Einzelbild herunterladen
 

Mldaer W Zeitung

_ „ <*«tk*a* ÄAex:^A*i;fxUA«»4<

wochenbeilage: „Illustrierte Zonntagzzeitung"

35. Jahrqansi.

Fulda, Dienstag den 24. März 1908.

JW 70.

a-eieiat#: V,e titt» fpalttgepetitzeileoder deren Saum 15 Pfg. Sellamendlepetitzelle 25 pfg., bei wieder- Holungen wird entspk. Rabatt gewährt.

Rotationsdruckund Verlag-er Fuldaer At»

deren Beseitigung eine liebliche Regelung nach hannoverschem Vorbilde erfolgen soll. Hiernach können, der „Franks. Ztg." zufolge, die Teilnehm- ungsrechte von Koppelfischereiberechtigten im Be­dürfnisfall auf ein bestimmtes dem rechtmäßigen Besitzstände entsprechendes Maß festgesetzt und be- züglich der Ausübung des Betriebes näher ge­regelt werden (örtliche Grenzen der Berechtrg, ung, Zahl der berechtigten Personen, zulässtge Fangarten und Fanggeräte usw.) Wertere Be­stimmungen betreffen die Regelung von Verpach- hingen der Koppelfischerei oder bei Nichtermgung der Berechtigten darüber die Bildung bestimmter Reviere für die einzelnen Berechtigten nach Ana- logie der Gemeinheitsteilung. Ausdrücklich wird ferner bestimmt, daß in Zukunft Koppelfischereren nicht mehr begründet werden dürfen.

was er ist, als eine Irrlehre. Aber wenn der Papst das tut, so wird er von derselben liberalen Presse beschimpft und angegriffen. Sonderbare Logik!

A Von der „Nebenregierung". Wenn im letz­ten Wahlkampfe den Gegnern des Zentrums der Witz vollständig ausgegangen war, donnerte man mit dem Pathos der vollsten sittlichen Entrüst­ung gegen die verwerfliche „Nebenregierung" des Zentrums. Damals mußte besonders Herr Roe- reit herhalten^der eine unerträgliche Nebenregie­rung in Kblou'ialdingen ausgeübt haben sollte. Hinterher wurde freilich festgestellt, daß er auf ausdrückliche t^irf forderung zum Kolonial­amt gekommen war und dort in der Sache Wi- stuba verhandelt^. Der Erbprinz zu Hohenlohe, der ehedem eine Art Herrschertätigkeit in Thü­ringen ausgeübt hatte und dort in seiner amt­lichen Tätigkeit wahrscheinlich von den Ministern

muß man doch auch dem Papste das Recht zuge­stehen, den Modernismus als das zu bezeichnen.

kämpft wurde. Darin heißt es: „Herr Pastor Axenfeld kam in seiner Predigt, wie mir

Lokales.

Fulda, 24. März 1908.

* Zur Landtagswahl. Wie das Freisblatt' hört, wollen die zum Block vereinigten Parteien wegen der Aussichtslosigkeit eines Erfolges von der Ausstellung eines Kandidaten abjehen.

icy Die St. Josephus - Krankenkasse (einge­schriebene Hilfskasie im katholischen Gesellen« hospitium dahier) hält ihre diesjährige ordent­liche Generalversammlung am Feiertag, Maria Verkündigung, Mittwoch, den 25. d. Mts. nach­mittags 2 Uhr ab. Außer den statuteng« mäßen Beralungsgegenständen steht auf der Tagesordnung noch ein wichtiger Punkt betr- Statutenänderung.

die neue Klasteneinteilung tatsächlich kommt, sst noch durchaus nicht sicher. Der Block hat wohl ire Verschleppung bei einem SDtner schon geneh- m DaS ist der Kern der unhaltbaren Situation, daß die Rechte des Volkes und seiner Teile nicht offen im Reichstag vertreten werden, sondern daß die Mehrheit beim Sekt und der Zigarre sich empfangen läßt und dem liebenswürdigen Plau- derer alle möglichen Zusagen gibt, mag auch der Beamte darben, der Mittelstand unter dem hohen Zinsfuß leiden und alles liegen bleiben.

Rur so fort! Die neue Mehrheit soll die Steuersuppe ausessen; sie hat sie sich eingebrockt. Wir haben es schon oft gesagt, wir würden es geradezu für ein parteipolitisches Unglück halten, wenn das Zentrum jetzt die Situation retten müßte: das wäre für uns schlimmer, als eine große Wahlniederlage. Das Experiment des Reichskanzlers muß ganz ausgekostet und aus- probiert werden: dann ist für das Zentrum die Zeit gekommen, wo es wieder an der Spitze ar­beiten kann. Die anderen Parteien haben so oft über die Unfähigkeit der Zentrumspolitik geschrieben; jetzt muß in die letzte Hütte die Er- kenntnis dringen, daß die konservative Paarung unhaltbar ist und daß das deutsche Volk not lei­det, wenn man das Zentrum ausschaltet.

Erst wenn diese Erkenntnis Gemeingut des deutschen Volkes geworden ist, erst dann ist unsere Zeit gekommen, früher aber nicht.

dem Zentrum unterhandele. Aus den vielen Zei- tnngsartikeln mußte jeder schließen, auf wen das gemünzt war. Die christlichen Arbeiter aber freuten sich, einen evangelischen Arbeiter — den einzigen — in den Reichstag zu bekommen. Herr Behrens erhielt dabei die Unterstützung seiner katholischen Kollegen ohne jede Gegenleistung."

*Eiu Entwurf betr. die Kovpelfischcrei im Regierungsbezirk Kassel ist dem Herrenhause zu­gegangen. Er entspricht einem vom hessen-nas­sauischen Provinziallandtage durchberatenen Ge­setzentwurf. Von den Wasserstrecken des Regie­rungsbezirks, in denen die Fischerei betrieben wird, unterliegen 351 Kilometer oder 11 Pro­zent der Koppelfischerei, d. h. der Ausübung meh­rerer Fischereiberechtigungen an derselben Ge- wässerstrecke gemeinschaftlich zustehenden Fischerei- becechtigung Bei dem Betrieb dieser Koppel­fischerei haben sich manche Mißstände ergeben, zu

- ,, , , . , . .. tienitruderei in Fulda

Moitakbeilage: „SllIbGCt Seschlchtsblatter Fernsprecher Rr.9.

Lrschewt täglich mit Ausnahme der Sottn« und Feiertage, viertel­jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda so­wie answärtr 1.50 LU.

verantw. Bebaktem:

«ari Schütter für di« Anzeigen:

Z.parzeller in Fulda.

Ausland.

♦ Die Reise Kaiser Wilhelms. Kaiser Wil- Helm wird am 25. März in Venedig eintreffen. Die Stadt rüstet sich, ihn würdig zu empfangen. Zahlreiche Gäste find schon erschienen. Englän­der zumal sind in ungeheuerer Menge eingetrof­fen. Das Bassin von San Marco bietet einen ungewohnten Anblick dar. Von der „Salute", deren Kuppel im Sonnenschein strahlt, bis zur Kirche der heiligen Helena, drängt sich hier Schiff an Schiff. Aus dem Gewirr, grau und düster gefärbten Kreuzer leuchtet die weiße „Hohen- zollern" hervor. Trotz aller Versicherung, daß die Zusammenkunft des Kaisers mit dem König von Italien nichts mehr als das Wiedersehen zweier guter Freunde bedeute, ist man in Venedig überall überzeugt, daß am 25. März schwerwie­gende Fragen der äußeren Politik ihrer Lösung näher gebracht werden sollen. — Auf Korftt wird der Kaiser nicht vor dem 7. April eintreffen. Im Schloß Achilleion wird emsig an der Fertig­stellung der Inneneinrichtung gearbeitet. Prinz Nikolaus von Griechenland traf selbst dort ein und inspizierte die für die kaiserlichen Aucko- mobiltahrten bestimmten Straßen. Das Schloß wird durch griechische Polizei streng bewacht und abgeschlossen.

* General Stössel im Gefängnis. Am Freitag wurde der von der Todesstrafe begnadigttz General Stössel zur Verbüßung seiner zehnjährigen Haft durch den Platzkommandanten nach der Peter Pauls- Festung abgesührt. Es zeigte sich, daß keine Zelle für Stössel frei war. Auch hatte der Platzkommandant nicht die vorschrifts­mäßige Kopie des Urteils bei sich, auf deren Verweisung der Festungskommandant bestand. Nach stundenlangem Warten wurde Stössel in einer acht Quadratmeter messenden Zelle neben Nebogatow untergebracht. Stössel hofft zuver­sichtlich darauf, daß sein Gesuch um volle Be­gnadigung bewilligt werden wird.

Deutsches Reich.

4- liebet die Modernisten fällt die liberale „Nationalzeitug" folgendes Urteil: Die römischen Modernisten find ihrem innersten Geist nach P r o- te staut en: aus den heimlichen Protestanten werden, wie die Dinge sich entwicklen, offene Protestanten werden. Sie müssen mit ihrer Kirche zerfallen und die Kirche muß ihnen die Türe wei­sen, solange sie über irgend eine Lehrautorität verfügt. Treten sie auf protestantischen Boden über, so sind sie innerhalb einer christlichen Kon­fession, in der die Lehre frei ist. Luther wollte nur an ein Gewissen gebunden sein und ließ auch die Bibel als Autorität nur soweit gelten, als sie mit feinem eigenen religiösen Empfinden in Einklang sei. Darüber hinaus gab er den robusten Rat, die Offenbarung des Johannes in die Elbe zu werfen als ein unnützes Buch, das nicht in die Bibel gehöre, und schalt er den Jakoberbrief als freier Christ eine stroherne Epistel. Diese Selb­ständigkeit jeder äußeren Autorität gegenüber, die den Menschen vom Papst und von der Kirche

so behandelt worden war, tote diese es ihrem Herrscher gegenüber gewohnt waren, sah sich als Kolenialdirektor auf einmal Leuten gegenüber, die vermöge ihrer gesellschaftlichen und parlamen­tarischen Position sehr wohl berechtigt waren, zu einem Kolonialdirektor nicht hinaufzublicken. Darüber Verschnupftsein und daraus wiederum Entwickelung einer Stimmung rm Kolontalamt, aus der dann Dernburg in seiner Bankdirektoren- Selbständigkeit den Entschluß zum „Aufstechen der Eiterbeule" herleitete. Man warf damals das Wort „Nebenregierung" zunächst wohl achtlos ms Publikum, aber die kenntnis- und gedankenlose Masse griff den Schlager auf und verwandte ihn mit innigstem Hasse gegenüber dem Zentrum, damals ist es überhört worden, aber nachher kam es dock' wiederholt auch in „nationalen" Blattern zum Ausdruck, daß die Art und Wesse, wie die konservativen Herren in den Ministerien und den Reichsämtern verkehrten, viel eher den Aus- druck „Nebenregierung" verdiente, als die harm­losen Verhandlungen, auf die sich Mitglieder des Zentrums jemals eingelassen haben, Jnsbeson- dere vom Abg. Arendt von der Reichsparter horte man ja damals allerlei interessante Sachen, wegen deren es übrigens in nächster Zeit noch verschiedene Prozesse geben wird. Besonders hef­tig beteiligte sich der brave Freisinn an dem Schreien über die „Nebenregierung" des Zen- trum8. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo man fragen darf: Was ist denn das, was der Freisinn gegenwärtig treibt, anders als Neben­regierung? Wenn das, was auf Norderney ge­schah, keine „Nebenregierung" war, wie soll man es denn nennen? Und beim Vereinsgesetz? Bülow hat die Führer des Blocks wiederholt zu Diners kommen lassen. Dort wurde dann unter Ausschluß aller anderen die Pplitik gemacht. Hin­ter verschlossenen Türen wurde ausgemacht, wie die Tinge im Reiche laufen sollten. Ist denn das etwas anderes als Nebenregierung?

0 Kanzel und Wahlagitation. Bei der Be­ratung des Reichstages über die Giltigkeit der Wahl des Abg. Becker-Arnsberg hat sich der Ge­schäftsführer des Evangelischen Bundes, Herr Everling, sehr lebhaft über die angeblich im Wahl­kreise Arnsberg-Olpe betriebene Wahlagitation der Geistlichen beklagt. Herr Gröber vom Zen­trum hat ihm bei der Gelegenheit ungeraten, doch vor der eigenen Türe zu kehren. Wie sehr das den Herren vom evangelischen Bunde anzuraten wäre, zeigt jetzt eine Entgegnung des Reichstags- abg. Burckhardt (christl.-soz.) im „Reich" zu der Wahl in Altenkirchen, wo der christlich-soziale Kandidat vom evangelischen Bunde heftig be«

(Es lebe der Block!

Keine Finanzreform, keine Beamtenaufbefser- ttng, keine Veteranenbeihilfe, keine Börsenreform, »eine Sozialreform, kein Kartellgesetz, her ein Vereinsgesetz mit dem 8 7 und auch etne Gnteig Uungsvorlage! Das sind bte Erfolge der Block ^fliiun halte man sich einmal vor Augen, welcher Jubel das „nationale Deutschland" vor dreizehn Monaten durchbrauste: da redete man von der goldenen Zeit und den herrlichen Tagen, die nun dnbrechen würden. Die „schwarze Gesellschaft fei endgültig ausgeschaltet, eine freie „nationale Politik werde getrieben; es schallte von allen Sei- ien: Hurrah die Paarung! Pfui Zentrum! .

Was ist erreicht? Gewiß das eine, daß bei den „nationalen Diners" beim , Reichskanzler kein Zentrumsabgeordneter dabei ist. Sonst noch etwas? Wir fragen jedermann: um was ist es denn bester geworden feit dem 13. Dezember 1906? Wir fragen deutlicher: wie viel schlech­ter? Dann erst, wenn man sich hierauf die Ant­wort gibt, wird man sich klar, welche Arbeit das Zentrum früher leistete, wo es unter schwierigeren Verhältnissen arbeiten mußte. Es ist doch offen­kundig, daß der Reichswagen nickt mehr vom Flecke geht, seitdem man das Zentrum ausgeschal- tet hat. Und habet arbeitet die neue Mehrheit unter viel günstigeren Voraussetzungen. Sie hat die ganze Huld des Kaisers, der diese Situation gewünscht hat; sie hat die gesamte Energie des Reichskanzlers auf ihrer Seite, denn dieser Be­amte ist mit der neuen Situation auf Gedeihen Und Verderben verbunden; sie hat die leitenden Staatsmänner auf ihrer Seite, denn wer auch nur objektiv über das Zentrum dachte (Studt, Posa» chowsky), der wurde ausgebootet und ein echter jBlockmann an seine Stelle gesetzt. All das sind Dunstige Momente, mit dem das Zentrum nie irechnen konnte. Und doch geht es nicht vom Flecke, doch herrscht Unsicherheit und Verdrossen­heit auf allen Seiten der neuen Mehrheit. Von einem freudigen Zusammenarbeiten keine Spur ttiehr; das Mißtrauen ist größer als je zuvor. Man muß nur die Blockbrüder unter sich beobach­ten; äußerlich tut man freundlich, aber wo es webt, kommt der alte Zwist um die Mandate zum offenen Ausbruch.

Staatsmänner, wie Frhr. v. Stengel, die kein ckeichtes Gewisten haben und es ernst nehmen mit ihrer Pflicht, scheiden aus dem Amte. Der Reichs- schatzsekretär ging nur deshalb, weil er die Ver­antwortung für die erbärmliche Finanzwirtschaft 'n übt mehr tragen wollte und konnte. Als er Heim Entlassung in Händen hatte, trank er in -größter Freude mit seiner Gemahlin eine Flasche Sekt' ein Alb war von ihm genommen und als feilt Nachfolger zur selben Stunde sich ihm vor- ftellte, da lud er ihn humorvoll zum Mittrinken b-n. Die Finanzlage aber ist es, die auf unser ganzes Erwerbsleben drückt, die den Zinsfuß in außerordentlicher Höhe hält und den Mittelstand f'btoer belastet. All das wegen der Erhaltung des Block. Und nun erst die Unzufriedenheit im Beamtentum! Solange das Zentrum mit am Buder war, konnten sich die Beamten darauf ver­lassen, daß die gemachten Zusagen auch gehalten worden sind. So hat es im Jahre 1906 die Auf­besserung der Unterbeamten erzwungen, so trat es seit 1902 immer für eine bessere Klassenein- jteilung der Orte ein und erreichte, daß diese mit «Wirkung vom 1. April 1908 ab zu erfolgen haben, während die Regierung bis 1913 alles beim alten lassen wollte. Nun naht dieser Termin, ober ob

und vom Priester hinweg auf die eigene Innen- Axenfeld kam in feiner Predigt, wie mir Welt und auf fein Gewissen verweist, ist der Pro-, von glaubtoürbic;er Seite mitgeteift worden ist, testantismus, — Wenn man dieser Ansicht ist, : und zwar am Sonntag vor der Wahl, auf die »...r. sßahH» sas «joAt ii.ao. WgWn 8U sprechen. Er warnte davor, einem

Wahlkandidaten eine Stimme zu geben, der mit

Im Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

30] (Nachdruck verboten.)

Mit einem Schreckensrufe fuhr die alte Frau aus ihrem Schlummer empor und eilte zitternd zur Tür, um zu öffnen, nachdem sie gefragt, wer draußen fei.

„Ich bin es, Großmütterchen", erwiderte Gae­tano, „öffne!"

„Gottlob!" flüsterte die Greisin, „es ist ihm also kein Unglück geschehen!"

Gaetano schlüpfte, in den dunklen Hausgang und schloß die Tür hinter sich, die er zu größerer Vorsicht auch noch verriegelte.

Das hatte er in den vielen Jahren, wo sie hier gemeinsam hausten, noch nie getan — wer hätte ihnen auch von ihrer Armut etwas nehmen sollen'

Mißtrauisch verfolgte die alte Frau das Tun des Enkels; dann fragte sie diesen:

„Sage mir, mein Kind, was ist geschehen, warum kommst Du so spät heim, ich habe mich schon Deinetwegen gesorgt, und was trägst Du da unter dem Arme?"

Gaetano war in das Zimmer getreten und legte seine kostbare Last auf dem Tische nieder.

„Ich hatte Geschäfte", fagte er kurz, „dringen­de Geschäfte, die uns viel einbringen werden."

„Und was ist das?" wiederholte die Alte be­harrlich, auf das Paket weisend.

„Tas ist ein Depositum — ein sehr kostbares Depositum, horst Du, Großmutter, es gehört -war nicht mir, wird jedoch unser Glück begrün­den."

„Erkläre mir doch —"

, »Später — später sollst Du alles erfahren, jetzt gib mir etwas zu essen, wenn Du ein Mahl gufcereitet hast, denn ich habe Hunger und muß Dlerch wieder fort."

„Ick hole Dir gleich Dein Essen, es wird noch warm sein."

Die alte Großmutter trippelte davon, in der hausfraulichen Sorge hatte sie sogar ihre Besorg­nisse vergessen.

Gaetano zog das Kästchen zu sich heran, öff­nete es und entnahm dem Schatze, den Basileo durch dreizehn Jahre so liebevoll gehütet, nach kurzer Musterung einen einfachen goldenen Ring mit einem wertvollen Steine. Ten wollte er zuerst in unauffälliger Weise zu Gelde mache», um der ärgsten Not im Hause abzuhelfen.

Tausend Gedanken und Pläne kreuzten sein Hirn, einem Trunkenen gleich war er durch die engen winkeligen Straßen heimgeeilt, den Schatz fest unter den Arm gepreßt und besorgte Blicke um sich werfend, wenn ihm jemand begegnete oder er Tritte hinter sich vernahm.

Jetzt hatte er gerade nur Zeit, den Ring in die Tasche zu schieben und die Kassette wieder mit dem Tuche zu verhüllen, als die Großmutter er­schien; sie trug eine irdene Schüssel in den Hän­den, die sie lächelnd vor Gaetano auf den Tisch setzte.

„Das ist eine kleine lieberraschung", sagte sie dabei, „die ich Dir bereitet habe, indem ich feit acht Tagen mein Morgenbrot mir absparte; sieh nur her, es sind Bohnen mit Speck, ein leckeres Mahl, nicht wahr? Iß nur alles auf, guter Gae­tano, denn da Du gar solange ausbliebst, habe ich mein Teil schon verzehrt. Du weist, wenn ich so lange faste, werde ich schwach und eine Ohn­macht wandelt mich an, — kein Wunder, zähle ich doch schon mehr denn achtzig Jahre!"

Gaetano hatte den Löffel beiseite gelegt, Trä­nen füllten feine Augen und er schluckte heftig, es war ihm, als ersticke ihn diese seine Lieblings- speise, welche die arme alte Frau durch das Opfer ihres Frühbrotes ihm bereitet hatte. So viel Entsagungsmut, so viel fromme Ergebung — aber das sollte jetzt vergolten werden, die Lei­denszeit hatte jetzt ein Ende und die Greisin würde noch bessere Tage sehen.

„Freue Dich mit mir, gute Großmutter", sprach der junge Mann innig, „bald werden wir dieses ärmliche Quartier verlassen und gegen helle, luftige Zimmer vertauschen, wie Du sie Dir stets gewünscht hast, und bann wirst Du jeden Morgen eine große Tasse guten Kaffee mit frischem Weißbrot bekommen, wie Du es liebst und zu Mittag Fleisch, und auch für einen Krug Wein soll es reichen —"

„Aber Gaetano!" rief das alte Mütterchen, die Hände zusammenschlagend, „bist Du denn narrisch geworden, oder hast Du ein Glas Wein getrunken? — ich weiß mir das nicht zu erklä­ren, aber Du ängstigst mich mit Deinen Reden und dabei genießest Du nichts." -

Mehr um der Großmutter einen Gefallen zu tun, als weil er Hunger verspürt hätte, genoß Gaetano einige Löffel von der bereits erkalteten Speise, wobei die alte Frau ihn mit nachdenklicher Miene betrachtete. Er bemerkte es nicht, denn seine Gedanken weilten noch bei den letzten Er­lebnissen im Hause des Notars; unwillkürlich sah er nach dem Schatze hin und seine Blicke be­gegneten denen der Großmutter.

„Also das ist ein Depositum", meinte gedehnt die alte grau.

„Ja, hüte es wohl, es sind große Kostbarkei­ten in diesem Kästchen."

„Und ich soll sie hüten?"

„Nur für kurze Zeit, so lange ich abwesend bin."

„Tu willst wieder sortgehen?"

„Ich muß, doch werde ich nicht lange wegblei- ben, morgen schon treffen wir Anstalten, dieses Haus zu verlassen, vielleicht sogar Neapel."

„Gaetano, wenn Du nicht scherzest, so erkläre mir dieses Rätsel."

„Jetzt nicht, aber ich verspreche Dir, daß Du alles erfahren sollst; fei nur guten Mutes, wir sind geborgen."

„Der Atem der Greisin ging schwer, sie kämpfte mit einem Entschlüsse, endlich trat sie

dicht vor den Enkel hin und sprach mit feierlicher Stimme:

„Kannst Du mir schwören, daß Du kein Un­recht begangen hast?"

„Ja, das kann ich, Großmutter, im Gegenteil, ich glaube, ein Unrecht gestraft zu haben."

„Und der Reichtum, von dem Du fabelst?"

„Ich habe ihn durch keine gesetzwidrige Hand­lung erworben!"

Gaetano senkte den Blick, als er diese aus­weichende und etwas zweideutige Antwort er­teilte.

Die Großmutter schwieg und er machte sich zum Ausgehen bereit, denn er wollte den Ring veräußern, um bares Geld in der Hand zu haben.

An der Tür wendete er sich noch einmal um und sagte hastig:

„Ehe ich es vergesse, Großmutter, öffne um Gotteswillen niemand die Tür, am allerwenig­sten aber meinem Prinzipal, dem Notar Basi­leo —"

„Aber wenn er nach Dir fragt und Dich er­warten will, kann ich ihm doch nicht die Tür weisen?"

Gaetano besann sich einen Moment. Sollte er der alten Frau die Wahrheit sagen? Sie würde dann sicher auf ihrer Hut gewesen sein. Aber nein, das würde jetzt zu weit führen und lange Auseinandersetzungen geben; wenn er heimkehrte, dann war Zeit dazu, es gab noch einen anderen Ausweg, um sich vor einem Ueberfall zu sichern.

„Gib mir den Hausschlüssel, Großmutter, ich schließe hinter mir zu, und sollte jemand kom­men, dann brauchst Du nicht zu lügen, wenn Tu sagst, daß es Dir unmöglich gemacht ist, zu öff­nen."

„Schon gut, hier ist der Schlüssel, es ist auch besser so", meinte die Greisin.

Gaetano sagte ihr schließlich Lebewohl und eilte fort; sie blickte ihm nach, ohne sich von ihrem Platze zu rühren, dann seufzte sie tief auf, Fortsetzung folgt)