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Serantw Redakttur: Sari Schütte;
Zuldaer
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JV0 44.
Fulda, Samstaq den 22. Febnrar 1908.
35. Jahrqana.
drittes HZLatt.
= Ver wechsel im Reichsschatzamt.
Freiherr v. Stengel wird froh sein, daß er nun endlich die Bürde, die er nicht mehr tragen mochte, auf andere Schultern abladen kann. Er hat am 17. Juli 1907 die Schwelle des biblischen Alters überschritten, und wenn er sich gleich auch rüstig und frisch fühlt, so sah er doch ein, daß er in die neue Politik nicht mehr hineinpaßte.
Angenehm ist die Stellung des Reichsschatzsekretärs in keinem Falle. Steuern, neue Steuern, ertönt es von allen Seiten; die Ausgaben wachsen stetig, die Schulden häufen sich; je mehr sich die Bedürfnisse steigern, um so dringender werden die Anforderungen an den Leiter der Reichsfinanzverwaltung, Rat zu schaffen. Aber guter Rat ist teuer. Das wissen die Steuerzahler. Und nur zu oft wissen sie auch, daß ein teurer Rat noch nicht immer gut ist. Freiherr von Stengel hat eine Menge Finanzvorlagen eingebracht und durchgesetzt. Hie und da ist ihm das Konzept vom Reichstag geändert worden, als verständiger Mann ergab er sich darein, er hat auch so vieles erreicht.
. Als Herr v. Stengel zum Reichsschahsekretär rm Herbst 1903 berufen wurde, spendete ihm der Reichskanzler hohes Lob; nur drei Personen im Deutschen Reiche (Eugen Richter, Unterstaatssekretär a. D Aschenborn und v. Stengel) galten ihm als untadelhafte Kenner des Reichshaus- haltsetats^ und des Reichssinanzwesens. Daß Herr v. Stengel ein wirklicher Kenner in diesen Fragen war und noch ist, kann nicht bestritten werden, er , war aber noch mehr, nämlich ein Schatzsekretär mit soliden Finanzgrundsätzen. Als er das Reichsschatzamt übernahm, wurde als Zweck seiner Berufung bezeichnet, die Z e n t r u m s p a r t e i in den Fragen der Finanzpolitik zu spalten behufs Herbeiführung einer sogenannten Reichsfinanzreform mittels Bindung der Matrikularbeiträge. Frhr. v. Stengel sei dazu ausersehen, den süddeutschen Flügel der Zentrumspartei für die neue Reichsfinanzreform zu gewinnen, so daß aus ihm wie aus den konservativen Parteien und aus den Ncitio- nallibcralen eine Mehrheit int Reichstage gewonnen wenden könnte, die Zemtrumspcirtei aber spaltete sich nicht, sondern blieb auf einer mittleren Linie zusammen.
Stengels erste Vorlage, die sogenannte kleine Finanzreform vom Jahre 1904 wurde im Reichstage so umgestaltet, daß sie ihren Hauptzweck, die Matrikularbeiträge zu binden, wodurch die Bundesstaaten mit der Zahlung ungedeckter Mcckri- kularbeiträge verschonen sollte, verfehlte. Mehr Glück hatte Herr v. Stengel zwei Jahre später mit der sogen, großen Finanzreform von 1906, zwar wurde auch in dieser die Bindung der Matrikularbeiträge abgelebnt, aber doch eine Stundung der über 24 Millionen hinauszehenden ungedeckten Beiträge erreicht, zugleich auch eine, allerdings bis heute erst auf dem Papier stehende, Schuldentilgung beschlosien. Der Hauptzweck der Vorlage von 1906, die Beschaffung neuer großer Einnahmequellen für- das Reich, wurde jedoch erreicht. Die Verdoppelung der Brau- steuer, die Fahrkartensterter-, Wagenladungs-, Zigarettensteuer und die Reichserbschaftssteuer waren sein Werk, und wenn seine Projekte auch 1 nicht in vollem Umfange angenommen wurden,
so beschaffte er dem Reiche durch das Finanzge- fetz von 1906 doch Mehreinnahmen von rund 150 Millionen Mark jährlich.
Freilich erwiesen sich auch diese kolosialen Summen nur als ein Tropfen auf den heißen Stein der Reichsfinanznot. Die seit dem Inkrafttreten der Paarungspolitik im Automobiltempo wachsenden Reichsausgaben brachten schon für das folgende Jahr (1907) ein neues etatsmäßiges Defizit von rund 85 Mill. dl, für das Jahr 1908 stehen bekanntlich weitere enorme Ausgabe st eig er nngen bevor und ein Defizit großer als zuvor.
Frhr. v. Stengel war redlich bemüht, die neuen Locher zuzustopfen, doch bald zeigte sich, daß der Block, der dabei mithelfen sollte, versagte. Es war nicht möglich, die angekündigte Steuervorlage mit dem Block durci^ubringew. Auf das Pumpsystem, auf das man nun in der Not zurückgreifen wollte, mochte er sich nicht einlassen. Tarttm mußte er gehen. Das kann ihm nur zur Ehre gereichen und die gute Meinung, die man von seinen ehrlichen Bestrebungen für die Gesundung der Reichsfinanzen stets gehabt hat, nur befestigen. Mit ihm scheidet ein charakterfester, kenntnisreicher Mann von gutem Willen und Verständnis für das Wohl des Deutschen Reiches aus dem Amte.
Ter scheidende Staatssekretär ist Katholik und zwar nicht nur sogenannter Taufscheinkatholik. Politisch gehörte er seit langen Jahren der nationalliberalen Partei an und auch nach der Uobernahme des Reichsschatzamts unterhielt er noch die besten Beziehungen zur nationalliberalen Partei und ihrer Presse. Allerdings paßte Herr v. Stengel nie recht in das jetzt herrschende System, insbesondere nicht in die konservativ- antisemitisch-liberale Paarnngspolitik.
Deutsches Reich.
(*) In der polnischen Enteign» nqsfrage scheint ein Kompromiß fertig zu lein. Nach der Meldung eines mitteldeutschen Blattes wird über eine Verständig ung zwischen den Konservaiiven beider Häuser und der Regierung sehr eifrig verhandelt, und es geschieht namentlich alles, um die Mitglieder des Herrenhauses, von denen man annimmt, daß sie für die Regierung stimmen würden, zu der entscheidenden Sitzung am 26. Fedr. heranzuziehen. An eine Wiederherstellung der Regierungsvorlage oder an die Annahme der Beschlüsse des Abgeordnetenhauses glaubt man nach der Ansicht deS Blattes nicht, man such« vielmehr nach einem neuen Kompromiß.
* Wie man den Schmutz bekämpft! Ein Berliner Professor Halle an das Berliner Polizeipräsidium eine Beschwerde wegen der Verbreitung unerhörter Schamlosigkeiten in Wort und Bild gerichtet. Darauf erhielt er solaenden Bescheid:
Auf die gefällige Mitteilung r-om 4. d.M., für die ich bestens danke, erwidere ich 9t». Hochwohlgeboren ergebenst, datz die geltenden gesetzlichen Bestimmungen leider keine Handhabe dielen, gegen die von Iimrn beklagtert Roheiten und Schamlosigkeiten in Wort und Bild, wie solche heute dem groben Publikum in öffentlichen Blättern oder in den Auslagen einer Reihe von Buchhandlungen dargcbote» werden, auf reprelsivem Wege vorzugehen oder gar den skrupellosen Berlegern dieser Schandschriften das Handwerk ein für allemal r» legen I
Unseres Erachtens wäre die Polizei nicht so machtlos, wenn die Gerichte nicht meist eine ganz erstaunliche Nachsicht gegenüber dem sittlichen Schmutz zeigten und, statt auf das Geschwätz sogenannter Sachoerständigen zu hören, eigenes gesundes sittliches Empfinden sprechen li-fien.
' Saarbrücken, 21. Febr. 1908. Der Kampf gegen die abseits von den Kriegerverbandcn stehenden Kriegervereine im Saarrevier nimmt an Schärfe zu. Nunmehr hat sich auch die Schulbehörde eingemischt. Der Kreisschulinspektor Tr. Weis von Saarlouis hat, wie wir der „Cobl. Vztg." entnehmen, an einen Lehrer in Schwarzenholz, der Schriftführer des dortigen Militärvereins war, ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt: „Ich muß mich wundern, daß Sie als Lehrer durch Mitbegründung eines derartigen Vereins Uneinigkeit im Dorfe stiften und fördern helfen. Pftickt eines jeden Lehrers ist es, sich aus Zwistigkeiten jedweder Art herauszuhalten. Ich veranlasse Sie daher, aus, dem neu gegründeten Militärverein auszuscheiden." — Dieses Schreiben des Kreisschulinspektors ist auf das Schärfste zu mißbilligen. Es bedeutet nichts mehr und nichts weniger als eine Einmischung der Schulbehörde in eine Angelegenheit, die sie nichts angeht. In politischer Beziehung muß den Lehrern volle Freiheit gelassen werden; zum aller- wenigsten muß man verlangen, daß sich die Schulbehörde nicht einseitig für eine bestimmte Partei ins Zeug legt und die Lehrer zu Schleppenträ- gern der Regierung herabwürdigt. Der Kampf gegen die Kreisverbände der Kriegervereine ist entstanden aus der satzungswidrigen Betätigung dr letzteren während dec letzten Reichstagswahl. Die Kreisverbände müssen daher auch die Folgen trägen. Die Lehrer aber haben gerade so gut ein Recht mitzuwirken, daß ihre Rechte als Krieger- vere insmitglieder gewahrt werden, wie jeder andere Staatsbürger.
-q, Die HuldE Klimt
Bei der Eröffnung des neuen, mit allen Errungenschaften der Neuzeit ausgestatteten Klinik- gebändes teilten wir seinerzeit mit, daß auch das alte Laudkrankenhaus, das nur wenige Meter von dem neuen imposanten Gebäude entfernt liegt, und mit diesem telephonisch verbunden ist, zu einer zeitgemäßen Klinik untgebaitt beztv. eingerichtet iverden sollte. Diese umfangreichen Arbeiten sind nunmehr vollendet und die Kranken haben diese Woche die Räume in Benutzung genommen. Wie cs den Teilnehmern an der Sitzung des Aerztevereins für die Kreise Fulda, Hünfeld und Gersfeld, die vorgestern hier statt- ftnd, erging, so wird es jedem ergehen, der Gelegenheit hat, die Einrichtungen in Augenschein zu nehmen: man erkennt das alte Krankenhaus kaum wieder und muß staunen über die vorteilhaften Veränderungen, die unter der Leitung des Herrn Direktors Dr. Gunkel vorgenommen wurden. Rach dem bis jetzt noch alten Außenanstrich vermietet man nicht, daß im Innern alles hinweist auf die neuesten Fortschritte auf dem Gebiete der Hygiene und dec Technik. Ter westliche Flügel des Krankenhaitses wurde niedergelegt und eS wurde so Licht und Luft auf wünschenswerte Weise geschaffen.
Beim Eingang ins Haus von dem neuen Kli» nikgebäilde aus kommt man an die große isoliert gelegene Küche, die von den Krankenzimmern vollständig durch Höfe getrennt ist, damit kein
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lästiger Dunst dorthin dringen kann. Tic Einrichtung der Küche ist modern; in der Mitte steht ein umfangreicher Bratherd und seitlich befinden sich fünf große Dampfkochkessel, deren Betrieb vom Maschinenbaus erfolgt. Die Wänve sind mit weißen Mettlacher Platten bekleidet uni alles was man hier sieht, macht einen netten, gefälligen Eindruck. An die Küche schließt sich ein praktisch angelegtes Ausgabeschalter für die Speisen, ein Eßzimmer für das Bedienungspersonal, wohlgefüllte Vorratsräume usw. Im Parterre befinden sich die neuangelegte Bibliothek, die Bureauräume für die Land- krankenhausvettvaltimg, Warteräume usw. In der Hauskapelle, die ebenfalls entsprechend renoviert wird, sind gegenwärtig noch die Handwerker beschäftigt. Für die Kranken evangelischer Konfession wird ein besonderer B e t s a a l hergerichtet.
Durch die frischgestrichenen Gänge und über mit Linoleum belegten Treppen kommt man in das erste Stockwerk, wo sich die modern eingerichtete Wohnung des Oberarztes befindet. Die einzelnen Krankenzimmer haben ein fehr freundliches Ausse" m erhalten, die Fußböden und Wände sind erneuert. Die Aborte sind sämtlich neu angelegt und mit Wasserspülung versehen. Ueberall ist Zentralheizung, wohltuende Ventilation und elektrisckies Licht angelegt. Großartig ist die Einrichtung der verschiedenartigen medizinischen Bäder, die nicht nur von Kranken im Hause selbst benutzt werden können, sondern auch von solchen, die nicht im Krankenhause Aufnahme suchen und in der Behandlung ihres Hausarztes bleiben wollen. Es sind vorhanden Douchebäoer, heiß und kalt, jede Sekunde wechsel- bar, abgeschlossene Dampf-, Sitz-, Regen-, Fächer- und Strahldouchen. Die Dampfdonchen sind besonders für an Rheumatismus und Nerven Leidende. Eine sinnreiche Einrichtung sind die kohlensaure Bäder, die man nehmen kann mit und ohne Soole, Moor-, Heißlust- und Dampfbäder; man kann auch Zusätze machen mit Fichtennadeln, Mutterlauge, Kleie, Sublimat, Soole usw. Eine große Nolle werden künftig auch die elektrischen Lichtbäder (Wechselstrombäder) spielen. Sie werden angewandt bei Blutarmen, Hautkranken, Nervösen usw. Die Einrichtung mit den vielen elektrischen Flämmchen in roter, blauer und weißer Farbe zu Voll- und Teiibädern mit überraschend starker Lichtwirkung und einem Scheinwerfer ist staunenerregend. Wir führen noch an das elektrische Zellenbad, die verschiedenen Glühlicht» bäder mit und ohne Bogenlichtbestrahlung und die Bestrahlung mit Finsenlicht; ferner die Vi-> briationsmassage, die Quarzlampe für Haut- und Haarkrankheiten usw.
Unmittelbar an den Baderaum stößt ein Rnheziminer zur Erholung von den Anstrengungen des Bades. In dem oberen Stockwerk liegen die jugendlichen Kranken. Hier herrscht dieselbe Sauberkeit und Gediegenheit der Einrichtung wie bei den Erwachsenen. Den Besucher erfreut das liebevolle Walten der barmherzigen Schwestern und beruhigt verläßd er das Hans, wenn liebe Angehörige oder Bekannte bereu Obhut anvertraut sind.
Nach Westen zu ist in dem Garten ein neues Leichen haus errichtet. Der Aufbahrungsraum ist kapellenartig ausgeschmückt. Ueber dem großen Kruzifixe steht, auf die Wand gemalt, der Spruch ans der Geh. Offenbarung: „Selig sind die Toten, die im Herrn sterben. Von nun an spricht der Geist: sie sollen ausruhen von ihren Mühen, denn ihre Werke folgen ihnen
Unpolitische Zeitläuse.
(::) Berlin, 20. Februar 1908.
(Nachdruck verboten.)
Wenn jetzt schon Frühlingslüste wehen, habe sch keine rechte Freude daran. Alles zu seiner Zeit! Da in diesem Jahre Ostern recht spät fällt, braucht der Lenz durchaus nicht im Automobiltempo zu kommen. Die Frühreife ist vom Uebel, bei den Jahreszeiten wie bei den Dien- schenkindern. Gemächliches Abwarten ist besser als Uebereilung mit Rückschlägen. Wenn schon mal Reif fallen muß, so ist er zu Fastnacht mehr am Platze als int Wonnemonat.
Ein rechtschaffener Winter ist gesund und nett. Die Influenza ist nicht dem ehrlichen Winter zur Last zu legen, sondern dem unsoliden, entarteten Winter, der uns statt dem festen Gericht Eis und Schnee immer wieder eine unappetitliche Suppe Quftifd)t
Manchmal zählt man die sogenannten „Zei- chen der Zeit" auf. Meistens sind sie nicht er- baulich. Aber eS gibt doch auch ganz niedliche Zeichen der Zeit, und dazu rechne ich z. B. die steigende Vorliebe für Winterschönheiten und Wintersport. Früher hieß die Parole: Hm Win- ter an den Ofen, im Sommer auf die Berge oder ans Meerl Jetzt ist es Mode, gerade im Winter in die freie Natur zu gehen. Natur zu kneipen, — wie man in der Studentensprache sagt.
Als ich vor 20 Jahren aus der Berliner Stein- wüste in die Vorortfluten flüchtete, galt es für fein, zweierlei Wohnungen zu haben. Im Sommer beehrten unS die wohlhabenden Herrschaften mit ihrer Gegenwart im Vorort; im Winter aber blieben sie in der Stadt. Sie waren der Ueber- zeugung, daß es in der rauhen Jahreszeit „da draußen schrecklich" sei, höchstens für einen Eskimo wohnlich. Jetzt ist das ganz anders geworden. Auch die Millionäre feiern Weihnachten in ihrer Villa. Sie haben herausgefunden, daß der Mensch keine Theerose ist, die im Frosthauch erfriert, und kein Stück Zucker, das im Regenguß sckpnilzt. Sie. haben die Schönheit einer schlohweißen Winterlandschaft und das Erfrischende deiner Eisbahn kennen gelernt. Nebenbei auch
gelernt, daß es für den Nachwuchs besser ist, wenn er draußen in Wind und Sonne, in „Dreck und Speck" aufwächst.
Und die beiveglicheren Leute sind noch einen großen Schritt weiter gegangen. Sie suchen die Sommerfrische im Winter auf. DaS Hingt wie ein Widerspruch; aber die Mode weiß alles zu reimen. Es handelt sich nicht etwa um die Kurorte mit mildem Klima, in denen mau schon längst vor den Schärfen unseres Winters Schutz sucht. Nein, jetzt gehen die, welche es haben können, gerade dorthin, wo es Eis und Schnee gibt, um dort Schlittschnhfeste, Rodelfahrten, Skiläufen und sonstigen Wintersport mitzumachen. Diese Bäder und Kurorte haben eine doppelte „Saison" im Jahre erhalten. Es soll schon solche Fremdenstädte geben, die im Winter noch bessere Geschäfte machen, als im Sommer.
Ja, die Winterlust artet hier und da in Winter w u t aus. Dahin rechne ich es auch, wenn die Bergfexen mitten im Winter auf den schwierigen Gipfeln der Alpen herumkraxeln, obschon (oder Weill) die Gefahren dort in der rauhen Jahreszeit noch viel größer sind. Die Verlustliste aus den Hochgebirgen, die sonst erst zu Pfingsten anfing, setzt jetzt schon vor Weihnachten ein und pflegt zu Neujahr ihren ersten Höhepunkt zu erreichen. Eine gewisse Winterwut gebärt auch dazu, wenn man an der dänischen Küste zu Anfang Januar ein Wettschwimmen zwischen den Eisschollen veranstaltet. Zu Ehren der Gleichberechtigung der Frauen haben auch Angehörige des zarten Geschlechts an diesem erfrischenden Bade teilgenommen. Wer weiß, ob nicht nächstes Jahr auch hier zu Lande das berühmte „Freibad im Wannsse" zu Weihnachten in Blüte kommt?
Bei dieser Entwicklung des Geschmackes braucht man sich nicht zu wundern, wenn in Der- lm 2Z4 Million«, Mark aufgewendet sind, um emen Eispalast zu schaffen, besten Schlittschuh- bahn zu übersommern vermag. Eine künstliche Eisbahn von etwa 2000 Ouadratmeter soll das ganze Jahr hindurch den gestählten Füßen und Füßchen zur Verfügung stehen. Eigentlich hinkt Berlin da etwas nach, wie es leider auch in manchen wertvolleren Dingen der Fall ist. In Paris, Lyon und Nizza hat man schon Erfabrunaen auf
dem Gebiet der erkünstelten Eisfläche gemacht. Natürlich wollen die Berliner Unternehmer das Lehrgeld, was dort gezahlt ist, sich sparen, indem sie die anderswo gemachten Erfahrungen aus- nutzen. Ob sie nun wirklich etwas besseres und rentableres leisten, muß man abwarten. Aktien braucht man ja nicht zu nehmen. Uebrigens wäre es ja nichts außerordentliches, wenn so eine Gründung erst einmal halb oder ganz verkracht und dann „saniert" würde, sodaß nach der gewaltsamen Verkleinerung des Kapitals sich eine leidliche Verzinsung ergäbe. Die Technik ist im Grunde sehr einfach. Man legt in den betreffenden Sälen über einen wasserfesten Zementbodeir ein Netz von Röhren und läßt durch diese Röhren eine sogenannte Kältemifchmig laufen; hier soll es eine starke Sole mit Einmischung schwefel- säurehaltiger Luft sein. Wenn in diesen Röhren eine beträchtliche Kälte unter 0 Grad erzeugt wird, so muß natürlich das Wasser, das inan zwischen und über die Röhren ausgegossen hat, gefrieren. An schwülen Sommertagen werden nicht bloß Schlittschuhläufer, sondern auch abkühlungssüchtige Zuschauer in diesen Eispalast strömen. Ob die Luft da drinnen gerade gesund sein wird, laste ich dahingestellt. Vielleicht ist es dort eine ähnliche Kellerluft, wie man sie in den Bahnhöfen der Untergrundbahn häufig antrifft.
Im Grunde genommen handelt es sich um einen Gewaltstreich gegen die natürliche Ordnung der Dinge. Die zweckmäßige Abwechselung der Jahreszeiten soll durchbrochen werden. Der Mensch soll im Sommer dasselbe genießen kön- neu, was ihm die Natur im Winter zugedacht hat. Wenn in der schönen Jahreszeit die Bäume grünen, die Blumen blühen und die Vögel singen, dann gibt es doch bessere Genüsse und schönere Gelegenheit zur Bewegung der Gliedmaßen als wie sie in dieser künstlickien Grotte zu haben sind.
Um auf die Frühlingsgedanken zurückzukom- men, möchte ich auf den schroffen Gegensatz von Poesie und Prosa, von Idealismus und Mate- rialismus Hinweisen. Tie Dichter pflegen jedes Frühlinzslüftchen schwungvoll zu besingen; der vorsichtige Familienvater aber kraut sich hinter den Ohren und fragt: Wo soll ich denn das Geld für die Frühjahrstoiletten hevnehmen?
Alles kostet Geld, auch der Wechsel der Jahreszeiten. Im Herbst wird die Hauskafse geschröpft für Winterkleider und Kohlen; im angehende» Lenz fallen freilich die Kohlensorgen fort, aber die große Kleiderfrage erhebt ihr Haupt. Wo man zu den feineren Leuten gehören will, da steht auch schon das liebliche Gespenst der Erholungsreise vor der Tür.
Der Hausvater mit dem Rechenstift kommt sich vor, als ob er zum Nachfolger des Schatzsekretärs Stengel berufen werden sollte. Wie im Reiche im Großen, so geht es in der Familie im Kleinen zu, die Bedürfnisse steigen, die Ausgaben wachsen; die Einnahmen dagegen wollen nicht in die Höhe schießen, manchmal schlagen sie sogar den Krebsgang ein. Ein Defizit! Wie ist das Gleichgewicht wieder herzustellen? Entweder muß man die Einnahmen erhöhen oder die Ausgaben befchneiden oder aber zur Pumpwirtschast übergehen. In letzterer Hinsicht gibt uns die glorreiche Blockpolitik ein verzweifelt schlechtes Beispiel. Wehe dem Haushalt, wo man mittels Borg oder Anleihe die Zukunft sich belastet.
Am besten schneidet der Hausvater ab, der trotz der sogenannten schlechten Zeiten mit Fleiß und Geschick sein Einkommen noch etwas auszu- muntern versteht. Aber das ist nicht jedem gegeben. Also heißt der Refrain von den diesjährigen Frühlingsliedern: Spare, spare; das ist das wahre!
Aber wo und wie? Ich möchte dem Schatzsekretär der Familie raten, bei sich selbst den Anfang zu machen. Wir Männer haben so manche Genüsse, die wir ruhig ungenossen sein lassen können. Wenn der Vater am eigenen Leibe das gute Beispiel gibt, dann werden auch die weiblichen Familienmitglieder und der unternehmungslustige männliche Nachwuchs um so eher begreifen, daß man sich nach der Decke strecken mK> also in diesem Jahre sich etwas krumm machen muß.
Wer genügsam ist, der kann auch in minder guten Zeiten vergnüglich fein. Die schwerste» Steuern und die törichtesten Steuern legt dec Mensch sich selbst auf in seiner Eitelkeit und Genußsucht. $a ist eine Steuerreform noch dringlicher und noch segensreicher, als in Reich und Staat und Gemeinde,