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jZX’S«. wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagrzeitung"

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35. Jahrqang.

Aldaer

Srschetni tSglich mit Jlnsnabme der Sohh« und Feiertage, viertel- jShrlichr-Vezngrprekr ohn- Srtngerlohn und vejrrLgeld in Zulda so­wie auswärts l.SVMt.

verantw vedakteur: Carl Schütte;

moitatsbetfage: „§llldaer SeschichiZblätter"

Fulda, Montaq den 2. 3908.

Anzeigen: Vie ebb fpaUige Petitzeile oder deren Raum ZS pfg. Aetlamendiepetitzeil« 25 pfg., bei Wieder­holungen wird entspr, . Rabatt gewährt.

»otationrdruckun» Vertag der Luldaer Ak- tiendruckerei in Zuld«.

Fernsprecher Hz. L

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 29. Februar 1908.

DaS HauS setzt die erste Beratung deS Gesetz­entwurfs betr. die Herstellung von Zigarren in der Hausarbeit in Verbindung mit der ersten Beratung der „großen" Gewerbenovelle fort.

Abg. Pachnicke (Frs. Dgg.) stimmt im großen und ganzen der Vorlage zu, über Einzelheiten werde in der Kommission wohl eine Verständi­gung zu erreichen sein.

Abg. Schmidt-Altenburg (Rp.) hat Bedenken, daß dem Bundesrat in der Vorlage so weitgehende Ordnungsbefugnisse eingeräumt würden.

Abg. Behrens sw. Vgg.) begrüßt die Vorlagen. Die Not der Heimarbeiter sei eine Wohn- und Lohnfrage. Eine Reihe von Wünschen der Heim­arbeiterinnen, so betr. obligatorische Einführung von Lohnbüchern, Verbot der Mitnahme von Ar­beit nach Fabrikschluß, Ausdehnung der Gewerbe­inspektion auf die Heimarbeit und Vermehrung der weiblichen Beamten, besonders die Einfüh­rung der Registrierpflicht seien durchaus berech­tigt. Die Mitwirkung der Polizei bei der Ge­werbeaufsicht halte er für bedenklich. Ein besserer Schutz gegen Aussperrungen und schwarze Listen sei notwendig. In weiten Kreisen habe die No­velle enttäuscht, weil sie eine Reform der Sonn- tagsruhe nicht enthalt.

Abg. Manz (fr. Vp.) steht der Vorlage im all­gemeinen sympathisch gegenüber, wenn auch eine ganze Reihe von Abänderungen notwendig sein werde. Tie Vorlage bedeute einen erheblichen Eingriff in das Wirtschaftsleben, den er aber im Interesse der Sir beiter in Kauf nehme. Die Ein­richtung des obligatorische« Fortbildungsschul­unterrichts sei zu begrüßen, ebenso die Einbe­ziehung der technischen Angestellten unter die Schutzbestimmunzen der Gewerbeordnung. Eine Beseitigung der Konkurrenzklausel werde nicht möglich sein, wohl aber eine erhebliche Abschwäch­ung.

Oldenburgischer Bundesbevollmächtigter Dr. von Euckeu-Addenhausen: tznbezug auf die Ver­breitung von Mitteilungen über Bundesvorlagen seitens der Reichsregierung sind Nachrichten ver­breitet worden, denen ich widersprechen muß. Ich muß erklären, daß durch das Vorgehen der Reichs­regierung inbezug auf Mitteilungen von Bundes- angelegeuheiten die oldenburgische Staats­regierung sich in keiner Weisebenachtei- l i g t, geschweige denn verletzt fühlt. (Hört! hört! und Na, na! links.) Am wenigsten ist das der Fall beim Entwurf zum Arbeitskammerngesetz, der ja der öffentlichen Kritik anheim gegeben wurde, und zwar auf Veranlassung der Reichs­verwaltung. Nach meiner Ersahrung hat die Reichsverwaltung die Absicht und den guten Wil­len, bei jeder Gelegenheit die einzelnen Bund^- regietungen so bundesfreundlich zu behandeln, und so entgegenkommend ihnen die Vorlagen vor­her mitzuteilen, tote efi nur möglich ist. Sollte hier und da ein F e h l e r v o r g e k o m m e n sein, so glaube ich nicht, daß es sich der Mühe verlohnt, irgend welchen Wert darauf zu legen.

Abg. Werner (wirtsch. Vgg.) befürwortet eine Ausdehnung des Schutzes für Wöchnerinnen. Gegenüber dem Abg. Molkenbuhr stellt Redner die Tatsache fest, daß der Redner des Zentrums gestern ausdrücklich ausgesprochen habe, daß die Vorlage manche wichtige Forderungen erfülle und daß daS Zentrum daher bereit sei, freudig mitzu- arbeiten. Der Abg. Molkenbuhr möge daraus ersehen, daß das Zentrum, das so große Sozial­politiker in seinen Reihen habe, keine Lust ber- W’nre, sich in dieser Frage an die Wand drücken zu lassen und daß es ohne Rücksicht auf die Block­

politik bereit sei, auf diesem Gebiete freudig mit- zuarbeiten.

Abg. Dr. Fleischer (Ztr.) begrüßt es, daß end­lich einmal eine internationale Vereinbarung auf dem Gebiete des gesetzlick-en Arbeiterschubes zu­stande gekommen ist. Es sei klar, daß ein fort­geschrittener Arbeiterschutz die Produktion ver­teuere, aber auf die Dauer werde nur die Nation, die auf dem Gebiete der sozialen Gesetzgebung ihr Bestes einsetze, die Konkurrenz auf dem Welt­märkte aushalten können. (Lebh. Beifall.) Wesen und Grenze der internationalen Arbeiterschutzge­setzgebung muß darin bestehen, in den Grund­fragen der sozialen Gesetzgebung der einzelnen Nationen eine möglichste Gleichmäßigkeit herbei­zuführen. Aus dem Gedanken heraus, daß der internationale gesetzliche Arbeiterfchutz um des nationalen gesetzlichen Arbeiterschutzes willen ge­trieben werden muß, begrüßen wir die vorlie­gende Novelle als einen wesentlichen Schritt vor­wärts auf der Bahn des internationalen Arbeiter­schutzes. Es ist ein dauerndes Verdienst unseres Kaisers, daß es ihm gelang, die erste internatio­nale Arbeiterschutzkonferenz im Jahre 1890 hier in Berlin zu vereinigen. Die Folge davon war, daß in den nächsten Jahren in den verschiedensten Kulturstaaten ein energischer AnfMvung des ge­setzlichen Arbeiterschutzes eintrat. Auch der frühere Staatssekretär Graf Posadowsky hat den Bestrebungen der internationalen Vereinigung für Arbeiterschutzgesetzgebung fördernd gegenüber- gestanden. Wir hoffen, daß diese Novelle der An- fang für einen glücklichen Fortgang des inter­nationalen Arbeiterschutzes sein wird. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Dr. Coutze (ntl.) bespricht eingehend die Vorlage und erklärt seine und seiner Freunde Sympathie für dieselbe.

Abg. Geyer (Soz.) spricht sich gegen die Vor­lage aus, da die Heimarbeit überhaupt verboten werden müßte, und ruft die Heimarbeiter zum Anschluß an die sozialdemokratischen Organi­sationen auf.

Montag Fortsetzung: Etat des Ministeriums des Innern.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaur.

Sitzung vom 29. Ferbuar 1908.

Bei der Fortsetzung der zweiten Beratung über den Etat des Ministeriums des Innern wurde die Reorganisation der L a n d- ratsämter erörtert

Abg. Dr. Hagen (Ztr.) vertrat den Stand- mnkt, daß diese Reorganisation nur in Serbin- )ung mit der Reorganisation der gesamten Ver­waltung vorgenommen werden könne. Er sprach ich weiter ganz entschieden gegen eine Ausdeh­nung der landrätlichen Kompetenz auf das Schul- und Steuerwesen aus, und war weiter für eine Aenderung der Bestimmungen über das Beschwer­deverfahren nicht zu haben.

Weiter kam auch wieder die Wahlbeein- ■ t u f f u n g durch die Landräte zur Sprache, wo­bei sich,besonders die Abgg. Gytzling (frf. Vp.), Dr. Müller von derselben Partei und Herr von ^or« (k.) betätigten,_ während Herr Bachmann .ntl.) und der Däne Hausse« sich mit der Dänen- rage beschäftigten.

„ Die Abgg Kölle (ntl.) und Eckert (ff.) traten ür die Anstellung der Bureaukräfte auf den Landratsämtern ein.

Abg. Dr. Witt (Ztr.) beklagte sich heftig über die zahlreichen rohen Ausschreitungen krotaischer Arbeiter in der Rheinprovinz, wogegen der Nu- terstaatssekretär Abhilfe in Aussicht stellte.

Abg. Kirsch-Düsseldorf (Ztr.) unterstützte die Anregung des freisinnigen Abg. Blell, daß die Schaufen st er an Sonntagen nicht mehr verhängt werden sollten, und bat um Ab­hilfe dagegen, daß in manchen Gemeinden bei Er­laß von Ortspolizeiverordnungen die Vorsteher der Polizeiverwaltungen ihre Zustimmung dazu in ihrer Eigenschaft als @emeinbfi'orft/>rü) geben müßten.

Montag: Weiterberatung.

Deutsches Reich.

* Die Zivilprozeßnovelle.

Die vom Bundesrat nunmehr verabschiedete Zivilprozeßordnung ist in der grundlegenden Be­stimmung festgehalten worden, daß die Zustän­digkeit der Amtsgerichte bis zu 800 M erweitert werden soll. Im übrigen hat aber der Bundesrat bemerkenswerte Aenderungen in der Vorlage vorgenommen. So hat er die Zuständig­keit der Kammer für Handelssachen dadurch erweitert, daß man gegen die Urteile der Amts­gerichte in Handelssachen die Berufung nicht an die Zivilkammer der Landgerichte, sondern an die Kammer für Handelssachen verwies. Da­mit wird einem vielfach geäußerten Wunsch der Handelskreise entsprochen. Ferner hat der Bun­desrat die Bestimmung gestrichen, daß in Sachen bis zu 50 M die Berufung ausgeschlossen sein soll. Alle vor dem Amtsgericht verhandelten Sachen werden demnach der Berufung an das Land­gericht unterliegen. Damit ist ein Vorschlag ge­fallen, der fast allseitigen Widerspruch gesunden hat. Außerdem bat der Bundesrat in den Kosten­fragen zwei wichtige Zugeständnisse gemacht. Nach dem ursprünglichen Entwurf sollte in allen Sa­chen, die mehr als 3 Verhandlungstermine mit sich bringen, eine erhöhte Gebühr eintreten. Nach dem Bundesratsbeschluß sollen aber die Ge­bühren erst in solchen Sachen eintreten, für welche 4 Termine haben angesetzt werden müssen. Fer­ner werden in allen Berufungssachen die Gebüh­rensätze der Anwälte an den Landgerichten und bei den Oberlardesgerichten um */„ erhöht.

* DaS preußische Staatsministerium trat am SamStaq unter dem Vorsitz feines Präsi­denten, deS Fürsten Bülow zu einer Sitzung zusammen. Auch diese Beratung des Staats- Ministeriums galt wieder den Vorlagen betreffend die Erhöhung der B esoldung für die Staats- und Reichs beamten.

* Der Kronprinz ist mit der Führung des 1. Bataillons des 1. Garderegiments zu Fuß be­auftragt worden. Unter Anleitung deS jetzigen Kommandeurs soll er sich einarbeiten.

X Milow und die Seinen. Ein freisin­niges Blatt hatte kürzlich angedeutet, Bülow liabe die Zustimmung der Konservativen zu der TnteignungSvorlage durch die Aussicht er- kaust, daß an dem preußischen Dreiklassen- mahlrecht nichts geändert würde. Diese Nachricht wird jetzt dementiert: „sie entbehre leder Begründung". ES habe „keinerlei Tausch- geschäst zwischen dem leitenden StaatSmanne und der konservativen Partei oder einzelnen Mit- gliedern derselben stattgesunden". Daß der Reichskanzler die Zustimmung der konservativen Partei zur Enteignungsvorlage durch ein Tausch- gejchäst erkauft habe, wird man natürlich nicht behaupten können. — Ob aber nicht die Äonfersa­hnen deS Abgeordnetenhauses durch die Aussicht, daß Fürst Bülow ihren Wünschen hinsichtlich des Wahlrechts entgegenkommen werde, für die Enteignung günstig gestimmt wurden, läßt sich

natürlich mit absoluter Sicherheit weder nach­weisen noch widerlegen. Auffallend ist eS doch, daß sie ursprünglich die Enteignung lebhaft be­kämpften, aber später sich ganz "damit aus- gezähnt hasten.

* Generalstreik am 18. März? Wie btt .Freisinnige Zeitung' von einwandfreier Seite ge­hört haben will, und wie der Abg. Müller- Sagan am Samstag im Abgeordnetenhaufe mit­teilte, soll die Zentralleitung der sozialdemo­kratischen Partei für den 18. März d. I. den Generalstreik ungeordnet haben. Alle Arbeitnehmer, die einer sozialdemokratischen Or­ganisation angehören, sollen an diesem Tage die Arbeit ruhen lassen, um gegen daS Wahl­recht in Preußen zu demonstrieren.

* Die Annahme der Enteignuugsvorlage im Herrenhause hat Fürst Bülow, wie linksliberale Blätter ihm vorrechnen, den liberalen Ele­menten des Hauses zu verdanken, den Bürgermei­stern, Kommerzienräten und Professoren. Bon den Oberbürgermeistern stimmten 28 für die Ent­eignung, nur 16 dagegen. Das war schon ein Plus von zwölf Stimmen. Dazu kommen acht Professoren, die für die Vorlage stimmten, wäh­rend nur Professor Löning dagegen stimmte. Die acht Geheimen Kommerzienräte traten sämtlich für die Enteignung ein. „Die Bürgermeister, Profefforen und Bankiers haben den Fürsten Bü­low herausgehauen; ihnen hat er seine verhält­nismäßig sehr kleine Mehrheit zu verdanken", rüst das „Berk. Tagebl." begeistert aus und deu­tet an, daß sie das aus Rücksicht auf den ihnen bekannten Wunsch des Kaisers getan hatten.

* Ter Vater der Polenenteignuna. In Frankfurt wird auf daS bestimmteste behauptet, der Oberbürgermeister Adi ckes sei deshalb so be­stimmt für das Enteignungsrecht gegenüber den Polen eingetreten, weil fein Schwiegersohn, der frühere Posener Regierungsrat und jetzige Bank« direktor Hugenberg, der eigentliche Vater deS Ent­eignungsgedankens sei. Ein Frankfurter Blatt lägt sich sogar melden, Adickes werde zum Dank für sein Eintreten für die Polenvorlage im Herrenhause demnächst m den Adelstand er» hoben werden. Warten wir es ab.

— Der Polen Gegenwehr. Die Polen haberk mit der Annahme der Enteignungsvorkage ge» rechnet. Sie haben sich schon langer Hand auf die Abwehr vorbereitet: Die „ökonomische Sektion* VeS polnischen StraschvereinS beabsichtigt, unt die enteigneten Polen von der Auswanderung zurückzuhalten, die Gründung polnischer Engros­geschäfte in die Hand zu nehmen. — In Russisch» Polen hat die Annahme der Enteignungsvorlage große Erregung verursacht. Die gesamte deutsch- und preußische Untertanenschaft, welche in de» Dombrowoer Niederung (Russisch-Polen) wohnt, wurde in Drohbriefen des nationalen Arbeiter» verbandS uufgefordert, daS polnische Königreich sofort zu verlussrn.

». Der Kumpf gegen den Sprachenparagrap^ im ReichsvereinSgesetz Hut am Sumstug m der zuständigen Kommission deS Reichstuge» feineit Fortgang genommen. Die Situation ist nuch wie vor unklur. Die Regierung hätt un denk Paragraphen fest und die Haltung deS Freisinn» wird immer undurchsichtiger. Am Samstag hielt Abg. Trimborn (Ztr.) zur Bekämpfung diese» Purugruphen noch einmal eine längere Rede, ist der er für die Polen insbesondere da» Recht auf die Muttersprache als Naturrecht in An­spruch nahm: Dieses Recht fei nicht nur au» freiheitlichen Gründen, sondern auch al» AuS»

Im Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

11] (Nachdruck verboten.)

Wenn Giovanna nicht geknebelt vorgefunden war, so lag der Verdacht nahe, daß sie die Hel­fershelferin der Räuber gewesen, denn sie hätte andernfalls mindestens Hilfe herbei gerufen, wenn es ihr an Mut gebrochen, ihrer bedrohten Herrin beizustehen.

Zudem hatte Pisani mit möglichster Schonung «'n Knebel angebracht und Giovanna fügte sich, weil sie voraussetzke, daß die Marchesa erwachen und, durch die Drohung des Räubers eingeschüch­tert, allerdings anfangs schweigen, aber sicher fo- gleich Lärm schlagen werde, wenn der Verbrecher das Gemach verlassen hatte.

Alsdann würden entweder die zur Hilfelei- stung herbeigeeilten Dienstboten, oder die Mar- chefa selbst sie befreit haben, denn diese hätte sich wohl zunächst nach ihren Dienerin umgesehen. Lh>ie den verhängnisvollen Zwischenfall, der den Tod Albinas zur Folge gehabt, würde die Vor- uussetzung Giovaunas eine richtige gewesen sein.

Das Mädchen, das sich durch die Ueberredungs- kunst und die Versprechungen Basileos hatte ver­leiten lassen, die Mitschuldige der Räuber zu werden, hatte im entscheidenden Moment ifjrc verbrecherische Schwäche bereits bitter bereut und wäre gern zurückgefreten, wenn es nicht schon zu spät gewesen und sie nicht den Zorn Basileos ge­fürchtet hätte.

Einen Moment kreuzte der Gedanke ihr Hirn, die Garteiipsorte geschlossen zu halten und so den .Einbruch zu Vereiteln. In dem Falle jedoch hätte 'Basileos Zorn sicherlich feine Grenzen gekannt und alles wäre zwischen ihnen aus gewesen. Die ,stolzen Hoffnungen für die Zukunft, als Gattin eines Notars ein ihr beneidenswert erscheinendes ^Dasein zu führen und eine nicht völlig makellose

Vergangenheit vergessen zu machen, mußten für immer begraben werden. Das gab den Ausschlag und Giovanna schli chsich im Dunkeln hinab in den Garten und öffnete heimlich die Pforte — um Tod und Verderben in das Haus einzulassen dessen schützendes Dach auch sie beherbergte.

Um nicht vorzeitig Lärm zu machen und die Marchesa, die er schlafend wähnte, zu wecken, hatte Pisani, durch Giovanna über die Sage her Zimmer orientiert, an das Fenster dec Zofe ge­pocht, das gleichfalls auf die Terrasse mündete, und sie hatte ihn so leise als möglich eingelassen, doch nicht leise genug, daß nicht Albina das Klir­ren des Fensterflügels und das Flüstern der bei­den vernommen hätte.

Pisani halte die Absicht gehabt, seine Flucht auf dieselbe Weife zu bewerkstelligen und dabei das Glas des Fensterflügels zu zertrümmern, damit kein Verdacht auf das Mädchen fallen könne, daß diese ihm geöffnet habe.

In dem Schreck über feine Tat war er dann fchleunigst geflohen, den nächsten Weg zur Flucht benutzend, der sich ihm bot; er hatte Giovanna ganz vergessen.

Diese war also, in einer an Irrsinn grenzen- Öen Aufregung, an ihren Platz gefesselt, zurück- geblieben. Unfähig, sich zu bewegen, hatte sie, durch die geöffnete Tur blickend, deren Portiere s m?u$er bei seinem Eintritt in das Zimmer der Marchesa zurückgeschlagen, den ganzen Vor- üang mit angesehen, wie Pisani das Dolchmesser E^uckt, die kleine Angiolina bedrohend und wie ^.^echesa sich ihm entgegengeworfen und den Todesstoß empfangen hatte.

Giovanna hatte aufschrcien, die entsetzliche •li Qt verhindern tooCen — sie vermochte es nicy.’r vergebens bemühte sie sich, die festen Bande zu losen, durch welche sie an die Pfosten der Belt- stelle gefesselt war, sie wollte ihrer Herrin minde- stens Hilfe leisten, vielleicht war die Wunde nicht so gefährlich und das Leben noch zu retten.

Ferge entfloh der Mörder, fein unglückliches Opfer hilflos zurücklassend.

Durch die Nachtstille drang das Stöhnen der Verwundeten, ihr Todesröcheln an das Ohr der entsetzt Lauschenden.

Giovanna ahnte es mehr, als daß sie es wis­sen konnte, was sich in dem Nebengemach begab.

Die Blicke ihrer fieberheißen- Augen folgten jeder Bewegung der mit dem Tode ringenden Herrin, sie sah, wie diese sich aufraffte, um Hilfe herbeizurufen, wie sie schwankend einige Schritte machte und dann zusaminenbrach, und die Stim­me ihres Gewissens rief ihr zu: Du bist die Mör- derin jener Frau, die Dir eine gütige Herrin war. Dir ihre und ihres Kindes Sicherheit anver­traute!

Ein Schwindel erfaßte Giovanna. Ihre Schlä- fen pochten zuni Zerspringen, alles Blut war ihr nach dem Kopse gestiegen, sie glaubte ersticken zu müssen, da der Knebel sie am freien Atmen ver­hinderte.

Und fo schlichen die Minuten dahin und wur­den zu Stunden und eine jede einzelne dünkte ihr eine Ewigkeit der Qual zu sein.

Die Marchesa lvar tot — Giovanna fühlte es, Verzweiflung im Herze«.

Das hatte sie nicht gewollt I — o Gott, so war sie zur Mörderin geworden, denn sie, die Ver­räterin, hatte Pisanis Dolch gelenkt!

Ohne Grundsätze, ohne moralischen Halt da­hinlebend, von Jugend auf verderbt durch schlechte Beispiele in der eigenen Familie, war es Gio- danna nicht als etwas Ungeheuerliches erschienen, der Marchesa einen immerhin geringen Teil ihrer Reichtümer zu tauben. Selbst wenn der schönen Dame die Kassette mit den Juwelen ,die sie ohne­hin nie getragen, gestohlen ward, war das für sie fein so großes Unglück zu nennen, da der Mar­chese, welcher seine Frau anbetete, sich güviß so- gleich beeilen wurde, dersrelben einen Ersatz zu schaffen. Die Familie Rionero war ja fabelhaft re«h., der Verlust ließ sich verschmerzen.

, ®inen Diebstahl durch ihre Mithilfe zu ermög- Ilchen, das hätte Giovanna, die ehemalige Oran­genverkäuferin aus Pendino, das Kind des

Elends, schon auf ihr Gewissen genommen. Aber ein Mord — das war etwas anderes l

Des Mädchens Herz war nicht völlig verderbt, ihre Reue eine aufrichtige.

Wie kangfam vergingen die Stunden dieser grauenvollen Nacht! — Und dann wurde di- Stille unterbrochen durch da- Weinen und di- ängstlichen Rufe des armen Kindes, daS durch ihre Schuld eine Waise geworden war.

Brennende Tränen rieselten aus den Augen des Mädchens und rollten über ihre glühenden Wangen. Hätte sie sich losreißen, dem Kinde der Gemordeten mindestens Hilfe bringen können, das jetzt so kläglich ihren Namen rief — es wäre ihr ein Trost gewesen, eine ihr zugestanden- Gnade der Gottheit, die ihr gestattet hatte, ihre Schuld in etwas zu sühnen.

Und auch die zärtliche Mutter, die dort kalt und starr in ihrem Blute am Boden lag und dem Liebling nicht Hilfe bringen konnte, sie würde am Throne des Höchsten eine Fürbitte eingelegt haben für die Schuldige, wenn diese reuevoll ihr Vergehen durch verdoppelte Sorge zu büßen ge­leint war.

. _vmmet herzbrechender klang das Jammern des kleinen Mädchens, dann noch ein Angstschrei» und tiefes Schweigen folgte. War auch Angio­lina dem Verhängnis erlegen — war das Kind tot oder wand es sich in Krämpfen?

Giovanna riß an ihren Banden, doch ohne Erfolg, diese waren zu fest geknüpft, sie rieb ihre Kräfte auf in den- vergeblichen Anstrengungen, die Augen traten ihr aus den Höhlen, das Ge­sicht färbte sich rotblau, ihre ©ebanfen begannen sich zu verwirren, die grausigsten Spukgestalien, Ausgeburten einer krankhaft erregten Einbil­dungskraft umkreisten, bedrohten sie und griffen nach ihr mit spitzen Krallen. Die Gemartert« wollte schreien, der Pein entfliehen — sie ver­mochte es nicht, sie war ja geknebelt und niemand kam, sie zu erlösen, zu erretten. Würde dies- furchtbare Nacht denn niemals enden?--—-

(Fortsetzung folgt.)