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AoIalionrbrnSunb Verlag der Fuldaer Lt- tiendrnckerei ht Fulda zernsprechrr Nr. 9.
Fulda, Dienstag den 25. Februar 1908.
35. Jahrgang.
«Lrstes ^älcrtt.
Preußischer Landtag.
Ab-e»rdnetellhauS.
Sitzung vom 24. Februar 1908.
Die zweite Beratung des KultuSetat» wird fortgesetzt. Man beschäftrgte sich Machst noch einige Stunden über dre Verhältnisse der Kreisärzte, wobei die Abgg. v. Botz (L), JMI (nL), Peltasohn (fr. Vgg.) und Gyhling (frs. Vp.) sowie v. Heydebrand (k.) zu Worte kamen. Neue Momente wurden aber bei dieser Debatte nicht mehr zu Tage gefördert.
Abg. Münstrrberg (frs. Vgg.) kam dann ausführlich auf die Verhältnisse der Hebammen zu sprechen, dem sich der Abg. Heyweiler (nL) an- schloß-
Abg. Schmedding (Ztr.) spüach seine Enttäuschung darüber aus, daß daS von seiner Partei seit Jahren gewünschte Hebammengesetz so lange auf sich warten lasse. Di« schlechte finanziell Lage der Hebammen auf dem Lande mache rhr« Unterstützung notwendig. Für den Osten sei jetzt ein Betrag von 50000 zur Unterstützung der Hebammen auSgesetzt. Er, Redner, hege die Hoffnung, daß dieser Fonds rn den nächsten Jahren auch für die westlichen Provinzen durch eine erhebliche Erhöhung dienstbar gemacht werde. Eine gesetzliche Regelung werde eine finanzielle Belastung nicht nur des Staates, sondern auch der Gemeinden zur Folge haben. Eine gesetzliche Festsetzung der Gchührenordnung werde nicht zu umgehen fein.
Minister Holle stimmt dem Vorredner in allen Punkten zu. Ein Gesetzentwurf betreffend die Gebührenordnung werd« dem Hause demnächst zugehen. Tie Höhe der Gebühren solle durch die Regierungspräsidenten bestimmt werden. Soweit hierdurch die Lebenshaltung nicht gesichert werde, hätten schon heute vielfach die Kreisver- bände eingegriffen. Hierbei leistungsschwache Kreise zu unterstützen, sei der Zweck des neuen Fonds. Auch eine Altersversorgung der Hebammen sei zu erwägen.
Abg. Freiherr v. Wolff-Metternich (Ztr.) bespricht die Weinkellerkontrolle, wofür im Etat 10 000 Mark eingesetzt sind.
Abg Wallenborn (Ztr.) wünschte im Anschluß hieran eine Nachweisung der in den Weinbaugebieten tätigen Kontrolleure.
Abg. Graf Spee (Ztr.) forderte eine Verschärfung der Kellerkontrolle bei Erlaß des neuen Weingesetzes. In der Pfalz habe die Keller- kontrolle günstig gewirkt, von einer Wirflamkott des in Berlin im Hauptamt« angestellten Wein- sachverständigen habe man aber bisher leider sehr wenig gemerkt.
Zum Kapitel „Universitäten" bespricht
Abg. Hackeuberg (nl.) die Verhältnisse an den protestantisch-theologischen Fakultäten. Er hält die Klagen der konservativen Abgg. Metzenthin und Strosser über Bevorzugung kritischer Theo- logen nicht für berechtigt. ES fei zahlenmäßig erwiesen, daß die sogenannten kritischen Theologen von 1891 bis 1906 in keiner Weise bevorzugt seien, daß die Zahl der Beförderungen der positiven Theologen größer sei als die der kritischen, und daß vor allen Dingen die Wartezeit der Privatdozenten auf Seiten der kritischen Theologie eine unendlich größere sei. Die meisten Universitäten seien positiv, Greifswald, Breslau, Kiel, Göttingen, Bonn. Die einzige, bei der die kritische Richtung überwiege, sei Marburg, lieber Berlin und Halle könne man streiten. Die Oef-
fentlichkeit und die Press« feien nicht die Instanzen, die die Lehrstühle zu besetzen hätten.
Abg. Strosser (kons.) erklärt, daß der Ton von posifiver Seite über die Berufung kritischer Professoren so leidenschaftlich und abstoßend fei, habe er nicht gemertt: Welchen Ton haben aber die liberalen Zettungen über meine und des Mg. Metzenthin Ausführungen angeschlagen, He selbst der Abg. Hackenberg als durchaus maßvoll anerkannte? Wir wollen positive Geistliche auf den Kanzeln haben. Unser Volk will in den Kirchen Brot und nicht Steine erhalten.
Abg. Schrödrr-Kasiel ' nf) wünscht Errichtung von Lehrstühlen für soziale Medizin.
Abg. Münstrrberg (fv. Vgg.) wünscht eine Vermehrung der ordentlichen Professuren, da die Zahl der Studierenden in den letzten Jahren er- heblich mehr gestiegen sei als die der Professoren.
Minister Holle tritt diesem Argument entgegen. Es sei gleichgiltig, ob ein Professor vor 100 ober 150 Hörern lese. Nach den Versuchen, die man in Berlin und Bonn mit der Einrichtung besonderer Vorlesungen für soziale Medizin gemacht habe, seien auch in Marburg, und Kiel besondere Lehrstühle für soziale Medizin geschaffen worden.
Abg. Eickhoff (fr. Vp.) tritt für eine Gleichberechtigung der Realanstalten mit den humanistischen ein.
Ein Regierungskommissar erwidert, daß eine Gleichberechtigung der verschiedenen Vollanstalten nach Möglichkeit angestrebt werde.
Danach wird um %5 Uhr die Sitzung auf M Uhr vertagt.
Abendsitzung vom 24. Februar 1908.
Abg. Rosruow (frs. Vp.) wendet sich gegen das An- und Abtestieren an den Universitäten; diese Bestimmung habe sich überlebt. Eine Wandlung müsse in dem Studium der Juristen eintreten. Die Studenten müßten das gewerbliche Leben kennen lernen.
Abg. Wagner (ff.) wünscht volle Berucksichtr- gung der sozialen Medizin.
Eine Anzahl Abgeordneter treten fürBesse- rung der Verhältnisse an der Breslauer Universität ein.
Abg. Frhr. v. Erffa (kons.) klagt darüber, daß man sowohl die Universität wie auch die landwirtschaftliche Akademie in Halle ftiefmütter- lich behandle. .
Auch bei anderen Universitäten werden Wünsche auf Verbesserungen vorgebracht.
Abg. Friedberg (nl.) kommt auf die Suspendierung der Marburger Freien Studentenschaft zu sprechen und bezeichnet die Straf« als außerordentlich hart.
Ein Negierungskommissar erklärt, daß der Vorsitzende der Freien Studentenschaft eine Beschwerde beim Kultusminister eingelegt habe, der Fall aber noch schwebe und er daher darauf nicht eingehen könne.
Dienstag: Weiterberatung.
Deutsches Reich.
* Zur Reichsfinauzrcform will das „Leipziger Tageblatt" erfahren haben, daß die Aussprache des Reichskanzlers mit den stimmführenden Mitgliedern des Bundesrats über die Reichsfinanzpläne am Donners- ta g keine positiven Resultate ergeben habe.
* Ter neue Staatssekretär des Reichs- schatzamtes, Sydow, hat gestern die Dienst- geschäste übernommen.
L Zur Enteionungsvorlage teilt Graf v o n Brünneck»Bellschwitz, der infolge Krank» heit verhindert ist, an der zweiten Lesung der Vorlage im Herrenhaus« teilzunehmen, der .Deutschen TageSztg/ mit, daß er für die Vorlage und gegen die von der Kommission des Herrenhauses beschlossenen Einschränkungen gestimmt haben würde. Für seine Entscheidung könnten nur die nationalen Gesichtspunkte be- stimmend sein. Die nationalen Rücksichten müßten über die privatrechtlichen gehen. — 3" diametralem Gegensatz zu dieser Erklärung steht eine Erklärung deS Freiherrn Thielmann- Scharfenberg in der ,®enrtama', wann dieser die Vorlage auf daS schärfste verurteilt, weil man nickt einen Staatsbürger enteignen dürfe wegen seiner politischen Gesinnung. ”uf- fallenderweise hat die .Deutsche Tageszeitung' bte Ausnahme dieser Zuschrift verweigert, obwohl Frhr. v. Thielmann Mitglied des Bundes der Landwirte ist.
v. Der Zentrumsabgeordnete Pingen sollte nach -einer Blättermeldung sein Mandat nieder, gelegt haben. Diese Nachricht ist unzutreffend. Herr Pingen nimmt gegenwärtig an den Der. Handlungen des Abgeordnetenhauses regen Anteil. Die Nachricht dürste dadurch entstanden fein, daß Herr Pingen seinem Wahlkomitee erklär, hat, daß er nach Ablauf der jetzigen Sesiion kein Mandat mehr annehmen werde.
* Die sozialdemokratische Parteileitung er' klärt, daß sie es ablehne, mit bürgerlichen Parteien gemeinsam gegen das preußische Dreiklassen- wahlrecht in Versammlungen zu protestieren.
Ein weißer Rabe. Die letzte Ausgabe deS Militär-Wockenblattes' meldet u. a. die Beförderung des Fähnrichs Earp vom zweiten Garde-Dragonerregiment Kaiserin Alexandra von Rußland, zum Leutnant. Der neuernannte Leut- nant Carp ist der erste Offizier ohne Adels- prädikat, den die Gardekavallerie seit Jahren wieder erhält. Dabei ist allerdings zu berück- sichtigen, daß er ein Ausländer, ein Rumäne, ein Sohn eines bekannten Staatsmannes Petrache Earp ist. Einen deutschen Bürgerlichen hat man seit Jahr und Tag nicht in der Kavallerie des Gardekorps gefunden; wohl aber flehen dort 20 Fürsten, 56 Grafen, 40 Barone und 111 einfache „von".
♦ Stuttgart, 24. Febr. 1908. König Wilhelm lf. (geboren 25. Februar 1848) feiert am Dienstag seinen 60. Geburtstag.
* Stuttgart 24. Febr. 1908. General von Fallois, kommandierender General des 13. Armee- KorpS, ist, rote bereits angekündigt war, unter Verleihung des Großkreuzes des FriedrichsordenS vom König von Württemberg seiner Stellung enthoben. — v. Fallois wurde bei Königgrätz an der Schulter verwundet. Die Kngel konnte damals nicht entfernt werden, bat sich allmählich gesenkt und in letzter Zeit namentlich beim Reiten empfindliche Schmerzen verursacht. Ein Urlaub, der General v. Fallois bewilligt wurde, brachte ihm keine Besserung, so daß er sich jetzt entschließen mußte, um feine Pensionierung einzukommen.
* München, 24. Febr. 1908. Heute wurde die neue Gehaltsordnung der bayerischen Staatsbeamten ausgegeben. Bisher waren die untern Beamten Bayerns im allgemeinen bester besoldet als die in den übrigen Bundesstaaten, während die Besoldungen der mittler» und höheren Beamten geringer waren als namentlich in Preußen und Sachsen. Trotzdem erachtete die
Regierung es für angezeigt, daß auch di« untern Beamten eine weitere Verbesserung erfuhren. Als unerläßlich fei es erschienen, die mittler« und höher» Beamten annähernd ihren Kollegen in den andern Bundesstaaten gleichzustellen.
♦ Schwerin in Mecklenburg. 24. Febr. 1908. Der Großherzog von Mecklenburg ist nach überstandener Influenza an den Masern erkrankt; daS Befinden ist jedoch nach dem Befunde deS nach Schwerin berufenen Rostocker Profeffors Marlius nicht gefährlich.
NMmirWM» m» ZiMle».
• Hagen, 23. Febr. 1908. Die Stadt will jetzt die Verabfolgung von Milch an Volksschulen zu einer ständigen Einrichtung machen. Im Etat sind für diesen Zweck 6000 Mark ern- gesetzt, womit 50 Prozent der Kosten gedeckt werden fallen, den Rest bringen die von den Kindern zu zahlenden Beträge. Die Milch ww» zur Hälfte deS sonst üblichen Preise- an dre Kinder, an bedürftige umsonst abgegeben. Geliefert werden 60 000 Liter.
• Greiz, 24. Febr. 1908. In mehrere« mechanischen Webereien erfolgten wegen schle chten Geschäftsganges Arbeiterentlaffungen. Weitere Kündigungen stehen bevor.
Ausland.
DaS Urteil im Nasi-Prozesse wurde gestern gesprochen. ES lautet auf 11 Morr a U und 20 Tage Gefängnis und Unsährgkeit der Bekleidung öffentlicher Armier für die Dauer von 4 Jahren. Lombardo wurde aus Mangel an Beweifen freigesprochen. — Rom blieb ruhig; nur eine 400 Mann starke Schar Süd- Italiener zog vor Nasis Hau-, um ihm zu ama- mieten. Da die Untersuchungshaft vom 15. Jun zählt, wird Nasi nur auf 4 Monate in« Gefängnis gehen müssen, falls e- fein Gesundheitszustand erlaubt. Bis jetzt ist er noch tn fernem Hause. Mit Spannung werden die Nachrichten aus Sizilien erwartet, da das Gerücht geht, daß in Palermo eine große Aufregung herrsche.
* Interpellation über Marokko. In der französischen Kammer interpelliert« gestern JaureS über das Abdul AsiS gewährte Darlehen und fragst«, aus welchen Mitteln dasselbe gewährt würde, wie die Verwendung des Geldes kontrolliert werden würde, und welches die von Mulay Hafid dem diplomatischen Korps in Tanger gemachte Mitteilung sei. Der Minister des Aeu« ßern Pichon: Ich kenne sie nicht, ich habe nur das unferm Gesandten zugestellte Schreiben Mu* lai Hafids erhalten. I au res: Wie? Mulai Hafid hat dem diplomatifchen Korps in Tanger ein Schreiben gesandt; Frankreich ist uv diesem Korps vertreten, ein großes Blatt des Auslandes, die „Köln. Zeitung", hat dies Schreiben veröffentlicht; die französische Presse hat.es nachgedruckt, und Sie antworten mir jetzt im Namen Frankreichs, daß sie es noch nicht kennen? Seit acht Tagen weih die Regierung, daß eine Mit- teilung Matlai Hafids an sie unterwegs ist, um die Feindseligkeiten beizulegen. Weshalb hat dit Regierung den General d'Amade nicht angewiesen, feine letzte abenteuerliche Operation bis zur Kenntnisnahme dieser Mitteilung zu vertagen? Clemenceau verlangt von der Kammer, sie solle sagen, was sie für eine Politik wolle, wenn sie nnt der bisherigen nicht einverstanden sei. Pichon betonte, General d'AmalX
Im Dunkeln.
Roman von Ernesto Selva.
Nach einer wahren Begebenheit «zählt.
6] (Nachdruck verboten.)
„Du Narr! Liegt eS nicht im Bereis ber Möglichkeit, daß die Marchese erwacht? die- fern Falle aber würde sie mich doch sofort «rken- ,nen und alles wäre verraten."
In dumpfem Tone erwiderte der Bucklige:
„Dies zu verhindern gibt es wohl ein Mtt- *iel, das ich freilich nur im höchsten Notfall« an- .wenden möchte —"
Er vollendete nicht, trotzdem hatte Basileo ihn verstanden, denn feine Augen sprühten Blitze, sein Herz klopfte zum Zerspringen, doch beherrschte er diese Erregung sofort und versetzte ernsten Tones:
„Daran tätest Du ganz recht. Hüte Dich vor Gewaltmahregeln; einer so hübschen Frau wie der Marchesa Albina gegenüber wird ein Kavalier — und der wolltest Du ja immer sein — alle gebotene Rücksicht walten lassen, selbst wenn er sich erlaubt, eine kleine Anleihe bei ihr zu machen. Sollte Madonna Albina übrigens vernünftigen Gründen unzugänglich sein und nach Weiberart ein Zetergeschrei erheben, was die Gärtnersleute aufwecken und Dir auf den Hals hetzen könnte — nun, so genügt ja eine ernste Drohung, um sie zum Schweigen zu bringen."
„Das denke ich auch", meinte beruhigt der Bandit.
Der Notar warf einen musternden Blick auf Lie Gestalt seines Begleiters und fuhr dann schadenfroh fort:
Solche vornehm« Damen haben zarte Nerven und ich möchte meinen Kopf verwetten, daß die Marchefa, wenn si« Dich, mein guter Antonio, 4» plötzlich zur Nachtzeit vor sich stehen siebt, an
«ine Heimsuchung dec Hölle glaubt und sofort in Ohnmacht fällt." ....
„Sehr schmeichelhaft, Tommaso; ich danke Dir für das Kompliment." .
„Du zürnst mir doch nicht?"
Mürrisch erwiderte Antonio:
„Ich meine, wir hätten ernsteres zu verhandeln, als fchleckte Scherze zu machen. Im übrigen kann ich Dir zuschwören, daß es mir sehr einerlei ist, welchen Eindruck meine Person auf die Marchefa macht; über derlei Torheiten bin ich erhaben, während Du mir sehr unter ihrem Banne zu stehen scheinstl"
Wär« die Nacht nicht so dunkel und das Antlitz Basileos durch die herabgezogene Krämpe des weiten Filzhutes nicht halb verdeckt gewesen, dann hätte der Bucklige die Genugtuung gehabt, zu sehen, daß seine versteckte Anspielung verstau- den worden sei, denn die Wangen des Notars bedeckte ein verräterisches Rot. Das Thema des Gesprächs wechselnd, fragte er fast teilnehmend:
„Du scheinst ermüdet, und doch haben wir noch ein gut Stück Weges zu machen."
„Ermüdet nicht, aber steif gefroren, gleich einem Sorbetto."
„Eine Kanne des feurigen Marsala, den Du so liebst, wird Dich schon ttxrrm machen; dazu die große Hoffnung, aus Deiner elenden Lage Dich mit einer kühnen Tat zu befreien--"
„Das ist wahr. Wir teilen den Raub und mit der Hälft« der Schmucksachen begebe ich mich stracks in die neue Welt — ein wenig Reisegeld für mich dürste sich in dem Schatzkästlein wohl auch noch finden. Die Meinen lasse ich dann später nachkommen, wenn ich dort di« Pretiosen verwertet und mir dafür Landbesitz erworben habe."
Tommaso Basileo hörte augenscheinlich mit geringem Interesse der Auseinandersetzung fei- nes Genossen zu, denn er war durch das „Geschäft", welches beide vorhatten, viel zu sehr in Anspruch genommen. Doch als Antonio jetzt
schwieg, nahm er das Wort und sagte, sich den Schnee aus den Falten seines Mantels schüttelnd:
„Tiefe nächtliche Wanderung ist wahrlich kein Vergnügen, aber sie mußte unternommen werden, weil es notwendig ist, daß Du die Lage der Villa genau kennst. Ich könnt« ja durch irgend einen unberechenbaren Zufall daran verhindert werden, Dich zu begleiten, und da uns nur der morgige Tag gehört, müßte dieses einträgliche Geschäft, wenn nicht ganz aufgegeben, so doch für lange aufgeschoben werden."
„Du wirst mich doch nicht im Stiche lassen?" fragte der Bucklig« besorgt.
„Nicht doch, aber ein kluger Rechner zieht alles in Betracht, um feinen Fehler zu machen. Du sollst Dir die Lage der Villa so einprägen, daß Du sie mit verbundenen Augen finden könntest. Di« klein« Gartenpforte wird Giovanna offen lassen, und von einer der schlanken Pinien, welche dicht am Hause stehen und die Du mit leichter Mühe erklettern kannst, erreichst Du mit einem Satze die Terrasse, welche die Rückseite der Pallazina ziert und auf die fast all« Fenster der nach dem Garten zu gelegenen Gemächer münden."
„Wenn es Wetter nichts ist!" meinte Antonio in prahlerischem Tone. „Das ist mir nur ein Kinderspiel, denn ich bin ein guter Kletterer und der geschickteste Springer, den es geben mag."
„Das wird sich morgen zeigen", schnitt der Notar di« Lobrede seines Gefährten auf die eigene Geschicklichkeit ab und Pisanis Arm be- rührend und ihn auf den Lichfichein aufmerksam machend, welcher aus den Fenstern eines nah« an der Straße gelegenen Hauses fiel, flüsterte er:
„Halte Dich dicht zu mir und senke den Kopf, so daß man Deine Gesichtszüge nicht erkennen kann, selbst wenn eine Begegnung statthätte! Jetzt gilt es vorsichtig zu sein und schnell weiter zu kommen, ohne ein Wort zu sprechen l*
Der Befehl Basileos wurde von dessen Genossen schweigend ausgeführt, und bald hatten die beiden Wanderer die matt erteilte Wegstrecke
hinter sich gebracht und verschwanden im Dunkef der Nacht.
3.
Der Einbruch.
Albina Rionero, eine zartgebauie, noch recht junge Frau von hoher Schönheit, war für tal Kloster bestimmt gewesen und es schien sogar, daß dieser Beruf ihren Neigungen zusage, da si« schon als Kind ein ernstes beschauliches Wese» zeigte und wellliche Freuden und Genüsse, Lustbarkeiten und Gesellschaften nichts Anziehendes für sie geteibt hatten.
Doch noch ehe das junge Mädchen daS Noviziat angetreten, starb ihre Mutter und in demselben Jahre erlag eine ältere, bereits verheiratet« Schwester, Gräfin Pia Tiepolo, einem m ter Gegend herrschenden typhösen Sieter.
Der Vater Albinas, schmerzgebeugt, und alleinstehend, weigerte sich nun, den letzten Trost von sich zu geben und wollte die Tochter nicht ziehen lassen.
Ob es Albina ein Opfer gekostet, das" väterliche Gebot zu erfüllen, der ersehnten klösterlichen Stille zu entsagen und später auf des kranken Vaters Wunsch den Marchese Rionera zu ehelichen, fft nicht recht bekannt geworden. Ihre Ehe war eine glückliche und sie schien es nicht zu bereuen, ihrem Berufe entsagt zu baten, besonders al« si« einer Tochter das Leben gegeben, an der sie mit abgöttischer Zärtlichkeit hing.
Albinas Vater hatte die letzten Jahre sich noch an dem Glücke fein« Kinder erfreut und entschlummerte sanft, von allen tief betrauert.
Der Marchese Rionera, im Basitz« großer Reichtümer und einem der ältesten Adelsgeschlechter deS Landes entsprossen, war ein schöner und geistig hochbegabter Mann, dem eine glänzende Zukunft zu lächeln schien, denn schon hatte er tu ter diplomatischen Laufbahn, für bte er sich entschieden, bemerkenswerte Erfolge aufzuwetsen.
(Fortsetzung folgt.)