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Fulda, Freitag den 14. Februar 1908.

jv? 37.

35. Jahrgang.

Zweites 'KZtcrtt.

Vie neuen Uoionialdenkschriften.

Die neuen Denkschriften über die Entwicklung der Schutzgebiete sind erschienen: es find die er­sten, die nach den Anweisungen des Staatslekre- tärs Tcrnbnrg aufgestellt worden sind. Tatz es darin an kühnen Bildern mcht fehlt, daß neben -er Wirklichkeit auch die Phantasie zu Worte kommt, sagt uns schon die Geschichte von der Dattelkiste. Aber streicht man einige Prozent ab, so bleibt doch die sehr umfangreiche neue Denk- schrift ein Werk, das eingehendes Studium ver­dient.

Wir haben für Dernburg nach seiner ganzen Vergangenheit keine besondere Sympathie übrig, das leugnen wir nicht: aber wir treiben eine Politik der Sache. Daher gestehen wir auch offen zu, daß uns seine Darlegungen über die E i n- geborenen Politik gut gefallen: daß wir in fast allen Teilen mit ihr einverstanden sind. Mit besonderer Genugtuung aber stellen wir fest, daß Dernburg in dieser Politik nur den Bahnen folgt, die das Zentrum schon vor Jahren gewiesen hat.

Wir wollen Lies nur an einer Frage zeigen, an der vielerörterten Arbeiterfrage in Ost- afrika. Gouverneur von Rechenberg und Staats­sekretär Dernburg sind scharf angegriffen wor­den, weil sie aus Ostafrika keinen Sklavenstaat macken lvollten, in dem einige Hundert Weiße die Herren und die Millionen Schwarzen dir Ar­beitstiere sind. Mit Recht hebt die Denkschrift hervor, daß es total falsch sei anzunehmen, der Reger arbeite ohne Zwang nicht. Im Gegenteil ergeben die Berichte der Verwaltungsbehörde, daß der Eingeborene, von einigen Hirten­völkern und sonstigen Stämmen abgesehen, über­all ohne Druck seine Produktion vergrößert, wo er eine» genügenden Erfolg seiner Arbeit sieht. Wo die Arbeit nichts einbringt, arbeitet ec freilich ebensowenig, wie dies der Europäer tun würde. Da der etwaige Ueberfluß der Ernte wegen der Schwierigkeit, vor Insekten und Rat­tenfraß zu schützen, selbst beim besten Willen nur schlver ausbewahrt werden kann, so produziert der Neger gewöhnlich nicht mehr, als er unbedingt braucht. Wo sich aber die Absatzmöglichkeit bie­tet, arbeitet auch der ackerbauende Neger in höhe­rem Maße, als anzunehmen bei uns Gewohnheit geworden ist. Beispielsweise haben die Mun- yamwesi, als sie den guten Absatz ihrer landwirt- ^chastlicheu Erzeugnisse bei den Plantagenarbei­tern bemerkten, angefangen, den Ackerbau im großen zu betreiben und selbst Arbeiter anzuneh­men, um größere Landflächen zu bebauen.

Wenn in manchen Gegenden die Neqerarbeit nicht vorankommt, so liegt das an der über alle Maßen schlechten Bezahlung. Schon 1906 stellte der Abg. Erzberger fest, daß dort eilt Ta- gelohn von Va Pfennig bezahlt worden sei. Die „nationalen" Blätter stellten dies in Ab­rede. Was sagt nun die Denkschrift? Sie stellt als Grund der angeblichen „Faulheit" der Neger die Tatsache fest, daß der Eingeborene von der von ihm verlangten Arbeit nicht stets einen ent­sprechenden Vorteil hat. Oft wurde von den Eingeborenen eine Summe von Arbeitsleistungen verlangt, die keinen entsprechenden Nutzen brach- ten. Insbesondere war dies bei den kommunalen Baumwollschamben der Fall. Bei der Verteilung des Gewinnes kam auf den Arbeiter für zwei­monatliche Arbeit ein Verdienst, welcher zwischen 6 und 18 Pcsa schwankte. Außerdem sollte er inar» ten, bis die Baumwolle in Hamburg verkauft.

der Erlös verrechnet und verteilt. worden sei. Daß die Eingeborenen sich gegen eine derartige Bezahlung ihrer Arbeit auflehnten, ist nicht zu verwundern. Daß sie der Kultur der Baumwolle an und für sich nicht feindlich gegenüberstanden, beweist der Umstand, daß dieselben Leute, dir sich gegen die gemeinsamen Schamben sträubten, jetzt freiwillig Baumwolle pflanzen, weil sie ihnen jetzt abzskauft und voll bezahlt wird, so in den Bezirken Rusiji, Bagamoje, Morogoro und teil­weise in Kilwa. So die Denkschrift. Also für 2 Monate Arbeit — 6 bis 18 Pesa, d. h. 12 bis 36 Pfennig: das ist der Lohn für 2 Monate — 60 Tage: int günstigsten Falle erhält also der Ne­ger pro Tag einen halben Pfennig.

Die Denkschrift geht auch mit dem Geschret der Weißen, als habe man keine Arbeiter in Ostafrika, scharf ins Gericht; sie stellt fest, daß eine „Arbeiternot" im eigentlichen Sinne bes; Wortes zwar nicht vorhanden ist, daß aber dnrch den Verlust an Zeit und Geld, mit der Arbeiter­beschaffung verbundene, mannigfache Unbequem- lichkeiten entstehen, denen durch eine geeignete Organisation, bessere Verkehrswege und geeigne­tere Arbeitsbedingungen abgeholfen werden muß. Entschieden verworfen wird ein Arbeitszwangs­gesetz, wie es von mancher Seite im Hinblick auf die angeblich „unverbesserliche Faulheit des Siegers gefordert wird. Wie aber der Arbeiter dort behandelt wird, sagt folgende Stelle aus dem amtlichen Berichte:

„Die gewöhnliche Verpflichtungsperiode eines Muyamwesi beträgt 6 Monate. Damit find aber nicht Kalendermonat«, sondern Zeiträume gemeint, die je 30 Arbeitstage enthalten. Ooscho tVrrpflegungsgeld) wird täglich oder wöchentlich, der Gesamtlohn aber am Ende der Berpflichtungszeit gezahlt. Dadurch kommt e?, daß die Kontraktbrüchigen ihres gesamten Lohnes verlustig geben. Natürlich soll eben daS Einhalten des Lohnes ein Vorbeugungsmitlel gegen den Konkraklbruch sein, und es wäre dagegen auch nicht viel zu sagen, wenn nicht durch die Art der Berechnung der Kontrakt­bruch in etwas milderem Lichte erschiene. Da alle Sonntage, Regentage, Krankheitstage und Ruhetage in die Berpflichtungszett nicht eingerechnet werren, so kommt es häufig vor, daß ein Jahr und mehr vergeht, ehe die 6 Monate abgearbeitet sind. Dazu kommt, daß noch jetzt das System auf einigen Plantagen herrscht, daß, wenn der Arbeiter in der Zwischenzeit einen Barvorschuß erhebt, für jede Rupie Vorschuß, auch wenn sie im gleichen Monat zurück­gezahlt wird, die Verpfiichtungsdauer um je 2 Monate wächst. Jeder Arbeiter erhält täglich eine ArbeitSmarke und für je 30 derselben eine Monatsmarke. Erst beim Borzeigen von 8-MonatSmarken wird der Gesamtlohn gezahlt. Auf diese Weise kommt es vor, daß ein Mann, der sechs Monate zu bleiben gedachte, jahrelang an die Plantage gefesselt ist, und wenn er endlich des langen Wartens müde, entläuft, seines gesamten rückständigen Lohnes verlustig geht".

Außerdem wird darauf aufmerksam gemacht, daß es bei dieser Rechnungsart fast ausgeschlossen ist, daß auch nur zwei Mann von einer größeren Anzahl zugleich angeworbener Leute an demsel­ben Tage mit ihren 6 mal 30 Arbeitstagen fertig lverden. So kommt es, daß, wenn von den Sul­tanen aus einer Landschaft 50 Wann in einen Trupp gestellt worden sind, diese nicht, wie er­wartet wird, auch in einem Trupp zurückkommen, öndern sich in ganz verschiedenen Zeiträumen einstellen. Dci3 erregt natürlich Erbitterung und macht die Sultane nicht geneigt, ein zweites Mal Leute zur Verfügung zu stellen.

Solche vernünftigen Sätze und eine solche charfe Mißbilligung des Verhaltens der ostafri- anischen Kulturpioniere haben wir noch in keiner amtlichen Denkschrift gelesen. Wenn Dernburg o weiter geht, hat er in diesen Fragen die Un­terstützung des Zentrums: denn er sieht die Ein­geborene wenigstens nicht als Objekte der Unter­drückung und Ausbeutung an.

' Bestand der ländlichen Senossen- schastrwesenr.

Es ist eine höchst erfreuliche Erscheinung, daß dec Wert deS Genossenschaftswesens für die Heu- tige Landwirtschaft immer mehr anerkannt wird. Tie Bestandsziffer des ländlichen Genossenschafts- tvesens hat sich bei einer Zunahme nm 886 Ge­nossenschaften im Jahre 1907 auf 21339 gehoben. Hierunter befinden sich 14 285 Spar- und Dar- lehnskassen, 2 069 Bezugs- und Absatz-, 2904 Molkerei-, 173 Milchverwertungsgenosienschaften und 1878 sonstige Genossenschaften.

Bei der neuerlichen Geldknappheit trat der Vorteil der genossenschaftlichen Kreditorga- nisation besonders greifbar zutage. Ein Rückgang der Spareinlagen hat nur in gering­fügigem Umfange stattgefunden, wohl aber stet- gerten sich erheblich die Kreditansprüche. Zahl­reichen Schuldnern, denen von privaten Gläu­bigern ihr Kredit gekündigt wurde, wandten sich nun hilfesuchend an die Darlehnskasse, obschon man diesen Leuten gegenüber, die die Tarlehns- kasse nur in Zeiten der Not kennen, dann auch eine gewisse Zurückhaltung beobachten sollte. Als Grundsatz sollte für die Genossenschaftskasse gel­ten: Darlehen dürfen nur Mitgliedern gewährt werden, Spareinlagen dürfen auch Nichtmitglie­der machen.

Ans dem Gebiete des genossenschaftlichen W a- renbezugs empfindet man die Macht der großen Unternehmerverbände, der Ringe, Syn­dikate und Kartelle immer drückender. Dec Ein­fluß dieser Organisationen macht sich namentlich beim Kohlen-, Maschinen- und Kunstdüngerbezug fühlbar. Nur durch einen möglichst lückenlosen genossenschaftlichen Zusammenschluß der Land- töirte wird man jenen mächtigen Unternehmer- Verbänden einen gleich starken Machtfaktor ent­gegensetzen können, um s» günstigere Preis- und Lieferungsbedingungen durchzusetzen.

Besonders lebhaft war die Zunahme bet Mol­kerei- und Milch Verwertungsgenos­senschaften. Jedoch hatten Bestrebungen der Mitchproduzentenvereine auf Erhöhung der Milchpreise nachteilige Nückwirkungen auf die Molkereigenossenschaften zur Folge, da infolge der gestiegenen Milchpreise viele Mitglieder ihre Milchlieferung an die Genossenschaftsbetriebe ein­stellten. Gewarnt werden muß immer wieder vor einer bedenklichen Uebertreibung, vor einer zu weitgehenden Milchabgabe zu gewinnbringen­der Verwertung, weil dies zu einer gesundheits­schädlichen Unterernährung und zu einer weite­ren Steigerung der ohnedies schon starken Säug- lingssterblichkett auf dem Lande führen würde.

Die Frage der genossenschaftlichen Vieh- Verwertung ist im letzten Jahre mehr als je erörtert worden. Veranlassung dazu bot der mgewöhnlich hohe Stand der Kleinhandelspreise ür Fleisch, demgegenüber die Biehpreise teilweise auf einen unrentablen Tiefstand zurückgingen. Zum Ztvccke der Abhilfe hat man die Möglichkeit erwogen, einen direkten Geschäftsverkehr der Landwirte mit den Ladenschlächtern mittelst der Viehverwertungsgenossenschaft unter Ausschal­tung der mannigfachen preisverteuernden Zwi- chenglieder herbeizuführen.

Neben den hieraus folgenden wirtschaftlichen Wirkungen der landwirtschaftlichen Genossenschaf­en ist nicht gering zu veranschlagen auch die Hebung und Betätigung des genossenschaftlichen Geistes, der Nächstenliebe, der Hilfsbereitschaft ür die Berufsgenossen, die Pflege des Standes- bewußtseins und Gemeinsinns, die Erziehung zur Selbsthilse und Selbstzucht.

Immerhin hat bei uns tut Genossenschafts­wesen noch manches zu geschehen. Eine Reihe vernachlässigter Zweige des Landwirtschaftsbe­

triebes, wie beispielsweise die Obstproduktion, ist nur auf genossenschaftlichem Wege zu heben. Deutschland bezieht zurzeit für etwa 2 MilNarven Mark Wert landwirtschaftliche Haupt- und Ne­benprodukte mehr aus dem Auslande, als deren bei uns gewonnen und verbraucht oder erportierk werden. Diese enormen Summen durch Eigen­produktion dem Jnlande erhalten zu wollen, wäre ein Unternehmen, das sich außerordentlich lohnen würde und als ein Ziel der landwirt­schaftlichen Betriebsorganisation für die Zukunst zu betrachten ist. _____

Deutsches Reich.

Neber die Behandlung der Eingeborenen in Südwestafrika schreibt daS .Betliner Tage­blatt' (Str. 75 vom 2. Februar 1909):

„In der Proklamation war u. a. gesagt worben, daß vom 20. Dezember 1905 ab keine Herero« weiften mehr aufgesucht und aufgeboben werden sollten; dann war der ganzen Abfassung nach daraus zu entnehmen, daß die gebetzten, gejagten, halb »et* hungerten armen Teufel fortan hier, wenn auch schließ­lich nicht für immer, doch geraume Zett sitze« bleiben könnten. In diesem guten Glauben habe« sich die Leute auch ihre sorgfältig hergestellten I on« toks erbaut, in der gewohnten Weise ihre ringförmig angeordneten Wersten errichtet usw. .... Als dir Zahl der sich Elellenden immer mehr anwuchs, wurde die Befürchtung wach, die Herero könnten aufs neue, ihrer neugewonnenen Starke sich bewußt werdend, sich erheben. Dazu spürten diese total heruntergekommenen Flüchtlinge aber wahrlich keine Lust mehr. Ich habt die Aufnahme von den Trupps gesehen, wie sie an« kamen: buchstäblich nur mit Haut überspannte Gerippe. Solche Leute machen, auch etwas herauSgefüttertz keinen Krieg mehr. Und außerdem fehlten dazu jeg­liche Führer; die Masse des Volkes ist im Kriege, zum Teil widerwillig, lediglich ihren Kapitänen nachgelaufr« So wurden die Leute, die sich kaum erst wieder sicher fühlten, von den beiden Sammetstelle« weggenommen, und im ganzen Schutzgebiet« da und dort, wo man eben Arbeiter benötigte, hingesetzt. Eine ganze Anzahl ist bei dieser Gelegenheit au8- gerissen, nun erst recht kopfscheu gemacht durch diese« nach ihrer Auffassung neuerlichen Worlbruch. Dies« Anschauung hat auch bis zur Stunde «inen guten Teil mit dazu beigetragen, daß sich die immer noch ver­hältnismäßig zahlreich im Felde in Verstecken (nament­lich gebirgigen Teilen bei Landes, wie im (Stenge* gebirge, in den Paresttbergrn ufro.) verborgen hal­tenden Trupps Hüten werden, sich zu stellen. Daz« kommt, daß ein klipp und klar in der Proklamation gegebene» Versprechen nicht gehalten wurdet das bezüglich des NichtmehraushebenS der Werft«» Und die Arbeiterfrage ist durch diese übereilte Räu« mung der Sammelstellen um keinen Schritt der Lösung zugeführt, tm Gegenteil. Di« paar Tausend wirklich wieder arbeitskräftigen Männer und Weiber sind, auf die zahlreichen Bedarfsstellen verteilt, wie ein Tropfe« Wasser auf einen heißen Stein."

Diese Auslassungen sind nach jeder Richtung hin beachtenswert; sie besagen insbesondere auch, daß eS eine große Verschwendung ist, wenn mast noch 4000 Soldaten dort unten läßt und für diese jährlich über 30 Millionen Mark ausglbt. Das Zentrum muß und wird auf eine größere Sparsamkeit hinwirken.

** Hage«, 13. Febr. 1908. Ein starkes Stück hat sick dec bekanntlich mit starken Vorurteile« gegen die Katholiken behaftete Oberbürgermeister Cuno von Hagen geleistet. Dem „Wests. Volksbl." zufolge hat er dem katholischen Pfarrer Lillotte dortselbst die Mitteilung gemacht, an seiner Stelle werde vom 1. April, dem Beginne dec Gültigkeit des neuen Schulunterhaltungsgesetzes, der altkatholische Priester Thelen als Ver­treter dec Katholiken Hagens in die städtische Schuldeputation eintreten. Herr Cuno legt sich die Sache folgendermaßen zurecht: Nach dem preußischen Gesetze gelten die Altkatholike« noch als Katholiken, folglich ist auch dec altkatho-

Zum Lourdesjubiläum.

Am 11. Februar waren es genau 50 Jahre, daß inMassobielle, in unmittelbarer Nähe der süd- französischen Stadt Lourdes jene großartigen Er­scheinungen und Heilungen ihren Anfang nah­men, welche nicht bloß die katholische Welt, son­dern audj weite Kreise der akatholischen Mensch- heit in Aufregung versetzten.

Man hat die Erscheinungen von Lourdes viel anzuzweifeln gesucht, der handgreiflichste Beweis für ihre Tatsächlichkeit liegt aber wohl in dem glelchzetttgen plötzlichen Ursprung der bis dahin nicht vorhandenen Quelle mit ihrem wunderbaren Hellwasser. Daß in Lourdes sehr viele außerordentliche Krankenheilungen sich voll­zogen haben und gegenwärtig sich noch voll­ziehen, wird heutzutage von niemanden mehr geleugnet und kann auch nicht geleugnet werden. Das eigens zu diesem Zweck eingerichtete ..Kon­statierungsbureau", das mit anerkannter wissen- schaftlicher Genauigkeit arbeitet und Aerzten jeg­licher Weltanschauung Zutritt gewährt, hat vom .1858 bis 1904 nicht weniger als 3353 auf natürliche Weise unerklärbare Heilungen kon­statiert. Natürlich sind auch sehr viele Heilun­gen dem Bureau nicht bekannt geworden, so daß sich die Zahl derselben noch erheblich vermehrt.

Um dem Wunder auszuweichen, hat man auf die natürliche Heilkraft des Lourdes- tvassers hiugewiesen. Allein einmal wurden viele geheilt, ohne daß sie mit dem Wasser überhaupt in Berührung kamen. Dann hat die wissenschaft­liche Untersuchung des Wassers durch Professor Filhol von Toulouse unanfechtbar ergeben, daß baS Lourbeswasser keine einzige heilkräftige Mi- nervlsubstanz enthält. Endlich wäre es doch gar zu sonderbar, wenn durch ein einmaliges oder zweimaliges kurzes Bad in einem auch noch so heilkräftigen Wasser die verschiedensten körper- lichen Leiden, wie Blindheit (in 48 Fällen), Taub- stummheit (m 31 Fällen), offene Wunden (in 44

Fällen), Tuberkulose (in 650 Fällen) usw. wie mit einem Schlage geheilt wurden.

Die Lourdesgegner, welche die Tatsachen an­erkennen müssen, aber ihren übernatürlichen Cha­rakter leugnen wollen, berufen sich zur Erklä­rung der Heilungen gewöhnlich auf die Sug» g e ft i o n. Die Heilung durch Suggestion be­steht bekanntlich darin, daß durch die lebhafte unerschütterliche Einbildung, die Krankheit sei nicht mehr vorhanden, letztere tatsächlich zum Verschwinden gelangt Aber die Heiluugsmög- lichkeit durch Suggestion erstreckt sich nur auf einen ganz beschränkten Kreis von Nervenleiden. Organische Fehler, wie Krebs, Tuberkulose, Blind­heit, Knochenbrüch« sind durch diese Heilmethode, wie auch leicht zu glauben ist, noch niemals ge­heilt worden. Nun sind aber in Lourdes gerade solche Leiden in übergroßer Anzahl beseitigt wor­den. Außerdem bedarf es, wie jeder Kenner dec Suggestionsmethode erklärt, auch zirr Heilung geringer Leiden oft eines Wochen-, ja monate­langen Verfahrens. Die Heilungen in Lourdes aber haben sich fast ausnahmslos in einem Augen­blick vollzogen.

Nun wolle» aber die Tatsachen doch ihre Er­klärung haben. Wenn die natürlichen Ursachen wie in unserem Falle nicht ausreichen, müssen wir zu einer übernatürlichen greifen und eben ein. Wunder annehmen. Das fordert nicht der katholische Glaube, sondern das verlangt dir menschliche Vernunft. Wir Katholiken sind ja ?»« n&er bon Lourdes nicht angewiesen. 11n.'er Glaube fußt auf ganz anderen Tatsachen. >?eder Katholik kann über Lourdes denken, was rr«*?r «,un& doch für jeden Fall ein guter Katho- n u jedenfalls ist es auch für den

Katholiken keine Schande, vernünftig zu denken und ei» Wunder anzunehmen, wo eine andere Erklärung einfach unmöglich ist.

— Vater und Sohn. Der kürzlich erfolgte Tod des ehemaligen Dorfschulzen Johann Karl

Schluck auf der Insel Hiddensee erinnert die „Voss. Htg." an eine hübsche Episode aus dem Leben dieses Originals. Bei der großen Sturm­flut von 1872 hatte auch unser Eiland Hiddensee arg gelitten. Bei mancher der alten Fischerka- ten hatten die Wogen sich nicht begnügt, durch Tür und Fenster hineinzuspazieren, sie hatten sich durch die kümmerlichen, aus Lehm und Torf hergestellten Wände eigene Eingangs gemacht, die späterhin von den Bewohnern notdürftig mit Wrackbrettern zugenagelt wurden, und noch jahre­lang ein ernstes Memento an die Flut darstellten. Tie Hiddenseer wollten ihre Hänschen nicht noch einmal im Spiel der Wogen sehen und faßten ba­ßer den kühnen Gedanken, da sganze Dorf Bitte nach dem hügeligen Norden der Insel zu ver­legen. Der damalige Ortsschulze Johann Schluck machte sich zusammen mit noch zweien auf nach Berlin, um eine Audienz beim Kaiser nachzu­suchen. Infolge einflußreicher Fürsprache fanden sie auch den Weg zum Hofe. Nur der alte Kai­ser selbst war nicht zu sprechen; der Kronprinz, der nachmalige Kaiser Friedrich, empfing die drei Fischer. Das enttäuschte die biederen Hiddenseer zunächst etwas, und einer von ihnen sagte: Je, toi toull'n eigentlich den Ollen spräken." Der Kronprinz lachte und unterhielt sich mit ihnen auf gut plattdeutsch. Ec meinte freilich, als die Abordnung ihren kühnen Plan entwickelt hatte: „Kinnings, bat kann nicke warben!" Doch ver­sprach er reichliche Unterstützung. Den Hibben- feem war bas Herz warm geworben, und zutrau­lich verabschiedete sich Johann Karl Schluck mit den klassischen Worten: „Na, denn stell'» Sei Vaddern bat man orbentlich vor!"

— Die Preise der Sterne. Die Zahlen, welch« bi« Massenverhättniss« der Sonne und der Pla- neten zu einander ausdrücken, geben ein nur wenig anschaulicdes Bild von ihren gegenseitigen Beziehungen, denn wenn man die Masse der Erde als Einheit fetzt, ergeben sich folgende Zahlen: Erde 1,000, Venus 0,787, MarS 0,105, Merkur 0,061, Mond 0,018. Xaiui bi* «roßen Gestirne:

Sonne 324,439, Jupiter 310, Saturn 92, Neptun 16, Uranus 14 Taufend. DaS Bulletin der fran­zösischen Astronomischen Gesellschaft berichtet nun über eine originelle Idee, die ein Freund der Astro­nomie gehabt hat, um diese Verhältnisse viel an­schaulicher zu machen, indem er sie durch Geld­summen ausdrückie. Wenn man nämlich annimmt daß die Erde durch ein Zwanzig-Frankstück repräsen­tiert wird, so erhält man für unser Planetensystem folgende Werte:

Erde 20 FrkS. NranuS.... 280 Frks.

Venu» 15 , Neptun.... 320 ,

Mars ........ 2 „ Saturn... 1.840 ,

Merkur 1 , 20 Jupiter... 6.200 ,

Mond 0 , 25 Sonne .... 6.780,000 ,

Merkwürdige; Resultat.

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— Der Kilemeterfresser. „Wenn nun der indisch« Professor Makastaja doch recht hätte und e» gäbe eine Eeelenwanderung — —!" — „— und das stimmt Dich so trübsinnig?" — „Ja — denke Dir —, wenn ich nun in eine Schneck« verwand»!! metben würbe!"