Rück- sickt auf die Diskretion nicht äußern. . Jeder hätte ihn unterfchreiben können. Es ist ein poli­tischer Privatbrief, wie er wiederholt von Souve­ränen geschrieben worden ist und zwar außerhalb der diplomatischen Kontrolle. Wie der Kaiser von ! diesem Rechte Gebrauch machen will, muß ihm 1 übetlafjen werden. Es ist eine Verleumdung, ! wenn gesagt wird, er wolle aus die Gestaltung des englischen Marinebudgets einen Einfluß ge­ltet nn en. In Fragen der Wehrhaftigkeit lehnt jedes Volk fremde Einsprüche ab. Von ineiem Rechte macht auch Deutschland Gebrauch, wenn es sich zum Schutze feiner Küste und seines Handels eine Flotte schasst. Alle Vorwürfe von Angriffs- planen weisen wir zurück, unsere Flotte ist rem defensiv, und die Haltung der englischen Presse ist zum mindesten nicht zu billigen, ihre Haltung ist rücksichtslos, liegt nicht im Interesse der Be- ruhigung der Welt. (Sehr richtig.) Wir beftrei- ten England das Recht nicht, den Flottenstandart aufrecht zu erhalten, der ihm nötig erscheint. Aber ebensowenig kann man es uns verargen, wenn wir jo viele Schiffe zu bauen daS Recht in Anspruch nehmen, als uns notwendig erscheint. In diesem Gedankengange ist daS Schreiben des Kaisers zu beurteilen. Mit Genugtuung kann ich fejtstellen, daß die Versuche solcher Mlßöeu- tung auch in England fehlgeschlagen sind. Die vornehme Behandlung der Sache tm englischen Parlament wird alle Schwierigkeiten beseitigen. Tie Herren Hertling und Bassermann haben an- bsickts der Verdächtigung des Auslandes ruhige Wachsamkeit und im übrigen Stetigkeit verlangt. Ich glaube, daß unsere auswärtige Politik nicht ttmchjamer und stetiger gemacht werden kann.

teiligten Journalisten ist c8 nun, daß sie ibrert' Blättern den Wortlaut der Gröberschcn Erklär­ung niclbcn ohne die einleitenden Worte, wonach sich Gröber ausdrücklich allein an die Parla­mentarier wendet. Es ist das zugleich ein Be­weis dafür, wie die Journalisten selbst erkennen, daß der Reichstag und Abg. Gröber sich von ihne« nicht haben zwingen lassen.

Für den Reichstag war die Sache mit kt, Gröbcrschen Erklärung erledigt. Tie Sournah-, ften machten gute Miene und stellten Öen. Streik ein. Eine große Minderheit war zu­nächst nicht geneigt, sich zufrieden zu fiebert.' Schließlich jedoch erklärte sich die große Mehrheit bereit, am Donnerstag die Berichterstattung wie­der aufzunehmen. Auch ohne die Erklärung deS Abg. Gröber war der Streik am Mittwoch schon stark erschüttert. Tie Zahl der Provinzblätter, die die Gelegenheit wahrnehmen, für 50 H Tele­grammgebühr im Strahlenglanze der Preßsolr- barität aufzutauchen, wuchs zwar noch. Die Lag«, wurde aber doch sckwn kritisch. Ein Blatt, dem der Ausdruck „Streik" das unangenehmste Wort ist, die „Rhein. Wcstsäl. Ztg.", daS Organ der rheinisch-westfälischen Großindustrie, „streikte*! nicht mit und hat seinen Berliner Vertreter vor­zeitig entlassen, weil er ihr keine Berichte sandte. Tas Blatt hatte auch der mitstreikenden auSwärti-j gen Presse den Rat gegeben, sich nicht in deutsch«, Angelegenheiten zu mischen. Das war den Aus-! länbcrit schwer in die Glieder geschlagen, und da, außerdem die beiden bedeutendsten englische«' Blätter nicht mitstreikten, sondern über die Vec-' Handlungen zum Etat des Reichskanzlers auf Grund der Berichte der Zentrumspresse berichte«' ten, kam die Solidarität der Auslandspresse arg ins Wanken. Das wirkte natürlich auch auf bie Jnlandpresse. Dazu kam, daß der „Vorwärts*! einen Artikel bradtte, der das Mäntelchen, bie- Standesehre, mit dem sich ber Journalistenstreik aufputzte, unbarmherzig herunter riß und bte( Tinge so schilderte, wie sie in Wirklichkeit lagen; das heißt also einen Vorstoß der Vress^ gegen dasZentrurn. Der „Vorwärts" $atj vollkommen recht, wenn er sagt, daß die Regie­rung niemals ihre Zustimmung zu dem «Stccie. des Wolffschen Telegraphenbureaus gegeben ba-, ben wurde, wenn der Abgeordnete, der im Mit»^ telpunkte des Zwischenfalls stand, nicht dem Z e n-i t r u m angehört hätte, und ebenso ist eS völlig zutreffend, wenn das Blatt meint, daß die iß reffe,! die sich jetzt in Entrüstung nicht genug tun kann, von der Regierung felbst schon ganz andere Ding« hat einstecken müssen, ohne daß sie mit den Wim«. Pern gezuckt hat.

Ein weiteres Moment, das die Stellung bet, Streikenden erschütterte, war der Umstand, daß Fürst Bülow am Dienstag im Reichstag daS Wort ergriffen bat. Man konnte während bei ganzen Streiks hören, baß Fürst Bülow wegen des Streikes beim Etat bes Auswärtigen nicht bas Wort ergreifen werde. Ein derartiges Be»! halten deS Reichskanzlers wäre geradezu eine Brüskierung des Reichstages gewesen, die unb»' dingt zu einem Konflikt zwischen ihm und dem Reichstag hätte führen müssen. Für die Journa- litten galt jene Mitteilung aber fast wie ein Dog­ma, und diese Mitteilung ist eS gewesen, die sie in einer Weise hat auftreten lassen, die nicht von vornherein in ihrem Plane gelegen hat. Es muß hier festgestellt werden, daß die Journalisten ur­sprünglich einen TemonstrationSstreik nut; für den vorigen Freitag und Samstag ins Auge' gefaßt hatten und daß man am Montag die SCä-, tigkeit wieder aufnehmen wollte. Da kam die. Meldung, daß der Reichskanzler sich auf die Seite ber Srreikenden geschlagen habe, und hierdurch fühlte man sich in seiner Position so gestärkt, daß man sogar glaubte, dem Abg. Gröber die Frie­densbedingungen d i 11 i e t en zu können. Jetzt ist sie zu der Erledigung des Falles überhaupt nicht hinzugezogen. Der Reichstag hat die Sache für sich erledigt, ohne sich um die Tribünenjour­nalisten zu bekümmern.

Damit, daß Fürst Bülow am Dienstag dat Wort im Reichstag ergriffen hat, war der Streik innerlich zusarnmengebro-, dien, und es konnte nur noch die Frage einer' kurzen Zeit jein, ob man die Arbeit wieder auf­nehmen wolle. Herr Gröber war schon am Frei- tag voriger Woche zu einer Erklärung bereit ge­wesen, sie unterblieb zunächst, weil die Presse ihre Forderungen überspannte. Es ist zu begrüßen, daß Abg. Gröber seine Erklärung im Reichstag jetzt zu einer Zeit abgegeben hat, nachdem ber i Reichskanzler im Reichstag das Wort ergriffeni hatte. Damit war den Streikenden ber Trumpfs aus der Hand genommen.

Es tohb natürlich nicht an Stimmen fehlen, die glauben machen wollen, Herr Gröber sei von der Presse zur Strecke gebracht worden. RichtS wäre verfehlter als eine solche Annahme. Abg. Gröber war sich von vornherein bewußt daß ek einen Ausdruck in der Entrüstung gebraucht habe«, der sich mit den parlamentarischen Geslogenhei- ten nicht vertrug. Und wenn er die Entschuldi­gung dafür erst am Dienstag nachsuchte, so waren die Cncrtrc’&ereten der Presse schuld daran, daßc es nicht schon früher geschah.

b-r Marokkopolitik werden Sie Aufschluß finden 1 in dem Weißbuch, daS ich, wie ich hoffe. Ihnen ' in wenigen Wochen vorlegen kann, und Sie wer­den die Ueberzeuaung gewinnen, daß von uns ' nichts versäumt worden ist, nm die deutschen In- , fercjfen in Marokko nach Kräften zu wahren und । zu förbern. (Allseitiges Bravo.) Redner bespricht । weiter das ru ss i s ch - en g li sche Abkom­men und bie Bagbobbahn; er betont, daß Deutschland in beiden Fragen nur wirtschaftliche Interessen zu vertreten habe, die in keiner Weife durch die anderen Mächte berührt würden. Zum Schlusie berührt Redner die Frage eines etwaigen Abkommens über die Nordsee und über die Ostsee. Die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlosien, immerhin aber könne er sagen, daß die Jnteresien Deutschlands unter, keinen Um­ständen Schoden leiden würden. Die Absicht, ein mare clausutn, ein geschlossenes Meer zu schaffen, bestehe nirgends; ebensowenig denke Rußland daran, an den Beschränkungen feiner Souveräni­tät auf den Auslandsinseln irgendwie zu rütteln.

Damit war die Diskussion über bie auswär­tige Posilik beendet. Tie Debatte kam dann zur inneren Politik, doch wurde die auswärtige Po­litik noch verschiedentlich gestreift.

Zu ben fragen ber inneren Politik liegen zahlreiche Resolutionen vor. Besseren Schutz bes Wahl­geheimnisses nnb entsprechende Ergänzung bes Wahl- reglemenlS verlangen 2 Resolutionen Hompesch ($tr.) und Heinze (ntL ; ungehindertes Vereinsrecht für die Beamten in Reichsbetrieben fordern 3 Resolutionen Hom­pesch Z ),Laltmann(wirtsch.Bgg. > undHeckscher ttrs.Bgg.); eine Denkschrift über die Emwanderung ausiändiicher Arbeiter wünscht eine Resolution Behrens (ro. Vgg.); eine gesetzliche Bestimmung, daß ein Deutscher seine Reichsangehörigkeit nicht gegen seinen Willen verlieren könne, fordern 2 Resolutionen Stör, ssüdd. Bp.) und Beck (ntl.). — Eine Resolution Brandys «Pole» ver­langt Einsetzung einer Kommission zur Untersuchung der politijchen Verhältnisse ber polnischen Bevölkerung. — Zwei Resolutionen Albrecht (S.) fort,ein Einführung be8 Reichswahlrechts in allen Bundesstaaten und Elsaß-Lothringen bezw. gesetzliche Regeln über bie Ausweisung.

Abg. Vonderscheer (Els. Ztr.) weist im An­schluß an die Resolution, die die Einführung beS Reich-Wahlrechts in allen Bunbesstaaten einschließ­lich Elsaß-Lüthringen fordert, auf ben verfassungS- rechtlichen Zustand Elsaß-LothringenS hin.. Heute jtehe im Vordergrund der politischen Ziele der Elsaß-Lothringer die Qualifizierung Elsoß-Loth- ringens zu einem Bundesstaat im Sinne der Reichsgesetzgebung. Redner begründete ausführ­lich die Berechtigung dieses Ziels und betont, daß ber Zweck der diesbezüglichen Anträge im Landesausschuß die Gleichstellung Elfaß-.Lothrin- gens mit den übrigen Bundesstaaten fei. Man wünsche keineswegs ein preußisches Kronland zu werden. , 1

Reichskanzler Fürst Bülow erklärt: Es mitß nachdrücklich angestrebt werden, die staatsrecht­liche Stellung Elsaß-Lothringens im Sinne einer Annäherung an die bundesstaatsrechtliche Verfassung auszugestalten. Ich bin mit den ver­bündeten Regierungen dieserhalb in Verbindung getreten und hoffe, daß die Verhandlungen zu einem Resultate führen, das den Wünschen der Ejjaß-Lothring'schen Bevölkerung entgegenkommt.

Abg. Beck-Heidelberg (nl.) begründet die von ihm eingebrachte Resolution.

Mg. Bebel (Soz.) vertritt die Resolution sei­ner Fraktion betr. gesetzliche Regelung der Aus­wanderung. Er hält dabei eine scharfe Anklage­rede gegen die preußische Polizei, in der er unter stürmischem Widerspruch der Rechten zu dem Ergebnis kam: Preußen ist ein Unglück für Deutschland! Als er dann das Verhalten der preußischen Regierung „schamlos" nannte, wurde er zur Ordnung gerufen. Sogar einen italie­nischen Sekretär der christlichen Gewerkschaften habe man ausgewiesen. Bebel kam bann auf das preußische Dreiklassenwahlrecht zu spre­chen: Seine Partei habe mit den Demonstratio­nen die Oeffentlichkeit auf die bedenklichen Zu­stände in Preußen hingewiesen. Das sei mit Er­folg geschehen. Die Welt wisie heute überall, daß die Zustände in Preußen noch schlimmer seien als in Rußland. Wenn Preußen an diesem Zustande festhalte, bann könne man noch etwas erleben. Tas deutsche Volk habe den Hohenzollern durch seine Haltung in den Kriegen ihre Stellung er­kämpft, und nachher habe es ben Kulturkampf und Ausnahmegesetze bekommen. (Lebh. Beif. bei den Soz.)

Abg. Naumann (fr. Vgg.) tritt dafür ein, daß der Beamte dieselbe Rechtsstellung erhalte, wie jeder andere Statsbürger. Insbesondere müsse er das VereinSrecht haben. Weiter verlangt Red­ner die Einführung deS Reichswahlrechts für Preußen und äußert dem Kanzler gegenüber in Bezug auf die Blockpolitik sein Mißtrauen.

Nachdem dann noch Abg. Dr. v. Dziembowskh (Pole) die Resolution Brandys begründet, ver­tagt sich das Harte.

Zur Geschäftsordnung gibt Abg. Gröber (Ztr.) folgende Erklärung ab:

„Es ist mir eine persönliche Ehrensache, meinen verehrten Herren Kollegen folgende Erklärung ab­zugeben: In bet Sitzung des Reichstages vom 19. März hat Abg. Erzberger in einer Rede über Kolomal- polstik gesagt: „Der Eingeborene ist auch ein Mensch, ausgestartet mit einer unsterblichen Seele und zu ber- selben ewigen Bestimmung berufen, rote wir." Nach Anführung dieser Worte hat ber, wie ich ausdrücklich hervorheben will, unkorrigierte amtliche stenogra phische Bericht verzeichnet „Unruhe und Zu­rufe von der Journalistentribüne, lebhafte ®ntrflfhing8tufe aus ber Mitte, Glocke des Präsi­denten". An diesen lebhaften EnlrüstungSrufen aus der Milte war auch ich beteiligt Das Gelächter von der Journalistentridüue war so auffallend, daß auch andere Kollegen den Eindruck gewonnen Haden, es han­dele sich um eine Verhöhnung des Inhalts der Ausführungen des Redners. Ich muh dem noch hinzu- sügen, daß ich selbst wenige Lage vorher, nämlich in der Abendsttzung vom 16. März, durch einen Zwischen­ruf von der Tribüne gestört worden bin. der vom Prä-

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 24. März 1908.

Als einziger Beratungsgegenstand_sieht auf der Tagesordnung die erste Lesung der s e f u n- därbahnvorlage. Tarin werden gefordert insgesamt 502 850 000 <At zum Neubau resp. Aus- bau von Eisenbahnen sowie zur Beschaffung neuer Betriebsmittel. .. . . ..

Eisenbahnminister Drettenbach begründete die Hohe ber dikschhrigen Eisenbahnvorlage mit der erfreu licken Steigerung bes Verkehrs, sowie md dem Untuanbe, daß man in früheren Jahren das Eisenbahnnetz nicht genügend ausge,raltet habe.

Für bie Konservativen und die Nationallibe- ralcn sprachen wieder die beiden Eisenbahnspezia- listen, die Abgg. b. Quast und Marco; bc.be hat­ten ihren ausführlichen Reden beim Eisenbahn- etat nur wenig hinzuzufügen. Vom Zentum jprach Herr Wallenborn; er war im großen und ganzen mit der Vorlage einverstanden und machte int einzelnen mancherlei VerbesscrungSvorfchläge.

Nachdem das Haus zunächst sich mit dem be­faßt hatte, was in der Vorlage enthalten war, wandte es sich dem zu, was in der Vorlage nicht enthalten war, was aber das Haus sehr a?rn in ihr gesehen batte. Begreiflicherweise erregte die- jer Teil der Debatte weit mehr daS Interesse ber einzelnen Abgeordneten, die mit großem Eifer die Wünsche ihrer Wahlkreise zum Ausdruck zu bringen suchten. 11. a. bedauert

Abg. Tourneau (Ztr.), daß das von den in­teressierten Kreisen fchon lange gewünschte Pro­jekt einer Bahn ti anteiligen ft abt nach hem Süden desEichsfelbeS noch nicht in bie- fer Vorlage vorhanden sei. Er bitte, daS Projekt wenigstens in die nächstjährige Vorlage einzu­stellen und die schon längst bewilligte neue Linie im Kreise Worbis endlich zur Ausführung zu bringen.

Abg. Kaute befürwortete den Ausbau der Bahn­projekte Eckweis bach-Hü nfeld-Schlitz, Lütte r- Poppenhaufen, HiIders-Wüstensachsen, Gersfeld-BischofSheim. Wenn auch nicht verlangt werden könne, daß die bezeichneten Pro­jekte sämtlich sofort zur Ausführung gelangen, so rechtfertigen die örtlichen und wirtschaftlichen Ver- hältniffe doch die Forderung, daß mit dem Ausbau einzelner Strecken sofort begonnen werde. Sonst fetze im Volke sich die Ansicht fest, daß der Staat kein Verständnis habe für die drückende wirtschaft­liche Lage der Rhön. Wenn in dieser Hinsicht ein Pessimismus bereite Platz gegriffen habe, so ent­behre derselbe keineswegs der Berechtigung. Der Staat möge den von der Natur wenig begünstigten Gegenden des Westens nicht vorenthallen, was er so bereitwillig dem Osten gebe.

Donnerstag: Weiterberatung.