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M 25.
Fulda, Freitag den 31. Januar 1908.
35. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 33. Januar 1908.
Auf der Tagesordnung steht der Marine» e t a t.
Abg. Dr. Leonhart (fr. 23p.): Mir scheint die Ursache dafür, daß wir in der Bauzeit wie überhaupt in manchen technischen Fragen etwas zurück sind, darin zu liegen, daß an der Spitze unseres Konstruktionsbureaus nicht ein Techniker, sondern ein Seemann steht. In der Frage des Baues von Unterseebooten sind wir zweifellos anderen Nationen gegenüber bedenklich ms Hintertreffen gekommen. Der Einwand, wir hätten unS erst die Erfahrung anderer Mächte zunutze machen wollen, ist nicht stichhaltig; in solchen Fagen ist Zuwarten oder gar eine falsche Sparsamkeit außerordentlich bedenklich.
Staatssekretär von Tirpitz: In Sachen der Unterseebootfrage muß ich mit aller Entschiedenheit die Ansicht des Vorredners zurückweisen, als ob wir auf diesem Gebiete irgend etwas versäumt hätten. Wir haben nur gewartet, bis brauchbare Motore konstruiert waren, die nicht wie die früher gebräuchlichen die Gefahr von Erplosionskatastro- pbcn in sich bergen. In dem Augenblick, da dies erreicht war, haben wir sofort zugegriffen und wir haben ein Unterseeboot konstruiert, daß sich cis durchaus brauchbar bewährt hat.
Abg. Struve (fr. Vgg.): Ich möchte den Staatssekretär bitten, bei den Marinepro- z e s s e n weniger vom Ausschluß der Oeffentlich- keit Gebrauch zu machen, unter allen Uniständen aber dafür zu sorgen, daß nicht durch Verlegung der Verhandlung an Bord die Oetfentlichkeit ausgeschlossen wird. Die Oeffentlichkeit schließt man besonders gern aus, wenn es sich um Offiziere handelt, während man bei Mannschatfen und Unteroffizieren die Oeffentlichkeit weniger ausschließt. Im weiteren titt Redner für Aufbesserung der Ingenieure, Werftarbeiter usw. ein.
Staatssekretär von Tirpitz: Der Ausschluß der Oeffentlichkeit ist gesetzlich geregelt, die Verwaltung kann also den Gerichten nichts vorschreiben. Tie Verhältisse der Ingenieure haben sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Ich werde in meiner Fürsorge fortfahren und es soll geschehen, was geschehen kann.
Abg. Stflitn (@03.) behandelt in ausführlichen Darlegungen die Arbeits- und Lohnverhältnisse der Werftarbeiter. Die Arbeiterausschüsse ständen eigentlich nur auf dem Papier. Was die Ar- britsverhältnisse betreffe, so beklagten sich die Arbeiter vor allem über die Willkür, die bei Vergebung der Akkordarbeiten an der Tagesordnung sei.
Abg. Spahn (Ztr.) bespricht cbentalls die Ar- beits- und Lohnverhältnisse auf der Kieler Werft und befürwortet eingehend die Forderungen, welche die christlichen nationalen Arbeiter Kiels in einer Resolution aufgestellt haben. Bei 23er- cebnng von Arbeiten an Privatwerften sollte die Werftverwaltung dafür sorgen, daß dieselben das stoalitionsrecht der Arbeiter anerkennen. (Beif.)
Abg. Severing (Soz.) bespricht die Arbeitsverhältnisse auf der Werft in Wilhelmshafen.
Geh. Admiralitötsrat HarmS wendet sich gegen den Vorwurf, daß die Löhne auf den Kaiserlichen Wersten unzureichend seien; im Durchschnitt seien sie jedenfalls höher als auf den Pri- datwerften.
Abg. Graf Oriola (nl.) spricht «amen? der Budgetkommission, daß die dem Reichstag zugegangenen „Grundsätze für die Besetzung der Sub- altern- und Unterbeamtenstellen bei den Reichs» nnd Staatsangehörigen mit Militäranwärtern" nachträglich noch der Budgetkommrssion überwiesen werden möchten.
Der Antrag wird angenommen.
Der Türmer von Bonn.
Erzählung aus der Franzosenzeit von Dr. Wilhelm Ruland.
1] (Nachdruck verboten.)
Der Zufall ist'S gewesen, der mir die nachfolgenden Blätter in die Hände gespielt hat., Unter alten Büchern und Pergamenten wühle ich, die in mächtiger Truhe auf dem Spei,herraum liegen, und finde unerwartet ein Büchlein, worin statt gedruckter Lettern Schriftzüge von Männer- Hand stehen. Neugiervoll nehme ich das seltsame Dokument in die Hand und blättere in den vergilbten, rauhen Papieren. Gar bald sehe ich, daß eine des Schreibens nicht unkundige Feder die Blätter angefüllt hat. Zierlich uni sauber sind die Buchstaben ausgeführt, dazu im ersten Teil von einer Festigkeit, die einen Graphologen zu einem günstigen Urteil über den Charakter des unbekannten Schreibers führen würden. Erst gegen den Schluß hin wird die Schrift unsicher, zitternd wie von Greisenhand, und auf den letzten Seiten hat der Unbekannte mit kaum lesbarer Dleististschrift feine Aufzeichnungen vollendet.
Was enthält das Buch? Ich wische den finger- dicken Staub von dem grauen, schmutzigen Umschlag und beginne, zu lesen. Keine Kriminalakten sind's, die ein bebrillter Gerichtsschreiber aus hochnotpeinlichen Zeiten überliefert hat zu Nutz und Frommen nachfolgender Geschlechter; auch nicht die lyrischen Ergüsse eines wässerigen Schäfer-Poeten — hätt' das Buch längst zurück- gelegt in die Truhe — noch die romantischen Liebesabenteuer eines blassen Romanhelden aus der Rokokozeit.
Aufzeichnungen sind's eines ehrlichen deutschen Mannes, ein echt deutsches Herz schlägt uns aus diesen Tagebuchblättern entgegen. Das ist der deutsche Zorn über welsche Falschheit und Tucke, der hier hervorblitzt; das ist die deutsche Trane, hie ein biederes Gemüt über die Küm
Beim Titel „Schiffsverpflegung" verlangt
Abg. Tr. Dahlem (Ztr.), daß die Marine ihren Rotwein nicht mehr aus dem Auslande beziehe, sondern von den deutschen Winzern. Daß unser rheinischer Wein was taugt, haben die Herren ja bei ihrer Rheinfahrt gefehen. (Heiterkeit.) Tie französisckien Rotweine sind billig und schleck t. Der deutsche Wein ist teurer, aber ganz etwas an- deres als dieses Zeug. Ich lade Cie ein: Summen Sie 'mal hin! (Allgemeiner Ruf: Wir kommen!) Halt, meine Herren, die Einladung war diesmal nur an die Marinevcrwaltung gerichtet. (Stürm. Heiterkeit, Staatssekretär v. Tirpitz nickt.) Kommen Sie mal an den Rhein und überzeugen Sie sich, daß unsere Weine gut sind, dann werden Sie der Not unseres Winzerslandes abhelfen. (Lebh. Beifall.)
Staatssekretär v. Tirpitz: Ich kann nur sagen, daß wir den Bedarf an Wein bet der Marine, soweit irgend möglich, in Deutschland decken, und am liebsten schon in unserem deutschen Rheinwein. Wenn wir auch schon bisher von dessen Güte durchdrungen waren, so Haven wir doch gar nichts dagegen, uns noch einmal davon zu überzeugen. (Stürm. Heiterkeit.)
Am Freitag wird die Beratung fortgeführt werden.
Preußischer Landtag.
Herrenhaus.
Sitzung vom 30. Januar 1908.
Zum Präsidenten wird gewählt Freiherr v. Manteufffel, zum ersten V-zepräsideteu der frühere Oberbürgermeister bon Köln Dr. Becker und zum zweiten Vizepräsidenten F r e i- herrv. Landsberg. Die Gewählten nehmen die Wahl dankend an.
Alsdann folgt die Beratung der Enteignungsvorlage.
Kardinal-Fürstbischof Kopp: Die Arbeit, in die wir heute eintreten, hat bislang keiner Partei gefallen; einige sind an dieselbe herangetreten mit einem gewissen Mißbehagen und haben dieselbe verlassen mit schwerem Herzen. Diese Gefühlsäußerung ist an sich echt ehrenvoll, aber ohne alle Bedeutung, denn der Staatsregierung kann cs ganz einerlei sein, ob man stimmt mit schwerem oder mit leichtem Herzen, wenn sie nur die Zustimmung zu ihrer Maßregel bekommt. Es ist aber auch eine Selbsttäuschung, zu glauben, daß man mit dieser Aeußerung die Verantwortlichkeit von sich ab und auf die Regierung überwälzen könne, mit seiner Zustimmung übernimmt man die volle Verantwortlichkeit für die Sache und ihre Folgen. (Sehr richtig 1) Wir müssen uns fragen, ob wir zustimnien können ober nicht, und müssen nach unserer Ueberzengung unter Urteil abgeben. AuS der Unsichehelt der inneren Stimmung geht hervor, daß die Angelegenheit noch nicht reif ist: Non liquet Die Angelegenheit ist noch nicht genug geklärt, wir sind noch nicht in der Lage, ein abschließendes Urteil zu fällen, und deshalb würde ich vor allen Dingen dafür sein, daß die Staatsregierung die Vorlage noch einmal in reifliche Erwägung zieht. Die Staatsregierung beantragt durch dieses Gesetz Maßregeln in der Bewilligung neuer Mittel, aber auch einer ausgedehnten Vollmacht, der Enteignungsvollmacht, und das ist der Hauptanstoß des ganzen Gesetzes. Gewiß ist es die heiligste Pflicht der Regierung, die Grenzen des Reiches zu schützen, dafür zu sorgen, daß darin eine ruhige zuverlässige Bevölkerung wohnt, toeldjc sich ihrer Zugehörigkeit zu einem Staate innerlich und äußerlich bewußt ist; sie muß deshalb alle Maßregeln treffen, welche diese Sicherung verlangt. Nun finden wir ja freilich manche Erscheinungen,
mernisse seiner Zeit vergießt; das ist die deutsche Freude und der deutsche Humor, der uns aus mamf>er Zeile so schelmisch anlacht l Getreulich gebe ich's wieder, was auf den vergilbten Blättern stand; nur hier und da wagte ich an der Form etwas zu ändern, um sie verständlicher zu machen; sonst ist alles gewissenhaft beibehalten worden, auch manches, was Dir, mein Leser, langweilig erscheinen mag, was aber für jene Zeit von großer Bedeutung gewesen ist.
Weihe ihm ein freundliches Andenken, dem ehrlichen Alten vom Michaelstor, und lies seine Aufzeichnungen aus den Jahren, wo noch die bezopften kurkölnischen Soldaten auf der Wacht- stube friedsam ihre Strümpfe strickten und spater die fränkischen Sanskulotten an hm Lindenbäumen auf dem Münsterplatz ihrs Pferde banden, mit wohlwollender Teilnahme.
Hier sind sie, die Schriften des alten Matthias:
Am 24. Februar Anno 1736 wurde dem Opfermann Jodokus Nuß zu Bonn von seiner lieben Frau Susanne ein Söhnlein geboren, so in der heiligen Taufe Matthias benamset worden — und der bin ich.
Opfermann in St. Remigius war mein Vater dazu noch ein ehrsamer Schuhmacher,, und meine Mutter Susanne hat noch nebenbei an der Waschbütte gestanden, haben fleißig gearbeitet alle beide ihr Leben lang.
Ein munterer Bursch bin ich gewesen, konnte schon mit sechs Jahren dem Kanonikus beim Opfer ministrieren, sodaß er mir oft in der Sakristei den Kopf hat gestreichelt und einmal gemeint: „Bist ein prächtiger Bub', Matthias! Würdest dermaleinst ein guter Arbeiter im Weinberge des Herrn."
_ Hat mein Vater daneben gestanden und die Hände gefaltet mit frommem Wunfch; ich hab' die Augen niedergeschlagen und zu Boden geschaut als ein sittiaes Knäblein. Zn Hause aber
welche diese Gesinnung anscheinend vermissen und das Gefühl der Zugehörigkeit zu unserem Staate nicht gerade hervortreten lassen. Wenn dies die Stimmung der gesamten Bevölkerung der betreffenden Landesteile wäre, würde die Staatsregierung ja mit ernsten Maßregeln eintreten müssen, um eine solche Stimmung zu ändern und die Grenzen des Reick>es zu sichern. Es wird aber, wie Sie selbst wissen, von vielen Sach- und Ortskundigen Zweifel erhoben, es wird sogar von vielen Seiten direkt behauptet, daß die Stimmung in der Bevölkerung im allgemeinen sogar staatstreu sei, daß die Bevölkerung sich bestrebe und auch gewillt sei, den staatlick'en Anforderungen nachzukommen. Wenn dem aber so ist, dann ist es schwer, diese Bevölkerung unter Ausnahmegesetze zu stellen. Wohl ist es möglich, daß über diese oder jene Ausnahme der Staatsregierung sie unwillig wird und ihr nationales Empfinden vielleicht bedrückt findet, aber fo lange sie ihre Pflichten als Staatsbürger erfüllt, mutz man über diese Stimmung hinwegsehen. Viel gefährlicher ist eine andere Richtung in derselben Bevölkerung, der polnische Radikalismus. Ich selbst könnte Ihnen Erfahrungen am eigenen Leibe am heutigen Tage Vorführern Diese Richtung in der polnischen Bevölkerung ist allerdings hoch ges'ihr- lich, sie zu bekämpfen, mutz nicht allein die Aufgabe der Staatsregierung, sondern unser aller Aufgabe sein. (Bravo I) Aber ich habe den großen Zweifel, von berechtigtem Zweifel will ich nickt spreck)cn, daß die Vorlage dazu geeignet ist, dieses Ziel zu erreichen. Ich habe die große Besorgnis, daß wir die loyale, friedliche, staatstreue Devölkeriing durch diese Maßregel dem Radikalismus führen. Wir sollten alles aufbieten, um sie an uns heranzuziehen, alles tun, um gerechte Beschwerden zu vermeiden und abzustellen, aber nicht etwas tun, was nur Zugkraft zum Radikalismus hat. Es ist nicht möglich, mit Ausnahmegesetzen dauernd zu regieren. (Sehr richtig!) Wenn irgend ein Staatsbürger in Gesinnung, Wort und Tat zu erkennen gibt, daß er seine staatlichen Pflichten treu erfüllen will, so bat er Anspruch darauf, gerecht behandelt zu wer- dem, ebenso wie die übrigen Staatsbürger. Nun will ja die Staatsregierung durch das vorliegende Gesetz Maßnahmen ergreifen, nicht um die Bevölkerung zu entrechten, sondern um Sicherheitsmaß- regeln zu Treffen gegen bestehende Zustände. Tie Regierung erklärt ausdrücklich, daß es ihr nicht beikommt, kleine bäuerliche Grundbesitzer von ihrer Scholle zu vertreiben und zu enteignen, sie erklärt dies für eine politische llnklugheit und ilngerechtigkeit; sie will vielmehr größeren Grundbesitz erwerben, um ihr Kolonisationswerk auszuführen und zu vollenden. Wenn man es für eine Ungerechtigkeit hält, den kleinen Grundbesitz zu enteignen, dann sehe ich nicht ein, wie es eine Gerechtigkeit oder vielmehr nicht auch eine Ungerechtigkeit sein mutz, an den Großgrundbesitz zu gehen. Ich glaube, daß die Regierung in dieser Beziehung sich selbst widerspricht. Sie setzt bei dieser Aeußerung hinzu, „haupftächlich", und darin liegt schon eine gewisse Beschränkung, sie hat also auch den kleinen bäuerlichen Grundbesitz mit ins Auge gefaßt, und wenn Sie das Gesetz an- sehen, werden Sie selbst sich davon überzeugen. Es werden 75 Millionen zur Regulierung deS bäuerlichen Grundbesitzes verlangt. Nun, ich glaube, mit Rittergütern reguliert man bäuerlichen Grundbesitz nicht, sondern mit kleinen Gütern; daraus geht hervor, daß die Staatsregierung auch bäuerlichen Grundbesitz bet der Enteignung mit ins Auge gefaßt hat. (Fürst B ü- 10 w erscheint im Saal.) Die Regierung hat sich nicht verhehlt, daß in den von ihr vorgeschlagenen Maßnahmen eine gewisse Härte liegt, sie hat diese Härte aber damit zu rechtfertigen gesucht, daß sie von Erfolg fein würde. Der Erfolg recht
hat die Mutter mich umhalst, hat fast geschluchzt und auSgentfen: „Bleib' nur hübsch brav. Junge, damit deiner Mutter Herzenswunsch in Erfüllung gehe."
Ich hab' ganz dumm drein gesehen zur selbigen Stunde, habe aber aus allem heransgehörl, daß man etwas Gelehrtes aus mir ma.chen wollte, vielleicht sogar ein Mönchlein ober einen Professor. Bin feit der Zeit immer sehr fleißig gen esen, habe von meinem Vater das Abc gelernt und auf mein Täfelchen geschrieben, auch wohl allerlei Kurzweil getrieben in müßigen Stunden. Ost ist die tolle Laune übergesprudelt in meinem kecken Hirn, bis mein Vater den Knieriemen nahm und mir Raison in den Leid braßte. Habe ich dann wieder mäuschenstill über meinem Abe- Buch gesessen und die Buchstaben studiert, aber der Schalk hat nie bei mir geruht, und hätte die Mutter sich nicht manchmal für mich ins Mittel gelegt, weiß Gott! ich hätte der Striemen mehr auf dem Rücken gehabt, als Tage im Monat.
Damit bin ich zehn Jahre alt geworden — ein krausköpfiger Bub mit blauen Augen — und hat der Kanonikus mich in die Lateinschule gebracht, allwo noch viele Bübchen gleich mir in den Bänken saßen und Latein studierten, auch Geographie. Mathematik und andere schwere Dinge, die ich nie bisher gekannt hatte.
Fleißig mußten wir fein, und unser Magister ist ein gar strenger Mann gewesen, hat eine Hornbrille auf der Nase gehabt, und die Birkenrute ist nicht aus feiner Hand gekommen. Tüchtig gelernt hab' ich aus meinem neuen Buche, habe dekliniert und konjugiert, während die andern Kleckse machten in ihren Büchlein oder allerlei Bilder auf das Titelblatt malten.
„Warum hälft Du den Kopf zwischen die. Hände und summst wie ein Maikäfer den ganzen Vormittag?" hat mich mein sstachbar gefragt, ein luftiger Knirps mit einer winzigen Stumpf- nafe im Antlitz.
„Warum hältst Du den Kops in die Höhe und
fertigt an sich niemals eine Maßregel. (Sehr richtig.) Sie bat auch noch erklärt, sie würde dies Gesetz mit der größten Milde und Schonung aus- führen. Ich glaube, es ist unsere Pflicht. unS einmal vorzustellen, wie die Sache sich gestalten wird. Die Ansiedlungskomrnisiion wirft ihr Auge auf irgend ein Grundstück, sie beschließt dieses Grundstück zu erwerben, dieser Beschluß wird genehmigt, einen Rekurs gegen diesen Beschluß lehnt die intereffierte Oberbehörde ab. Allerdings erfolgt die Enteignung gegen eine Entschädigung, diele Entschädigung setzt fest die Ansiedlungskom- Mission und ein Rekurs dagegen wird ebenfalls von der interessierten Instanz entschieden. So muß denn der Eigentümer ohne weiteres fein Grundstück verlassen, das er von feinen Vätern, von feinen Ahnen ererbt hat, auf dem er vielleicht seine letzte Ruhestätte zu finden hoffte, wie titel- leicht seine Almen, wo er gebanst, auf dem er Bäume gepflanzt hat. sein Herd, an dem er bislang gesessen hat, alles wird ihm ohne weiteres durch die Ansiedlungskommission abgenommen, er bat dagegen keinen Schutz. Wohl wissen wir ans der Geschichte, daß ein großer preußischer König, als er zur Abrundung seines Besitzes ein Grundstück erwerben wollte, von den Gerichten ziirückgehalten wurde; sie fielen ihm in den Arm, und ihm fiel es nicht ein, dagegen vorzugeben Hier in diesem Falle sehen wir aber, daß der Enteignete ohne weiteren Schutz fein Eigentum verlassen muß, der preußische Richter, tuf den wir st viel geben und halten, wird hier ausgeschlossen Wird der Enteignete sich ohne werteres fein Ei gentum nehmen lassen, wird e*- nicht lles auf« bieten, um der Enftignungsmaßregel Widerstan- entgegen zu setzen? Und was werden die Nack^ barn und Freunde tun. werden sie sich nicht um ihn scharen, nicht aus Mitleid mit ihm fein Schicksal beklagen und sich vielleicht, bei dieser leicht erregbaren Bevölkerung, zu ungesetzlichen Schritb n verleiten lasten? Sie sehen aus diesen weniH.'N Andeutungen, ohne polizeiliche Maßregeln wird es nicht gehen, und vielleicht sind auch größer« Gewaltmaßregeln notwendig, nm den Enteigneten an die Luft zu setzen. Ich muß noch auf ein« zweite Seite aufmerksam machen, die ebenso ernfl ist. In 8 13 sind zwei Ausnahmen gemacht vor der Enteignung, nämlich die Gebäude, die den Gottesdienst dienen, und die Friedhöfe. Das versteht sich von selbst, es würde gegen die guten Sitten der ganzen Menschheit verstoßen, auch diese Objekte in die Enteignung aufzunehmen. Aber daraus gebt bervor, daß der übrige kirchliche Besitz unter die Enteignung fällt. Die Pfarrhäuser, Pfarrwidmnngen, die Besitzungen der kirchlichen Wohltätigkeitsanstalten, die kirchlichen Anstalten überhaupt, alle diese fallen zusammen unter die Enteignung. Welche Hoftnung die fortgeschritteneren Kreise in dieser Beziehung schon ausgesprochen haben, das gebt hervor ans einer Zuschrift, welche jedenfalls alle Herren bekommen haben. Der Redner verliest einen Passus aus dieser Zuschrift. Es kann so ohne werteres die Gefahr entstehen, daß dem Pfarrer sein Pfarrhaus und die Pfarrwidmung genommen wird und damit die ganze Pfarrseolforge weggenommen wird, und das geschieht nicht an einer Stelle nur, fondern systematisch, wo man einen Grund dafür findet. Die Vertreter der Kirche dürfen zu solchen Maßregeln nicht schweigen. , Welche Folgen wird die Maßregel, die allerdings von der Stoatsregiernng wohl erwogen ist, mtb die sie für notwendig hält, für das staatliche Wohl haben? Die Folge ist Mißtrauen und Verstimmung, der beste Nährboden für unfriedliche Verhältnisse. Wir haben hier im Hause vor 20 Jahren die größte Mühe gehabt, um den konfessionellen Unfrieden zu beseitigen, dieses.Gesetz aber würde uns ohne weiteres erneut in dieselben Verhält- niffe hineinstürzen. (Hört, hört!). Ich kann mich
Deine Nasenlöcher in die Luft dm ganzen Vormittag?" hab ich ihm erwidert.
„Weil ich die langen Henkelohren von unserm Magister betrachten will", und hat mir den Nük- ken zugedreht.
Eine Pause ist gewesen.
Ich habe weiter gelernt: amo, amas, amat rc. Er hat ein mächtiges Ohr in fein Heft gemalt und darunter geschrieben: Aures magistri Ion« gae sunt
Hab' ich ihn unwillig angestoßen.
„Du, tu das nicht!"
„Warum?"
„Darum." ' >_____
„Du bist einfältig." 1
„Ja — aber tu das nicht!" Und ich hab ihn bittend angesehen; denn es tat mir weh um den alten Mann.
Er hat das Blatt umgeschlagen, darauf den Kops in die Hände gestützt, als ob er lernen wollte. Nach einer Weile hat er mich angestoßen-
„Du!"
„Was willst Du?"
„Bist Du fromm?"
Ich habe ihn tierduzt angesehen.
„Ich glaub'."
„Willst Tu Pastor werden?" ,
Kirschrot bin ich geworden — er hat's gemerkt und wurde auch verlegen. Hat er mir unter ber.t Pult die Hand gereicht und gewispert: „Sei nicht böse, ich wollt Dich nicht narren. Sollen wir Freunde werden?"
„Wenn Du willst?" hab' ich geflüftert. x
„Gut; ich heiße Antonius Schmitt und will Advokat werden."
„Und ich Matthias Nuß — und will Geistlich werden."
Da steht ein Mann hinter und mit der Birkenrute und macht ein bitterböses Gesicht. ..
„Wer hat von Euch gesprochen,. ihr Schwätzer?" hat er gedonnert und wie die Posaunen des Gerichtes hat uns feine Stimme geklungen.
(Iorstetzung folgt).