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Zuldaer W Zeitung

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lÄMiL w°chendellag«: „Illustrierte Somtagrzettung"

35. Jahrqanq.

Fulda, Dienst«« den 25. Februar 1908.

M 46.

Zweites

«rschrtut täglich«« Aurnahme der Sonn« »ndZeiertage. viertel, jährliche-v«;ugrpreir ohne vrtngerlohn und VesteLgeldinZuldaso. wie mtfwärts 1.50 Btt

Verantw. Nedatteurr «arl Schütte;

--- Erzbischof und tlberalismus.

AlS Pfarrer Grandinger im letzten Frühjahr als liberaler Kandidat für den bayerischen Land­tag aufgestellt wurde, meinte ein liberales Blatt, die Kandidatur Grandinger würde besser unter« bleiben, da sie dem Liberalismus doch nur Un­gelegenheiten bringen wird. Was dieses liberale Blatt prophezeite, ist eingetroffen: Der Libe­ralismus von heute hat ein erzbischöf­liches Urteil über sich ergehen lassen müssen, das ihn um manchen Kredit bringen wird.

ES ist nicht notwendig — das ist die Quin­tessenz des erzbischöflichen Antwortschreibens an die liberale bayerische Landtagsfraktion — daß jeder Liberale ein Kirchenfeind ist, um den Stab über den heutigen Liberalismus brechen zu können, es genügt, wenn die ki r ch e » f e i n d- liche Richtung im Liberalismus einen feste» Rückhalt besitzt. Und diese letztere Tatsache, wer wollte sie bestreiten? Es ist auch absolut nicht notwendig, daß Pfarrer Grandinger mit der Zentrumspartei geht; er kann, wenn es ihm Spaß macht, als Einspänner sein parla­mentarisches Leben fristen, aber nie und nimmer darf er sich als Diener der Kirche an den Wagen des Liberalismus spannen lasten, der in den Zeiten des Kulturkampfes tu erster Reihe gegen die Katholiken stand tmd des­sen Parteigänger und Parteipresse nur allzu oft gemeinsame Sache mit den Gegnern unserer Kirche gemacht haben. Liberal unud kir­chenfeindlich find gleichbedeutende Begriffe, besonders aber dann, wenn die Jungliberale» in Betracht kommen, die bekanntlich lieber heute als morgen das Signal zu einem neuen Kulturkampf blasen möchten.

Als just vor einem Jahr der gleiche Erzbischof von Bamberg bei den Reichstagswahlen die Geist­lichen seiner Diözese und seine Diözesanen über­haupt davor warnte, in der StiiÄvahl einen Sozialdemokraten zu wählen, da war eitel Freude int liberalen Blätterwalde. Stiege» doch dadurch die Aktien des liberalen Kandidaten. Ja, man entblödete sich teilweise sogar nicht, den Erzbischof als liberalen Parteigänger anzuspre- cheu. Heute dagegen regt sich die ganze lib. Presse künstlich auf. Inkonsequenz, dein Name ist Li­beralismus. Man meint den Unmut des Herrn Erzbischofs zu hören, wenn er deshalb zum Schluß seines Schreibens den Gedanken aus­führt: Als mein Verbot an Geistliche, einen So­zialdemokraten in der Stichwahl zu tvähleu, dem Liberalismus zufällig günstig schien, da habe ich die Verfassung nickst verletzt. Heute handle ich aus den gleichen Motiven; toeit aber der Libera­lismus schlecht dabei abschneidet, soll ich die

spalttgepetitreileoder beten Bannt 15 pfg. BeNamendiePetitzeile 25 pfg., bei wieder« Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Botationrdrncknnd Verlag der Znldaer Ak- tiendrnckerei in Lnlda zernsprecher Br. 9.

Verfassung verletzenl So wird der Brief des Baniberger Erzbischofs ein Vehmbrief für den bayerisch» Liberalismus, der niemals die Parier eines kirchentreuen Katholiken, eines positiven Christen sein kann.

Was die Person Grandingers an- langt, so bemerkt Erzbischof D. v. 8tbett mit äußerster Schärfe, daß dem Abg. Grandinger „sein eigenes Gewissen und fein Standesbewußt- sein" die Schranken gegen den Liberalismus hät­ten ziehen müsien. Er, der Erzbischof, habe die Vorträge Grandingers für den Liberalismus schon im Interesse der Ehre und des Ansehens des geistlichen Standes" verbieten müssen. Der Erzbischof macht dem Pfarrer Grandinger den weiteren Vorhalt, daß er das, was er den „Zen­trumsgeistlichen" zum Vorwurf macht, nämlich die Verquickung der Religion mit der Politik, in ausgibigster Weise selber tat, indem er seine Persönlichkeit gerade nach ihrer religiös-kirchlichen Seite hin in den Dienst einer politischen Partei stellte.

Der Herr Erzbischof erklärte, er hätte Pfarrer Grandinger unter Berufung auf den immer dringender sich geltend machenden Priestermangel die Annahme des Mandates einfach verbieten können. Er hatte es aber nicht getan, um so die Frage: „Kann ein katholischer Geist- licher liberaler Abgeordneter sein?" zum Austrag zu bringen. Es liegt hier also ein ganz planmäßiges Vorgehen des Erzbi­schofs vor; er hat den Fall Grandinger zugelas- sen, um warnend seine Stimme zu erheben, den Pflichtenkreis der katholischen Priester im poli­tischen Leben festzustellen und die Unverein­barkeit des Liberalismus darzutun.

Die Versuche der liberale Presse und Politiker, den Liberalismus als kirchlichen Friedensfreund darzuswllen, sind dadurch unschädlich gemackst. Man kann dem katholischen Volke fürderhin nicht mehr vortäuschen, daß der Liberalismus mit den religiösen und katholisch-kirchlichen Interessen vereinbar sei, daß der Liberalismus nicht kirchen- feindlich sei. Trotzdem wagt die liberale Presse schon wieder neue Versuche. Sie sucht die Tän- schilng zu erregen, der Erzbischof kenne den baye­rischen Liberalismus und dessen Programm nicht. Und doch sind erst ein paar Tage seit den Kul- tusdebatten in der bayerisck)en Abgeord­netenkammer verflossen; die gehässige, Bekämp­fung der Lehrautorität der Kirche, die heftige Einsprache gegen die päpstliche Verurteilung der modernistische!! Lehren, die Kennzeichnung des Dogmas als Gefängnis —, eine solche feindselige Haltung der Liberalen gegen die Lebensbe­dingungen des Katholizismus soll man ruhig hinnehmen? Die liberale Presse täuscht sich auch jetzt wieder. Die Erklärung über den Liberalis­mus in dem erzbischöflichen Schreiben gebt nicht auf Einzelheiten ein, weil sie eine program­matisch-prinzipielle Darstellung ist. Die Be­weise aber liegen gehäuft vor und es ist ein eit­les Beginnen, anderen zuzumuten, ihre Verleug­nung durch die liberale Presse hinzunehmen.

Deutsches Reich.

Einen neuen Schahsekretär haben wir jetzt. WaSwirb nun mit derFinanzresorm? Di« Herren von der Blocklinken brauchen gern da» volltönende Schlagwort: »Großzügige Finanzreform!" Sie rufen um so lauter nach etwas recht Großem, da sie gern verbergen möchten, daß st« wegen Angst und Schwäche bisher auf die Verschiebung der dringlichen Deckungsmaßregeln tjingearbeitet haben Unter der „großzügigen" Reform verstehen sie haupt­sächlich den Nebergriff d«S Reiche« auf die

Wr den Mnat MA nehmen fortwährend alle Postanstalten, Landbriefträger, Zeitungsträger und die Expeditton (Harmonie) Bestellungen aus die ,Fuldaer Zeitung'»um Preise von 50 Pfennig (ohne Be­stellgeld und Bringerlohn entgegen)

menaehen mit ihr mißbilligt. Eine solche Ansicht rst verkehrt und bedenklich. Alle Parteien sind gleich­berechtigt. Für uns in Baden ist ein Zusammengehen mit den Sozialdemokraten im Interesse der Erhaltung eines l i b e r a t e n R e g i m e n t s notwendlg D.e Ausführungen, wie rote sie vom Herrn l’itmfter gehört baden, können zu einer Mehrheit von Zentrum undKonservativen führen. Es wäre bester, wenn die Regierung ihre Front mehr nach rechts nehmen und eine tiberale Politik kreiden wollte.

Man sieht, den Nationalliberalen wird Herr v. Bodman bald unbequem, und es wird be5baU> nicht lange dauern, bis ibm und dem 6-nanz- Minister Hansell, der ebenfalls kein liberaleo Par- teiregiment will und auch nutzt gesonnen ist, den von den Liberalen befürworteten Weg der Pump- wirtschaft einzuschlagen, der Ruf entgegerih allen wird: Hinweg mit ihnen!

"München, 23. Febr. 1908. Im bayerischen Landtag beantragte Abg. Frhr. v. Freyberg die Gründung einer Ansiedlungsbehdrde. Neben der sckwn bestehenden Anzeigepflicht der aewerdS- mäßigen Güterhändler über jede bevorsieheitde Güter zcr t r ümmer un g soll die Anfieo- lungskommission durch Mitteilung der Sachlage, in die Lage versetzt werden, beabsichtigte Guter- Verteilung selbst zu übernehmen. Ferner verlangt der Antrag einen Zuschlag zur staatlichen Em- kommensteuer der Güterhändler im Maxrmum von 50 Prozent einzuführen, der durch die staat- liebe Behörde zu erheben und an einzelne Ge- meinben auszuzahlen ist, in deren Bezirk im vor- abgelaufeneil Jahre eine Zertrummenmg statt- gefunden hat.

Ausland.

* Eine Störung des „europäischen Konzerts in der Balkanfrage besteht nicht. Di« „Nordb. Allg. Ztg." stellt das als Organ des Reichskanz- lers sest. In der Sandschackbahnfrage hofft da» halbamtliche Blatt, daß die Beziehungen Oester- reich-Ungarns und Rußlands sich geklart und neu gefestigt haben. Es scheint in der Tat, daß auf die hochgehenden Wellen der Erregung, die sich m der russischen Presse bemerkbar machten, die offi­ziösen Erklärungen der russischen Regierung wohltätiges Oel gegossen haben. Die österrei­chische Sandschakbahn stellt sich nicht mehr als em unüberwindlicher Stein des Anstoßes dar, un» die Verhältnisse an der persischen Grenze haben ebenfalls einen Teil ihres bedenklichen Charakter» verloren. In der Eisenbahnfrage auf der Bal- kanhalbinsel ist allem Anschein nach eine Einig­ung dahin erzielt, daß Oesterreich-Ungarn dem russischen Bahnplan von der Donau zur Adria keine Hinderniste in den Weg legen wird. Auch von anderen Staaten ist das wohl nicht zu be­fürchten, jedenfalls aber nicht von Deutschland. Wenn Rußland somit glaubt, daß es gegenüber der Sandschakbahn eine Art von Ausgleich bean­spruchen könne, so wirb er ihm voraussichtlich nicht vorenthalten werden. Die Wiener „Neue freie Presse" hatte gemeldet, daß Deutschlands den österreichisch-ungarischen Bahnplänen Unterstütz­ung gewähren wolle. Eine deutsche offiziös« Stimme erklärt dazu: Da die österreichischen Pläne der bestehenden internationalen Rechts­lage entsprechen und keinerlei Rechte anderer verletzen, so ist es eigentlich ganz selbstverständ­lich, daß Deutschland bei der engen Verbindung mit Oesterreich-Ungarn in dieser Frage nur auf seiner Seite stehen kann. Darüber biirfte die deutsche Regierung nicht nur Oesterreich-Ungarn, sondern auch andere Mächte unterrichtet haben.

* Der englische Marineetat. Infolge der Agi­tation für Ersparnisse im Marineetat wird die ursprünglich beabsichtigte Erhöhung um 25 Millionen Mark auf 16 bis 18 Millionen Mark

direkt en Steuern, die bisher den Einzelstaaten überlassen waren und von den Finanzmmistern der Einzelstaaten zähe verteidigt worden smv. ES haben am Donnerstag bekanntlich zwischen den BundeSratsmitgliedern Konferenzen statlg sunden. WaS dabei herausgekommen ist, weiß vorläufig niemand. Hoffentlich wird man an den zwei notwendigen Grenzlinien festgehauen haben. In politischer Hinsicht muß das Rechtsverhältnis zwischen Einzelstaaten und Reich vor verfassungswidrigen Verschiebungen bewahrt bleiben, und in so zialerHinsicht muß mon an der auSqleichenden Gerechtigkeit und dem Schutz der schwächeren Schultern festhalten. Im übrigen ist zu bedenken, daß auch die „großzügigste Finanzresorrnnur zeitweillgbelfentann, wenn die Anforderungen so weiter steigen. Je schwieriger die finanzpolitisch« Lage wurde, desto häufiger wurde in der Blockpresse von der Mit­arbeit des Zentrums gesprochen, da? doch sonst „auSgeschaltet" ist. DaS Zentrum wird nach wie vor feine Pflicht tun, aber eS wird sich nicht berufen fühlen, einen Finger zu opfern um die Blockroi« von den Dornen zu befreien Diese versalzene Suppe mag der Block auslöffeln. Itier schuld ist an der Verschleppung der dringenden Aufgaben und an der Zerfahrenheit der lie­ber mag auf eigene Faust und ans eigene Ver­antwortung das Einrenken und Nachholen ver­suchen.

» Die Berläugeruug der Gültigkeitsdauer der Eisenbahnfahrkarteu von zwei auf vier Tage, toirf>, wie nach der „Post" verlautet, mit bem Inkrafttreten bes diesjährigen Sommer-Fahr- Plans, b. L ant 1. Mai, erfolgen. Auch bie Doppelkarte im Nahverkehr werben vom 1. Mar ab vier Tage Gültigkeit haben. Die vom Mr- nist«r in Aussicht gestellte Ermäßigung ber @e- packfracht für mehr als 200 Kilogramm (tu welchen Fällen baS Heber gewicht über 200 Kilo­gramm jetzt doppelt gerechnet wrrb) soll ebenfalls mit bem 1. Mai d. I. in Kraft treten

• Karlsruhe, 24. Febr. 1908. Ber ber Etats­beratung hat der Minister des Innern, v. B o d- m a n keinen Zweifel darüber gelassen, daß er von irgend welcher Synrpathie für die Sozial- demokratie nicht angekränkelt sei. Er bebaute es, wenn bürgerliche Parteien sozialdemokratische Kandidaten ihre Stimme gäben und bannt hel­fen, daß Sozialdemokraten im Landtag crschei- nen. Der frühere Minister des Innern, Dr. Schenkel, hatte in der Kammer bekanntlich er- klärt, er möchte dieSozialdeinokraten dort nicht missen. Der neue Minister des Inner» hat sich zu diesen Worte« durch seine Ausführungen in offenen Gegensatz gebracht. Vor allem aber bedeutet der Ausspruch des Ministers v. Bod­man eine Absage an den Großblock. Der Demokrat Venedey und der Sozialdemokrat Süß­kind beeilten sich denn auch nach der Rede des Ministers, eine „Rechtsschwenkung" der Regie­rung zu konstatieren. Die Liberalen sind über Bodmans Stellungnahme nicht wenig ergrimmt, denn sie fürchten für bas „liberale Parteiregi­ment" im Lande. Wären die Liberalen auf sich allein angewiesen, bann wären sie in Baden längst unter die Räder gekommen. Nur die Verbind­ung mit den Sozialdemokraten hält sie aufrecht. Darum verlangen sie, daß auch die Regierung die Sozialdemokratie als lieb Kind behandelt, weil nach ihrer Auffassung in Bad e n allein der Liberalismus berechtigt ist, und olles, was ihn stützt, muß von der Regierung gefördert werden. So äußerte sich der Demokrat Venedey in der Kammer:

Es wurde di« sozialdrmokraiischr Partei als ein« nicht bündniSfähtg« Partei bezeichnet ittib «in Zusam-

Zerstreutheit.

Von I. Wredenfeld.

(Nachdruck verboten.)

Zu den in den Witzblättern immer wiederkeh- teilten Figuren gehört auch ber zerstreute Pro­fessor, unb es ist in der Tat oft recht belustigend, zu sehen, wie ein sonst recht verständigerMensch die nächstliegenden und notwendigsten Dinge vergißt und in Gedanken versunken unnütze ober gar un­sinnige Handlungen vollzieht. Wenn auch viele solcher Geschichten einfach erfunden sind, so gibt es doch in Wirklichkeit nicht wenige Menschen — und gerade unter den Gelehrten am meiste», — deren Zerstreutheit die gewagtesten Anekdoten in Schatten stellt. Mag es auch eine Erfindung sein, wenn erzählt wird, ein Arzt habe am Trau­altar, als er mit seiner Braut die Ringe wech­seln sollte, ihr an den Puls gegriffen und ge­sagt, sie solle die Zunge herausstrecken, so ist es anderseits doch häufig vorgekommen, daß jemand über einen soeben geschriebenen Brief das Tin­tenfaß statt des Sandsasses ausschiittete.

Einer der zerstreutesten Menschen, die je ge­lebt haben, war der große englische Physiker und Astronom Isaak Newton, besten Geist beständig mit mathematischen und physikalischen Problemen derart beschäftigt war, baß er alles andere dar­über vergaß. Wie er selbst erzählt, warf er eines Tages statt des Eies, das er sich kochen wollte, die Taschenuhr in da3 siedende Master und be­hielt das Ei in der Hand. Häufig setzte er sich, wenn er kaum aus bem Bette gestiegen war, von irgend einem Gedanken ergriffen, wieder aus das Bett und blieb so unbekleidet stundenlang fitzen. Ans Essen mußte er jedesmal erinnert werden. Eines Tages kam sein Freund Stuckeley, den er Zu Mittag geladen hatte, zu ihm und sand das Essen schon aufgetragen, während Newton sich in fein Studierzimmer eingeschlossen hatte, wo ihn niemanb stören durfte. Nachdem Stuckeley, der

die Gewohnheiten des Freundes kannte, lange Zeit vergebens gewartet hatte, setzte er sich zu Tische und ließ es sich wohlschmecken. Lange Zeit nachher erschien endlich Newton und als er die Reste ber Mahlzeit sah, sagte er: „Ich wußte doch nicht mehr, daß wir schon gegessen hatten." Dann begann er sofort ein gelehrtes Gespräch und ver­gaß darüber das Essen gänzlich.

Ein Seitenstück dazu hat Theodor Mo mm- feit geliefert, von dessen Zerstreutheit gleich­falls Wunderdinge erzählt werden. JBor Jahren hatte er einen Diener, der sich die gänzliche Ver­tiefung des Geschichtsschreibers in seine Arbeit geschickt zunutze machte. Eines TageS brachte er dem Gelehrten sein Mittagessen in sein Arbeits­zimmer, ohne baß ber Professor Notiz davon nahm. Schon war ber zweite Gang auf getragen, unb noch steht ber erste unberührt. Da kommt bem Diener ein schlauer Gedanke. Er stellt rasch den zweiten Gang hin, nimmt den ersten Teller weg und verspeist feinen Inhalt, um hierauf mit dem zweiten und dritten ebenso zu verfahren. Nach einigen Stunden verspürt der Gelehrte je­doch eine getoiffe Leere im Magen; er begibt sich selbst in die Küche unb fragt ärgerlich: „Be­komme ich denn heute kein Mittagbrot?" — Der Diener erwidert: „Der Herr Professor haben ja schon gegefien!" Mommsen setzt sich wieder an seinen Schreibtisch und murmelt: «Wie konnte ich nur so vergeßlich sein!"

Auch der berühmte französische Mathematiker und Physikr A m p d r e war oft sehr zerstreut. Einst fand er auf dem SBege zum Hörsaale einen Kieselstein, besten bunte Adern ihn sehr inter­essierten. Als er dann feine Uhr aus der Tasche holte und sah, daß er sich beeilen müsse, warf er di« Uhr weg, steckte den Stein statt der Uhr in die Tasche und eilte fort. Ein andermal war er auf einem Spaziergang mit einer schweren mathe­matischen Ausgabe beschäftigt. Plötzlich fiel ihm die Lösung ein, und da Kreide von seiner Vor­lesung her noch in seiner Tasche steckte, er auch

jetzt gerade ein schivarzes Viereck, einer Tafel ähnlich, vor sich sah, so bedeckte er diese schleunigst mit Zahlen. Da bewegte sich auf einmal die Tafel und drohte ihm zu entfliehen. Er eilthin- terher, die Tafel läuft immer schneller, so daß der Gelehrte die Verfolgung aufgeben muß und jetzt bemerkt er, daß er die Rückseite eines Wagens als Tafel benutzt hat.

Der Berliner Professor Lambert vertiefte sich im Opernhause einmal so sehr in Nachdenken, daß er nach 58eenbigung der Oper allein int Zu­schauerraum sitzen blieb, ohne zu bemerken, daß alle anderen sich längst entfernt hatten. Erst als der Kronleuchter herabgelassen wurde, erwachte er aus seinen Betrachtungen; es stellte sich heraus, daß er sich um bas Stück, das gegeben wurde, nicht im mindesten bekümmert hatte, sondern den ganzen Abend beschäftigt gewesen war, die Strah­lenbrechungen des Leuchters zu berechnen.

Zahlreiche lustige Geschichten wußten die Zeitgenossen sich von der Zerstreutheit des Ber­liner Theologen und Kirchenhistorikers Nean- der zu erzählen. Eines Abends verschloß er aus Versehen die Studierlampe mit in den Bücherschrank, so daß es mit einem Male ganz finster in seinem Zimmer wurde. Da griff er sich nach den Augen und jammerte: „Ach, mein Gott, ich bin ja blind geworden." Alsbald eilte seine Schwester Hannchen, der die Studenten den Beinamen „die Neandine" gegeben hatten, her­bei ud der Jrvtum klärte sich zur beiderseitigen Heiterkeit auf. Die treubesorgte Schwester ließ den gelehrten aber sehr zerstreuten Bruder fast nie allein ausgehen unb begleitete ihn auch zur Universität, weil der Professor nie allein den Weg finden konnte. In seine Gedanken versun­ken, vergaß er immer, wohin er eigentlich gehen wollte ober sollte unb lief bann planlos in ben Straßen der Stadt umher, bis irgend jemand sich des allgemein beliebten und bekannten Pro- feffors annahm und ihn beim Portier der Uni­versität ober bei der Schwester ablieferte.

Neben ben Gelehrten stellen auch die Künstler, besonders die Musiker, einen großen Prozentsatz in die Reihen der Zerstreuten. Der gothaische Kapellmeister Benda erschien eines Tages, als er zur Audienz bei der Herzogin befohlen war, mit dem Stiefelknecht unter dem Arme; er wollte die Partitur eines neuen Musikstückes der Her­zogin vorlegen. Ludwig v. Beethoven ging eines Tages in ein Speisehaus und ließ sich di« Speisekarte geben. Nachdem er sie eine Weil« angeschaut hatte, zog er auf der Rückseite fünf Linien und schrieb Noten darauf. Als bann ber Kellner bie Suppe brachte, sagte Beethoven ärgerlich zu ihm: „Lassen Sie mich in Ruhe,, ich habe schon gegessen;" dann legte er ein Geldstück auf den Tisch und ging weg. Friedemann B ach ging oft, als er Organist in Halle war, zur Kir­chentür hinein und geraden Weges zur gegenüber- liegenden Tür wieder hinaus, um sich zuhautz mit seinen Noten weiter zu beschäftige«, wäh­rend man in der Kirche auf den Organisten ivar- tete. Einmal hatte er sich, den Schlüssel zur Orgel in der Tasche, in eine Bank mitten unter die anderen Kirchenbesucher gesetzt. Als nun das Orgelspiel beginnen sollte, machte sein Nach­bar ihn darauf aufmerksam, daß es Zeit sei, sich zur Orgel zu begeben. Bach, der in Gedanken versunken war, murmelte: „Na, da bin ich doch gespannt, was der Kerl heute spielen wird."

Den Schluß dieser kleinen Gallerie zerstreu­ter Männer möge Robert Schumann bilden. Seine Gattin hatte eines Abends einen größeren Kreis von Verehrern und Freunden in ihrem Hause versammelt. Schumann, der von ber Ar­beit des Tages ermüdet war, saß den ganzen Abend schweigend da. Endlich flüsterte er seiner Gattin leise zu: „Höre, Klara, hier ist eS doch zu langweilig, können wir nicht gehen!" — „Aber", entgegnete Klara, „wir sind ja in unserem eigenen Hause." — „Ja, ganz richtig," memt« darauf Schumann, „nun, dann gehe ich schlafen.