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35. Jahrgang.

JÄ 60.

Erscheint ttglich itttt A-Lnahme »er Sonn und Feiertage, viertel­jährliche» Yezugspreir ohne vringerlshn und vestellgeld in Fulda so­wie auswärts ^LOwt.

verantw. Nedakieurr Earl Schütte; fürdleLnretge«: Z. Parze»« in Z«lda.

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JW AeNamendtePrlitzettt || 1 1 25 Pfg., bei wieder» Hm M W Holungen wird entspr. «E . M W M, W Rabatt gewährt.

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Verlag der Fuldaer 2l»

A .. tlendruckerei in Fulda

fltoMtsitUage: „Fuldaer Eeschichtsblatter^ ri».».

Krstes Matt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 11. März 1908.

L>le 2. Lesung des Etats des Reich»a«ts «fee» Innern wird fortgesetzt.

Di« bereits vorliegende stattliche Anzahl von Reso° lutionen ist «och um eine weitere vermehrt worden durch eine konservative Resolution, wonach für solche Märkte und marklähnliche Beranstaltungen, die dem Handel mit Schlachtvieh in größerem Umfange -dienen, Anordnungen getroffen werden sollen, welche eine zuverlässige Feststellung L« Btehpreise nach Lebendgewicht gewährleisten.

Abg. Naumanu (fr. 23gg.) äußerte den Wunsch, die Arbeitskammern sollten nicht nur den ^Charakter einer begutachtenden Behörde tragen, sondern den Charakter eines obligatorischen Eini­gungsamtes. Die Befugnisse, welche heute der Polizei und der Gewerbeinspektion zustehen, muf­fen auf die Arbeitskammern übergehen. Das Gewerbe selbst muß für die Gesetzgebung Vor­schläge machen und die Ausführung in die Hand bekommen. Zu diesem Zwecke müssen die Ent­scheidungen und Beschlüsse der Arbeitskammern für die Gesetzgebung maßgebend fein. Die zweite Aufgabe, welche den Arbeitskammern zugewiesen werden muß, ist die Begutachtung der Tarifver- träge, und auch hier müssen sie den Charakter einer Behörde haben, welche in allen Fragen des Tarifwesens zuständig ist. Neben der Einführung der direkten Wahl, die ich für selbstverständlich halte, muß ein Versuch mit dein Proportional- lvahlsystem gemacht werden; es würde gerade hier am Platze fein, weil es die Möglichkeit gibt, einen Ausgleich des Kräfteverhältnisses zwischen -Len verschiedenen Gewerkschaften herbeizuführen, ^Die. Anlehnung darf nicht an die Berusungsge- inossenschaften erfolgen, da diese nun einmal ein- ifeitige Unternehmerkaffen sind, sondern die Ar- cheitskammern muffen sich finanziell an die Jn- «validftätskaffen anschließen .

Abg. Graefe (Rfp.) vertritt die Ansicht, als ob unter der Fürsorge für die Arbeiter die Un­terstützung des Mittelstandes vernachlässigt werde. Zum Schutze desselben müßte die Konkurrenz der Warenhäuser bekämpft werden, und dieser Schutz muffe in der reichsgesetzlichen Einführung einer Umsatzsteuer gefunden werden, weil die Wa­renhäuser daran seien, in unserem Wirtschafts­leben eine Diktatur zu errichten.

Abg. Sir (Ztr.) tritt für seine Partei mit Enischiedenheit der. Auffassung des Vorredners entgegen, als ob die Sozialpolitik einseitig be­trieben werde. Sie kommt allen Kreisen der er­werbstätigen Bevölkerung, soweit sie hilfsbedürf­tig sind, zugute. Deshallb haben wir Resolutio­nen eingebracht zugunsten der Arbeiter, der Handwerker und zugunsten des Kaufmannsstan­des, und zwar soivohl der selbständigen Prinzi­pale wie der Handlungsgehilfen. Wenn vor kur­zem hier der Ausspruch gefallen ist, daß das Handwerk das Aschenbrödel der So­zialpolitik sei, so gilt das vielleicht in höhe- rent Maße noch für den Kaufmanns st and. Eine von uns eingebrachte Resolution verlangt für die Handlungsgehilfen, sowie für die in Gast- und Schankwirtschasten beschäftigten Personen eine weitere Ausdehnung der Sonntagsruhe. Diese Forderungen sind durchführbar ohne jede Sck>äbigung des Kaufmannsstandes. Anders liegt das freilich mit der seitens mancher Handlungs- gehilfeuorganisationen angestrebten Einführung der vollen Sonntagsruhe im HandelsgÄverbe. Die Verhältnisse auf dem Lande und in den klei­nen Städten liegen anders als in den Groß­städten. und meines Erachtens geht der vom

Reichsanzeiger veröftentlichte Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe im Handelsge- werbe wenigstens für das Land und die Heine­ren Städte zu weit. Man darf auch nicht über­setzen, daß die Verhältnisse in den verschiedenen Bundesstaaten verschieden gelagert find. Da wir in Bayern viele Feiertage haben, die in die Woche fallen, so wurde das katholische Bayern durch die Neuregelung benachteiligt werden. Auf dem Lande und tn den Heinen Städten arbeiten meist in den Geschäften die Inhaber selbst und auf der anderen Seite kaust dort das Publikum gerade am Sonntag, weil es sonst keine Zeit hat. Wenn die Bestimmungen Gesetz würden, so würde da­durch das Hausierwesen, das Detailreisen und die Konkurrenz der Wirtschaften, vor allem der gro­ßen Bierpaläste noch verstärkt werden. Auch der Achtuhrladenschluß ist für das Land nicht annehm­bar. Im weiteren regt Redner an, daß den In­nungen das Recht gegeben werde, Mindestpreise festzusetzen und daß der Hausierhandel, hinsicht­lich seiner Auswüchse bekämpft werde. Hinsichtlich der Novelle über den unlauteren Wettbe­werb muß besonders Gewicht gelegt werden. Zum Schluß fragt Redner an, wann die Novelle zu erwarten sei.

Nachdem noch Abg. v. Brockhausen (k.) Schutz der Arbeitswilligen verlangt, wird die allgemeine Besprechung durch einen Schlußantrag beendet.

In der Spezialberatung wollten die Abgg. Hue und Stadthagen (Soz.) wieder allgemeine Themata behandeln, wurden aber vom Präsiden­ten daran gehindert.

Zum Kapitel Allgemeine Fonds be­spricht Dr. Pfeiffer (Ztr.) die verschiedenen Aus- gaben für Kultur und Wissenschaft. Nur 759 000 Mark verwende das Reich für kulturelle Zwecke im 2% Milliarden-Etat. Eine Erhöhung der Unterstützung des Museums in Mainz wäre er­wünscht . Redner spricht nun die einzelnen Po­sitionen durch und wünscht am Schluffe die Ein­setzung einer Summe für eine Ehrenspende an deutsche Dichter. Es gibt noch Dichter in Deutschland. (Zuruf: Mülle r-M einin- gen! Große Heiterkeit.) Es gibt noch wirkliche Dichter, an diesen habe ich wirklich nicht gedacht (Große Heiterkeit). Wir müssen das große deut­sche Geistesleben lieben und fördern. (Beifall.)

Donnerstag: Fortsetzung.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 11. März 1908.

Auf der Tagesordnung stehen die Interpella­tionen, in denen die Regierung gefragt wird, wann die Beamtenbesoldungsvorlage an das Haus gebracht wird.

Abg. v. Hennigs-Techlin (k.) stellte der Regie­rung, wenn auch in gemäßigter Form, ein Ta­delsvotum aus und begnügte sich mit der Er­wartung, daß die Vorlage wenigstens sicher im Herbst komme.

Abg. Hobrecht (nl.) wies auf den Widerspruch hin, daß die Ausbesserung in der Thronrede be- "timmt angekündigt sei und jetzt die Regierung eine andere Auffassung bekunde. Zur Zeit der Thronrede muß also doch die Regierung überzeugt gewesen sein, daß eine Lösung in dieser Session möglich sei. Warum nun plötzlich dieser Wechsel der Auffassung? Der Wechsel im Reichsschatzamt erklärt ihn nicht, weil im Reich und in Preußen die Vorarbeiten schon gemacht waren.

Abg. Frhr. v. Zedlitz (ff.) sagt, in der Presse werde hervorgehoben, es werde die Beamtenauf­besserung nur deswegen bis zum Herbste zurück- gestellt, weil die Regierung glaube, daß sie im Herbste nach den Wahlen ein gefügigeres Haus haben werde und so bei der Beamtenaufbefferung

billiger wegkommen werde. Da die Aufbesserung im Reiche an die Voraussetzung geknüpft ist, daß die Reichsfinanzreform zustande kommt, verlangte der Redner, daß Preußen im Herbst unter allen Umständen die Beamten aufbessern werde. Gleichzeitig verlangte er, daß schon setz die Grundzüge für die Lehrerbesoldung festgelegt würden und zwar in dem Sinne, daß gleiche Vorbildung und gleiche Anwartschaft die gleiche Zahlung erhielten, und daß nicht, wie eS in der Presse verlautet, ein Unterschied zwischen Stadt und Land gemacht werde.

Abg. Kirsch (Ztr.) führte aus, eS seien ihm viele Anfragen zugegangen, ob die Vorlage noch kommen werde; immer habe er geantwortet: Es steht ja in der Thronrede, auf d ie Thron- red e m u ß man sich doch verlassen ton­nen. Die gestrige Erklärung im Reichstag hat wie ein kalter Wasserstrahl auf die Beamten ge­wirkt. Man will die Aufbesserung abhängig ma­chen von der Finanzreform,, von den Steuern, und über diese ist sich weder die Regierung noch der Block klar. Auch bezüglich des Wohnungsgeld- zuschuffes hat man den Beamten Versprechungen gemacht, die nicht inne gehalten worden sind. Große Städte gewähren den Beamten die Zu­lage nach Klasse A, während Reich und Preußen dahinter zurückbleibeu. Es wäre tief zu bedau­ern, wenn die Vorlagen bis zum Herbst zurück- geletzt würden. Die Lehrerbesoldung und die Geistlichenbesoldring hat mit dem Reich nichts zu tun. Wird die Angelegenheit bis zum Herbst zurückgestellt, so erwarten wir eine solche aus­giebige Erfüllung der Wünsche der Beamten, Geistlichen und Lehrer, daß sie für ihre jetzige Enttäufchung voll entschädigt werden. Ob die Finanzreform im Herbst zustande kommt oder nicht, auf jeden Fall muß den erwähnten Per­sonen im Herbst geholfen werden.

Minister v. Bethmann-Hollwcg: Die Regie­rung hält an ihrer Zusage der Gehaltserhöhung für "1908 fest. Die Geschäftslage im Reiche lasse aber jetzt die Regelung der Frage nicht zu. Es sei nicht angängig, die Besoldung der preußischen Beamten einseitig zu erhöhen. Der Wohnungs­geldzuschuß werde festgesetzt nach den vom Reich ausgestellte« Grundsätzen, ohne Regelung des Wohnungsgeldzuschuffes sei aber auch eine Neu­regelung der Besoldungen nicht möglich. Dazu komme, daß erst nach Fertigstellung der Reichs­finanzreform sich die Finanzlage in Preußen übersehen,lasse. Daher sei es unausbleiblich, daß die Einbringung der Vorlage bis zum Herbst verschoben werden müsse. Ein Nachteil dürfte aber den Beamten, Lehrern und Geistlichen nicht erwachsen. Die Regierung wolle deshalb die Vor­lage mit rückwirkender Kraft bis zum 1. April 1908 ausstatten. Außerdem solle unverzüglich eine Vorlage ein gebracht werden, durch die den unteren Beamten und den nieder besoldeten Volksschullehrern und Lehrerinnen fester Betrag auf die Befoldungserhöhung im voraus gezahlt werden soll.

Die Abgg. Ghßling (fr. Vp.), Brömrl (fr. Ppg ), und Malkwitz (k.) gaben ihre Unzufrie­denheit mit dieser Erklärung der Regierung in recht deutlichen Worten zu verstehen, freilich konnte man bei dem konservativen Redner die Tendenz nicht verkennen, es mit der Regierung nicht zu verderben, und auf der anderen Seite versuchte der Volksparteiler nach berühmtem Mu- ter das Zentrum für die Teuerung mit Hinweis auf die Wirtschaftspolitik des Reichs verantwort- lich zu machen. Eine gründliche Abfuhr wurde ihm durch den

Abg. Kirsch (Ztr.) zuteil, der darauf hinwies, daß von der Teuerung auch solche Gegenstände betroffen worden seien, die mit der Zollpolitik gar nichts zu tun hätten, beispielsweise die Kohle. Redner nahm keinen An stand zu erklären, daß.

nachdem die Regierung einmal eine feste Zusag« nicht innegehalten habe, sie für ihr Versprechen für den Herbst keinen Glauben beanspruchen dürfe. An dem guten Willen der Re­gierung zweifle ich per sönlich. Hätten wir in 8 Tagen Reichstagswahl, so würde bal Reich und Preußen die Antwort fchon bekommen. Hier macht man finanzielle Bedenken geltend, solche Bedenken hat man bei der Enteignungsvor« tage nicht gekannt. Hätte man das Geld für die Ansiedlungskommission für unsere Beamten ver­wandt, so hätte man bester getan. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Schiffer (nl.) richtet an die Regierung die Frage, ob, wenn die Finanzreform im Herbst nicht zustande komme, doch die Aufbesserung er­folgen werde.

Minister von Rheinbaben stellt zunächst M« Zeitungsmeldungen, daß er die Neuwahlen zum Abgeordnetenhaus für Juni an* gekündigt habe, dahin richtig, daß er dies nut als Wunsch der Fraktionen festgestellt habe. Das Staatsministerium habe sich mit der Frage noch nicht beschäftigt. Es handele sich bei der Beamten- besoldungserhöhung im ganzen um ungefähr 178, Millionen. Die Staatsregiernng sei nach wie vor der Ansicht, daß solche Summen sich aus laufen­den Mitteln jetzt nicht decken lasten. Es müst« schmerzlich berühren, daß der Regierung hier fchwere Vorwürfe gemacht und mit Verlust bei Vertrauens gedroht werde. Das sei nicht nur un-‘ berechtigt, sondern es untergrabe auch die DiS< ziplin in der Beamtenschaft, auf der unsere Zu­kunft beruht. Gerade aus den Kreisen bet' Linken sei der Wunsch an die Regierung ge­kommen, den Reichstag jetzt nicht mit Steuervorlagen zu belasten (Hörti hört!). Pflichtmäßig habe die Regierung erroä*. gen müssen, ob danach die Einbringung der Dor-, läge in Preußen möglich sei. Sie habe darauf entschieden, daß bei den engen historischen Be­ziehungen zwischen Preußen und dem Reich eint gesonderte Behandlung nicht möglich sei. Wal, werden solle, wenn im Reich tm Herbst eine Se-j soldungsreform nicht zustande komme, so sei dal eine spätere Sorge. Er sei aber persönlich der, Anstchf, daß diese Sorge überflüssig fei, da di« Verhältnisse im Reich eine Verzögerung nicht dul­deten. Aber auch sonst meine er, daß die Neu-' regelung der Besoldung in Preußen nicht in all«, Ewigkeit vom Reich abhängig gemacht werd« könne. Schon jetzt solle durch Teuerungszu­lagen ein Ausgleich für die unteren un- mittleren Beamten geschaffen werden.

Weiter sprachen noch die Abgg. Dr. Hahu (Bd. d. L.), Mertiu (ff.) und der Abg. Friedberg (nl.), welcher von einer früheren Aufbesserung der Lehrer und Geistlichen vor den Beamten Nicht­wissen wollte,,weil dies Mißstimmung hervorrufL Frhr. v. Rheinbaben stimmte ihm hierin bet. j

Abg. Graf Praschina (Ztr.) machte sich ein« Aeußerung des Abg. Dr. Hahn zu eigen, daß die Verworrenheit mit der ganzen Politik bei Reichs zusammenhänge, und daß die linken Parteien mit ihrer Fonderung der bieefteu Steuern die Schuld trügen, weil die Bundesstaa­ten sich dagegen wehrten. — Im weiteren Ver­laufe der Verhandlung erHSrte

„ Kultusminister Holle, daß das Gesetz auch rückwirkende Kraft für die Geistlichen beider Konfessionen haben solle.

Nachdem noch Abg. Busch (Ztr.) den Minister gebeten, den Bremserlaß nicht zur Anwendung zu bringen und ihm die Eingabe des katholischen Lehrerverbandes über die Gewährung von Teuerungszulagen empfohlen, endet die Be« prechung.

„ Das Haus wendet sich wieder der Beratung ube den Etat der direkten Steuern zu.

Im Dunksl'n.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

20| (Nachdruck verboten.)

Die kleine Carlotta, welche Bruder und Groß­mutter so innig liebte, hatte oft mit Tränen das Martyrium dieser beiden ihr so teuren Wesen mit angesehen und sich vorgenommen, in dem Kampfe ums Dasein wacker mitzustreiten. Sie suchte und sand Beschäftigung bei einer Schnei- berin und war glücklich, bald eine bescheidene Bei­hilfe zu den täglichen Ausgaben liefern zu können.

Wie ein guter Engel waltete sie im Hause und man konnte wohl sagen, daß ihre liebliche Er- fcheinung allein der Sonnenstrahl sei, welcher die­ses Asyl zuweilen erhellte.

Wenn ihr leises Lächeln durch das Ztmmer schallte, oder ein Scherzwort, ein Schmeichelname, bann war es der alten Frau, als sei der Frühling nnt Blütenduft und Vogelsang zu ihr gekommen rn das düstere steinerne Haus, dessen Mauern denen eines Gefängniffes glichen.

Aber das Lachen verstummte und ein leises Hüsteln stellte sich dafür ein, die Rosen verblaßten auf den Wangen Carlottas, um zuweilen ver­dächtigen roten Flecken Platz zu machen, die sich auf der gelbblassen durchsichtigen Hautfarbe noch besorgniserregender ausnahmen.

Dem angehenden Arzte konnte das Leiden der Schwester nicht lange verborgen bleiben; er er­nannte nur zu bald dessen bedrohliche Gestalt und tat alles, was die Wiffenschast ihn gelehrt, um dem Tode sein Opfer zu entreißen.

. Vergebens! Eine Jugend der Entbehrung und des oft bittersten Mangels, anstrengende Arbeit hatten die Körperkräfte des jungen, zarten Ge- fchopfes aufgerieben und den Keim der tödlichen Krankheit in Carlottas Brust gelegt.

Als das liebel in erschreckender Weise zunahm, mußten die alte Frau und Gaetano in die schmerz­liche Trennung von der geliebten Kranken wil­ligen, der sie ja doch die Pflege nicht mehr zu bieten vermochten, die sie im Spital erhalten konnte.

Tief und innig war die Liebe zwischen Groß­mutter und Enkelin und erstere wähnte anfangs die Trennung von ihrem Lieblinge nicht ertragen zu können, doch bald überwand sie sich selbst und ihr selbstsüchtiges Leid, wie sie es nannte, und sprach mit zitternder Stimme:

„Des Herrn Wille geschehe, er allein weiß es, warum er die Tochter Antonio Pisanis allen irdischen Leiden und Anfechtungen entzieht."

„Und ich bin der Sohn Antonio Pisanis", er­widerte düster der Jüngling und es war ihm, als laste die Schmach dieses Namens, die ganze Bitterkeit einer Erinnerung, die seine ohnehin freudlose Jugend vergiftet hatte, mit vernichten­der Schwere auf ihm.

„Du bist ein Mann, Gaetano, und wirst Dein Los mit männlicher Kraft zu tragen wissen. Schwöre mir, daß keine Macht der Welt Dich je bewegen soll, vom rechten Wege abzuweichen und ich kann ruhig heimgehen, denn meine Aufgabe ifi erfüllt. Wenn ich durch verfehlte Erziichung die Schuld trug, daß mein Sohn zum Räuber und Mörder geworden, will ich mein Enkelkind mindestens vor gleichem Geschick bewahren — lbrich Gaetano, tat ich nicht alles. Deine Seele zu retten?"

„Tu tatest es, Großmutter, und ich will nicht den Weg her Schande gehen, der zum Blutge­rüste fuhrt." ,

T-ie Greisin hatte trübe das Haupt geschüttete.

„Bete", flüsterte das Mütterchen, die kno- cherne Hand auf den Scheitel ihres Enkels legend, -bete, mein Sohn, daß Gott Dir die christliche Tugend der Demut verleihe, denn sie hilft auch das Schwerste ertragen!"

Drei Tage nach diesem Gespräche mit der Großmutter schlummerte Carlotta sanft in ein besseres Jenseits hinüber.

8.

Im Garten des Paradieses.

Wer einmal von Neapel kommend, über Ca- stellamare den Weg nach Sorrento genommen, dem werden die herrlichen Naturbilder, welche sich, eines nach dem andern, vor seinen entzückten Blicken entrollen, ewig unvergeßlich bleiben.

Orangenwälder überall, die sich bis zum Ufer des Meeres hinabziehen, zur Blütezeit die Lust mit den süßesten Düften erfüllend und wem, die goldenen Früchte reifen, dem Wanderer holde Labung versprechend; die dunklen Baumkronen der Oliven geben gleichsam den Schatten und natürliche Girlanden, Blumen aller Arten, saft­grüne Täler, wechseln in immer neuem Reiz.

Man hat Sorrento ein Paradies genannt und nicht mit Unrecht; in den Garten einer dieser paradiesischen Besitzungen, umgeben von einem Orangenwäldchen, führen wir den Leser am Mor­gen eines sonnigen Septembertages.

Ein junges Mädchen von wunderbarer Schön- hest, schlank gleich einer Lilie, in ihrem weißen wallenden Gewände kam langsamen aber sicheren Schrittes durch die Hauptallee, welche zur Ter- vaffe führte.

Aber sie betrat diese Terrasse nicht, wo auf einem Schaukelstuhle unter Granatbäumen eine ältere Frau saß und mit liebevollen Blicken die Spaziergängerin beobachtete, sondern kehrte stets wieder um, den Weg mit einer gewissen Gleich­mäßigkeit zurücklegend und nur hier und da bei einem Rosenstock voll duftender Blüten ober einer duftenden Nelke verwertend, deren zarte Blätter sie liebkosend mit der kleinen Hand berührte.

Einem genauen Beobachter konnte es nicht entgehen, daß die liebliche Blumenfee die beste Gabe der Natur entbehrte, daß ihr das Licht der Augen fehle'

Doch büßte dadurch die Schönheit AngiolinaH — denn wir befinden unS tm Garten der Villa Rionero — nichts ein, im Gegenteil, sie gewann noch an rührendem Reize, denn zu der Bewunde­rung, welche sie einflößte, gesellte sich das Mitleid, welches zumeist Liebe erweckt.

Und wer hätte dieses anmutige und doch f», unglückliche Mädchen nicht lieben sollen, über beten edelschönes Antlitz der Zauber sanfter Me«! lancholie wie ein leichter Wolkenschatten gehret-1 tet lag.

Reiche lichtblonde Locken bis auf die Schultern herabfließend und am Hinterhaupt nur mit einem goldenen Kamin zusammengefaßt, umrahmten das zarte Oval,, dessen klassische Regelmäßigkeit an das einer griechischen Statue gemahnte.

Wie Angiolina sich eben jetzt wieder zu einer großen, zart gelblich gefärbten Teerose hinab beugte, den süßen Duft langsam einatmend, hob ein Seufzer die junge Brust, ein recht sehnsuchts­voller Seufzer, der selbst einem unparteiischen, Beobachter gesagt haben würde, daß die Unbs-' fangenbett des Kindes dem erwachenden Gefüll der Jungfrau hatte weichen müssen.

Dem war ht der Tat so. Aber eS wäre zti vtel gesagt, wollten wir behaupten, daß Angio- Itnas Herz ntcht mehr frei sei; in ihrer Sonder­stellung anderen beglückten ch. h. sehenden Men­schen gegenüber, wäre es dem jungen Mädchey wohl schwer geworden, für irgend einen Mangü bet ihrem geistigen Auge in vielleicht völlig ver­änderter Gestalt vorfchwebte, eine warme leiden­schaftliche Neigung zu fassen. Der Liebe eine$'? Blinden wird immer etwas Schattenhaftes an-' haften.

So war auch das Gefühl, das zuweilen unh zumal in den Stunden beschaulicher Einsamkeft Angiolinas Herz bewegte, mehr eine Ahnung bet Liebe, als die Liebe selbst, und dies war um so natürlicher, als es einem nahen Verwandte^ ihrem Vetter Rafaello Tiepolo galt.

(Fortsetzung folai.)