eitlmg
jZX’S«. wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagrzeitung"
M 51
35. Jahrqang.
Aldaer
Srschetni tSglich mit Jlnsnabme der Sohh« und Feiertage, viertel- jShrlichr-Vezngrprekr ohn- Srtngerlohn und vejrrLgeld in Zulda sowie auswärts l.SVMt.
verantw vedakteur: Carl Schütte;
moitatsbetfage: „§llldaer SeschichiZblätter"
Fulda, Montaq den 2. 3908.
Anzeigen: Vie ebb fpaUige Petitzeile oder deren Raum ZS pfg. Aetlamendiepetitzeil« 25 pfg., bei Wiederholungen wird entspr, . Rabatt gewährt.
»otationrdruckun» Vertag der Luldaer Ak- tiendruckerei in Zuld«.
Fernsprecher Hz. L
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 29. Februar 1908.
DaS HauS setzt die erste Beratung deS Gesetzentwurfs betr. die Herstellung von Zigarren in der Hausarbeit in Verbindung mit der ersten Beratung der „großen" Gewerbenovelle fort.
Abg. Pachnicke (Frs. Dgg.) stimmt im großen und ganzen der Vorlage zu, über Einzelheiten werde in der Kommission wohl eine Verständigung zu erreichen sein.
Abg. Schmidt-Altenburg (Rp.) hat Bedenken, daß dem Bundesrat in der Vorlage so weitgehende Ordnungsbefugnisse eingeräumt würden.
Abg. Behrens sw. Vgg.) begrüßt die Vorlagen. Die Not der Heimarbeiter sei eine Wohn- und Lohnfrage. Eine Reihe von Wünschen der Heimarbeiterinnen, so betr. obligatorische Einführung von Lohnbüchern, Verbot der Mitnahme von Arbeit nach Fabrikschluß, Ausdehnung der Gewerbeinspektion auf die Heimarbeit und Vermehrung der weiblichen Beamten, besonders die Einführung der Registrierpflicht seien durchaus berechtigt. Die Mitwirkung der Polizei bei der Gewerbeaufsicht halte er für bedenklich. Ein besserer Schutz gegen Aussperrungen und schwarze Listen sei notwendig. In weiten Kreisen habe die Novelle enttäuscht, weil sie eine Reform der Sonn- tagsruhe nicht enthalt.
Abg. Manz (fr. Vp.) steht der Vorlage im allgemeinen sympathisch gegenüber, wenn auch eine ganze Reihe von Abänderungen notwendig sein werde. Tie Vorlage bedeute einen erheblichen Eingriff in das Wirtschaftsleben, den er aber im Interesse der Sir beiter in Kauf nehme. Die Einrichtung des obligatorische« Fortbildungsschulunterrichts sei zu begrüßen, ebenso die Einbeziehung der technischen Angestellten unter die Schutzbestimmunzen der Gewerbeordnung. Eine Beseitigung der Konkurrenzklausel werde nicht möglich sein, wohl aber eine erhebliche Abschwächung.
Oldenburgischer Bundesbevollmächtigter Dr. von Euckeu-Addenhausen: tznbezug auf die Verbreitung von Mitteilungen über Bundesvorlagen seitens der Reichsregierung sind Nachrichten verbreitet worden, denen ich widersprechen muß. Ich muß erklären, daß durch das Vorgehen der Reichsregierung inbezug auf Mitteilungen von Bundes- angelegeuheiten die oldenburgische Staatsregierung sich in keiner Weisebenachtei- l i g t, geschweige denn verletzt fühlt. (Hört! hört! und Na, na! links.) Am wenigsten ist das der Fall beim Entwurf zum Arbeitskammerngesetz, der ja der öffentlichen Kritik anheim gegeben wurde, und zwar auf Veranlassung der Reichsverwaltung. Nach meiner Ersahrung hat die Reichsverwaltung die Absicht und den guten Willen, bei jeder Gelegenheit die einzelnen Bund^- regietungen so bundesfreundlich zu behandeln, und so entgegenkommend ihnen die Vorlagen vorher mitzuteilen, tote efi nur möglich ist. Sollte hier und da ein F e h l e r v o r g e k o m m e n sein, so glaube ich nicht, daß es sich der Mühe verlohnt, irgend welchen Wert darauf zu legen.
Abg. Werner (wirtsch. Vgg.) befürwortet eine Ausdehnung des Schutzes für Wöchnerinnen. Gegenüber dem Abg. Molkenbuhr stellt Redner die Tatsache fest, daß der Redner des Zentrums gestern ausdrücklich ausgesprochen habe, daß die Vorlage manche wichtige Forderungen erfülle und daß daS Zentrum daher bereit sei, freudig mitzu- arbeiten. Der Abg. Molkenbuhr möge daraus ersehen, daß das Zentrum, das so große Sozialpolitiker in seinen Reihen habe, keine Lust ber- W’nre, sich in dieser Frage an die Wand drücken zu lassen und daß es ohne Rücksicht auf die Block
politik bereit sei, auf diesem Gebiete freudig mit- zuarbeiten.
Abg. Dr. Fleischer (Ztr.) begrüßt es, daß endlich einmal eine internationale Vereinbarung auf dem Gebiete des gesetzlick-en Arbeiterschubes zustande gekommen ist. Es sei klar, daß ein fortgeschrittener Arbeiterschutz die Produktion verteuere, aber auf die Dauer werde nur die Nation, die auf dem Gebiete der sozialen Gesetzgebung ihr Bestes einsetze, die Konkurrenz auf dem Weltmärkte aushalten können. (Lebh. Beifall.) Wesen und Grenze der internationalen Arbeiterschutzgesetzgebung muß darin bestehen, in den Grundfragen der sozialen Gesetzgebung der einzelnen Nationen eine möglichste Gleichmäßigkeit herbeizuführen. Aus dem Gedanken heraus, daß der internationale gesetzliche Arbeiterfchutz um des nationalen gesetzlichen Arbeiterschutzes willen getrieben werden muß, begrüßen wir die vorliegende Novelle als einen wesentlichen Schritt vorwärts auf der Bahn des internationalen Arbeiterschutzes. Es ist ein dauerndes Verdienst unseres Kaisers, daß es ihm gelang, die erste internationale Arbeiterschutzkonferenz im Jahre 1890 hier in Berlin zu vereinigen. Die Folge davon war, daß in den nächsten Jahren in den verschiedensten Kulturstaaten ein energischer AnfMvung des gesetzlichen Arbeiterschutzes eintrat. Auch der frühere Staatssekretär Graf Posadowsky hat den Bestrebungen der internationalen Vereinigung für Arbeiterschutzgesetzgebung fördernd gegenüber- gestanden. Wir hoffen, daß diese Novelle der An- fang für einen glücklichen Fortgang des internationalen Arbeiterschutzes sein wird. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Dr. Coutze (ntl.) bespricht eingehend die Vorlage und erklärt seine und seiner Freunde Sympathie für dieselbe.
Abg. Geyer (Soz.) spricht sich gegen die Vorlage aus, da die Heimarbeit überhaupt verboten werden müßte, und ruft die Heimarbeiter zum Anschluß an die sozialdemokratischen Organisationen auf.
Montag Fortsetzung: Etat des Ministeriums des Innern.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaur.
Sitzung vom 29. Ferbuar 1908.
Bei der Fortsetzung der zweiten Beratung über den Etat des Ministeriums des Innern wurde die Reorganisation der L a n d- ratsämter erörtert
Abg. Dr. Hagen (Ztr.) vertrat den Stand- mnkt, daß diese Reorganisation nur in Serbin- )ung mit der Reorganisation der gesamten Verwaltung vorgenommen werden könne. Er sprach ich weiter ganz entschieden gegen eine Ausdehnung der landrätlichen Kompetenz auf das Schul- und Steuerwesen aus, und war weiter für eine Aenderung der Bestimmungen über das Beschwerdeverfahren nicht zu haben.
Weiter kam auch wieder die Wahlbeein- ■ t u f f u n g durch die Landräte zur Sprache, wobei sich,besonders die Abgg. Gytzling (frf. Vp.), Dr. Müller von derselben Partei und Herr von ^or« (k.) betätigten,_ während Herr Bachmann .ntl.) und der Däne Hausse« sich mit der Dänen- rage beschäftigten.
„ Die Abgg Kölle (ntl.) und Eckert (ff.) traten ür die Anstellung der Bureaukräfte auf den Landratsämtern ein.
Abg. Dr. Witt (Ztr.) beklagte sich heftig über die zahlreichen rohen Ausschreitungen krotaischer Arbeiter in der Rheinprovinz, wogegen der Nu- terstaatssekretär Abhilfe in Aussicht stellte.
Abg. Kirsch-Düsseldorf (Ztr.) unterstützte die Anregung des freisinnigen Abg. Blell, daß die Schaufen st er an Sonntagen nicht mehr verhängt werden sollten, und bat um Abhilfe dagegen, daß in manchen Gemeinden bei Erlaß von Ortspolizeiverordnungen die Vorsteher der Polizeiverwaltungen ihre Zustimmung dazu in ihrer Eigenschaft als @emeinbfi'orft/>rü) geben müßten.
Montag: Weiterberatung.
Deutsches Reich.
* Die Zivilprozeßnovelle.
Die vom Bundesrat nunmehr verabschiedete Zivilprozeßordnung ist in der grundlegenden Bestimmung festgehalten worden, daß die Zuständigkeit der Amtsgerichte bis zu 800 M erweitert werden soll. Im übrigen hat aber der Bundesrat bemerkenswerte Aenderungen in der Vorlage vorgenommen. So hat er die Zuständigkeit der Kammer für Handelssachen dadurch erweitert, daß man gegen die Urteile der Amtsgerichte in Handelssachen die Berufung nicht an die Zivilkammer der Landgerichte, sondern an die Kammer für Handelssachen verwies. Damit wird einem vielfach geäußerten Wunsch der Handelskreise entsprochen. Ferner hat der Bundesrat die Bestimmung gestrichen, daß in Sachen bis zu 50 M die Berufung ausgeschlossen sein soll. Alle vor dem Amtsgericht verhandelten Sachen werden demnach der Berufung an das Landgericht unterliegen. Damit ist ein Vorschlag gefallen, der fast allseitigen Widerspruch gesunden hat. Außerdem bat der Bundesrat in den Kostenfragen zwei wichtige Zugeständnisse gemacht. Nach dem ursprünglichen Entwurf sollte in allen Sachen, die mehr als 3 Verhandlungstermine mit sich bringen, eine erhöhte Gebühr eintreten. Nach dem Bundesratsbeschluß sollen aber die Gebühren erst in solchen Sachen eintreten, für welche 4 Termine haben angesetzt werden müssen. Ferner werden in allen Berufungssachen die Gebührensätze der Anwälte an den Landgerichten und bei den Oberlardesgerichten um */„ erhöht.
* DaS preußische Staatsministerium trat am SamStaq unter dem Vorsitz feines Präsidenten, deS Fürsten Bülow zu einer Sitzung zusammen. Auch diese Beratung des Staats- Ministeriums galt wieder den Vorlagen betreffend die Erhöhung der B esoldung für die Staats- und Reichs beamten.
* Der Kronprinz ist mit der Führung des 1. Bataillons des 1. Garderegiments zu Fuß beauftragt worden. Unter Anleitung deS jetzigen Kommandeurs soll er sich einarbeiten.
X Milow und die Seinen. Ein freisinniges Blatt hatte kürzlich angedeutet, Bülow liabe die Zustimmung der Konservativen zu der TnteignungSvorlage durch die Aussicht er- kaust, daß an dem preußischen Dreiklassen- mahlrecht nichts geändert würde. Diese Nachricht wird jetzt dementiert: „sie entbehre leder Begründung". ES habe „keinerlei Tausch- geschäst zwischen dem leitenden StaatSmanne und der konservativen Partei oder einzelnen Mit- gliedern derselben stattgesunden". Daß der Reichskanzler die Zustimmung der konservativen Partei zur Enteignungsvorlage durch ein Tausch- gejchäst erkauft habe, wird man natürlich nicht behaupten können. — Ob aber nicht die Äonfersahnen deS Abgeordnetenhauses durch die Aussicht, daß Fürst Bülow ihren Wünschen hinsichtlich des Wahlrechts entgegenkommen werde, für die Enteignung günstig gestimmt wurden, läßt sich
natürlich mit absoluter Sicherheit weder nachweisen noch widerlegen. Auffallend ist eS doch, daß sie ursprünglich die Enteignung lebhaft bekämpften, aber später sich ganz "damit aus- gezähnt hasten.
* Generalstreik am 18. März? Wie btt .Freisinnige Zeitung' von einwandfreier Seite gehört haben will, und wie der Abg. Müller- Sagan am Samstag im Abgeordnetenhaufe mitteilte, soll die Zentralleitung der sozialdemokratischen Partei für den 18. März d. I. den Generalstreik ungeordnet haben. Alle Arbeitnehmer, die einer sozialdemokratischen Organisation angehören, sollen an diesem Tage die Arbeit ruhen lassen, um gegen daS Wahlrecht in Preußen zu demonstrieren.
* Die Annahme der Enteignuugsvorlage im Herrenhause hat Fürst Bülow, wie linksliberale Blätter ihm vorrechnen, den liberalen Elementen des Hauses zu verdanken, den Bürgermeistern, Kommerzienräten und Professoren. Bon den Oberbürgermeistern stimmten 28 für die Enteignung, nur 16 dagegen. Das war schon ein Plus von zwölf Stimmen. Dazu kommen acht Professoren, die für die Vorlage stimmten, während nur Professor Löning dagegen stimmte. Die acht Geheimen Kommerzienräte traten sämtlich für die Enteignung ein. „Die Bürgermeister, Profefforen und Bankiers haben den Fürsten Bülow herausgehauen; ihnen hat er seine verhältnismäßig sehr kleine Mehrheit zu verdanken", rüst das „Berk. Tagebl." begeistert aus und deutet an, daß sie das aus Rücksicht auf den ihnen bekannten Wunsch des Kaisers getan hatten.
* Ter Vater der Polenenteignuna. In Frankfurt wird auf daS bestimmteste behauptet, der Oberbürgermeister Adi ckes sei deshalb so bestimmt für das Enteignungsrecht gegenüber den Polen eingetreten, weil fein Schwiegersohn, der frühere Posener Regierungsrat und jetzige Bank« direktor Hugenberg, der eigentliche Vater deS Enteignungsgedankens sei. Ein Frankfurter Blatt lägt sich sogar melden, Adickes werde zum Dank für sein Eintreten für die Polenvorlage im Herrenhause demnächst m den Adelstand er» hoben werden. Warten wir es ab.
— Der Polen Gegenwehr. Die Polen haberk mit der Annahme der Enteignungsvorkage ge» rechnet. Sie haben sich schon langer Hand auf die Abwehr vorbereitet: Die „ökonomische Sektion* VeS polnischen StraschvereinS beabsichtigt, unt die enteigneten Polen von der Auswanderung zurückzuhalten, die Gründung polnischer Engrosgeschäfte in die Hand zu nehmen. — In Russisch» Polen hat die Annahme der Enteignungsvorlage große Erregung verursacht. Die gesamte deutsch- und preußische Untertanenschaft, welche in de» Dombrowoer Niederung (Russisch-Polen) wohnt, wurde in Drohbriefen des nationalen Arbeiter» verbandS uufgefordert, daS polnische Königreich sofort zu verlussrn.
». Der Kumpf gegen den Sprachenparagrap^ im ReichsvereinSgesetz Hut am Sumstug m der zuständigen Kommission deS Reichstuge» feineit Fortgang genommen. Die Situation ist nuch wie vor unklur. Die Regierung hätt un denk Paragraphen fest und die Haltung deS Freisinn» wird immer undurchsichtiger. Am Samstag hielt Abg. Trimborn (Ztr.) zur Bekämpfung diese» Purugruphen noch einmal eine längere Rede, ist der er für die Polen insbesondere da» Recht auf die Muttersprache als Naturrecht in Anspruch nahm: Dieses Recht fei nicht nur au» freiheitlichen Gründen, sondern auch al» AuS»
Im Dunkeln.
Roman von Ernesto Selva.
Nach einer wahren Begebenheit erzählt.
11] (Nachdruck verboten.)
Wenn Giovanna nicht geknebelt vorgefunden war, so lag der Verdacht nahe, daß sie die Helfershelferin der Räuber gewesen, denn sie hätte andernfalls mindestens Hilfe herbei gerufen, wenn es ihr an Mut gebrochen, ihrer bedrohten Herrin beizustehen.
Zudem hatte Pisani mit möglichster Schonung «'n Knebel angebracht und Giovanna fügte sich, weil sie voraussetzke, daß die Marchesa erwachen und, durch die Drohung des Räubers eingeschüchtert, allerdings anfangs schweigen, aber sicher fo- gleich Lärm schlagen werde, wenn der Verbrecher das Gemach verlassen hatte.
Alsdann würden entweder die zur Hilfelei- stung herbeigeeilten Dienstboten, oder die Mar- chefa selbst sie befreit haben, denn diese hätte sich wohl zunächst nach ihren Dienerin umgesehen. Lh>ie den verhängnisvollen Zwischenfall, der den Tod Albinas zur Folge gehabt, würde die Vor- uussetzung Giovaunas eine richtige gewesen sein.
Das Mädchen, das sich durch die Ueberredungs- kunst und die Versprechungen Basileos hatte verleiten lassen, die Mitschuldige der Räuber zu werden, hatte im entscheidenden Moment ifjrc verbrecherische Schwäche bereits bitter bereut und wäre gern zurückgefreten, wenn es nicht schon zu spät gewesen und sie nicht den Zorn Basileos gefürchtet hätte.
Einen Moment kreuzte der Gedanke ihr Hirn, die Garteiipsorte geschlossen zu halten und so den .Einbruch zu Vereiteln. In dem Falle jedoch hätte 'Basileos Zorn sicherlich feine Grenzen gekannt und alles wäre zwischen ihnen aus gewesen. Die ,stolzen Hoffnungen für die Zukunft, als Gattin eines Notars ein ihr beneidenswert erscheinendes ^Dasein zu führen und eine nicht völlig makellose
Vergangenheit vergessen zu machen, mußten für immer begraben werden. Das gab den Ausschlag und Giovanna schli chsich im Dunkeln hinab in den Garten und öffnete heimlich die Pforte — um Tod und Verderben in das Haus einzulassen dessen schützendes Dach auch sie beherbergte.
Um nicht vorzeitig Lärm zu machen und die Marchesa, die er schlafend wähnte, zu wecken, hatte Pisani, durch Giovanna über die Sage her Zimmer orientiert, an das Fenster dec Zofe gepocht, das gleichfalls auf die Terrasse mündete, und sie hatte ihn so leise als möglich eingelassen, doch nicht leise genug, daß nicht Albina das Klirren des Fensterflügels und das Flüstern der beiden vernommen hätte.
Pisani halte die Absicht gehabt, seine Flucht auf dieselbe Weife zu bewerkstelligen und dabei das Glas des Fensterflügels zu zertrümmern, damit kein Verdacht auf das Mädchen fallen könne, daß diese ihm geöffnet habe.
In dem Schreck über feine Tat war er dann fchleunigst geflohen, den nächsten Weg zur Flucht benutzend, der sich ihm bot; er hatte Giovanna ganz vergessen.
Diese war also, in einer an Irrsinn grenzen- Öen Aufregung, an ihren Platz gefesselt, zurück- geblieben. Unfähig, sich zu bewegen, hatte sie, durch die geöffnete Tur blickend, deren Portiere s m?u$er bei seinem Eintritt in das Zimmer der Marchesa zurückgeschlagen, den ganzen Vor- üang mit angesehen, wie Pisani das Dolchmesser E^uckt, die kleine Angiolina bedrohend und wie ^.^echesa sich ihm entgegengeworfen und den Todesstoß empfangen hatte.
Giovanna hatte aufschrcien, die entsetzliche •li Qt verhindern tooCen — sie vermochte es nicy.’r vergebens bemühte sie sich, die festen Bande zu losen, durch welche sie an die Pfosten der Belt- stelle gefesselt war, sie wollte ihrer Herrin minde- stens Hilfe leisten, vielleicht war die Wunde nicht so gefährlich und das Leben noch zu retten.
Ferge entfloh der Mörder, fein unglückliches Opfer hilflos zurücklassend.
Durch die Nachtstille drang das Stöhnen der Verwundeten, ihr Todesröcheln an das Ohr der entsetzt Lauschenden.
Giovanna ahnte es mehr, als daß sie es wissen konnte, was sich in dem Nebengemach begab.
Die Blicke ihrer fieberheißen- Augen folgten jeder Bewegung der mit dem Tode ringenden Herrin, sie sah, wie diese sich aufraffte, um Hilfe herbeizurufen, wie sie schwankend einige Schritte machte und dann zusaminenbrach, und die Stimme ihres Gewissens rief ihr zu: Du bist die Mör- derin jener Frau, die Dir eine gütige Herrin war. Dir ihre und ihres Kindes Sicherheit anvertraute!
Ein Schwindel erfaßte Giovanna. Ihre Schlä- fen pochten zuni Zerspringen, alles Blut war ihr nach dem Kopse gestiegen, sie glaubte ersticken zu müssen, da der Knebel sie am freien Atmen verhinderte.
Und fo schlichen die Minuten dahin und wurden zu Stunden und eine jede einzelne dünkte ihr eine Ewigkeit der Qual zu sein.
Die Marchesa lvar tot — Giovanna fühlte es, Verzweiflung im Herze«.
Das hatte sie nicht gewollt I — o Gott, so war sie zur Mörderin geworden, denn sie, die Verräterin, hatte Pisanis Dolch gelenkt!
Ohne Grundsätze, ohne moralischen Halt dahinlebend, von Jugend auf verderbt durch schlechte Beispiele in der eigenen Familie, war es Gio- danna nicht als etwas Ungeheuerliches erschienen, der Marchesa einen immerhin geringen Teil ihrer Reichtümer zu tauben. Selbst wenn der schönen Dame die Kassette mit den Juwelen ,die sie ohnehin nie getragen, gestohlen ward, war das für sie fein so großes Unglück zu nennen, da der Marchese, welcher seine Frau anbetete, sich güviß so- gleich beeilen wurde, dersrelben einen Ersatz zu schaffen. Die Familie Rionero war ja fabelhaft re«h., der Verlust ließ sich verschmerzen.
, ®inen Diebstahl durch ihre Mithilfe zu ermög- Ilchen, das hätte Giovanna, die ehemalige Orangenverkäuferin aus Pendino, das Kind des
Elends, schon auf ihr Gewissen genommen. Aber ein Mord — das war etwas anderes l
Des Mädchens Herz war nicht völlig verderbt, ihre Reue eine aufrichtige.
Wie kangfam vergingen die Stunden dieser grauenvollen Nacht! — Und dann wurde di- Stille unterbrochen durch da- Weinen und di- ängstlichen Rufe des armen Kindes, daS durch ihre Schuld eine Waise geworden war.
Brennende Tränen rieselten aus den Augen des Mädchens und rollten über ihre glühenden Wangen. Hätte sie sich losreißen, dem Kinde der Gemordeten mindestens Hilfe bringen können, das jetzt so kläglich ihren Namen rief — es wäre ihr ein Trost gewesen, eine ihr zugestanden- Gnade der Gottheit, die ihr gestattet hatte, ihre Schuld in etwas zu sühnen.
Und auch die zärtliche Mutter, die dort kalt und starr in ihrem Blute am Boden lag und dem Liebling nicht Hilfe bringen konnte, sie würde am Throne des Höchsten eine Fürbitte eingelegt haben für die Schuldige, wenn diese reuevoll ihr Vergehen durch verdoppelte Sorge zu büßen geleint war.
. _vmmet herzbrechender klang das Jammern des kleinen Mädchens, dann noch ein Angstschrei» und tiefes Schweigen folgte. War auch Angiolina dem Verhängnis erlegen — war das Kind tot oder wand es sich in Krämpfen?
Giovanna riß an ihren Banden, doch ohne Erfolg, diese waren zu fest geknüpft, sie rieb ihre Kräfte auf in den- vergeblichen Anstrengungen, die Augen traten ihr aus den Höhlen, das Gesicht färbte sich rotblau, ihre ©ebanfen begannen sich zu verwirren, die grausigsten Spukgestalien, Ausgeburten einer krankhaft erregten Einbildungskraft umkreisten, bedrohten sie und griffen nach ihr mit spitzen Krallen. Die Gemartert« wollte schreien, der Pein entfliehen — sie vermochte es nicht, sie war ja geknebelt und niemand kam, sie zu erlösen, zu erretten. Würde dies- furchtbare Nacht denn niemals enden?--—-
(Fortsetzung folgt.)