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Maer W Zeitung

Fulda, Samstag den 7. März 1908.

35. Jahrgang.

JA 56

monatrbellage: „zuldaer Geschlchkblatter"

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Zweites Wlatt.

Wochen-Run-schau.

X Fulda, 7. März 1908.

Seitdem der Block seine Herrschaft angetreten hat und ausübt, blüht die Politik der großen Worte, während man nach Taten vergeblich sucht. Die Reichsfinanzfrage, deren Lösung doch gewiß eine der wichtigsten und „nationalsten" Aufgaben sein dürfte, steht noch immer auf dem toten Gleis, und infolge dessen können auch die Beamtenbesoldungsfragen im Reich wie in Preußen nicht vorwärts gebracht werden. In der vergangenen Woche wurde in der Bud­getkommission des Abgeordnetenhauses Anlaß ge­nommen, die Negierung über den Stand der Be­amtenbesoldungsvorlagen zu befragen und eS er­folgte darauf seitens des preußischen Finanzmini- sters eine Antwort, die wenig geeigner ist, Be­ruhigung in die Beamtenkreise zu tragen und aus der man mit ziemlicher Deutlichkeit heraus­lesen konnte, daß das Vorwärtskommen in der Frage der Beamtenbesoldung lediglich an dem bisherigen Versagen des Reiches beziehungsweise des Blocks in der Finanzreformfrage scheiterte. Die Antwort des Finanzministers hat zur Folge gehabt, daß nicht weniger als vier Resolutionen zu gleicher Zeit, darunter auch eine vom Zen­trum eingebracht wurden, in denen nach dem Ter­min des Erscheinens der Vorlage im preußischen Abgeordnetenhaus, zum Teil nach den Gründen der Verzögerung der Einbringung der in der Thronrede angekündigten Vorlagen gefragt wurde. Man darf hoffen, daß der Druck, der so von Preußen auf das Reich ausgeübt wird, seine Wirkung nicht verfehlt, damit die Enttäuschung, die die Beamtenschaft bisher schon erlebte, nicht noch eine Vergrößerung erfährt. An Enttäu­schungen wird man freilich in diesen Tagen immer mehr gewöhnt. Das hat der Ausgang der Be­ratung über die Polenvorlage im Herren­haus bewiesen. Daß dieses Ausnahmegesetz vom preußischen Abgeordnetenhaus etwa nicht in der Fassung der Herrenhausbeschlüsse angenommen würde, dürfte wohl niemand geglaubt haben. Das Abgeordnetenhaus hat am Dienstag der Enteig­nungsvorlage seine Zustimmung gegeben, und die Zukunft wird nun zeigen, in welch verhängnis­voller Weise das Gesetz wirkt. Das Eine steht jedenfalls außer allem Zweifel, daß daS Ent­eignungsgesetz friedliche Verhältnisse in den Ost­marken nicht herbeiführen wird. Im Gegenteil, es dürfte das Sprichwort im vollsten Maße Be­stätigung finden, daß, wer Wind sät, Sturm erntet. Die Zentrumspartei und die Zentrums- Press« hat genügend und eindringlich gewarnt, aber ihre Mahnrufe sind übertönt worden.

Im R e i chs t a g ist in der vergangenen Woche unter anderem die Novelle zur Gewerbeordnung, die den kleinen Befähigungsnachweis behandelt, beraten und an eine Kommission von 28 Mit­gliedern verwiesen worden. Ebenso stand eine zweite Novelle zur Gewerbeordnung zur Ver­handlung, die eine Reihe von Abänderungen ent­hält und zwar in der Hauptsache Bestimmungen der bestehenden Gewerbeordnung. Bei dieser Gelegenheit hat sich der Reichstag ausführlich mit dem Problem der Heimarbeit beschäftigt. Zu großen sozialpolitischen Debatten gibt die Be- ratung des Etats des Ministeriums deS Innern Anlaß, die am Dienstag begonnen hat und zu dem nicht weniger alS 24 Interpellationen vor­liegen, darunter zehn vom Zentrum. In der Kommission ist der Sprachenparagraph des Vereinsgesetzes in allen seinen Teilen gefal- ten; es rst gar nichts angenommen worden. Nun­

mehr wird hinter den Kulisien gearbeitet und die Freisinnigen werden gequetscht, vis sie nach- geben, waS diese Partei so wie so gewohnt ist.

Im preußischen Abgeordneten­haus hat der Abg. R o e r e n bei der Beratung des Etats des Ministeriums des Innern mit Recht den Mißbrauch der Kriegervereine bei den letzten Reichstagswahlen gerügt, und es ist darauf vom Minister v. Moltke entgegnet worden, daß die Krie^ervereine nur in Erfüllung ihrer Sta­tuten bei der letzten Reichstagswahl, wo es sich um die Interessen der in Afrika Kämpfenden ge­handelt habe, sich an der Wahl beteiligten. Die Erklärung, die für das Zentrum den versteckten Vorwurf der antinationalen Gesinnung enthielt, durfte nicht unwidersprochen bleiben, und der Abg. Marx erhob deshalb dagegen energisch Protest. Am Mittwoch begannen die Beratungen über den Eisenbahnetat, wobei wie immer von verschiedenen Seiten des Hauses zahlreiche Wün­sche vorgebracht werden.

In I t a l i e n hat der Kampf gegen den An­trag Bissolati, der das Verbot des Religions­unterrichts enthielt, aber von der Kammer abge­lehnt wurde, in der katholischen Lehrerschaft und in der gläubig gesinnten Bevölkerung eine Pro­testbewegung eingeleitet, die einen unerwarteten Erfolg zeitigte. So hat die Beratung des An­trags das Gute gehabt, Anlaß zu geben zu der Feststellung, daß in Italien weder die Mehrheit der Kammer noch auch besonders des Volkes die religionslose Schule wünscht, und weiter Anlaß zu geben zu einer weiteren intensiven Agitation unter den Katholiken zur Abwehr kirchenfeindli­cher Tendenzen und zur Bildung einer großen, auf christlichem Boden stehenden Volkspartei.

In England befindet sich die Regierung in einer schwierigen Lage. Der Premierminister Ca m p b e l l B a n n e r m a n, der einzige Mann, der die liberale Partei zusammenzuhalten ver­steht, ist seit längerer Zeit erkrankt und mit Rück­sicht auf sein hohes Alter fürchten seine Freunde, daß er die Last der Negierungsgeschäfte nicht lange mehr werde tragen können. Die Situation wird dadurch verschärft, daß -i« Regierung zwei Gesetzentwürfe eingebracht hat, die von der Oppo­sition aufs schärfste bekämpft, von den eigenen Parteigenossen aber nicht durchweg gebilligt wer­den. Die Schankvorlage will, den Forde­rungen der Temperenzler nachgebend, die Zahl der Wirtshäuser um ein volles Drittel verringern. Die schwierigste Frage ist dabei die, wie die Wirts­leute, die ihre Häuser aufgeben müssen, entschä­digt werden sollen. Die Regierung will, daß die­jenigen Wirte, die ihre Häuser behalte» dürfen, die Entschädigungssummen aufbringen sollen, da sie ja die Konkurrenz los werden, ein Vorschlag, den der Führer der Opposition als „Räuberei" bezeichnete. Nach 14 Jahren sollen die Konzes­sionen verfallen, die Folge wäre ein vollständiges Monopol des Staates. Es ist kaum Aussicht vor­handen, daß die Regierungsvorlage Gesetz werde. Die zweite Vorlage will das Elementar- schulwesen regeln. Danach sollen die öffent­lichen Schulen ausschließlich Simriltanschulen sein, in denen kein konfessioneller Religionsunter­richt erteilt werden darf. Die von beit Kirchen­gemeinschaften gegründeten Schulen sollen unter Umständen fortbestehen dürfen, jedoch keine Un­terstützung aus den Gemeindesteuern, die sie bis­her genossen, mehr erhalten. Dafür soll ihnen allerdings ein Staatszuschuß gewährt werden, der aber erheblich niedriger sein wird, als der Bei- trag aus den Gemeindesteuern. Auch in einer Reihe anderer Beziehungen soll die Lage der Kirchenschulen zu Gunsten der Sinniltanschule» erheblich verschlechtert werdeit.

In Marokko hat General dÄmade neue Vorstöße gegen die Truppen Mulav Hafids unter­nommen und ist dabei trotz erheblicher Verluste

siegreich geblieben. Immerhin aber schemt den Franzosen die Lage bedenklicher geworden zu sein, und so sind 4000 Mann Verstärkungen nach Ma­rokko abgegangcn. Gleichzeitig ist General d'Amade mitgeteilt worden, daß die Regierung seine Aktionsfreiheit in keiner Weise beschränkt. Es verlautet, daß die französche Regierung den fremden Regierungen die Verstärkung ihrer Truppenmacht offiziell mitteilen und die Ver­sicherung daran knüpfen werde, daß Frankreich in keiner Weise von den Abmachungen der Alge- ciraskonferenz abweichen wolle. Die Versicherung halten wir für durchaus überflüssig: sie wird un- ser Urteil über den wahren Charakter der fran­zösischen Marokkopolitik nicht erschüttern können.

Persien wurde durch ein Attentat auf den Schah wieder einmal in den Vordergrund des allgemeinen Interesses gerückt. Von unbekannten Tätern wurden gegen den Waxwn des Schahs zwei Bomben geschleudert. Der schah blieb un­verletzt, drei Personen wurden getötet, über 20 Personen verletzt. Die Beweggründe zu dem Attentat sind unbekannt. Wahrscheinlich handelt es sich um die Tat revolutionärer Elemente.

In Argentinien wurde ebenfalls ein Mordanschlag auf das Staatsoberhaupt versucht. Ein junger Argentinier warf eine Bombe gegen den Präsidenten Alcorta: glücklicherweise explo­dierte der Sprengstoff nicht, sodaß kein Schaden angerichtet wurde. Man vermutet in dem Atten­tat einen Racheakt gegen den Präsidenten, der sich dadurch mißliebig gemacht hatte, daß er infolge der Budgetverweigerung der Kammern diese ein­fach auflöste und ohne Volksvertretung weiter re­gierte. Die Neuwahlen sollen bereits in diesem Monat stattfinden und steht zu hoffen, daß als­dann eine Beruhigung des argentinischen Volkes eintreten wird.

„Warum -er Block dauern mutz."

Von den Gegnern des Zentrums, insbeson­dere im liberalert Lager wird geflisientlich der Glaube genährt, das Zentrum lechze darnach, den Block zu sprengen, und könne es gar nicht mehr abwarten, bis es wieder in seine frühere Stell­ung zurückgelange. Auch Fürst Bülow hat im Reichstag auf seine Getreuen damit Eindruck zu machen gesucht, und das mit gutem Erfolg. Es wäre ja auch menschlich begreiflich, wenn im Zen- trum manche einen baldigen Zerfall deS Blocks gewissermaßen als eine Genugtuung für das Zentrum begrüßen würden. Aber die politische Ueberlegung hat mit solchen Gefühlsmomenten nichts zu tun.

Kürzlich veröffentlichte Dr. Jul. Bachem (Köln) im „Tag", also an einer neutralen Stelle, wo er umsomehr hoffen konnte, auch von ein­sichtigen Gegnern unbefangen gewürdigt zu wer­den, einen Aufsatz, worin er die Frage aufwirft und damit auch schon bejaht: Warum der Block dauern muß. Man braucht nicht mit jedem ein­zelnen Satze seiner Ausführungen einverstanden zu sein, meint die „Köln. Volksztg.", dessen füh­rendes Redaktionsmitglied Herr Dr. Jul. Bachem ist, und wird doch das Gewicht dec Gründe an­erkennen und auf sich wirken lassen müssen, die den Verfasser zur Entwickelung der These führen:

„Der Block muß dauern. Wie lange? S o lange, bis die auch heutevorhandene hochgradige k i r ch e n p o l i t i s ch eS p a nn- ung nachgelassen hat."

Diese Spannung ist, wie Dr. Jul. Bachem nachweist, der Ursprung der gegenwärtigen Lage. Er warnt davor, diese lediglich auf Dis- .wsitioncn einzelner Persönlichkeiten, insbeson- )cre des Fürsten Bülow zurückzuführen:

Gewiß, eS hat etwas das Empfinden Stoßendes, daß Fürst Bülow in solcher Weise die Abkehr vom

Zentrum vollzog, und ein mehr von Gefühlsmomente« abhängiger Staatsmann wie Fürst Bülow würde auch vielleicht diese Aufgabe einem andern überlasten habe«.' Aber die Situation war reif dafür. Nicht als ob das Zentrum in jenen Dezembertagen Fehle», begangen hätte, welche einen so brüsken Bruch recht­fertigen konnten. Die Abstimmung über die Frage der, südafrikanischen Schutztruppe war — daS muß jedem die Zusammenhänge Erfassenden klar sein — nur äußerer Anlaß, wenn man will, bequemer Borwand/ Aber dir Zeit für eine Abwendung vom Zentrum er» schien gekommen. Schon seit Jahren ertrugen bie^ weitesten nichtkatholischt« Kreis« deS deutsche« Volkes nur mit äußerstem inneren Unbehagen die, wie, der meist beliebte Ausdruck lautete, „maßgebende" oder .ausschlaggebende' Stellung desZeutrumS in unserem öffentlichen Leben. Sie sahen ja in dem Zentrum nicht eine unbedingt und unentwegt auf dem Boden der deutschen Rrtchsverfaffung stehende politisch», parlamentarische Gruppe, welche genau dieselbe Existenz« berechtigung hat wie die andere» politisch-parlamen», tauschen Gebilde, sondern sie sahen darin lediglich ein», Vertretung des Katholizismus, so etwas rote ein mo­dernes .Corpus catholicorum*. Für die Anschauung der weitesten nichtkatholischen Kreise deS Volkes war dem deutschen Reichstag, namentlich seit der Wahl eines Mitgliedes der Zentrumsfraktion zum Präsidenten, des Reichstags, sozusagen das katholische Banner gehißt.'

Dr. Bachem weist dann auf die K onfef- s i o n s h e tz e hin, die diese Stimmungen sich zu nutze machte, und auf die Entfesselung des furor protestanticus bei den Reichstagswahlen, woher er zngibt, daß auch auf katholischer Seite Fehler gemacht wurden, die der antikatholischen Pro-, paganda die Arbeit erleichterten. Wie dem auch sei, der scharfe Gegensatz konfessioneller Färbung gegen das Zentrum ist jedenfalls vorhanden, und, man wird daher Dr. Jul.. Bachem beistimmen müssen, wenn er fortfährt: Ihren Höhepunkt, würde die Gegnerschaft gegen das Zen­trum erreichen, wenn lediglich durch taktische Züge, gewissermaßen durch Einsetzung lediglich der ziffermäßigen Stärke des Zentrums bte Blockpolitik zum Scheitern gebracht würde. Das ist die Gefahr für das Reichs intern esse und gleicherweise für daS Interesse des Zen­trums, welche ich hier im Auge habe.

Dr. Jul. Bachem glaubt zwar nicht an «inen, Kulturkampf nach Art der 70er und 80cr Jahres einen solchen hält er schon mit Rücksicht auf di- starke Stellung des Zentrums in den süddeutschen Statten für „nahezu ausgeschlossen" — eine Hof-, fentlich nicht zu optimistische Auffassung —, schon eher könnte nach seiner Ansicht in Preußen ein Schulkulturkampf gemacht werden. Ab« die Hauptsache ist ihm die Aufstachelung der k o n- sessionellen Leidenschaften, die ja in der Tat als Nebel an und für sich schon groß genug ist, um jeden aufrichtigen Vaterlands­freund wünschen zu lassen, daß alles vermieden n>erde, was diesen Riß erweitern könnte: Dr, Bachem bemerkt weiter mit Recht, daß das Zen­trum keine Politik der Rache treiben dürfe, so»«' dern sachliche Politik. „Die Politik deS Blocks kann, ohne daß innere Krisen entstehen, endgiltig nur durch eine bessere Politik des Zentrums über­wunden werden, llmsichtiger denn je muß daS Zentrum aller Volksinteressen sich annehmen, so­zusagen unter völliger Ignorierung des Blocks, jedenfalls ohne Rücksicht darauf, ob durch diese, oder jene Stellungnahme der Bestand des Blocks gesichert oder gefährdet werde. Das deutsch«' Volk, soweit es nicht durch konfessionelle Leiden­schaft völlig benebelt ist, mutz in die Lage gebracht werden, Vergleiche anzustellen zwischen dec Gesamttätigkeit deS Zentrums in Vergangenheit und Gegenwart und dem, waS bei der gegen das Zentrum gerichteten B l o ck p o l i- t i k Positives herauskommt."

„Das Zentrum kann dauernd nicht auS- geschaltet werden, wenn es sich nicht selbst aus­schaltet." „Und so lasse man denn," so schließt Dr. Jul. Bachem seine beachtenswerten AuSführ-

Unpolitische Zeitläufe.

(::) Berlin, S. März 1908.

Zachdruck verboten.)

Dort kreischen die Menschen vor Vergnügen; hier kreischen ihre unglücklichen Mitmenschen in Verzweiflung und heilloser Not. Mummenschanz und Totentanz, — rauschende Lust und röchelnde Brust, — Schellengeläute und Teufelsbeute, — Faschingsnarren und Leichenkarren: das weht und wirbelt auf dieser Erde alles bunt nebenein- und durcheinnder. Eine wahre Aschermiit- Woch-Ltimmung schlägt einem auf das Herz, tucnu man die „vermischten" Neuigkeiten in den mr'irhnr ehAIlC orrr ^5? .Hauptmann v. (Soeben, der Mörder von Allenstem, schneidet sich -en Kals durch In-Cleveland (Ohio) verbrennen ast 200 Schulkinder. Em 13mhriges Berliner Mädchen fjtfj toegen bc3 Abganges einer schwärme- rrsch geliebten Lehrerin ms Wasser, als die Mut- ter die Leiche gesehen, vergiftet sie sich durch Leuchtgas. Em Ihahnger Arbeitsbursche wird des Lustmordes überführt. Eine Lawine fegt im Lotschental ein ganzes Hotel mit 30 Insassen hin- weg. Was ist das menschliche Leben?!

Unglück und Schuld. Die unberechenbaren und unvermeidbaren Schicksalsschläge sind di« Folge der Erbsünde. Die Menschen erhöhen aber das Maß des Elends in diesem Jammertale durch ihre Torheiten und Missetaten. Die schrecklichen Vorfälle sollten wirken wie eine Mene Theke! an der Wand des modernen Kulturzimmers, mah- nend und warnend; doch manche schließen die Augen und andere verlegen sich auf falsche Deu­tungen.

„Es ist geradezu ein Skandal, wie der Selb st- mo rdervonAllensteinin vielen liberalen Blattern als ein tragischer Held verherrlicht wird. ^>leser Hauptmann hatte bekanntlich unter dem c.lnflusse dec ehebrecherischen Majorsfrau feinen Kameraden, den Major v. Schönebeck, er- icholsen. Die neueste Mode aebt bekanntlich da­

hin, jeden besser gekleideten Verbrecher für ver­rückt auszugeben. Der Mörder v. (Soeben wurde also auch auf seinen Geisteszustand untersucht. Die Sachverständigen fanden ihn aber zurech­nungsfähig. Als er erfuhr, daß er nicht in ein anständiges Irrenhaus, sondern voraussichtlich auf daS Schaffst ober wenigstens ins Zuchtbaus kommen werde, da griff er zu dem stumpfen Speisemesser. Um der irdischen Gerechtigkeit zu entweichen, überliefert er sich dem schwereren Strafgericht im Jenseits. Ist das eine Helden- tat, wie uns die „Aufgeklärten" Vorspiegeln wol- len? Oder ist es nicht vielmehr eine ganz ge­wöhnliche Feigheit, der Mangel an Kraft und Mut, die Folgen der eigenen Taren zu tra­gen? Die Abschiedsbriefe des Unglückseligen ver­raten auch keine heldenhafte Stimmung. Die Schuld auf das Weib zu schieben, das ihn hhpno- tisiert und zum willenlosen Werkzeug ihrer Ein- flüsterungen gemacht habe, steht wirklich einem Manne und einem Soldaten nicht gut an. Haupt- mann v. Soeben hat als freiwilliger Genosse im Burenkrieg« und in den mazedonischen Kämpfen viel Bravour im Pulverdampf bewiesen; er be­saß also eine gewisse Tapferkeit, die Tapferkeit des Schlachtfeldes, die in flammendem Ehrgeiz de« andrängenden Feinden die Stirn bietet. Die Tapferkeit hatte aber einen abenteuerlichen, stroh- feuerartigen Charakter. Als eine verführerische Frdu ihn umstrickte, wurde der Held zu einem Sklaven in des Wortes ärgster Bedeutung. Und als es galt, die begangene Schuld zu verantwor­ten und zu sühnen, da ging ihm die Tapferkeit des pflichttreuen Ausharrens und Duldens voll­ständig aus. Mit der Aussicht auf ein Leben im Jrrenhause schien et sich abgefunden zu baden; für verrückt erklärt zu werden, erachtete er nicht für eine Schande. Aber für feine eigenen Taten einzutreten und mannhaft bie Folgen zu tragen, y das kam ihm wie ein unerträgliches „Leven r« Schande" vor.

Man braucht ja dem verzweifelten Menschen nur ein stilles Mitleid zu weihen, wenn nicht die

rmchristliche und sittenverberbliche Presse die un­selige Tat benutzte, um die abscheuliche Lehre vom erlösenden Selbstmord zu verkünden. Eine fürch­terliche Verirrung, den Selbstnwrd als den „ehrenvollen" Ausgang au3 Schuld und Schande hinzustellen! Eine wahre Aufmunterung für die leichtsinnigen und schwachen Naturen, sich nur keck hineinzustürzen in den Strudel verbotener Ge­nüsse. „Wenn die Sache schief gehen sollte, so hilft ja eine wohlgezielte Kugel mir aus aller Not!" Nein, der Selbstmord erhöht nur die Schuld und die Schande. Auch derjenige, der nicht an das ewige Gericht glauben mag, muß die ver­nünftige Erwägung zugestehen, daß der Selbst­mörder seinen Angehörigen, seinen Mitschuldigen und seinem eigenen Andenken Schaden zufügt, neues Unrecht tut.

Die Verherrlichung des Selbstmordes wurzelt in dem falschen Ehrbegriff, der gerade in den fog. höheren Kreisen stark verbreitet ist, gerade so, wie der angeblich ehrenrettende Zweikampf. Der gesunde Teil des Volkes weist solche Trugbilder und Fehlschlüsse ab. Dort erblickt man die Ehre in der treuen Pflichterfüllung gegenüber Gott und der irdischen Rechtsordnung; hat man sich zu Pflichtverletzungen hinreißen lassen, so muß man auch die Kraft zur Sühne haben, die Schuld läßt sich nur dadurch ausgleichen, daß man auf den Wegen der Pflicht zurückkehrt und die Strafe auf sich nimmt, die von Rechtswegen der Missetat gebührt. Wer das tut, verdient als ehrlicher Kämpfer Achtung; aber wer sich durch Selbst- morb der Gerechtigkeit zu entziehen sucht, ist ein Ausreißer, der den feigen Flüchtlingen gleicht, bie mit der unrühmlichen Wunde im Rücken auf- gelesen werben.

Einen erschreckenben Blick in die moderne Sit- tenverberbnis und Nervenbildung geben die oben erwähnten Vorkommnisse aus Groß-Berlin. E-'t grüner Bursche von 16 Jahren ist durch ge­schlechtliche Ausschweifungen bereits so terroil- er gewohnheitsmäßig Jagd macht auf bte kleinsten Schulkinder und zwar mit einer

Waffe versehen, um die Opfer niederzustechen.' Es heißt, er sei von jung an ein Taugenichts ge­wesen. Ja, bann hätte er doch bei gehöriger Aufsicht rechtzeitig in die geeignete Zwangser­ziehung gebracht werden müssen, statt daß man ihn als Gelegenheitsarbeiter in der Großstadt sich herunitreiben läßt! Unter dem großstädtischen Nachwuchs sind überhaupt eine Masse schreckliche Pflänzchen, und die Welt wird noch Wunder­dinge erleben, wenn diese Saat der vollständigem Gottlosigkeit, Gewissenlosigkeit und Sittenlosig­keit weiter aufblüht.

In das Kapitel der modernen Nervosität ge«; hört wohl der andere Fall. Ein 13jährigeS Mäd­chen verfällt mit anderen Mitschülerinnen in eine überspannte Schwärmerei für eine Lehrerin an ihrer Schule. Als die heißgeliebte Lehrerin we­gen Verheiratung die Schule verläßt, phantasie­ren bie Kinder von Selbstmord, und das eine Mädchen geht wirklich ins Wasser. Was ist das für eine krankhafte Ueberspanntheitl Die Leitung dieser Schule hat offenbar ihre Pflicht nicht er­füllt. Bei einer gesunden Erziehung darf solche Gefühlsduselei gar nicht einreißen, und wenn sie N zeigt, so muß rechtzeitig für das nötige kalte Wasser gesorgt werden. Offenbar ist bei diesen „höheren Töchtern" daS religiöse und sittliche Ge­fühl gar nicht richtig ausgebildet worden; sonst hatte doch fein Kind die Stimme seines Gewis­sens so überhören und die Pflichten gegen seine Eltern und Geschwister so freventlich mißachten' können. Zum Henker mit dieser „ästhetischen" Erziehung in frühreifer Gefühlsduselei!

Die anderen erschütternden Nachrichten, die wir oben erwähnten, beruhen nicht auf Verbre­chen, sondern auf Schicksalsschlägen, bei denen höchstens die Ungeschicklichkeit und Fahrlässigkeit der Menschen anscheinend mitwirkt. Gegen die Lawinen kann der Mensch sich nicht wehren: wohl aber kann er den Orten, wo Lawinen drohen, fern bleiben. Das weggefegte Gasthaus stand an einem Platze, den man für sicherer gehalten hat, als er wirklich war. Und warum geradtz in dieser