Einzelbild herunterladen
 

'Ersch^m täglich mit Ausnahme der Sona- NudZeieriage. Viertel­jährliche" verugrprel» ohne Sringerlohn und Bestellgeld in Zulda so­wie aurwärt;l-50 Ml.

verantw. Redakteur:

Carl Schütt«;

für die Anzeigen: I.par;ellrr in Zulda.

Anzeigen: vre em» ,'^LttlgePetitzrileoder deren Raum l5 pfg. Reklamelldiepetitzeile 25 pfg., bei Wieder­holungen wird cntspe.

Rabatt gewährt.

votationsdrocknnd Verlag derLuldaerAk- lienrruckerri in Luldg Fernsprecher Ht.9.

M 62.

Fulda, Smustaq den 14. März 1908.

35. Iahrqanq.

Drittes 'Mtatt.

Deutsches Reich.

— Der Kaiser leidet an einer leichten Er- Minna. Auf den Rat seiner Aerzte pflegt er in solchen Fällen stets sofort das Bett auszu­suchen, und so ist es auch gestern geschehen. An­laß zu irgend welchen Bejorgnifsen liegt nicht vor. ( n Dernburgs Eisenbahnvorlagen haben den Bundesrat passiert. Nach amtlicher Mittei- sunq werben darin angefordert die Mittel für tunO 1450 Kilometer Eisenbahnen in den deulichen Schutzgebieten. Davon entfallen aus S ü d w e sta fr i k a für eine Zweiglinie die Lüderitz- buchtbahn von Seeheim nach Kalkfontein rund ISO Kilometer, auf Togo für eine Eisenbahn­linie von Lome nach Atalpame gleichfalls rund 18'» Kilometer, auf Kamerun für eine Eisen- bahn von Tuala nach dem schiffbaren Teile des Nyonflufses bei Widimenge (Südbahn) rund 350 Kilometer und auf Ostafrika für die Verlänge­rung der Usambarabahn in der Richtung auf den Kilimandscharo bis zum Panganifluß 45 Kilo­meter, sowie schließlich für die Fortführung der Mrogor obahn bis Tabora rund 70i» Kilometer. Die Rotwendigkeit dieser Bahnbauten ist begründet für Südwestasrika vorwiegend durch strategische Rücksichten (Verminderung der Schuhtruppe), für Kamerun und die übrigen Schutzgebiete im wesentlichen durch wirtschaftliche Momente, neben denen allerdings auch militärische Zwecke in Betracht kommen. Der Gesamtbedarf beziffert sich auf 150 Millionen Mark, verteilt auf 6 bis 7 Jahre. Die Mittel sollen im Wege der Anleihe aufgebracht werden.

s= Dresden, 13. März 1908. Die sächsische Wahlrechtsreform scheint sich zu einer M i n i st e r k r i s i s auswachsen zu wollen; 'venigstens hat Minister Graf Hohenthal das an- gedeutet. Bekanntlich beruhte der Wahlrcchtsgesetz- entwurf der Negierung darauf, daß die 2.Kammer gewählt werden sollte zur Hälfte auf Grund eines Mehrstimm» und Verhältniswahlrechts, während die andere Hälfte der Kammermitglieder indirekt durch Kommunalvcrtretungen gewählt werden sollte. Die Wahlrechtsdeputation der 2. Kam­mer hat sich einmütig gegen diese Kommnnalver- treterwahlen und in der Hauptsache auch gegen die Verhältniswahlen ausgesprochen. Dafür war sowohl von den Konservativen als auch den Nationalliberalcn ein direktes, allgemeines Mehr­stimmenwahlrecht vorgeschlagen worden. Gegen diesen Vorschlag sprach sich Minister Graf Hohen­thal mit aller Schärfe aus. Er habe wiederholt in der unzweideutigsten Weise in den Motiven des Wablgesetzentwurfes bei der allgemeinenBeratung im Plenum und auch in der Wahlrechtsdeputation erklärt, daß ein Mehrstimmenwahlrecht allein und ohne Verbindung mit einem 2. Wahlgesetz absolut unannehmbar ist, und er werde niemals dem König raten können, einem System zuzustimmen, das sich lediglich auf diesem einen System auf. baut. Man spricht daher von einer Auflösung der Kammer. Der Minister hat noch einmal «inen Vcrmittlungsvorschlag gemacht, der aber nirgends Gegenliebe findet.

* München, 13. März 1908. Der Prinzregent von Bayern hat aus Anlaß seines 87. Geburts­tages 48 Strafgefangene begnadigt, darunter 2 Zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilte.

Volkswirtschaftliches Md Soynks.

• In der Eisenindustrie tritt die Krisis nach und nach unangenehmer in die Erscheinung. Tie der Großindustrie sehr nahe stehende „Rh.-Westf. Ztg." meldet aus Werkskreisen: Die Situation des rcheinisch-westfälisckren Niesenmarktes hat sich in letzter Zeit wieder verschlechtert. Die Zurück­haltung hat zugenommen, die Preise neigen in- folge der starken Ucberbietungen nach unten, der Bedarf hält sich in engsten Grenzen. Es wird nur von Fall zu Fall gedeckt. Darin scheint auch das Frühjahr keine Aenderung zu bringen. . . . Bei diesen Verhältnissen hat der Auftragsbestand der Werke im letzten Monat wieder eingebüßt. . . . . Tie Marktaussichten sind wenig günstig. Man­ches deutet auf weitere Verschlechterung hin.

Ausland.

* DaS Vertrauen zum Ministerium Clemen- reau ist in Frankreich unverkennbar im Riede r- gang. Dieser Tage kam es in der Kammer zu einer Abstimmung, die das deutlich zeigte. Dem Hause lag ein Gesetzantrag vor, wodurch der Abg. Joseph Reinach wieder als Hauptmann in die. Landwehr eingesetzt werden sollte, aus der er während des Kampfes um Dreyfus wegen seines Eintrerens für diesen entfernt worden war. Da­mit verguicktcn nun die Sozialisten einen anderen Antrag- in erster Linie sollte die Wiedereinsetzung aller Beamten verfügt werden, die wegen politi­scher Vergehen gemaßregelt worden waren, in zweiter Linie sollten mit Reinach alle seit 1878 aus ähnlichen Gründen entlassenen Offiziere des Beurlaubtenstandes wieder ihren frühem Dienst­grad erhalten. Mit den Beamten waren haupt­sächlich die im vorigen Jahre wegen Ausstandes entlas'enen Postbeamten, dann die Lehrer ge­meint, die sich an der Bewegung des revolutionä­ren Arbeiterbundes beteiligt hatten. Clcmencean hatte sich gegen diesen Vorschlag aufgelehnt. Ta erhob sich indes der Abg. SBerteaur, der Führer der sozialistischen Radikalen, der Partei, auf die sich das Kabinett hauptsächlich stützt, für diesen Antrag und das Haus nahm dann mit 330 gegen 217 Stimmen die sozialistische Gegenvorlage an. Sämtliche der Kammer angehörigen Minister und Unterstaatssekretäre hatten sich an der Abstim­mung beteiligt und waren bei der geschlagenen Minderheit. Tags vorher hatte bei der Abstim­mung über die verschiedenen Arten der Einkom­mensteuer das Haus mit 271 gegen 240 Stimmen einen von der Regierung nachdrücklich verteidig­ten Absatz gegen die Rechte angenommen. So wurde in der Sitzung verkündigt, und das in der Sitzung verkündigte Ergebnis gilt. Die nach­trägliche Zählung ergab indes die Ablehnung des Absatzes mit 260 gegen 256 Stimmen. So macht sich in der Regierungsmehrheit mehr und mehr ein Gegensatz zu dem Kabinett Cle- menceau und besonders seinem Haupte gel­tend. Das zeigte sich schon vor einigen Wochen, als im Senat die radikale und die demokratische Linke sich zu einer einzigen Parteigruppe unter demVcrsitz Co m b e s zusammentaten. Combes be­tonte in seiner Antrittsrede eine neue Sammlung der Linken durch Wiederbelebung des linksrepu- blikanischen Blocks, den das Kabinett Clemenceau gesprengt hatte, um an feine Stelle eine Mehr- beit aus allen möglichen republikanischen Elemen­ten ohne bestimmtes Programm zu setzen. In den letzten Tagen hatten sich gegen 600 Senatoren und Abgeordnete zu einem Festmahl versammelt. Combes nahm dabei unter lebhaftem Beifall Ge­legenheit offen mit feinem Programm: Wieder­herstellung des linksrepublikanischen Blocks gegen­über den Republikanern und ihrem reaktionären Anhang, hervorzutreten. Der Aufruf bedeutet

nach der augenblicklichen parteipolitischen Lage der Tinae eine offene Absage an die Politik des Kabinetts Clemenceau und Cle- mcnccau hat vielleicht nickst unrecht, wenn er sich von einer Koalition bedroht glaubt, die seinen Amtsvorgänger Combes an die Gewalt zurück- berufen und deffen Regierungssystem wiederher- stellen will, das System, welches die Minister ein­fach zu ausführenden Organen der Vlockiuehrheit macht und den entscheidenden Einfluß in den ständigen Ausschuß der bereinigten Linken Der- legt.

* In der RcichSduma behandelte der russische Minister des Aenßeren Iswolski in einer sehr friedlich gehaltenen Rede die Beziehungen Rußlands zu den Großmächten, insbesondere zu Japan. Er betonte, der Friede mit Japan sei ein dauernder, durch Verträge Englands mit Rußland, Frankreichs mit Japan, also durch eine Alliiertenkette, garantiert. Daran knüpfte er eine Ausführung über die Stärke Rußlands, die durch den Krieg nicht gelitten habe, und land den Trost für den Gebietsverlust Rußlands durch den Krieg darin, daß das verloren gegangene Land kein geschichtl. Erbe Rußlands, fondern später hin- zuerworbene Gebietsteile gewesen seien. Für die territoriale Hoheit Rußlands im asiatischen Osten sind das bedeutsame Worte. Wie durch die zu­fällig an demselben Tage gehaltene Rede Tittonis die Hoffnung und der Glaube an die Dauer des Weltfriedens hindurchklang, so drückte auch Is­wolski seine gleichartigen Empfindungen durch die Worte aus: „Die politische Atmosphäre ist zweifellos günstig sowohl im besondern für Ruß­land wie für die a 11 gem ein e .31 u b e/

ui ZieSmiMuhe im HaMGimde und die dahinzielenden Anträge betr. die

Stadt Fulda.

In Nr. 57 der „Fuldaer Zeitung" beschäftigt sich ein Artikel mit der Sonntagsruhe im Han- delsgewerbe, die nach einem neuen Gesetzentwurf, der bereits im Neichsanzeiger veröffentlicht wor­den ist, eine andere Regelung erfahren soll. Nach dem Entwurf soll gesetzlich die v ö l l i g e Sonn­tagsruhe eingeführt und es den Gemeinden überlassen werden, durch Ortsstatut Sonntags­arbeit bis zu 3 Stunden, jedoch nicht über 2 Uhr nachmittags hinaus zu gestatten. Außerdem soll durch Ortsstatut an den beiden letzten Sonntagen vor Weihnachten eine Arbeitszeit von 10 Stun­den, nickst über 7 Uhr abends hinaus und für drei weitere Sonn- und Festtage bei dringendem örtlichen Bedürfnis eine sechsstündige Arbeits­zeit, nickst über 4 Uhr nachmittags hinaus, be­willigt werden dürfen.

Tie zuständigen preußischen Minister haben diesen Gesetzentwurf den Regierungspräsidenten unterbreitet mit dem Ersuchen, sich nach Anhö­rung der amtlichen Vertretungen des Hanoels- standes sowie der etwa in den einzelnen Bezirken vorhandenen größeren Vereinigungen von Han­delsgewerbetreibenden und Handlungsgehilfen zu äußern.

Das ausführende Organ in der Stadt Fulda zur Einholung dieser Aeußerimgen ist der Magi­strat. Demgemäß hat sich die Stadtbehörde mit den hiesigen kaufmännischen Korporationen und auch mit einzelnen Großkaufleuten wegen der Aeußerung ihrer Wünsche in Verbindung gesetzt. Es standen drei Fragen zur Beantwortung. Die größte hiesige Vereinigung von Handelsgewerbe­treibenden und Handlungsgehiilfen, der k a t h o- tische kaufmännische Verein, der nahe­zu 200 Mitglieder (Prinzipale und Gehilfen) zählt, hat nach vorausgegangener Beratung sei­nen Standpunkt in einer ausführlichen Eingabe an den Magistrat festgelegt.

I Zur Beantwortung der Frage 1: „ob dis Bestimmungen des Entwurfes e i n< befriedigende Regelung der Sonw tagsruhe und Sonntagsarbeit in Handelsgewerbe ermöglichen", h« der Verein es an sich als wünsckxmswert bezeichn net, daß eine vollständige Sonntagsruhe in Handelsaewerbe auf reichs gesetzt ich en: Wege cingefiibrt werde. Selbstredend müßte rni* dieser reichsgesetzlichen Regelung auch gleichzeitij die Revision mancher den seßhaften Handel schm digenden Vorschriften (Hausierer) Hand in Han! gehen. Da dies aber zur Zeit nickst erreicht wer­den kann und auch für mittlere Städte wie Fuldq die auf Landknnd schäft angewiesen sind- von einschneidender Wirkung sein würde, schließt der Verein stich den Vorschlägen des neuen Ent­wurfs mit mehreren Einschränkungen an.

Die Frage 2: „ob weiter gehen de B s, schriänkungen der Sonntagsarbeit oder andererseits weitergehe ud< Ausnahmen vom Verbote der Sonn«! tagsarbeit wünschenswert erfdjei; nen", hat der Verein mit Rücksichtnahme auf bi< Fuldaer Verhältnisse deshalb wie folgt bcant^ wartet: Die Offenhaltung der Verkaufsräume in Fulda ist auf zwei Stunden (der Entwurf läßt drei Stunden zu) festzusetzen und zwar für di« Zeit von 11 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmitt tags. Sollte diese Verkürzung nicht zu erreicheni fein, wäre der frühere Zustand der Offenhaltung von VMl Uhr ab wieder herzustellen. Dagegen wird gebeten, an der Schlußzeit um 1 Uhr nach­mittags unbedingt festzuhalten. Für alle Han­delsgeschäfte ohne offene Verkaufsstel- l e n (Bankgeschäfte, Fabrikkontore usw.) wird eine unbedingte vollständige Sonntagsruhe verlangt. Ausnahmen vom Verbot der , Sonn­tagsarbeit sollen nur für diejenigen Zweige deS Handelsgewerbes zugelassen werden, deren Be­tätigung an Sonntagen zur Befriedigung von Bedürfnissen der Bevölkerung angeblich unerläß­lich erscheint. Mit der im neuen Entwurf vorge­sehenen Offenhaltung der Geschäfte an den letz­test zwei Sonntagen vor Weihnachten von 10 Stunden, aber nicht über 7 Uhr abends hinaus, erklärte sich der kathol. kaufmännische Verein Fulda einverstanden, dagegen hat er die Bedürf­nisfrage für weitere Offenhaltung der Geschäfts an drei Sonntagen während des Jahres, diel näher zu bestimmen wären, verneint.

Die hinzilgegebene ausführliche Begründung weist auch darauf hin, daß sich in Fulda, obschon seither eine fünf stündige Offenhaltung aller Verkäufsläden gestattet war, mit Ausnahme der kleineren Handlungen mit Vorkostartikeln eine nur dreistündige Osfenhaltung der ($c- schäfte ganz von selbst herausgebildet hat. Diese Tatsache wird als Beweis für das große Bedürfnis nach Sonntagsruhe angeführt. Die Beschränkung der Offenhaltung der Läden auf nur 2 Stunden, von 11—1 Uhr, wird als eine alte Forderung des Vereins und aller In­haber der größeren Ladengeschäfte bazeichnet. (Wie wir hören, sind gegenwärtig wieder seitens einiger Ladeninhaber Bestrebungen im Gange, die darauf hinzielen, die Geschäfte an Sonn« und Feiertagen demnächst schon um 1 Uhr zu schließen. D. Red.)

Die Frage 3: „ob etwa andere Or­gane als die im Entwurf vorgesehe­nen mit der Zulassung von Aus­nahmen zu beauftragen feien", hat der kathol. kaufmännifche Verein dahin beant­wortet, daß es wünschenswert sei, daß auf jeden Fall in erster Linie auch die Ge­meindebehörde (die der Entwurf aus- kfe liefet) gehört werde, auch dann, wenn sie nicht mitbeschließt, da diese doch zunächst die diesbezüg-

Im Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

221 (Nachdruck verboten.)

Ein Seufzer hob die Brust des jungen Mäd- chens. „Er ist eben von uns gegangen und weilt in der Ferne", erwiderte sie ergebungsvoll.

„Deshalb müssen wir daran denken, ihn zu ersetzen",. meinte leichthin der Marchese, der augenscheinlich der Tochter eine Mitteilung ma­chen wollte, aber doch wieder zögerte, sich offen auszusprechen.

Angiolina zuckte nur die Achseln, als wolle sie damit andeuten, daß Rafaello Tiepolo eben nicht zu ersetzen sei; der Vater fuhr indessen fort, ohne darauf zu achten:

„Da ist zum Beispiel Amadeo Santoni, der so oft er irgend vermag, dem rauschenden teapoli- litauischen Gesellschaftsleben den Rücken zukehrt, um unsere selbstgewählte Einsamkeit zu teilen. Er tut alles, um sich Dir angenehm und nützlich zu machen, flößt er Dir keine Sympathie ein, liebste Angiolina?"

"Herr Santoni mag ein recht interessanter Gesellschafter sein", sprach ausweichend das junge Mädchen, „doch bin ich am liebsten allein, wenn ich nicht bei Dir sein kann, auch hat mir Karolina Franccmi versprochen, uns zu besuchen; das wird sehr schön werden, ich freue mich fchon darauf."

_ „Aber es wird nicht lange währen, bann ver- mahlt sich Karolina, ihr Vater sprach mir bereits von einem Heiratsplane."

. "Gewiß, Karolina wird eine glückliche Braut fern, ich werde mich neidlos ihres Glückes freuen."

„Und Du, Angiolina, sollte Dir nicht gleiche Seligkett zuteil werden?"

„Mir?" fragte die Blinde mit einem Aus- oruct )o bitterer herzzerreißender Traurigkeit,

daß der Marchese dadurch im Innersten getroffen wurde.

Die beiden waren auf ihrem Gange an einet Bank angelangt, auf der sich der Marchese wie gebrochen niedcrließ, Angiolina mit sich ziehend.

Tränen schimmerten in den Augen des un­glücklichen Mannes, als er, auf sein blindes Kind blickend, tief ergriffen sprach:

„Meine geliebte Tochter, Deine Klage schnei­det mir in das Herz, obwohl ich nach langen Kämpfen und schweren Stunden der Trauer und Verzweiflung mich dem Willen des Höchsten er­gebungsvoll fügen gelernt habe. Aber in mir lebt der Glaube — und er blieb lebendig trotz der vie­len erfahrenen Enttäuschungen, daß ein Tag fern- men wird, wo Du das Licht ber, Augen wieder erhalten wirst 1 Möchte ich denselben erleben, möchte es mir beschieden sein, nur ein einziges Mal doch Deine süßen Augen zu schauen, deren Kindesblick mir unvergeßlich geblieben ist in all den trüben Jahren."

„Lieber Vater", erwiderte sanft das schöne Mädchen, das blonde Lockenköpschen an die Schul­ter des Marchese lehnend, „ich fürchte, daß Tu Dir noch mehr Schmerz bereitest, wenn Du immer wieder trügerischen Hoffnungen nachhängst, die sich doch nie und nimmer erfüllen werden."

„Sage das nicht, Angiolina", rief der Mar­chese mit ungewohnter Lebhaftigkeit, „es ist nicht möglich und mit der ewigen Güte Gottes nicht vereinbar, daß jenes entsetzliche Dunkel, welches sich in der Nacht des 23. Januar auf Deine Lider senkte, nie gelichtet werden sollte! Tie Finsternis wird sich zerteilen, die Nacht enden und ein schö­ner Morgen für Dich anbrechen, mein schwer- geprustes Kind!"

Angiolina schüttelte traurig den Kopf. „Ter Morgen sollte mir tagen, der meiner geliebten Mutter versagt geblieben! Ihre Augen, die sich geschloffen hatten zum ewigen Schlummer, hat kein Morgenstrahl wach geküßt! Für sie ward die Nacht des 23. Januar zur Nackt des Todes. Doch ihr Bild lebt unauslöschlich in mir fort. Könntest

Tu es nur sehen, wie ich, mein Vater, Zug um Zug des schönen Antlitzes mit dem milden zärt» lidjen Lächeln. Ich glaube, weil es plötzlich dunkel um mich geworden ist und feine anderen Gegenstände, welche die Sehkraft mir vermitteln könnte, meinen Geist zerstreuen, ist das Bild der Mutter mir so treu erhalten geblieben!"

„Sie starb für Dich, meine Tochter", sagte leise der Marchese, die Augen mit der Hand be­deckend. „So wenigstens hat der reuige Sünder ausgesagt und es liegt kein Grund vor, an seinen Worten zu zweifeln, da er wußte, daß fein Schick­sal entschieden war und ihn nichts vor der ver­dienten Strafe retten konnte. Er hat Dich schrecken, bedrohen wollen, weil Dein Schreien Leute herbeiziehen konnte, nur deshalb will er das Dolchmesser erhoben ober gegen Dich gezückt haben, als Deine Mutter sich dem Mörder eiit- gegemoarf, so den Todesstreich empfangend. Sie wachte über Dir und Gott der Allgerechte wird das Flehen einer Mutter erhören, die ihr Kind als schützender Engel umschwebt", schloß gerührt der Marchese, indem er die geliebte Tochter an sein Herz zog.

9.

Ein Fund.

Aus dem paradiesischen Sorrenr kehren wir nach Neapel zurück, aus der balsamischen Luft des Gartens der Villa Rionero in die dunstgeschwän- gerte, verräucherte Schreibstube des Notars Ba- sileo.

Es ist in der zehnten Morgenstunde und Gae­tano Pisani, der Schreiber des Notars, oder bes­ser gesagt fein Sklave, sitzt an einem alten, mor­schen Pult und kopiert ein Aktenstück.

Basileo hatte sich in einen entfernten Stadt- teil begeben, wo er einen Heiratskontrakt cmfzu- sctzen eingeladen war, doch sorgte er bei solchen Gelegenl-eiten sehr pünktlich dafür, dafe sein Schreiber genügende Beschäftigung hatte, wobei er nie vergaß, die Schlüssel zu den Aktenickränken

mitzunehmen, in welchen sich auch die Depositen befanden.

Ter Geizige wurde von der steten Furcht ge­plagt, bestohlen zu werden, deshalb traf er alle Dorsichtsmaferegeln, um dies zu verhindern.

Ter Student der Medizin atmete befreit auf, als sein Prinzipal das Bureau verlassen hatte, mindestens vermochte er ungestört seinen Ge­danken nachzuhängen und war nicht durch die Gegenwart dieses häßlichen alten Mannes ge­peinigt, denn Gaetano haßte seinen Quäler mit der ganzen Stärke seiner leidenschaftlichen Natur.

Die Stellung des angehenden Arztes, seinen Lehrern und Genossen gegenüber, hatte seit dem Tage, wo Gaetano im Obduktionssaale des Spi­tals einen Vortrag über Lungenkrankheiten ge­halten. sich bedeutend gebessert.

Während die jungen Studenten den armen verachteten Kollegen, der fein Brot erst als Schreiber zu verdienen gezwungen war, neidlos bewunderten, schätzten auch die Professoren das tiefe Wissen, die scharfsinnige Beobachtungsgabe und den eisernen Fleiß ihres Schülers, der mit einer Energie, die ihresgleichen suchte, Fort­schritte machte, wie feit Jahren keiner der besten Schüler sie aufzuweisen gehabt hatte.

„Was könnte aus diesem armen Teufel wer­den", hatte der leitende Arzt des Spitals zu einem seiner Kollegen gesagt, „wenn er die Mittel hätte, mit vollem Maße sich seinen Studien zu widmen, Erperimente zu machen und selbständige Kuren zu unternehmen. Sein Scharfblick und seine Si­cherheit sind wahrhaft bewunderungswürdig."

Menn solche und ähnliche Urteile auch nicht direkt zu Gaetanos Ohren gelangten, so ward ihm doch viel Wohlwollen und Aufmunterung zuteil, was einerseits sein Selbstbewußtsein hob und kräftigte, anderseits jedoch ihn mit Bitterkeit er­füllte, denn feine Armut allein, die bittere Not­wendigkeit, auch noch für ein anderes Wesen zu sorgen, hielten ihn in Banden, lahmten feinen strebsamen Geist und rückten das Ziel, ivetdjeä er so beiü erstrebte, in schier unerreichbare Ferne.