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Maer W Zeitung

L-M. wochmlmiage: Illustrierte Zoniitagrzeitung"

Monatrbettage: „Zuldaer Geschichtsblätter"

35. Jahrgang.

Fulda, Freitag den 13. März 1908,

JV3 61.

Kerantw. Redakteur:

Carl Schürt«;

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Zweites rZi'clLt.

Deutsches Reich.

L Die Kommission für das Vvgelschuygesetz geriet in ihrer Sitzung vom Mittwoch das Gesetz in zweiter Lesung und nahm es nach den Beschlüs. fett der ersten Lesung an. Der Krammetsvogei- fang im Dohnenstieg ist verboten. Die Kommis­sion gab einstimmig ihre Zustimmung einer Re­solution des Abg. Dr. P f e i f e r (Ztr.), die Bun­desstaaten möchten in den Schulen und durch die Presse Merkblätter über den Vogelschutz, beson­ders über Schongehege, Nistkästen, Winterfütter­ung usw. verbreiten. Der Vertreter der Regie­rung begrüßte die Annahme dieser Resolution. Das neue Gesetz kann voraussichtlich mit dem 1. Oktober 1908 in Kraft treten. Alsdann wird das deutsche Reich das beste und umfassendste Vo- gelschutzgesetz haben, im Interesse der Sache wäre nur zu wünschen, daß die übrigen, besonders die europäischen Südstaaten es nMhahmten.

* Sozialdemokratischer Reinfall. Als im Ver- waltungsausschusse des oldenburgischen Landta­ges der Minister Millich erklärte, wenn nicht der Landtag die fünffährige Wahlperiode annehme, lasse die Regierung den Entwurf schei- ter», stimmten auch die beiden im Ausschuß sitzen­den Sozialdemokrateit für diese Aenderung. Da­gegen stimmten zwei bürgerliche Mitglieder des Ausschusses. Das Blatt des Führers der So­zialdemokraten im Landtage erhielt nicht recht­zeitig Kenntnis von der Stellungnahme der Ge­nossen und schloß daher, daß diese die beiden Op­ponenten sein müßten. Flugs brachte es einen Leitartikel:„Oldenburgische Fastnachtsstreiche nach biSmärckischem Muster." Der Freisinn habe da­durch, daß er sich auf diesen Handel eingelassen, bewiesen, wie unendlich tief er gesunken sei. Er habe einen Sack voll reaktionäre Verschlechterun­gen eingeschmuggelt und gezeigt, daß er alle Scham verloren habe. — Am andern Tage soll der Redakteur vor Schreck auf den Rücken gefal­len sein, als er erfuhr, daß nicht die beiden Ge- nossen, sondern zwei Freisinnige gegen die fünf­jährige Wahlperiode gestimmt hätten. Klein- laut erzählte er in der nächsten Nummer im lo­kalen Teile, daß auch „unsere Fraktion aus b e st i m m t e n Gründen für die fünfjährige Wahlperiode gestimmt hat."

(9 Die Katze au» dem Sacke läßt der .Hann. Kurr/ (Str. 27 vom 10. Mär, 1908). Es ist ihm ein Dom im Auge, daß im Kreise Hildesheim bei den Wahlen die gläubigen Christen beider Konfessionen Hand in Hand gehen und daß dasselbe sich in Diepholz voll­zieht; da- soll ander» werden. Damm will der .Hann. Kurr/ die Konfessionen verhetzen, damit em vialionalliberaler diese Mandate erhält. Das Zentrum tut ihm nicht de« Gefallen, darauf einzugehen. Das hannoversche Blatt schreibt werter:

„Katholische Srnndbefitzer Hilde« de» Kern der „deutschen Vereinigung". Was mag dietztldes- heimer Bündler zu ihrem verhalle« bewege«? Das Zentrum sei agrarischer a» die Nationalliberalen? Klerkwü'dig — die konservativ« Nationalltbe- r a l e » Rheinlands und Westfalens, di, streng katholischen Liründer der „deutschen Bereinigung« behaupten das «egenteil — und schlie-e» sich am Wahltage den Nationalltberalen an. Gerade in länd­lichen Wailkreise« werbe« dem Zentrum katholische Vauernkandidalureu entgegengefteät.*

Wir danken sehr für diese Mitteilungen, wo- nach also die deutsch« Bereinigung «ine Abteilung der Nationalliberalen

l ist. Wenn es ein nationalliberales Blatt so offen ! ausspricht, muß es doch wohl wahr fein.

* Straßburg, 11. März 1908. Im Anschluß an die Erbschafts-Angelegenheit des ehemaligen Statthalters Hohenlohe-Langenburg werden im Lande noch andere ähnliche Fälle bekannt, aus denen hervorgeht, daß die A u s n a h m e b e- behandlung hochgestellter Personen in Steuersachen nicht eine vereinzelte Erscheinung ist. So wird der „Frkf. Ztg." ein Fall mitge- teilt, der das peinlichste Aufsehen erregen wird. Als Kaiser Wilhelm seinen Wohnsitz, Schloß Ur b i l le bei Metz, von mehreren Lothringer Familien erwarb, war der damalige Bezirksprä­sident von Lothringen, Freiherr von Hammer­stein, mit de« Kaufverhandlungen beauftragt. Die gesetzlich beim Grundstücksverkehr fälligen Handänderungsgebühren sollen dabei nicht ent­richtet worden fein. Der Fall wird, seine Rich­tigkeit vorausgesetzt, so aufgefaßt werden müs­sen, daß der Bezirkspräsident von Metz es mit seiner „Untertanen"-Pflicht nicht für vereinbar hielt, von seinem kaiserlichen Herrn eine Steuer einzuziehen, zu deren Zahlung die Gesetze des Landes jeden ohne Unterschied des Ranges ver­pflichten.

Ans dem Nachbargebiete.

* Kassel, 12. März 1908. An der Oberreal, schule bestanden sämtliche 34 Oberprimaner die Reifeprüfung; 14 unter Befreiung von der münd- licheu Prüfung. — Die B a h n st e i g s p e r r e ist jetzt auch auf den Außenbahnsteigen des Ober- stadtbahnhofes auf der Waldkappeler Eisenbahn­strecke eingeführt wordsn.

„ * Kirchhain, 12. März 1908. Mit dem gegen­wärtigen Hochwasser sind neben zahlreichen Wildenten auch eine Anzahl wilder Schwäne hier eingetroffen, die den großen Wasserspiegel durchfurchen.

* Göttingen, 12. März 1908. Um den hier in den letzten Jahren immer mehr um sich greifenden Fang von Sing- und Nutzvögeln einzu- schränken, hat der Magistrat beschlossen, eine Prämie von 10 «M demjenigen zu zahlen, welcher «men Vogelsteller zur Anzeige bringt.

Mainz, 12. März 1908. Die Erregung we­gen der Erbauung eines Provinzial-Ar- r e st h a u s e S auf dem vornehmsten und schönsten Tetle unserer Stadt nimmt angesichts des seiner Vollendung entgegengehenden Baues immer mehr SU- Das Gefängnis mit seinen 284 Zellen wird riesengroß. Man erwartet von der Regierung, daß sie veranlasse, daß wenigstens die Fensterein- tetlung eine andere werde.

* Eisenach, 12. März 1908. Die Bezirksdirek- honen haben Bekanntmachungen erlassen, die den Verkehr mit Kraftfahrzeugen im Interesse des Touristenverkehrs wesentlich ein- schränken. Das Befahren der meisten Touri- stenwege, u. a. auch der breiten Weinstraße, ist für Automobile und Krafträder verboten. Die Chaussee Marienthal- Wilhelmsthal- Ettermin- den darf nur im Schritternpo befahren werden, und ihre gänzliche Sperrung ist angedroht, falls dre Führer der Fahrzeuge dre Vorschrift nicht be- achten.

Vermischtes.

• Hochwasser. Die Nebenflüsse des Rheins bringen Hochwasser und treten über die Ufer. ®te Ruhr und Emscher überschwemmen die Taler weithin und richten großen Schaden an. Vom Ober r he in wird weiteres Steigen de» Masters gemeldet.

* ^.Etliche Preikelbeere». Gut geschmeckt müssen die Preißelbeeren haben, die von -em Küfer Jakob V. verkauft wurden, v., der jetzt in

! der-Nähe von Groß-Gerau wohnt, hatte in Frank- 1 furt einen Handel mit Kolonialwaren, einge­machten Früchten usw. Er hielt sich in dem Ge­schäft einen Pudel, der die Ratten und Mäuse fangei Zollte. Eines Nachts fiel das Tier, das wohl gerade eine Jagd nach dem Ungeziefer ver­anstaltete, in ein Faß mit Preißelbeeren. Am anderen Vormittag wurde der Hund noch lebend herausgezogen. Die Preißelbeeren wurden ver­kauft. Angestellte zeigten später B. aus Rache an, als sie entlasten wurden. Das Schöffengericht verurteilte den Küfer wegen Verkaufs verdorbe­ner Nahrungsinittel zu der geringen Strafe von 30 Mark. Der Amtsanwalt hatte eine Woche Ge- fängnis beantragt.

* Der versteigerte Alligator. Was für abson­derliche Ideen doch mitunter dem menschlichen Hirn entspringen! Wunde da in der Kunst­auktion bei Lepke in Berlin ein ausgestopfter Alligator zur Versteigerug ausgeboten,, -er auf­recht stehend, mit den Vorderflossen ein ovales Messingtablett präsentierte, das wohl zur Auf­nahme des Kaffeegeschirres dienen sollte. Es fand sich auch eine Liebhaberin, die für 62 Mark den Schatz heimtrug. Der Alligator bildete das hübsche Gegenstück zu einem jüngst versteigerten Elefantenfuße, aus dem ein Ruhesessel angefertigt worden war.

* Ter Danziger Hafen ist blockiert, nicht von einer Streitmacht, aber von einem — Herings° äuge, der wie eine Mauer vor den Molen steht. Montag vormittag trat, den „Danz. .91 Nachr." zufolge, der seltene Fall ein, daß ein Schwarm von Tausenden und Abertausenden Heringen di­rekt vor den Molen auftauchte und dort nicht wich und wankte. Etwa 25 Fischkutter sind dabei, Netze zu toerfen und zu schöpfen und überreiche Fänge werden gemacht. Ein Fang unter solchen Umstünden war in Neufahrwasser noch nicht zu verzeichnen.

* Ein große» Fischstrrben ist dieser Tage in der Sieg festgestellt worden. Unterhalb Siegen wurden eine große Menge toter Fische, die im Flusse trieben, in ganzen Zentnern, aus dem Wasser gezogen. Von Geiswaib ab war das Wasser rötlich gefärbt, und man kann annehmen, daß von dort bis hierher, etwa eine Meile, alle Fische getötet sind. Auch diesmal ist das Fischster­ben ans das Einlassen von Säure in das Bes­ser zurückzuführen, das meist von gleichgültigen Arbeitern ausgeführt wird, noch ehe di« Säure vollständig abgetötet ist.

* Der KönigSuwrd al» Pantomime. In dem portu« giestjchen Orte Falsas kamen einige Bewohner auf den irltfamen Einfall, den Lissaboner Königsmord als Pantomime zu geben. Unter den Mitwirtenden be­fanden sich ein Bater und seine beiden Söhne. Der Vater stellte den König, et» Cohn den Kronprinzen und der andere den Hauptattentäter Bnica dar. AlS Waffe diente ein Revolver, der patronenlos sei» sollte, aber nicht ganz entladen war. Als der,Mnigswagen" durch die Dorfstraß« fuhr und der Attentäter hinauf­sprang, gingen zwei scharfe Schüsse lo» und töteten den Bater und den einen Sohn.

* Siu Theaterstreit beschäftigt die Deffent- lichkeik. Der bisherige Leiter der Symphonie­konzerte an der Berliner königlichen Oper Felix Weingartner hat sich plötzlich nach Wien be­geben und wird als kontraktbrüchig betrachtet. Hiergegen wendet sich sein RechtSbeistand mit einer Erklärung. Das 12000 Mark betragende Gehalt Weingartners war vertragsmäßig in mo­natlichen Raten zahlbar und wurde stets einer Bank überwiesen. Als die am 31. Januar fällige Rate auSblieb, ersuchte Weingartner um Zahl- ung. Er bekam keine Antwort und löste deshalb nach den Bestimmungen seines Vertrages fein Dirigentenverhältnis. Erst hierauf erwiderte die Generalintendanz, daß sie die Losung nicht an­erkenne, da sie vertragsgemäß zu Abzügen berech­tigt fei, im Falle Herr Weingartner ein Konzert I nicht leite, was am 7. und am 21. Januar der |

Fall gewesen sei. Auch müsse das Gehalt an der Theaier-Hauptkasse in Berlin abgeholt werden.

* Ein Millionendicb, ein Pariser „Friedberg", ist soeben „auf Reisen" gegangen: Der bei dem Pariser Bankier und Börsenmakler Leuba be­dienstete Agent Lebour ist nach Verübung von Defraudationen im Betrage von 1 Million Frcs. flüchtig geworden. Leboux, der sich einen langen Adelstitel beigelegt hatte, war in den Pariser Konzerthallen als Liederkomponist geschätzt und bekannt. Er eilte nach Nizza und gestand seiner dort befindlichen Frau seine Defraudation. Seit­dem ist er spurlos verschwunden.

* Vierzig Ehen, die nach dem Ritus der Kirche von England in Japan abgeschlossen worden wa­ren, wurden von dem Ehescheidungsgericht tu London als ungültig erklärt. Es wurde festge­stellt, daß nach der Abschaffung der extraterrito­rialen Reckte durch den englisch-japanischen Ver­trag von 1899 eine kirchliche Trauung nach eng­lischem Gesetz nicht mehr genügt. Die in Japan lebenden Engländer haben von dieser Aenderung in den Bestimmungen nichts gewußt, und di« Folge davon ist, daß vierzig feit dem Jahre 189s geschlossene Ehen als ungültig betrachtet werden

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