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M 61.

Zweites

l wider den sozialen Frieden.

Nachdem sich vor einigen Tagen der Verein Deutscher Arbeitgeberverbände mit dem Arb ei ts- fammergesetzentwurf beschäftigt hat und zu einem ablehnenden Resultat gekommen ist, tritt nunmehr der Zentralverband Deutscher Industrieller auf den Plan, um in gewohnter Weise gegen den Entwurf Sturm zu laufen.

( Der Verband hat dies.r Tage in einer Dele­giertenversammlung in Berlin den Stab über -den Entwurf gebrochen und sich beeilt, das Direktorium des Verbandes zu beauftragen, sich mit der Bitte an die verbündeteu Regierungen zu 'wenden, dem Arbeitskammergesetzentwurf die Zu­stimmung zu versagen und ihn nicht weiter zu verfolgen. Zu diesem Entschluß sind die Herren (ra$ einem Referat gekommen, das der bekannte Generalsekretär Bueck ihnen hielt. Bei der «Stellungnahme, die dieser Herr gegenüber unserer Sozialresorm bisher immer wilder bekundete, 'dürste wohl niemand angenommen haben, daß er den Entwurf auch nur zur »Erwägung- empfohlen haben würde. Insofern kommt al o der Beschluß des Zentralverdands Deutscher In­dustrieller nicht überraschend.

i Herr Bueck ist Gegner aller paritätischen Ein- irichtung auf sozialem Gebiet und deshalb be- , merkte er auch zu Eingang seines Referats, daß der Verband vielleicht auch seine Stellung zu den 'Gewerbegerichten revidieren müßte. Was nun den Arbeitskammergesetzentwurf anbetrifft, so er­kannte Redner zutreffend an, daß dem im Ent­wurf vorgesehenen Wahlmodus entsprechend die Arbeitsausschüffe obligatorisch gemacht werden müßten, betonte aber, daß dies gerade vom Zentl aloerband bekämpft werde. Obgleich nun in dem ganzen Gesetzentwurf die gewerkschaft- sichen Organisationen der Arbeiter vollständig ignoriert sind, erklärte Herr Bueck, auch bei jedem anderen Wahlmodus würden die Arbeits- kammern der Tummelplatz der von sozialdemo­kratischen und anderen Arbeiterorganisationen ausgehenden leidenschaftlichen politischen und so­zialen Kämpfe sein. AuS der Tätigkeit der Kammer würde mehr Kampf als Friede heraus­kommen, da sich in der praktischen Arbeit meist Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitern zeigen würden. Diese sozialpolitische „Weisheit" erhält a1 er auch noch dadurch eine besondere Illustration, daß Herr Bueck erklärte, höchst be­dauerlich sei die Anrufung der Arbeitskammern als Elnigungsamt.

> In dieser Erklärung offenbart sich wieder einmal mit aller Schärfe der vom Zentralver- band deutscher Jndustieller vertretene „Herrn im Hause-Standpunkt", aus dem heraus auch Herr Bueck weiter erklärte, es liege überhaupt ein Be- dürsnir zur Errichtung von neuen besonderen Organen zur Vertretung der Interessen der Ar­beiter nicht vor.

Zum Schluß erklärte der Referent, eine Be­rufung auf die kaiserliche Botschaft von 1890 halte er für verfehlt, weil sich die Ver- hältnisfe in den verflossenen 18 Jahren voll­ständig geändert hätten. Die kaiserliche Botschaft

Fulda,

von 1890 würde als glänzendes Zeugnis für den jungen Kaiser unvergänglich in der Geschichte fortleben, aber sein scharfer Verstand würde ihn wohl erkennen lasten, daß die gänzlich geänderten Verhältniste etwas anderes erfordern, als die Ausführung der damals zu Recht erkannten Ab­sichten.

Für diese Ausführungen fehlt unS der parla­mentarische Ausdruck. Versprechen haben nur dann einen Wert, wenn sie gehalten werden, und der Entwurf des Arbeitskammergesetzes, aus besten Mängel wir wiederholt hinwiesen, bildet die Einlösung eines Versprechens, aus das die Arbeiterschaft lange genug gewartet hat. Wir sind im Gegensatz zu Herrn Bueck der Meinung, daß sich gerade durch die veränderten Verhältniste die Notwendigkeit der Schaffung von Arbeitskammern gezeigt hat. Wer den sozialen Frieden will, der muß auch die Insti­tutionen wollen, von denen man eine Förderung dieses kostbaren Gutes erhoffen darf. Gewiß werden sich in den Arbeitskammern hier und da Gegensätze zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zeigen. Aber gerade die Arbeitskammern sollen ja dem Ausgleich dieser Gegensätze bienen.

Der Zentraloerband deutscher Industrieller ist gegen Tarife; er ist gegen die obligatorische Einführung der Arbeilerausschüste und jetzt hat er auch mit aller Deutlichkeit seine Ferndschast wider die Schaffung von Arbeitskammern an den Tag gelegt. Das ist gewiß konsequent, aber wer in dieser Stellungnahme und in ihrer Wirkung auf die Arbeiterschaft eine Förderung des sozialen Friedens sehen wollte, der befände sich in einem bedauerlichen Jirtum.

Ausland.

* Ablehnung des russischen Flottenprvgram- mes. Bei der Beratung des Flottenbaukredits in der Landesverteidigungskommission der Duma wurde unter anderem beschlossen, die K r e d i r e für den Bau neuer Linienschiffe für das Jahr 1908 a b z u l e h n e n, die Kredite für die im Bau begriffenen Schiffe sowie für Artillerie, Torpedoboote, Unterseeboote und Flottenbasen zu bewilligen und dem planmäßigen Wiederauf­bau der Flotte bloß bei voller Reorganisation des Marineministeriums und bei gesetzlicher Festsetz­ung des Bauprogramms auf mehrere Jahre näherzutreten. Die Ablehnung des Baues der Linienschiffe für das Jahr 1908 erfolgte mit 19 gegen 14 Stimmen bei einer Stimm­enthaltung. — Ter Konflikt mit der Duma, die durch ihre Abstimmung bewiesen hat, daß sie Kulturaufgaben höher wertet, als die Forderun­gen des Militarismus, ist da. Höchstwahrscheinlich wird jetzt auch die dritte Volksvertretung dem Schicksal der Auflösung verfallen.

Aus dem Nachbargebiete.

* Witzenhausen, 19. Mürz 1908. Nach einer hier eingegangenen Nachricht ist der Bruder des hiesigen Polizeisergeanten Jankow, Karl Jankow, welcher bei der Schutztruppe in Südafrika stand, auf einem Patrouillenritt gegen die Hotten­totten erschossen worden.

* Marburg, 19. März 1908. Ein größerer Wur st dieb stahl wurde bei einem hiesigen Metzger ausgeführt. Wie man hört, ist etwa 1 Zentner Wurst verschwunden.

den 20. März 1908.

* Duderstadt, 19. März 1908. Ein tragi- komischer Vorfall wird aus dem Dörfchen Seeburg im hiesigen Kreise wie folgt berichtet. Kam da jüngst ein 67jähriger Landwirt aus der Schenke nach Hause, ein wenig angeheitert, aber sonst guter Tinge. Zu Hause angekommen, ber- sucht er lange Zeit vergeblich, das Schlustelloch der Haustür zu finden. Die betreffende Tur gibt aber endlich nach und er gerät in einen dunklen Gang, der ihm beim Vorwärtsschreiten immer enger zu werden dünkt. Mutig strebt der Wackere jedoch sich durch das Hindernis hindurch zu zwän­gen, endlich aber geht's nicht weiter, und der Äcrmste bleibt in dem Gange festgekeilt stecken. Etwa zwei Stunden später passiert der Nacht­wächter des Torfes die Stelle, hört ein ängstliches Stöhnen und beleuchtet den „Fall" einmal näher, da findet er den braven Zecher in dem Gange zwischen seinem und dem Nachbarhause derartig festsitzend, daß cs weder ein Vorwärts noch Zu­rück gibt. Die Mauer des Nachbarhaiises inufete zum Teil eingerissen werden, ehe der Wackere be­freit war. Die unfreiwillige Durchschlnpfaffare ist demselben übrigens schlecht bekommen und er liegt zur Zeit an den Nachwehen erkrankt rm Bett

* Bebcrbeck, 19. März 1908. Im hiesigen G cftüt kommen nach einer Meldung der ,M>md. Nachr.' in diesem Jahre nur tote Fohlen zur Welt, oder sie sterben gleich nach der Geburt, wodurch ein ungeheurer Schaden dem Staate ent- siebt. Die Ursache kennt man nicht.

'*■ Mainz, 19. März 1908. Der Küfer Jakob Rößler in Planig wurde wegen Wein fälsch- u n g.zu sechs Wochen Gefängnis und 1000 Jl Geldstrafe verurteilt, der Landwirt Ahr in St. Johann wegen des gleichen Vergehens zu 1000 M Geldstrafe.

Vermischtes.

* Wegen Beleidigung drr preußischen Schntz- mannschaft und des preußischen Richterstaildes, begangen durch einen Artikel „Uniformierte Be­stien" in der „Görlitzer Volkszeitung", verurteilte die Strafkammer in Görlitz den Redakteur Fleiß- nec (Dresden) zu sechs Monaten Gefäng- n i s. Der Mitangeklagte Redakteur Taubadel wurde freigesprochen.

* Ein rabiater Bettler. Ein Landstreicher, der bei dem Propst Stefanski in Gnesen um ein Al­mosen vorsprach, wurde von der Wirtschafterin abgewiesen. Darauf zog er sein Messer und drang auf die Frau ein. Der Probst wollte ihr zu Hilfe eilen, obere beide wurden von dem Bettler durch Messerstiche schwer verletzt. Die Polizei hat den Attentäter bereits gefaßt.

* Der Marienburger Bankkrach, der unt die Mitte des vorigen Jahres in ganz Deutschland so großes Aufsehen erregte und der mit seinen finanziellen Wirkungen den Fall Friedberg bei weitem übertrifft, beschäftigt sich jetzt das GHun­ger Schwurgericht. Unter der Anklage des be­trügerischen Bankrotts, der Unterschlagung und der Untreue haben sich der Bankdirektor Wölke und sein Prokurist Schneider zu verantworten. Zu den Kunden der Bank gehörten hauptsächlich Landwirte, Fabrikanten, Kaufleute und Hand­werker, aber auch arme Witwen, die ihre erspar­ten Groschen im Vertrauen auf die Solidität des Instituts dort hinterlegt hatten. Ferner besorg­ten Richter und Rechtsanwälte bei der Marien­burger Privatbank ihre Geldgeschäfte. Auf die Bevölkerung Ost- und Westpreußens hatte die Nachricht von den Betrügereien Wölkes geradezu niederschmetternd gewirkt. Eine arme Braut verlor 1000 dl, die sie sich für die Aussteuer er-

35. Jahrqanq.

spart hatte. Ein greiser Polizeisergeant verlort seine geringen Ersparnisse, ebenso eine Witwe, die, um ganz sicher zu gehen, ihr Geld dem Direk­tor Wölke persönlich übergeben hatte. Auch einige Lehrer und kleinere Beamten verloren ihre ge­samten mühsam zusammen gesparten Mittel. Weitere Leidtragende waren die Fleischer innung von Maxienburg mit 45 000 dl, zahllose Rentner mit Einzahlungen von 40 000 dl und mehr, die Stadt Marienburg selbst mit 400 000 dl, die Elbinger Reichsbank und verschiedene industrielle Werke, sogar eine Krankenhausstiftung. DaS traurigste dieses Zusammenbruchs sind mehrere Selbstmorde, die er im Gefolge hatte. Noch m diesen Tagen hat ein Elbinger Kaufmann, der durch die Katastrophe zu einem armen Manne geworden war und einen fälligen Wechsel nicht einlösen konnte, in der Verzweiflung seinem L» den ein Ende gemacht.

* Der Mord des Somnambulen. Mit einem tragischen Fall von Somnambulismus hatte sich kürzlich das Schwurgericht in Washington zu be­schäftigen. Ein Regierungsbeamter, der schon seit seiner Jugendzeit mondsüchtig, ist, batte sich einen Revolver gekauft, den er bei Nacht unter das Kopfkissen legte. Hollis ist einer der besten Pistolenschüßen Washingtons und eines dec be­kanntesten Mitglieder des Revolverklubs. Vor kurzem mußte Frau Hollis vor Tagesanbruch aufstehen, um ihr Kind, das in seiner Wiege laut weinte, zu beruhigen. Als die Frau zurückkehrte,! sprang ihr Mann plötzlich auf, ergriff den Revol-' ver und feuerte auf sie einen Schuß ab; daS alles tat er, ohne aus demSchlaf zu erwachen« Die Mutter der Frau Hollis eilte aus dem Neben­zimmer herbei und sah, wie ihre Tochter sich im Todeskampfe an das Bett klammerte; die Aermste konnte nur noch sagen, daß ihr Mann sie getötet habe; dann verschied sie. Hollis konnte ans dem somnambulen Zustande, in dem er sich befand, nur mit Mühe geweckt werden. Als er erfuhr, daß er der Mörder seiner Frau geworden sei, war er so verzweifelt, daß er zweimal den Ver­such machte, sich das Leben zu nehmen. Die Ge­schworenen sprachen den Angeklagten frei. Gegen­wärtig wird Hollis im Hospital behandelt.

— Der strenge Winter. Pantoffelheld: „Heute ist der dritte März, da hat sie mir mal wieder Den Hausschlüssel gegeben, den ich seit Oktober nicht mehr halle; auf so einen strengen Winter kann ich mich schon lange nicht erinnern!* >

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F oulard-Selde <» m.,.

— Zollfrei 1 — Master an Jedermann. —

Henneberg, alt Seidenfabrikt, Zürich.

Nun bin ich mit meinem Latein am Endel ♦ Mein Katarrh hat sich in Permanenz erklärt und alle Mittel wollen nicht Helsen. Geschwitzt hab ich, Tee hab ich getränten. Bonbons gelutscht, ♦ daß mir ganz elend im Magen wurde — und der Katarrh ist immer noch da. — So, haben Sie's denn aber auch mit Fays ächten Sodener ♦ Mineral-Pastillen versucht? Ich sage Ihnen, die räumen mit so einem Katarrh auf, daß eS eine Stuft ist, und sie schaden nicht etwa dem ♦ Magen, sie neutralisieren die überschüssige Säure. Wer Fays ächle Sodener nimmt, fühlt sich wohl! Zu haben für 85 Pfg. bie Schachtel; ♦ in jeder Apotheke, Drogerie und Mineralwasser- Handlung. Man weise aber jedwede Nach­ahmung ganz entschieden zurück.

Waffen.

Lon I. Wiedenfeld.

(Nachdruck verboten.)

„Homo inermis" „der unbewaffnete Mensch" nannte LinnS den Menschen, als er allen lebenden Wesen einen Pnssenschaftlichen Namen gab. Un­bewaffnet erscheint in der Tat der Mensch ton Natur aus gegenüber den meisten Tieren, denen die Natur zur Verteidigung wie zum Angriffe verschiedene Waffen: Gebiß, Tatzen, Hufe, Kral­len, Hörner, Stacheln, Gift usw. gegeben hat. All diese Waffen sind dem Menschen versagt; er besitzt nicht die Kraft des Löwen noch die Ge­wandtheit und das Gebiß des TigerS; er kann nicht fliegen wie der Adler, nicht rennen wie das Reh, nicht schwimmen tote der Fisch; im Natur­zustand« hatte er nur seine Fäuste und — waS bet zornigen Megären heute noch als Waffen gilt: die Nägel und die Zähne. Hatte der Mensch aber keine Krallen wie der Tiger, keine Pranken wie der Lowe, keine Stoßzähne wie der Elephant keine Hörner wie der Stier und keine Hufe wie das Pferd, so hatte er Geist, Vernunft und Erfindungsgabe. Von allen Seiten sah ?r. fidjfcebrängt: die wilden Tiere zerrissen ihm sein Vieh oder gar ihn selbst, andere böse Men­schen verfolgten ihn, und somit mußte er auf Schutzmittel sinnen und fertigte sich Waffen, die ursprünglich in Steinen und Baumästen bestanden; diese sind ja auch heute bei manchen rohen Menschen noch nicht außer Kurs gekommen, während die gesitteten mit dem „Ehrenkodex", Degen und Pistole aufeinander losgehen. Tie ersten Waffen waren ohne Zweifel Verteidigungs­waffen; aber wenn man einmal Waffen hat, gebraucht man sie, wenn man sich stark genug Tuplt, aucki nia Angriffswaffen, wie dies jüngst tn Asien bewiesen haben. Da Hand geschlenderte Stein keine hat und nicht weit fliegt so Riemen, die man aus Tier- .die Schleuder war fertig; icht splittert, so schuf man sich

Aexte aus Stein, und später, als Tubalkain das Eisen erfand, solche aus Eisen. Sobald der Mensch das Eisen kannte, hatte er eine furchtbare Waffe, fest, scharf, nicht leicht zerbrechlich, und mit diesen Waffen (Lanzen, Speeren und Mes­sern) konnte er den Königen der Wildnis ent- gegentreten. Der Wurfspieß streckte den Löwen im Sprunge zu Boden und bohrte sich in das Herz des Tigers. Mit der Eisenkeule zerschmet­terte der Mensch den Schädel des Bären und mit der Lanze spießte er den Leoparden. Hierzu war freilich persönlicher Mut, Kraft und Gewandtheit erforderlich; der Mensch sann demnach, um sein eigenes Leben nicht unnötiger Weise auf's Spiel zu setzen, auf Waffen, die es ihm ermöglichten, aus der Ferne und vom geschützten Standpunkte aus das Wild oder den Gegner zu erlegen; er nahm kleine, spitze Eisen und biegsame Stoffe (Rinde, Rohr, Fischgräten, später Stahl) und schnellte von diesen die Eisen ab; so entstanden die P f e i l b o g e n und Armbrüste. In allen weittreffenden Waffen, also den Wurfgeschossen, liegt eine gewisse Hinterlist und Heimtücke, des­halb hat die Mythologie der Griechen sinniger Weise auch dem bösen Gotte Amor Pfeil und Bogen in die Hand gegeben, dessen vergifteter Pfeil mit Widerhaken ist die schlimmste Waffe, die es auf Erden gibt, weil oft genug die Wunden nimmer heilen, und dabei ist der böse Patron so unersättlich, daß er die ganze Welt anschiebt und keinen Menschen, sei er weiß oder schwarz, Fürst oder Knecht, Kaiserin oder Magd, unverschont läßt. Sollte man dem geflügelten Burschen das gefährliche Spielzeug nicht abnehmen?

Die genannten Waffen bildeten, mehr und mehr vervollkommnet, im ganzen Altertum, bis ms Mittelalter hinein, die einzigen Objekte für Angriff und Verteidigung; es waren Lanzen, spieße, Schwerter, Dolche, Keulen, Pfeile, Schleu­der, Morgensterne; mit ihnen wurde der trojani- fche Krieg, die Kriege der Perser, Scythen und Egypter geführt; mit ihnen schlugen sich die Athener und Spartaner die Schädel entzwei, und mit ihnen eroberten die Römer die Welt. Da­mals dampfte und donnerte es nicht auf den

Schlachtfeldern, daß man nichts mehr sah und hörte, und damals gab es auch noch keine Massen- massacres wie heutzutage mit Kartätschen und Kleinkalibrigen, sondern der persönliche Mut kam zur Geltung. Eine totale Umgestaltung trat erst ein, als man im Mittelalter das Pulver er­fand; es war ein Glück für die Menschheit, daß die Chinesen, die schon zweitausend Jahre früher das Pulver erfunden hatten, die Erfindung nicht über die Grenzen der chinesischen Mauer hatten hinauskommen lasten. Von all' den großen Er­findungen der letzten sechs Jahrhunderte (Buch­druckerkunst, Dampfkraft, Elektrizität rr.) ist die Erfindung des Pulvers am wenigsten erfreulich, denn sie schuf die Massenmorde, den modernen Militarismus, die stehenden Heere und — die hohen Steuern und Defizits, und gegen diese Nachteile ist der Vorteil, den das Pulver durch Aufhebung der Raubritternester und als Spreng­material in Bergwerken gebracht und bringt, doch verschwindend klein. Zudem haben wir jetzt statt der mittelalterlichen Raubritter in Erz und Eisen solche in P a p i e r, und diese sind noch viel schlim­mer. Mit dem Pulver wuchsen neue Waffen aus der Erde: Feldschlangen, Kanonen, Gewehre, Flinten, Pistolen, Revolver und wie die modernen Mordinstrumente alle heißen mögen. Es ist charakteristisch für unsere Zeit, daß sie allen Scharfsinn und fast die ganze Steuerkraft der Volker an die größtmögliche Vervollkommnung der Waffen seht, und so entstanden statt der alten Steinschloß, und Perkussionsgewehre die Zünd- nadel-, Mauser- und Chassepotgewehre, die Hin­terladerkanonen, die Riesenmörser, die schweren Schiffs- und Festungsgeschütze, deren jeder Schuß etwa 3000 Mark kostet; die Panzerkolosse mit ihren 20 Zoll dicken Stahlplatten, die Torpedos und wie diese dem Massenmorde dienenden Höl» lenmaschinen mit ihren Kartätschen und Grana­tenladungen alle heißen mögen. Heutzutage spielen die Waffen nicht bloß eine große, sondern die Hauptrolle, und mit Recht hat man unser „humanes" Jahrhundert das „Jahrhundert in Waffen" genannt. In manchen Staaten blicken die Leute, welche Waffen tragen, sogar gering­

'7'*’ Japaner ober der mit der ; sonderliche Kraft r£te *^n. ihn in feHen schnitt, und Md da ein Ast l«

schätzend auf die herab, welche keinen Bratspieß an der Seite tragen. Ganz Europa starrt in Waf­fen; überall blitzen Kanonenrohre, Bajonnett« und Helmspitzen, und wenn das so voran gef& dann wird schließlich der Nährstand noch vom Wehrstand verschlungen. j

Eine scharfe, furchtbare Waffe, die oft mel)e.

weh tut als Dolch oder Kugel, ist die Fede Früher, als man auf italienische Holztafeln, auf Pergament und Papyrusblätter fcfjrteb, war di« Feder ein Stift, später ein Gänsekiel und heut« ist sie ein kleines Stückchen Stahl, spitz und zier­lich. Aber in dieser kleinen zierlichen Spitze liegt eine Macht, vor der sich Fürsten und Staats­männer beugen — die sechste Großmacht Europas Die Feder kann viel Gutes, aber auch viel Unheil anrichten; sie kann ganze Völker gegeneinander hetzen, lügen, verleumden, die Ehre abschneiden. Sie kann Gott lästern und Millionen Menschen den Glauben aus der Brust reißen. Ein guter Mund kann zu 2—3000 Menschen sprechen, eine Feder zu Millionen auf Jahrhunderte, Jahr­tausende hinaus. Eine verabscheuungswürdige Waffe ist die Feder in der Hand feiler, käuflicher« schmutziger Subjekte, die mit ihrer Feder die Hei­ligkeit der Religion besudeln, den Frieden bet Konfessionen stören, die Gemeinheit in das Ge­wand prickelnder Pikanterien hüllen oder nackt auftragen, die Unschuld vergiften, d<en blöden Massen ober den Mächtigen der Erde Weihrauch streuen und winselnd vor ihnen auf dem Baucht kriechen. Menschen, die ihre Feder verkaufen, sind elender als solche, die ihren Leib verkaufen, und Lumpen, die ihre Feder nur dazu mißbrau­chen, um Niederträchtigkeiten, Lügen, Bosheiten und persönliche Gehässigkeiten in die Welt zu setzen — es gibt solche Burschen in Hülle und Fülle — sollten ausgepeitscht werden.

Aber edel ist die Feder, die mit Entschieden­heit und Offenheit, ohne Furcht vor dem Polizei­stock und dem Stirnrunzeln Mächtiger für Recht und Wahrheit eintritt. Sie erbebt und belehrt, sie tröstet und stärkt, sie wirkt erbauend und sitt- sich veredelnd und bewährt sich so als die Waffe des Guten und der Tugend.