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verantw. Redakteur: Larl Schütte;

Zuldaer

wocheiSevagk: „Illustrierte Sonntagszeitung"

Monatsbellage: „Zuldaer Eeschlchtrblättec"

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Rstatisnrdrnckuub Verlag der Lukdaer Ak» tiendnttkerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

M 24.

Fulda, Donnerstag den 3". Januar 1908.

35. Iahraana.

Zweites "•iätaft

Für die

Msnsie Februar und Wär; nehmen sorlwährcnv alle Postcmslalten, Landbriestiäger, Zeitungsträger und die Expedition (Harmonie) Bestellungen auf die «Fuldaer Bettung* junt Preise von 1 Mark (ohne Be' stellgeld und Brrngerloha entgegen)*

K Reichsfinanzreform.

Deutschland ist in eine Periode der U n fi cher- h e i t, dec parteitaktischen Zecrereien. der Sbif- regungen und der unabläßlichen B e n n r u h i g- uii(l gekommen« wie man sie in den vielg. schmäh- ten Vorfahren, unter der sogenannten Zentrums- bcrrschaft, nicht gekannt hat.

Jedermann sieht« daß die heutige Finanz- Wirtschaft des Reiches unhaltbar ist, der Block aber läßt den Steuerungen in den Sumpf rollen, ohne daß er irgendwie Kummer darüber hat. Tie Mühle der Finanzreform klappert frei­lich unaufhörlich; bald hier, bald da Konferenzen der Finanzminister und dann noch „ri't'.me" 5lon- ferenzen der parlamentarisckren Handlanger Bü­lows. Aber kein Mehl ist zu sehen, tmd eS be­steht auch gar nicht die Absicht, dieses Jahr noch Meist zu Preduzieren. Die eine oder andere Vor­lage mag ia Wohl noch dein Reichstage zugehen, aber daß auch nur eine vorabschi-det wird, tragt niemand zu glauben, im Gegenteil legt man im Blocklager mit immer größerem Nachdruck such für eine Vertagung der Rcichssinanzreform ins Zeug.

Meder für ein Spiritusmonovol noch für die Zig-arren-Bauderolesteuer ist gegenwärtig im Reichstag eine Mehrheit vorhanden. Selbsiver- ständlich wird der Reichstag in die Beratung dieser Regierungsvorlagen cintreten, wenn sie ihm vorliegen, aber die Blockniehrhcit wird weiter nichts tun, als ihnen tu einer Kommis­sion ein Begräbnis zu bereiten. Darüber werden viele Mock>en vergehen, cs wird Vielleicht sogar nock> zur zweiten Lesung im Plenum kommen, und wenn dann die Regierungen, um einen Bis- marck'sckren Ausdruck zu gebrauchen, hierüber ihre Ouittung haben werden, dann wird die Zelt schon so weit vorgerückt sein, daß es kaum noch möglich sein wird, in der lausenden Tagung nette Vor­lagen dem Bundesrat und Reichstag zu unter­breiten. Mit viel Geschäftigkeit solche schwieri- O’ii Ausgaben so lange htnzstzteüen. bis es für dieses $abr zu spät ist, erfordert keine große tafhiefw Geschicklichkeit, und es ist fr» Zweifel, daß Bülow und sein Block das schon fertig bringen.

Tie unbequemen Steuerfraaeu werden also verschoben, vorläufig bis auf das nächste Jahr. Was dann werden sollt' Ja. das geht über die „Forderung des Tages" hinaus. Tie Blockpolitik lebt aus der Hand in der Rund. Frhr. v. Stengel und die übrigen Fachmänner mögen ja den Kopf schütteln über eine Finanz­politik, d'e einen Etat mit einem gewaltigen Te- flzit obue Verstärkung der Einnahmen „festste!- len" will; aber sie müssen in ihrer Kritik vor­

sichtig sein, sonst werden sie wegen ungenügender Blockgesinnung präskribiert.

Dem Block wird es keine Sorge machen, We­ber man in der Zwischenzeit die Mittel zur Teckung des auf über 203 Millionen Mark gc- schätzten Fehlbetrags im RcichShauSdaltsetat für 1908 nehmen soll. Eine Erhöhung der Matriku» .'arbeiträge in solcher Höhe auch nur für die Tauer eines einzigen Nechnungsiabres erfcheiut anaesichts der höchst ungünstigen Finanzlage der meisten, man kann sagen fast aller Bundesstaaten nahezu ausgeschlossen. So bliebe zulebt wieder nur das bedenkliche AnskunstSmittel einer Z u - sch u ß au lc i h e, das schon in früheren Jahren nur als äußerster Notbehelf gekennzeichnet wor­den ist.

Der Block wird sich freilich trösten: wer 4 Mil­liarden Schulden hat, bei dem kommt es schließ­lich auch auk V» Milliarde mehr oder weniger nicht an. Vielfach mag das richtig sein. Beim Reich aber stimmt die Rechnung nicht. Das Reich will doch feine Schulden bezahlen, es . mß sie be­zahlen, und es muß sie ehrlich verzinsen. Schon jetzt steuern wir mit Macht dem Augenblick ent­gegen, wo das Reich pro Jahr tmd Koos 3 Schuldenzinsen zu zahlen hat, soviel etwa, wie andere weniger kostspielig verwaltete Lunder überhaupt an Steuern erheben. Ti? kommende Viettelmilliarde neuer Schulden muß natiirlich auch verzinst werden, und da w'rden wir Wohl mit einer „Fortentwickelung" unserer Zinsenlast nm vielleicht 12—15 Millionen Mark pro Jahr rechnen müsien. Diese 12 Millionen Mark wür­den wir, wenn der Block schon jetzt für die durch seine Bewilligungen unvermeidlich gewordenen reuen Steuern sorgen wollte, später zur Schul­dentilgung verwenden können, sodaß wir nicht bloß V\ Milliarde Schulden roeniger hätten, son­dern auch an ihre Verminderung denken könnten. Um den Block zu retten, muß das Reich weiter in die Schnldenwirtschaft hineingetrie- den werden, so will es der Block, so will es das bei uns herrschende Regime.

Deutsches Reich.

— Peters nnb fein Ende. Der Kölner Pe­ters-Prozeß wird, wie zu vermuten war, eine zweite Auflage erfahren. Zwar hat das Schöffen­gericht Herrn v. Bennigsen nur zu hundert Mark Geldstrafe verurteilt, und Herr Peters muß fo- gar einen Teil der Kosten des Privaiklagever- fahrens tragen, da der Mitangeklagte Redakteitr der .Kölnischen Zeitung" freigesprochen wurde. Aber auch diese Strafe glaubt Herr v. Bennigsen nicht verdient zu haben. Er legt Berufung ein, und die Angelegenheit wird daher die Strafkam­mer beschäftigen. Ganz wie in München, wo ebenfalls die Verhandlung in zweiter Instanz noch anssteht. Wie in Köln und München, so schweben noch.an anderen Ortet Peters-Prozcsse. Es ist also dafür gesorgt, daß die Desientlichkeit noch geraume Zeit notgedrungen die Taten des frübereu Reichskommisiars erörtert. Man würde gern darauf verzichten, denn in**, die Prozeßbe­richte verfolgt hat, ist mit feiner Meinung über Herrn Peters wohl fertig. In keiner Weise ist durch die jüngste Verhandlung etwas von den Feststellungen der Disziplinargerichte verändert worden. Tas Schöffengericht hat allerdings sei­nem Urteil eine Begründung gegeben, die milde über Menschliches Allzumenschliches hinwegsieht und Herrn Peters glaubt, daß für das Todes­urteil über Mabruk geschlechtliche Motivs nicht in Betracht gekommen seien. Tie Beweisführnna in dieser Hinsicht ist aber keineswegs schlüssig' sie gebt davon aus, daß die belastenden Aussagen geringer bewertet werden als die entlastenden, und daß Peters' Selbstbezichtigmigen in Privat-

gesprackien all bloßes Bramarbasieren angesehen wird. Eine solche Schlußfolgerung kann ^nichts weniger als überzeugend wirken. Der Taibe- stand ist bekanntlich der, daß Peters' Diener Mabruk wegen eines ihm zugeschriedenen Tieb- strhts auf der Kilimandscharo-Statio» gehängt worden ist und das Mädchen Faaodja, das ent­laufen war und auch aus der Kettenhast slob, auf Beschluß eines fogenannten Kriegsgerichts, an dem zwei Untergebene von Peters, Jahnke und v. Pechmann, mitwirktcn. ebenfalls hiuge- richlet wurde. Daß bei diesen Nrtcilssällungen Eifersucht mitwirkte, ist von vielen Afrikanern behauptet worden, da Mabruk namentlich zum Vorwurf gemacht wurde, daß er mit der Iagodja Umgang gehabt habe, die Peters als fein alleini­ges Eigentum betrachtete. Tie Tiszipliitarge- richte haben den geschlechtlichen Zusammenhang als wabrscheinlich angenommen, nur Grund zahl­reicher Zeugenaussagen, die meist Peters eigene Worte Wiedergaben. Das Kölner Gericht sagt, Peters habe nur bramarbasiert. Peters hat sich aber keineswegs in der SBcinbmte, sondern bei verschiedensten Gelegenheiten und den verschieden­sten Leuten gegenüber so geäußert. Die Feststel­lung wird allerdings um so schwieriger und un­sicherer, je weiter die Handlungen, die in Frage kommen, zurückliegcn. Mancherlei, was vor elf Jahren einwandfrei ermittelt wurde, läßt sich heute nicht mit gleicher Bestimmtheit Nachweisen, weil die Erinnerung durch die Zeit abgeschwächr wird und Zeugen, die damals zur Verfügung . standen, inzwischen gestorben sind. Schon deshalb kann ein schöjsengerichtliches Urteil aus dem Jahre 1908 kaum ohne weiteres geeignet erschei­nen. die Disziplinarurteile aus dem Jahre 1897 zu erschüttern, geschweige aus der Welt zu schaf- f,'n. Warum verschwieg denn Peters die ganzen Vorgänge in den Berichten an das Gouverne­ment? Tie Verfolgung und Hinrichtung der Ja- godja hat das Gouvernement erst aus den späte­re» Untersuchungen erfahren, Peters' Berichte sprachen nur von Maßnahmen zur Wiederergreii- ung eines entlaufenen Mannes. Läßt man selbst das geschlechtliche Motiv ganz außer Betracht, so bleibt genug übrig, um das über Peters gefällte Urteil in vollstem Maße aufrechtznerhalten. Tie Todesstrafe für einen Diebstahl ist eine so unge­heuerlickte Strafe, daß damit allein fchon auch über den „Herrn über Leben und Tod" der Stab gebrechen ist. Und dann das Vorgehen bei Ia- godja! Wider alles Recht wird dies Mädchen, das gehen durste, wohin es wollte, mit Gewalt zurückgeholt, an die Kette gelegt und in der un- nienschlichsten Weise blutig gepeitscht! Und als die Arme entflieht, macht man ihr den Prozeß und hängt sie wegen angeblicher Verschwörung auf. Ein Reichskolonialbeamiet, der heute be­ginge, was Herr^ Peters begangen hat, würde vermutlich nicht mit der -bloßen disziplinarischen Dienstentlassung davoukommen.

Attsland.

* Tie Marokkodebatte tu der französischen Kammer wurde am Dienstag zum Abschluß ge­bracht. , Das Hauptereignis des letzten Tages war eine große Rede des Sozialistensührers J aur 6 S. Er wies warnend auf manche Schwachen in der Erklärung Pichons hin, beson­ders auf Pichons Bemerkungen über die marok­kanische Anleihe. Roch immer durfte Abdul Asis, führte er aus, der Ansicht fein, daß er einmal einige hundert Millionen von Frankreich gs- lieheu erhielte. Weiß man nicht oder verschweigt man, daß eine solche Anleihe Marokko - in ein unbegrenztes AbhängigkeitSverhält- n i s bringen müsse, und daß Frankreich damit eine gesäyrliche Verantwortlichkeit auf sich lade?

Der „Abenteuerroman" in Marokko w' rdt bald c:n Ende haben, wenn man die beiden Sul­tane ihren Streit beenden ließe, dann könne Europa mit dem Sieger aufs neue verhandeln. So schlau Telcafsö auch gesprochen vabe. et sei nicht der Mann, das Land zum Wahnsinn wrtznreißen — darin seien alle Parteien einig. Nickst Furcht vor dem Kriege, die Liebe zum Frieden lebe in der Seele Frankreichs. das miste und würdige man auch jenseits der Grenze. Frankreich fünfte sich nicht vor dem Krieg, es wolle aber den Frieden, gegen den auch die sran- zösifch-englisck-e Freundschaft sich nicht richten bürte Dee Gedanke, dasselbe Frankreich, das nm Med und Straßburg nicht kämpse. in einen Krieg mil Deutschland um des Abdul Asis willen tu verwickeln, wäre ein fluchwürdiges V erbrecke n. (Lebhafter Den all > Diejenigen, die in unterem Lande das Kriegshorn blasen, mackten die Bemühungen der FrredenSavgstel illu­sorisch. Entfesseln Sie mit dieser Marokko-Affäre nicht die furchtbar st e Gefahr Eurovasl «Bewegung und Beifall.) Rach weiteren ittnve« sentsiche» Rehen wird über die von D::bief, Rein» ach und anderen eingcreitf’te Tagesordnung ah,gestimmt, die die Regierung akzeptiert. Sie lautet:

Die fiimmer, entschlossen, den Vertrag von Algeciras bucchgltültren und die Berieidigung der Rechte «nd Interessen Frankreich* in Mcuokko ohne tirhmuftftimfl in die innere Politik '•taiotfoä zu kbeirebutin, fpiicbt der Regierung das Vertrauen ans und nbermitielt den Otfitieten und Soldaten, die in Alrika kämpfen, die Giückwnukche der N'tion

Ter erste Teil ohne Vertrauensfrage wird einstirninig, die Vertrauensfrage mit 428 ge­gen 92 Stimmen, das Ganze mit 436 gegen 51 Stimmen angenommen.

Sie hessische SchWrmMer-KtWeWg kann nunmehr als beendet angesehen werden, nachdem der führende Geist, der Evangelist Bru­der Dallmeyer, sich von ihr losgesagt hat. Er er­klärt, daß das, was er als heiligen Geist ange­sehen, „sich als S ü g e n g e i ft geoffenbart habe."

Was ist es nun eigentlich um diefe Bewe ping?

Bei einer im September vergangenen Jahres in Kassel abgehaltencn Versammlung protestan­tisch-liberaler Kreise, deren Organ die „Christ­liche Welt" ist, meinte der Pfarrer MUlsthausen- Kassel, die Gemein schaftsbewegung habe der Schwarmgeisterei die Wege geebnet.

Diese Gemeinschastsbewegimg, die seit zwei Fahrzehnten in Kurhesien im Gange ist, ist eine Bewegung innerhalb des Protestantismus. Sie will nichts wißen von dem liberal,'n Profe- stgntisnms, weil dieser Offenbarung. Bibel, wie die Gottheit Christi preisgibt, stellt sich vielmehr fest atlf den Standpunkt treuesten Bibelglaubens. „Ernstmacfen mit Persönlichem Christentum" ist ihre Parole. Aus ihren Schriften schlägt dem Leser ein Zug mvstischer Frömmigkeit entgegen. Sie vereinigen sich zn gegenseitiger Erbauung im Stile Pietistischer und methodistischer Vraris. Sie erwarten eine neue Aera des heiligen Geistes, eine nette Psinastsendumr an den einzelnen. Ihr Kdeol ist bet starrem Festhalten am biblischen Buchstaben eigentlich die vollste W e l t f l n ch t mit Geringschätzung aller natürlichen Ordnungen, daher keine Teilnahme am öffentlichen Lebe«, mich nicht gn den sozialen Kulturaufgaben von Ttggt und Gesellschaft.

Mit dieser „Gemeilischaftsbowegung" hängt die Schwarmgeisterbewegung nur äußerlich zu- ftmmen. Ein Evangelist derselben nämlich, H. T-allmeyer, lernte in Hamburg bei einer Evan- gelifationSrcife zwei Norkvegerinnen kennen, die aus Los Angeles in Kalifornien heimkehrten.

Arovsinn.

Von Maria Kern.

(Rochdntck verboten.)

. Es gibt Menschen, denen der Schöpfer ein so fröhliches unb heiteres Gemüt verliehe» hat, daß keine Widerwärtigkeit und kein Unglück imstande lst. ihnen für längere Zeit den Frohsinn zn rau­be». Sie sehen alles von der schönsten und be­sten Seite, sie können lachen unter Tränen, und HC freiten sich selbst über solche Dmge, für die an» cere Menschen kaum einen mitleidigen Blick UZfw. haben. Ich Hube eine Freundin, der diese glückliche Gemütsart beschieden lst. Obwohl fit ui keineswegs rosigen Verhältnisien lebt und das Schicksal ihr ost int Leben hart mitgespielt bat, ist sie stets in fröhlicher Stimmung: sie hat ein flrof;e§ Hauswesen zu versehen und für eine ganze Reihe von Kindern. Knaben und Mädckvn, zn sorgen — da fehlt es ibr gewiß nicht an Arbeit, zumal sw alles allein besorgt. „Ich habe feine ’t l ..wuh mißmutigen Gedanken hinzugeben", gab sie mir zur Antwort, als ich einst meine t criuig öariiber aussprach, daß sie bei all der Arbeit und Lorge immer so guten Mutes « « alles leichter und flotter von-

siatteu , fugte sie hinzu, „wenn man mit fröh­lichem Herzen an die Arbeit gebt." In der Tat fcheint ihr alles leicht zu fein, ihr ganzes Haus zeigt überall eine musterhafte Ordnung und Sauberkeit, ibren Kindern ist sie eine liebevolle und zärtliche Mutter und die ganze Familie wird biirch ihr heiteres Gemüt verklärt wie eine bin« Hitge Wiese im Friihlingssonnenfchein.

Anderseits gibt es auch Mensche», die stets utitzmutig und finster dreiiifchanen, selbst dann, flQr ^iri Anlaß zur Trübsal vorhanden ist. hnJ aIS 06 ^lche Meusichen sich über nichts nCä?T. freucn könnten, unb die kleinsten iHpelligfctjen des täglichen Lebens versetzen sie or£X„t «ble Stimiiilrng, daß sie selber allen ».cvei.smut verlieren und ihrer Umgebung das

Leben verbittern. Ich hatte Gelegenheit, auch diese traurige Gemütsstimuiung im Kreise mei­ner Bekannten kennen zu lernen, und zwar bei der Frau eines wohldabenden Kanfmaniies mei­nes Heimatsortes. Noch niemand hatte jemals diese Fcail lächeln gesehen; schon als Kind hatte sie stets ein finsteres unb miirrstches Gesicht zur : Schau getragen unb fo war es auch noch, als jicho» Silberfäden ihr Haar durchzogen. Einen Anlaß zu Mißmut und Traurigkeit hätte nie­mand finden können. Krankheiten und Un- glückssälle waren ihr und ihren Angehörigen er­spart geblieben, Sorgen und Rot hafte sie nie» mals kennen gelernt und alle Verhältnisse waren so wohlgeordnet, daß man sie hätte beneiden kön­nen. Und trotzalledem immerfort diese traurige Gemiitsstimmungl Niemand mockste gern, mit dieser Frau verkehren, obschon die ärgste Feindin ihr sonst nichts Uedles noch sagen konnte;, die Dienstboten konnten es nicht lange bei ihr aus- holten und was ihr Mann und ihre beiden K:n- der durch die fortwährende Verstimmung der Gattin »nd Mutier gelitten. haben, das kann man sich leicht cmsmglen, wenn sie auch niemals sich darüber geäußert haben. Tie Gemütskrailkheit — denn um eine solche handelte es sich offenbar — der Frau war ein Unglück für die ganze Fa­milie.

Wegen der großen Bedeutung, die die Ge- mütsstimmung der Hausfrau und Mutter für die ganze Familie hat. lohnt es sich der Mühe, nachzuforschen, welche Unistäude am meisten auf die Stimmung einzuwirken pflege». Ganz ge­wiß sind schon die natürliche» Anlagen der Men- fchc'n in dieser Hinsicht sehr verschieden; dec eine ift von Natur ernst, der andere heiter gestiuimt. Diese Eigenschaften sind nicht selten in den Fa­milien erblich, ja ganze Volksstämme zeigen dies? Verschiedenheit: man vergleiche nur den ernsten Westfalen mit dem heiteren Rheinländer. Auf die weitere Ausbildung dieser Raturanlage kön­nen nun mancherlei Umstände nach der guten »der nach der schlimmen Seite einwirken. Ein un­

schuldiges Herz und ein reines Gewissen ver­leihen dem Menschen stets eine gewrsje Heiterkeit, die allerdings nicht immer sich nach aufen hin tn auffallender Weise zu erkennen gibt. Tas fröh­liche Wesen der Kinder liefert dafür das schönste Beispiel. Wenn aber schloere Schuld das Gewis­sen drückt, dann ist es mit der Ruhe und Heiter­keit des Gemütes vorbei.

Tem Bösewicht wird alles schwer Er tue, was er tu',

Tas Laster treibt ihn hin und her Und läßt ihm keine Ruh. cHölty).

Auch eine freudlos verbrachte Jugend, ver­kehrte Erziehung, getäuschte Hoffnung, imbefrie- digter Ehrgeiz und schwere Demütigungen kön­nen eine anhaltende Verbitterung des Gemüts herbeiführen. Körperliche Gebrechen und Krauk- beiten stören dagegen den Frohsinn selten; fin­det man doch häufig Krüppel und unheildare llrmtfe, die stets guten Mutes und in heiterer Stimmung sind nnd selbst unter Schmerzen noch lachen können. Aber bei Personen, die von Natur aus etwas ernst angelegt sind, fönucn mich kör- perlickie Leiden eine sehr nachteilige und nnch- lrnllige Wirkung auf das Gemüt ausüben. Be­sonders bei uns Frauen scheint das häufiger der Fall zu sein als bei den Männern; bei diesen hinwiederum sind es häufiger geschäftliche Sor­gen und Sckpvierigkeiten. die ihr Gemüt verdü­stern und sie für den Umgang ungenießbar ma­chen. Alle diese Störungen des Frohsinns ver­dienen eine aufmerksame Beachtung und Behänd- hing, denn sie können gar leicht in Schwermut und völlige Geistesverwirrung mrsartcn.

Was ist denn da zu tun? Kann man denn über Haupt etwas gegen dieses liebel tun? höre ich fragen. Gewiß kann man etmas dagegen tun. Wie bei so vielen andern liebeln so gilt auch hier der Sah: ES ist leichter das liebel vermeiden, als das schon vorhandene liebel zn beseitigen. Eltern und Erzieher müsten darauf bedacht fein, den Kindern den jugendlichen Froh­sinn zu erhalten; man braucht deshalb doch keine

Unarten und Ausgclasienheiten aufkommen zu lasten — die haben mit dem Frohsinn nichts zu hm. Scheue und verschlossene Kinder müssen mit besonderer Sorgfalt behandelt werden; man sucke ihr Vertrauen zu gewinnen und sie aufzu- lieitern. In vielen Fällen wird man gerade bet solche» Kindern reiche Gemiitsanlagen finden, die nur geweckt und gepflegt werden müllen, um die schönsten Blüten zn entfalten. Erwachsene Personen müsien selber daraus bedacht sein, sich ein heiteres Gemüt zu bewahren und durch kein Mißgeschick und keine Widerwärtigkeit sich darin irre machen zu lallen. Mit Mut und Gottver- frauen muß der Christ auch ein schweres Uebel und bitteres Unheil ertragen können, ohne in Kleinmut zu versinken. Ein ernster Wille kann da sehr vieles erreichen. Aber auch gilt es, daS Uibfl gleich beim ersten Auftreten zu bekämpfen, denn durch langen Verzug wird nur eine Ver­schlimmerung herbeigefübri. Wer mit Personen umgehen muß, die sich in andauernd trübseliger Eemütsversassimg befinden, muß sorgfältig alles vermeiden, was das Uebel noch verstärken könnte. Am besten hilft freundlicher Zuspruch von ver­trauter Seite; in schweren Fällen wird man am besten den HauSarzt zu Rate ziehen.

Wem das Glück der Familien am Herzen liegt, der wird alle? aufbieten müssen, um sich den Frohsinn und die Heiterkeit des Gemütes zu bewahren. Besonders gilt dies für uns Frauen und Mütter, dir wir berufen sind, das Glück un­serer Familie zu begründen und zu bewahren.

— Dient die Verbreitung drs BiergcnusieS znr Verdrängung des Schnapses? Einen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage liefert die Tatfacke, daß es in der aiisgesprockie- nen „Vierstabt" München nickt meniger als 555 Branntwein-Verkaufsstellen gibt, die nach znver- läsiipen Stichproben im Winter 1903/01 faion vor 8 Uhr moraens bnrchscknittlkck f? von mrne als 60 Gästen täglich besucht wurden --- lomtf pro Tag 33 300 Besucher. (!)