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Fulda, Donnerstag den 19. März 1908.

jvs 66.

Äitjelgt«: We di fpaltig« PctrtzcUr oder deren Kaum 15 Psg. Leklameudrepelitjeile 25 psg., bei Wiede» hoilingen wird «nlspr

Habati gewährt.

Lotatlonrdruckunh Verlag der Zuldaer SL tienüruckcrek in Zul-L Fernsprecher vr.9.

Gesichtspunkte seien maßgebend gewesen, sondern verfassungsrechtliche.

Abg. v. Kessel (k.) fordert eine Novelle zürn Kreisabgabengcsev, um klarzustcllen, wie wert die Einkommen der Gemeinden zu den Kreissteuern herangezogen werden können.

Abg. Kirsch (Ztr.) erörtert dre Ein gemem- dungssrage und fährt fort: Tie Regierung soll eine Vorlage in Aussicht genommen haben, welche daS Kommunalsteu-'rvrivilcginm der Be­amten oufhebt. Ich richte an den Minister die Bitte, wenn der Finanzministe" die Aufhebung des Privilegs vorschlägt, dafür zu sorgen, daß in den alten Städteordnungen und Genrrindcord- nungen die veraltete Bestimmung aufgehoben wird, daß Beamte, Lehrer und Geistliche kern pas­sives Wahlrecht haben. Wenn nämlich die Steuer von allen gleichmäßig erhoben wird, muh auch für alle das gleiche passive Wahlrecht bestehem (Beifall im Zentrum.)

Abg. Ourhl (k.) polemisiert tn längerer Rede gegen die Freisinnigen und provoziert dadurch eine Reihe persönlicher Bemerkungen zwischen Abgeordneten der Rechten und der Linken.

Abg. Graf v. Spe« (Ztr.) bedauert, daß tn dem Ouellenschubgesetz keine Entschädigung fest- gesetzt sei für entgangenen Gewinn.

Abg. b. Strombeck (Ztr.) tritt dafür ein, Mer- sterkurse auch an kleineren Orten mehr als bis­her abzuhalten.

Abg. Tourneau (Ztr.) begrüßt es, daß fettens der Regierung an Handwerkervereinigungen Ar­beiten in größerem Umfange direkt vergeben wer­den. Wenn dies nicht noch mehr geschehe, so liege das daran, daß die Handwerkerorganisationen noch nicht genügend ausgebildet sind. Redner bittet den Minister, das Verständnis für diese Organisationen in den Handwerkerkreisen zu wek- ken durch den Unterricht in Fortbildungsschulen, Meisterkursen usw.

Abg. Gleim (ntl.) bespricht die mangelhaften Verhältnisse auf dem B a h n h o f F r itz l a r. Tie Güterschuppen und Wartesäle seien mangelhaft. Die Petroleumbeleuchtung sei ungenügend. Ein Schutzdach auf dem Bahnsteig fehle. Tie Zufuhr­straße und der Fußsteig feien in schlechtem Zu­stande. Die Wasserversorgung durch einen un­günstig gelegenen Brunnen laste zu wünschen übrig Eine schnelle Abhilfe dieser Mißstände sei dringend erforderlich.

Abg. Trimborn (Ztr.) nimmt sich der Eisen­bahnarbeiter namentlich in den Eisenbahnwerk­stätten an und tritt besonders für eine Ausdeh­nung der Ruhezeit ein.

Äbg. Dr. Muller-Berlin (Fr. Dp.) wendet sich gegen die Aussch-eitungen des Aulomobilismus.

Abg. Dr. Dahlem (Ztr.), lvendet sich dagegen, daß der Kreis Wiesbaden zu den Kosten der Tannusrennbahn beisteuern sollte

Donnerstag: Weiterbecutun.'

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 18. März 1908.

Die 3. Lesung des Etats wird fortgesetzt.

Abg. Rorsenow sfrs. Vp.) gibt der Hoffnung Ausdruck, daß der heutige 18. März ohne Blut­vergießen verlaufen werde. Ter Redner bespricht dann die Nichtgenehmigung einer Zuwendung an die Breslauer freireligiöse Gemeinde, wodurch dann der Fiskus der lachende Erbe gewesen sei.

Minister v. Moltke verteidigt den Standpunkt der Regierung. Nicht religiöse oder politisch«

grftfien« BevSU«r»nqst«iIe nichtdeutscher Muttersprache »orhanden sind, sofern diese BenSikrrungsterle nach dem Ergebnis der jeweilig letzten Bolkszühlung 66 Prozent der SesamlbevSlleruog übersteigen, während des erst en zwanzig Jahre nach Inkrafttreten, dieses Gesetzes drrMitgedrauch der nicht, deutschen Sprach« gestattet, wenn der Pera» stalter der bsfrntlichen Lersammlung mindestens drei« mal 24 Stunden vor ihrem Beginn der Politei« bedärdr dir Anzeige erüattet hat, daß und in welche, nichtdeutschrn Sprache die Verhandlungen geführt werden sollen. Ueder die An,eine ist von der Polizei« brbörd» sofort «in« lostensrri« Bescheinigung zu erteile«. Als Landest«,!« gelten dir Bezirke der unteren Ber« waltun gsdehörden.

Ferner sind, soweit die LandeSgesetzgebuny Ad«, weichendes nicht dritimmt, Ausnahmen auch tnU ©•*. nehmigung der Landeszentraldehürde zulässig.

Weiler soll auch noch aus Antrag derKonfervative« die Etnführunq einer weiteten Bestimmung N» das Gesetz gesichettsein, die die Teilnahme jugend­licher Personen an den Versammlungen be­schränkt.

„Alle LiebeSmüh einschließlich der Privat» Verhandlungen außerhalb der Vereinsgesetzkom« Mission sind vergeblich", so erllätle am fehlen Freitag mit Pathos der »Slutlgarier Be­obachter', das Organ des Herrn v. Payer und spielte den Erhabenen gegenüber dem Fürste« Bülow. Wenn er nicht nachgäbe, dann sei sei« Werk mißlungen und er müsse die Koffer packen« Roch sind feine acht Tage vergangen, und roai zeigt sich? Fütst Bülow ist der Sorge über dr« zu packenden Koffer überhoben, aber der Frei­sinn ist zu Kreuz gekrochen; er hat nach- gegeben, wie es die Konservativen und Fürst Bülow verlangten, er hat nachgegeben gegen seine bessere Ueberzeugung, nur damit bei diesem Ge­setze der Block nicht in die Brüche ginge.

DaS Verbot der polnischen Sprachen in Ver­sammlungen soll in rein polnischen Gebieten erst nach einer Uebergangszeit geilen. In solche« polnischen Bezirken aber, wo nur */» der Be« oöiker nng nicht polnisch ist, gilt das Verbot der polnischen Sprache schon heule. Das bedeutet ein direktes Sprachenoerbot, namentlich für die Polln im rhemisch-westjälischen Jndustriebezirk.

Der Freisinn wird sich durch die Zustimmung zu dieser Bestimmung zwar das Verdienst der Rettung des Blockes erwerben, dabei aber den letzten Rest politischen Kredites verlieren, bett er bisher in ganz bescheidenem Maße bean­spruchen durfte.

Die Bereinsgesetzrommission nahm gestern ihre Beratungen wieder aus. Sie beriet die §ij 1—6 m zweiter Lesung. Vor § 7 wurde die Ver­handlung abgebrochen. Soweit gestern verhandelt wurde, ging der Blcxk nach einem fertigen Entwurf'vor, den er mit der Regierung und unter sich vereinbart hatte. Alle Versuche der Mindetheitsparieien, irgendwelche Verbesserungen durchzusetzen, wurden schlankweg nievergestimmt und dann wurden die Beschlüsse des Block- angenommen. Der § 1 bestimmt das Recht der Reichsangehörigen, zu Zwecken, die den Straf­gesetzen nicht zuwiderlausen, Vereine zu bilde« und sich zu versammeln. Die allgemeinen sicher- heitspoiizeilichenBestimmungen findenAnwendung, soweit es sich um die Verhütung unmittelbarer Gefahr sür Leben und Gesundheit der Versammelte« handelt. Abg. Dr. Atüller-Meiniugen (gif. VpF erklärte hierzu namens seiner Freunde, daß sie entschloßen fei n, sich auf den Boden der Re«

):( Das Kompromiß.

So ist der Freisinn nun also wirklich um gefallen! DaS Kompromiß zwischen Frei­sinn, Konservativen und Regierung in der Sprachenfrage ist abgeschlossen. Der § 7 des Vereinsgesetzes soll folgende Fassung erhallen:

Die Verhandlungen in öffentlichen Versammlungen sind in deutscher Sprache zu führen.

Diese Vorschrift findet auf internationale Kongresse, loroie auf Versammlungen der Wahl­berechtigten zum Betrieb« der Wahlen für den Reichstag und für die gesetzgebenden Versammlungen der Bundesstaaten unö EI|a»-Lothringeus vom Tage der amtlichen Bekanntmachung des Wahltages bis zur Beendigung der Wahlhandlung keine Anwendung.

Die Zuläfsigkeit weiterer Ausnahmen regelt die Landrsgesetzgebung. Jedoch ist in Landesleilen, in denen zurzeit des Inkrafttretens diejes Gesetzes alte n«

r

35. Jahrqanq.

ed doch anders geworden seit dem 18. März 18481 ,Lachen rechtsI) Tie Nationalliberalen und Frei- sinnigen sind seit diesen Tagen völlig entartet. (Lachen.) Von Leuten, die die Politik eines Fürsten Bülow unterstützen, ist freilich nicht zu erwarten, daß sie die Traditionen von 1849 wah­ren. (Lachen.)

Abg. v. Liebert (Np.): Ich freue mich, daß wir unsere Kolonien heute mit anderen Augen ansehen. Durch die Ereignisse in Südwestasrika sind dem Volke die Augen geöffnet worden und eS hat gerlernt, wenn auch durch bittere Opfer an Blut und Geld, den Wert unserer Kolonien zu schätzen. Ten Kardinalpunkt unserer gesam- ten Kolonialpolitik bildet die Negerfrage und die Eisenbahnfrage. Zu meiner Freude kann ich fest- stellen, daß der Herr Staatssekretär, ent­gegen feiner Haltung in der Kommission, uns jetzt von Tag zuTagweiter entgegen­kommt. Redner nimmt sich dann in längeren Ausführungen der ostafrikanischen Pflanzer an.

Abg. Dr. Wirmer (fr. Dp.): Auch meine po­litischen Freunde halten es für eine nationale Aufgabe, die Kolonien, die wir nun einmal nicht preisgeben können und wollen, zu erschließen. Wir haben niemals die Kolonialpolitik grund­sätzlich bekämpft, und wir sind bereit, das Pro­gramm des Herrn Staatssekretärs zu unter­stützen.

Staatssekretär Dcrnburg: Wenn der Abg. Liebert ausgeführt hat, meiueS te11nn 3 in der Arbeiterfrage fei im Laufe der De­batte eine entgegenkommendere gewor- den, so muß ich zu meinem Bedauern betonen, daß da» nicht der Fall ist. Tie Farmer scheinen der Ansicht zu fein, daß die Negierung verpflichtet fei, ihnen die nötigen Arbeiter zu verschaffen, aber m. H., daS steht nirgends ge­schrieben. Die Entwicklung der Neger muß er­folgen im Interesse der Neger selbst. Wenn wir den Negern nicht zeigen, daß eS in ihrem eigenen Interesse liegt, zu arbeiten, dann werden wir in unseren Kolonien nicht die gewünschten Resultate erzielen. Mit Leuten vom Schlage des Abg. Ledebour werden wir uns niemals verständigen können, das wäre gerade, als wollte man einen Farbenblinden überzeugen, daß grün — grün und nicht blau ist. (Heiterkeit.)

Abg. Lattmanu (wirtsch. Vgg.): Bezüglich der Landfrage wäre es dringend erwünscht, wenn die Verhandlungen mit den Landgeseüschasten nicht fo absolut geheim gehalten würden. Ich habe den Eindruck, daß in den Erklärungen des Herrtz Staatssekretärs in der Kommission das Recht der Schwarzen zu sehr und zu einseitig betont wurde auf Kosten des Rechtes der Weißen. Eine größere Aufmerksamkeit sollte die Verwaltung der Indier­frage widmen, ich glaube, man unterschätzt diese Gefahr.

Nachdem dann noch die Abgg. Schrader (fr. Vgg.) und Werner (Rfp.) ihr Einverständnis mit der Kolonialpolitik dargetan haben, wird die weitere Beratung auf Donnerstag vertagt.

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Perantw. Redakteur:

«arl Schütte;

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Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 18. Marz 1908.

. Die Beratung des Kolonialetats wird fortgesetzt. , , ,.

Es sind noch drei weitere Nesoluttonen e*n8^n«’yie'iölution v. Treuenfel« (fonf.) fordert die Bereitstellung von Mitteln zur Errichtung ernt» Den km als in Berlin für di« tn Südwestainka ge­fallenen Offiziere und Mannschaften. — Ein« Reso­lution Albrecht (sozd.) fordert, daß die in Deutsch. Ditafrita gültigen Bestimmungen betr. den Betriebs­zwang für Plantagentäiwereien auch für Togo in «raf t gefetzt werden. — Eine zweite Resolution Albrecht tsozd.) ,ordert, daß den Eingeborenen in Südwestafrika soviel Land zuiückaegeben wird, daß fie ihren Ledens» unterhalt in selbständigen Betrieben gewinnen können.

Staatssekretär Ternburg: Die gestern ge­äußerten Wünsche betr. die katholischen und Pro­testantischen Missionen wird die Kolonial­verwaltung nach Möglichkeit gern erfüllen, da auch wir die Bedeutung und den Wert derselben kennen und schlitzen. Was die Frage der K l e i n- siedelungen betrifft, so steht es zunächst noch nicht hinreichend fest, ob und welche Gegenden Teutsch-Lstasiikas zur Besiedlung mit Klein­bauern geeignet sind. Ich möchte nachdrücklichst betonen, daß seitens der Regierung keinerlei Versprechungen oder Ermunterungen zur Ansied­lung in Ostafrika an Kleinsiedler ergehen. Die Schulfrage in Dar-es-Salam glaube ich dadurch erledigt zu haben, daß ich telegraphisch die Er­öffnung einer Europäerschule angeordnet habe. Sehr wichtig ist die Alkoholfrage: leider kann D< ntfchland allein in dieser Frage nicht viel ausrichlen; die Bekämpfung des SchnapsteufelS muß Gegenstand einer internationalen Vereinba­rung fein. Jedenfalls würde ich es mir ange­legen sein lassen, daß Deutschland die Führung in der Bekämpfung des Alkohols in den Kolonien übernimmt. (Bravo l)

Abg. Ledebour (Soz.): Wir halten nach wie vor an unserer grundsätzlich ablehnenden Haltung fest. Wir sind und bleiben grund­sätzlich (Stegner der Anwendung staatlicher Macht- nittel zur Ausbeutung fremder Völker. Wir be­kämpfen aber die Kolonialpolitik auch als Be­gleiterscheinung unserer ganzen uferlosen, phan­tastischen, imperialistischen Politik. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Redner verurteilt bann unter lebhaftem Widerspruch seitens der Konser- oatwen die Ausrottungspolitik des Generals v. Trotha und kritisiert scharf die un­heilvollen Landkonzessionen an die großen Land- gesellschasten, die besonders unter dem Gouverne­ment v. Liebert oorgekommen seien. Herr v. Liebert habe einmal einer Landgesellschaft ein Terrain von 116 000 Hektar zum Preise von 7000 cM. verkauft. Und wie hat man'- in Oft- afrifa getrieben? Die Hungersnot ist von der deutschen Heeresverwaltung bewußt herbeige» führt worden. Die Vorräte find bewußt zerstört worden. (Beifall rechts.) Ihr Beifallsgeheul ist recht bezeichnend. (Lachen rechts!) Die Aus- führungen des Staatssekretärs über die Arbei­terfrage waren im ersten Teil eine Fanfare, im zweiten ein Cbamade. Mit Prügeln löst man diese Frage nicht. Unsere Beamten in den Ko­lonien sind durchaus unbraudjbar, weil ihnen das Wirkliche Gefühl bürgerlichen Stolzes fehlt. Der Beamte glaubt etwas ganz besonderes zu fein. DaS Reserveoffizierstum erscheint ihm als Jn- begrifs der Seligkeit. (Lachen rechts, Beifall bei den Sozialdemokraten. Solckie Leute haben fein Verständnis für wirtschaftliche Fragen. Wie ist

Am AunkeM.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einet wahren Begebenheit erzählt.

Sß] (Nachdruck verboten.)

Aber Bei Sendung des Geldes an die Meinen toa5 vorsichtig und nicht auf einmal geschehen bars — mußt Du eine Ausflucht gebrauchen. Sie. ine Schuldlosen, dürfen nie erfahren» daß 'es der Preis eines Verbrechens ist, den ich wahr- lid) schwer genug büße.

I Ka. Tommaso , ich will es Dir gestehen, daß wie Erinnerung an das vergossene Blut mich ber- (folgt; jene Schreckensnacht will nicht aus meinem Gedäckinisse weichen und belastet meine Seele mit unerträglichem Drucke.

O, wo ist die glückliche Zeit, wo ich unter dem biederen Dache unserer Hütte bei Weib und Kind leben, mein Haupt zu friedlichem Schlummer zur Ruhe legen konnte, wenn meine greise Mutter den Segen über uns gesprochen hatte!

Und jetztl Nicht ungestraft ist man ein Mör­der, selbst wenn die irdische Gerechtigkeit ihr Der- dauimungsurteil noch nicht gesprochen hat. Am Tage schlägt man sich noch so durch — aber die J?ächte, 0 Tommaso, jene ewig langen furchtbaren 'Nächte, wo der erlösende Morgen nie anzubrechen jcheintl

Verflucht sei da? Elend, verflucht die schlim- (fiten Neigungen und Leidenschaften, welche mich Min Verbrecher gemacht haben.

, Lebe wohl, Tommaso, gedenke meiner, eine (Ahnung sagt mir, daß dies der letzte Brief ist, ?en Du von mir empfängst, betrachte ihn wie daS Permächmis eines Sterbenden und erfülle mein ^erlangen.

| Ten Meinigen soll das Schicksal der Schuldi­gen ein Geheimnis bleiben und Du, Tommaso, zsollst ihre irdü^e Vorsehung werden^ dafür ber­

schnvige ich Deinen Namen, obwohl Du der Anstif­ter dieser Unglückstat gewesen bist.

Dein Antonio Pisani.*

Gaetano hatte den Brief wieder und wieder gelesen, es war ihm, als sei jedes Wort ein spitzer Dolch, der sich in fein Herz einbohre.

Sein Antlitz bis in die Lippen war blaßgelb tote das einer Leiche, Frostfchauer schüttelten seine Glieder, alles Blut war ihm zum Herzen gedrun­gen, dessen Klopfen so beängstigend war, daß er nur mühsam Atem schöpfte.

Endlich ermannte er sich, sprang auf und durch- eilte mehrere Male hastigen Schrittes das Ge­mach, den Brief immer noch fest in der Hand hal­tend und unverständliche Worte vor sich htnmur- melnd. Dann schien er einen Entschluß gefaßt zu haben. Ein kurzes Lachen ausstoßend, das un­heimlich in dem düsteren Raume widerhallte, packte Gaetano das Aktenbündel wieder zusam- men, legte es auf seinen Platz zurück, steckte den gefundenen Brief in die Brusttasche und verließ das Büro, den Weg nach Loreto einfchlagend.

10.

Die Abrechnung.

Wir kennen bereits die armselige Wohnung des Notars Basileo, er hat sie nicht gewechselt aus mancherlei Gründen und in den inzwischen ver­flossenen Jahren ist sie nur noch düsterer, jchmutzi- ger und verfallener geworden.

Tics mochte der Eindruck sein, den andere da- von empfingen; dem Geizigen erschien sie wie ein Feenpalast, in welchem er im Anblick seiner Schätze schwelgte. In der schwarzverräucherten Küche hantierte eine Frauensperson umher, deren man­gelhafte und unreinliche Bekleidung zu dem häß­lichen Gesicht, das von verwirrten grauen Haar­strähnen umrahmt war, paßte.

Die plattgedrückte Nase und eine über Stirn und Wange laufende rote Narbe, sowie blöde ausdruckslose Augen machten die Frau zu einer wahrhaft abschreckenden Erscheinung.

Dies war die Wirtschafterin des Notars. Man würde lügen, wenn man behaupten wollte, daß es Basileo gewesen, welcher diese Wahl getroffen, ganz im Gegenteil, er war dazu gezwungen wor­den. diese Person um sich zu dulden, die dem ber- härteten Verbrecher eine lebendige Mahnung sei­ner Schuld war, denn mit einem Worte: die Blödsinnige — als solche galt die Wirtschafterin des Notars allgemein — war keine andere als die hübsche Giovanna, die Wärterin der kleinen Angiolina Rionero — die verräterische Dienerin.

Bei ihrer Flucht aus dem Jrrenhanse und dem Sprunge von der Mauer hatte Giovanna schwere Verletzungen davongetragen.

Sie war auf einen Stein gefallen, hatte das Nasenbein gebrochen und eine tiefe Wunde an der Stirn erhalten. Der bedeutende Blutverlust jedoch schien momentan den dunklen Schleier ge­lichtet zu haben, der ihr Denkvermögen so lange getrübt hatte, denn ihr Geist war durch einen vlitzartigen Einfall erleuchtet und mit merkwür­diger Umsicht tat sie alles, um ihre Idee ins Werk zu setzen.

Trotz ihrer Schwäche schleppte sie sich fort, fo schnell sie vermochke und stieß nicht einen Laut des Schmerzes aus, obwohl sie sehr zu leiden hatte. Sie hatte nur ein Streben, einen drin­genden Wunsch: sie wollte nach Neapel und Tom­maso Basileo. ihren Verlobten, den Genossen ihrer Schuld, aufsuchen. Er war verpflichtet, sie zu schützen, für sie zu sorgen, sie vor dem Gefängnis und dem Jrrenbause zu bewahren; er follte sein Wort halten und sie zu seiner Gattin machen.

Und Giovanna erreichte ihr Ziel imch aller­hand Föhrlichkeiten und großen Muhen und Schmerzen. _ Sie fand einen mitleidigen Land- mann, der sie auf seinen Karren steigen ließ und dis Neapel brachte; hier angelangt, ließ sie in einem Kloster der barmherzigen Schwestern ihre Wunden verbinden und nachdem sie sich durch Sprite und Trank gestärkt, suchte sie unverzüglich den Notar in feiner Privaiwohnung auf.

Tie Überraschung für Boüleo war eben keine

angenehme, am liebsten hätte er die Unglückliche von der Schwelle seines ungastlichen Hauses ge< wiesen, doch besann er sich schnell eines Besseren«

Giovanna, wenn sie sich fern von ihm untes anderen Menschen befand, konnte ihm immerhin noch einmal gefährlich werden, während sie voll«' stündlich unschädlich gemacht war, wenn er sie i« feiner Gewalt, in feinem Hause hatte, womit et für ihre Erhaltung sorgen, aber vielleicht konnte sie später durch Arbeit ihr Geld verdienen, indem sie feine Wirtschaft führte, was eben nicht viel Intelligenz erforderte. Kurz und gut, Giovanna blieb in des Notars Hause und als sie nach Wo­chen geheilt war, das heißt, nachdem die Wund« sich geschlosien, die sie sich bei ihrer Flucht zuge­zogen, sah man sie täglich einmal daS Haus Ba« fileo's verlassen, um die Einkäufe zu michel^ welche der dürftige Haushalt erforderte. 1

In den Kramladen und bei den Gemüsehand^ lern galt sie für blödsinnig, eine Meinung, dsI# cher sich die Nachbarn in der. engen Gasse an« schlo! en.

Die schöne Giovanna hätte man in der früh gealterten schmutzigen und fast in Lumpen ge­kleideten Frau kaum wieder erkannt.

Sie machte mechanisch die geringe Hausarbeit und er hatte nichts mehr von ihr zu fürchten.

'e mehr diese Ueberzeugung sich in ihm 6» festigte, um fo weniger tat er sich Zwang an, Giovanna gegenüber.

_ Wenn er übler Saune war, oder einen Ver­lust gehabt hatte, dann mußte Giovanna dafür büßen und es gewährte dem feigen Tyrannen eine Art von Wollust, das jchwache wehrlose Ge­schöpf 'n gunten.

Einmal botte er sie sogar mit feinem Stock geschlagen, so daß sie sich wimmernd in den dunkelsten Winkel der Küche verkrochen hatte. Seitdem aber hegte Giovanna einen tiefen Haß gegen ihren Bedrücker, der nur durch die Furcht * vor ihm im Banne gehalten wurde. —

(Fortsetzung folgt.)