Erstes Wlatt
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 12. März 1908.
Der Etat des Reichsamts Le» Jn»«rn Wird weiterberaten. A m .
Tie Abgg. Frhr. v. Pfette« (Ztr.) und Prinz Schönaich-Carolath (nl.) bitten um eme Erhöhung der zur Förderung Ler Binnenfischer« bestimmten Honds.
Abg. Rab (Wirtsch. Vgg.) tritt für die Wünsche 4er Seefischer ein.
Abg. Hebel (Ztr.) begrüßt die Einstellung von 10 000 M als Beitrag zu den Kosten der Gesellschaft für V o l k s w o h l f a h r t. Er wünscht eine 'Erstreckung der Tätigkeit der Zentralstelle auf Las Land und zwar nach drei Richtungen hin: Hebung der Volksernährung durch Förderung der Milchernährung und Bekämpfung des Flaschenbierhandels. Verbesserung deS Wohnungswesens in gesundheitlicher und moralischer Hinsicht. Schaffung von Einrichtungen für Kinderpflege, 'Krankenpflege, Versorgung im Alter und erst« 'Hilfe bei Unglücksfällen.
Abg Erzbergrr (Ztr.) veranlaßt eine Erklär- ung der Regierung über das internationale landwirtschaftliche Institut in R o m und erhält von MinisterialdirektorWermuth zur Antwort, daß LaS Institut, dem 46 Staaten beigetreten seien, am 23. Mai ins Leben treten werde.
Abg. Erzberger (Ztr.) findet es auffallend, daß die Beiträge schon vom 1. Januar d. I. bezahlt werden sollen, wenn doch das Institut erst am 23. Mai d. I. ins Leben treten soll. Die Ersparnisse, die man hätte machen können, hätten besser dem Landwirtschaftsrat zugttvendet werden sollen.
Abg. Sachse (Soz.) weist auf den auffallenden Rückgang in der B«villigung neuer Invalidi» tätsrenten und auf die große Zahl der Rentenentziehungen und Herabsetzungen hin.
Direkwr im Reichsamt des Innern Caspar Jbertoeift auf die neulichen Ausführungen des Staatssekretärs zu derselben Angelegenheit und betont das Interesse der Arbeiter daran, -aß durch eine korrekte Auslegung des Gesetzes die Erschleichung von Renten unmöglich werde, da sonst eine Erhöhung der Beiträge unvermeidlich sei.
Vizepräsident Dr. Paasche richtet an die Redner die Bitte, sich in ihren Ausführungen möglichste Beschränkung auferlegen zu wollen. Der Seniorenkonvent habe beschlossen, morgen die Beratung des Etats deS Reichsamts des Innern zu Ende zu führen; wenn aber von den 70 Red- nern, die noch.hum Worte gemeldet seien, jeder nur eine Viertel Stunde spreche» wolle, so würden über 17 Stunden nötig sein, nur um alle Herren zum Wort kommen zu kaffen.
Abg. Dr. Mugda« (fr. Vp.) hält im Anschluß an die letzten Aeußerungen des Abg. Sachse der Sozialdemokratie vor, daß sie bei den Berufsge» nosfenschaften freie Arztwahl fordere, bei den Krankenkaffen aber nicHs davon wissen wolle.
Abg. Schueider (Ztr.) tritt mit großer Entschiedenheit für di« alleinige Verwendung der lateinischen Schreib- und Druckschrift ein.
Abg. Dr. Heckscher (fr. Vgg.) ivendet sich ge- Jen eine frühere Behauptung deS Abg. Raab, aß die Rheder ihre Kapitäne Hvängen, bei dich- tein Nebel mit Volldampf zu fahren und weist die Behauptung des Abg. Hoch, daß er von den Rhedern bezahlt werde, als Verleumdung zurück.
Abg. Metzger (Soz.) bittet mit Rücksicht auf be» Fall, wo durch Selbstentzündung von Kohlen die große Schiffskatastroph« entstanden ist,
erscheint tilgnch mit Ausnahme der Sona« und Feiertage, viertel« jShrlicheeyezugrprett ohne vringerlohn und Bestellgeld in Fulda so» wie auswärts j.öd Mt.
verantw. Redakteur:
Larl Schütte;
für die Anzeigen: Z.parzeLer in Fulda.
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RolatlousdrnSnnL Verlag der Fuldaer LS>
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Monatrbeilsge: rerusprecher Rr.fl.
Fulda, Freitag den 13. März 1908.
35. Jahrgang.
der Frage der Herkunft der Schiffskohle mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Ministerialdirektor Jonequiere» erwidert unter lautem Hörtl hörtl, daß in dem angezozenen Fall« da» Kohlensyndikat Auskunft über die Herkunft der Kohlen verweigert hab«.
Um 6 Uhr vertagt sich da» Hau» auf 8 Uhr zu einer Abendsitzung.
ALendsttzung vom 12. März 1908.
Abg. Graf Schwerin-Löwitz (L) begründet eine Resolution, wonach ein Gesetzentwurf vorgelegt werden soll, durch welchen für solche Märkte und marktähnliche Veranstaltungen, welche dem Handel mit Schlachtvieh in größerem Um- fange dienen, Anordnungen zu treffen sind, welche die zuverläffig« Feststellung der Viehpreise nach Lebendgewicht gewährleisten.
Abg. Wachhorst de Wrnte (ntL) weist darauf bin, daß die Resolution nicht, tote e» die Antragsteller bezweckten, Einfluß auf bie Preisbildung gewinnen werd«; denn die Händler würden immer noch schlauer sein als der kleine Bauer auf dem Lande. Tatsache sei allerdings, daß die Fleischpreise nicht im Einklang mit den Viehpreisen ständen.
Abg. Brey (Soz.) wünscht Erhebungen über die Gefahren in den Fabriken für chemische und Explosivstoffe.
Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg: Der Antrag Schwerin-Löwitz verfolgt einen sehr wünschenswerten Zweck, und ich glaube auch, daß er durchführbar ist.
Abg. Kobkit (wildliberal) nimmt die Fleischer- meister gegen den Vorwurf in Schutz, daß sie die Fleischpreise hielten. Der Schlächter hab« so viel Unkosten, daß die Behauptung von dem hohen Profit nicht zutreffe. Wenn Sie glauben, daß die Fleischer alle reich werden, dann schicken Sie doch Ihre Söhne zu uns und lassen sie Schlächter werden. Sie können ja die großen Gewinne dann einstecken.
DaS Kapitel wird angenommen, ebenso die Zentrumsresolution über die Erhebungen über da» Knappfchaftswesen und die Resolution Schwe- rin-Löwitz.
Freitag: Weiterberatung.
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Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 12. März 1908.
Der Antrag des Abg. Held (nl.), die Genehmi- gung zur Einleitung eines Strafverfahrens gegen ihn zu erteilen, wird auf Antrag der Geschäfts- ordnungSkommission genehmigt.
ES folgt die 2. Beratung deS Etats d e S Finanzministeriums. — Vor Eintritt in die Beratung erklärt
Abg.Kirsch (Ztr.), daß seine politischen Freunde sich bä der jetzigen Lage der Dinge Vorbehalten müßten, die Beamtenfrage bei der drit- tenLesungdesEtatszurSprachezu- bringen.
Abg. Frhr. v. Zedlitz (ff.) spricht ebenfalls sein Bedauern über die Verschiebung der Gehaltserhöhung aus und wendet sich dann dem Finanzetat zu. Er betont die Notwendigkeit der Finanz- reform.
Die Abgg. Dr. v. Campe (nl.) und Pcltasohn (ft. Vgg.) verlangen, daß daS Gesetz über die Kriegsteilnehmer in gleicher Weise rückwirkende Kraft erhalte, wie bas entsprechende Reichsgesetz, eine Anregung, die ein RrgiernngSkommiffar ad- lehnt, weil die Ablehnung der rückwirkenden Kraft bei der Penfionsgesetznovelle absichtlich festgestellt worden sei.
Abg. Ghßliufl (ft. Vp.) kommt nochmals aus die Besoldungsreform zurück und fühlt sich veranlaßt, die Stellung der Parteien der Linken gegenüber den bisherigen Finanzreformplänen oct Regierung zu verleidigen.
Abg. DzirmbowSki (Pol«) beleuchtet die kolossale Belastung der preußischen Finanzen durch die Polenpolitik und greift den Finanzminister wegen seiner Verteidigung der Polenpolitik heftig an. Der Finanzminister, der die Polenpolitik der Regierung besonders vertreten und gefördert hat, hat die Wege der Staatsregierung im Jahre 1902 al» Ungerechtigkeit bezeichnet, indem er in einer Rede auSfühtte: Erne Ungerechtigkeit möchte vorliegen, wenn wir irgendwie bte Güter der Polen zwangStoeise ent- eignen wollten. (Hört, hörtl) Der Finanzminister hat also selbst als ungerecht bezeichnet, waS er sechs Jahre später, ohne mit der Wimper zu zucken, als beredetster Anwalt der Regierung vertreten hat. Die großpolnische Agitation wird nicht von polnischer, sondern von deutscher Seite betrieben. Wenn wir jetzt unseren Wählern Rechenschaft ablegne, und wir sagen, daß die Enteignungsvorlage angenommen ist auf Anregung der Regierung, dann wird unsere Aufgabe sein, da» zu beruhigen, was die Agitation von Ihrer Seite an Aufregung bei uns hervorgerufen hat. An dem Grundbesitz hängt und den Grundbesitz liebt das ganze polnische Volk, namentlich der kleine Mann, der am Ende seines Leben» seine kleinen Ersparnisse ht Grundbesitz anlegt. Nichts wäre aber der Regierung erwünsch- ter, al» wenn bei Ausführung des EnteignungS- gcfetze» Unruhen ausbrächen, dies wird mir bestätig durch einen Artikel, der vor einigen Tagen im .Tag' stand, daß man, um Ansiedler aus dem Westen herbeizurufen, den Boden möglichst billig erwerben müsse und dies bei Unruhen a u f Grund des Kriegstechtes geschehen könnte.
Finanznrinister Freiherr v. Rheinbaben: Ich habe eS als meine Pflicht betrachtet, den leitenden Staatsmann in seiner konseguenten Polen- Politik nach allen Kräften zu unterstützen, und so lange ich an diesem Platze stehe, können Sie überzeugt sein, daß ich diese meine Pflicht weiter erfüllen werde. (Bravo rechts.) Meine angebliche Aeußenrng von 1902 beweist nichts gegen die Notwendigkeit der jetzigen Vorlage. Wir find durch die Entwicklung zu Schritten gedrängt worden, die wir damals vielleicht für ungerecht gehalten haben. Das möchte ich rroch betonen, einen Zickza ck-K urs inderPokenpolitikwerdenwirnicht mehr einschlagen, daraus können Sie sich verlassen. (Bravo rechts.)
Abg. Kirsch (Ztr.)' betont, .daß seine Freunde in das Bravo, das die Erklärung des Ministers begleitet habe, nicht einstimmen könnten, daß sie es aufs tiefste bedauerten, daß die Regierung die bisherige Polenpolitrk weiter führen wolle. Er gibt dem Finanzminister zu erwägen, wie er sich eigentlich stellen wolle, wenn einmal ein anderer Reichskanzler aus Ruder komme, der in der Polenfrage eine andere Ansicht hat. Redner vermißt in der Ausführungsan» weifung zu hem Kreis- und Provinzialabgabengesetz von 1906 eine Bestimmung über die Erhebung der Umsatzsteuer bei dem Austausch von Grundstücken, die in verschiedenen Gemeinden oder Kreisen liegen, und bezeichnet es als gerechtfertigt, daß in solchem Falle nur je die Hälfte der Steuer erhoben werde. Den Bestrebungen der Bcdenreformer aus Einführung einer staatlichen Wertzuwachs st euer tritt Abg. Kirsch scharf entgegen. Der Behauptung des Herrn b. Zedlitz, daß für das Oberpräsidium in Koblenz die Schaffung einer neuen Präsidial stelle nicht er- forderlich sei, tritt Redner entschieden bei. Gegen
Dienstreise» de» Oberpräsidenten btt Rheinprovinz sei nicht» einzuwenden, aber man habe den ©ebanfen, daß er nicht zu solchem Zwecke zu viel Reisen unternehme. Man denk» nur an sein« Tätigkeit für di« „DeutscheVer« einigung" und für die Schaffung etneS Auto« mobilwegeS durch die Eifel. Der Oberpräfidertt der Rheinprovinz habe zu viel mit sonstigen Geschäften zu tun, sodaß eS deshalb erforderlich fei. ibm einen neuen Präsidialrat zu geben. Zum Schlüsse seiner Rede bespricht Abg. Kirsch unter großer Aufmerksamkeit des ganzen Hauses dm Stellung der Zentrurnspartet zu der Reichs- finanzresorm. Er beansprucht für sein« Partei die Anerkennung, daß sie an den früheren Finanzreformen sich stets in hervorragendem Maße beteiligt habe. Di« Zentrumspartei sei auch bereit, beiden neuen Steuern wiederum mitzuhelfen. Aber daß sie dem Block im Reichstag und den Verbündeten Regierungen die neuen Steuern in Vorschlag bringe, daS könne man nicht verlangen. 91 ebner schließt unter dem Beifall seiner Freunde: „toir werden abwarten, was »nS im Reiche vor« geschlagen wird, aber an der Sanierung der Reichsfinanzen wird daS Zentrum, wie eS da» bisher stets getan hat, auch in der Folg« regen Anteil nehmen."
Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben nimmt den Oberpräsidenten der Rheinprovinz in Schutz; es sei anerkennenswert, wenn der Oberpräsident sich mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftig«.
Abg. Dr. Hahn (B. d. L.) entwickelt die Steuerreformwünsche des Bundes der Landwirte: Ein-, fiihrung einer Dividendensteuer in Form eine» Dividendenstempel», welcher durch die Erwerb»-, gesellschaften zu entrichten wäre und Erhöhung der Reichssteuer auf ausländische StaatSpäpier^ die verhindern soll, daß jährlich etwa eine Milliarde des Gelbe» deutscher Sparer in» Ausland gehe.
Abg. Kölle (wild) beschwert sich über die utu gleichmäßige Verteilung der TeuerungSzu^ lagen für die mittleren Beamten.
Regierungskommissar DomboiS erklärt, daß sämtliche mittlere Beamten mit einem Gehalt bi» zu 3600 M eine Zulage erhalten hatten; eS fei dann ein Rest deS Fonds übrig geblieben, der selbständig durch bi« einzelnen Ressorts verteilt toorben fei.
Nach weiterer unwesentlicher Debatte folgt, die Beratung eine» nationalliberalen Antra g»;
Eämisichen unmittelbaren Staatsbeamten, Geistlichen und Volksschullehreru einmalige nicht Pension»« fähige Zulagen zu gewähren und zwar den höhere» Beamten 1<)»/<>, den mittleren Beamten 12*/»«/o, bett unteren Beamten IS-/,, den Geistlichen 10*/, und bett Volksschullchrern 15*7« bei Einkommens einschließlich Wohnungsgeldzuschuß.
Finanzminister Frhr. v. Rheiubaben erklärt sich gegen den Antrag, der allzu große Anforderungen im Vergleich zu den zur Verfügung stehenden Mitteln stelle und der künftigen GehaltSregulie»' rung präjudizieren würde.
Rach kurzer Debatte, in der Aba. Jberhofk (frk.) sich gegen den Antrag ausspricht, während die
Abgg. Ghßling (frs. Vp.) und Graf Praschm« (Ztr.) sich dem Grundgedanken der Vorlage sylw pathisch gegenüberstellen, wird der Antrag bet Vudgetkommiffion überwiesen.
Ter Rest des Etats wird ohne erhebliche Do» batte erledigt, ebenso der Etat deS Herrenhauses.
Beim Etat des Abgeordneteuhauset begründet
Abg. Dr. Arendt (ff.) den von allen Parteien eingebrachten Antrag, der Tagegelder und Reisekosten nach Art der Regelungen btt Reichstagsdiäten eingeführt wissen will
Irn Dunkeln.
Roman von Ernest» Selva.
Rach einer wahren Begebenheit erzählt.
fclj (Nachdruck verboten.)
Dieser Vetter Ivar ihrer Mutter Schwester Sohn, Albina fRionet» hatte eine ältere Schwester Pia besessen und diese frühzeitig durch den Tod verloren. Pia, mit dem Graftn Tiepolo, aus edlem venezianischem Geschlechte stammend, vermählt, war einem bösartigen, in der Gegend grassierenden Fieber erlegen, wenig« Monate, nachdem sie ihrem ersten Kinde, einem Knaben, das Leben gegeben.
Der kleine Rafaello war bet einzig« Trost seines Vaters, er ließ den Knaben nie von sich und da er jahrelang, von Ort zu Ort ziehend, in fremden Weltteilen zubrachte, f» teilte bet Kleine diese» Wanderleben.
Endlich kehrte Graf Tiepolo nach der Heimat zurück, kränkelnd, vor der Zeit gealtert, ein Fremder unter Fremden, oder mindestens ihm Fremdgewordenen lebend.
Rafaello ward mehr und mehr sich selbst übet- lassen und ging infolgedessen seinen eigenen Neigungen nach, die sich naturgemäß durch da» Unflate Wanderleben, da» er al» Kind hatte führen müffen, entwickelten.
Seine freien Stunden — und er hatte deren recht diel« — brachte er auf dem Wasser zu und auf dem Verdeck der großen Kriegs- und Handelsschiffe, die im Hafen von Mallamocco Der- ankert lagen und wo ei für den Sohn des Grafen Tiepolo nicht schwer war, sich Zutritt zu verschaffen.
Der Vater wollte zwar von all diesen Dingen tmd den Zukunftspläne« Rafaello» nicht» hören; als dieser jedoch sein 18. Jahr erreicht, gab er seinen bringenden Bitten nach und erteilte ihm
die Erlaubnis, ein« Reise nach Neapel anzutreten, zum Zwecke, bie Verwandten zu besuchen.
Voll jubelnder Freude segelte Rafaello von Venedig ab und der große, schlank«, sehr kräftig entwickelte Jüngling ließ es sich nicht nehmen, während der Fahrt, die vorläufig nach Ancona ging, den Schiffsdienst gleich einem gewöhnlichen Matrosen zu tun. Endlich langte er wohlbehalten in Neapel an, woselbst sich der Marchese Rio- rtcro gerade mit seiner Tochter aufhielt.
Mit großer Herzlichkeit wurde der liebe, lange erwartete Gast begrüßt und bald übersiedelte bte kleine Familie wieder nach der Billa in So» rento, wo das Zusammensein mit dem Verwandten ein noch ungestörteres war.
ES war rührend, zu beobachten, mit welcher Zartheit und Aufopferung, der etwas milde, lÄensfrische Jüngling fernen Lieblingsneigungen einen Zügel anlegte, um dem blinden, kaum dem Kindesalter entwachsenen Mädchen Führer und Gesellschafter zu sein.
Angiolina stützte sich auf feinen starken Arm, er leitete liebevoll ihre Schritte, und wie Bruder und Schwester wurden Angiolina und Ra- faello von allen bettachtet, besonder» von Gertrude, der Pflegerin und Erzieherin de» blinden Mädchen», und von dem Marchese Rionero.
Vielleicht fühlten di« beiden jungen Menschenkinder erst bei dem Abschiede, daß es denn doch noch ein anderes Gefühl war, das jetzt ihre Herzot höher schlagen mmhte.
Und dann schieden sie, für lange, das wußte Angiolina wohl, war sie doch di« Vertraute Ra- faelloS und feiner Zukunftshoffnungen.
Freilich hatte sie feine Ahnung davon, wie lange dies« Trennung währen würde und daß zu fürchten stand, dieselbe dürft« eine ewige sein. Nämlich ein Jahr noch seinem Besuclre in Neapel verlor Rafaello den Vater und als di« Zeit der ersten tiefen Trauer verflossen war, hielt ihn nichts mehr zurück und er fdüffte sich, nachdem er feine Angelegenheiten geordnet, auf einem nach
Marseille segelnden Kauffahrer ein, um vorläufig Frankreich und Spanien zu bereisen.
Anfangs langten Briefe des Reisenden bei den Verwandten in Sorrent an, dann in immer größeren Zwischenräumen, bis sie zuletzt ganz ausblieben.
Die letzte Nachricht hatte Rafaello von sich gegeben, indem er dem Oheim mitteilte, daß er sich in Tunis einer Expedition von englischen Reisenden angeschlossen habe, deren Zweck sei, das Inner« Afrika» zu erforschen, so weit dies ihnen zugänglich wäre; er hatte hinzugefügt, daß er sich auf die Löwenjagd freue und seinem guten Stern vertraue, der chn früher ober später doch sicherlich heil und gesund zur Heinwt und den lieben einzigen Verwandten zurückführen werde.
Aber seitdem waren Monate und Jahre vergangen und keine Kunde war mehr von dem abenteuerlustigen Jünglinge gekommen.
In der Villa Rionero sprach man Wohl oft von dem Heben Verwandten und harrte sorgenvoll auf eine Nachricht, doch bei dem unbändigen Sinne de» jungen Manne», der mit aller Kraft seiner Natur hinausstrebte, um sich ganz und voll auszuleben, hatte sich wohl nicht viel anderes erwarten lassen.
In solcher Weise sprach sich Rionero über seinen Neffen aus, dessen Charakter und Neigungen so himmelweit verschieden waren von den seini- ge, und Angiolina mußte dem Vater recht geben, wenn auch mit einem Seufzer. Ach, die glücklichen Stunden, welche sie an Rafaello» Seite verträumt, waren nie mehr» wiedergekommen — würden sie eS je?
Tie Frage legte sich auch heute die Jungfrau vor, als sie liebkosend die zarten Blätter der Teerose berührte — Rafaello hatte ihr ja gesagt, daß die» (eine Lieblingsblum« sei.
Da ließen sich Männertritte auf dem kiesbestreuten Gartenwege vernehmen. ES war nur ein leise» Geräusch gewesen, bie Blinde jedoch erhob sogleich da» Haupt und lauschte gespannt.
dann glitt ein mildes Lächeln tote ein Sonnen« strahl über ihr Gesicht: sie hatte den Schritt ihres Vater» erkannt.
In der Tat war es der Marchese Rionera welcher im Morgenanzuge von der Terrasse, to< da» Frühstück serviert worden, in den Gartet kam, um Angiolina abzuholen.
Aber welche Veränderung war mit dem schöne* Manne im Laufe der Jahre — es waren deren ungefähr fünfzehn verflossen — vorgegangen»
Ottavio Rionero, im Anfang der Vierzig stehend, war, wenn auch eben kein ®rel», so doch ein alter Mann geworden.
Auf dem bleichen, edlen Antlitz, besten Stim leicht gefurcht war, in den großen dunklen Augen lag der Ausdruck unheilbarer Schwermut anSge« prägt. An den Schläfen war da» dichte Haar, bereits ergraut.
e Der Marches« begrüßt« seine Tochter auf bat, zärtlichste, bann zog er ihren Arm in den feinen' und wendete sich langsam der Xerroffe zu, indem er sagte: „Gertrude erwartet un» mtt dem Früh- stück."
„Ach, der Morgen ist so wunderschön, laß uni noch einmal durch den Garten gehen, Papa; ich möchte Dir meine MooSrosen zeigen, sie find über Nacht erblüht."
Lächelnd folgte der Marchese, indem er sagte; „Es wird Zeit, Angiolina, Dir einen Gefährten Deines Alter» zu geben, einen munteren Gesellschafter, der Deine kleinen Freuden feilt und Dich aufheitert."
„Und bist Du nicht stet» bei mir, Vapa?"
„£), ein alter, müder Mann, wie ich bin, ist' eine traurige Gesellschaft für ein junge» Mädchen!"
„Sprich nicht so, mein teurer Vater, Du weißt > e» ja, daß ich am liebsten still bei Dir fitze."
„Doch erst warst Du viel heiterer und leben« diger, al» Rafaello bei uns weilte. Euer lustige» Geplauder, Stein silberne» Lachen erfreute mtt da» Herz."
(Fortsetzung folgt.)!