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Fulda, Donnerstag den 13. Februar 1908.
JV$ 36.
35. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 12. Februar 1908.
Die am 8. Januar abgebrochene Beratung -es Antrages des Freiherrn von Nichthofen auf Einführung einer Pension s- und Sinter- bliebene »Versicherung der Privar- beamten wird fortgesetzt. Neues konnte dre Debatte naturgemäß nicht mehr bringen. Der Antrag wurde nach kurzer Tlskusswn an der sich die Abgg. Schack sw. Bgg.). Potthoff sfrs. Vgg.) und Lehmann (Soz.) beterllgten, ernsnm-
itnig angenommen.
Es folgt die Beratung des Antrages des Abg. Prinz Schönaich-Carolath betr. Regelung des Automobilverkehrs.
Durch den Antrag werden die verbündeten Regierungen ersucht, baldtunlichst einen Gesetzentwurf betr. die Regelung des AulomobilverkehrS unter Berücksichtigung der von der 16. Kommission des vorigen Reichstags in erster Lesung gefaßten Beschlüffe dem Reichstag vorzulegen.
Abg. Prinz zu Schönaich-Carolath (nL): Wir verlangen keine rigorose Bestimmungen. Wir bekämpfen nur die Ausschreitungen und die Rücksichtslosigkeit gewisser Automobilfahrer (Beifall). Wir verlangen einen größeren Schutz als bisher für die Fußgänger und für die Mitglieder der Menschheit, die nicht im Automobil sitzen und die überhaupt kein Automobil haben (Beifall). Dor allen Dingen verlangen wir eine bessere Ausbildung der Chauffeure. Weiter verlangen wir, daß die Herren sich daran gewöhnen, langsamer zu fahren; sie fahren mit ihrem Auto bann noch immer schneller als ihre Väter und Großväter (Heiterkeit). Unbedingt verboten werden müssen die Automobil-Straßenrennen. Ich bitte den Reichskanzler, wenn er inzwischen fein anderes Gesetz hat ausarbeiten können, und den früheren Haftpflichtgesetzentwurf mit den von der Kommission vorgeschlagenen Aenderungen uns wieder vorzulegen. (Beifall.)
Staatssekretär Dr. Ricberding: Eine S1 a- < i ft i I über die Automobilschäden ist inzwischen aufgenommen. Vom 1. Oktober 1906 bis zum 1. Oktober 1907 wurden 4931 Automobilunfälle festgestellt (Hört! Hört!); 2419 Personen wurden verletzt (Hört! Hört!) 145 verloren ihr Leben (Hört! Hört!). Der Reichskanzler hat, bevor die Statistik aufgestellt war, dem Reichsjustiz- amt den Auftrag gegeben, ein Gesetz auszuarbeiten. Das ist geschehen, der Entwurf ist. nachdem das Reichsstcklizamt sich mit dem Reichsamt des Innern ins Einvernehmen gesetzt hatte, der preußischen Regierung zur Prüfung vorgelegt worden; ich hoffe, daß dem Hanse die Vorlage demnächst zugeherr kann. Der Entwurf enthält die zivilrechtliche Entschädigungspslicht, Bestimmungen über die Vorbildung der Chauffeure und endlich Strafbestimmungen.
Abg. Frhr. von Malzahn (k.) dankt der Regierung für die Ausarbeitung der Vorlage.
Inzwischen ist eine Resolution Grober (Ztr.) eingegangen, worin die Regierung ersucht wird, baldtunlichst einen Gesetzentwurf betr. die Haftpflicht für den beim Betrieb von Kraftfahrzeugen entstehenden Schaden und betr. die Regelung des Verkehrs mit Kraftfahrzeugen im Deutschen Reich dem Reichstag vorlegen zu wollen.
Abg. v. Tircksen (Np.) fordert eine verschärfte Prüfung der Chauffeure und mißbilligt die Hergabe öffentlicher Straßen für Automobilrennen.
Abg. Gröber (Ztr.) wendet sich gegen die Straßenrennen; ee kenne keine Bestimmung, welche den Staat zwinge, sie zu dulden. Bei der letzten Verhandlung erklärte der Staatssekretär, die Regierung sei verpflichtet, für die Sicherheit auf den Straßen zu sorgen; aber er schwäche das durch den Nachsatz ein, die Regierung habe auch
die Aufgabe, die Automobilindustrie zu fördern. Eine Industrie, deren Entwickelung nur auf Kosten von Leben und Gesundheit der Mitmenschen möglich ist, hat keine Berechtigung. (Lebh. Zustimmung.) Im übrigen ist die Industrie bisher nicht imstande gewesen, billige Automobile für die breiten Enverbszweige herzustellen. Der Red- ner begründet dann die Resolution. Sie zeigt die Richtlinien an, in denen wir uns eine Regelung des Verkehrs denken. Auf die Beschlüsse der XVI. Kommission, die der Antragsteller aus- drücklich in seinen Antrag ausgenommen hat, nimmt unser Antrag nicht bezug, weil diese Beschlüsse sachlich nicht ganz unbedenklich sind. Das gilt namentlich von der Bestimmung, wonach ein Unterschied gemacht werden soll je nachdem den Betriebsunternehmer ein Verschulden trifft oder nicht. Das wollen wir gerade vermieden wissen. Wir wollen, daß den Automobilbesitzer die ganze Haftung trifft, wenn er nicht beweisen kann, daß höhere Gewalt oder ein Verschulden des Verunglückten vorliegt. Wir wollen eine Vorlage, die möglichst rasch kommt, wenn es sein kann, sogar im Automobiltempo. (Große Heiterkeit und Beifall.)
Abg. Ledrbour (Soz.): Es soll ein Entwurf ausgearbeitet worden sein, aber Prinz Heinrich hat auf dem Diner bei der Eröffnring der Anto- mobilausstellung gegenüber diesem „Damoklesschwert" erklärt: „Wir sehen ihm mit voller Ruhe und Zuversicht entgegen". Bei solchen Aeußerun- gen ist es doch wohl nötig, daß der Reichstag rechtzeitig einen kräftigen Druck dahinter setzt. Es ist charakteristisch für diese Herren, die die Hauptmatadore des Automobilsports sind, daß sie sich in dieser Weise in öffentliche Angelegen- beiten mischen. Dagegen müssen wir uns energisch verwahren. Gerade die Automobilraserei der hohen Herrschaften gibt das schlechte Beispiel für die andern.
Staatssekretär Dr. Niebrrding: wendet sich gegen den Hinweis des Vorredners auf gewisse hohe Stellen: Das Reichsjustizamt habe den Entwurf vollkommen selbständig aufgestellt.
Der Antrag Schönaich wurde einstimmig angenommen; gegen die Stimmen der Nationalliberalen und Freisinnigen auch der Antrag Gröber (Ztr.)
Donnerstag Nachtragsetat.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetrnha«?.
Sitzung vorn 12. Februar 1908.
Die zweite Beratung des Kultusetats wird begonnen.
Abg. Dittrich (Ztr.): Auf kirchlichem Gebiete ist ein wertvolles Gut für uns die kirchliche Freiheit, b. h. die Bewegungsfreiheit, weil wir den Wunsch haben, nicht etwa zu herrschen, wie man uns vielfach nachsagt, sondern weil wir wünschen die reichen Kräfte, die in unserer Kirche und ,in ihren Instituten liegen, für das Wohl des Einzelnen wie für das Wohl der Gesamtheit furchtbar zu machen. (Sehr richtig! i. Ztr.) Darum und aus keinem anderen Grunde wollen wir Frei- heil der Bewegungen zunächst in den Gotteshäusern, und da empfinden wir es als einen großen Mißstand und Eingriff in die kirchlichen Rechte, daß in letzter Zeit öfter die Staatsbehörden Nachforschungen haben anstellen lassen, wie und in welcher Sprache der Gottesdienst und die Predigten gehalten werden. (Hört, hört!) Wir beanspruchen auch das Recht und die Freiheit, Ordensleute als Aushilfskräfte für die geordnete Seelsorge nach Bedürfnis heranzuziehen. Das liegt in unseren Institutionen, umsomehr, als bei der steigenden Kompliziertheit aller Verhältnisse, bei dem fortschreitenden Anwachsen der
Aufgaben die gewöhnlichen Mittel der Seel- sorge nicht mehr auSreichen. ,Wir erkennen an, daß die Staatsregierung in dieser Beziehung uns weit entgegcngefommen ist. Aber es gibt doch noch große Lücken. Man rügt mit Recht die Loyalität der Bevölkerung Ermlands, warum versagt man uns bann, was man anderen Gegenden gewährt, denn in ganz Ost- und Westpreußen gibt es kein Männerkloster, in Posen nur eine einzige Niederlassung. Wir verlangen ferner freie Bewegung auch für unsere chan- tätigen Genossenschaften. Nach der gegenwärtigen Gesetzgebung ist für jede Niederlassung die Erlaubnis von zwei Ministern not- wendig, die das Bedürfnis prüfen sollen. Bei der wachsenden Armut und Not, wo eigentlich täglich neue Bedürfnisse auftreten, da bedarf es doch wirklich keiner Prüfung. Man weist hin auf die nahen Beziehungen dieser Genossenschaften zur Kirche. Ich meine, das Verhältnis zur Kirche bietet doch die Bürgschaft, daß über das Bedürfnis nicht hinaugegangen werden wird, ^n, dem Verhältnis der christlichen Konfessionen, zu einem- der und bei ihrer gemeinsamen Arbeit an den großen Kulturaufgaben der Gegenwart, an der Wohlfahrt des Volkes und des Vaterlandes ist nichts so störend, wie der konfessionelle Unfriede. (Sehr richtig! i. Ztr.) In letzter Zeit haben sich zahlreiche Stimmen erhoben, die auf die Gefahren des konfessionellen Zwistes für unser Volksleben hingewiesen und zum Frieden gemahnt haben. Wir.be grüßen freudig diese Stimmen und sind durchaus bereit, die an uns alle gerichtete Mahnung zu beachten. Wir wollen das Trennende znrückstellen, und das Gemeinsame betonen. (Beifall i. Ztr.) Auf dem Gebiete des Schulwesens haben sich in letzter Zeit durchgreifende Veränderungen vollzogen. weitere stehen noch bevor. Auf dem Gebiete der Volksschule tautet dec Ruf der liberalen Lehrer und Parteien: Beseitigung der geistlichen Schulaufsicht, der Kreisschulinspektion, wie der Ortsschulinspektion unter der Devise: Fachschulaufsicht. Wir Katholiken haben die geistliche Kreisschulaufsicht im Nebenamt schon so gut wie ganz verloren. Die Verdrängung der evangelischen Geistlichen hat ebenfalls bereits begonnen. Wir bedauern diesen Gang der Dinge des Prinzips wegen, weil hierdurch wiederum die innige Verbindung zwischen Kirche und Schule etwas gelockert wird, aber wir wünschen und verlangen, daß diese fortschreitende Säkularisierung der Kreisschulinspektion doch nicht zu einer ganz- lichen Verdrängung der Geistlichen ans diesem Gebiete führt. Je weniger wir uns von der gegenwärtigen Kreisschulinspektion versprechen, desto mehr Gewicht müssen wir legen auf die Beibehaltung der geistlichen Ortsschulin- spektion. Der Minister hat erklärt, daß er die Ortsschulinspektion nicht beiseitigen will; er will die Ortsschulaufsicht vertrauenswürdigen Personen übertragen. Dies werden ja in der Regel Geistliche fein, weil man auf dem Lande kaum einen vertrauenswürdigeren Mann für diesen Posten wird entdecken können. (Sehr richtig! t Ztr.) Den Geistlichen soll jedoch die tech- nische Beaufsichtigung des Unterrichtsbetriebes entzogen werden und den Kreisschulinspektoren überlassen bleiben. (Hört, hört! i. Ztr.) Das ist eine Konzession an diejenigen, die immer nach der Fachschulaufsicht rufen. Wir sehen in diesem Vorhaben einen höchst bedenklichen Schritt. (Sehr richtig! i. Ztr.) Die Geistlichen sind ihrem ganzen Bildungsgänge nach in jeder Beziehung zur technischen Beaufsichtigung geeignet. Man rühmt mit Recht den hohen Stand unseres Volksschulwesens, aber unter welchen Bedingungen und unter welchen Verhältnissen hat denn unser Dolksschulwesen seine Höhe erreicht? Doch unter der geistlichen Ortsschulinspektion. (Sehr richtig!
L Ztr.) Und wie soll ich mir ein gedeihliches Zusammenwirken zwischen Lehrern und Geistlichen, auf dem Lande denken, um daS innige Verhältnis zwischen Strebe und Schule aufrecht zu erhalten? Es ist zu befürchten, daß das innige Zusammenwirken bei bet Neuordnung der Dinge nicht erreicht werden wird. Deshalb möchte ich den Minister dringend bitten, sich die Sache noch einmal zu überlegen, bevor er bet der Umgestaltung der Schulaufsicht einen Schritt tut, der für das Verhältnis zwischen Schule uni Kirche in hohem Grade verhängnisvoll werden könnte. (Lebhafter Beifall i. Ztr.)
Abg. Dr. v. Jazdzewski (Pole) beklagt sich darüber, daß auf kirchlichem Gebiete im Osten die Parität nicht gewahrt werde. Für protestantische Kirchen wird dort vom Staat vier bis fünfmal mehr aufgewendet als für katholische Kirchen. Der polnische Unterricht ist in den Volksschulen verboten worden. Da sollte man doch wenigstens den polnischen Privatunterricht, erlauben, aber man hat auch diesem Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Der Religionsunterricht muß unbedingt in der Muttersprache erteilt werden. Die Negierung hat früher selbst diesen Standpunkt eingenommen.
Kultusminister Holle: Die beiden Vorredner haben sich mit der Frage der katholischen Kranke norden beschäftigt. Während die protestantis hen Diakonissenorden freie Organisationen sind, sind die katholischen kirchliche Orden und sie unterstehen deshalb den Vereinbarungen, die über die kirchlichen Angelegenheiten mit dem päpstlichen Stuhl getroffen sind. Wir haben 2160 katholische Ordensniederlassungen mit über 30 000 Mitgliedern, darunter 145 Männer- und 1960 Frarienniederlassungen. Dir Männerniederlassungen zählen 3900 Mitglieder, an Ordensschwestern sind 26 000 vorhanden. Von den Niederlassungen widmen sich 1690 der Krankenpflege, 205 anderen Zweigen der CharitaS, der Waisenpflege usw., 25 beschaulichem Leben und 62 der Seelsorge. Im letzten Jahre sind 56 Niederlassungen genehmigt worden. Diese Entwickelung dürfte doch zeigen, daß die beteiligten Ressorts den charitativen Einrichtungen der katholischen Kirche Wohlwollen und Entgegen- kommen entgegenbringen. Selbstverständlich^ muß in den Gebieten, in denen nationale Kämpfe stattfinden, auch außerordentliche Vorsicht obwalten. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen manche Anträge, in überwiegend evangelischen Gegenden des Ostens und des Nordens katholische Niederlassungen zu gründen, eingehend erwogen werden. Wir müssen Wert darauf legen, daß nicht durch neue Niederlassungen neue Reibungen entstehen. Im übrigen stehe auch ich auf dem Standpunkt, daß das Gemeinsame der Konfessionen möglichst beachtet werden muß. (Beifall.) Auf die Sprachenfragen wolle er heute yicht eingehen. Im übrigen werde nicht durch den deutschen Sprachunterricht das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, der Schule und den Kindern gestört. Das geschehe durch ganz andere Sachen.
Abg. Dr. Friedberg (ntl.): Zur Frage der fachmännischen Schulaufsicht hat der Herr Minister erklärt, daß die Einführung der fachmännischen Schulaufsicht verbunden werden soll mit der Dezentralisation in der Kreisinstanz. Letztere aber liegt noch in weiter Ferne, und deshalb können wir uns mit einer Verschiebung der ersteren bis zu der Zeit, wo die Dezentralisation statt- finden wird, nicht einverstanden erklären. Ebenso wenig sind wir damit einverstanden, daß, in der Kreisinstanz auch die Kirche Sitz und Stimme erhalten soll, es muß eine rein staatliche Behörde geschaffen werden. Der Minister hat erklärt, daß als Lokalschulinspektor in der Regel der Ortsgeistliche ernannt werden soll. DaS verstößt m. E. gegen den Geist des Gesetzes von
Der Türmer von Bonn.
Erzählung aus der Franzosenzeit von Dr. Wilhelm Ruland.
12] (Nachdruck verboten.)
Lohn verlange ich nicht für meine Dienste; ich fürchte nämlich, unser Herrgott würde mir den abziehen im Jenseits drüben; nur ein kleines Stübchen habe ich mir geben lassen im Konvent nebenan; eine eiserne Bettstelle enthält's, ein Oe scheu, daS mir der gute Kanonikus Hilarius Klein aus St. Remigius hinbesorgt hat — einen Tisch und einen Stuhl. Auf dem Tisch liegen etliche alte Bücher, die mich schon seit meiner Jugendzeit überall begleiten und bei mir bleiben bis zu meiner Sterbestunde. Die Settern sind zwar anjetzt zu winzig für meine müden Augen; zum Glück weiß ich den Inhalt halb auswendig, blieb mir auch wenig Zeit zum Lesen bei meinem Samariterberuf.
Der gute Franziskaner Lubertius Uphof ist ins Prison abgeführt worden, weil er in seiner Predigt gegen die Republik gesprochen, desgleichen der edle Kanonikus Hilarius Klein, weil er keine Kokarde getragen hat.
20. Floreal VIIJ, d. i. 10. des Maimonds 1800.
Ein furchtbares Gewitter ist über unsere Stadt hergezogen. Blitze haben gezuckt in jeder Minute, und der Donner hat gebrüllt, wie man es nie vernommen hat seit Menschengedenken. Männiglich ist erschrocken gewesen bis auf den Tod; auf einmal ist ein Blitz herunfergefahren auf den Turm von St. Remigius auf dem Rö- merplatz — dann ist eine mächtige Rauchwolke emporgestiegen, die Trommeln haben geschlagen und die Feuerhörner geblasen auf allen Straßen.
Ich stürmte hinaus aus den Platz, und wie ich hinkomme, da sehe ich den lieben, alten Turm, von dem ich hundertmal herunter das Signal jegwen, In lichten Flammen stehen. Laut auf-
schreien hätte ich mögen bei diesem Anblick — und doch haben die Menschen in der Nähe gestanden auf dem kleinen Kirchhof und in den engen Straßen und haben sich ergötzt an dem traurig- schönen Schauspiel. O, ihr hartherzigen Menschen! So sehr hat schon das verderbensvolle Beispiel der Franken auf euch eingewirkt, daß ihr kalten Herzens hier gafft, und euch an dem Verderben labt! Einige Axthiebe zur rechten Zeit hätten genügt, um die vom Wetterstrahl getroffene Spitze zusammenzustürzen und den ganzen Ausbruch der Flammen zu hemmen.
Ein Munizipalbeamter ist eilends hergekom- men und hat vergebens Geld, gute Worte und Drohungen angewendet, um etliche Werkleute zu bewegen, in die Spitze des Turmes zu steigen, und hat sich endlich selbst mit einigen Edlen heraufgewagt und die Löscharbeit verrichtet.
Das Feuer hat schlimm an der Kirche gewütet, aber der Turm steht noch. Wer weiß, wann er fällt?
Am 29. des Heumonats 1801.
Unser allergnädigster und geliebter Landesfürst Mar Franz ist bei Wien gestorben. Ich bin zu ergriffen, um noch etwas schreiben zu können. . . .
Im Julius 1804.
Drei Jahre sind's her, seit ich nichts mehr auf diese Blätter geschrieben habe. Manches ist anders geworden seit jener Zeit; die Revolution hat ihre eigenen Kinder verschlungen: ein Neuer ist aufgestanden, hat feine Vorgänger zu Boden geschmettert und feinen Namen an die Sterne des Himmel geheftet — Napoleon heißt der Gewaltige, und vor dem Klange dieses Namens, den man vor etlichen Jahren noch nicht kannte, zittert das alte Europa. Die Männer der Freiheit sind zahmer geworden, auch dem alten Gott haben sie wieder ein Plätzchen im Kalender gegeben.
Der Kaiser soll nach Bonn kommen, und alles ist in Bewegung; die Schreiner. Polsterer und Maler haben nimmer so viele Beschäftigung gehabt denn heuer. Ein großer Triumphbogen ist errichtet an der Wallgrabenbrücke, das Rathaus sieht man nicht mehr vor Flaggen und Laubkrän- zen, und an dem Michaelstor, just vor der Stelle, wo ich ehedem mein Torwartstübchen inne hatte, haben sie den Kaiser gar selbst zu Pferde aufgerichtet in großem Bildnis und zwei Grenadiere als Paradewache daneben gestellt.
Die Kaiserin soll zuerst eintreffen.
Gegen Abend haben von Köln her die Böller gekracht, auf der ganzen Strecke ist die Kanonade losgegangen, und alle Glocken haben dazu geläutet in feierlichem Konzert — bann ist die Kaiserin sichtbar geworden in einem Prachtwagen, der ward von acht Rossen gezogen und von vier Sechsspännern begleitet und vielen prächtigen Reitern. Mägdlein in weißen Kleidern haben Blumen gestreut, und die Kaiserin hat eines auf den Arm genommen und es herzlich geküßt auf den roten Mund und tausendfältig hat die Menge „Vivat" geschrien.
Am anderen Morgen ist sie weiter gefahren auf Koblenz zu. Bald darauf haben wieder die Böller gekracht und die Glocken geläutet — ein großer Menschenauflauf ist gewesen am Sterntor hin und gewispert hat man und getuschelt und den Atem angehalten wie vor etwas Großem und Gewaltigen. Dann hab' ich ihn gesehen, den kleinen Mann mit den ledernen Reiterstiefeln, dem bronzefarbenen Angesicht und dem kleinen, dreieckigen Hütchen, den sie den Kaiser nennen; einen großen arabischen Schimmel hat er geritten und unablässig das kurze Fernrohr vor die Augen gehalten und die Gegend bemustert.
Finster und schweigsam waren sie alte, und in scharfem Trab sind sie durch die Straßen gesprengt. Wie sie die Rheingasse hinunterzogen, ist des Kaisers Pferd gestrauchelt, sodaß et vornüber stürzte auf den Kops des Tieres schier in
das Glas hinein, das er in den Händen hielt. Rasch hat ihn ein General emporgerissen und dem Roß einen Stoß gegeben — der Kaiser soll sehr bleich gewesen sein und nichts gesprochen haben.
1808.
Die Kriege wollen kein Ende nehmen; vor des Kaisers Waffen zittert die ganze Welt; die Preußen hat er besiegt und die Oesterreicher und die Spanier und die in Italien. Die Räubereien mehren sich in dieser kriegerischen Zeit von Tag zu Tag.
Hat man jüngst drüben auf dem andern Ufer in der Dämmerung einen Unhold beim Räuberhandwerk erwischt und allsobald herübergebracht in den Gefängnisturm am Wallgraben. Am andern Morgen hat der Strolch den Wärter gefragt, wie der den Steinkrug bringt und den Laib Brot dazu: „Kennst Du auch Deinen Gast, alter Mann?"
„Nein!" hat ihm der entgegnet, und da hat ihm der andere die Hand eisenschwer auf bis Schulter gelegt und mit halblauter Stimme ihm zugerufen:
„Dann geh' und sag' den Leuten draußen. Du habest den Schinderhannes beherbergt dies« Nacht."
„Herr Jesses!" hat der Mann auf geschrien, hat Brot und Steinkrug fallen lassen und ist hinausgestürmt, wie wenn er den Bösen selbst ge
schaut hält' in eigener Person.
Wie di» Leute nachher hereinkommen mit Sfertem und Gewehren, um den gefürchteten Näuberhauptmann zu fangen, ist der verschwun
den. .
Auch andere Raubtiere kommen bis vor ttu Stadtmauern. Letzthin hat der Wachtposten cs» der erste» Fährgasse einen Wolf geia^-H
(Fortsetzung folgt.)