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Fulda, Donnerstag den 10. Februar 1908,

JV3 4 2

35. Ialirgana

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 19. Februar 1908.

Bei der Fortsetzung der zweiten Beratung des K u l t u s e t a t s tritt beim Kapitel Seminare

Abg. von Brandenstein (k.) für die Heranbil­dung einer größeren Zahl von weiblichen Lehr­kräften ein. Seine Freunde seien der Ansicht, daß nicht n rualle Mädchen von Lehrerinnen unterrichtet werden können, sondern daß dies sehr wohl auch bei kleineren Knaben der Fall sein könne.

Ministerialdirektor Dr. Schwartzkopsf: Tie Zahl der Lehrerinnen ist fortgesetzt im Steigen begriffen, ihre Zahl hat sich in den letzten zehn

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 19. Februar 1908.

Fortsetzung der Beratung des I u st i z e t a t s.

Abg. Stadthagen (Soz.): Früher war es die Strafjustiz, in der sich die KI a s s c n j u st i z be- [tätigte; jetzt dringt sie auch schon mehr und mehr in die Ziviljustiz ein. Redner bringt meh­rere Fälle zur Sprache, in denen angeblich Jmj- senjustiz geübt sei. Besonders kraß tritt die Un­kenntnis der Richter in sozialen Dingen zutage, wo cs sich um Vergehen von jugendlichen Perso- neu handelt. In Beuthen sind zwei Knaben von 12 und 13 Jahren wegen Gefährdung eines Eisenbahntransports zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, weil sie ein paar Steine auf das Gleis der Kleinbahn geworfen hatten. Ganz besonders tritt die Klassenjustiz zutage in Sach­sen, wo wegen Streikpostenstehcns schwere Stra­fen verhängt werden, Streikbrecher aber für ihr Vorgehen niemals in Strafe genommen werden. Redner befürwortet im weiteren die soziatdemo- kratiscl« Resolution auf Einführung von Sonder- gerichten für ländliche Arbeiter für das Gesinde. Zum Schluß kritisiert Redner in schärfster Weise den Erlaß des Ministers des Innern über die Legitimationskarten für ausländische Arbeiter. (Beifall bei den Soz.)

Staatssekretär Dr. Nieberding: Die Aus­führungen des Vorredners waren nicht neu; ich habe seit Jahren das Vergnügen (Rufe rechts: nal na!) gehabt, sie anhören zu müssen. Ich habe keine Veranlassung gehabt, darauf über­haupt zu erwidern. (Sehr richtig! rechts, Ge­lächter und Unruhe bei den Soz.) Das Wort Klassenjustiz wird im Volke anders verstanden wie hier. Hier drückt man sich vorsichtig aus, die Richter seien durchaus unbefangene Leute und sie könnten sich blos dem Milieu nicht entziehen, in dem sie lebten; draußen im Volke aber ver­steht man unter Klassenjustiz, daß das Recht mit Bewußtsein gebeugt wird. Aber auch wenn man unter „Klassenjustiz" nur unbewußte Rechtsbeuz- ung verstehen will, erleben wir es nicht alle Tage, daß innerhalb der sozialdemokratischen Parier selbst Urteile, die als ungerecht angefochten wer­den? Und angesichts solcher Tatsachen wagt es ein Vertreter Ihrer (zu den Soz.) Partei, hier die Richter zu verunglimpfen I Ich weise die Be­hauptungen des Vorredners als eine Beschimp­fung des deutschen Richterstandes auf das aller- entschiedenste zurück. (Beifall rechts.)

Abg. Gröber (Ztr.): Es fällt mir gar nicht ein zu bestreiten, daß manches Urteil zu streng airsfällt. Ich gebe sogar zu, daß in juristischen Kreisen über manche Urteile sehr verschieden ge­urteilt wird. Darum kann man aber von Klas­senjustiz doch nicht reden. Mit Recht wird viel- sack, beklagt, daß die Roheitsdelikte nicht streng genug bestraft werden. Wir kla­gen weiter über die unverhältnismäßig gerin­gen Strafen wegen Uebertretungen der Arbeiter- schutzgcsetzgebung. Die gestrigen Ausführungen des Abg. Heintze timen sehr beachtenswert. Sie stellen uns die Tatsache vor Augen, daß unsere Rechtspflege hinter der modernen Entwicklung zurückgeblieben ist. Ich, komme nun zu den Reso- lutionen. Der Resolution, welche eine reichsge- fctzliche Regelung des Strafvollzugs fordert, stimmen wir zu, ebenfalls der Resolution Basser- mann bezüglich der jugendlichen Angeklagten. Den Jugendlichen wird schweres Unrecht getan, nicht nur in der Gesetzgebung, sondern auch im Strafverfahren und nachher in der Vollstreckung. Es ist wünschenwert, daß diese wichtige Frage nicht erst erledigt wird bei der allgemeinen Straf­rechtsreform, sondern schon vorher durch ein Spe­zialgesetz. Die Frage der Selbstbeköstigung der Gefangenen muß formell durch das Gesetz erledigt

werden. Der freisinnigen Resolution auf Ge­währung von Tagegeldern an Schöffen und Ge­schworen.' stimmen wir gleichfalls zu. Einver­standen sind wir auch mit der Resolution Albrecht, durch die das Recht der Zeugnisverweigerung für Abgeordnete sicher gestellt werden soll; dagegen geht uns die Forderung, das gleiche Recht ruch „allen an der Herstellung von Zeitungen beschäf­tigten Personen" zu gewähren, zu weit. Endlich liegt noch ein nationalliberaler Antrag auf ge­setzliche Regelung des Rechts der Tarifverträge vor. Meine politischen Freunde haben schon am 19. Februar des vorigen Jahres einen Antrag eingebracht, der sich mit der Tariffrage beschäs- tigt. Rach meiner Auffassung drängt die ganze Entwicklung dahin, möglichst sämtliche Arbeit- gebet und Arbeitnehmer eines Gewerbezweiges in Tarifverträgen zusammenzuschließen. Tie Kon- sequenz einer solchen Entwicklung wird die sein, daß an die Spitze des ganzen Tarifwesens eine Behörde, also ein Tarifamt gesetzt wird, das am besten aus Vertretern beider Parteien zusammen- ziisetzen sein würde. Voraussichtlich wird die künftige Entwicklung auch Garantien schaffen müssen sür die Einhaltung der Tarifverträge, also durch Statuierung einer Schadenersatzpflicht. Eine Voraussetzung einer gedeihlichen Weiter­entwicklung des Tarifwesens würde allerdings wie in unserem Antrag ausgesprochen ist. die Sicherung und der weitere Ausbau des Koali- tionSrechts der Arbeiter, eine auf freiheitlicher Grundlage beruhende Regelung der privatrecht­lichen Verhältnisse der Bcrufsvereine aller Art, endlich aber und vor allem die Errichtung von Arbeitskammern sein. Ich gebe zu, das sind alles Zukunftsfragen, und für den Augenblick dürfen wir froh fein, wenn zunächst mal die Rechtsgiil- tigkeit der Tarifverträge außer Zweifel gestellt wird und das würde ganz einfach geschehen kön­nen durch eine entsprechende Zusatzbestimmung zum § 152 der Gewerbeordnung. In diesem Sinne bitte ich Sie unseren Antrag anzunehmen. (Lebh. Beifall.)

Abg. Ablaß (fr. Vp.): Die erschreckende Zu­nahme der jugendlichen Uebeltäter legt uns die Pflicht auf,'dafür zu sorgen, daß unsere Jugend nicht verkommt. Der Staat allein kann diese Aufgabe nicht erfüllen; es ist Sorge zu tragen, daß die Kinder so lange wie möglich in der elter­lichen Obhut bleiben, und das wird dadurch er­reicht, daß die Kinderarbeit eingeschränkt wird. Das Alter der Straffälligkeit muß von 12 auf 14 Jahre heraufgesetzt werden. Für jugendliche Uebeltäter dürfen die Strafmittel nicht rein schematisch angewandt werden, viel­mehr sind an ihre Stelle teilweise Erziehungs­mittel zu setzen. Ich würde weiter Vorschlägen, daß bei der Aburteilung von Jugendlichen die gesetzlichen Vertreter hinzugezogen würden. Unter feinen Umständen sind wir für Sondergerichte zu haben.

Donnerstag: Fortsetzung.

verloren. Tie Angst und die Nervosität, daß vor einer fremden Kommisfion die Prüfung abgelegt werden soll, hat auch einen Rückschlag auf die Vorbereitung zur Folge. Die Regierung hat ia auch in Aussicht gestellt, die theorelisckw Prüfung von der praktischen zu trennen, das tft ja sehr dankenswert, aber die theoretische Prüfung wird immer ihre Schrecken behalten, solange die Prü­fung vor fremden Kommissionen ftattfinbet. Wir stimmen auch damit überein, daß die Lehrerm- nen etwa 80 Prozent des Lehrergehaltes bekom- men müssen. Im Gegensatz zu dem Abg. Hacken- berg sind wir der Ansicht, daß die Ortsschnlinfook- tion überhaupt bleiben soll, weil sie an den {.ei­nen Schulen wegen der Jugendlichkeit der Leyrer durchaus notwendig ist. Aber wir hoffen auch, daß selbst auch bei größeren Schulen mit Netto- rcn an der Spitze sich bei der weiteren Ausgestal­tung noch immer ein Weg finden wird, der Licht und Raun' bietet für die Ortsschulinspektion neben dem Rektor. (Beifall.)

Es wird ein Antrag auf Schluß der all gemei­nen Besprechung angenommen. In der Einzel- besprechnng nimmt

Abg. Tourneau (Ztr.) das Wohlwollen des Ministers, das er den Katholiken ausgesprochen hat, auch für die Schulen der fächsischen Diaspora in Anspruch. Tie Schulen der katholischen Mm- derheit im Bezirk Erfurt sind zu öffentlichen um- gestaltet und von den Gemeinden übernommen. Im Regierungsbezirk Merseburg und Magdeburg dagegen sind noch eine große Anzahl katholischer Privatschulen vorhanden. Ich weiß nicht, wen die Schuld trifft an diesen Verhältnissen. Man dürfte nicht fehl gehen, wenn man annimmt, da» die Unterrichtsvervaltung nicht die volle Energie gegenüber den widerstrebenden Gemeinden ange­wandt hat. (Der Präsident macht den Redner darauf aufmrksani, daß dieser Gegenstand nicht mehr zur Beratung steht.)

Abg. Kvpjch (srs. Vp.) kritisiert das Vorgehen zweier reformierter Schulräte in Osnabrück, wel­che den Vildungsdrang und die GeistesfreiheU der Lehrer eingeengt hätten.

Kultusminister Dr. Holle erklärt, daß ihm von diesem Vorfall nichts bekannt sei.

Ein Antrag von Pappenheim will bei dem Titel „Besoldungen für Kreisschulinspektoren" das Gehalt usw. für die neue Kreisschulinspek­torstelle in Potsdam streichen.

Abg. v. Heydcbrand (k.) begründet diesen An­trag damit, daß das Bedürfnis für eine zweite Stelle in Potsdam nicht genügend begründet sei.

Minister Dr. Holle erklärt, diese Stelle sei nur eine von mehreren neuen Stellen, bereit Forderung in diesem Jahr aus finanziellen Gründen unter blieben# sei.

Abg. Dr. Porsch (Ztr.): Namens meinet Freunde gebe ich die Erklärung ab, die wir über die Kreisschulinspektion schon sehr oft ausgespro­chen haben. Bei der Entwickelung der Dinge würden wir gewünscht haben, daß möglichst di« nebenamtliche Kreisschulinspektion aufrecht, erhal­ten wird, eventuell durch Teilung der Kreisschul­inspektionsbezirke. Die beabsichtigte vollständig« Umwandelung der nebenamtlichen Kreisschulin­spektion in eine hauptamtliche bekämpfen wir einmal »ns grundsätzlichen Rücksichten, dann aber auch, weil der an sich schon sehr hohe Kultusetat durch die neue Einrichtung belastet wird. Dem Antrag Pappenheim werdeni wir zustimmen.

Abg. Tr. Friedberg (nL): Ich habe sonst nie gehört, daß es dem Abg. Porsch zu viel Geld ge­kostet hat, wenn es sich um die Ausgestaltung un­serer Schule auf möglichst konfessioneller Grund­lage handelte auf Kosten unserer Kommunen. Dieses Motiv kann ich nicht recht würdige», denn sonst könnte ich nicht begreifen, weshalb Dr. Porsch nicht Seite an Seite mit uns um die Be­seitigung der Zwergschulen kämpft.

Jahren um 108 Prozent gehoben gegenüber nur 38 Prozent bei den Lehrern. Tas Lehrerbesol­dungsgesetz wird uns Gelegenheit geben, die Frage der Regelung der Lehrer» und Lehrerin­nengehälter von neuem eingehend zu bcufen. Wenn in der Bevölkerung der Wunsch hervorlritl. Lehrerinnen einzustellen, so wird diesem Folge gegeben; das Material ist ja ausreichend vor- Händen.

Abg. Ghßling (fr. W) spricht über die Frage der Ferien an den Volksschulen. Vielleicht durfte es angebracht sein, da, wo längere Ferien als 70 Tage bisher bestanden hätten, diese auch wei­ter bestehen zu lassen. .

Ministerialdirektor Schwartzkopss: Bezüglich der Ferienordnung hat das Haus den Stand­punkt der Regierung für berechtigt und zutret- fend erachtet. Man darf die Ferien nicht zu lehr verlängern, denn fchon jetzt wird die lange x,auer derselben den Elfern vielfach lästig.

Abg. von Czarlinski (Pole) wiederholt die vorjährigen Beschwerden des , Abg., Stychel,daß die Regierung sich anmaße, über die Erceilung des Religionsunterrichts Bestimmungen ju tref­fen und weist die Notwendigkeit der Erteilung des Religionsunterrichts in der Muttersprache nach.

Kultusminister Holle: Die Lehrer haben m unseren Ostmarken einen schweren Stand, die polnische Presse wendet sich ganz besonders gegen den Lehrerstand und hält die jungen Leute aus der polnischen Bevölkerung davon ab, Lehrer, zu werden. Daraus erklärt sich, daß der Unterricht in der Unterstufe häufig selbst in der Religion in deutscher Sprache erteilt werden mnß, weil nicht genügend Lehrkräfte vorhanden sind, die die polnische Sprache verstehen. Der Minister bringt dann einen Erlaß vom Jahre 1901_über die Schulzucht in Erinnerung, daß die Sck>ul- zncht im väterlichen Sinne und mit väterlicher Freundlichkeit gehandhabt werden solle, speziell gegenüber den nichtdeutschen Kindern, damit ihnen das Deutschtum nicht verleidet werde., Aus diesen Erlaß habe er kürzlich erneut hmgewiesen.

Abg. Schroedcr-Kassel (ntl.) fragt an, ob für die Schulen, welchen Hauptlehrer verstehen, auch noch eine besondere Ortsschulaufsicht bestehen blei­ben soll.

Minister Holle: Ob man neben dem Haupt- lehrer ebenfalls noch auf die Ortsschulinspektoren verzichten kann, wird davon abhängen, wie sich die Stellung des Hanptlehrers gestaltet. Ich bin heute noch nicht in der Lage, zu dieser Frage Stellung zu nehmen, zunral schon das Verhältnis zwischen Rektoren und Lehrern zu Schwierigkei­ten Anlaß gibt, vielmehr noch wird dies jeden­falls in dem Verhältnis zwischen Hcruptlehrmm und Lehrern der Fall sein.

Abg. Dr. Dittrich (Ztr.): Gegenüber den AuS- führungen des Ministers über den Mangel an polnischen Lehrern möchte ich auf die eigentüm­liche Erscheinung Hinweisen, daß Lehrer rein deutscher Abkunst gerade nach ganz polnischen Gegenden geschickt werden und solche rein polni­scher Abkunft wieder in rein deutsche Gegen­den. (Sehr richtig!) Den Ausführungen des Abg. von Brandenstein haben wir mit großer Freude und Befriedigung zugehört, auch wir wünschen eine möglichst umfassende Beschäftigung hon Lehrerinnen, weil wir von der Pflichttreue, Gewissenhaftigkeit und dem Takte der Lehrerin eine hohe Meinung haben, wir wünschen auch eine Beschäftigung in den oberen Klassen der Mäd­chenschulen. Durch größere Heranziehung von weiblichen Lehrkräften könnte auch dem Lehrer­mangel in wirksamer Weise begegnet werden. Tie Prüfung in ihrer jetzigen Handhabung be­deutet geradezu eine Kalamität. In Rücksicht auf das gefürchtete Eramen wird mir gearbeitet und dabei geht eine solide, ruhige Vorbereitung

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MonakLeLage: „Huldaer Seschlchtzblatter Fernsprecher Ur. 9.

Irn Dunkeln.

vornan von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt.

2] (Nachdruck verboten.)

Dieser hielt sich nicht erst damit auf, darnach zu fragen, welchem glücklichen Einfall seiner Braut er deren Besuch zu verdanken habe, son­dern rief erregt:

„Sprich, Giovanna, weißt Du um das Schrei­ben der Marchese Rionero?"

Tas Mädchen nickte und ließ sich dann auf dem Holzsessel dem Notar gegenüber nieder. Ihr scharfgeschnittenes Gesicht wurde durch das Feuer großer dunkler Augen belebt und ein Flechten- kränz tiefschwarzen Haares krönte die etwas nie­dere Stirn. Ein hoher Kamm von Korallen und große Nadeln, kunstreich aus Silberfiligran her- gestellt, schmückten das Haar Giovannas nach der Art, wie sie die Kinderwärterinnen in reichen Hausern zu tragen pflegen. Und wirklich befand sich m3 Mädchen auch in solcher Stellung im Hause der Marchese Rionero und hatte dieses Glück der Empfehlung und Protektorin des No­tars zu danken, welcher dazumal noch die Ge­schäfte des reichen Kavaliers führte. Deshalb war Giovanna rhrem Beschützer auch dankbar er­geben und als ihr gar die Hoffnung lächelte, einst die Gattin Basileos zu werden, ließ sie sich als Werkzeug seiner Pläne gebrauchen.

Die sichtbare Ungeduld deS Notars, die sich in seinen Zügen auSprägte, so große Muhe er sich auch gab, diese Erregung zu unterdrücken, bewog denn auch das Mädchen, ihre Mitteilung ohne lange Einleitung zu machen und sie begann:

„Ich war mit der kleinen Angiolina im Ne­benzimmer, als die Marchesa Albina Deinen Na­men nannte. Sofort horchte ich auf und gab dem

Kinde eine Handvoll Konfetti, damit sein Ge­plauder verstumme und ich kein Wort von der Unterhaltung drinnen verlöre. Tie Kleine knab­berte auch ganz vergnügt an ihren Zuckerman- deln, und so konnte ich denn hören, wie die Her­rin den Marchese bat, Dich zu verabschieden, min­destens es zu verhindern, daß Du, wie in letzter Zeit öfter geschehen, unter geschäftlichen Vorwän­den längere Besuche in der Villa zu Portici ma­chen könntest.

Bleich vor Zorn war Tommaso von seinem Sesiel aufgesprungen und mit heiserer Stimme rief er:

„Wie — Albina — die Marchesa — hätte das wirklich gesagt?! — Sie, die so sanft und lieb­reich scheint, sollte ihren Einfluß auf den Gatten so arg mißbrauchen?"

„Sie hat es in der Tat versucht und anfangs mochte der Marchese nichts davon hören, ja, et machte ihr freundliche Vorwürfe und nannte ihre Abneigung gegen Deine Person ein Vorurteil. Dock) mit ungewohnter Hartnäckigkeit bestand die Marchesa auf ihrem Verlangen und schloß mit den Worten: Dieser Basileo flößt mir so großen Widerwillen ein, daß ich mich in seiner Gegen­wart ganz beklommen fühle und den Gedanken nicht versck-euchen kann, es drohe mir ein Unheil durch ihn."

Ein mißtönendes kurzes Gelächter schnitt jäh die Worte des Mädchens ab und aufblickend, sah sie in das von wilden Leidenschaften bewegte Gesicht Tommasos.

„Weiter!" stieß et hervor, „vollende Deinen Bericht."

Giovanna zuckte die Achseln.

Ta ist nicht viel hinzuzusetzen. Die Kleine wurde nnrichig, ich mußte mich mit ihr beschäfti­gen und meinen Lauscherposten nahe der Tür verlassen. Später sah ich auf dem Schreibtisch des Marchese einen an Dich adressierten Bries liegen und erriet den Inhalt — man hat Dir

den Abschied gegeben, mein armer Tommaso — ist es nicht so?"

„Dem ist so —" erwiderte ^umpf der Notar und preßte beide Hände vor das Gesicht.

Eine kleine Panse trat ein, die das Mädchen endlich durch die Bemerkung unterbrach:

„Tu scheinst ja völlig vernichtet durch diese Verabschiedung, Tommaso. Ich verstehe schon, daß Du dadurch ein gut Stück Geld einbüßest, aber —"

„Ruiniert bin ich!" rief der Notar, sich unge- stüm erhebend. „Ja, sieh mich nur abergläubig an. Du törichtes Ding, Du wirst mich schon besser verstehn, wenn ich Dir sage, daß in Zukunft von Goldkettcn und Ringen, von seidenen Röcken und Spihenkram nicht mehr die Rede ist und unsere Heirat mindestens auf Jahre hinausgefchoben werden muß."

Jetzt war an Giovanna die Reihe gekommen, ihre ruhige Haltung zu verlieren. Sie formtg empor, wie von einer Feder gefchnellt, und stieß einen Ruf des Schreckens aus, dann ergriff sie heftig den Arm des Notars und sagte in beschwö­rendem Tone:

„Sprich nicht so Tommaso, wenn Tu nicht willst, daß ich mir das Leben nehmen soll! Aber ich bin auch recht närrisch. Deinen Reden so viel Gewicht beizulegen — sage es mir, daß Du im ersten Sorget Dich hinreißen ließest und daß Deine Furcht übertrieben ist."

„Was nützte es. Dich mit eitlen Hoffnungen zu täuschen — es ist so, wie ich Dir sagte."

„Tas ist nicht wahr", schrie Giovanna, aus ihrer Rolle fallend, und dann stemmte sie beide Arme auf, wie es ihre Gewohnheit gewesen, als sie Orangen feilgeboten und es jemand brigefal- leit war, ihre Früchte zu tadeln. „Du stellst Tich nur so arm, die Leute sagen es alle und nennen Dich datum einen Geizigen 1"

„So!" höhnte der Notar, „nun sieh Dich doch in diesen Räumen um. es siebt wahrlich nicht da­

nach an?, als hätte ich verborgene Schätze zu hüten. Die Geschäste des Marchese waren es, die mir etwas eintrugen, denn die meisten meiner übrigen Klienten sind arme Teufel, und ich ge­winne zur Not gerade so viel, um den Zins für das Bureau zu bezahlen und alle die Nebenaus­gaben. Ich bin ruiniert durch diesen unvorher­gesehenen Schlag, denn ich habe Schulden — drückende Schulden — aber ich werde mich an der Urheberin meines Unglücks rächen 1"

Giovanna wat nachdenklich geworden. Viel­leicht schämte sie sich auch ihrer Aufwallung, di« so grell gegen das ernste und gehaltene Wese« obstach, das sie im Hause des Marchese angenonv men. auch sprach aus den Worten DasileoS f< bitterer Unmut, ja solche Verzweiflung, daß si< unwillkürlich daran glauben mußte. Etwa? kleinlaut geworden, meinte sie:

„Was würde es Dir auch nützen, wenn Du Dich an der Marchesa Albina rächen wolltest, un» wie sollte dies gefdjeben?"

„Hm — dazu könnte Rat werden! "

„Eine große Dame, wie die Marchesa, ist schwer zugänglich. Sie würde Tich einfach ab- weisen lasten, wenn Du es wagtest. Dich in ihrem Palazzo hier in Neapel oder in der Villa zu Portici einzustellen; zudem geht Madonna Al­bina nie allein auS.“

In tiefes Hinbrüten versenkt, hatte Tommaso auf die Rede seiner Braut nur wenig geachtet, und sich mit der Hand über die brennende Stirne fahrend, als wolle er peinigende Gedanken uni Vorstellungen, welche dort ihren Sitz hatten, ge­waltsam verscheuchen, sagte er gepreßt:

„Run, das wird sich alles finden, wir spre­chen noch darüber. Die Hauptsache bleibt, daß Du mir nach wie vor genauen Bericht über alles abstattest, was sich im Paläste des Marchese zu­trägt."

Du host Schlimmes vor — sage mir, was Du beabsichtigst, Tommaso", bat das Mädchen.

(Fortsetzung folgt.)