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Rotatkonsdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

M 26.

Fulda, Samstaq den 1. Februar 1908.

35. Jahrqanq.

Drittes Wtatt.

»■ ) • jiilK in )u Zcntrim.

Daß die letzte Reichstagsauflösung einen Bruch zwischen dem Kaiser und dem Zentrum bedeutete, und daß darum die „Ausschaltung" des Zentrums dem Wunsche des Kaisers entsprach,, darüber war man bisher nicht im Unklaren. Eine bestimmte Stellungnahme des Kaisers zu der neuen Orren- nerung der inneren Politik war aber nicht be­kannt geworden. Seine Rede vom Balkon des Berliner Schlosses in der Stichwahlnacht galt zu- nächst nur dem „besiegten Feind", der Sozial­demokratie; das Zentrum war nicht bewegt """Jetzt wird das Wort bekannt: „Ich will kein Zentrumskaiser sein", das der Monarch zum Fürsten Bülow gesprochen hat.. Die Aeußerung, die von verschiedenen Seiten bestätigt wird, bringt den Beweis dafür, daß der Kaiser mit der vom Fürsten Bülow befolgten „zentrums­freundlichen" Politik sehr unzufrieden war, und daß Fürst Bülow, „um sich am Ruder zu hal­ten", mit dem Zentrum brechen mußte.

Die Ablehnung der Kolonialforderung durch bas Zentrum hat den Bruch nicht verschuldet, sie war nur der unmittelbare Anlaß. Mit dem Sen- tnim sollte und mußte gebrochen werden, hätte damals das Zentrum nachgegeben, dann hätte ich wohl bald eine andere Gelegenheit gefunden, bm den Laufpaß zu geben. Die ständigen Vor- töße und das unablässige Bohren des Evange- ischen Bundes haben in den höchsten Kreisen hre Wirkung nicht verfehlt. Es wären darüber ehr interessante Dinge zu erzählen. Bekannt ist a die niemals dementierte Mitteilung eines evangelischen Pfarrers, Prinz Heinrich von Preu- ßen habe ihm gesagt, er und der Kaiser wür­den sich freuen, wenn eine kräftige antiultramontane Bewegung ein­setzte .

Des Kaisers reger Geist hat ihn dazu geführt, seine Politik mehrfachem Wechsel zu unterwerfen. Der Kaiser will, darüber sind alle Beurteiler einig, nach eigenen Heften regieren, wie er es in dem bekannten Sprüchlein ausgedrückt hat: „Einer nur ist Herr im Lande, und das bin ich!" Wer des Kaisers Freund sein will, wird bia Freundschaft jedenfalls nicht fördern, wenn er seine Meinung der Meinung des Kaisers ent­gegensetzt. So hat er natürlich schon die verschie­densten Parteien zu Freunden und auch mit fast allen bereits Zusammenstöße gehabt. Sein Zorn über die Konservativen wegen Ab­lehnung des Mittellandkanals ist bekannt. Die Strafpedigt, welche er den Liberalen und der liberalen Presse hielt, als ihm im Namen Ber­lins der Schloßbrnnnen geschenkt wurde, ist auch noch nicht vergessen, ebensowenig auch die harten Worte, die er mehrfach über die Sozialde­mokraten sprach. 1893 waren die Polen des Kaisers Lieblinge, aber später änderte sich auch dieses Bild, und in seiner bekannte Thorner Rede sprach der Monarch sehr scharf gegen „far- matischen Uebermut". Daß jetzt das Zentrum in Ungnade gefallen ist, hat noch weniger Ueber- raschendes an sich, als die früheren Richtungs- anderungen in der inneren Politik. Das Zen­trum hat gewiß Wünsche des Kaisers respektiert, sich aber in seinem politischen Verhalten von dem

leiten lassen, wa? nach seiner eigenen Anstcht das Wohl des Volksganzen forderte. So war es vorauszusehen, daß der Kaiser auch einmal mit dem Zentrum zusammenstoßen würde.

Das Dekanntwerden des kaiserlichen Ansspru- ches ist sehr bedauerlich. Die Krone muß über den Parteien stehen. Es ist für ihr Ansehen nicht förderlich, wenn fie in Gegensatz zu einem großen Bruchteil der Bevölkerung ge- bracht werden kann. Kaiser Wilhelm ist eine kraft- und temperamentvolle Persönlichkeit. Es ist ganz naturgemäß, daß eine solck-e Persönlich, fett den Beruf verspürt, sich auch zu betätigen. Aber es ist nicht wünschenswert, daß diese Be­tätigung zit unliebsamen Erörterungen Anlaß gibt. Wohltuend hat mehr als einmal das warmherzige Eintreten des Kaisers für die christ­liche Weltanschauung und für den Frieden unter den Bekenntnissen berührt. Für christliche und vaterländische Ideale seine glänzende Persönlich­keit einzusetzen. kann dem deutschen Kaiser eben- sowenig verwehrt werden, wie jedem Privat­manns; man muß ihm vielmehr aufrichtig dafür dankbar sein. Das persönliche .Hervortreten des Kaisers wird erst bedenklich, wenn er in poli­tischen Fragen, deren Entscheiditng ihrer inneren Natur nach oder nach Lage der Neichsverfassimg anderen Faktoren oblieat, sein Urteil in die Wag- schale fallen läßt oder Stellung nimmt gegenüber großen Volksgruppen, deren monarchische Gesin­nung keinem Zweifel unterliegt.

Römischer Wochenbrisf.

□ Rom, 29. Januar 1907.

Durch Beschluß mehrerer süditalienischer Bischöfe wurde daS hiesige ,Giornale d'Italia' für „modernistisch" erklärt und dessen Halten und Lesen der betreffenden Geistlichkeit und den Gläubigen verbalen. Der bekannte Priester und Professor Salvator Minocchi, welcher der Würzburger Katholikenversammlung beiwohnte, wurde vom Ordinariat von Florenz a divinis suspendiert, d. h. es wurde ihm verboten, die hl. Meffe zu lesen und geistlick>e Amtshandlungen vorzunehmen, iveil er einen Vortrag über bte Schöpfungsgeschichte gehalten halte, der modernisti­sche Theorien enthalten haben soll. Es beißt, vor allem fei beanstandet worden, daß er den Bericht der Bibel über das Paradies symbolisch ausgelegt habe. Bon anderer Seite wird bestritten, daß Pater Minocchi wegen der symbolischen Auslegung des Paradieses bestraft wurde, denn zu Zeiten Leos XIII. habe auch der bekannte Dominikaner P. Lagraxge den gleichen Standpunkt vertreten und, als ihn einige Theologen angriffen, habe sich der Papst für P. Lagrange ausgesprochen. Die wahren Ursachen der Maßregelung dürsten also noch nicht bekannt sein.

Die neue Zeitschrift der Modernisten „Nova et Vetera“ stellt das extremste dar, waS aus diesem Gebiete geleistet worden ist. Sogar liberale Organe sprechen sich dahin aus, daß sie das Maß des sachlichen ToneS weit überschreite. — Mehrere liberale Deputierte haben sich gegenüber katholischen Abordnungen dahin ausgesprochen, daß der Religionsunterricht in den Volksschulen bleiben müffe, u. a. sagte der Deputierte Zatta,

der beutiae Stand der Volksmoral laffe in Italien eine Abschaffung nicht zu.

Von der großen Sparsamkeit der Italiener gibt soloende Tatsache einen neuen Beweis: wäh­rend de« letzten Jahres spedierte ein einziges italienisches Bankhaus in New-Vork nicht weniger als 134,117 Postanweisungen von New-Norker italienischen Auswanderern an deren Familien in Italien; die Summe bieier Gelder belief sich auf 26 Millionen und 47,006 Franken!

Anläßlich der vielen Verkäufe von kirchlichen Kunst- und Altertumsgegenständen in Italien erließ der Papst durch den Kardinal • Staats­sekretär eine Verordnung an die italienischen Bischöfe, in welcher die sofortige Anlegung von Katalogen aller in den Kirchen, Archiven, Pfar­reien usw. befindlichen Wertsachen befohlen und für jedes Bistum die Einsetzung eines eigenen Kommissariats angeordnet wird.

Aus Kirche und Schule.

* Wiesbaden, 31. Jan. 1908. Mit Rücksicht auk den späten Ostertermin genehmigte die hie­sige Negierung für unsere Stadt, daß das lau- sende Schuljahr am 31. März geschlossen und das neue am 1. April begonnen wird. Es wäre an der Zeit, daß eine einheitliche Regelung in dieser Sache für die ganze Monarchie erfolgt.

Aus dem Nachbargebiete.

* Witzenhausen, 30. Jan. 1908. Ein Unglücks- fall ereignete sich im nahen Unlerrtebeu in der Wohnung des Zigarrenmachers Bieg. Wahrend dieFrauin der Fabrik tätig war, um für die aus 9 Köpfen bestehende Familie mit zu ar­beiten, kam ein vierjähriges Mädchen dem Öfen zu nahe. Das Kleidchen fing Feuer und im Nu stand das Kind in Flammen. Es starb bald nach seiner Ileberfiihrung in die Göttinger Klinik.

* Kassel, 30. Jan. 1908. Schn öde n Un­dank erntete gestern abend ein Mitglied der Heilsarmee. Der Mann wurde von einem be­trunkenen Arbeiter, den er nach dessen Wohnung gebracht hatte, derart verprügelt, daß er sich zur Flucht wendete. Bei der Verfolgung seines Wohl­täters kam der Arbeiter auf der Treppe so un­glücklich zu Falle, daß er sich einen schweren Schä- delbruch zuzog.

* Würzburg, 31. Jan. 1908. Ein Posi­tz e u t e l mit 2000 M Wertinhalt wurde bekannt­lich am 16. November v. I. auf der Strecke Uet- tingen-Roßbrunn verloren. Alle Nachforsch­ungen waren bisher erfolglos. Ein Dienstknecht, aus Billingshausen, welcher sich durch größere Geldausgaben verdächtig machte, wurde ins Ver­hör gezogen und gestand ein, den Postbeutel ge­funden zu haben. Das Geld war an den Raiff- eisenverein Hettingen adressiert.

Vermischtes.

* Ei« ganzer Magistrat auf der Anklagebank. In Elmshorn in Schleswig ist der gesamte Magistrat unter Anklage gestellt worden. Da der Hafen von Elmshorn stark verschlammt war, hatte die Hafenkommission des Magistrats den Schlick aufwühlen und dann durch Aufziehen der

Schotten bei der Wassermühle in die Krückau spü- len lassen. Dort hatte sich natürlich der ganze Schlamm bald wieder gesetzt, und nun hat die Wasserbauinspektion in Glückstadt gegen sämtliche Mitglieder des Magistrats wegen Verunreini­gung des Fahrwassers Strafantrag gestellt. Da eines der Mitglieder des Magistrats, Stadtrat Carstens, Reichstagsabgeordneter und infolgedes­sen zu seiner Strafverfolgung die Genehmigung des Reichstages erforderlich ist, ist die Verhand­lung einstweilen vertagt.

* Eine Fran im Fenerwehrdienste! Einer Meldung der „Forchh. Ztg." zufolge wurde in Drosendorf (Bayern) gelegentlich der dort statt­gefundenen Vorstandswahl der Freiwill. Feuer­wehr eine Frau einstimmig zum Adjutanten ge­wählt. Ob der weibliche Adjutant auch in feinen Dienst eingeführt wird, ist nicht bekannt gewor­den.

* Eine deutsche Firma in England. Seit mehr als einem halben Jahrhundert wird all­jährlich in der zweiten Dezemberwoche die Mast­viehausstellung des landwirtschaftlichen Vereins von England — Smiethsield Club — atzgehalten; mit ihr ist eine Ausstellung landwirtschaftlicher Maschinen ud Geräte verbunden, auf der sämt­liche englische Fabrikanten ladwirtschaftlicher Ma­schinen ihre Erzeugnisse ausflellten. Von der diesjährigen Veranstaltung des Smiethfield Club ist beachtenswert, daß sich an ihr feit vielen Jah­ren zum erstenmale auch diedeutsche landwirt­schaftliche Maschinen-Judustrie beteiligte und zwar durch die Firma PH. Mayfarth u. (So., Frankfurt a. M.

— Sehr sonderbar. Klein: „Es kommen doch zu merkwürdige Dinge auf der Welt vor, Dinge, die man durchaus nicht verstehen kann!" Groß: „Ja, ja, das soll wohl so fein." Klein: „Also denke dir, vorhin treffe ich Kurz und bitte ihn, mir fünfzig Mark zu leihen, und was meinst du, waS er gesagt hat?" „Wird wohl „Nein gesagt haben." „Nicht eigentlich, er erklärte, dazu kenne er mich doch nicht genug." Na, und was soll denn dabei sonderbar sein?" das wirst du gleich merken. Eine halbe Stunde später treffe ichLange, und da ich das Geld nötig hatte, bitte ich den um die fünfzig Mark, und was glaubst du, was er mir zur Antwort gibt?" „Keine Ahnung." „Er sagte, dazu kenne er mich zu genau. Begreifst du nun das Sonder­bare? Der eine will nicht, weil er mich nicht ge­nug kennt, und der andere will nicht, weil er mich zu genau kennt. Eine merkwürdige Welt!"

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Nähre mit „Knorr“'A

Unpolitische Zeitkäufe.

(::) Berlin, 30. Januar 1908.

(Nachdruck verboten.)

Wenn Lichtmeß kommt, bas Kerzenfest, so blicke ich mit Wehmut zurück aus meine Jugend im Kerzenglanz. Ja, damals spielten die Ker­zen noch eine ganz andere Rolle, als heutzutage.

Meine Kinder haben mich mal gefragt: „Va­ter, wie sah denn eigentlich eine Lichümtzschere aus? Hast Du die auch noch gebraucht?" Öd ich fie gekannt und gebraucht habe! Auch mißbraucht. Nämlich um mit der Spitze Löcher in die Talg­fäule zu bohren, ferner um mit der Schere den brennenden Docht so gründlich zu kürzen, daß das Licht ausging, und endlich, um mit dem Rutz in der Schere die Finger schwarz zu machen und bann der lieben Schwester zärtlich über die Backen zu fahren. Ich habe jedoch nicht blotz Kerzen zer­stört, sondern auch mit anerkennenswerter Ge­schicklichkeit welche gegossen. In einer richtigen westfälischen Bauernwirtschaft vor 53 Jahren wurde nichts gekauft, was man sich allenfalls fel- 6er machen konnte. Talg war genug da, also tour- ben Talgkerzen für den Hausgebrauch fabriziert. In ein Glasrohr, das sich nach der einen Seite verjüngte, spannte man der Länge nach den künf­tigen Docht, natürlich so, datz er hübsch in der Mitte faß. Dann wurde amweiteren Ende das Fett hineingegossen: nach der Erstarrung wurden die Fesseln des Dochtes gelöst, das Rohr entleert, der Docht am Fußende scharf abgeschnitten und öie Kerze war fertig.

So eine urwüchsige Unschlittkerze hat in mei­nen ersten Pennälerjahren die Bücher und Hefte beleuchtet, fo gut sie es eben vermochte. Nach .heutigem Begriff ein jämmerliches Licht, das alle modernen Gesundheitspfleger wegen seiner flackernden Dämmerstriahlen und seines Qual­mes für ungesund erklären muffen. Aber hat benn bie heutige Jugend unter der raffinierten Deleuchtungskunst der Neuzeit beffere Augen und Stifere Lungen? Ich merke nichts davon.

M Die Stearinkerze war schon ein großer Fort- Kjrttt nach unseren damaligen Begriffen. Das S&fcten wurde entbehrlich, bte Kerze „lief" picht

mehr so, wie früher, als die herabsinkenden Docht- reite sowie jeder Luftzug eine Art Wasserfall her- beiführten.

Und das Petroleum? Ich habe niemals ein reines Wohlgefallen finden können, auch an den berbeffertften Petroleumlampen nicht, weil der schreckliche Geruch der ersten mangelhaften Lam­pen mit dem schlecht gereinigten Erdöl mir im­mer noch in der Erinnerungsnase steckt. — Das Gaslicht liebe ich nicht wegen der Gefährlichkeit einer Gasleitung im Hause (namentlich im Schlafzimmer); übrigens ist das Gasglühlicht zu grell und zu leichenfarbig. Wenn es durchaus ein. Glühstrumpf fein muß, so ist daS Spiritus-Glüh- licht wegen seiner Ungefährlichkeit und des Vor.» teils für bie Landwirtschaft noch eher zu lobenl Das elektrische Licht hat bekanntlich ganz gewal­tige Vorzüge, bie leider nicht ganz billig zu ha­ben sind.

Eines jedoch fehlt allen diesen modernen Licht- quellen: bie Poesie, die sich so lieblich um die altväterliche Kerze entwickelt. Die Poesie, welche in Wechselwirkung mit dem urchristlichen Ge- brauch der Kerze am Altar steht. Die brennende Kerze ist bas natürlichste und einfachste Licht, und zwar ein lebendiges Licht, bas sich uns in einer künstlerisch schönen Form barbietet Die alten Oellämpchen boten freilich auch eine lebendige Flamme: doch kann ihre Form, so reich man sie manchmal auch ausgestaltet hat, an Schönheit nicht wetteifern mit dem schlanken Körper der Kerze, der so ungezwungen emporwächst, wie dec aufstrebende Stamm einer Blume, und oben die leuchtende Blüte aus sich hervorsprießen läßt. Das zeitweilige Flackern bett Flamme mag man wohl vom technischen Stanbpunkt für mangel­haft halten, aber wenn man das Gesamtbild ins Auge fatzt, z. B. eines Kronleuchters oder einer Altarbeleuchtung mit zahlreichen Kerzen ,so bringt gerade bie Beweglichkeit der Flammen frisches Leben und warme Kraft in bie Erscheinung.

Damit hängt die symbolische Bedeutung der Kerze zusammen. Sie verzehrt sich sichtlich im Dienst dessen, dem sie leuchtet. Wir können ge­nau beobachten, wie sie Zoll um Zoll sich opfert. Darum gehört die Kerze überall dorthin, wo ein Opfer gebracht werden soll; vor allem auf ben heiligen Altar, Gewiß, man bat neuerdings auch

schon elektrische Birnen als Zierlicht auf den Al­tären angebracht, — neben beit altehrwürdigen Kerzen. Eine reine Freude habe ich an diesen Versuchen nicht. Das Glühlicht in der Birne ist tot; es verändert sich nicht, es verzehrt sich nicht, es opfert sich nicht. Zur zweckmäßigen Beleuch­tung der Sitze, in ben Kirchen ist es ausgezeichnet; aber um den Tabernakel herum sehe ich lieber einen Kranz von brennenden Wachskerzen mit ihren zuckenden Flämmchen. Das sieht nach einem Chor von anbetenden Engelchen aus.

Ebensowenig gefällt mir der elektrisch beleuch­tete Christbaum. Je einfacher und urwüch­siger dieser häusliche Weihnachtsbaunt sich gehü­tet, desto besser. Die Lichter am Christbaum sol­len auch eine Art Anbetungsopfer barstellen. Vor der Krippe wird kein richtig fühlender Mensch die Opferkerzen durch Glühbirnen ersetzen wollen. Nun gut, Christbaum und Krippe gehören zu­sammen, also wollen wir auch am Baum die alten Kerzen in ihrem angestammten Amte las­sen. Um so mehr, als gerade die einfache Kerze trefflich paßt zu jener Gemütlichkeit, bie in der deutschen Familie zu Weihnachten ihre Blütezeit haben soll.

Im sanften Kerzenschein stellen sich viele Ge­danken ein. Man denkt zurück an die Zeiten, wo man im Licht der geweihten Kerzen wandelte, namentlich an das beseligende Fest der ersten hl. Kommunion, und man fragt sich: Wo ist das Licht geblieben, in dem du wandeln solltest und wolltest? Man denkt zurück an di« Tage, wo man neben dem Sterbebette des Vaters oder der Mutter kniete und die Todeskerze ben Abschied vom Diesseits beleuchtete. Dabei schweifen bann sogleich bie Gedanken in di« Zukunft hinein zu jenem unvermeidlichen Augenblick, wo toir selbst den letzten Kampf zu bestehen haben und die bre­chenden Augen vor dem Flämmchen der geweihten Kerze sich schließen, um drüben sich wieder aufzu­tun in dem ewigen Lichte, dessen Leuchten uns bte Sterbegebete erfleht haben.

Die Kerze begleitet den Lebenslauf des Chri­sten von der Taufe bis zur Bestattung. Und sie ist zugleich ein Sinnbild seines irdischen Lebens, das in einem langsamen Vergehen besteht. Das Leuchten bedeutet bie Aufzehrung der Kerze; bas Leben und Streben bedeutet bie Aufzehrung unfe­

rn Körperkraft. Wir solle unser Licht leuchten lassen auf dieser Welt, indem wir nach besten Kräften für das Wahre, Gute und Schöne ein­treten ; so lange leuchten lassen, bis der Kraft­vorrat erschöpft ist, und das müde Haupt nieber- sinkt gleich bem verglimmenden Dochtrest der auf­gezehrten Kerze.

Der Mensch in seinen Kraftjahren gleicht einer starken und hohen Kerze, von der man noch lange Zeit ein starkes Licht erwartet. Aber ein Wind­stoß kann die Flamme vorzeitig löschen, ein Un­glücksfall kann jeden Augenblick dem Leben ein Ziel fetzen. Krankheit und Unglück können über­raschend schnell den Kraftvorrat erschöpfen. Wir wissen nicht, wie lange das Lämpchen glühen wird. Man könnte das Leben vergleichen mit jenen Kerzen, die aus einem hohlen Leuchter nach oben hin nachgedrückt werden; bie undurchsich­tige Röhre des Leuchters läßt nicht erkennen, wie­viel von der Kerze noch übrig ist. Ehe man es erwartet, ist der Rest hinaufgeschoben und ver­zehrt worben.

Dem Erlöschen entgeht kein Licht; aber daS natürliche Ende kann beschleunigt ober hinausge­schoben werden. Die Kerze, die in aller Ruhe ihren Docht brennen und leuchten läßt, hält viel länger vor, als ein Licht, bas zeitweilig stank ausflackert und das vom Winde hin und her ge­peitscht wird. Nicht bie stetige Arbeit, fonbern die unruhigen Leidenschaften zehren an der Le­benskraft, wie einst bie sogenannten Räuber an ben Talgkerzen. Die Selbstbeherrschung muß bie Aufgabe bet früheren Lichtschere erfüllen. —

„Lasset euer Licht leuchten vor ben Menschen!" Wenn bein Kerzchen auch nut eine schwache Flamme zu erzeugen weiß, lasse sie doch leuchten, weil jedes Lichtchän zur Durchbrechung der Dunkelheit das feinige beitragt. Aus vielen be­scheidenen Flämmchen kann sich ein wunderschöner herrlicher Kronleuchter bilden. Du brauchst nicht mehr zu leisten, als du vermagst. Fülle betnett geringen Posten am Kronleuchter der Famiue, der Gemeinde nach besten Kräften aus; bam wird auch von dir etwas Licht und Segen au gehe, und dein Lebenskerzlein hat nicht ums i gebrannt. Im Jenseits am ewigen Licht wiro es neu entzündet werden für immerbar»