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RotationsdruSund Verlag der Fuldaer Al- tiendruckerei in Fuld« Fernsprecher Ur. 9.

35. Jahrgang.

Fulda, Mittwoch den 11. März 1908.

M 59.

Krstes Mlcrtt

jetzt an den Reichstag gelangen konnten. Er bemerkte u. o., daß sich die Lage dadurch wesentli^ verändert habe, daß auf Wunsch des Reichstags aus den künftigen Reinerträgnisfen der zu er­wartenden Steuergesetze der Betrag von zunächst 35 Millionen jährlich für die Ermäßigung del ZuckerverbrauchS. Abgabe in Wegfall kommen würde. DaS Zentrum hat bekanntlich gegen diese Maßnahme im Reichstage gestimmt, und der Abg. Spahn war es, der in der Sitzung vom 7. Februar ds. IS. davor warnte, Ver­pflichtungen zu übernehmen, deren Erfüllung man nicht übersehen könne. Die Erklärung des Staats­sekretärs gibt ihm reckt, wenn er es damals süt bedenklich erklärte, Pläne für die Zukunft zu fasien, ehe man diese kenne, und wenn er all leitenden Gesichtspunkt den ausstellte, nicht dii Jnteresien einzelner Kreise zu unterstützen aus Kosten der Ordnung der Reichsfinanzen, sonderst vorzusorgen, daß Ordnung in unserem allge­meinen Interesse gehalten werde, und zu diesem gehören vor allem die Finanzen unseres Reiche-.

Wenn also die Beamtenbesoldungs-Vorlagen jetzt immer noch auf sich warten taffen und sich die Beamten vorläufig mit einer Teuerungszulage begnügen müssen, so haben sie eS dem Block zu verdanken, der nicht nur in der ReichS- sinanzreformfrage bisher versagte, sondern auch durch dieZustimmung zur Ermäßigung derZucker- verbrauchs»Abgabe ein neue- Hindernis bei baldigen Erfüllung ihrer berechtigten Wünscht schaffte.

Deutsches Reich.

Q lieber Gehaltsreform, Landtagsschlutz, Landtagswählen, Reichsfinanzreform und anderes hat sich die Regiernng am Diens­tag morgen in einer vertraulichen Konst« renz mit den Parteien deS Abgeordneten« Hauses mit Ausnahme der P^len unterhalten. Die ,Köln. Ztg/ ist in der Lage, darüber folgen­des mitzuteilen:

Der Schluß deS Abgeordnetenhauses vor Oster, steht fest (nach anderer Meldung am 9. April). Di« Einberufung des neuen Abgeordnetenhauses ist schon für Anfang Oktober inS Auge gefaßt. Dann werden sämtliche Beamtenvorlagen, es sind deren sechs, als, auch für die Geistlichen und Lehrer, zusammen vor« gelegt werden. Inzwischen erhalten alle mittleren Be­amten (bis zu 4200 Mk. Gehalt) eine Teuerung-« zutage von 150 Mk., alle Unterbeamten eine Zplag« von 100 Mk., die auf eine spätere Gehaltserhöhung angrrechnet werden. Diese Erhöhung wird rückwirkend ab 1. April 1908. Auch die Pension und die Relikte» Versorgung etwa in der Zwischenzeit abgehender Be­amten wird unter Zugrundelegung der erhöhten Sätz« berechnet. Die Teuerungszulage soll von der späteren Gehaltserhöhung abgezogen werden. Ebenso sollen bi« weniger gut bezahlten Lehrer eine Teuerungszulag« erhalten, da auch die Lehrerbesoldungsvorlagen auf de« Herbst verschoben werden sollen. Die Geistlichen dagegen erhalten keine Teuerungszulage.

a. In der Budgetkommission des Reichs« tages begann am Dienstag die Beratung über den Etat für Südwestafrika mit einer all« gemeinen Aussprache, die sich für dir Verwal­tung gerade nicht angenehm entwickelte. Staats­sekretär Dernburg machte längere Ausführungen, um die Höhe des ReichSzufchuffes von 43,6 Millionen zu rechtfertigen. 8 Mill. sind davon bestimmt für Den Weiterbau der Bahn Lüderitz-

einen Mangel an Interesse beweise und hob noch­mals hervor, daß er alles tun werde, um die Ein­bringung der Vorlage zu ermöglichen.

Abg. Dr. Wirmer (fr. Dp.) meinte, man könne die Beamtenaufbesserung gesondert von der Finanzreform noch in dieser Session verabschie­den.

Staatssekretär Shdow hob hervor, die Regie­rung habe im vorigen Jahre bezüglich der Auf­besserung nur eine bedingte Zusage gemacht. Das Versprechen sei geknüpft worden an die Gewähr­ung der Deckungsmittel. Ueber die neuen Steuerprojekte könne er zurzeit nichts sagen.

Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Ich habe nicht vor­geschlagen, daß man die Aufbesserung auf An- leihe nehmen soll. Bei der Aufbesserung der Be­amten handelt es sich um 70 Mill. <M, bei der Flottenvorlage um 100 Mill. JC, bei erster drängt man auf die Deckung, bei letzterer nicht; man ka n n also auch anders. , Man kann nicht sagen, daß Frhr. v. Stengel ein Fiasko erlitten habe. — Der Reichsschatzsekretär sagt, daß man auf das Ausland sehen müsse. Der Reichskanzler hat im Herrenhause bei der Polenvorlage das Gegenteil gesagt; hoffentlich schadet es ihm nicht (Heiterkeit!). -

Mittwoch: Reichsamt des Innern.

△ Der neue Reichs-„5teuer"-Mann.

Der neue Reichsschatzsekretär Dr. Sydow hat am Dienstag bei der Beratung der Beamten- interpellation im Reichstage zum erstenmale in seiner neuen Eigenschaft eine größere Rede ge­halten. Die Spannung, mit der man feinem Auftreten entgegensah, ist danach geschwunden, die Unklarheit aber darüber, wie er die Sache anzufaffen gedenkt, erst recht groß geworden.

WaS der Reichsschatzsekretär über die Auf- befferungen erklärte, läßt sich kurz dahin zu­sammenfassen, daß die B e a m t e n b e f o I d u n g s- Vorlagen für daS Reich erst im Herbst kommen werden, jedoch unter der ausdrücklich betonten Einschränkung, daß vorher durch die „Erschließung weiterer Einnahmequellen die Ver­teilung der Lasten zwischen Reich und Bundes- ftaaten in einer für beide Teile befriedigenden Weise geordnet fei." Der Reichsschatz- sekretär betonte die Notwendigkeit der Herbei­führung einer ausreichenden Finanzreform und machte dafür geltend den kläglichen Ein­druck, den unsere traurigen Finanzverhältniffe auf daS Ausland machten. Fürst Bütow denkt bekanntlich anders, er hat noch kürzlich im Herrenhause das große Wort gelassen ausge­sprochen, „vor jedem Stirnrunzeln deS Auslands zu erbeben, sei nicht die Art großer Völker." Der Reichsschatzsekretär meinte weiter, daß die Finanzresorm so geartet sein müsse, daß durch sie ein befriedigendes Verhältnis zwischen Reich und Einzelstaaten gewährleistet fei.

Mit Recht wies der Abg. Spahn darauf hin, daß die Frage, auf dem Gebiete des Finanz­wesens ein befriedigendes Verhältnis zwischen Reich und Einzelstaaten herbeizuführen, so alt sei, wie das Reich selbst und daß, wenn man so weitgehende Anforderungen an die Reichsfinanz­reform stelle, es in der Tat zweifelhaft fein könne, ob der Reichstag im Herbst zur Verab­schiedung der Besoldungsvortage kommen werde.

Besonders interessant und für die Wirksam­keit des Blockes kennzeichnend dürften aber die Bemerkungen deS Ministers darüber sein, warum Die Beamtenbesoldungsvorlagen nicht schon

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 10. März 1908.

.. Auf der Tagesordnung stehen die Jnterpella- Honen der Konservativen, Natronalllberalen, Freisinnigen sowie des Zentrums betr. B e a m- tenvorlage.

Abg. Frhr. v. Richthofen (kons.) begründet Die konservative Interpellation. Die Hinausschiebung der Vorlage bis zum nächsten Jahre bedeute einen unerträglichen Zustand. Die Finanzreform muffe Hand in Hand gehen mit der Besoldungsvorlage.

Abg. Graf Oriola (nl.) wies darauf hm, daß die neuliche Erklärung des preußischen Finanz- Ministers allgemein Enttäuschung hervorgerufen habe. Da der Block sich unfähig erwiesen hat, in diesem Jahre die Finanzreform zu vollziehen und er somit selbst die Schuld an der Verzögerung der Beamtenaufbesserung trägt, war es begreiflich, daß der Redner meinte, man müsse erst dem neuen Schatzsekretär Zeit zur Einarbeitung lassen, bevor die Finanzreform komme. Er sah sich dabei ge­müßigt, einige Angriffe auf das Zentrum zu machen und stolz erklärte er: Das Zentrum ist aus seiner ausschlaggebenden Stellung verdrängt, wir vom Block machen die Steuern alleine . (Schallendes Gelächter beim Zen- trum; Abg. Gröber: „Ja, das Steuermachen ist auch Ihre Sache!") Die Ausführungen des Redners klangen dahin aus, daß eventuell eine Teuerungszulage für den Sommer gewährt wer­den müsse.

Abg. Schrader (frf. Vgg.): Die Handelsver­träge haben eine Verteuerung der Lebensmittel im Gefolge gehabt; das hat die Regierung auch selbst anerkannt. Es ist sehr zu bedauern, daß nicht mit dem Etat die Beamtenvorlage kam;,mit Teuerungszulagen ist den Beamten nicht gebient

Abg. Dr. Spahn (Ztr.) Die Gehaltsaufbesse­rung gehört zu den ersten Aufgaben des Reichs­tages. Nach den gehörten Reden weiß man, was kommt; eine Teuerungszulage und die Aussicht auf die Rückwirkung auf 1. April 1908. Damit ist den Beamten nicht gedient. (Sehr richtig,!) Man denke an die Verhättnisse der Beamten in den Gemeinden. Der Lebensunterhalt hat sich verteuert, seitdem anno 1890 die letzte Aufbesse­rung erfolgte. Daß die Handelsverträge hier mitgewirkt haben sollen, ist nicht richtig; auch Frankreich hat höhere Lebensrnittel; dann steigen die Erziehungskosten, die Gemeindesteuern usw. Der Beamte darf nicht auf Nebenverdienst aus­gehen, er soll keine Schulden machen usw.; er soll entsprechend auftreten. Die Kinder leiden am meisten unter den heutigen Verhältnissen, sie er- halten zu geringe Nahrung. Alle Behörden sto­cken. fein Beamter geht in Pension. In feier­lichster Form hat der Reichskanzler die Aufbesserung auf 1. April 1908 i n Aussicht gestellt und nichts geschieht (hört!). Junge Beamte werden nicht etatsmäßig angestellt, eine völlige Lähmung tritt überall ein. Unterstaatssekretär Twele hat im Januar 1908 die Vorlage bestimmt in Aussicht gestellt. Es hat die Beamten sehr enttäuscht, daß die ihnen ge­machte Zusage nicht erfüllt worden fft. Warum hat der Block die Finanzreform nicht gemacht? wie es immer geheißen hat. Dann könnten jetzt die Beamten aufgebeifert werden. Wären w i r mit Steuervorschlägen gekommen, so würden wir beim Block wenig Gegenliebe gefun­den haben. Direkte Steuern kommen nicht in Be­ttacht, die Erbschaftssteuer wird nur wenig brin­gen, und so fällt dem Staatssekretär die Aufgabe zu, seinerseits Vorschläge zu machen. Sein Vor­

gänger, Frhr. v. Stengel war ein guter Kenner unserer Finanzen und der . Unterstaatssekretär Twele war fein fleißiger Mitarbeiter. Herr v. Stengel hat zweifellos so viele Steuerpro- jette in der Schublade hinterlassen, daß sein Nachfolger nur hineinzugreifen braucht. Man hätte sie fcfton nach Norderney kommen lassen fal­len. (Heiterkeit). Kommt die Vorlage nicht mehr, so muß eine Teuerungszulage gewährt werden, und hierbei muß man auch der Diätare gedenken, weil sie durch das Ausbleiben der Vor- läge an der etatsrnäßigen Anstellung verhindert worden sind. Wenn wir Geld für den Eisenbahn­bau in Afrika haben, bann müssen wir auch Geld für unsere Beamten haben. (Beifall im Zentrum und teilweise auf den Tribünen.)

Schatzfekretär v. Sydow verlas eine Erklärung der Regierung. Eine Finanzreform ist gegenwär­tig nicht möglich. Das Branntweinmonopol und die Tabakverbrauchssteuer find nicht ausreichend für die Sanierung der finanziellen Verhältnisse. Die Lage hat sich hinsichtlich der Steuergesetze dadurch wesentlich geändert, daß auf Wunsch des Reichstages aus deren künftigen Reinerträgen der Betrag von zunächst 35 Millionen jährlich für die Ermäßigung der Zuckerverbrauchsabgabe in Wegfall kommen würde. (Lachen und Wider­spruch.) Die Regierungen sind deshalb entschlos­sen, bis zum Herbst eine neue Finanzvorlage aus­zuarbeiten. Daher wird auch die A n f b e s s e r- ungderBeamtenbis zum Herbst verschoben unter der Voraussetzung, daß dann die Finanzreform die Mittel zur Verfügung stellt. Namentlich wird die rückwirkende Kraft ab 1. April davon abhängig gemacht, daß im Herbst genügend Mittel vorhanden seien (lebhafte Unruhe). Unter der erwähnten Vor­aussetzung würden alle Beamten, auch die, welche nach dem 1. April und vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes in den Ruhestand treten, sowie die Hinterbliebenen der in der Zwischenzeit verstorbe­nen Beamten in den Genuß der rückwirkenden Kraft gelangen. Im Reichstag sollen alsbald die Mittel eingefordert werden für eine Teuer­ungszulage nach Analogie der vorjährigen. Diese Teuerungszulage wird auf das zu erhöhende Gehalt angerechnet. Die Finanzreformfrage ist eine absolut dringende Aufgabe der nächsten Zeit sowohl unserem Ansehen dem Ausland gegenüber wie der Stellung des Reiches den Bundesstaaten gegenüber. - Es wird meine Aufgabe sein, die Be­seitigung des schwebenden Defizits in die Wege zu letten. Aber der Reichstag soll auch nicht mehr zu Ausgaben drängen, für die eine Deckung nicht vorhanden ist. Man mag sich vor Uebertteibung hüten. Es ist nicht tvahr, daß die Beamten am Hungertuche nagen. Man soll keine Unruhe in die Beamten hineintragen. Die Beamten mögen Vertrauen zu ihren Behörden haben, daß sie ihre Interessen vertreten. Ich ver­traue bei der Lösung der Aufgaben auf den pa­triotischen Sinn des deutschen Volkes und seiner Vertreter in . diesem Hause.

Bei der Besprechung der Interpellation machte Abg. Singer (Soz.) den Block für die Verschieb-, ung der Finanzreform und der Beamtenaufbesser- ung verantwortlich.

Abg. Frhr. v. Gamp (Rp.) billigte die Aus­führung deS Staatssekretärs und plädierte für direkte Steuern in Verbindung mit indirekten Steuern.

Die Abgg. Zimmermann und Graes (Wirtsch. Vgg.) hoben hervor, daß die Erklärung der Re­gierung die Beunruhigung unter den Beamten nur noch steigern werde, und kritisierten es scharf, daß es der Reichskanzler nicht für nötig gefun­den habe, bei dieser wichtigen Angelegenheit im Reichstag zu erscheinen, worauf

Schatzsekretär Sydow der Auffassung entge­genbat, als ob das Fehlen des Reichskanzlers

Am AunköLn.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

J.9J (Nachdruck verboten.)

Es ist die Zett, wo selbst die. Leidenden und Unglücklichen für kurze Stunden im Schlafe Ver­gessen suchen und finden, deshalb nimmt es wun­der, in einem dieser niederen und ärmlich ausge­statteten Gemächer noch Licht zu erblicken.

Zwar ist es nur ein armseliges Oellämpchen, ba§ auf dem roh gezimmerten Tische knisternd brennt und mit seinem rötlich gelben Schein das Antlitz eines jungen Mannes beleuchtet, der, den Kopf in die Hand gestützt, au dem Tische sitzt.

Das blaßgelbe unschöne Gesicht, die gerunzelte Stirne, die fest zusammengepreßten farblosen Lip- Pen, um bereit Winkel tiefe Linien eingegraben sind — Runen, die von harter Arbeit, von Schmerz und Entbehrungen erzählen, lassen den jungen Mann vor der Zeit gealtert erscheinen.

Vor ihm auf dem Tische liegt ein offenes ärzt­liches Besteck und weiterhin, in einem Blechkasten, das Haupt eines Mannes, am Halswirbel vom Rumpfe getrennt.

Der Student der Medizin, welcher hier feine Studien macht, ist Gaetano Pisani.

Ein Zeitraum von über vierzehn Jahren ist verflossen, feit der Mord an Albina Rionero be­gangen worden.

Aus dem schmächtigen blassen Knaben, der am Sterbebette der Mutter das schreckliche Ge­heimnis vernommen, daß fein Vater ein Mörder sei, ist ein junger Mann geworden. Doch es war eine Jugend ohne Freude, ohne die Rosen der Liebe, die ja auch auf dem Wege der Aermsten erblühen.

Gaetano starrte düster vor sich hin, das Sezier- /nesser war feiner Hand entfallen und das Auge

des Geistes sah statt des bärtigen Männerkopfes dort, welcher, dem Spital der „Unheilbaren" ent­nommen, ihm als Studienobjekt gedient, ein blei- ches engelfchönes, aber abgezehrtes Gesichtchen auf dem Schmerzenslager ruhen, das bald schon ihr Sterbelager werden mußte — denn die Kranke litt an unheilbarer Lungenschwindsucht.

Zwei schwere Tränen rannen über die Wan­gen des jungen Mannes und in bitterem Schmerz biß er die Lippen zusammen.

Die Kranke, mit welcher feine Gedanken sich unaufhörlich beschäftigten, war seine junge Schwe­ster Carlotta — eine liebliche Menschenblume, zu zart und fein gebildet für die rauhen Lebens- ftürme, verwelkt im Lenz des unschuldigen Da­seins, gebrochen von der Hand eines unbarmher­zigen Geschickes.

Endlich erhob sich Gaetano — die Großmutter hatte sich stöhnend auf ihrem Lager bewegt, das aus einem alten Strohsack und einigen geflickten Wolldecken bestand, welche auf dem feuchten Boden in einer Ecke des Gemaches aufgeschichtet waren. LielleiöP hatte der, wenn auch schvache Lichtschein das Auge der Greisin geblendet und sie er­muntert.

Gaetano wollte nicht, daß sie den Totenkopf erblickte, denn um die arme alte Frau nicht zu erschrecken, betrieb er seine anatomischen Studien nut bei Nacht. Er beschloß deshalb, sein hartes Lager aufznsuchen, welches in einer an das nächste Zimmer stoßenden dunklen Kammer gleichfalls gessen ihres Elends war.

Vorsichtig tastete er sich an der Wand entlang, er mochte der Unglücklichen dort auch nicht eine Sekunde des Schlummers rauben, der ein 83er- dessen ihres Elends war.

Und die alte 3rau, welche dem Sturme wider- standen, der die junge Rose langsam entblättert hatte, entschlummerte wieder, während ihre Lip­pen ein (Sebet murmelten für die atme Seele ihres gerichteten Sohnes.

Als die Witwe Pisani nach langer beschwer­licher Reise, die meistens zu Fuß gemacht wurde, in Neapel angekommen war, stand Gaetano in seinem fünfzehnten Jahre.

Ausgestattet mit tüchtigen Kenntnissen, da durch den Geistlichen seines Heimatortes dem auf­geweckten Knaben gründlicher Unterricht erteilt worden war, hatte Gaetano beschlossen, sich dem Studium der Medizin zu widmen, für das er von jeher eine leidenschaftliche Vorliebe bewiesen hatte.

Aber wie es möglich machen, mit Schwester und Großmutter zu leben, die nötigen Bücher zu kaufen und die Professoren zu zahlen?

Selbstverständlich blieb dem wissensdurstigen Jüngling kein anderer Ausweg übrig, als allen seinen vielen Leidensgefährten — das heißt, er mußte irgend eine Beschäftigung suchen, die es ihm ermöglichte, so viel zu verdienen, um die not­wendigen Ausgaben zu bcftreiten. Dies war frei­lich nicht leicht und es vergingen Monate zwischen Hoffnung und steter Enttäuschung, ehe der Jüng­ling, dessen Aeußeres keineswegs einnehmend ge­nannt werden konnte, einen Schreiberposten mit geringem Gehalte erhielt.

Einer jener seltsamen Zufälle, die nichtsdesto- weniger im Menschenleben so oft vorkommen und meist verhängnisvoll in die Geschicke einzelner eingreifen, hatte es gefügt, daß Gaetano mit Tommaso Basileo in Verbindung getreten war.

Von einem dienstwilligen Nachbarn hatte er vernommen, daß der Notar einen Schreiber suche. Der Mann hatte hinzugefügt, daß Basileo wegen seines Geizes verrufen sei und auch nur ein ge­ringes Gehalt gäbe, doch Gaetano war nicht in der Lage, große Ansprüche zu erheben, nachdem er sich stets vergebens da und dort gemeldet hatte, wo eS eine Arbeit gab, die er verrichten zu kön­nen glaubte.

,,Der Weg zu dem Bureau des Notars war nicht wett ab von der Wohnung Gaetanos: fo

begab er sich denn auch sogleich dahin, um sich vor­zustellen.

Mit mürrischem Wesen empfing der Geizig« den Aspiranten auf den mageren Posten eineif Schreibers in seinem Bureau und erst nachdem er sich durch geschickte Kreuz- und Querfragen überzeugt hatte, daß der Jüngling, von bittere« Not gedrängt, eine Beschäftigung suche, macht« er ihm eine Offerte, die sicher kein anderer angst nommen hätte.

In der Tat hörte auch Gaetano mit schmerz­lichem Erstaunen die Summe nennen, für welche er von 8 Uhr früh bis 11 und bann von 2 bis 8 Uhr abends in der dumpfigen Schreibstube bei Geizigen Akten kopieren sollte. Da aber auf sei^ neu bescheidenen Einwand der Notar ihm tut* den Rücken wandte und ihn gehen hieß, entschloß sich der Aermste und nahm die Stelle an.

Basileo hatte lange nicht einen fo vergnügte» Tag gehabt, und händereibend berechnete er, welch' gutes Geschäft er heute mit dem Studenten der Medizin gemacht habe, da er demselben noch bedeutend weniger geboten, als feinem letzten Schreiber, der trotz seiner Untauglichkeit doch auf und davon gegangen war, weil ihm die Bezah« lung zu gering gewesen.

Im Laufe der Jahre sollte der arme Gaetanq. erfahren, daß er in den Dienst eines Menschen, ohne Herz und Gewissen getreten war, der sein« Arbeitskraft in der rücksichtslosesten Weise aus« nützte und nicht einmal dazu zu betoegen war, eine kleine Summe als Vorschuß herzuleiherw wenn die Not aufs höchste gestiegen und auch bi, Krankheit in die Wohnung des Elends einge*. zogen war.

Und trotz seiner aufreibenden Arbeit in denk Bureau Basileo studierte Gaetano mit nie er* erlöschendem Wissensdurste bis tief in die Nacht, sich auf diese Weise wahrhaft gediegene Kennt­nisse verschaffend.

(Fortsetzung folgt.)