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Botationsbrudunb Verlag der Fuldaer Ak» tienbruckerri in Kulba Fernsprecher Nr. 9.

M 44.

Fulda, Samstag den 22. Februar 1908.

35. Jahrgang.

törßtes 'gMatt

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 2L Februar 1908.

DoS Haus tritt in die zweite Beratung des

Süine^ eines* Kommissionsbeschlusses, der Len Sparkassen die passive Scheckfahigkert sichern wollte, gab Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg eine auf allen Seiten befriedtgende Erklärung ab, worauf das Gesetz nach unerheblicher Debatte angenommen wurde.

ES folgt die Fortsetzung der zweiten Beratung des Justizetats.

Abg. Frank (Soz.): Daß wir in Deutsch­land eine Klassenjustiz haben, hängt damit zusammen, daß unsere Justiz die Volksseele zu wenig kennt. Auch von den christlichen Ge­werkschaften wird über diese Justiz geklagt. Die­sem Uebelstande kann nur durch stärkere Heran­ziehung des Laienelemets abgeholsen werden. Redner wendet sich im weiteren dagegen, daß die Kriminalität der Jugendlichen unter dem Ein­flüsse der sozialdemokratischen Weltanschauung xugenommen habe, ferner empfiehlt er die sozial­demokratische Resolution betr. Zeugniszwang gegen Abgeordnete.

Abg. Schirmer (Ztr.): Was die Behauptung der Klassenjustiz anlangt, so möchte ich in Er­innerung bringen, daß unser verstorbener Führer Dr. Lieber früher auch von „himmelschreienden Vorkommnissen" gesprochen hat. Im Volke kann man sich des Eindruck» nicht erwehren, daß die unteren Volkskreise vor Gericht so­wohl in der Behandlung durch den Gerichtshof wie auch durch daS gerichtliche Erkenntnis manch- mal schlechter gestellt sind als die Mit- »lieder der besseren Stände; Fall Wrede! Die Ausführungen des Abg. Stadthagen betr. Klas­senjustiz waren stark übertrieben, von einer Feindseligkeit der Richter gegenüber den Arbei­tern kann nicht die Rede sein. Die ungleichmä­ßige Behandlung hängt vielmehr mit der Gesetz- flebung zusammen, die häufig eine Rechtsgleich­heit vermissen läßt: man denke an Wahlrecht, Enteignimgsvorlage, den preußischen Erlaß betr. Legitimationszwang der ländlichen Arbeiter, 6§ 153 und 153 der Gewerbeordnung. Redner legt einige Fälle dar, wo Gerichtserkenntnisse mit de» eigentlichen Koalitionsfreiheit nicht in Ein­klang standen. Nach den Ausführungen des Abg. Gröber könne an der Notwendigkeit einer gesetz­lichen Regelung der Tarifverträge nicht mehr gezweifelt werden. Redner verweist auf das Ver­leiten des sozialdemokratischen Buchdruckerver- bände» gegenüber dem Gutenbergbund. Es sei zu wünschen, da ßdie Regierung die christlich-natio­nale Arbeiterschaft nach Möglichkeit unterstütze, sie könne nicht wisien, wie sie unter Umständen einmal die organisierte Arbeiterschaft als einen Machrfaktor gegenüber der Geldmacht sich zu Nutzen machen könne. Ten Forderungen deS Abg. Basiermanu betr. den Strafvollzug schließe eine Partei sich voll und ganz an.

Abg. MüLer-Meiningen (fr. Bp.) hält eine Schematisierung der Tarifverträge zur Zeit noch nicht möglich. Die Beseitigung des Zeugnis- rwang» für die Prelle sei eine alte liberale For­derung. Ebenso müsie den Abgeordneten das Recht der Zeugnisverweigerung garantiert »Der­ben. Der Forderung des Zentrums betr. Selbst­beköstigung und angemessene Beschäftigung für Untersuchungsgefangene usw. stimme er zu. Was die Jugendfürsorge angebe, so gebe er der Reso­lution Kirsch den Vorzug. DaS Vorstrafenregi­ster solle vor Gericht nicht mehr verlesen und nach

bestimmten Zeiten gelöscht werden. In länge­ren Darlegungen wettert Redner gegen die lex Heinze und greift dann das preußische Kultus­ministerium an.

Staatssekretär Dr. Rieberding: Das letzte Thema hat für das Reichsjustizamt keine aktuelle BÄeutung. Ich erkenne an, daß der Strafvoll­zug einheitlich gesetzlich geregelt werden muß. Solang« aber die Neuregelung des Strafrechts noch nicht vollendet ist, können wir die Regelung dieser Materie nicht in Angriff nehmen. Was die Verlefung der Strafregister anlangt, so sind Verhandlungen im Gange, welche eine vorläufige Besserung bringen sollen. Für die Zukunft soll die Strafprozessordnung Wandel schaffen.

Abg. Prinz Schönaich-Carolath (ntl.) will die Gesellschaft für Volksbildung verteidigen. Es entspinnt sich eine kleine Geschäftsordnungsde- bafcte, ob die Ausführungen jetzt zulässig seien. Vizepräsident Kämpf bejaht diese Frage.

Abg. v. Moltzahn (k.) stellt fest, daß der Abg. Stadthagen „wegen der Verschleierung eines Rechtfalles, wegen Benachteiligung von Gläu­bigern unb wegen Gebührenüberhebung" aus dem Anwaltsstande ausgeschlossen worden sei. Ein solcher Mann sei nicht berufen, dem deut­schen Richterstande Moral zu predigen. (Lebh. Beifall rechts, Unruhe bei den Sozialdemokr.)

Abg. Wrrner (D. Ref.-P.) wünscht Reform der Bestimmungen über die Unterbringung von Angeklagten in Irrenanstalten.

Abg. Göring (Ztr.) bittet als Angehöriger deS Handwerkerstandes, daß den Wünschen auf Einschränkung der Gefängnisar- beit Rechung getragen tverbe. Die Grunbsätze der auf Veranlassung bes Zentrums vorgelegten Denkschrift über die Gefangenenbeschäftigung könne man im großen und ganzen billigen, nur könne man dem fiskalischen Gesichtspunkt nicht zustimmen, daß diese Beschäftigung eine nutzbrin­gende sein soll. Jir vielen Fällen toerbe der Nutzen durch die Anschaffungen, welche die Ge­fängnisse machen müssen, illusorisch gemacht. Nur handwerksmäßig ausgebildete Gefangene sollten mit Handwerksarbeit bvschöftigt werden, man möge nicht die Strafanstalten in Fabrikbetriebe ohne Risiko für die Uebernehmer verwandeln. Es dürften namentlich keine Aufträge von Pri­vaten angenommen werden. Es euwfehle sich, in der Hauptsache solche Artikel herzustelleu, welche ans dem Ausland bezogen würden, oder solche, welche die kleinen Handwerker nicht liefern können.

Staatssekretär Dr. Nirbrrding erwidert, baß die Regierung berechtigten Wünschen wohlwollend gegenüberstehe.

In einer Polemik mit dem Abg. v. Malt- zahn (k.) führt

Abg. Stadthagen aus, daß die Begründung des ehrengerichtlichen Erkenntnisses gegen ihn sich auf Dinge stütze, die nicht bewiesen feien; dazu gehöre auch derVorwurf der Gebührenüber­hebung. Der Redner wird zur Ordnung gerufen, da er mit Bezug auf den Abg. v. Maltzahn ge­sagt hatte, wer trotz der Veröffentlichungen, die er, Stadthagen, in her Presse habe erfolgen las­sen, die andere Auffassung vertrete, fei ein ganz gemeiner Verleumder.

Dienstag: Telefuukerrgesetz, Scheckgesetz, Etat.

Preußischer Karrdtag.

Abgeordnete» haus.

Sitzung vom 21. Febr. 1908.

Der Entwurf mit der Herstellung einer Dampf­fährenverbindung zwischen Saßnitz uns Trelled org wird nach kurzer Beratung in zwestcr Lesung mit großer Mehrheit angenommen.

□ Em neuer Klock im Reichstag: der KiütmkWpMock.

Im vorigen Jahre schon hat die Missions­schule in Engelport an der Mosel zu har­ten Kämpfen geführt. Die katholische Mission hat von jeher, zu einem guten Teile im Gegensaj zu den evangelischen Missionen, höchsten Wert darauf gelegt, daß die Eingeborenen nicht blol für das Christentum gewonnen, sondern auch durch Erziehung zur Arbeit und zur Kultur dauernd daran gefesselt werden. Die Erziehung der Eingeborenen zur Kultur setzt aber bei den Missionaren wie dem gesamten Ordenspersonar eine eingehende Ausbildung auf landwirtschaft­lichem Gebiete voraus, und diese Ausbildung muß auf die speziellen Verhältnisse der Kolonier zugeschnitteu sein, weil dort eine andere Agrr fultur betrieben wird und werden unlß, als be uns in Deutschland. Der Staat unterhält für seine weltlichen Interessenten die Kolonialschule in Witzen Hausen, die katholische Misssion hat, speziell um auch Weinbaufachleute in bie Kolonien schicken zu können, in Engelport an der Mosel eine derartige Schule errichtet.

Im vorigen Jahre standen 20 000 dl im Etat, von denen 10 000 dl auf die Kolonialschule in Witzerihausen und 10 000 dl auf Engelport ent­fielen. Als bie Kulturkämpfer, die nach be* neuen Reichsfagswahl in den Reichstag eingejo gen, das herausfandcn, gingen sie gleich mit gro­ßem Geschrei dagegen an, und zuletzt erklärte be- Licentiat Everling, der Häuptling des Evange­lischen Bundes, drohend, im nächsten Jahre werd- man sich des näheren darüber unterhalten.. Dies« Art Unterhaltung hat jetzt am Freitag in der Budgetkommiffion des Reichstages ihrep Anfang genommen.

Die Regierung hat inzwischen die Position anders gefaßt, sie will für jeden Schüler in Engelport 300 dl Zuschuß bewilligen, sodaß auf die 22 Schüler insgesamt 6600 dl anstatt der bis­herigen 10000 dl entfallen. Für Witzenhause» sind 22 300 dl ausgeworfen. In der Debatte lehnte Dr. Arning (ntl.) grundsätzlich ein» Unterstützung von Missionen ab. Lattmanr (wirtsch. Vgg.) würde an sich nicht gegen eim solche Unterstützung fein, wenn dabei die Parität gewahrt bleibe. Aber in Engelport würde ledig­lich eine katholische Mission unterstützt. Dr. Spahn (Ztr.) weist unter Darlegung größerer Zahlenmaterials daraufhin, daß Witzenhau fen tatsächlich eine evangelische Anstalt fei, wenn sie auch als interkonfesiionell gelte Katholische Eltern könnten ihre Söhne dorthin nicht schicken. Das bestreitet Dr. Arning (ntl.) Frhr. v. Richthofen (k.) ist für die,Bewilli- gung des Titels, weil die Unterstützung nur schon einmal gewährt wird. Handelte es sich um eine neue Einrichtung, würde auch er es ab- lehnen. Ledebonr (Soz.) ist gegen die Unter­stützung von Engelport, um Staat und Kirche in nicht noch engere Verbindung zu bringen; ei hat aber für die Tätigkeit der Missionen hohe Anerkennung; sie leisten kulturell viel mehr, all andere Faktoren in den Kolonien. Dr. D o h r n (fr. Vgg.) behauptet bann, daß eine in Windhuk begründete Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Engelport genannt, den dortigen Farmern Anlaf zu Klagen über Konkurrenz im Handel un> Grunderwerb gäbe. Dr. Spahn erläutert di» Errichtung der Gesellschaft dahin, daß, wenn die Oblaten sich in den Kolonien als Gesellschaft mit

Mmister Dr. Holle führt aus, daß die Regie rung alles tun werde, um die Körperpflege a' den Schulen zu fördern.

Weiterberatimg Samstag. Schluß 10*U Uhr.

Abendfitz ung vom 21. Februar 1908.

Die Beratung de» Kultusetats wird fort« $ Söbg. Marx (Ztr.) erklärt, daß er dem Abg. Pelta- sohn zustimme, wenn dieser fordere, daß die Be­stimmung gestrichen werde, wonach die Unterstützung bei jüdischen Gemeinde« nur an Leistungsschwache gewährt werde.

Abg. v. Savignq (Ztr.) bittet um gesetzliche Re­gelung des Tauvstimmen-Schulroefens. Heute seien etwa 4- bis 500 taubftumme Kinder jeglichen Un­terrichts bat.

Abg. ». Scheuckeudorff (natl.) begrüßt die Ein­setzung von 200,000 Mk. zur Pflege der Leibes­übungen. Vor allem mtiffe die Volksschule bei der Verteilung deS Fonds berücksichtigt werderr.

Avg. Hammer (kons.) bittet um die Einrichtung von Säbel- und Florettfechtkursen bei höheren Schulen.

ES folgt die Weiterberalung des Kultns- etats. Die Debatte drehte sich besonders um bte Altersversorgung der Lehrermnen an den Pnva^ Mädchenschulen und dre Unteritützung der schulen, für die die Abgg. Krawinkel (nl) und F^e Herr v. Wolff-Metternich (Ztr.) emtraken, wobe, der Letztere ein etwas schleumgeres Tempo bet der Au- gestaltunq der Mittelschulen forderte.

Minister Holle sagte eine Unterstützung de.

Heisig (Ztr.) forderte die Unterstützung der Mädchenmittelschulen. . •

Aba Falt in (Ztr.) wies auf die Mißstande hm, welche $ bie Verteilung der Ostmarkenzulagen an Lehrer nach politischen Grundsätzenzur hätten. Man müsse anerkennen, daß dte Lehrkäste im Osten eine große Mehrarbeit leisten müßien, man Ale in den q-mischtsprachlichen Gebieten sämtlichen Lehrerpersonen Remtmerattonen ober noch besser feste, penstonsfähtge Zulagen gewahren.

Ein Regierungsvertreter erklärte, die Verteilung der Renumeration erfolge nicht nach poetischen Grundsätzen, sondern je nach deut Maße, rote bte Lehrer bas Deutschtum ge'ördert hatten.

Aba. Roaalla v. Bieberstein (t) kündigt bte Em- btingung eines Antrages auf Ausdehnung der Ost- markenzulage auf ganz Ostpreußen an.

Abg. Metger (nl.) wünscht bte Ausdehnung der Ostmarkenzulage auf Oberschlesien und ganz Och PtC91ba Glattfelter trat für eine Fürsorge für Privatlehrer und Lehrerinnen ein.

Abg. Zieschö (Z.) weist auf bie Notlage der vor dem 1. Avril 1897 pensionierten Lehrer hin und bittet dem Pensionsgesetz rückwirkende Kraft zu geben. Sollte dies nicht möglich sein, bann solle die Re- giernng wenigstens den Unterstützungsfonds ange­messen verstärken. Redner legt weiter die Lag- der Witwen der vor Erlaß des neuen Penstonsgesetzes pensionierten Lehrer dar und fordert, daß den Witwen, wenigsten? den über 60 Jahre alten, solche Unterstützungen gewährt werden, damit sie mindestens ein Jahreseinkommen von 360 Mark Haden. Die Erhebungen über die persönlichen Verhältnisse der Hinterbliebenen sollten nicht durch Polizeiorgane, sondern durch Organe der Schulverwaltung ge- scbeben.

Kultusminister Halle erklärt, daß die Regierung getan habe, was sie bei bet Finanzlage habe tun können.

Abg. Pkliasühn (ftf. Vg.) fordert die Unterstützung aller Synagogengemeinden bei Erteilung des jüdischen Religionsunterrichts. Den Juden werde die in der SBerfaffmtg gewährleistete Gleich­berechtigung nicht allgemein zuteil.

Ministerialdirektor Schwartzkopff weist diesen Vorwurf als unberechtigt zurück.

Daraus wird die Sitzung um 4 Uhr auf lls8 Uhr vertagt.

Itn 3>un kein.

Roman von Ernesto Selvo.

Rach einer wahren Begebenheit erzählt.

«1

(Nachdruck verboten.)

Zasileo hatte sich erhoben unb schritt gesenk­ten Hauptes durch daS Gemach, bann blieb er vor dem Mädchen stehen, ergriff dessen Hand und sag e in feierlichem Tone:

.Giovanna, wir sind an einem Wendepunkt uns-reS Lebens angelangt, wo das Schicksal zu ein r Entscheidung drängt. Merke Dir wohl, toa# ich Dir jetzt sage. Unter allen Umständen mr ß ich Dich vor der beabsichtigten Reise des Mwchese noch sehen und sprechen, und zwar in immer Privatwohnung, nicht im Bureau, das ist ersten- gefährlich, da Du erkannt werden könn­test, und dann sind wir nicht ungestört. Dort will ich Dir auch meinen Freund Antonio Pisani verstellen; es ist ihm vielleicht Vorbehalten, un- si c Brautführer zu sein," fügte er mit eigentüm­licher Betonung hinzu. „Ferner muß ich noch ganz genau Tag und Stunde wissen, loann Rio- nzro die Villa Portice verläßt; kannst Du er­fuhren, wohin er sich begibt, desto besser, es liegt n.ir sehr viel daran, hörst Du? Und nun gehe, n.eine liebe Giovanna, ein längeres Fernbleiben könnte Verdacht erregen, und das muß vor allem

vermieden werden. Ueberlege genau, was ich Dir gesagt, Du bist kein Kind mehr und klug ge­nug, mich zu verstehen. Vielleicht wird noch alles gut."

„DaS wolle die Madonna geben I“ entgegnete beklommen das Mädchen, sich erhebend und in ihr Tuch hüllend.

Dann trennte sich das seltsame Brautpaar nach einer flüchtigen Umarmung und Basileo, der seine Besucherin hinabbegleitet hatte, kehrte lang­sam in das unbehagliche Wohnzimmer zurück. Sein Antlitz hatte wieder die gewohnte gelbblasse Färbung, aber die Augen funkelten in erhöhtem

Glanze und die schmalen Lippen verzogen sich zu einem triumphierenden Lächeln.

Ein nächtlicher Besuch.

Es war zu Ende Januar des Jahres 1867, als Neapel, dessen mildes Klima ganze Scharen von Wintergästen herbeiziebt, welche aus allen Windrichtungen, gleich Zugvögeln, sich dort zu- fammenfinben, einen ungewohnten, seltsamen Anblick bot.

Eine dichte, weiße Schneeschicht lag auf den Dächern der Häuser und bedeckte, gleich einem Leichentuche, die Gärten, Wiesen und Felder in der Umgegend der Stadt.

Und nicht so schnell, wie viele gemeint schmolz der Schnee, denn eine sich immer fühlbarer ma­chende Kälte zauberte mindestens für kurze Zeit den nordischen Winter in die Ovangen- und Myrtenhaine.

Wenig oder gar nicht auf solches Frostwctter vorbereitet, suchten Fremde wie Einheimische sich gegen die Unbill des Winters zu schützen, und die meisten saßen vor rauchenden Kaminen, in ihre Pelzmäntel gehüllt, oder um Feuerbecken, auf welchen Holzkohlen verglühten.

Wer nicht ein unaufschiebbares Geschäft hatte, das ihn nötigte, das Haus zu verlassen, der blieb sicher daheim, und selbst die Läden und Wirts­stuben, sonst bis in die Nacht geöffnet, wurden früh am Abend geschlossen. Es war, als ob der Frost das schnell pulsierende, übersprudelnd lu­stige Leben Neapels zu Eis erstarren gemacht habe.

Wenn schon die Straßen der inneren Stadt heute abend ein düsteres Bild darboten, so mußte dies noch mehr der Fall sein mit der Straße, die nach Portici führt und links von Sümpfen, rechts bald vom Meere, bald von einzeln stehenden Sil­len begrenzt, wohl eine Meile lang ist.

Still und menschenleer erschien die Gegend und wenn nicht noch da und dort aus einem der Häuser ein freundlicher Lichtschein einladend in die Nackt hinaus geleuchtet hätte, dann würde

man gewähnt haben, daß alles Leben erstor­ben fei.

Da plötzlich tauchten, gleich Nachtgeistern, zwei Männergestalten auf, die in dunkle Mäntel gehüllt, schnell und geräuschlos auf dem Schnee dahinschritten, der den Boden deckte.

Das Schneegestöber hatte nachgelassen und der kleinere und schlanker gebaute nächtlicheWanderer drückte seinen breitkrämpigen Hut noch mehr in die St'm, augenscheinlich von der Befürchtung getrieben, bei einer etwaigen Begegnung erkannt zu werden.

Auch fein Begleiter sandte spähende Blicke au5 und der schleichende Gang desselben, sowie sein ängstliches Zusammenfahren bei dem geringsten Geräusche hätten selbst den oberflächlichsten Be­obachter erraten lassen, daß diese düsteren Gestal­ten, die wie Ausgeburten der Nacht das herr­schende Dunkel unheimlich belebten, ein Werk der Finsternis vorhatten.

Und dem war wirklich so, wie das jetzt in lei­sem Tone geführte Gespräch bewies, das der Kleinere durch bei Bemerkung eröffnete:

„Das Schneetreiben hat nachgelassem, jetzt gilt es, doppelt vorsichtig zu sein, denn es liegt immerhin im Bereiche der Möglichkeit, daß uns jemand begegnet, der dann jedenfalls eine auf- merksame Musterung anstellen möchte."

„Man siebt, Tommaso", versetzte ein wenig spöttisch der andere, „daß Du nicht gewöhnt bist, um diese Stunde auf freiem Felde zu lufttoan- dein, obgleich Tu ja sollst die berbotenen Wege gtrabe nicht verabscheust."

Der Notar Tommaso Basileo — denn er war es wirklich — zuckte nur die Achseln und forderte bann seinen Freund auf, den Schritt zu beschleu­nigen, hinzusetzenb, daß die Kälte sich alsdann minder fühlbar machen werde.

Antonio Pisani gehorchte. Er war eine ab­schreckende Erscheinung: rothaarig, aus stechen- den schwarzen Augen ein wenig schielend in die

Welt blickend und mit einer hohen Schulter bet sehen, die seine wenig zartfühlenden Schul gen of­fen schon beranlaßt hatte, ihn den „Buckeligen" zu nennen. Er war in Neapel geboren unb hatte hier — waS er so nannte — auch feine Erziehung genossen.

Der Vater Antonios handelte mit geschmug­gelten Waren und genoß eben keines besonder? guten RufeS. Möglich, daß diese Jugendeindrück» maßgebend für die spätere Charakterentwickelung des Jünglings gewesen, feststehend war, daß An­tonio Pisani eS mit der Moral nicht eben genas nahm unb mehr als einmal ward ihm von ge­setzten Leuten ein schlechtes Ende prophezeit, ob­wohl er geweckten Geistes unb zu allem geschickt sich erwies.

Klug genug, sich über den Spott seiner Freunde unb Genossen nicht zu ärgern, war er eS selbst, der seine Häßlichkeit bespöttelte und durch witzige Einfälle wie geistige Überlegenheit die andern anzog und ihnen imponierte. Solange AntonioS Vater am Leben war und auf redliche und unredliche Weife für den Unterhalt seiner Familie sorgte, konnte der junge Mann im ge­heimen allen seinen verwerflichen Gelüsten sröh- nen; als aber der alte Pisani plötzlich verschied, ohne den Seinen viel mehr als Schulden zu hin­terlassen,, ir.:t an den Sohn die Notwendigkeit heran, für 'eine Mutter und sich das Brot zu verdienen.

Ten Ermahnungen der letzteren zum Trotz tat er dies in einer Act und Weise, welche ihn immer weiter vom Pfade des Rechtes unb der Ehre entfernten. Seiner Schlauheit gelang es, , den Schein zu wahren und zeitweiligen Nach­forschungen der Cicherheitsbehörde zu entgehen.

Tie Zeitläufe mit ihren kriegerischen unb politischen Umwälzungen begünstigten die Unter­nehmungen Pisanis, der es verstand, im Trüben zu fischen, unb sich zu allem gebrauchep ließ, wenn ein guter Gewinn in Aussicht stand

(Fortsetzung folgt.-