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JV$ 55.
Fulda, Freitag den 6. März 1908.
35. Jahrgang.
antwortet Redner mit Nein mit Rücksicht auf die Höhe der Inlandspreise, auf das Mißverhältnis zwischen den Inlands- und Auslandspreisen und auf die sogenannte Kartelldiktatur gegenüber den Konsumenten. Zur Begründung dieser Antwort bringt Redner ein umfassendes, zum Teil Aufsehen erregendes Material vor. Eine Garantie gegen Ausschreitungen der Syndikate sei nur aus dem Wege der Gesetzgebung zu erreichen. Man sei allgemein heute der Ansicht, daß dies nicht durch Strafgesetze oder Ausnahmebestimmungen geschehen könne, sondern durch Maßnahmen auf wirtschaftlichem Gebiete. Zu diesem Zwecke sei die Errichtung eines Reichskartellamtes notwendig, da- zunächst dem Neichsamt des Innern anzugliedern wäre. In dem Aufsichtsrat jeden Kartells müßte ein Negierungsvertreter Sitz und Stimme haben. Redner bittet zum Schluß um einstimmige Annahme der diesbezüglichen Zentrumsresolution. (Lebh. Beifall rechts und im Zentrum.)
Abg. Graf Kauitz (k.): Wir stimmen der Resolution des Zentrums zu, denn es ist Zeit, daß endlich einmal gegen die Syndikate eingeschritten wird. Die Regierung scheint sich hiervor bisher gescheut zu haben. Die wirtschaftliche Berechtigung der Kartelle hört in dem Augenblicke auf, wo sie die Preise über das notwendige Maß erhöhen, wo sie dem Auslande billiger liefern als dem Inlands.
Abg. Fuhrmann (ntl.) begründet eine nationalliberale Resolution betr. Abänderung des § lOOq der Gewerbeordnung (Festsetzung von Mindestpreisen durch die Innungen). Redner erklärt weiter die christlichen Gewerkschaften für berechtigte und zukunstreiche Organisationen, und spricht sich nochmals für direkte Steuern aus.
Abg. v. Dirksen (Rp.) polemisiert gegen den sozialdemokratischen Abg. Schmidt-Berlin, und wirft den christlichen Gewerkschaften vor, daß sie sich von terroristischen Ausschreitungen bei Gewinnung von Mitgliedern nicht freihielten.
Persönlich bemerkt Abg. Gicsberts (Ztr.), daß er jedes unmoralische Mittel in der Agitation verurteile, daß er aber den Vorredner bitten müsse, wenn er Material habe, es dem Generalsekretariat in Köln zur Verfügung zu stellen, damit dieses das weitere veranlassen könne.
Morgen Fortsetzung. Die Interpellation«: über die Beamtenbesoldungen- sollen am Dienstag zur Verhandlung kommen.
Krstes Wtatt.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 5. März 1908.
xste zweite Beratung des Reichsamts deS In »ern wird fortgesetzt. „ . „ _
Abg. Bruhn (Rfp.) schließt sich der Anerken nung an, die dem Grafen Posadowsky von alle Seiten zuteil geworden sei, wennschon seine Mit tvlstandspolitik nicht immer befriedigt hab« Wichtiger als der Ausbau des Koalitionsrechte der Arbeiter sei ein erhöhter Schutz der Arbeite willigen gegenüber dem sozialdemokratischen Tei roriSmus. Redner bittet das Zentrum, mit einzr treten für einen bessern Schutz der Arbeitswille gen und tritt für eine energische Hebung de Handwerkerstandes ein. Besonders wünscht e die Errichtung eines Reichshandwerkeramtes.
Abg. Kulerski (Pole) trägt die Wünsche seine Freunde betreffend Arbeitslosenversicherung, Wit wen- und Waisenvecsicherung, Züsammenlegun der Versicherungsgesetze, Herabsetzung der Alters grenze für den Bezug der Invalidenrente un Privatbeamtenversicherung vor. Die Frage, wc her man die Mittel dazu nehmen solle, sei mi einer Einschränkung der militärischen Rüstungen zu beantworten. Eine wichtige Frage sei auch di Festsetzung eines Minimallohnes, damit der Ar beiter sich ausreichend ernähren und auch für bei Lebensabend etwas zurücklegen könne; ;eder Ar beiter sollte für seinen Lebensabend über ein eigene Scholle verfügen. Dieses Thema gibt den Redner Veranlassung, sich gegen die P o l e n e n t eignungspolitik der preußischen Regie rung auszulassen. Redner beklagt weiter, das die preußische Regierung die polnischen Handwcr ker bei öffentlichen Lieferungen geradezu boykot tiere, was aber ganz zu der preußischen Politi passe. Die polnischen Gastwirte würden durch di« preußische Polizei geradezu chikaniert. Aehnlic! sei die Behandlung des polnischen bäuerlicher Mittelstandes. Der Kleinbauer dürfe keine Hütt, bauen, und wenn er sich in einen Zigeuncrwager flüchte, werde ihm verboten, in diesem Wagen zr heizen. Ein solches Verfahren sei barbarisch, se unerhört.
Vizepräsident Dr. Paasche bemerkt, daß Beschwerden über Uebergriffe der preußischen Polizei im preußischen Abgeordnetenhaus vorzubringen seien.
Abg. Kulerski entgegnet, er habe diese Beschwerden vorgebracht, weil sie mit der Mittelstandspolitik im Zusammenhang ständen, die doch in das Ressort des Staatssekretärs des Innern hineinfalle. Er bittet dann unter dem lebhaften Beifall seiner Freunde den Staatssekretär, seinen Einfluß dafür aufzubieten, daß in Zukunft solche Uebergriffe nicht mehr geduldet werden.
Abg. Mayer (Ztr.) begründet die Resolution auf Vorlegung eines Gesetzentwurfs betreffend Kartelle, Trusts und ähnliche Vereinigungen. Die Kartellquote habe keineswegs volle Klarheit über Wirksamkeit und Wirkung der Kartelle geschaffen, wie es vom Regierungstische aus behauptet worden sei. Die prinzipielle Stellung seiner Partei zu den Kartellen präzisiert Redner dahin: wir sind keineswegs grundsätzliche Kartellgegner, denn wir haben im Gegensatz zu den Freisinnigen in unbeschränktem freien Wettbewerb niemals das Allheilmittel unserer Volkswirtschaft gesehen. Aber mit der Beseitigung des freien Wettbewerbs fällt auch eins der wichtigsten Korrektive weg, gegen eine zu hohe Preisbildung und gegen die Entfaltung einer Machtpolitik. Die Frage, ob die Syndikate der aus den, Wegfall dieses Kor- rek.ivs ergebenen Gefahr unterlegen seien, be-
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 5. März 1908.
Die Beratung über den Eisenbahnetat wird fortgesetzt.
Abg. v. Quast (kons.) bedauert, daß die Betriebs- mittelgemeinfchaft nicht perfekt gewo ben sei und wünscht die Fahrkartensteuer beseitigt zu sehen.
Abg. Dr. Schmedding (Zentr.) besprach die inanziellen Aussichten der Eisenbahnverwaltung und vies mit Recht darauf hin', daß die glänzenden inanziellen Ergebnisse dieser Verwaltung — hat sie >och nach Abschluß dieses Jahres während ihres Bestehens über 5 Milliarden zu den allgemeinen Siaatszwecken beigetragen! — zu einer Pessimist:- chen Auffassung absolut keine Veranlassung gäben. Sodann forderte er die gänzliche Aufhebung der Kohlenausfuhrtarife und empfahl dringend die Schaffung eines Ausgleichssonds für die Eisenbahnverwaltung.
Abg. Macro (natl.) ivendet sich in längeren Aus- ührungen dagegen, daß die Emnahmen der Eisen-! iah neu in übermäßiger Weise von anderen Refforts n Anspruch genommen würden.
Abg. Dr. v. Woyna (ff.) tritt gegenüber den Rednern der Liberalen Parteien energisch dafür ein, daß alle Einnahmen in die Generalkasse kommen. Von hier aus müffe der Finanzminifter die Verteilung der Gelder an die einzelnen Refforts vornehmen.
Eisenbahnminister Breitenbach erwidert, daß er an eint Tarifermäßigung für Rohstoffe und eine Herabsetzung der Abfertigungsgebühren denke, daß aber deren Durchführung schwer zu einer Zeil mög- lich sei, wo die Aufbesserung der Beamten große Summen erfordere. Der Minister verteidigt dann unter großer Aufmerksamkeit deS Hauses den Vertrag mit dem Kohlensyndikat. Die Erhöhung sei keine Erhöhung im Vergleich zu den Marktpreisen, sondern nur eine Erhöhung im Vergleich zu dem Satz auf Grund der alten Verträge gewesen und die Erhöhung sei erst dann zugestanden worden, nachdem das Syndikat nachgewiesen habe, daß die Selbstkosten um 1,50 Mark pro Tonne gestiegen seien. Eine Prüfung der Frage, in welcher Weise der Personenverkehr an der Eifenbahnrente beteiligt sei, stellt der Minister mit dem Bemerken in Aussicht, daß auf jeden Fall die Besetzung der Züge ständig steige.
Abg. v. Bockeiberg (k.) verteidigt unter lebhaftem Beifall seiner Freunde die Finanzgebahrung des Ministers gegenüber , den Angriffen von liberaler Seite. :1"
Abg. Reinhardt (Z.) begrüßte daS Rauchverbot in den Speisewagen und wünschte, daß die V-Züge den Inhabern von Dauerkarten auch ohne besonderen Zuschlag zugänglich gemacht würden, und beschäftigte sich eingehend mit den Eiscn-Ausnahmetarifen nach den Seestädten.
Abg. Hilbck (nl.) wünscht eine allgemeine Anwendung der für die Seehäfen geltenden niedrigeren Tarife.
Eisenbahnminister Breitenbach erwidert, daß et eine erneute Prüfung veranlassen werde, aber nicht glaube, daß er danach eine Aenderung könne ein» treten lassen. Die V-Züge müßten vom Zwischenverkehr der Dauerkarteninüaber möglichst befreit hleiben.
Abg. Dahlem (Z.) klagte über die Schwerfälligkeit und den Bureaukratismus innerhalb der Eise-bahn- verwaltung und wünscht eine strengere Durchführung der Sonntagsruhe.
Abg. Gräf Wartensleben (k.) bespricht tue Elsen- bahnunfälle.
Mmister Breitenbach antwortet, daß die Zahl der Unfälle stetig abnehme. Dem Abg. Dahlem er« widert er, daß für die Sonntagsruhe des Personals fortgesetzt Sorge getragen werde.
Abg. Gerhardns (Z.) wünscht, daß der Landes- eisenbahnrat nicht einseitig die großen Jnoustrie- gediete berücksichtige.
Morgen: Fortsetzung.
o National
Der Zulu und Buschmann hat seinen Fetisch, vor dem er auf dem Bauche liegt. Der moderne Deutsche ist über so etwas erhaben. Er lacht über den Aberglauben der Neger, aber einen Fetisch hat er auch, vor dem er sich die Länge und die Breite auf den Bauch legt. Der moderne Fetisch ft das Wort „n a t i o n a l". Wer nicht vor ihm im Staube herumrutscht und auf ihn schwört, der ist bei den „guten" Deutschen und „wahren" Patrioten einige Kilometer tief in der Achtung gesunken.
Das brauchen wir nicht zu versichern, daß wir 'ein Wort sagen wollen gegen ein berechtigte s Nationalgefühl. Wir wollen es vielmehr pflegen und uns deutscher Art, deulfcher S.ne, deutschen Fleißes und deutscher Kraft freuen, gerne auch alles tun, sie zu er6altett und zu kräftigen. Ein Volk, das nicht diesen berech
tigten National stolz hat, verleugnet sich selbst. In diesem Sinne ist es aber etwas gang selbstverständliches, daß die Angehörigen aller bürgerlichen Parteien national sind. Wir könne« uns keinen vernünftigen Menschen denken, der ein solcher Tor wäre, daß er das Unglück des Vaterlandes und damit sein und ferner Familie Unglück herbeiwünschen wollte, der nicht vielmehr für des Vaterlandes Wohlfahrt gern und freubtg einträte. Aber wir sind doch nicht ausschließlich und lediglich und nichts anderes als Deutsche. Wir sind auch Mitglieder der großen Mensch, heitsfamilie. Wir sind auch Christen und wissen, daß noch andere Völker und Nationen existiere« und ein Anrecht haben zu existieren und nach ihrer Eigenart zu leben, just wie wir auch.
Wer aber die letzten 6/4 Jahre im deutsche« Reiche gelebt hat, der hat mit Betrübnis feststellen müssen, wie von einigen politischen Oberbon« zen ein widerwärtiger Fetischdienst groß gezogen wird. Der Begriff „national" umfaßt die abscheulichste Intoleranz: Teile der Regierung wollen entscheiden, wer national ist, an der Spitze der Reichskanzler. Nur sie und ihr Gefolge sind „national". Wer die jeweilige Ansicht des jeweiligen Ministers zu der seinen macht, den Stuften krumm beugt, und Hurra schreit, dec ist unnur der ist „national". Wer aber seine eigene Ansicht hat, seinen Kopf nicht nur zum Ja-Nicken, sondern auch zum Nachdenken gebraucht und z« einer anderen Ansicht kommt, der ist antinational. Hinweg mit ihm! Man hat in der letzten Zeil diesen „nationalen" Unfug sich in den groteS- kesten Formen breit machen sehen. So mußte Staatssekretär Dernburg, der noch vor Jahresfrist der Liebling aller „Nationalen" war, sich in der Budgetkommission des Reichstags gegen de« Vorwurf verteidigen, als sei er nicht national, Vor Jahresfrist war man „national", nur wen« man das Zentrum bekämpfte. Noch dieserTage Hai es der Minister des Innern gutgeheißen, daß da, mals die Kriegervereine gegen das Zen» trum gehest wurden, weil es gegolten habe, für die „nationalen" Forderungen einzutreten. ®o- mals war also eine Zweckmäßigkeitsfrage in der Kolonialpolitik eine „nationale" Frage. In der jüngsten Zeit war die Enteignungsvorlage der „nationale" Prüfstein. Es ist schon I der Gipfel des stumpfsinnigsten „nationalen" Spleens, wenn jetzt die „echt nationale" Preffh wie Deutsche Tagesztg., Tägl. Rundschau uni Konsorten die Fürsten und Grafen, dre gegen dill Enteignungsvorlage gestimmt haben, als mindvt national, als „antinational" verschrieen. Ein vernünftiger Mensch wird sich hüten, Männer:» wie den Kardinälen Fischer und Kopp, den Greifen Mirbach, den Herzögen von Stattbor und Trti- chenburg, den Fürsten von Hohentohe-Oehringe« und Pleß, dein Herzog Ernst Günther von SäueS- wig-Holstein, dem Bruder der deutschen Kaiserin, und vielen anderen, die im Herrenhause sämtlich gegen den Antrag Adickes gestimmt haben, die nationale Gesinnung abzusprechen. Und wie steht e§ mit dem Generalfeldmarschall Grälen Häseler, dem populärsten und angesehensten Soldaten der deutschen Armee? Auch er hat ja die Enteignung scharf bekämpft. Ist mich er nicht national?
Nirgends deutlicher kann man den Unfug, der mit dem Begriff national getrieben wird, ersehen, als an diesen Vorkommnissen.
Deutsches Reich.
l. Kaiser Wilhelm wird auf der Reise nach Korsu, wie bestätigt wird, in Venedig mit de« König von Italien zusammentreffen. Dieser Besuch wird einen durchaus familiären Charakter haben. Die Rückreise de- Kaisers aus Korf« wird dann über Triest erfolgen. Von dort be-
Irn Dunkeln.
Roman von Ernesto Selva.
Nach einer wahren Begebenheit erzählt, lös (Nachdruck verboten.)
Aus seinen Träumereien durch die Befürch- «ung gerissen, daß man ihm folge, fuchte der Verbrecher aufs neue fein Heil in der Flucht, und wieder war ihm der Zufall günstig. Er schlich sich in ein großes Haus ein, das am Wege stand und nur durch einen kleinen Vorgarten von demselben geschieden war. Die Hintertür dieses Ge- baudeS aber führte in den Hof, der direkt in den Weinberg mundete, der zu der Besitzung gehörte. Wte ein gejagtes Tier eilte Pisani, feinen Schatz krampfhaft an sich pressend, weiter und immer weiter, ohne verfolgt zu werden, nur von der inneren Angst getrieben — bis er endlich völlig erschöpft zusammenbrach und bei sich beschloß, hier im Freien die Nacht zuzubringen, auf die Gefahr hin, entdeckt und verhaftet zu werden.
Nachdem er mehrere Stunden unter freiem Himmel geschlafen hatte, erweckte ihn die empfindliche Kälte der Nacht, und die erstarrten Glieder reibend, begab er sich wieder auf seine Wanderung nach Neapel, welches er diesmal auch ohne Zwi- schenfälle erreichte.
Die Hauptsache für ihn war, den Schatz, das Juwelenkästchen zu verbergen, denn dieses mußte ihn sogleich verraten. Er öffnete eS daher, entnahm demselben eine kleine Goldkette, die er ohne instand verkaufen zu können hoffte, und schlich, ein Grabeisen unter dem Arme, davon, um feinen xforfafc auszuführen. Bald hatte er denn auch eine passende Stelle gefunden und zwar in einem wu “2”. Fuße einer Rieseneiche, die ihres Alters und ihrer Größe wegen weit und breit be- kannt war. Nicht zwanzig Schritt davon befand beliebter Aussichtspunkt. Jetzt freilich war alles einsam und verödet.
Antonio Pisani atmete erleichtert auf, als et sich des geraubten Schabes entledigt hatte, und suchte nun seinen Genossen auf. Doch in der Wohnung des Notars ward ihm der Bescheid, daß dieser in Geschäftssachen eine Reise angetreten habe. Zugleich erfuhr er, daß der Marchese Nio- nero die Summe von zwanzigtauseud Lira als Belohnung für die Entdeckung des Mörders seiner Frau ausgesetzt habe. Nach und nach brachte er auch die näheren Einzelheiten in Erfahrung, vor allem, was die Bewohner der Villa zu Portici betraf: die Erblindung des kleinen Mädchens, den Irrsinn Giovannas; letzterer war es, der ihn am meisten beunruhigte, und er konnte sich nun die fluchtartige Abreise Basileos sehr wohl er- klaren. Denn wie leicht konnte Giovauna durch ihr Geplauder den Verdacht auf den Notar und ihn lenken, indem sie beider Namen nannte.
Ohne die Hilfe des Notars durfte Pisani nicht hoffen, Neapel zu Schiff verlassen zu können, am allerwenigsten hätte er seinen Schab mitnehmen können. Und übers Meer gehen als ein armer Teufel, um drüben als Lastträger fein Brot zu verdienen, das war eben keine erfreuliche Aussicht.
Nach reiflicher Ueberlegung beschloß der Buck- "ge, vorläufig noch im Lande zu bleiben, fein Außeres möglichst zu verstellen und unter fal- Namen kleine Reisen in die umliegenden Ortschaften zu unternehmen. In Neapel fühlte er sich nicht mehr sicher. Er hatte die goldene Ket.e verkauft und der Erlös sicherte ihn min- oe|tens einige Monate gegen Nahrungssorgen, o .?e* einem Trödler kaufte Pisani eine alte , ""s dem Nachlasse eines Land- stammend. Dieselbe enthielt eine a ®W8eict)nungen, Skizzenblälter ohne jeijen Kunsttvext Darauf kam es aber hier auch nicht an. Der Besitz der Mappe und ein breit- krampiger heller Filzhut genügten, um den Buck- ligen als einen Maler zu kennzeichnen, und als solchen gab er sich auch aus.
So vergingen Monate. Von Ort zu Ort ziehend, von der Furcht, entdeckt zu werden, ruhelos umbergetrieben, lebte der Verbrecher in einer fortwährenden fieberhaften Aufregung, zumal wenn er an den Wirtshaustischen oder im Gespräch mit anderen Reifenden von dem an der Marchesa Rionero begangenen Morde und den tragischen Folgen der Tat sprechen hörte. Es war nämlich bis jetzt noch nicht gelungen, der kleinen Angiolina das Augenlicht zurückzugeben, trotz aller ärztlichen Kunst, ja, der Ausspruch der ersten medizinischen Autoritäten ging dahin, daß das unglückliche Kind für immer blind bleiben werde.
Auch Giovannas Zustand war hotfnungslos, und der Marchese würde das Mädchen bereits einer Heilanstalt für Irre übergeben haben, wenn er nicht immer noch die Hoffnung gehegt hätte, die Kranke würde in einem lichten Augenblick imstande sein, wichtige Aufschlüsse über die Person des Mörders zu geben, der trotz eifrigen Forschens noch immer nicht entdeckt worden war.
Von seiner Familie hatte Antonio Pisani seit lange keine Kunde mehr erhalten, und er galt diesen bedauernswerten Menschen, welche im tiefsten Elend lebten, für verschollen. Das Geld, das aus dem Erlös der Kette stammte, ging ohnedies zur Neige, und der Flüchtige, längst entwöhnt, durch Arbeit fein Brot zu verdienen, sah sich der äußersten Not gegenüber.
Aber all dies wäre noch zu ertragen gewesen, wenn die Gewissenspein den Schuldigen nicht so schrecklich gemartert hätte. Sobald der Tag zur Rüste ging und die Dunkelheit alles in ihre sAvarzen Schleier hüllte, bemächtigte sich des
T?5Ie Unruhe. In jeder Ecke sah er Gespenster bet dem Rauschen eines Blattes, einem Windstoß, dem Rufe eines Nachwogels jr ängstlich zusammen und suchte soviel wie möglich die Gesellschaft anderer Menschen.
Da man aber auf dem Lande zeitig zur Ruhe
geht, so blieb der seltsame Gast, den viele der ehrlichen Landleute für halb närrisch hielten, i« feiner Kammer, wo ihm das Nachtlager angewiesen worden, allein. Dann begann die Seelenmarter.
Bald glaubte er das Weinen des schönen kleinen Mädchens zu vernehmen, daS durch feine -schuld erblindet war, dann hörte er das TodeS- rödjeln der Marchesa, das Lachen der wahnsinnigen Giovanna, die er geknebelt und gebunden. Halb wahnsinnig gemacht durch die Pein solcher Vorstellungen, verhüllte er sein Antlitz, wickelte sich in die Decken seines Lagers und versuchte einzuschlafen. Wenn dies dem Erschöpften auch endlich gelang, dann scheuchten ihn böse Träume bald wieder auf. Er sah sich verfolgt, gehetzt gleich einem wilden Tiere,Verräter umgaben ihn, welche den Preis verdienen wollten, der auf seinen Kopf gesetzt war.
Er sah sich schließlich gefangen, mit Ketten beladen und zum Blutgerüste geführt. Am Wege zum Schafott stand seine alte Mutter, die ehr- würdigen weißen Locken der Greisin flatterten im Winde, verzweiflungsvoll erhob sie die Arme zum Himmel. Und sein Weib wandte sich von ihm, voll stummen Grausens, die Kinder aber weinten vor Schmerz und sein Liebling, die kleine Katharina, faltete die mageren Hände, um für den sündigen Vater Vergebung zu erflehen. Di« tobende Mnesch jedoch wollte nichts von Mitleid und Verzeihung wissen, und wie ein brausender Strom klang es in das Ohr des bebenden Mannes: Fluch dem Mörder — Fluch!
Solche Träume ließen dann stets den Verbrecher aus dem Schlafe aufschrecken, in Schweiß gebadet setzte er sich auf, um sich den Ausbrüchen der wildesten Verzweiflung preiszugeben. Schluß zend wand er sich auf dem harten Lager, bald sich und sein Geschick verfluchend, bald Gott um Barmherzigkeit anflehend.
(Fortsetzung folgt.)