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Carl Schütter

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M 45.

Fulda, Montag den 24. Februar 1908.

35. Jahrgang.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 22. Februar 1908.

Der Gesetzentwurf betreffend die Dampf- fährenverbindung zwischen Saßnitz und Trelle- borg wird in dritter Lesung angenommen.

AIZdann wird die Beratung des Kultus­etats fortgesetzt. Es kamen wieder eine ganze Anzahl Einzelwünsche vor, wobei es sich zunächst um die Museen und die HochschuIe n han­delte. Zum Kapitel „Medizinalwesen" brachte Abg. Nugrnbrrg (Ztr.) die Wünsche der Kreis­arzt e vor. Die Umwandelung der nicht voll besoldeten Stellen in voll besoldete müsse in en­ergischerem Tempo stattfinden. Die Pauschalie­rung der Reisegelder sei erfolgt, ehe man den Umfang der Dienstreisen habe übersehen können. Die Pension sei unzureichend.

Minister Holle betont, daß daS Wohlergehm ter Kreisärzte ihm sehr am Herzen liege. Die Zahl der vollbesoldeten Kreisarztstellen, wachse beständig. Im Falle von Epidemien bei beson­derer Anspruchn<chme des einzelnen Arztes wür­den besondere Entschädigungen gewährt. Bezüg» lich der Pensionierung werd« in Zukunft für alle nicht voll besoldeten Kreisärzte die Summe von2250 zugrunde gelegt. Das sei eine er­hebliche Besserung.

Abg. Dr. Heisig (Ztr.) weist darauf hin, daß die Sachsengängerei noch mehr der Ab- und Zu­gang der Arbeiter viel zur Übertragung der ansteckenden Krankheiten beitrage. Die obliga­torische Leichenschau durch Aerzte könne gerade da, wo sie am nötigsten wäre, auf dem Lande, der hohen Kosten wegen nicht eingeführt werden.

Ein Regierungsvertreter antwortet, daß eine weitere Ausdehnung der Leichenschau wünschms» wert sei.

Abg. Lüdicke (fk.) betont die Notwendigkeit der Fürsorge für die Krüppel.

Abg. Marx (Ztr.) geht ausführlich auf die Nahrungsmittelkontrolle ein. Er meinte, daß eine Weinkontrolle in den Weingegenden nicht das sei, was man erstrebt habe, vor allen Dingen müsse eine Kellerkontrolle auch eingeführt wer­den in allen Orten, wo Wein konsumiert und fabriziert werde. Die Nahrungsmittelkontrolle müsse ausgeiibt werden auf Kosten des Staates durch staatliche Beamte nach einheitlichen Grund­sätzen. Auch die ländliche Bevölkerung habe An­spruch darauf, daß ihre Gesundheit ebenso ge­schützt werde, wie der Bewohner der Städte.

Ein Regierungsvertreter erwidert, daß die Nahrungsmittelkontrolle nicht so einfach sei, die Fälschungen seien vielfach schwer! nachweisbar^ Er ersucht das Haus, die staatliche Untersuchungs­anstalt beim Berliner Polizeipräsidium in Augen­schein zu nehmen. Eine rein staatliche Kontrolle laufe den Grundsätzen des preußischen Staates zuwider; die Regierung sei bemüht, eine genü­gende Anzahl von Untersuchungsanstalten zu be­kommen und genügende Untersuchungen vor­nehmen zu lassen.

Montag: Weiterberatung.

+ Ans ZeiMumzpsaden.

In der Politik muß man Geduld haben. ES kommen von Zeit zu Zeit Tage, wo die ruhige Ueberlegung ausgefchaltet zu sein scheint, wo die Phrase herrscht und der Irrtum über die Wahrheit triumphiert. Aber schließlich kommt doch wieder die Zeit, wo die Einsicht zurückkehrt und vom Irrtum die Brücke zur Wahrheit ge­schlagen wird. Das hat man im Kulturkampf gesehen und das sieht man jetzt wieder in der Kolonialpolitik.

In der Kolonialpolitik ist jetzt das Zentrum Trumpf, ausgerechnet jetzt, wo es „ausgeschaltet" ist. Nie hat sich die Kolonial­politik enger an die Zentrumsforderungen ange­lernt als heute. Was in den letzten Jahren das Zentrum an Kritik geübt hat, was es als positive Forderungen aufstellte, das ist heute offi­zielle Kolonialpolitik, und es ist nicht der ge- vingste Ruhm des Zentrums, daß es gerade Dernburg, der einstige Zentrumstöter ist, der jetzt mit aller Macht am Zentrumswagen zieht, der jene Programmsätze durchbringen will, für die das Zentrum bisher stets eintrat. An greif­baren Erfolgen nennen wir nur die präzisere Fassung der Reservefonds in den Kolonialetats, die klare« Bernechnung der Ueberschüss^ daS Aufgaben der Errichtung der Schutztruppe in Togo, die scharfen Maßnahmen gegen den Alko­hol, die Ersparnisse in Samoa, die Auflösung des Kolonialrates und endlich die völlige Einschwen­kung der Regierung in die Zentrumsbahnen in Sachen der Eingeborenenbehandlung.

Unsere Leser werden sich noch erinnern, in welcher aufgeregten und absprechenden Weise Maatssekretär Dernburg vor einem Jahre in den kolonialpolitischen Debatten des Reichstages den Zentrumsabgeordneten Roeren und Erzber­ger gegenübertrat, als letztere es sich Herausnah­men, unser damaliges Kolonialsystem einer schar» fen Kritik zu unterziehen. Damals, als Herr Dernburg in seinem Amte noch ein völliger Neu- Itng war, nahm er die kritisierten Kolonialgrößen h la Geo Schmidt warm in Schutz und ereiferte sich arg über die bösen Zentrumsleute, die sich von Missionaren allerlei öden Küstenklatsch hätten zutragen lassen. Heute, nachdem Herr Dernburg sich in sein Fach eingearbeitet und durch seine Afrikareise Land und Leute persönlich kennen gelernt hat, spricht er aus einer ganz anderen Tonart, und seine Anschauungen über die Be­handlung der Schwarzen, wie sie gewesen ist und tote sie Zukunft fein soll, nähern sich auffallend bem, was jene Zentrumsabgeordneten ausgeführt haben.

Die wichtigsten Darlegungeir des Staatssekre­tärs Dernburg in der Sitzung der Budgetkom­mission vom 18. Februar, wo er eine Art Ko­lonialprogramm entwickelte, sind unfern Lesern bekannt. Sie bedeuten eine vollständige Ilm- krempelung unserer Kolonial poli- t i k. Die Rede ist inzwischen als Drucksache des Reichstages weiteren Kreisen zur Kenntnisnahme unterbreitet worden und dürfte wohl noch Anlaß zu weiteren Erörterungen Lildett. Den Haupt- grundsatz seiner Politik für die Kolonien: „Selbsterhaltung und Selbswerwaltung" hat Dernburg beibehalten. Aber von dem Gruitd- satze ausgehend, daß „das wichtigste in Afrika der Eingeborene ist", verlangt er, daß dort „eate kräftige, gerechte, vertrauenswerte Verwaltung" eingeführt wird in der Überzeugung, „daß die Regierung iturl voran kommen fann, wenn sie eine vorsichtige, langsame, wie manche sagen „negerfreundliche", oder wie ich sage, ne­gererhaltende Politik einschlägt, und daß sie sich von dem Wege durch irgendwelche Interessen oder Ansichten nach keiner Richtung abdrängen lassen darf." „Die Hauptforderung, die im In­teresse des deutschen Ansehens und der Ruhe und Sicherheit des Schutzgebietes liegt, ist die, daß das V e r t r a u en der schwarzen Bevölkerung zur Regierung gestärkt wird. Deswegen habe ich", sagt er, „mich grundsätzlich um die Rechts­pflege im Schutzgebiet gekümmert." Jetzt sei dem Schwarzen die Verfolgung seiner Rechtsansprüche faktisch unmöglich gemacht. Es gebe in ganz Ostafrika nur drer Gerichte, an denen Deutsche verklagt werden könnten. Dernburg kam dann auf die Prü­ge l st r a f e zu sprechen:

„An der Küste macht eS einen unangenehmen Ein­druck daß so viele Weiße mit der peitsche spazieren gehen. Auf dem Tische der Hanptkass- in Dar-es-Salam habe ich eine vorgefunden. Es ist heute noch stark üblich, und die Herren, die dort ge­wesen find, werden e8 mir bestätigen. Jeder Weiße hat ein gewisses Züchtigungsrecht gegmüber feinen Dienstboten, Arbeitern ufw. . . .. Die Ueber­griffe haben vielfach darin ihre Ursache, baß der Weiße, der hinauskommt, sich nicht die Mühe gibt, hie Landes­sprache zu erlernen, und dann mancherlei für BoS- artigkeit oder Schlechtigkeit ansteht, was es tatsächlich nicht ist. Da kommt eS zu Züchtigungen, die nicht verdient find. Daneben besteht noch weiter ein Züchtigungsrecht auf gründ von Verordnungen, die es den Plantagenleitern und den Karawmren- sührern ermöglichen, zu züchtigen. ES ist begreiflich, daß die Schwarzen, die im Innern al» freie Bauern ein Leben nach ihrem Geschmack führen, schwer in die Plantagen zu bringen find."

Daraus entsteht der so viel genannte A rbe i- termangel, der nach Dernburg zuruckzu- führen ist auf eine

„Rette von falschen und unbedachten Maßnahmen der Pflanzer und einer Neigung ,« einer sehr heftigen Behandlungsart. Der Pflanzer hat die materielle Macht des Besitzes, er beherrscht die Oeffent- lichleit, soweit dort davon die Rede fern tarnt, er zwingt sogar die Bezirksamtleute ihm zu willen zu setn, tm Weigerungsfälle werden diese Beamten boykottiert. Der Schwarze ist dagegen ganz rechtlos, er hat teine Möglichkeit seine Beschwerden anzubring en, seine Sache bleibt ungehört, er kann nicht schreiben, kann nicht lesen. Er hat lewe Presse, keine Abgeordneten, keine Beamten zu seiner Verfügung, feine einzige Vertretung ist das Gouvernement und das Bezirksamt. Wenn der Gouverneur Rückgrat ge­nug hat, ist sür ihn die Sache leichter."

Die Arbeilisbedingungen der Schwarzen in den Plantagen seien „höchst ungünstig"; der Lohn habe sich seit 10 Jahren kaum verändert und gehe bis zum Höchstbettage von 60 pro Tag. Häufig bekomme er erst 2 Stunden nach beendeter Arbeit etwas zu essen. Der Kontrakt sei der reine Sklavenvertrag. Nach 30 Ar­beitstagen erhalte der Schwarze eine Monats- marke und nach 6 Monatsmarken seinen Lohn", d. i. nach 9 Monaten, einem Jahr oder nach mehreren Jahren! Gehe er aber früher weg, so sei sein ganzer Lohn verfallen und er erhalte keinen Pfennig!

Das alles sind Klagen, Beschwerden und Wünsche, di« der Staatssekretär des Reichs­kolonialamts, Dernburg, selbst vorgetragen hat. Man weiß, wie schroff der Abg. Roeren vor Jahresfrist zurückgewiesen wurde, als er das- selbe vorbrachte und wie damals Dernburg den Standpunkt vertrat, daß zu besonderen Refor­men kein Anlaß vorliege. Allein man kann vergessen, was vergangen ist und sich darüber freuen, daß bessere Einsicht Platz gegriffen hat.

Dernburg denkt sein Ziel zu erreichen, indem er lveihe Eingeborenenkommissare mit schieds- richterlicher oder richterlicher Befugnis einsetzt. Ferner beabsichtigt er die Einschränkung des Ziichtigimgsrechts. „

„Vor allem, sagt er, wird es notwendig sein, daß die weißen Gerichte in ihrer rechtlichen Sphäre hegen Weiße ebenso unnachsichtig vorgehen, die sich Grau» samkeüeu haben zuschulden kommen lasse», wie eS gerechisertigi ist, daß gegen Schwarze darin vorge- gaugen wird. Was recht und was ungerecht ist, ist bei den Schwarzen vielleicht die einzig ausgebildete moralische Empfindung."

Die Grundsätze des Staatssekretärs werden von allen ernsten Kolonialfreunden freudigst be­grüßt werden, und in der Durchführung dieser Grundsätze wird «s auch an der tatkräftigen Unterstützung aller derjenigen, denen eine ge­sunde Entwickelung unserer Kolonien am Herzen liegt, nicht fehlen.

Im Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

5] (Nachdruck verboten.)

So war es ihm endlich gelungen, ein kleines Vermögen zu erwerben, und er verließ Neapel pnd den Kreis seiner Freunde, wozu er wahr­scheinlich seine guten Gründe hatte, um sich nach Kalabrin zu begeben, woselbst er, im reiferen Mannesalter — er zählte sechsunddreißig Jahre — sich mit einem hübschen, aber armen Mädchen ersten Jahre dieser Liebesehe schien

eS fast, als wolle Antonio Pisani ein anderer, ein besserer Mensch werden, aber die schlimmen Gewohnheiten gewannen nur zu bald wieder die Oberhand, und als ihm ein Sohn und später '■ine Tochter geboren ward, die Ausgaben sich vermehrten, und Krankheiten sowie auch häns- Me Sorgen eintraten, da erschien Antonio seine Heirat in einem ganz anderen Lichte und er schalt sich einen Toren, daß er sich in das Ehejoch gespannt.

Um den Vorwürfen von Frau und Mutter tu entfliehen, blieb er dem Hause so viel als Möglich fern und suchte in lustiger Gesellschaft jei heiteren Gelagen den Kummer zu verscheu­chen, welchen ihm die immer bedrängter werdende tage seiner Familie verursachte, denn noch war Jein Gemüt nicht völlig verhärtet und er hing mit einer gewissen Zärtlichkeit an Weib und hindern.

Vielleicht hätte Antonio noch gerettet werden Innen, wenn der Dämon des Spiels sich feiner sicht bemächtigt hätte — so aber sank er von Stufe zu Stufe und riß die ©einigen mit hinab A das felbstverschildete Elend.

Noch einmal suchte er sich mit der früheren Energie daraus zu befreien, und da der letzte Marpfennig aufg^ahrt war und der Hunger

berbetratete. In dem

an die Tür des bescheidenen Häuschens klopfte, wo die Familie Pisani Unterkunft gefunden, be­gann Antonio nach einer Beschäftigung sich um­zusehen, ja endlich mit fieberhafter Hast nach Ar­beit zu suchen.

Doch wie vorauszusehen gemeßen, sand er überall verschlossene Türen. Er stand in dem Rufe eines leichtsinnigen Verschwenders, eines Spieler» und gewissenlosen Menschen, und wer hätte einen solchen in fein Geschäft nehmen oder ihm ein Amt anvertrauen wollen, wem; er dafür auch die Befähigung besessen haben würde.

Die bitterste Enttäuschungen und Demüti­gungen wurden nun dein Reumütigen zuteil, der sich die Umkehr zum Bessern viel zu leicht gedacht hatte.

Lange währte es denn auch nicht, so gab An­tonio, aufs tiefste verbittert, seine vergeblichen Bemühungen wieder auf und die Verzweiflung bemächtigte sich seiner Seele völlig.

Um den Seinen Brot zu schaffen, ward er zum Betrüger, zum Diebe, und wenn e8_ dem Gericht auch nicht gelungen war, ihm seine Schuld zu beweisen, so ward sein Ruf doch immer schlech­ter und er galt als ein Verworfener, von dem sich rechtlich denkende Menschen mit Verachtung abtoandten.

„Ein entehrter Name ist das einzige Erbe, welches Du Deinen Kindern hinterläßt!" so hatte ihm einst sein Weib, welches er elend gemacht, in bitterem Jammer vorgeworfen und diese Worte klangen ihm stets in den Ohren, sie trie­ben ihn endlich fort vom häuslichen Herde, dessen heilige Glut erloschen war durch seine Schuld.

So kehrte Pisani nach jahrelanger Abwesen­heit allein nach Neapel zurück, zu Fuß wandernd, bettelnd, hungernd, sich und sein Geschick ver­fluchend. In einsamen Stunden sehnte er sich wohl heim in die ärmliche Hütte, wo er wußte, daß Not und Entbehrungen aller Art eingekehrt seien, aber er konnte ja auch nicht helfen.

Den Sohn, der Gm leider körperlich auf ein Haar glich, hatte er nie lßidssn mögen, doch an

der lieblichen Tochter Earlotta, einem Engel an Sanftmut und Gifte, die für den Vater stets nur Worte der Zärtlichkeit gehabt, hing sein Herz. Auch die alte Mutter — so fdjtoot er sich zu, sollte im Greisencltter nicht mehr darben, und wenn er der Gesellschaft den Krieg erklären und mit List und Gewall sein Teil Glückseligkeit sich er­beuten sollte. Verwegene Pläne kreuzten sich in dem krankhaft erregten Hirn des Mannes, der enttchlossen war, die Derbrecherlausbahn zu be­treten.

Das Verhängnis führte ihn bald nach feiner Ankunft in Neapel mit Basileo zusammen.

Die Jugendfreunde trafen sich in einer Kneipe und die Bekanntschaft wurde erneuert, ob­gleich der Notar sich anfänglich sehr kühl gegen den Verkommenen verhielt, dessen Klagen er ach- stlzuckend anhörte.

Später ließ er sich doch herbei, ihm ein wenig Arbeit zu verschaffen durch Kopieren von Akten, obwohl er sehr gut wußte, daß Antonio sich auf verbrecherische Weise in den Besitz von Waren zu setzen gewußt hatte, die er zu Schleu­derpreisen verkaufte. Aber es lag dem Kalabre- sen — so nannte man ihn jetzt in Neapel — viel daran, ausweisen zu können, was die Mit­tel zu seiner Eristenz betraf.

Einmal hatte der Tiefgesunkene, einer besse­ren Regung folgend, eine kleine Geldsumme an die Seinen nach Kalabrien geschickt, doch hütete er sich wohl, den Armen mitzuteilen, woher dieser Besitz stamme, denn er war sicher, daß sie alsdann die Summe nicht angeriihrt haben würden. Auch gab er feinen Aufenthaltsort nicht an, im Ge­genteil, er fdjrieb, daß er sich vielleicht muh der Neuen Welt begeben werde, um das Glück zu suchen, welches ihn so hartnäckig geflohen habe.

ES ist leicht erklärlich, daß es nur geringer Ueberredungskunst bedurfte, um einen Mann wie Antonio Pisani dazu zu verleiten, auf der Bahn bei Verbrechens einen Schritt weiter zu tun. So schlau der Buckelige auch war, dem Notar Tommaso Basileo gegenüber spielte er doch nur

Deutsches Reich.

* Der Rücktritt deS Frhrn. v. Stengel wird jetzt tm Reichsanzeiger amtlich milgeteilt. Die Dienstentlassung erfolgt unter Verleihung bei Großkreuzes deS Roten Adlerorden«. Zugleich wird mitgeteilt, daß der Unterst aatS- feftetär im Reichspostamt, Wirkliche Geheime Rat Stzdow zum Staatssekretär des Reichs-

Exz-ellefizSydow

schatzamttz ernannt und mit der Stellvertretung des Reichskanzlers in den Finanzangelegenhelten des Reiches ernannt worden ist. Am Samstag war Frhr. v. Stengel im Reichskanzlerpalais. Fürst von Bülow überreichte ihm das Großkreuz des Roten Adlerordens und sprach dabei sein Bedauern au«, daß Freiherr v. Stengel den Reichsdienst verlasse; „in warmen Worten" be» tonte er weiter die hervorragenden Dienste, die von dem Ausscheidenden während der Verwaltung deS Reichsschatzamtes geleistet worden seien. — Wer ist denn aber schuld an dem „bedauerlichen" Ausscheiden deS Frhrn. v. Stengel aus dem Amte?

* Auf die bevorstehende Mittelmeerreise des Kaisers deutet eine Kieler Drahtmeldung hin, wonach das Depeschenboot „Sleipnet* von dort nach Venedig in See gegangen ist. Ferner meldet ein Telegramm der ,5kPn. Ztg/ aus Konstantinopel:

„Eine Sonderabordnuna wird Kaiser Wilhelm im Name« des SultanS auf Korfu begrüßen. Im Mdizpalast wird jetzt ernsthaft erwöge«, die Abordnung auf einem Kriegsschiff dorthin zu entsenden, und daß Marineministerium ist beauftragt worden, sofort ent­sprechende Vorschläge dem Paläste zu unterbreiten."

0 Die starke Einkommensteuererhöhung, die in Preußen durch die 127 Millionen Mark Mehrkosten verursachende BeamtengehaltSerhöhung notwendig sein wird, ist den Vertretern der Rechtsparteien int preußischen Abgeordnetenhaus« arg auf die Glieder geschlagen. In der Budget­kommission des Abgeordnetenhauses geht man mit der Finanzverwaltung mit außerordentlicher Rücksichtslosigkeit ins Zug. Man sucht eS so darzustellen, als sei der Voranschlag des Statt zu niedrig. Von verschiedenen Rednern wurde festgesteüt, daß nach den von allen Parteien ab­gegebenen Erklärungen auf eine Zustimmung zu einer dauernden Erhöhung der Ein­kommensteuer nicht zu rechnen ist, und daß selbst diejenigen, die von neuen Steuermaß-

eine ganz untergeordnete Rolle, und dieser berz- und gewissenlose Geizhals sah in seinem Jugend­genossen nichts als ein geeignetes Werkzeug, seine Rachepläne auszuführen und sich dabei tu den Besitz von giecig erbeuteten Reichtümern zu setzen. —

Wieder hatten die beiden nächtlichen Wande­rer eine Strecke schweigend zurückgelegt, als An­tonio Pisani die Frage stellte:

„Und Du bist Deiner Sache ganz sicher? Mor­gen früh tritt der Marchese seine Reise an?"

„Du kennst ja meine Spionin, von ihr haben wir keinen Verrat zu befürchten. Anderseits ist sie am besten in der Sage, über alle Vorgänge im Hause die genaueste Auskunft zu erteilen, und hätte sich etwas in dem Reiseplan des Marchese geändert, dann würde Giovanna mich sogleich da­von benachrichtigt haben."

„Aber bei diesem Höllenwetter ist es kein Vergnügen, das Haus zu verlassen, besonders toenn man einen Palast bewohnt."

„Ich habe Dir schon gesagt, daß Rionero nicht eine Lnstreise vor hat, sondern daß es sich um einen Auftrag des Königs handelt, der dem ehe­maligen Diplomaten erteilt ward, und in derlei Sachen gilt kein Zögern, das pünttliche Gehor­chen ist ganz selbstverständlich."

„Wenn er nur nicht früher zurückkehrt —* „Feigling — habe ich Dir nicht erst vor einer Stunde bewiesen, daß dies unmöglich ist!?"

„Hm — es steht meinerseits viel auf dem Spiele", versetzte Pisani gedehnt.

„Nun, auch für mich, da ich Dich begleiten werde."

,Ha, bis an die Gartenmauer: das ist kein Wagnis, während ich schon eine kostbare Zeit da­mit verliere, Giovanna kunstgerecht zu binden und zu knebeln, damit kein Verdacht auf sie falle; erst dann werde ich in dem Schmuckschranke der schönen Marchesa ein wenig aufräumen.

„Und verlangst Du vielleicht, daß uh Dir

dabei helfen soll?"

„Das wäre mir freilich lieb."

(Joris. fctatJ