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votationrbruckund Verlag der Zuldaer AI» tiendruckerei in Zuld« Zerufprecher Nr. 4.

M 38.

Fulda, Samstag den 15. Februar 1908.

zu verhindern, daß etwas geschieht. Für gewöhn-1 Truppenmacht wird ausgesandt, und es kommt lich suchen Parlamentsmehrheiten sich zu stützen zum Kampfe. Je nach dem Ausfall dieses Kam-

Irveites

pfes ist ein weiterer Kriegszug notwendig: eine Kette ohne Ende. Die notwendige Folge eines derartigen Vorgehens muß eine allgemeine Er­hebung ganz Marokkos gegen die französischen Eindringlinge sein, und dann wird Frankreich Marokko erobern und zur Kolonie machen. Daß mau in Frankreich mit einem solchen Ausgang der marokkanischen Expedition rechnet, beweist die jüngst erfolgte Mobilisierung des Kolonialkorps. Im Auslande ist man nicht geneigt, dieses Vor­gehen Frankreichs als rechtmäßig zu bezeichnen, aber auch in Frankreich selbst mehren sich die Stimmen, die dieses Vorgehen verurteilen. Dem gab der französische Deputierte Jaurds am Mon­tag in der Kammer unzweifelhaften Ausdruck. Er erinnerte dabei an zwei Tatsachen, die nicht der Vergessenheit anheimfallen dürfen» daran, nämlich, daß der ermordete Dr. Mauchamps im französischen Solde tätig gewesen sei, um Mulay Hafid zur Empörung gegen Abdul Asis zu be­stimmen und so Abdul Asis zu zwingen, bei Frankreich Hilfe zu suchen, und daran, daß Mitte Januar Abdul Asis sich bei der deutschen Regie­rung über die Einmischung der Franzosen in die marokkaischeu Verhältnisse beklagt hat. Minister des Aeußern Pickon versuchte die französische Po­litik zu rechtfertigen, aber ohne rechten Erfolg. Man weiß schon. was man davon zu halten hat, wenn die französische Regierung immer und im­mer wieder versichert, daß sie von dem Boden der in Algeciras gefaßten Beschlüsse kernen Zoll

wähnte, La hat er gerade die Hauptsache ver­gessen: nämlich die Finanz- und Steuer­fragen. ES zeigte sich hierbei wieder, daß Fürst Bülow auf dein Gebiete der inneren Poli­tik doch eigentlich wenig bewandert ist, und daß ihm dafür noch immer der sichere Ueberblick und daS treffende Urteil fehlen. Sonst hätte ihm un- möglich entgehen können, daß die größten Ge- fahren, für den Block gerade von diesen ebenso schwierige« als brennenden Fragen drohten, und daß alles darauf ankam, vor dem Wrederzusam- mentritt des Reichstags hierüber eine Verstän­digung anzubahnen. Ter Gang der Verhandlun­gen über die neuen Steuerprojekte ist ja be­kannt. ES kam nahezu zu einer Blockkrisis, die sich jetzt in eine Krise im Reichsschatzamt um­wandelte, als der Reichskanzler im weiteren Ver­lauf persönlich eingriff und nachträglich über den Kopf des Staatssekretärs v. Stengel hinweg die Berständigung, die er bereits im Sommer hätte anbahnen müssen, nun nachträglich mit den Führern der Blochrarteieu suchte. Dadurch wurde der offene Ausbruch der Krisis beschleunigt, der Schatzsekretär Freiherr v. Stengel bestand auf seinem sofortigen Rücttritt und es wurde da­durch jene Verwirrung heraufbeschworen, die ge- eentoärtig noch an hält und erst mit der Ernen­nung eines neuen Leiters des Schatzamtes ihr vorläufiges Ende finden wird. Eigentlich sollte der Reichskanzler gehen, denn feine Politik ist es, die Schiffbruch gelitten hat, oder er bleibt und sendet feinen besten Mitarbeiter in die Wüste.

Inzwischen setzt der Block seine „segensreiche" Untätigkeit fort. Es ist ein ganz eigenartiges Schauspiel, von dem man noch lange singen und sagen wird, daß hier eine Resierungspolitik ge­trieben wird, deren wichtigste Aufgabe eS ist.

durch tüchtige Leistungen. Beim Block geht es anders. Da sucht man möglichst energisch zu ver- meiden, daß etwas geleistet wird, damit der Block

breit abweicht.

Auf dem Balkan haben die Bandenunruhen angenommen. Jeder der streitenden Teile sucht die Schuld auf die andern zu wälzen. In den letzten Tagen sind besonders heftige Anklagen ge­gen die bulgarische Regierung gerichtet worden, der mau vorwirft, sie habe in ihrem Etat 800 000 Dew für dieBanden bereit gestellt. Inwiefern der betreffende Fonds in dieser Richtung verwandt wird, ist für den Fernstehenden nicht zu kon­trollieren. Jede Regierung hat ja ihren Ge­heimfonds, deren Zwecke mehr oder weniger schmutzig sind.

nicht auseinanderfällt. Nachher . . . kann auch wieder an des Reiches Wohl gedacht werden. Schön ist eine derartige Politik ja nicht, aber sie ist das einzige Mittel, Bülows Position zu retten.

Die Polenvorlage, die sich zur Zeit in der Kommission des Herrenhauses befindet, wird nach den aus der Kommission in die Oeffentlich- keit gedrungenen Mitteilungen zu dem entschei­denden § 113, der von der Enteignung handelt, jedenfalls Zusatzbesttmmungen enthalten, die u. a. die Beschränkung des Enteignungsgebietes auf 70 000 ha beseitigen und die Enteignung für den Besitz, der seit länger als 10 Jahren im Besitz einzelner oder im Familienbesitze sich befindet, sowie für Fideikommißgrundstücke, sofern die Begründung des Familienfideikommisses länger als zehn Jahre zurückliegt, verbieten. Die Kom- Mission hat ihre Beratungen unterbrochen und will sie erst am 15. wieder fortsetzen. Während dieser Zeit sind Vermittelunqsverhandlungen ge­führt worben, über bereit Ausgang zur Zeit noch nichts bestimmtes verlautet.

In Oesterreich macht sich ein Abrücken von der deutschen Freundschaft immer mehr gel­tend, die unselige preußische Polenpolitik hat dort sehr verschnupft, zumal die Polen in Oesterreich viel Einfluß haben.

In P or t u g a l wurden am Samstag die Leichen des ermordeten Königs und des Kron­prinzen unter großen Feierlichkeiten beigesetzt. Als Vertreter des deutsc^n Kaiserhauses war Prinz Eitel Friedrich anwesend. König Manuels Genesung macht gute Fortschritte. Die Beisetz­ungsfeierlichkeiten wurden durch keinen Zwischen­fall gestört. Im ganzen Lande herrscht Ruhe, die Trauer um den ermordeten König scheint nicht allzu tief gegangen zu sein. Im Gegensatz zu seinem Vater legt König Manuel Wert dar­auf, an der Verfassung festzuhalten, und hat eine baldige Einberufung des Parlaments gewünscht, damit er vor dem Parlament den Eid auf die Derfastung leisten könne. Tie Willkürakte des Diktators Franko, die im Volke am meisten Un­willen erregt hatten, die Verhängung der Zen­sur über die politische Presse, zahlreiche Verhaf­tungen aus politischen Belveggründen, die Er­höhung der königl. Zivilliste, will König Manuel nicht anerkennen. Er hat angeordnet, daß für die Verwaltung des königlichen Hofes nur solche Gelder verausgabt werden dürfen, die vom Par­lament bewilligt sind, er hat ferner die Auf­hebung der Zensur und die Entlassung der voll- tischen Häftlinge verfügt. Es könnte demnach fast scheine^, als ob ein völliger Bruch mit dem

| System Franko beabsichtigt sei.

In Marokko hat ein Zusammenstoß zwi­schen den Franzosen und Marokkanern stattgeftm- den, bei dem die Franzosen schrvere Verluste er­litten haben. Charakteristisch für die ganze Art und Weise des französischen Vorgehens ist die Vorgeschichte dieses Kampfes. Ein französisches Detachement marschiert ins Land hinein, reizt die Eingeborenen auf jede Weise, raubt ihnen das Vieh; die Folge ist,' daß die erbitterten Einge­borenen während der Nacht das französische La­ger überfallen. Das erheischt Sühne, eine starke

D Der Papst jätet den Garten.

Ein protestantischer Schriftsteller hat über das Vorgehen der Päpste gegen Un- und Irr­glauben in der Kirche einmal gesagt: „Der Papst jätet den Satten und wirst das Unkraut über die Mauer". An dieses treffende Wort wird man erinnert, wenn man die heutige Lage der Kirche betrachtet. Eine Reinigung wird wieder vollzogen; manches, was schon innerlich welk war, zeigt sich jetzt im Lichte der Enzyklika auch äußer­lich als das, was es ist und wird ausgefätet.

Da sucht man nun an einigen Stellen eine günstige Gelegenheit, um als „Geistesheld", „Märtyrer feiner Ueberzeugung" usiv. recht ge­räuschvoll sich denen jenseits der Mauer zu em­pfehlen. Wir haben hier besonders den Fall Schnitzer im Auge. Mit Recht sagt der „B. K.", daß die Sache, wegen der Professor Schnitzer von der kirchlichen Behörde zur Verantwortung gezogen ist, hinter dem Artikel in der „Internat. Wochenschrift" zurückliege. Dieser Artikel kann der Sache keine Wendung geben, wohl aber jene Bemerkungen über do.I Leben Jesu, die Schnitzer in einer Monatsschrift im Anschluß an eine Be­

Wochen-Rrrn-schan.

x Fulda, 15. Februar 1908.

«en Akiba meinte zwar, es seiallesschon da- getoejen, aber was wir gegenwärtig mit ansehe müssen, ist denn doch rm Deutschen Lerche n o ch nicht dagewesen. Mitten m der L^»en Etatsberatung, nahe vor der Beratung des Etats des Reichsschatzamtes und anderer Wlchtlger Res- sortdorlagen erklärt der R e: ch s s ch a tz s e k r e- t ä r plötzlich, nicht mehr mitten zu wollen, bleibt den Verhandlungen der Kommissionen und des Reichstags fern und harrt nur auf inständige Bitten des Reichskanzlers noch so lange auf fer­nem Posten aus, bis ein Nachfolger für ihn ge­funden worden ist. Man sucht und steht, klopft b i und dort an, holt sich eine Menge Korbe und kmn den Kühnen nicht finden, der bereit Ware, bl die Lucke einzurücken und die Herkulesarbeit einer umfafienbeit Rsichssinanzreform auf sich ju nehmen. ES enthüllt sich da ein peinlicher Zustand der Zerfahrenheit, der am letzten Ende auf einen Mangel an Voraussicht des leitenden Staatsmannes zurückzuführen ist. Als Fürst Bülow im vergangenen Sommer in Norderney mit den Vertretern der Blockparteien eingehend verhandelte und die parlamentarische Kampagne diese- Winters sorgfältig vorbereitet zu haben

35. Jahrqanq.

sprechung von Günthers „Legendenstudien" machte. Die kirchliche Behörde werde sich an der gewissenhaften Erledigung der ernsten Sache auch durch die jüngste Kundgebung nicht stören lassen. Sie werde nach Erledigung der Ange­legenheit auch für entsprechende Aufklärung des Publikums sorgen. Dann fährt der „Bayr. K." fort:

„Nach menschlichem Ermessen ist im Fall Schnitzer eine Aussöhnung leider nicht zu erwarten; die Gegen­sätze, die auf Jahre zurückdatieren, Haffen zu weit. Herr Tr. Schnitzer wird, so wie wir den persönlich so liebenswürdigen Hochschullehrer kennen, auch kein Gewicht darauf legen, den Zusammenhang mit der Kirche aufrecht zu erhalten. Die Gelegenheit scheint ihm günstig zu einem Schritte, der kommen mußte und schon lange hätte kommen können und sollen. Dies­mal, so meinte wohl Herr Dr. Schnitzer, werde doch einmal die römische Wach- und Schließgesellschait — dies fein Ausdruck — nicht umhin können, ihres Amtes zu walten. Damit ist die Situation gekenn­zeichnet . . . .*

Was man an Einzelheiten über die Vor­lesungen Schnitzers jetzt erfährt, muß allerdings höchst bedenklich stimmen. Ta wird Christus der Selbstüberhebung bezichtigt; feine Wunder wer­den als Lug und Trug bezeichnet; höhnisch wird gefragt, warum Christus keinen Lnugenschwind- süchtigen geheilt habe usw. Nun, man könnte ja auch die Frage aufnehmen, weshalb er keinen hochmütigen Professor zur Demut geführt, habe. Wer aber so lehrt, der ist mit der Kirche zerfallen, und es ist für beide Teile eine Wohltat, wenn die Scheidung auch äußerlich er­folgt. Man kann höchstens fragen, wie es kom­men konnte, daß sich solche Dinge so lange ab­spielen konnten, ohne daß die zuständige kirch­liche Behörde eingegriffen hat.

Der Theotocueprofcjfor Bardenhewer ii München legte in einer Vorlesung über die Ang» legenheit ungefähr folgmdes bar:

Herr Professor Schnitzer ist s iSpeublert und ener­gisch zum Widerruf seines Artikels auf gefordert worden. Dieser Artikel, über die Enzyklika Pascendi und die katholische Theologie handelnd, er stellt die katholische Kirche als die Feindin aller Wiffenscbaft und Kultur dar. Es werden aber nicht etwa historische Beweise vorgebracht, sondern Anekdoten und öd« Schimpfereien, ganz banale Gemeinplätze, wie sie in jeder kirchenfeindlichen Zeitung täglich $U leien sind. Darauf, daß der Papst das Recht und di« heiligste Pflicht hat, zu wachen über di« Reinheit der Glaubenslehren, wird keine Rücksicht genommen. Wichtiger aber als dieser Artikel ist ein gleichzeitig in den .Süddeutschen Monatsheften' erschienener Auf­satz i Legenden-Stndien, ebenfalls mit der Unterschrift Joirph Schnitzer. Schnitzer verbreitet sich darin über die Wunder der Heiligen und des Herrn. Hier stellt er folgende Grundsätze auf: Die Wunder lassen sich mit den Mitteln geschichtlicher Kritik nicht als wirklich Nachweisen; sie sind in das Reich der Legende zu verweisen, sie seien reich an legendären Zu­sätzen. Es sei ein trauriges Zeichen der Rückständig­keit, wenn der Wunderbeweis in der kirchlichen Dog­matik eine entscheidende Rolle spiele: „in der Lehre von der Gottheit Christi, wie denn noch zur Stund« von der Dogmattk Wunder und Weissagungen als di« vermeintlich festesten Säulen des christlichen Funda« mentaldogmas angeführt werde«'' Hieraus erhellt; daß der Verfasser nicht mehr aus katholischem, auch nicht mehr ans christlichem Stand­punkt steht; denn die Möglichkeit uns Tatsächlichkeil der Wunder ist Glaubenssatz. Das Anatbenr deS Vati­kanums findet fast wörtlich Anwendung auf den Aufsatz in den Südd. Monatsheften. Weiterhin wird erklärt, daß di« kirchlichen Selig« und Heiligsprechungsurtelle k inen An­spruch aufAutorität erheben konnten, weil sie vonWundern abhängig gemacht würden. Noch mehr fordert Wider«

Unpolitische Zeitläufe.

(::) Berlin, 13. Februar 1908.

(Nachdruck verboten.)

Wieder ist ein Der luter „Bankier" ausge­ruckt. Siegmund Friedberg heißt er. Zu den Leidtragenden, die ihre Spargroschen verloren fabelt, sollen viele kleine Leute gehören: Lehrer, Briefträger usw.

Ja, warum brachten sie beim ihr gutes Geld diesem Manne, der ihnen gar keine Sicherheit bot? Tie Geschädigten werden vermutlich ant­worten mit der ©eegnfrage: Warum ist e3 ge­stattet, daß jeder geldgierige Herr von Habenichts eine „Bank" aufmachen und die unerfahrenen Geldbesitzer anreißen darf, um mit den „depo­nierten" Gelder,, anderer Leute Spekulationen und Luxus zu treiben? Keine Aussicht, keine Warnung. Erst wen» die Kinder ertrunken sind, kommen Polizei und Gericht, um den Brunnen tu Behandlung zu nehmen.

Man sagt, die kleinen Leute in ihrer llitec- ahrenyert könnten gar zu leicht getäuscht und ein gefangen Vierden. Aber manchmal geht cs "9Kapitalisten trotz aller bermeintli- wen Geschastsken-itep» auch nicht besser. In die- fern Winter hatten wir ja schon den lehrreichen Krach Eberbach. Ein junger Mann, der noch niebt aus dem Schneider heran« ist, hatte mehrere große Aktiengesellschaften für Hotelbetrieb unter letne Ge»valt gebracht und mit bereit Werten Spekulationen und ®d)tebuugen gemacht, bei eenen eine Reihe vo» Millionen verpufften. DaI Bauernfängerei mehr, sondern eher eine Solbbaronenfangeret.

®inä haben diese Abenteurer und Schwindel- meier gemeinsam: fte leben auf dem üppigsten Fuße in allem möglichen Glanz und Genuß Na­türlich ein prachtvolles Automobil vor allem: es braucht nickt immer dasselbe zu fein, da das Wechseln fein ist. Auch ist er beliebt, gleichzeitig mehrere Wohnungen zu haben, von denen die eine fürstlicher eingerichtet ist als die andere. (Wird der Mann „nervös", so schläft er im Ho- Ully läßt seine mehrfachen Heimstätten leer- LUI- ^tine --Geliebte" gehört auch zum not- Inventar. Mit der verkehrt man aber £'7* tm Geheimen; nein, sie ist ein Prunkstück, »hw bei lebet Gelegenheit den Bekannten und

I auch den Unbekannten vor Augen geführt wird. Daneben ist der schauspielernde „Millionär" noch Stammgast in gewissen Balllokalen und wirft dort mit Goldstücken und Hundertmarkscheinen so um sich, daß die ganze gemischte Gesellschaft aus dem Staunen nicht herauskommt. Solche Le­bensweise schadet dem „Kredit" nicht; im Ge­genteil, man glaubt, daß der Mann riesige Ge­schäfte mache, weil er doch sonst nicht so viel aus­geben würde.

Das Ende ist Zahlungsunfähigkeit, Flucht,Ban­kerott, Verhaftung, Strafprozeß. Der Schwind­ler wird eingesperrt und die Beschwindelten sitzen auf ihren geleerten Beuteln. Die sauerste Arbeit hat der Konkursverwalter. Die Bücher find entweder unordentlich geführt oder sie sind mit raffinierter Sorgfalt so geführt, daß sie ein trügerisches Bild ergeben. Diejenigen Papiere, welche das beste Licht geben könnten, sind in der Regel verschwunden. Der Verwalter mnß nun in einem wahren Dorngestrüpp sich den Weg zur Wahrhett bahnen. Konkursverwalter in einer großen Handels» und Geldstadt zu sein, erfordert beträchtliche Kenntnis und Kunst; es ist das eine Spezialität, in der sich mit der Zeit wahre Dir- tuosen herangebildet haben. Natürlich bringt die schwere Arbeit auch wa3 ein.

Kürzlich hat jemand vorgcfchlagen, man solle die sog. Bankiers insofern unter Kontrolle neh­men, als dem Börsenvorstand oder sonst einer ge­eigneten Korporation alle Jahre die Bilanz jedes Bankiers zugestellt werden müßte., Auf Grund der Bilanz könnte dann denen, die sich nach der betreffenden Bank erkundigen, Auskunft erteilt werden. Der Mann meinte, es sei nicht einmal ein direkter Zwang nötig; wenn der Vor­stand gegebenenfalls dieAuskunft erteilen würde: „Der „Betreffende hat die Bilanz nicht cinge- reicht", so würden sich alle schon rechtzeitig mit ihrer Bilanz einfinden. Freilich, die faulsten Banken würden am allerersten mit einer präch- hgen Bilanz zur Stelle sein. Was läßt sich nicht alles auf baä geduldige Formular an Aktiven aufschreiben und von Passiven verschweigen? Die falsche Bilanz gehört ja zu dem Hauptrüstzeug der waghalsigen Spekulanten und der hinterlisti­gen Schwindler. Das Einreichen dieses voll­getippten Papiers hätte gar keine reelle Beden» tungtung. Es müßte eine gründliche Kon­trolle der Aufstellung stattfinden, und zwar

nicht bloß rechnerisch, wie sie die vereideten Bü­cherrevisoren zu machen pflegen, sondern eine sachliche Nachprüfung bis in die letzten Wurzeln deS Geschäftsbetriebes hinein, wobei jeder Ver­mögenswert in natura geschätzt und die sämtlichen Verbindlichkeiten auS den gesamten Akten von Grund auf herausdetailliert werden müßten. Ist das $u machen? Und wenn es ginge, wo ist dann die Gewähr, daß der Bankier, der auf Grund besten eine amtliche Empfehlung erhalten hat, nicht bald nach dem Abschied des Revisors das Geschäftsvermögen und die Depots feiner Kunden in einer halsbrecherischen Spekulation aufs Spiel setzt?

Eine halbe Kontrolle ist noch schlechter wie gar keine. Jetzt weiß wenigstens das Publi­kum, daß es die eigenen Augen aufmachen muß. Die scheinbare Aufficht würde die Selbsthilfe ein­schläfern und also das Uebel noch großer machen. Wenn von Staats wegen etwas geschehen soll, so müßte man das Hinterlegungswesen von Grund aus neu ordnen. Die Hinterlegungsbanken müß­ten getrennt sein von den Spekulattonsbanken. Es müßten behördliche Treuhänder bestellt wer­den, welche die deponierte» Werte in Verwahrung halten. Für die sogenannten offenen Depots, die dem Bankier zur Verfügung gestellt werden, könnten angemestene Sicherheiten verlangt wer­den.

Soweit sind wir noch lange nicht, und bis dahin heißt es: Trau; schau, wem. Sieh dir den Mann an, dem du dein Vermögen und die Erbschaft von Frau und Kindern anvertrauen willst! Sieh dir das Geschäft an, mit besten Gedeihen oder Verderben du dich durch deine Spargroschen solidarisch machst! Laß dich nicht durch die glänzende Außenseite oder durch den bestrickenden Redefluß einfangen. Noch weniger durch den verheißenen hohen Gewinn. Wer dir übermäßige Zinsen oder sonstige außerordent­liche Vorteile in Aussicht stellt, ist verdächtig; denn auch ein solider betrieb kann nicht eine ungewöhnlich hohe Rente herauswirtschaften, und jeder unsolide Betrieb bedeutet eine Wag­halsigkeit, wobei dein Hals mit in der Schlinge steckt.

ES ist schon diel darüber! geklagt worden, daß auf dem Gebiete des Bankwesens die Gro­ßen die Kleinen verschlucken und sich immer mehr der Geschäftsbetrieb auf die sogenannten Eroß-

1 bauten mit ihrer Unmasse Filialen konzentriert. Das ist in der Tat bedauerlich, ebenso tote die übermäßige Konzentration des Kleinhandels in den großen Bazaren. Die alten soliden Ban­kiers, welche in ihrem Kreise als redliche Ver­trauensmänner in Geldangelegenheiten tätig find, dürfen nicht verschwinden. DaS Publikum muß nur verstehen, den Weizen von der Spreu zu unterscheiden. ES sollte nicht jedem Wind­beutel ins Garn laufen, der mit Rcklamekünsten fremdes Geld in seine leeren Taschen locken will.

Tie Hauptsache ist: wenn du ein einfacher Mann bist, der vom Börsengeschäft nichts ver­steht, so laß deine Hand und dein Geld von allen Spekulationen und begnüge dich mit den Zinsen, welche die mündelsicheren Werte dringen. Fragst du einen Bankier um Rat, wie du deine kleinen Kapitalien anlegen sollst, und er rät dir an Stelle der bombensicheren Papiere schwankende Werte an, so bedanke dich höflich und geh zu einer solide­ren Stelle.

Tie Sparkasse bringt keine hohen Zin­sen, aber sie ist sicher. Laß dich nicht durch den vermeintlichen Mehrgewinn an Zinsen verlocken. Sonst geht es dir am Ende wie dem gierigen Hund in der Fabel, der nach dem Spiegelbilde schnappte und dabei das Stück Fleisch, daS er im Maule batte, fahren ließ.

Sicherheit bieten auch die regelrecht verwalte« ten Genossenschaften mit ihren Spar- kaffen.

Und wenn du noch weiteren Bedarf hast, fo geh' an das S ch u I d b u ch des Staates oder deS Reiches. Dort reichst du eine Reichs- oder Staats- schuldderschreibung ein, bekommst regelmäßig die Zinsen zugeschickt, hast mit der Verwaltung nichts zu tun und bist vor Diebstahl, Brand und auch vor eigenem Leichtsinn gesichert. Wenn du zu dem Zwecke ein Papier anfaufen willst, so laß dir an der Bank nicht etwas anderes aufschwä- tzen. Jetzt stehen die mündelficheren Papiere recht niedrig. Das ist schlimm für die, welche solche verkaufen müssen; aber es ist gleichgiltig für die, welche die Papiere Mtbalten, und es ist v or- teilhaftfiir die, welche neue Spargroschen an­legen wollen.

Tie Betrüger werden nicht alle, so lange die Tummen nicht alle werden, die sich auf jeden glitzernden Leim locken lassen.