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35. Jahrqanq.

Fulda, Mittwoch den IS. Februar 1908.

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Preußischer Lauvtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 18. Februar 1908.

Die Beratung Les KultusetatS wird fortgesetzt beim Kapitel Elementarunterrichts- treten

Ein Antrag Gottschalk (nt.) fordert, daß die Dauer der Schulpflicht nach einbett- liehen Gesichtspunkten, jedoch unter Berucksichtt- aung berechtigter Sonderverhältnisse geregelt und daß einheitliche Bestimmungen über die Folgen der ungerechtfertigten Schulversäumnis, die Bor- aussetzungen ihrer Strafbarkeit, den Kreis der verantwortlichen Personen, die Art und Hohe der Strafen und das Strafverfahren getroffen werden. ,

Ein Antrag Engelbrecht (fk.) for^rt für da« Gebiet des schleswig-holsteinschen Kirchen­rechts die Anwendung der Bestimmungen des Gesetzes vom 23. September 1799 und des § 65 der allgemeinen Schulordnung von 1814.

Abg. Dr. Gottschalk (ntl.) begründet seinen Antrag mit der Verschiedenheit der gegenwärtig herrschenden Rechtszustände auf dem Gebiete der allgemeinen Schulpflicht.

Kultusminister Dr. Holle: Da sich aus dem gegenwärtigen Zustande keine Schwierigkeiten ergeben haben, so hat die Verwaltung an sich fern dringendes Interesse an eine einheitliche gesetz­liche Regelung dieser Frage zu gehen. Ich bin aber gern bereit, den Antrag entgegenkommend zu prüfen, möchte mir aber erlauben, darauf hin­zuweisen, daß der Zeitpunkt jetzt Wohl nicht ge­kommen ist, hier den Weg der Gesetzgebung zu beschreiten.

Abg. Engelbrecht (fk.) begründet seinen An­trag.

Ein Regierungsvertreter erklärt, die Regie­rung stehe dem Antrag sympathisch gegenüber, aber sie müsse genau und sorgfältig prüfen, ob der von dem Antragsteller gewiesene Weg wirk­lich geeignet sei, die Jugend vor der Schädigung der Sittlichkeit und der Religion zu bewahren.

Abg. Hanse» (Däne) tritt für den Antrag Gottschalk ein, bekämpft aber den Antrag Engel­brecht, da er unleidliche Zustände zur Folge ha- ben würde.

Abg. Hoff (frs. Vgg.) sicht dem Antrag Gott­schalk sympathisch gegenüber, wendet sich aber lebhaft gegen den Antrag Engelbrecht; dieser würde der Leutenot auf dem Lande nicht steuern, wohl aber würde er die Freizügigkeit der länd­lichen Jugend beseitigen.

Abg. Glattfelter (Ztr.): Nach den Erklärun­gen des Ministers scheint es nicht nötig zu sein, eine Neuregelung der allgemeinen Schulpflicht in Angriff zu nchmen. Ich möchte aber doch dem Wunsche Ausdruck geben, daß keine Ausdehnung der Schulpflicht stattfindet. Unsere Landwirt­schaft leidet unter der Leutenot, und deshalb ist es erwünscht, daß sie ihre Kinder nicht erst so spät zur Mitarbeit heranziehen können. Die An- trüge gehen an die Unterrichtskommission. Es folgt die Beratung des Antrages v. Schencken- d o r f f (ntl.) auf Vermehrung der Pflichtstunden zur Pflege der Leibesü düngen in freier Luft. Der Schulunterricht finde wäh­rend der ganzen Schulzeit im geschlossenen Raum statt in sitzender Stellung und bei einseitiger Kopfanstrengung statt. Da müßten Körperübun- gen in freier Luft den Ausgleich schaffen.

Kultusminister Dr. Holle: Die Unterrichts­verwaltung begrüßt den Antrag. Die Leibes­übungen werden möglichst gefördert, und es soll

erörtert Redner die Lage des Anwaltstandes, die dringend einer Besserung bedürfe.

Mittwoch: Fortsetzung.

Abz. Gröber (Ztr.)' Wolle» die Antragstel- ler die Beihilfen unwiderruflich gewähren, dann müssen sie das im Antrag auch zum Ausdruck bringen. Was nun die geschäftsordnungsmäßige Seite betrifft, so können, wie der frühere Staats­sekretär Graf Posadowsky einmal dargelegt hat, Resolutionen des Reichstags staatsrechtlich vom Bundesrat erst beantwortet werden, wen» die Session zu Ende sei. Der Bundesrat würde asto, wenn die Resolution angenommen werden sollte, erst zu ihr Stellung nehmen können, wenn die gegenwärtige Session geschlossen ist. Also auf dem Wege der Resolution geht es in absehbarer Zeit überhaupt nicht. Wir werden gegen den Antrag stimmen. (Beifall im Zentrum.)

Damit schließt die Diskussion. Die zur De- batte stehenden Titel werden bewilligt. Die Ab­stimmung über den Antrag Gamp findet in der dritten Lesung statt.

Nach weiterer unerheblicher Debatte wird der Etat bewilligt.

Zum EtatdesReichsjustizamts, des­sen Beratung nunmehr folgt, liegen nicht weni­ger als 11 Resolutionen vor. Eine Resolution Hompesch (Ztr.) fordert, daß den Unter- suchungsgefangenen allgemein und den Strafgefangenen unter gewissen Voraussetzungen Selbstbeköstigung und eine ihrem Beruf- und Bildungsgrad angemessene Beschäftigung ge­währt wird. Eine Resolution Siebert (Rp.) fordert einen Versuch mit der Einführung des überseeischen Strafvollzugs. Eine Resolution Heinz (ntl.) fordert einheitliche Regelung des Strafvollzugs, eine Resolution Basser mann (ntl.) fordert ein besonderes Strafrechtsverfahren gegen Jugendliche, ein Antrag Iunck (ntl.) for­dert gesetzliche ^Regelung des Rechts der Arbeits­tarifverträge. Resolutionen Ablaß (fr. Vp.) und Albrecht (Soz.) verlangen die Zahlung von Tagesgeldern an Schöffen und Geschworene; endlich fordern Resolutionen Albrecht (Soz.) die Einführung von Sondergerichten für Bureau- gehilfen und ländliche Arbeiter, gesetzliche Fest­legung und Sicherung des Rechts der ZeuguiS- bertoeigerung für Redakteure und Reichstagsab- geordnete.

Abg. Dr. Wagner (k.) tritt für die Resolution auf Vereinheitlichung des Strafvollzuges ein, er­klärt sich gegen die Resolution auf das Recht der Zeugvisverweigerung für Redakteure und Reichs­tagsabgeordnete.

Staatssekretär Dr. Rieberding: Die in den Zeitungen enthaltene Nachricht, die Novelle zum Jivilprozeß werde zurückgezogen, ist falsch, sie wird vielmehr demnächst dem Reichstag zugehen. Ein Gesetzentwurf betr. die Haftpflicht des Reichs für seine Beamten ist fertiggestellt und wird dem­nächst dem Bundesrat zugehen.

Abg. Dr. Heinze (ntl.): Wir legen den größ­ten Wert auf die einheitliche Gestaltung des Strafvollzugs. Die Klagen, die von sozialdemo­kratischer Seite über Klassenjustiz erhoben wer­den, können nicht ganz von der Hand gewiesen werden. Es war eben für die Justiz außerordent­lich schwer, den neuen Erscheinungen und Be­griffen, die mit der plötzlich und gewaltig an- fchwellenden Arbeiterbewegung sich ihr entgegen- stellten, gerecht zu werden. Es muß zugegeben werben, daß namentlich bei der Rechtspretchrng in Sachen des Koalitionsrechts Licht und Schatten nicht immer gleichmäßig verteilt werden. Auch bei der Bemessung des Strafmaßes wird nicht immer das richtige getroffen. In politischen Pro­zessen werden oft außergewöhnliche harte Urteile gefällt. Aber wenn man auf der einen Seite diese Mißstände ohne toeitereS anerkennen muß, so soll man sich auf der anderen Seite doch ebenso sehr von Verallaenieinerungen und Uebertrei- bungen hüten, wie sie in der sozialdemokratischen Presse an der Tagesordnung sind. Im weiteren

der Grund dazu gelegt werden, daß über di« Schulzeit hinaus ein Volksturnen und ein Volks­spiel allmählich sich entwickelt. Die Erreichung dieses Zieles aus alle mögliche Weise ist mein Bestreben. _ _ . .

Abg. Schmedding (Ztr.): Dem Grundgedan- ken des Antrags stehen wir sympathisch gegen- über. Der größte Teil der Jugend in den stad- ten sucht seine Erholung in geschlossenen Raumen durch Genuß eines möglichst großen QuantumS Alkohol. Die Folge ist Herabsetzung der gei­zigen und körperlichen Leistungsfähigkeit. Den Ausführungen des Antragstellers chaß auch aus nationalen Gründen die Förderung der Leibes­übungen notwendig ist, kann ich nur zustiinmen. Ob es aber im Rahmen der heutigen Ausgaben der Volksschule möglich sein wird, die Pflicht» stunden zu vermehren, kann ich nicht entscheiden. Die meisten meiner Freunde stehen auf dem Standpunkt, daß sie zwar an sich die tunlichste Förderung der Leibesübungen wünschen, aber eine Vermehrung der Pflichtstunden nicht für an­gezeigt erachten. Es geht auch auf freiwilligem Wege, und ich möchte wünschen, daß andere Städte dem Beispiel Gelsenkirchens folgen zum Nutzen unserer Jugend. (Beifall im Zentrum.)

Hierauf wird der Antrag einstimmig ange­nommen.

Die Beratung des Kultusetats geht weite« bei dem Kapitel „Seminar e".

Abg. Rzesnitzek (fk.) stellt gegenüber dem Abg. v. Jazdzewski fest, daß die Regierung die gesetz- lichc Regelung der Schulunterhaltungspflicht audj für Westpreußen und Posen zugesagt und sie nut aufgeschoben habe, um nicht Gelegenheit zu neuer Beunruhigung im Osten zu geben.

Ministerialdirektor Dr. Schwartzkopff stimmt dem zu.

Abg. Kirsch (Ztr.): Der Minister hat vor einigen Tagen erklärt, er sei ein Freund der geistlichen Lokalschulinfpektion, und es komm« für den Ortsschulinspektor der Ortspfarrer in erster Linie in Betracht. Es scheint aber, daß die Düsseldorfer Regierung in dieser Beziehung eine andere Auffassung hat, wenigstens hat sie mehrfach anders gehandelt, indem sie beim Ab­gang des bisherigen geistlichen Ortsschulinfpek- tors bestrebt war, diesen durch einen weltlichen Schulinspektor zu ersetzen.

Abg. Dr. Hackenberg (ntl.) begrübt die Er­klärung des Ministers über die Schulrevision, bittet aber, den Begriff „lieberlaftun3 der Schü­ler mit Wissensstoff" nicht zu eng zu fassen. Die Leibesübungen sollten auch auf dem Land« pflichtmäßig gemacht werden. Kurze Freiübungen wären nach jeder Unterrichtsstunde am Platze. Die Ortsschulinspektion ist eine alte übernom­mene Einrichtung, aber sie ist auch eine veraltete.

Mittwoch: Fortsetzung.

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Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 18. Fedr. 1908.

Die Beratung des PostetatS wird fortgesetzt beim Titel „Postassistenten". .

Abg. Kopsch (freis.Vp.) bemängelt, daß bte Ver­fügung des Reichspostamts, nach der den Beamten angemessene Gelegenheit gegeben werden solle, während der Schalterstunden Erfrischungen emzu- nehmen, nicht überall sinngemäß gehandhabt werde,

Slaatssrkretär Krätke erklärt, über die Frage, in welcher Weise den Schalterbeamten Gelegenheit gegeben werden soll, Erfri schungen einzu­nehmen, habe allein der Amtsvorsteher zu desinden.

Der Titel wird bewilligt.

Beim Titel „Unterbeamte* befürwortet

Abg. Bindewald (wirtsch. Vgg.) eine Besserstellung der Landbriefträger. Man sollte versuchen, sie wenigstens einigermaßen mit den Stadlbrief­trägern gteichzustellem

Staatssekretär Kratke erwidert, auch er halle die Gehälter der Landbrieflräger nicht für ausreichend und er werde sich bemühen, sie aus einen höheren Satz zu bringen. (Beifall rechts und im Zentrum.) Beim Titel „Postagenten* tritt

Abg. Köhler (wirtsch. Vgg.) für Besserstellung der Postagenten ein und bittet, ihnen einen Er­holungsurlaub zu gewähren.

Staatssekretär Krätke: Die Postverwaltung be­müht sich soweit wie möglich, die Stellen der Post­agenten zu bessern, aber eine gewisse freie Beweg­lichkeit bei der Behandlung dieser Stellen ist wünschenswert. Die Postverwaltung sucht nach Möglichkeit solche Agenten, welche die Konkurrenten nicht schädigen. Die Gewährung eines Urlaubs ist im allgemeinen unbegründet, weil die Leute ja meist 6ar nicht wegen ihrer sonstigen Beschäftigung auf rlaub gehen wollen.

Beim Titel „PosthilfSftellen* erklärt

Abg. Hamecher (Zentrum): Die Assistenten sowohl roie bie Briefträger wünschen bei bet in Aussicht genommenen allgemeinen Gehaltsauf­besserung ebenfalls berücksichtigt zu werden. Ferner wünschen sie eine Anrechnung der Militärdienstzert. Bei der definitiven Anstellung wünschen sie die Hilfsarbeiterzeit so angerechnet zu sehen, daß sie nach lljähriger Gesamtvienstzeit fest angestellt werden.

Zu den Titeln 38, 38h und 38b, in denen Be­träge zu außerordentlichen Vergütungen ausge- lvorfen sind, liegt der Antrag Frhr. von Gamp vor, der durch den die Verbündeten Regierungen ersucht werden, einen neuen Titel 38c in Höhe von 690 000 zu außerordentlichen Beihilfen für die mittleren und Unterbe­amten in Posen und Westpreußen in den Etat einzusetzen.

Abg. Schultz (Rp.) begründet den Antrag Gamp. Sachlich ist unser Antrag ja ein alter Bekannter. Um die Bedenken, die gegen das Wort „widerruflich" bestanden, zu beseitigen, ha­ben wir es gestrichen. Hoffentlich werden wir mit dem Bundesrat zu einer Verständigung kom­men, denn es tut wirklich not, daß der Disparität ein Ende gemacht wird, die jetzt auf diesem Ge­biete zwischen den preußischen und den Reichsbe­amten herrscht.

Abg. Soffermann (ntl.): Wir werden dem Antrag zustimmen. Erklärt nicht die Regierung heute sckwn ihr Einverständnis mit dem Antrag, sodaß der Posten heute schon in den Etat einge­stellt lverden könnte, so bleibt keine andere Mög­lichkeit, als einen Nachtragsetat einzubringen.

Abg. Singer (Soz.) erklärt, seine Freunde würden gegen den Antrag stimmen.

Deutsches Reich. '

br. Die Budgetkommission des Reichstags begann am Dienstag die Beratung des Etats für das Reichskolonialamt. Staatssekretär $ernbur8 gab zunächst einen Ueberblick über die Etats der Schutzgebiete Toge, Kamerun, Ost» afrika und der deutschen Südseeinseln. Er be­zeichnete die Entwickelung der Schutzgebiete al- eine durchaus günstige. Im weiteren gab Staats­sekretär Dernburg eine ausführliche Schilderung der Erfahrungen, die er während seiner Reis« nach Deutsch-Ostafrika gesammelt habe. Er be­tonte, daß die Verwaltung besonder- daraus acht haben müsse, bei den Eingeborenen Vertrauen zu erwecken. Die Vorschläge, die die Pflanzer zur Lösung der Eingeborenensrage gemacht hätten, seien unannehmbar. Notwendig sei vor allem

Im Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahrm Begebenheit erzählt.

1] (Nachdruck verboten.)

1.

Im Hause des Notar-.

Am Fenster eines niederen Gemaches, das die Aussicht auf eine enge und düstere Gasse, der Vorstadt Loreto in Neapel bot, stand an einem klaren Wintermorgen ein noch junger Mann in gebückter Haltung und blickte unverwandt auf die Straße hirvab.

War er nun des langen Wartens müde ge­worden. oder vermochten die Blicke seiner Augen, die denen eines Raubvogels glichen, denn doch nicht durch die halberblindeten Scheiben zu drin­gen — genug, er Iven bete sich hastig um und be­gann ungeduldig in dem kahlen, ärmlich ausge­statteten Zimmer auf und ab zu gehen.

Wenn die schmächtige, nach vorn geneigte Ge­stalt und das bartlose Gesicht dem Notar Tom­maso Basileo ein jugendliches Aussehen ver­liehen, wenigstens beim ersten flüchtigen Erbli­cken, so mußte bei näherer Prüfung der Beschauer eher zu der Ansicht gelangen, entweder die Jahre, harte Geistesarbeit oder aufreibende Leidenschaf­ten hätten daS bleichgelbe Antlitz des Rechtsge- lehrten gefurcht und dessen Scheitel gelichtet.

„Sie kommt nicht", murmelte der Notar endlich ärgerlich vor sich hin, und bann fügte er, die schmalen Lippen zusammenpressend, hinzu:

„Sollte Giovanna mir mißtrauen, oder gar mich verraten wollen? Wehe ihr, ich würde keine Rücksicht kennen und mit unnachsichtlicher Strenge feegen sie vorgehen."

Wie erschöpft durch eine starke Gemütsbewe­gung, ließ sich der Notar auf einem der arm- wen Holzsessel nieder, die den roh gezimmerten jnb mit Schreibgerät bedeckten Tisch in der Mitte

des unfreundlichen Zimmers umstanden, und stützte das Haupt mit beiden Händen.

Als er bann das Antlitz wieder erhob, hatte sich bie drohende Falte zwischen den dunklen Brauen noch vertieft und in ben Augen funkelte ein unheimliches Feuer, während die Finger der wohlgepflegten weißen Hand ein Briefblatt zer­knitterten, das offen auf dem Tische gelegen. Und doch glitten jetzt die Blicke Tommaso Ba- silios, wie magnetisch angezogen wieder über die Zeilen hin, die er feit gestern fchon wiederholt gelesen. Dieselben enthielten eine in der höflich­sten Form ausgesprochene Verabschiedung und das Ersuchen des Marchese Rionero, etliche Ge- schäftspapiere, welche sich noch in der Kanzlei des Notars befanden, einem vom Marchese bezeichne- ten, sehr namhaften Rechtsgelehrten Neapels aus- zuliefern. Dem Schreiben war eine bedeutende Summe als Honorar für gehabte Bemühungen beigelegt gewesen.

Was seinen reichen und vornehmen Klienten zu dieser Entschließung bewogen, die ebenso be­leidigend für das Ehrgefühl des Notars war, als sie feinen ohnehin schmalen Geldbeutel schä­digte, hatte er trotz allen Grübelns noch nicht herausgebracht.

Wohl war er einer der ärmsten und wenigst bekannten Rechtsgelehrten Neapels, und der ein­flußreiche Kavalier würde schwerlich an die Türe der Kanzlei Basileos, in einer engen Straße der alten Giudica gelegen, gepocht haben, wenn bet Vater bes Notars vor Jahren nicht bas Glück gehabt hätte, einem Glieds der Familie Rionero und zwar dem Oheim des Marchese, einen nam­haften Dienst zu erweisen.

So war es denn ein Akt der DanDarkeit ge­wesen, welcher den Marchese bewogen hatte, Tom­maso sein Vertrauen zu schenken — und nun hatte er ihm dasselbe wieder entzogen 1 War dies infolge einer Verleumdung geschehen?

Tommaso wußte, daß er bei feinen Standes- genossen wenig beliebt war. ia man batte ihn oft

eine gewisse Mißachtung fühlen lassen, wenn sich die Gelegenheit dazu bot.

In der Tat gab es allerlei Gerüchte über Ba­sileos Privatleben, welche im allgemeinen sehr ungünstig lauteten. Man machte ihm nicht seine Armut, sondern seinen schmutzigen Geiz zum Vorwurf, der ihn dazu getrieben haben sollte, Handlungen zu begehen, welche sich mit den Gese- tzen der Moral nicht vertrugen.

Beweise für solche Behauptungen waren aller­dings nicht aufzubringen, und doch vermied man den Umgang des Notars. Letzteres würde ihm ziemlich gleichgültig gewesen sein, denn er floh- mstinktmäßig die Gesellschaft, aber er bemerkte doch, daß dies Vorurteil der blöden Menge — so nannte Tommaso bie ihm bewiesene kühle Zilrückhaltung — in geschäftlicher Beziehung ihm Schaden brachte.

Das genügte, um ihn immer feindlicher gegen seine Nebenmenschen zu stimmen, und da er doch nicht ganz ohne Umgang leben konnte, so suchte er denselben in einer Sphäre auf, die tief unter ihm stand. Hier fühlte er sich wohl, genoß ein gewisses Ansehen und hatte zugleich die (Genug­tuung, so sparsam leben zu können, wie es ihm sein angeborener Geiz zur Pflicht machte.

Die mehr als einfachen Mahlzeiten bereitete ihm eine alte Frau im Hause, der er für diese Mühewaltung eine Kammer mit einigen alten Möbelstücken mietfrei überließ.

Mutter Annetta reinigte auch notdürftig die Zimmer des Notars und da sie des Lesens und Schreibens unkundig, auch so taub war, daß man sich ihr nur durch lautes Schreien verständlich machen konnte, hatte Basileo nicht zu fürchten, daß sie ihn belauschen oder sein Tun und Lassen bespähen würde, nm einen Gesprächsstoff in der Unterhaltung mit ihren Gevatterinnen zu haben — die Taubheit der Mutter Annetta machte ihr solche Herzensergießungen, wenn nicht ganz un­möglich. so doch sehr beschwerlich.

Der Notar starrte noch immer auf das ver­hängnisvolle Briefblatt und war so verlenkt in

feine Betrachtungen, daß er sogar keine Zeichen der Ungeduld über die verzögerte Ankunft bet von ihm erwarteten Person mehr äußerte, al8 der schrille Klang der Hausglocke sich vernehmen liefe.

Wie elektrisiert erhob sich Tommaso und eilte zur Tür hinaus, um, in dem düsteren Vorsaal angelangt, bie Haustür durch die dort ange­brachte Vorrichtung aufzuziehen.

Ein leichter Schritt, das Rauschen von Frau- engetoänbern liefe sich auf der Treppe vernehmen itnb bald ward die Geftalt eines kleinen, aber zierlich gebauten Mädchens sichtbar, das aller­dings nicht mehr in der Jugendblüte stand, im­merhin jedoch Spuren einstiger Schönheit be­wahrt hatte.

„Ich habe Dich schon mit Ungeduld erwartet, Giovanna, Du hast Dich sehr verspätet", begann Tommaso das Gespräch, indem er der Besucherin vorausschritt und die Zimmerttir öffnete.

Das Mädchen schlüpfte in das Gemach und befreite sich zuvörderst von der Last eines sie verhüllenden, dichten schwarzen Tuches, dann sagte sie, die Falten des steifen Seidenrockes glät­tend und bie Korallenketten auf dem Samtmieder ordnend, ein wenig schmollend:

„Das ist ja eine sehr zärtliche Begrüßung und es lohnt sich schon der Mühe, hierher zu kommen, was mir schwer genug gefallen ist."

„Närrchen," beschwichtigte Basileo feine zür­nende Verlobte, „siehst Du denn nicht ein, daß es just die Sehnsucht war, Dich zu sehen, die mich die Minuten zählen ließ?"

,£ft das wahr?" fragte Giovanna geschmei­chelt, „nun, ich will es gelten lassen, aber dies­mal wäre ich kaum fortgekommen, wenn mir nicht noch eine Lüge beigefallen märe; fo erhielt ich Erlaubnis zu dem kleinen Aussluge; ich habe Dir nämlich Wichtiges mitzuteilen Tom- mafo."

(Sortierung folgt.)