35. Jahrqanq.
^ultia, Samsiaa den 19. Februar 1908.
M 50.
Zweites ^3£att
Zurückhaltung, besonders der liberalen Parteien gegenüber Minister Holle damit erklären tnnn, daß der Kultusminister noch neu in seinem Amte ist und ein abschließendes Urteil über ihn verfrüht erscheint, so liegt es doch näher, daran zu denken, daß die Neuwahlen vor der Türe stehen und daß die Liberalen es für taktisch klüger hielten, ihre katholische Wählerschaft nicht vor den Kopf zu stoßen, besonders mit Rücksicht auf die „Deutsche Vereinigung".
In Oe st erreich haben die Christlich-Sozialen, die erst kürzlich in das Kabinett Beck einge- treten sind, eine wenig beneidenswerte Stellung. An den österreichischen Universitäten herrscht der Liberalismus mit unumschränkter Macht. Aus der letzten Zeit sind wieder einige Vorfälle zu verzeichnen, die ein Helles Licht auf diese Verbaltnws werfen. Professor Wahrmund, Dozent des, katholischen (!) Kirchenrechts cur der Universität Innsbruck z. B. darf sich in den wüstesten Bc- schimpfungen gegen Christentum und Katholizismus ergeben, ohne »aß die Negierung es für notwendig hält, dagegen einzuschreiten. Die Erbitterung unter der christlich-sozialen Wählerschaft wie auch unter den christlich-sozialen Abgeordneten wächst in bedenklichem Maße, sodaß man schon an eine Budgetverweigerung beim Uuterrichts- etat denkt. Das würde gleichbedeutend sein mit einer Ministerkrisis.
In Italien ist nach ungefähr viermonati- ger Verhandlung der Nasi-Prozeß zu Ende gegangen. Nasi wurde wegen fortdauernder Ver- iintreuungen von Staatsgeldern verurteilt. Tie Beweisaufnahme hat ergeben, daß unter dem Regime Nasi im Unterrichtsministerium eine geradezu skandalöse Wirtschaft geherrscht hat. In der skrupellosesten Weise hat Nasi sich ans Kosten des Staates- bereichert. Trotzdem einflußreiche Leute sich für Nasi verwandten, hat der Senat doch so viel Rückgrat besessen, daß er dm hohen Verbrecher der gerechten Strafe überliefert. Das Urteil des Senats ist ein «rdgsittiges. Die römischen Blätter sprechen im allgemincn ihre hohe Befriedigung über das Urteil auS und geben der Hoffnung Ausdruck, daß in das Unterrichtsministerium fortan ein besserer Geist einziehe und daS Urteil ein Memento für alle unsauberen Elemente im öffentlichen Leben sein möge. Im Süden Italiens, das in Nasi seinen Abgott sieh: imd ihn als unschuldiges Opfer betrachtet, ist die AufreMng über daS Urteil groß, und eS ist bereits zu Tumulten geksmmen. Die Regierung legt den Ausschreitungen gegenüber eine große Nachsicht an den Tag, da sie mit der VolkSstim- mung rechnet, ist aber entschlossen, schlimmere Ausschreitungen mit äußerster Energie zu unterdrücken.
In Rußland ist der Port-Arthur-Prozeß endlich zu Ende gegangen. GeneralStößel wurde zum Tode verurteilt, General Fock erhielt einen Verweis, di« übrigen wurden freigesprochen. Der Gerichtshof hat jedoch beschlossen, di« Gnad« deS Zaren für Stössel anzurufen. Der Urteiksspruch wurde damit begrunM, daß die Festung noch länger Hobe gehalten werden können. Man kann aber nicht sagen, daß der Prozeß dies unwiderleglich dargetan habe; und waS hätte es denn schließlich genutzt, wenn Port Arthur wirklich noch einen Tag verteidigt worden träte? Hätte dieser Erfolg wirklich die ungeheuren Mensck>enopfer, die unvermeidliw gewesen wären, gerechtfertigt? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, besonders wenn man die Art der Prozeßführung betrachtet, daß eS sich hauptsächlich darum handelte, einen Sündenbock in die Wüste zu schicken. Die russische Presse ist nicht zufrieden mit dem Urteil, sie findet, daß die Freisprechung der Mitangeklagten StösiclS zu Unrecht erfolgt sei, und fordert, daß auch noch
andere Offiziere auf die Anklagebank kommen sollen, z. B. Kuropaikin und Alexejew.
In England ist der neue Marineetat veröffentlicht worden. Er findet in der Presse keine einheitliche Beurteilung. Während man auf der einen Seite aus den Einzelheiten dieses Etats die Folgerung zieht, daß England seme Rüstungen zur See im großartigen Stile fortietze, ut man auf der anderen Seite geneigt,, in der Vorlage den Beweis zu erblicken, daß die gegenwärtige liberale Regierung in England eine angemessene Sparsamkeit zur Grundlage ihrer Flottenpolitik mackre, ohne deswegen jedoch das Prinzip aufzugeben, daß die britische Flotte ihre bisherige überragende Stellung unter den Flatten der Welt unbedingt aufrecht erhalten müsse. Was die in der Presse hervorgehabene Mäßigung der englischen Flotenrüstung anlangt, so glauben wir, daß man es hierbei übersieht, was die D-nk- schrift zu dem Programm für das Jahr 1908/0» ausführt. Es wird in ihr gesagt: ob eine Er- Weiterung im nächsten Jahre oder in den folgenden Jahren nötig sein werde, müsse von den Ver- größerungen der fremden Kriegsflotten abhängig gemacht werden. In gutes Deutsch übersetzt heißt das, daß die englische Regierung mit den anderen Staaten und namentlich mit Deutschland in Ver- Handlungen darüber getreten ist. ob diese Staaten ihre Rüstungen zur See nicht für die Folge nach einer international verbindlichen Zusage em- schränken wollen. Ob Deutschland auf diese Frage bereits geantwortet hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Aber unter dem Gesichtspunkt des hier Gesagten wird es verständlich, wenn die englische Denkschrift fortfährt, die Regierung Englands habe durchaus daS Ziel im Auge, die Flotte in •bem Bestände zu erhalten, wie es bisher für die Sicherung der nationalen Interessen des Reiches für notwendig angesehen werde. DaS heißt also, falls die anderen Staaten und namentlich Deutschland ihren Rüstungen nicht Einhalt tun, wird England die Konsequenzen daraus ziehen und in großartigem Stile mit der Vergrößerung seiner Flotte Vorgehen. Es hat ja schon verlautet, das; dann an den Bau von sieben großen Schlachtschiffen gedacht werde. Also mit einer weisen Mäßigung des liberalen Regimes haben die Zahlen des eben veröffentlichten englischen Marineetats nichts zu tun. Aber ebenso verkehrt ist es, wenn auf der anderen Seite der englische Marineetat als etwas ganz Ungeheuerliches hin- gestellt wird. England hat eben ein solches Ueber- gewicht zur See, daß eS vorläufig an gewaltige Verstärkungen nickt zu denken braucht. Während der englische Marineetat ein Mehr von 18 Mill. Mark fordert, sieht unser Etat eine Erhöhung vor im ordentlichen Etat von 28 Millionen und im außerordentlichen Etat von 32% Millionen, also insgesamt eine Erhöhung von 60% Millionen vor. Da» ist also mehr als daS Dreifache der englischen Mehrforderung. Während England sieben int Bau befindliche Schlachtschiffe hat, haben wir neun allergrößte Linienschiffe int Bau. Was die Kreuzer anlangt, so befinden sich in England vier geschützte Kreuzer im Bau, bei uns 4 große Kreuzer und zwar vom allergrößten Typ. Wir haben ferner sechs sog. kleine Kreuzer im Ban, die aber größer sind als unsere früheren großen Kreuzer, England hat dagegen nur einen ungeschützten Kreuzer im Bau. Die Zahlen über die Torpedobootzerstörer und Unterseeboote werden inbezug auf den englischen Marineetat widersprechend angegeben. Immerhin haben wir sechs Unterseeboote, und zwölf Torpedojäger und Zerstörer im Bmt, außerdem noch ein Kanonenboot. DaS macht zusammen 38 Kriegsschiffe, von denen 20 große Schiffe sind. AuS dieser Zusammenstellung ergibt sich also, daß der neue englische Ma- rineetot keineswegs daS Ungeheuer ist, als bat
man ihn in einem Teil unserer Presse hinzustellen für gut befindet.
In M aro k ko ist es wieder zu schweren Zusammenstößen gekommen, bei denen die Fran- zo'en reckt schlecht abgeschnitten haben. Es scheint, daß Mulay Hafid sich bereits stark genug fühlt, den Ausschreitungen der Franzosen mit allem Nachdruck zu begegnen. In Frankreich ist man wenig gesonnen, die bisher beobachtete Erebe- rungspotttik preiszugeben. Gelegentlich einer Interpellation IaurSs in der französischen Kammer wurde eine Tagesordnung angenommen, in der der Tapferkeit der Truppen in Marokko voll« Aerkennung ausgesprochen wird, daß sie in Ma- rokko die Verteidigung der Interessen und der Rechte Frankreichs in Uebereinstimmung mit der Algecirasakte sichern werde. Es klingt tatsächlich wie bitterer Hohn, wenn das offizielle Frankreich immer wieder betont, daß ihre dem Völkerrecht hohnsprechenden Kriegs- und Beutezüge in Marokko durch die Algecirasakte legalisiert seien.
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):( Das Scheckgesetz
ist vom Reichstag nunmehr in dritter Lesung erledigt worden und tritt bereits am 1. April m Kraft und wird ohne Zweifel für unser Wirtschaftsleben von großer Bedeutung werden.
Wenn wir bedenken, daß im Auslande, besonders in Amerika undEngland, durch die weite Verbreitung des Schecks das Bedürfnis an Barmitteln zur Abwicklung der kaufmännischen un- finanziellen Geschäfte so außerordentlich gering ist, wenn wir umgekehrt erwägen und uns au» dem in der Presse und Parlament kürzlich geführten Verhandlungen über die Höhe des Diskonts in Erinnerung bringen, welche Bedeutung die Inanspruchnahme der Barmittel auf die Teuerung des Geldes ausübt, dann muß man zu der Ueberzeugung kommen, daß in diesem Gesetz ein bedeutsames und wirksames Mittel enthalten ist, eine Wiederkehr solcher Verhältnisse, wie wir sie in dem letzten Jahre auf dem Geldmarke zu beklagen hatten, vorzubeugen. Wollen wir durch Beschränkung des Bedürfnisse» an Barmitteln eine Verbilligung des Geldes her- beiführen, dann muß der Scheck nach dem. Vorbilde Englands und Amerikas in die breiten Massen auch der kleinen und mittleren Gewerbetreibenden, Eingang finden. Mit, der Verbreitung des Schecks wächst aber auch die Gefahr eines Mißbrauches. Dieser Mißbrauch kann nur verhütet werden durch gesetzliche Bestimmungen
Bereits zu Beginn dec neuen Session deS Reichstags im vorigen Sommer hatte deshalb das Zentrum durch einen Antrag Faßbender, Müller-Fulda und Mayer-Kaufbeuren die Anregung zum Erlaß eines Scheckgesetzes gegeben. Derselbe Antrag wurde dann in der Form einer Resolution in Verbindung mit Mitgliedern der konservativen und nationalliberalen Parteien beim Etat der Reichsbank eingebracht und fand einstimmige Annahme deS Reichstages. Beim Zusammentritt des Reichstags im Herbst legte dis Regierung dann einen solch förmlich auSge- arbeiteten Gesetzentwurf vor. ES wurde bei der ersten Lesung ziemlich einstimmig anerkannt, daß der Gesetzentwurf im wesentlichen allen berechtigten Ansprüchen der interessierten Kreise entsprechen dürfte. Diese Auffasiung teilte bann auch die Kommission, an welche -er Entwurf in erster Lesung verwiesen wurde.
Im wesentlichen waren es nur zwei Bestimmungen, die in der Kommission zu längeren eingehenden Erörterungen Veranlassung gaben, nämlich die Frage über die passive Scheck- fähigkeit der öffentlichen Sparkassen un- die Frage der Dauer der Präsenta t i o n sp f l i ch t des Schecks. Bezüglich de» ersteren Punktes stellten die Zentrumsabgeord-
Wochen-Runvscharr.
x Fulda, 29. Februar 1908.
Der Reichstag verabschiedete in dritter Lesung die Novelle zum Telegraphengesetz, das sogenannte Telefunkengesetz und das Lcheckgefetz. Das Scheckgesetz wird bereits am 1- Avril d. Gesetzeskraft erlangen. An dem Zustandekommen des Gefetzes hat das Zentrum reichen Anteil gehabt, und die Partei hat damit wieder einmal gezeigt, daß es ihr Ernst damit ist, in echt nationalem Sinne das Beste für die Wohlfahrt unseres Volkes zu wirken. Es kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß das Scheckgesetz in hohem Maße dazu beitragen wird, der Wieder- kehr so trauriger Verhältnisse, wie wir sie im letzten Jahre auf dem Geldmärkte erlebt, haben, vorzubeugen. Der Reichstag erledigte weiter die Generaldebatte über den Etat des Neicksiustiz- amS. In sechzehn Resolutionen hatten die Parteien ihren Wünschen Ausdruck gegeben. Die vom Zentrum beantragte und vom Reichstag angenommene einheitliche gesetzliche Regelung des Tarifvertrags wird wohl noch geraume Zeit auf sich warten lassen, wenn schon Staatssekietär Dr. Nieberding erklärte, daß er die Frage für sehr wichtig und eingehender Prüfung wert halte. In wenig nobler Form griff der Abg. Müller-Meiningen den Abg. Roeren an wegen dessen Kampfes gegen den Schmutz in Wort und Bild. Herrn 9?oeren war es ein Leichtes, die plumpen Angriffe gebühren- zurückzuweisen, im weiteren betonte er, gestutzt auf ein umfassendes Beweismaterial die Notwendigkeit des Kampfes gegen ben Schmutz im Interesse unserer Jugend in so überzeugender Weise, daß man ruhig sagen kann: wer heute noch die Bestrebungen, sür die der Name Noeren ein Programm bedeutet, mit billigen Witzen oder persönlichen Angriffen glaubt abtun zu können, der kennzeichnet und richtet sich damit selbst.
Im getreu häufe sind am Donnerstag die Würfel über die P »! env orlage gefallen. Mit 32 St. Mehrheit wurde der Antrag Adickes angenommen, der im wesentlichen dir Beschlüsse deS Abgeordnetenhauses, wieder herstellt. Die Vorlage wird wegen der kleinen Abänderungen an das Abgeordnetenhaus zurückgehen, hier aber zweifellos die Zustimmung nach den Beschlüssen deS Herrenhauses finden, und damit ist deren enbgiltige Annahme besiegelt. Nach dem Verlaufe der Debatte hätte man ein solches Ergebnis nicht erwarten sollen, denn offenbar waren die Gegner der Enteignung, die zu Worte gekommen sind, in der Kraft ihrer Grunde und in ihrem auf -em Boden Ses Rechtes und der Verfassung beruhenden Standpunkte den Befürwortern der Enteignungsvorlage weit überlegen. Sie stellten auch die größere Zahl der Redner, aber die Linke, toekche sich überwiegend ictzveigsarn verhielt, verfügt« über die Mehrheit der Stimmen und errang damit den Steg, eiuere beklagenswerter'. Sieg über Mcht unb Verfassung, über Gerechtigkeit und Humanität.
Im preußischen Landtage wurde nach zehn- tägiger Beratung, der KustuSetat au genommen. Es war auffällig, mit welcher Sorgfalt die Liberalen aller kulturkämpferischen, Instinkt« zu verbergen bemüht waren, kein Wort über ben der- haßten „Dogmen-wang", über bie „Knebelung der Wissenschaft" durch Las Dogma, über da» Verhältnis von Kirche unb Staas tourt)2 gesprochen, nicht einmal Li« katholisch-theologischen Fakultäten wurden behelligt, der Fall Schroers mit keinem Worte erwähnt. Wenn man schon die
gemeldeten Geschenke auf dem Steueramt in Empfang zu nehmen und versprochen, währender Zeit auf Suppe und Feuer zu achten.
Welche Blamage vor Regina! Diese sprach kein Wort. Im Nu halte sie Hut un- Handschuh« abgelegt, das Feuer wieder aufgeschürt, eine andere Suppe aufgesetzt und den Herd gereinigt Wie flink ihr alles abging! Albert merkte gar nicht» von der häuslichen Niederlage seiner Frau.
Weihnachten war wirklich ein Fest der Freude. Albert hatte feine hübsche, kleine Frau mit einer prächtigen Pelzgarn ltur beschenkt, die schon lange ihr Traum war: die Buben waren selig mit Schaukelpferd und Jnfantecieuniform und dem dielen Nebenbei, das zärtliche Elternliebe für sie ausgesonnen und der Papa selbst sonnte sich in Ler Freude der anderen. Julia war in bezaubernder Stimmung, dankbar-glücklich, voll bester Vorsätze. Wie ein Kind spielte sie mit den Kindern und freute sich an den strahlenden Schel» mengesichtchesi. llnb dann spielte sie am Klavier ergreifende Weifen und fang mit ihrer zu Herzen gehenden Stim ne dazu. Tie zarten Kiiabenstim- men fielen zaghaft ein; Stille Nacht, heilige Nacht!
In der guten Stube tvar die Bescherung aufgebaut' die Kinder belegten Tische und Polstersessel mit ihren Spielsachen. Julia mußte sogar ihren niedliche» Schrecktisch erst abräumen, ehe sie ein höfliches Billeitchen an Fran Direktor schreiben konnte, um ihr für die liebenswürdige Einladung zum Silvesterabend zu danken. Voller Juteresie sah das Brüderpaar zu, wie Mama zuin Schluß den Wachsstock anziindete, um daS Brieschen mit flicbeifarbenem Siegellack und ihrer hübschen Petschaft zu siegeln.
Der Schluß des Jahres hatte prächtige, klare und sonnige Tage gebracht, die Julia, doppelt willkommen waren, ihren hübschen Wechnachls- pelz spazieren zu tragen. Roiig und an^cegt kommt sie nach Hause und laßt sich den NachiNit- tagskaffee munden. Von den Kindern hört man
Frau Julia lag auf der Chaiselongue und laS den neuefteti Roman, den sie sich von ihrer Freundin geliehen hatte, die ihn selbst heute abend in der Leihbibliothek zuriickgeben mußte; es war also keine Zeit zu verlieren. Hatte sie eigentlich bestellt, waS gekocht werden sollte? Sicher, sonst wäre Trina schon fragen gekommen. Es war auch zu schrecklich, daß man immer den Küchenzettel madjen und über Butter- und Fleischpreise Nachdenken sollte! Die Männer hatten es gut. Die setzten sich bloß an den gedeckten Tisch und tadelten, wenn nicht alles in Ordnung war.
Frau Julia laS. Auf der zierlichen Schreib- tifchpendule erklangen elf silberne Schläge, da war es noch Zeit; vor 12*4 Uhr kam Albert heim. Sie las weiter, voller Interesse und Spannung. Es schlug auch zwölf Uhr. Flüchtig ging es Frail Julia durch den Kopf, Laß Tante Regina um die Mittagszeit kommen wollte, um ihr einen Cchristbamn zn besorgen. Alles, was wahr ist: Skegina kaufte billiger ein und — vielleicht auch besser. Wie hübsch waren die Anzüge, die sie für die Knaben besorgt hatte! Die hatte sie doch fort» geschloffen, samt den Spielsachen für Weihnachten. Die Schlüsse! freilich — wa hatte sie dach nur die Schlüssel gelassen?
Regina war pünktlich — das war sie immer — mit dem prächtig gewachsenen Tannenbaum zur Stelle. „Jetzt aber schnell ihn fortschafsen, damit die Kinder nichts davon merken. Wo sind sie?"
„Ja, wo werden sie fein? In der Kinderstube jedenfalls." Nein, die war leer; die Küche ebenfalls da roch es nur entsetzlich nach eingebrannter Erbsensuppe. Kein Wunder l Die Brühe war ja in Strömen aus dem Kochtopf übergelaufen und bildete eine verbrannte Kruste auf dem Herd. Was fiel nur dieser Trina ein, die Küche so allein zu lassen!
Ah — Frau Julia stockte . , - Wie war ihr denn ? Sie hatte ja Trina zum Zollamt hinaus- gefchickt, um bie für Weihnachten aus England
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beigezogen hatte, turchgesegelt war, daß sie un- willkürlich miteingestimmt hatte, als die beiden Uebcltäter in eilt jubelndes Jndianergehcul aus- gebrochen luarett.
Daß sie die Kuckucksuhr auseinander genommen, um hinter ihr Geheimnis zu kommen — nun, daS hatten schon Dutzende von Jungen getan; alle großen Erfinder hatten in den Kindertagen solche Beweise des Ingenieurs von sich gegeben. Daß sie den Abreißkalender als Bcrhn- billetS aufgebraucht batten, wenn sie in der geglätteten Veranda mit der eisernen Gartenbank Straßenbahn spielten, war doch schließlich eine höchst findige Idee, und Werner, der älteste, war noch nicht einmal bter Jahre! Sie amüsierte sich köstlich über die Einfälle ihrer Lieblinge. Und sie hatte doch am meisten unter dem Heidenlärm zu leiden, den sie zuweilen veranstalteten; es störte sie, wenn sie ein schwieriges Musikstück ein- üben, sich in eh; interessantes Buch vertiefen wollte. Und waS hatten ihr die Bengels schon Streiche mit ihren Oelfarben gespielt! Hatten ihr die nasse Malerei mit den Händen ausgewischt und sich auf die beklexte Palette gesetzt, bie teuren Tuben ansgebrückt und sich die seinen Pinsel in den Garten geholt. Sie aber war nachsichtig, -denn es waren Kinder und ihre Kinder!. *
Albert konnte dann sagen: „Das ist auch Deine Schuld, Herzchen. Du dürftest die Sachen nicht so hernmliegen lasten, den Kindern nicht die Gelegenheit gebe». Wie er neulich gescholten, als sie ihm sein Lieblingsgetränk, Anisettelikör, selbst hatte zubereiten wollen, und sich alles zu- recht gestellt hatte. War es ihre Schuld, daß Frau Direktor sich da anmelden ließ, die man nicht abweisen durfte, und daß die beiden Uebel- tnter sich in der Zwischenzeit über Spiritus, Zucker und Anistropfen hermachten? Die Wirkung war allerdings eine entsetzliche, und sie hatte trotz der schnellen, ärztlichen Hilfe eine Todesangst ausgestanden; aber schließlich — sie war doch nicht zur Kinderwärterin erzogen, sie mit ihren Talenten und Anlagen!
Kmderstrerche.
Vo« H-.ms Gisbert,
Mochdrnck verbsten.)
Krau. Jutta kounts recht unairgenehm werde», wenn ihr Staun feine Schwester als Muster in bezug auf Kindererzrehung aufstellte. Oberlehrer Albert Willems war zwar auch in den Augen feiner Frau ein pttichttreuer, ehrenhafter, gütiger, kluger und wohlwollender Mann, aber zuweilen doch gar zu pebanttsich Und daß er feine Schwester, die verwitwete Kanzleirätin, ihr als Vorbild aufzustellen wagte, — nun, das war einfach unausstehlich. Daß die Witwe sparsam wirtschaftete. mochte ja fein; sie war eben nur kleine Verhältnisse gewohnt. Aber Frau Jutta mit ihren dreiundzwanzig Jahren konnte doch nicht wie eine Einsiedlerin leben, oder gar tote ein Büttel mit der ZiichtigungLrutc neben ihren Buben Verläufen! Nebenbei fand sie auch gar nichts an ben beiden Wild fangen auszusetzen. Ihre Einfälle waren doch originell; und wenn wirklich einmal ei» etwas übermütiger Knabenstreich nütunter- liej. so war baS nur ein Beweis ihrer gesunden, kräftigen Naturen, bie sich nicht in starre For- men zwingen ließen, wie der Witwe schwächliche Knaben.
War eS nicht Dissenktrieb, der Heinz alle möglichen und unmöglichen Gegenstände auf ihre Zusammenstellung untersuchen und in ihre Be- ftandteile zerlege» ließ, nicht urwüchsige Kraft, die Werner betätigte, weit» er alles zu zerbrechen suchte, waS ihm in die Hände kam?
Außerdem hatten sie garnichk solch großen Schade» angerichtet, wie Witwe Regina ihr im- jner aufs Butterbrot gab. Was lag denn an heu paar Polsterstühlen, die sie mit her Schere ^schnitten, an dem Rohrseffel, den fte mit 81!- d°rts Federmesser zersägt hatten? Es war nur I-ch ein urkomischer Anblick gewesen, als Alberts dicker Freund, der Mathemathikkehrer, der Ich ahnungslos den unterminierten Stuhl her-